Bücherwurmloch

Bücher verschenken? Sowieso! Nur: welche? Als kleine Orientierungshilfe hab ich euch fünf Titel, die ich 2016 gelesen habe, zusammengesucht. Die liegen ziemlich sicher nicht auf den weihnachtlichen Wühltischen, aber ihr könnt sie bestimmt in eurer lokalen Buchhandlung bestellen.

baumannManfred Baumann: Salbei, Dill und Totengrün
Bekannt wurde Manfred Baumann mit seinen Salzburg-Krimis rund um den Ermittler Merana, von denen einer, nämlich Drachenjungfrau, kürzlich vom ORF verfilmt wurde (anschauen am 15. Dezember!). In diesem Buch versammelt er Kurzkrimis verschiedenster Couleur, die ein verbindendes Element haben: Kräuter. Vor jeder spannenden Geschichte ist das jeweilige Kraut abgebildet und es gibt ein paar Infos zu seiner Wirkung. Was folgt, ist Rätselraten vom Feinsten: Wer hat beim Kräuterseminar im Kloster einen der Teilnehmer erdrosselt, und warum ausgerechnet im Salbeistrauch? Wieso hält eine erstochene Tote, die auf dem Friedhof gefunden wird, eine Alraune in der Hand? Und weshalb dekoriert ein Serienmörder alle seine Opfer mit Engelwurz? Sehr schmackhafte Bissen, diese Kräuterkrimis!
Für: Krimifans, Gourmets, Kräutergartenbesitzer, Freunde niveauvoller Spannung
Salbei, Dill und Totengrün ist erschienen im Gmeiner Verlag (ISBN 978-3-8392-1927-0, 283 Seiten, 12,99 Euro).

GerkAndrea Gerk: Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur
Warum lesen wir Menschen eigentlich? Was ist das für eine merkwürdige Fähigkeit, die wir uns da angeeignet haben? Andrea Gerk beschäftigt sich in diesem überaus interessanten Sachbuch mit diesem Thema und bietet eine historische, wissenschaftliche und auch überraschend poetische Übersicht. „Bücher können Trost schenken, Mut machen, Spiegel vorhalten, Zuflucht sein, Erfahrungen vermitteln, Perspektiven ändern, Sinn stiften. Bücher amüsieren und berühren. Und sie können ablenken – nicht zuletzt von uns selbst“, heißt es darin, und: „Prosa und Gedichte sind wie Medikamente. Sie heilen den Riss, den die Wirklichkeit in die Vorstellungskraft schneidet.“ Der große Themenreichtum – von Neurowissenschaft über misshandelte Kinder bis zu Lesen in Klöstern und Gefängnissen – ist fantastisch.
Für: ein absolutes Muss für alle Bibliophilen! Wenn ihr jemanden kennt, der gern liest und dem ihr euch keinen Roman zu schenken traut, weil ihr nicht danebenhauen wollt, schenkt ihm dieses Buch.
Lesen als Medizin. Die heilsame Wirkung der Literatur von Andrea Gerk ist erschienen bei Rogner & Bernhard (ISBN 978-3-95403-084-2, 324 Seiten, 22,95 Euro).

bergmann-kopie-2Emanuel Bergmann: Der Trick
Ein Wunderwerk ist Der Trick von Emanuel Bergmann, ein Zauberding, ein Buch voll doppelter Böden und Überraschungen. Der Autor, der jahrelang für Filmproduktionen in LA tätig war, hat eine wunderbare Geschichte mit Tiefgang geschrieben, die sich trotzdem leicht liest. Zwei Handlungsstränge gibt es, einen vergangenen und einen gegenwärtigen, sowie zwei Buben, deren Leben verschiedener nicht sein könnte: Der eine ist ein Jude in höchster Gefahr, der andere ein verwöhntes Einzelkind. Als sie aufeinandertreffen, ist der eine ein alter Mann, kratzbürstig, egoistisch und versoffen, der andere ein kleiner Junge, der unbedingt einen Liebeszauber braucht, damit sein Vater wieder zurückkommt. Dieses Buch hat mich so begeistert, ich wünschte, ich könnte es nochmal neu lesen. Es ist vielschichtig und originell, raffiniert und gewitzt.
Für: alle, die gern Romane lesen und sich dabei auf hohem Level gut unterhalten lassen wollen. Von der Schwester über den Cousin bis zur Oma, mit diesem Buch könnt ihr nichts falsch machen.
Der Trick von Emanuel Bergmann ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN
978-3-257-06955-6, 400 Seiten, 22 Euro).

heuchertSven Heuchert: Asche
Sven Heuchert bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch. Nochmal Kurzgeschichten? Ja, aber welche mit Wucht. Die klingen länger nach als so mancher Roman.
Für: alle Mutigen, Short-Story-Freunde, Abseits-vom-Mainstream-Leser, Indiebuch-Fans, Männer.
Asche von Sven Heuchert ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-13-5, 184 Seiten, 12,80 Euro).

OzekiRuth Ozeki: A tale of the time being
Dies ist ein herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt. Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen. Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält wirft sie ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet,  im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben?
Für: alle, die auf Englisch lesen können (das Buch gibt es allerdings auch auf Deutsch!), Hobby-Philosophen, Japan-Interessierte, Buddhisten und solche, die gern Buddhisten wären, alle, die Herausforderungen zu bewältigen haben, und alle, die was spüren wollen, wenn sie ein Buch lesen.
Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

Bücherwurmloch

img_12872016 hab ich in Sachen Bücher wirklich oft ins Klo gegriffen. So oft, dass ich in eine regelrechte Lesedeprimiertheit gerutscht bin. Alles hat mich nur noch angeödet. Das Langsame, das Melancholische, das ich sonst so mag, das Bittere und das Tiefe. Schrecklich. Ich habe ein Buch nach dem anderen abgebrochen und war schon kurz davor, nur noch zu netflixen. Und was tut man, wenn man keine Lust mehr auf seine Lieblingsspeise hat? Richtig: Man isst mal was anderes. Ich hab mir deshalb einen sehr bekannten Thriller zu Gemüte geführt, noch dazu auf Englisch, beides nicht business as usual. Mit Thrillern hab ich so meine Probleme, aber Before I go to sleep von S. J. Watson, ein Bestseller, der 2014 mit Nicole Kidman und Colin Firth verfilmt wurde, ist tatsächlich ganz gut. Es geht darin um eine Frau, die ihr Gedächtnis verloren hat. Jeden Tag erarbeitet sie sich ihre Geschichte neu, und sobald sie einschläft, vergisst sie alles. Sie kann niemandem trauen und weiß nie, ob das, was ihr jemand erzählt, wahr ist, sie sieht diese Leute immer zum ersten Mal. An den logischen Problemen vorbei, die eine solche Situation mit sich bringt, erzeugt S. J. Watson viel Spannung. Gut geschrieben ist das nicht unbedingt, aber das Triviale war sehr entspannend, und mir hat der Blick über den Tellerrand gezeigt: Das, was ich sonst so esse, schmeckt ja womöglich doch nicht so schlecht.

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Ich. Darf. Nicht. Schlafen im Scherz Verlag erschienen.

Bücherwurmloch

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-0933 Tage Blogbuster: Was bisher geschah
Ich habe eine ziemlich gute Quote. Bisher wurden mir für den Blogbuster 2017 sieben Leseproben zugeschubst, und von drei Autorinnen habe ich das Gesamtmanuskript angefordert. Das klingt vielleicht nicht viel, aber hej, es ist immerhin fast die Hälfte! Wer sich nun fragt: Blogbuster, what the fuck?, der werfe einen Blick auf die Website, wo erklärt wird, was wir denn da machen und warum. Und wer sich denkt: Manuskript, ja, so eins hab ich auch, der schicke es doch bitte ein!

Schwierig ist für mich, das hab ich schon festgestellt, einfach nur Leser zu bleiben. Ich arbeite ja als Lektorin und Texterin, und der Impuls, Feedback zu geben, in das Manuskript reinzuredigieren, Kommentare dazuzuschreiben, ist übermächtig. Nur ist das bei diesem Projekt nicht meine Aufgabe, und ich halte mich brav zurück. Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann. Ein Manuskript, das noch viel Überarbeitung braucht, wird es wohl nicht aufs Siegertreppchen schaffen, wenn wir realistisch bleiben.

Bekommen hab ich allerlei Abstruses, auch Experimentelles, Wirres, schwer Lesbares wie zum Beispiel einen tragisch-satirischen Entwicklungs- wie auch romantisch-ironischen Reiseroman mit „Determinantengedrängel“, das der Schreibintention durchaus entspricht und sie durch Überbestimmtheit zugleich konterkariert: teils werden Erzählweise und Sprachverdichtung zur Farce, teils erscheinen Handlungen irrational, teils werden Handlungsmotivationen verunklärt. Ja, nun, ich bitte vielmals um Entschuldigung, so klingt das auch. 

Ein anderes Manuskript mit dem verkünstelten Titel eltkulturWerbe. hat einen ganz wunderbaren ersten Satz: Die Nachricht meines Todes erreichte mich am Flughafen Stuttgart. Den fand ich stark, der hat mich begeistert. Diese Begeisterung hat beim Weiterlesen allerdings nachgelassen: zu unausgegoren, abgehackt, mit interessanten Ideen, aber insgesamt fast ein wenig klamaukig, der verbindende Faden, der aus den Einzelstücken ein solides Gewebe macht, fehlt mir.

Ein weiterer Kandidat, dessen Manuskript auf dem Planeten Marduk in einem extragalaktischen Kommunikationssystem spielt, hat hoffentlich bei einem Verlag mit Sci-Fi-Background Erfolg, vom Blogbuster ist dieses Genre ausgeschlossen.

Dann gab es da noch die Leseprobe einer Autorin, die mich mit ihren ersten Seiten sofort gefesselt hat: Es geht um eine wilde, aus dem Gleichgewicht gebrachte junge Frau, die sich mit Absicht in Schwierigkeiten bringt, die stiehlt und aufreizend angezogen nachts durch die Straßen läuft, um Männer herauszufordern. Sehr gut geschrieben, originell, spannend! Aber dann hab ich mir das Exposé angeschaut und erkannt, dass es im Buch um einen Geschwisterinzest geht, also darum, dass zwei verliebt sind und nicht wissen, dass sie Bruder und Schwester sind, und das, das geht einfach nicht. Das ist so Gute Zeiten, schlechte Zeiten, das ist so Soap und Effektheischerei, unglaubwürdig, tausendmal aufs Papier gebracht in irgendwelchen Schmonzetterln, abgelutscht, das hab ich schon dem Jonathan Evison in All about Lulu nicht verziehen. Und ich dachte: NAAAIN, wie kann sie nur! Schade, sehr schade, denn ich fand die Leseprobe wirklich gut.

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-34Doch zum Glück kamen auch drei Frauen des Weges, deren völlig unterschiedliche Manuskripte ich nun (voraussichtlich) zur Gänze lesen werde. In einem spricht der Tod, er ist der Erzähler, und diese Idee mag ich sehr gern. Stephan Trauth ist mir das erste Mal als kleines Kind begegnet. Heute erinnere ich mich wieder gut daran: Der kleine Junge und die dick eingecremten, mullbindenumwickelten Hände in der Nacht, sein stiller Ekel und die Wut, heißt es darin, und ich finde allein die Perspektive schon sehr originell, auch wenn sie natürlich andernorts bereits genutzt wurde.

Das zweite handelt von einer Frau, die eine Affäre beginnt und herauszufinden versucht, was sie eigentlich will und wen. Das ist die Geschichte von Anna und Ettore, von Fabian und Anna, von Lebensgier und Heimat, von Liebe und Verlust. Es ist auch die Geschichte von dem, was wir zu wissen glauben, dem, was wirklich ist, und dem, was sich dazwischen befindet. bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-09-46Das klingt doch interessant.

Das dritte Manuskript hab ich noch nicht ganz durchschaut, aber schon der erste Absatz hat mich neugierig gemacht: Irgendwo in dieser Nacht habe ich mich verlaufen. Morgens habe ich dann auch wieder zurückgefunden, muss ich ja, denn jetzt bin ich ja hier, wieder bei Anne, dieser Frau, die immer wach zu sein scheint, und erinnere mich an nichts. Es handelt wohl von zwei jungen Menschen, die in einer Medienagentur aufeinandertreffen. Mehr weiß ich noch nicht …

Vielleicht wird ja einer dieser drei Favoriten der Titel, mit dem ich ins Rennen gehe. Ich bin gespannt, und ihr hoffentlich auch!

14523272_1342675139083457_197248595740756655_n

Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es Sophie, Sandro und Katharina bisher mit dem Blogbuster ergangen ist.

Bücherwurmloch

fullsizerenderDer Preis ist heiß: Schick uns deinen Roman!
Mit der Auftakt-Pressekonferenz auf der Frankfurter Buchmesse war es soweit: Die Einreichfrist hat begonnen. Ab sofort und bis 31. Dezember könnt ihr eure Manuskripte an uns senden, und zwar über das Formular, das ihr hier findet. Wichtig ist: Der Roman muss schon fertig sein und kein Verlag darf die Rechte daran haben. Ihr müsst über 18 Jahre alt sein, und das Manuskript darf keine Genreliteratur (Fantasy, Thriller, …) sein. Wenn ihr bereits bei einer Agentur unter Vertrag seid, ist das kein Problem. Ihr könnt eure drei Wunschblogs angeben, von denen ihr gern betreut werden möchtet. Wir freuen uns auf eure Meisterwerke!

img_0789

(Auf dem Bild: Die Fachjury mit Denis Scheck, Tobias Nazemi, Elisabeth Ruge, Tom Kraushaar und Lars Birken-Bertsch sowie einige der teilnehmenden Blogger. Der bärtige Hotzenplotz vorne ist Felix Wegener, der die Pressekonferenz moderiert hat.)

Bücherwurmloch

img_07291. Obwohl ich zum allerersten Mal in Frankfurt auf der Messe war, kam es mir gar nicht so vor. Und das war eigentlich das Schönste: An vielen Ständen hat mir, wenn ich vorbeispaziert bin, jemand gewunken, ich hab Leute getroffen, mit denen ich plaudern konnte, überall begegneten mir (zumindest aus dem Netz) bekannte Gesichter. Ich habe in drei Tagen mehr Menschen umarmt als sonst im ganzen Monat. Und wenn ich mich vorgestellt hab als Mareike vom Bücherwurmloch, kam oft ein „Achja, kenn ich“. War wahrscheinlich gelogen, tat aber trotzdem gut.

2. Das ganze Jahr über tausche ich mich mit anderen Bloggern aus, ohne sie je im echten Leben sehen zu können. Die von den großen Verlagen organisierten Bloggeraktionen sind für mich immer zu weit weg. Umso grandioser, all diese Freunde pe
img_0775-1rsönlich treffen zu können: Es war, als würde ich sie alle schon ewig kennen. Und zu manchem Namen, der bisher nur in E-Mails aufgetaucht war, gab es endlich ein Gesicht. Ich war wie immer unverschämt, vulgär und rotzfrech, aber ich bilde mir ein, die mögen mich trotzdem.

3. Ich hab mich nur ein einziges Mal verirrt. Bis zum Abend des ersten Tages hatte ich alles rechtzeitig gefunden, war zu keinem Termin zu spät gekommen, hatte zwar keinen Plan, hielt mich aber souverän daran. Und dann: Als ich auf der Suche nach meiner Jacke war, hat mich eine Infopoint-Trulla nach draußen geschickt mit der Aufforderung, über den Platz und auf der anderen Seite wieder in die Halle reinzugehen. War nur leider alles schon zu. So stand ich bei diversen Glastüren und klopfte an wie ein verstoßenes Kind, bis sich endlich einer der Vorbeihastenden erbarmte und mir öffnete. Es war kalt.

4. Ich habe mit jemandem gesprochen, der Herr Freudenschuß hieß.

img_07675. Ich habe die entzückende Melanie Raabe getroffen, die jeder Mensch auf diesem Planeten lieben muss, weil sie zum Niederknien nett ist. Zwar nur für 27 Sekunden, aber immerhin!

6. Ich habe Frankfurter Grüne Soße gegessen, und warum gibt’s die eigentlich sonst nirgends?

7. Ich hab einen ganzen Nachmittag lang nur gemacht, was ich will. Und zwar in der überraschend heimeligen Frankfurter Innenstadt. Ohne Kinder, die an mir zerren oder nach mir rufen. Dafür mit Apfelkuchen, Buch und neuen Ohrringen. Es war herrlich.

img_0726

8. Ich habe mich wahnsinnig geehrt gefühlt, von den Verlagen so umsorgt zu werden. Die haben sich für mich Zeit genommen, das weiß ich sehr zu schätzen. Am Mittwoch hat Rowohlt für uns Blogger sogar eine exklusive Führung durch die Ausstellung von Ulay in der Schirn organisiert, mit anschließendem fürstlichem Schmaus sowie dem bekannten Messefest. Für Promis ganz normal, für kleine Freelance-Mäuschen wie mich eine große Ehre.

img_0751

9. Ich habe die liebe Susanne Bühler getroffen, die ich so gerne mag. Sie hatte unglaublich tolle silberne Schuhe. Oh, und sie hat gesagt, dass ich sie mit meinen Tweets und Posts zum Lachen bringe. Das war das beste Kompliment ever und hat mich sehr gefreut. Außerdem hat sie mit ihren Kolleginnen ein Bloggertreffen veranstaltet, um uns die Diogenes-Neuheiten vorzustellen. Auf einige davon bin ich schon ziemlich spitz!

10. Ebenso wunderbar: Die Bloggerveranstaltung von KiWi mit Ulrike, bei der die beiden Debütautorinnen Paula Fürstenberg und Nele Pollatschek aus ihren Romanen vorgelesen haben. Auf beide Bücher bin ich schon sehr neugierig.

img_074411. Ich habe Fotos davon gemacht, wie Sophie (Literaturen) und Sarah (Pinkfisch) den sehr freundlichen Tilman Rammstedt angehimmelt haben. Ich kann überhaupt nicht fotografieren. Das hätte ich ihnen vielleicht vorher sagen sollen. Aber so war es viel lustiger.

img_076112. Die Pressekonferenz als Auftakt für den Blogbuster ist richtig gut gelaufen. Die Fachjury auf der Bühne hat sich als souveräne Einheit präsentiert, das Interesse war groß, immerhin eine hat über meinen Witz gelacht (nämlich ich selbst), und Denis Scheck hatte die geilsten Socken: Sie waren orangefarben.

13. Auf der Party von Dumont habe ich getanzt. Und zwar richtig schlimm: zu den Backstreet Boys. Britney Spears. Und Macarena! Wenn solche Musik gespielt wird, hat man ja nur zwei Möglichkeiten: Entweder man flüchtet, oder man haut sich voll rein. Wir (die Klappentexterin, Masuko und ich) haben’s uimg_0752ns so richtig gegeben und abgehottet, bis wir komplett durchgeschwitzt waren. Vor allem auch: die Männer! Tobias Nazemi (Buchrevier), Frank Rudkoffsky (Rudkoffsky) und Thomas Brasch (Braschbuch) haben ihre Tanzbeine schwingen lassen. Das hat so viel Spaß gemacht.Von wegen fade Bücherwürmer!

14. Alles, wirklich alles war noch viel besser als erwartet. Und das passiert im Leben ja eher selten.

15. Ich habe auf der Messe etwas wiedergefunden, das für mich unbezahlbar ist: die Lust zu lesen. Sie war mir, wie ihr vielleicht hier gelesen habt, in den letzten Monaten abhanden gekommen. Alles hat mich gelangweilt. Aber diese Verlage zu besuchen und begeisterten Menschen dabei zuzuhören, wie sie voller Leidenschaft von kommenden Bücher schwärmen, hat mich aufs Neue angestachelt. Und das fühlt sich gerade sehr gut an.

16. So gut, dass ich etwas sehr Ironisches gemacht habe: Nachdem ich auf der Messe jedes einzelne Buch abgelehnt hatte, weil ich nur mit Handgepäck gereist bin, habe ich mir auf dem Flughafen vier Bücher gekauft (und mit Mühe noch in meinen Rucksack gestopft). Haha. Hahaha! Das hat mich selbst sehr amüsiert. Und wahnsinnig gefreut, denn endlich hatte ich wieder Spaß daran, mir Bücher auszusuchen. Das ist neben all den wunderbaren Begegnungen, lustigen Stunden und neuen Inspirationen das Beste, was ich von der Messe mitgebracht habe.

Bücherwurmloch

thumb_img_6245_1024Von den Phasen, in denen alle Bücher mich langweilen
Manchmal denke ich: Nie wieder werde ich ein gutes Buch finden. Eins, das mich fesselt, begeistert, berührt. Nie mehr, es ist vorbei. Jetzt sterbe ich am Overkill, das war’s. Denn: Es langweilt mich. Alles langweilt mich. Es gibt Zeiten, da nehme ich ein Buch nach dem anderen in die Hand, voller Hoffnung, voller Optimismus, doch die Seiten fliegen vorbei, und ich merke: Das wird nix mit uns. Ich gebe nicht gleich auf, ich wühle mich durch, warte auf den Moment, in dem es mich hineinzieht in die Story. Wenn der nicht kommt, finde ich plötzlich lauter andere wichtige Dinge, die ich tun muss, statt zu lesen, Wäsche aufhängen, Kinderbilder mit Datum beschriften, den Keller aufräumen. Daran merke ich, dass der Roman mich nicht interessiert. Ich habe gelernt, Bücher abzubrechen, keine Lebenszeit zu verschwinden, und ich tue das, aber ich leide darunter. Es fällt mir nicht leicht. Vor allem dann, wenn es so viele sind, und 2016 ist – auch – in dieser Hinsicht ein besonders schlechtes Jahr. Zum Teil hat sich ein mieses Buch an das andere gereiht, ich habe drei, vier, sechs, sieben, einmal sogar ELF hintereinander in die Ecke geworfen, aussortiert, verschenkt, durch manche hab ich mich gequält, nur um dann in Motztiraden auszubrechen. Viele haben mir durchaus gefallen, aber sie waren eben einfach nur okay, nicht schlecht, aber auch nicht überragend, Mittelmaß. Über diese Titel zu schreiben, ist am schwierigsten, weil ich dann nicht viel zu sagen habe außer: Kann man lesen, muss man aber nicht. Weil sie nichts in mir ausgelöst haben, weil ich sie schon bald wieder vergessen haben werde. Seit einer ganzen Weile schon weiß ich nicht, was ich als „Buch des Monats“ auswählen soll, weil ich ganz einfach keines habe, und nehme dann das, das am wenigsten schlecht war. Ich schreibe Mails an die Verlage und entschuldige mich, erkläre, dass ich das jeweilige Buch nicht lesen konnte, dass es nicht das richtige war für mich, dass es zu fad war, zu nichtssagend, und das schlechte Gewissen knabbert dann an mir, auch wenn die Reaktionen stets verständnisvoll und wohlwollend sind (und durchaus Rückmeldungen kommen, dass es dem zuständigen Pressemenschen ähnlich ging). Es gab in diesem Jahr schon viele solcher Mails. Und das beunruhigt mich zunehmend. Auffallend oft waren das Romane, die mit Lob überhäuft wurden und bei denen ich mir vorkomme, als sei ich a) der einzige Mensch, der sie nicht verstanden hat, oder b) jemand, der nicht aufhören kann, rumzunörgeln, weil ich eine alte Grantwurzen bin. Beides furchtbare Vorstellungen.

Und dann kommt er wieder, der Gedanke: Es wird mir nie mehr gelingen, eine Perle aufzuspüren. Etwas zu fühlen beim Lesen. Ich bin übersättigt. Ich kenne alles. Und wer ist daran schuld? Ich selbst. Weil ich mir dauernd noch ein Buch und noch ein Buch in die Birne drücke. 100 im Jahr. Kein Wunder! Ständig hab ich das Gefühl: Das hab ich schon gelesen. Gleiches Storyboard, andere Namen, anderes Setting oder umgekehrt, aber trotzdem: Ich kenne das. Coming of Age, Generationenroman, Familienroman, amerikanisch, deutsch, russisch – ja. Alles schon dagewesen. Dauernd diese abgeschmackten Formulierungen, die sich ähnelnden Figuren, dieselben Emotionen, die ewige Nabelschau, das Kreisen der Figuren um sich selbst, und dieses Geschwurbel! Ich kann’s nicht mehr sehen. Und dann bin ich auch noch so bescheuert und will nie mehr als ein Buch vom selben Autor lesen, nicht mal, wenn es mir gefallen hat, erst recht nicht, wen es mir gefallen hat! Aber müsste ich nicht aus der unendlichen Flut der Neuerscheinungen etwas rausfiltern können, das wirklich neu ist? Müsste ich nicht in den Backlists Bücher entdecken, die interessant sind, ergreifend, gut?

Liegt es an mir? Oder ist die deutsche Gegenwartsliteratur momentan sehr einheitsbreiig? Bin ich zu kritisch, zu schnell genervt, zu ungeduldig, zu streng? Ich weiß es nicht. Vielleicht fische ich auch nur permanent im selben trüben Gewässer und sehe zu wenig über meinen Tellerrand hinaus. Was ich an Klassikern lesen wollte, hab ich schon gelesen. Viele Genres schließe ich inzwischen kategorisch aus. Womöglich ist meine Filterblase zu eingeschränkt, zu klein, zu eng. Oder mein Anspruch zu hoch. Aber: Kann er das überhaupt sein? Ich habe nicht viel Zeit zum Lesen, ich zwacke sie mir ab zwischen Kinder, Haushalt, Arbeiten, Herumhudeln und selber Schreiben, da will ich etwas lesen, das auch die Mühe wert ist. Ich habe nicht – wie viele andere Blogger – massenweise ungelesene Bücher, kein RuB, keine riesige Auswahl. Maximal 50 Titel liegen auf meinem SuB, aber das müsste doch eigentlich ausreichen, oder nicht? Doch dann steh ich da und starre diese Bücher an, keins interessiert mich genug, dass ich es auch nur in die Hand nehmen will.

Und es wird immer schlimmer mit meiner Leseunlust: Mittlerweile mag ich mir nicht mal mehr Bücher kaufen. Ist das zu fassen! Ich gehe in die Buchhandlung und gucke ratlos, die Neuheiten glotzen zurück, ohne dass ich mich dazu aufraffen kann, nach ihnen zu greifen. Wozu denn, denke ich, ist doch eh immer dasselbe. Das ist mir keine zwanzig Euro wert. Gut, ein Drittel der neuen Bücher hab ich meist bereits gelesen, ein weiteres Drittel spricht mich sowieso nicht an, weil Chicklit oder Vampire oder Crime, und der Rest? I just can’t be bothered. Wenn ich dann doch eins nehme, die U4 und die erste Seite lese, denke ich: Nä. Schnarch. Spontaner Gehirnschlaf. Die letzten Male hab ich die Buchhandlung ohne Buch verlassen – das wäre früher undenkbar gewesen. Auch die Verlagsvorschauen blättere ich durch, ohne eine Bestellung zu tätigen. Und irgendwie sitze ich in der Falle, denn: Lesen muss ich. Wie eine Alkoholikerin fühl ich mich, die befürchtet: Bald wird kein Schnaps mehr gebrannt. Ich definiere mich sehr stark über das Lesen. Deshalb kann ich es auch nicht auf die leichte Schulter nehmen, wenn es mir so geht wie jetzt und mich kein Buch begeistern kann. Was tue ich denn wirklich, wenn das für immer so bleibt?

Das ist Bullshit, natürlich, ich weiß das. Es ist nur eine Phase – wie man das eben so bei Kindern sagt, um sich selbst zu trösten. Und man sagt es ganz laut und oft und schreibt es vielleicht sogar in einen Blog, um das feine, leise Stimmchen zu übertönen, das einem zuflüstert, dass man sich vielleicht nur selbst belügt. Ich gebe nicht auf – wie könnte ich? Ich werde die Unlust wieder überwinden, ich hab das schon öfter geschafft. Es existieren mehr Bücher auf der Welt, als ich in hundert Leben lesen könnte. Da müssen doch noch ein paar gute dabei sein! Ich muss sie nur finden.

 

Bücherwurmloch

14523272_1342675139083457_197248595740756655_nWir suchen DAS Buchtalent 2017: Der Gewinner bekommt einen Vertrag mit Klett-Cotta
Supertalent, Supermodel, Supersänger: Das gab’s ja alles schon. Aber dieses Mal geht’s um eine gute Schreibe: Wir suchen das Superbuch! 16 Literaturblogger, die Literaturagentur Elisabeth Ruge, der Verlag Klett-Cotta, die Frankfurter Buchmesse und der bekannte ARD-Literaturkritiker Denis Scheck finden die literarische Entdeckung und den Debütroman des Jahres. Das Ganze nennt sich Blogbuster – Preis der Literaturblogger und ist die Chance für alle, die ein Romanmanuskript in der Schublade haben, aber noch keinen Verlag. Der Gewinner bekommt einen Agentur- und Verlagsvertrag und wird bereits im nächsten Jahr auf der Frankfurter Buchmesse seinen Roman vorstellen können.

Um an dem Wettbewerb teilzunehmen, müssen sich die Autoren bei einem der beteiligten Literaturblogs bewerben. Erst wenn der Blogger vom literarischen Potenzial des Autors überzeugt ist, wird das Manuskript der Fachjury vorgestellt. Neben dem Jury-Voritzenden Denis Scheck entscheiden Elisabeth Ruge, Klett-Cotta Verleger Tom Kraushaar, Lars Birken-Bertsch von der Frankfurter Buchmesse und der Blogger und Initiator der Aktion, Tobias Nazemi, über den Blogbuster-Gewinner. Der Wettbewerb startet am 21. 10. mit einer Auftaktveranstaltung im Orbanism-Space auf der Frankfurter Buchmesse. Die Preisverleihung findet Anfang Mai 2017 im Literaturhaus Hamburg statt.

Weitere Informationen sowie eine Liste mit allen Bloggern, bei denen ihr euch bewerben könnt, findet ihr hier. Wir sind gespannt auf eure Manuskripte und freuen uns schon!

Bücherwurmloch

IMG_9488Aller guten Dinge sind drei, und dann ist auch mal wieder Schluss: Hier folgt der dritte und letzte (g)rantige Draufdrescher auf folgende Bücher, die mir das Leben schwergemacht haben.

Ulla-Lena Lundberg: Eis
Wenn ihr dieses Buch irgendwo seht, macht einen großen Bogen drumherum! Verlasst die Buchhandlung, am besten die Straße, die Stadt! Legt vorher noch andere Bücher drauf, damit bloß niemand es sieht und kauft. Was hab ich mich damit gequält. Ich hab ein großes Faible für das Nördliche und war sehr gespannt auf diesen vielgepriesenen Romane, der auf einer kleinen Inselgruppe zwischen Finnland und Schweden spielt. Ein Pfarrer kommt in die dortige abgelegene Gemeinde, mit Frau und Tochter. Das war’s eigentlich auch schon, Handlung gibt es auf den 500 Seiten so gut wie keine. Dafür aber viel Blabla. In einem ausufernden, aufgeblasenen und überkandidelten Stil erzählt Ulla-Lena Lundberg von jeder noch so kleinen Gefühlsregung ihrer Figuren, von jedem Rülpser, jedem Gedanken, jedem Pups, und vor allem vom Arbeitseifer, der so groß ist, dass er auf jeder Seite, wirklich jeder einzelnen Seite erwähnt werden muss, von den Kirchenpredigten und tausend anderen uninteressanten Sachen. Es ist so, so, so langweilig. Wie eine besserwisserische Lehrerin präsentiert die Autorin die kleinen menschlichen Fehler ihrer Charaktere, tätschelt ihnen den Kopf, schreibt pathetisch und ohne jeden Pfiff. Sie verwendet viel zu viele Worte, um am Ende überhaupt nichts zu erzählen. Ich habe selten so ein schlechtes Buch gelesen.

Riikka Pulkkinen: Die Ruhelose
Auch mit der Finnin Riikka Pulkkinen hatte ich dieses Mal kein Glück. Die Autorin, die von den meisten Buchstaben ihres Namens gleich zwei hat, weiß sich auch stilistisch nicht zurückzuhalten. Mit Sicherheit kennt ihr das, wenn über ein Buch gesagt wird: „Da ist kein Wort zu viel.“ Nun, in diesem hier sind allerhand Wörter zu viel. Schon auf den ersten Seiten finde ich die Wucht der Bilder zu heftig, zu dicht, zu viel, zu überladen. Pulkkinen lässt überhaupt keinen Raum für meine eigene Fantasie. Das wundert mich, denn ihren Roman Wahr fand ich 2012 herausragend, es war sogar das beste Buch, das ich in diesem Jahr gelesen habe. Ähnlich hohe Qualität hab ich mir von Die Ruhelose erhofft, ihrem Debüt, aber nun ja, sie scheint erst später gut geworden zu sein. Hier schreibt sie über eine Frau, die ihren Mann an die Demenz verliert, sowie über deren Nichte, die sich in ihren Lehrer verliebt. Der Teenager, der sich ritzt, der Ehemann, der geil auf eine Minderjährige ist – das ist einem ja auch alles irgendwo schon mehrfach in der Literatur begegnet. Und war dort vermutlich besser beschrieben.

Ben Dolnick: At the bottom of everything
Adam und Thomas waren einst beste Freunde, bis sie in jugendlichem Leichtsinn einen Unfall verschuldet haben. Seither laborieren sie am schlechten Gewissen und haben längst keinen Kontakt mehr, als Thomas’ Eltern Adam anflehen, ihren Sohn zu suchen. Der wandert irgendwo in Indien herum, und Adam ist das scheißegal, aber er fühlt sich verpflichtet. Joah, so geht’s mir auch irgendwie, weshalb ich dieses Buch bis zum Ende (quer)lese, obwohl es fad, unglaubwürdig und überraschend sinnbefreit ist. Bei der New York Times, wo Ben Dolnick recht gehypet wird, scheint man eine Vorliebe für Wirres und Undurchdachtes zu haben – wie als Metapher für das ach so komplizierte Leben. Bullshit zwischen Buchdeckeln.

Bücherwurmloch

FullSizeRenderLetzte Woche hab ich euch ja schon mein Leid geklagt: Insgesamt ELF (!) schlechte Bücher sind mir nacheinander vors Auge gelaufen, wobei ich eins davon schon nach wenigen Seiten abgebrochen und in die Ecke gepfeffert habe. Wer nun Part I dieses Rants gelesen hat und außerdem herausragend gut rechnen kann, der weiß: Da fehlt ja noch was. In der Tat. Und deswegen geht’s heute weiter mit Marikis Motzparade.

Claire Messud: The Woman Upstairs
Mit der titelgebenden Frau ist eine spinnerte, einsame Alte gemeint, die ein Dutzend Katzen hat und kannenweise Tee trinkt, die unverheiratet ist und allein, in deren Leben es keine große Liebe gab. Protagonistin Nora ist auf dem besten Weg, eine solche Frau zu werden. Sie unterreichtet Kinder, hat aber selbst keine. Sie wollte Künstlerin werden, bastelt aber nur in ihrer Wohnung an kleinen Boxen, die niemand je zu Gesicht bekommt. Und sie ist so, so wütend. Als sie die Shahids kennenlernt – Sirena und Skandar und Reza –, stürzt sie sich mit der Verzweiflung der Alleinstehenden in eine Beziehung zu jedem Einzelnen von ihnen. Die Story ist so originell, wie sie klingt – aber auch nicht mehr. Die Idee versandet komplett, das Buch hat null Drive und ist eine einzige Selbstbespiegelung der Hauptfigur. Lähmende Langeweile macht sich schnell in mir breit, und während Nora auf eine große Enttäuschung zusteuert, geht es mir genauso. Letztlich bleibt der Roman fad und bedeutungslos. Könnte man einer Woman Upstairs zum Lesen geben, deren Leben ist eh eintönig!

Claire Vaye Watkins: Geister, Cowboys
Kennt ihr das, wenn ihr bei der Lektüre eines Buchs denkt: Das loben jetzt auch nur alle, weil es keiner versteht? Unverständlichkeit ist jedoch – gemäß Reich-Ranicki – noch kein Beweis für tiefe Gedanken und auch kein Zeichen für literarische Qualität. Sie liegt mit Sicherheit auch im Auge des Lesers. Mein Auge sagte bei diesem Buch jedenfalls recht oft: Hä? Und dann: DAS NERVT. So viel hab ich mir erwartet von Claire Vaye Watkins, die als „eine der aufregendsten neuen Stimmen der US-Literatur“ bezeichnet wird, und nichts davon hab ich bekommen. Als Tochter eines der Mitverrückten von Charles Manson hätte sie die spektakulären Ereignisse um ihren Vater gar nicht langweiliger literarisch verarbeiten können. Die Geschichten sind nicht wirklich verknappt, eher künstlich beschnitten, als habe die Autorin sich überlegt, was sie alles wegnehmen könnte, um die Storys bestmöglich zu verunstalten und nur die sinnlosen Teile stehen zu lassen. Vielleicht hat sie gedacht, das wirke besonders intellektuell und klug. Und sie muss zu dem Schluss gekommen sein, dass es ein möglichst abruptes, unerklärliches Ende geben muss. Da hab ich mir gedacht: Das kann ich auch. Und hab abrupt aufgehört zu lesen.

Lauren Groff: Arcadia
Das hätte ein richtig gutes Buch sein können! Wie traurig, wenn man all die glänzenden Möglichkeiten sieht und nur ein Häufchen Asche in den Händen hält. Wie bei Claire Vaye Watkins gab’s auch hier viel Lob, Übersetzungen auf Deutsch, zweite Romane, die heuer erscheinen, und dann DAS. Gnaaah. Erneut klingt die Idee an sich interessant: Bit wächst in den 1970er-Jahren in einer Art Hippie-Kommune auf, in einem verfallenen Haus namens Arcadia, in dem sich bisweilen Hunderte Anhänger um Guru Handy scharen, er und seine Eltern gehören zur Stammgruppe. Eine unkonventionelle Kindheit, ein recht flüssiger Schreibstil – aber blasse Figuren, elendslanges Gelaber, klaffende Lücken in der Stringenz, alles in allem ein einziger Graus. Bit verliebt sich später in Handys Tochter Helle, eine tragische Figur, deren Tragik überhaupt nicht ausgearbeitet und dadurch auch nicht verständlich wird, und das Ende des Buchs ist – ohne zu spoilern – wohl mysteriös gemeint, im Endeffekt aber einfach nur unausgegoren und feige. Die großen Zeitsprünge machen das Ganze auch nicht besser. Trotz der wilden Aussteigerkulisse und der eigenartig bedrohlichen Atmosphäre ein flacher, verflucht blöder Roman.

Bücherwurmloch

Rant1Ich hatte da einen Lauf. Und zwar im negativen Sinne: In letzter Zeit hab ich sehr viele schlechte Bücher gelesen, viele davon direkt hintereinander, was noch schlimmer ist, denn da sinkt meine literarische Laune auf den Nullpunkt, und ich werde richtig grantig. Diesen Grant, meine Damen und Herren, merkt man auch meinen Bemerkungen über die folgenden Bücher an:

Olga Grjasnowa: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Es gibt ein Patentrezept in der deutschen Literatur: Wandere nach Deutschland ein – am besten aus einem Land, in dem Krieg herrscht –, lerne die Sprache, schreibe einen Roman in dieser neuen Sprache über Traumata und Verlorensein und Integration, und sie werden dich lieben. Das Feuilleton wird dich abschlecken vor Begeisterung, man wird dich mit Preisen überhäufen. Absolviere zusätzlich das Literaturinstitut Leipzig, und du hast den Jackpot geknackt. Sie werden dich nicht ignorieren können. Nicht mal, wenn dein Buch total scheiße ist. Olga Grjasnowa hat sich an dieses Erfolgsrezept gehalten. Migrationshintergrund: Check. Sogar in Aserbaidschan geboren, Pluspunkt, weil selten. Trauma: Check. Sprache spät gelernt: Check. Literaturinstitut: Check. Haufenweise Preise: Check. Beschissenes Buch: Check. Worum geht es darin? Um das Zelebrieren der Verlorenheit. Damit Protagonistin Mascha so verloren wie möglich ist, muss ihr Freund weg, und der stirbt einen so lächerlich dummen Tod, dass es fast wehtut. Mascha also allein, fremd, traurig, sehr orientierungslos, sehr verloren. Mäandert im eigenen Leben herum, findet keinen Halt, jongliert mit Sprachen, weil entwurzelt, geht nach Israel, weil Konfliktpotenzial für den Roman. Der ist insgesamt so flach und sinnlos, blutleer und verkrampft, dass ihm in meinen Augen auch das vermeintliche Patentrezept nicht mehr hilft.

Charlie Lovett: Das Buch der Fälscher
Wer war William Shakespeare wirklich? Darüber streiten die Experten seit Jahrhunderten. Der Antiquar und Buchbinder Peter Byerly könnte einen echten Beweis gefunden haben: ein Buch mit Randnotizen in Shakespeares Handschrift. Die Frage ist nur: Ist es echt oder gefälscht? Die Suche nach der Antwort lenkt Peter immerhin von seinem großen Kummer ab, denn seine Frau Amanda ist gestorben. So weit, so gut – doch das Buch ist leider schlecht. Weil Charlie Lovett so aufregend schreibt, wie ein Nachrichtensprecher die Wettervorhersagen verliest. Der Roman ist lahmarschig, stinklangweilig und unfassbar uninteressant – und das, obwohl die historischen Ereignisse rund um Shakespare, ein grausamer Mord und die Spurensuche in einer Gruft durchaus Stoff für eine spannende Story geben würden. Allein: Man muss verstehen, sie auch gut zu erzählen. Bei dieser Ödnis von einem Buch ist das leider nicht geglückt, nicht mal im Ansatz.

Fiona McFarlane: Nachts, wenn der Tiger kommt
Dieses Buch ist wie eine unruhige Nacht: Ich bin immer wieder eingedöst, kann mich an nichts Zusammenhängendes erinnern und hatte am Ende einen schalen Geschmack im Mund. Der kam von der Enttäuschung. Dabei hat es bei seinem Erscheinen 2014 für Aufsehen gesorgt und versprach eine fesselnde Geschichte: Die alte Ruth bekommt eine vom Staat geschickte Helferin namens Fiona ins Haus, die sie nach und nach entmündigt. Ruth kann bald nicht mehr zwischen Wahrheit und Einbildung unterscheiden und verliert zusehends die Kontrolle. Aber das geschieht nur im Kleinen, und Leute, es dauert eeewig. Es dauert doppelt so lange wie euer schlimmster Zahnarztbesuch ever. Der Roman ist so fad, dass ich beim Anblick all der Seiten, die noch vor mir liegen, regelmäßig in Verzweiflung gerate. Ich lese ihn deshalb nur quer – und finde es am Ende schrecklich, dass der Grund für Fionas Verhalten genau der ist, den man gleich zu Beginn vermutet. Nicht ein Funken Originalität in der Auflösung – erst auf den letzten zwei Seiten, die dafür so merkwürdig sind, dass ich sie nicht verstehe. Muss man erst mal schaffen, einen guten Plot so zu verkacken! Ein grausam schlechtes Buch, das niemandem wertvolle Lebenszeit stehlen sollte.

Bettina Balàka: Kassiopaia
Das soll ein Liebesgeschichterl sein, ein Frauenroman, aber auch eine Satire, eine Gesellschaftsstudie. Es ist alles zugleich und nix davon gescheit. Hauptperson Judit, Anfang 40, reich, diätbesessen, gelangweilt und furchtbar nervig, schreibt dumme Listen, hat dumme Freundinnen und verhält sich auch noch dumm: Sie jagt den Autor Markus Bachgraben, den sie in Venedig vermutet. Die zwei hatten eine Nacht, aber Judit will sich damit nicht zufriedengeben. Nun ja, sie arbeitet nicht, sie muss sich irgendwie beschäftigen und hat zudem ein Rad ab: Da kann man schon mal auf die Idee kommen, einen Kerl zu stalken, der nix von einem wissen will. Jetzt wäre die Story von Judit und Markus schnell erzählt, und deswegen ist das Buch vollgestopft mit kurzen Geschichten über völlig uninteressante Nebenfiguren, die jeweils nur einmal vorkommen. Das ist eh alles nett und österreichisch und mit Schmäh, aber wirklich nicht lesenswert. Am Ende gibt’s eine Du-bist-adoptiert-Auflösung wie in einer billigen Soap, und dass das Christkind nicht existiert, wird als größtes Trauma überhaupt festgelegt. Das zeigt, auf welchem Niveau dieses Buch sich bewegt.