Bücherwurmloch

Marion Messina: Fehlstart

„Paris war hässlich, verdorben und ungesund, wie eine syphilitische Nutte“

„Als Aurélie am Bahnsteig C der Gare de Lyon aus dem Zug stieg, hatte sie nicht die geringste Lust, Paris zu erobern.“

Und Paris würde sich sowieso nicht von ihr erobern lassen. Die junge Frau, knapp zwanzig Jahre alt, entflieht ihrem langweiligen Elternhaus in Grenoble, wo sie zwei Semester mehr als lustlos Jura studiert hat, um in Paris ihr Glück zu suchen. Allein: Dieses Glück lässt sich nicht finden. Aurélie nimmt einen Job als unterbezahlte Empfangsdame an, bei dem sie jeden Tag woanders hingeschickt wird, schläft in einem Mehrbettschlafsaal, sitzt Stunden über Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hat keine Freunde, und Alejandro aus Kolumbien, in den sie in Grenoble verliebt war, ist weitergezogen. Aurélie ist einsam, zutiefst frustriert, am Beginn ihres beruflichen Lebens schon am Ende ihrer Kräfte.

„Sie hatte keine Angst vor geistiger Arbeit, auch nicht vor körperlicher Anstrengung. Sie wollte nur irgendwas erreichen und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts.“

Fehlstart ist ein Buch voller Hass. Es gibt kaum einen positiven Satz darin, kaum ein schönes Gefühl. Glückliche Menschen schon gar nicht. Es erzählt von Geldnot und Perspektivenlosigkeit, von Alleinsein und der Unmöglichkeit, Beziehungen aufzubauen. Marion Messina, selbst in Grenoble geboren, erzählt vom miesen Bildungssystem, der Langeweile an den Schulen und Universitäten, der Verzweiflung all jener, die versuchen, sich in einer völlig überteuerten Großstadt etwas aufzubauen. Von jeder Seite schreit einem die Wut entgegen, die irgendwann in Resignation kippt. Aurélie gelingt es nicht einmal, eine Wohnung zu finden, sie kommt bei einem fünfundzwanzig Jahre älteren Mann unter und schläft mit ihm, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben. Man sieht sie und die anderen Figuren des Romans so deutlich vor sich. Wie ereignislos ihr Leben ist, wie müde sie sind. Wie anders sie sich das alles vorgestellt haben.

„Für Familien gab es keinen Platz mehr, die Lebensorte waren trostlos geworden, Paris zu verlassen, dauerte eine Stunde; Bahngleise, Postverteilzentren, Kläranlagen und Gewerbegebiete hatten die Parks und Felder von einst ersetzt, die Flüsse waren Kloaken, die Luft konnte man kaum atmen. Die Stadt hatte weder Charme noch Kultur.“

Stellenweise ist mir das zu überspitzt. Aurélie ist ein gar so graues Mäuschen, sie bemüht sich, tut alles, scheitert immer nur, die Männer nutzen sie aus, die Eltern verstehen sie nicht, jeder Charakter wirkt wie ein Abziehbild. Alles ist schlecht, alles ist elendig. Sie ist ein wenig puppenhaft, macht sich abhängig von einem Mann, hat ihm nichts entgegenzusetzen. Aurélie und die anderen haben in diesem Buch die Wahl zwischen dem Übel der Großstadt und dem Übel des Landlebens, was auch immer sie tun, ist falsch und macht sie unglücklich. Ein zutiefst deprimierender, vermutlich aber leider viel zu realistischer Roman über Glückssuchende, die nur eine große Leere finden.

Fehlstart von Marion Messina ist erschienen bei Hanser.

 

 

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