Bücherwurmloch

Teresa Ciabatti: Die schönen Jahre

„Das ist die Geschichte von allen Mädchen, die durch die Falltür gestürzt sind. Wie leicht konnte man damals verschwinden“

Die Ich-Erzählerin ist eine in ganz Italien berühmte, sehr erfolgreiche Schriftstellerin geworden. Ihre Freundin Federica aus der Jugendzeit meldet sich unvermittelt bei ihr, sie haben sich seit dreißig Jahren nicht gesehen – damals ist etwas geschehen, das sie noch heute mit sich tragen, und es hatte mit Federicas großer Schwester Livia, die sie um ihre Schönheit beneidet haben, zu tun. Und jetzt? Können die beiden sich nach so langer Zeit wieder annähern, wollen sie das überhaupt? Die Autorin erzählt von sich selbst, von ihrer Tochter, die nichts mit ihr zu tun haben möchte, vom Erfolg und von früher. In einem wilden Mix, der keiner Chronologie und auch keinem roten Faden zu folgen scheint, führt sie uns an das Ereignis von damals heran, an ihr eigenes Körperbild und ihren schwelenden Zorn. Es ist spektakulär, wie missmutig und neidisch sie ist, und an manchen Stellen beschleicht einen auch das Gefühl, dass sie eventuell nur die halbe Wahrheit sagt.

Teresa Ciabatti, die in ihrer Heimat Italien mehrfach nominiert und ausgezeichnet wurde – beispielsweise für das Drehbuch zum Film „Tre metri sopra il cielo“, hat einen intensiven Roman mit einer ungewöhnlichen Stimme geschrieben, der im Grunde keine Handlung hat und doch so viel erzählt. Richtig packend ist das, die Geschichte schlägt Salti und knallt einem immer wieder unerwartet ins Gesicht. Der Roman thematisiert Bodyshaming und Selbsthass, eine beschissene Mutter-Tochter-Beziehung, eine im Grunde ebenso beschissene Mädchenfreundschaft, außerdem patriarchale Gewalt und die Angst, mit der Frauen permanent leben müssen. Das wird einem regelrecht hingerotzt, fast schon hingekotzt, manchmal war ich beinahe ein wenig außer Atem von derart viel Bosheit und Schmerz. „Die schönen Jahre“ ist kein angenehmes, aber ein außergewöhnliches Buch, das ich in kürzester Zeit inhaliert habe.

„Wir sind alle nichts weiter als ein Haufen Knochen, liebe Mädchen.“

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