Bücherwurmloch

Edna O’Brien: Das Mädchen

„Werde ich jemals die Sprache der Liebe kennen. Werde ich je wieder irgendwo zu Hause sein“
Maryam ist noch ein junges Mädchen, als sie von Boko Haram aus der Schule entführt und an einen entlegenen Ort gebracht wird, an dem sie die Hölle auf Erden erwartet. Zwischen Schlägen, Gebeten und systematischen Vergewaltigungen versucht Maryam, irgendwie zu überleben, auch wenn sie nach einer Weile nicht mehr weiß, wozu es sich noch lohnen sollte zu leben. Viele Frauen sind mit ihr eingesperrt und gefangen, manchmal gibt es ein wenig Zusammenhalt unter ihnen, meist jedoch nicht. Gegen ihren Willen wird Maryam verheiratet und bekommt ein Kind. Als ihr die Flucht gelingt, nimmt sie dieses Kind, das sie Babby genannt hat, mit und schlägt sich mit ihm gemeinsam durch bis nachhause. Doch als sie dort ankommt, wird sie alles andere als herzlich empfangen.

Edna O’Brien ist einerseits eine Schriftstellerin von Weltruhm, andererseits eine betagte Dame: Sie ist 90 Jahre alt. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, nach Nigeria zu reisen, zu recherchieren, Fragen zu stellen, Spuren zu verfolgen. Sie hat sich von betroffenen Mädchen und Frauen erzählen lassen, was ihnen geschehen ist, und sie gibt deren Geschichten in diesem Buch wieder. Vielleicht hat sie die Berichte in literarische Form gegossen, ja, aber ansonsten hat sie nichts daran verändert, und das gibt diesem Buch so viel Wahrheit, macht es ehrlich, authentisch und unglaublich schmerzhaft. So viel Hass, so viel Leid und Schmerz liegen darin, dass man immer nur wenige Seiten am Stück lesen kann. Das Mädchen ist ungemein intensiv, heftig, unverstellt, es ist wahnsinnig traurig und bedrückend. Zugleich ist es aber auch ein Zeugnis, ein Sprachrohr. Es verleiht jenen eine Stimme, die keine haben, weil ihnen niemand zuhört. Ich bin schwer beeindruckt von Edna O’Brien und ihrem Mut.

„Es liegt nicht in unserer Macht, etwas zu ändern“, sagte sie.
„Warum nicht?“, fragte ich.
„Weil wir Frauen sind.“

Das Mädchen von Edna O’Brien ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

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