Bücherwurmloch

„Manche Leute machen eine schwere Kindheit für ihr Unglück verantwortlich“
Mickey und Kacey haben allen Grund, das zu tun: Als sie sehr klein waren, ist ihre drogensüchtige Mutter an einer Überdosis gestorben. Sie sind bei ihrer Großmutter Gee aufgewachsen, die sie nicht haben wollte – und sie das jeden Tag spüren ließ. Anfangs gelingt es Mickey immerhin noch, den engen Zusammenhalt mit ihrer kleinen Schwester Kacey aufrechtzuhalten, doch als diese mit 16 ebenfalls drogenabhängig wird, entgleitet sie ihr immer mehr. Heute sind beide erwachsen, haben jedoch seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr. Mickey arbeitet als Streifenpolizistin in Kensington und weigert sich, die Prüfung zum Detective abzulegen, denn dann wäre sie weg von der Straße – jener Straße, auf der Kacey anschaffen geht – und könnte ihre Schwester nicht mehr wenigstens auf diese Art im Auge behalten. Doch dann verschwindet Kacey – und in Kensington werden Prostituierte umgebracht.

Long Bright River von Liz Moore ist Krimi und Sozialstudie in einem. Während ich den Anfang ein wenig träge fand, nahm das Buch plötzlich derart Fahrt auf, dass ich es nicht weglegen wollte und sogar im Auto (ja, auf dem Beifahrersitz) gelesen habe. Um endlich zu erfahren, wo Kacey ist. Wer der Mörder ist. Was zwischen den beiden Schwestern vorgefallen ist. Dabei hatte ich permanent Szenen aus der Serie Shades of Blue vor Augen, die von korrupten Polizisten handelt. Und auch wenn Mickey im Buch wohl nicht aussieht wie Jennifer Lopez, war sie für mich eine ebenso toughe, zeitweise auch skrupellose Frau, die sich von ihren eigenen Gefühlen abgetrennt hat, um sich zu schützen. Kensington ist eine Stadt, die mit großer sozialer Ungleichheit und massiven Drogenproblemen zu kämpfen hat. Dass das in vielen amerikanischen Städten der Fall ist, bekommen wir hier in Europa gar nicht so mit, von hier aus hat das Leben in den USA oft einen goldenen Glanz. Long Bright Riverist, was man einen Pageturner nennt: ein Buch, das so fesselnd ist, dass man durch die Seiten rauscht. Großartiges Finale auch, ich habe es nicht kommen sehen.

Long Bright River von Liz Moore ist erschienen bei C. H. Beck.

Bücherwurmloch

„Irgendwo dazwischen – zwischen Sprache und Sein – sind Sie gefangen“

Kübra Gümüşay trägt ein Kopftuch. Sie ist Muslimin. Sie ist jeden Tag der Diskriminierung ausgesetzt, von der wir nur theoretisch wissen, die die meisten von uns nie persönlich erleben.

„Kaum ein Missstand ist plötzlich da. Meist bahnt er sich an, über Jahre. Nicht alle sehen Gräben, die er durch unsere Gesellschaft zieht, denn häufig geschieht das an Orten, die Privilegierte nicht erleben, so dass sie Probleme erst erkennen, wenn sie selbst betroffen sind. Die Erfahrungen der anderen, ihr Wissen, ist weniger wert.“

Jetzt hat Kübra Gümüşay, die sich mit Feminismus, Rassismus und Netzkultur auseinandersetzt, ein kluges, sinnvolles, wichtiges Buch über Sprache geschrieben. Über Sprache in Bezug auf Minderheiten, auf Frauen, auf Andersgläubige, auf Geflüchtete und all jene, die im Kreuzfeuer der Medien stehen.

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands.“

Mich hat Sprache und Sein in erster Linie daran erinnert, warum ich vor 18 Jahren Linguistik studiert habe. Wieso ich mich mit Sprache in der Politik und in der Werbung beschäftigt habe, weshalb mich Sprachwandel und Etymologie so fasziniert haben. Weil Sprache unendlich mächtig ist. Ich wollte alles lernen über dieses Mittel, uns auszudrücken, einander anzunähern und einander auszugrenzen.

„Sprache kann auch ein Werkzeug sein. Sie kann uns in der Dunkelheit der Nacht die helle Reflexion des Mondlichtes sehen lassen. Sprache kann unsere Welt begrenzen – aber auch unendlich weit öffnen.“

Überrascht hat mich an diesem Buch, dass es so freundlich und friedvoll ist. Kübra Gümüşay hat nicht zugelassen, dass der Hass, der ihr entgegenschlägt, in ihr wurzelt. Sie hat übersichtlich dargestellt, woher die Probleme rühren, sie argumentiert und entwaffnet und dann bietet sie Lösungen. Sie schreibt nicht wütend, nicht emotional, sie bleibt sachlich und hoffnungsvoll. Das hat mich beeindruckt, denn ich bin nicht hoffnungsvoll. Der Haken an der Sache ist jedoch: Dieses Buch werden nur Menschen lesen, die ohnehin sensibel sind. Menschen wie ich, die viel über Sprache wissen. Menschen, die schon auf einem guten Weg sind und es noch besser machen möchten. Es wird jene nicht erreichen, auf die es eigentlich ankäme: jene, die den Hass pflanzen und schüren, die schreiende Headlines schreiben, die anderen verbale Gewalt antun. Sie sind es, die Kübra Gümüşays Worte lesen sollten. Die ihren Verstand öffnen sollten und ihr Herz. Damit der Hass endlich nicht mehr Normalität ist.

Sprache und Sein von Kübra Gümüşay ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

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„Außerdem sehen die Leute gut aus und benehmen sich schlecht“

„Gesten der Zuneigung gingen uns nicht leicht von der Hand; sie waren eine Sprache, die wir nicht beherrschten.“

Das sagt Ich-Erzählerin Lark, die zusammen mit ihrer Schwester Robin bei einer lieblosen, die Kinder vernachlässigenden Mutter aufwächst. Das Umfeld macht die Schwestern einerseits zu Verbündeten, gibt ihnen jedoch andererseits kein Werkzeug an die Hand, um miteinander zu reden, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sich mitzuteilen und anzuvertrauen. Das haben sie nie gelernt, und das wird ihnen später zum Verhängnis, als sie, erwachsen geworden, zeitweise gemeinsam in New York leben, wo Lark eine Filmschule besucht und Robin an der renommierten Juilliard Klavier studiert. Es kommt, wie es kommen muss: Die Schwestern verlieren einander. Doch als sie Jahre später getrennt voneinander in Schwierigkeiten geraten, zeigt sich, dass Blut oft doch dicker ist als Wasser – und Familienbande nicht so leicht zerreißen.

Die kanadische Autorin Alix Ohlin, deren Roman In einer anderen Haut ich 2013 ganz gern mochte, hat ein emotionales, schönes Buch über eine Schwesternbeziehung geschrieben, das mit einer schnörkellosen, ruhigen Sprache besticht – und einer Geschichte, in die man sich richtig hineinfühlen kann. Es geht um die Wunden, die Mütter ihren Kindern zufügen und die wohl nie verheilen, es geht um das Bedürfnis, einander zu helfen, und um das Scheitern dabei. In erster Linie geht es aber um Sprachlosigkeit. Denn das ist es, wovon der Umgang zwischen Robin und Lark getragen ist: Sie, die aus Platzmangel im selben Bett schlafen, finden keinen Weg, miteinander zu reden. Ich-Erzählerin Lark spürt oft, dass mit ihrer Schwester etwas nicht stimmt, hat allerdings keinen Zugang zu ihr, und Robin erzählt ihr nicht, was sie bewegt. Das gibt dem Roman den Ton der Verzweiflung und Resignation, der jedoch immer wieder aufbricht, wenn eine der Schwestern erneut versucht, sich der anderen anzunähern. Im letzten Drittel ist die Story in meinen Augen ein wenig ausgefranst und verliert zu sehr an Tempo, ansonsten aber ist Robin und Lark ein lesenswerter, gefühliger Roman, den man getrost jedem empfehlen kann.

Robin und Lark von Alix Ohlin ist erschienen bei C. H. Beck.

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„Mögen die Spiele beginnen!“
Es gibt diese Bücher, die fangen völlig verrückt an und lassen dann spürbar nach. Und es gibt dieses Buch. Es fängt völlig verrückt an und steigert sich mehr und mehr bis zum furiosen Finale. Sebastian Stuertz hat auf über 700 Seiten eine Geschichte entworfen, die so wild, fantasievoll, originell und crazy ist, dass sie sich mit nichts vergleichen lässt. Und das ist auch gut so, denn diese krasse Mischung aus geilem 90ies-Trash, Coming of Age, Liebesromanze, Familiengeschichte und Krimi ist wahrhaft einzigartig. Ein Buch, bei dem ich abwechselnd den Kopf geschüttelt und gelacht habe. Worum es geht? Tja nun. Da ist Charlie. Er hat ein schwaches Herz und eine starke Nase – mit der er sogar riechen kann, wer gerade mit wem Sex hatte, wo sich ein Lichtschalter befindet und wie weit ein Hirsch entfernt ist. So einen jagt er mit seinem Großvater, und das geht nicht gut aus, weder für den Hirsch noch für den Großvater. Dann gibt es Mayra, Charlies heimliche Heldin und große Liebe, die leider in Mexiko lebt, seinen Vater Dito, der nur kifft und Musik macht, seine autistische Schwester Fritzi sowie die hübsche Sera, mit der Charlie eine Nacht verbracht hat, die er lieber vergessen möchte. Und wenn ihr jetzt denkt: Oh, ganz schön viel, dann seid versichert, dass ich euch noch nicht mal einen Bruchteil dessen geschildert habe, was in dieser Story abgeht. Ihr solltet sie deshalb am besten einfach selbst lesen. Und euch so richtig drauf einlassen.

Man kriegt mich mit guten Ideen. Nichts langweilt mich mehr als die immergleichen Settings in der Literatur, und Sebastian Stuertz beweist mit seinem Debüt, wie viel Spaß Schreiben und Lesen machen können. Es hat mich daran erinnert, wie viel Vergnügen mir Lesen in meiner Kindheit bereitet hat, als nichts eine Rolle gespielt hat, als ich nicht mit Lektorinnenaugen Formulierungen seziert und überkritisch auf jede Wendung reagiert habe, sondern eingetaucht bin in die Zügellosigkeit der Fantasie. Natürlich ist das stellenweise zu viel. Natürlich hätten es nicht 700 Seiten und gar so viele tollkühne Überraschungen sein müssen. Aber who cares! Das eiserne Herz des Charlie Berg ist für alle, die noch nicht aufgegeben haben. Die noch an Geschichten glauben, an Musik, an die Liebe, an Gulasch und an die Kraft der Literatur. Dieses Buch ist wie ein Rausch, eine Partynacht, in der so wahnwitzige Dinge passieren, dass ihr am Morgen denkt: Niemand wird mir das jemals glauben. Und in diesem Wissen schlaft ihr ein – mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Das eiserne Herz des Charlie Berg von Sebastian Stuertz ist erschienen bei btb.

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„Ich bin kein Anhalter. Ich bin ein Wegweiser“

„Es ist merkwürdig, obwohl Isa so aufmerksam ist, kommt sie nicht auf die Idee, dass jemand, der etwas hinter seinen Rücken hält, womöglich etwas zu verbergen hat.“

So endet das erste Kapitel dieses Buchs, und das lässt den Leser aufhorchen und wachsam werden. Was soll hier verborgen werden, vor wem, von wem? Ist der Ich-Erzähler Tiddo, der mit seiner Frau Isa und dem gemeinsamen Sohn Jonathan Island bereist, verlässlich? Die drei wirken anfangs wie eine normale Familie. Ja, da gibt es die üblichen Reibereien, aber eigentlich scheint alles gut zu laufen. Doch dann nehmen sie einen Anhalter mit, den Isländer Svein, der ihnen ein paar schöne Plätze abseits der Touristenmassen zeigt – und den sie dann nicht mehr loswerden. Ist dieser tätowierte Hüne überhaupt, wer er vorgibt zu sein? Durch seine Anwesenheit zerbricht das ohnehin bereits fragile Gleichgewicht zwischen Tiddo und seiner Frau – und Tiddo sieht keinen anderen Ausweg, als etwas ebenso Verrücktes wie Lebensgefährliches zu tun.

„Es ist schön, dass ich meinen Gemütszustand so gut kontrollieren kann, selbst bei schlechtem Wetter und Problemen. Das ist gut für uns alle.“

Der niederländische Autor Gerwin van der Werf treibt in diesem Roman ein amüsantes Spiel mit dem Leser. Bei einem Ich-Erzähler hat man keinerlei Möglichkeit, anhand anderer Perspektiven zu überprüfen, ob er die Wahrheit sagt, man sieht nur durch seine Augen. Umso gefinkelter, wenn man langsam merkt, dass vielleicht nicht jede Darstellung der Realität entspricht. Ein spannendes Setting und dazu die wilde Landschaft Islands: Der Anhalter punktet mit einer originellen Story und zerlegt geradezu meisterhaft eine vermeintlich idyllische Familie. Es ist ebenso faszinierend wie erheiternd, dass der laut lachende, attraktive Anhalter innerhalb kürzester Zeit das Dreiergespann vollkommen sprengt – und dass Tiddo so typisch männlich reagiert: besitzergreifend, herrisch, unbedacht. Ich muss gestehen, dass mich das Cover überhaupt nicht anmacht und ich nie nach dem Buch gegriffen hätte, dann aber froh war, dieses Lesevergnügen nicht verpasst zu haben. Es hat mich gut unterhalten, ich bin ein großer Fan doppelbödiger Geschichten im Stil Herman Kochs, mit dem Gerwin van der Werf auf jeden Fall mithalten kann. Empfehlung!

Der Anhalter von Gerwin van der Werf ist erschienen bei Fischer.

Bücherwurmloch

„Ist es nicht herrlich, ein Prolet zu sein?“
Theresa ist krank, sie übergibt sich, hat keine Kraft mehr. Dabei war die sechzigjährige Bäuerin immer stark. Ihr Mann Erich ist erst ratlos, dann verzweifelt. Wie soll er allein den Hof bewirtschaften? Wieso kann Theresa sich nicht zusammenreißen? Und warum spricht sie nicht mit ihm? Von den Kindern will niemand etwas von der Landwirtschaft wissen, sie sind der Enge des bäuerlichen Lebens längst entflohen. Familienzusammenhalt gibt es kaum, jeder ist sich selbst der Nächste.

„Selbst die Krankheit unserer Mutter hatte keinen vereinigenden Effekt, sondern trieb die Bruchstellen nur stärker zutage.“

Und so fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus, dem der tragende Untergrund entzogen wird.

„Auch meine Mutter litt unter den Umständen. Auch sie hatte eine Seele, so wie ich und alle anderen Menschen. Sie sehnte sich nach diesem und jenem, und sie empfand, fühlte und verzweifelte bisweilen, wie wir alle. Doch weil mir mein eigenes Leid näher war, ließ ich sie liegen und fuhr davon.“

Dominik Barta füllt sein schmales Buch mit vielen Themen: Überforderung und Einsamkeit, Ausländerfeindlichkeit, Ehebruch, Familienzwist und Egoismus. Er skizziert ein österreichisches Dorf, wie es klassischer nicht sein könnte, die Stammtischmentalität, die Tristesse des einfachen Lebens. Es ist ein genialer Kniff, dass er seine Protagonistin Theresa ausbremst, sie aus dem Rennen nimmt, sie nicht mehr funktionieren lässt. Dadurch kommt das Getriebe, das so viele Jahrzehnte lang einwandfrei gelaufen ist, zum Stillstand. Überall knirscht es. Keiner will wahrhaben, welche Rolle er an Theresas Zustand spielt. Sie ist die Frau, die Mutter, sie darf nicht krank sein, nicht an sich denken. Die Geschichte schildert der junge österreichische Autor aus verschiedenen Perspektiven, und dadurch wird sie so gut. Weil jeder zu Wort kommt, denn auch das ist in der Realität so, dass keiner das Maul halten kann. Und dass bei allem Gerede am Ende niemand hilft. Ein Roman, der eindrücklicher ist, als das etwas öde Cover vermuten lässt, und der, da trau ich mich zu wetten, ein heißer Kandidat für eine Nominierung zum Österreichischen Buchpreis ist.

Vom Land von Dominik Barta ist erschienen bei Zsolnay.

 

 

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 „Seine Frömmigkeit war hart wie Stein und voller Reue und Schmerzen“

„Manch einer lebt hervorragend mit einer zurechtgezimmerten Wahrheit. Sie mag schief und krumm sein, hält aber doch. Für manche ein Leben lang.“

Als Edvards wortkarger Großvater Sverre stirbt, realisiert er, dass er nun nie die Wahrheit erfahren wird über den Unfalltod seiner Eltern und die vier Tage, in denen er selbst, damals drei Jahre alt, verschwunden war. Soweit er weiß, sind seine Mutter und sein Vater in einem Wald in Frankreich ums Leben gekommen, weil sie auf eine Gasmiene aus dem Zweiten Weltkrieg getreten sind. Doch was ist wirklich passiert? Wieso hat er nie erfahren, dass sein Großvater einen Bruder hatte? Und warum hat der sich einst als Franzose ausgegeben? Edvard kann die große Unwissenheit nicht mehr ertragen und macht sich auf, das Rätsel zu lösen. Dabei trifft er eine geheimnisvolle Frau, erfährt von einer seltenen Holzart und einem Erbe, das ihn reich machen würde, sollte er es finden.

Dies ist ein Buch, das ich schwer einordnen kann. Teilweise liest es sich wie ein mordloser Thriller, es ist spannend, sehr originell, mit vielen Wendungen – hat aber dieses komplett blutleere Cover. Und einen Titel, den ich nicht verstehe, denn im Roman geht es um Walnussbäume. Ich habe sehr lange gebraucht, um es zu Ende zu lesen, was kein Urteil sein soll. Es bedeutet vielmehr (abgesehen davon, dass es mit 515 Seiten nun mal einfach recht dick ist), dass es informationsintensiv ist, man muss sehr aufmerksam sein. Edvard erfährt viel über seine Vergangenheit, dann noch mehr und noch mehr, er puzzelt alles zusammen, und es ist kompliziert. Gleichzeitig aber auch interessant, weshalb ich trotzdem am Ball geblieben bin. Eine verrückte Geschichte über Familiengeheimnisse, Kriegswirren und lebenslangen Groll in einem recht nüchternen, typisch norwegisch abgeklärten Ton. Sehr lesenswert, wenn man den langen Atem mitbringt.

Die Birken wissen’s noch von Lars Mytting ist erschienen bei Suhrkamp Insel.

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„Mit seiner Kochkunst hatte er uns süchtig gemacht“
Sie nennen ihn den Hund und erzählen sich über ihn, er habe in einem Erdloch im Kosovo gehaust, vergittert, ohne Tageslicht, habe dort seinen Geschmackssinn auf übermenschliche Art geschärft. Jetzt kocht er wie kein Zweiter, gesellschaftsfähig ist er nicht. Mit eisernem Willen verschafft der Hund sich eine Stelle in der Küche des El Cion, des teuersten und edelsten Lokals am Platz:

„Das eigentliche Geheimnis des El Cion war nie der reine Geschmack des Essens. Wenn man ehrlich war, schmeckten nur die Allerwenigsten den Unterschied zwischen einem Kobe- und einem Charolais-Rind, oder einem Vierzigeuro- und einem Vierhunderteurowein. Kaum einer erkannte den Unterschied am Geschmack, sondern nur an der zusätzlichen Null hinten, am Ende des Preises.“

Gemeinsam mit dem namenlosen Ich-Erzähler, der den Hund in einer Dönerbude kennengelernt hat, erkämpft er sich bei Chef Valentino einen Namen in dieser brüllend heißen, von Adrenalin und Panik erfüllten Küche, in der sich niemand auch nur den kleinsten Fehler leisten darf, wenn er seinen Job behalten will.

„Wenn es tatsächlich einen Gott des Geschmacks gäbe, einen bockfüßigen, dauergeilen, hakennasigen, nackten Gott, dem dralle Frauen mit dicken Titten ohne Unterbrechung Weintrauben in den Mund stopften, während sie auf seinem Gesicht ritten, dann würde er jetzt zu uns heruntergrinsen.“

Valentino ist ein aufbrausender Mann, ein Spitzenkoch, der bereits wegen Körperverletzung im Gefängnis war.

„Seine Augen waren müde und aggressiv und getrieben von einer rastlosen Suche nach tiefer Ruhe. Er hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der mehr erlebt hat, als ihm noch Zeit bleibt, davon zu erzählen, und sein kalter Blick schien jedem in seiner Nähe die Schuld dafür zu geben, dass er keinen Frieden fand.“

Und als dieser Valentino erkennt, welches Ausnahmetalent der Hund ist, wie rettungslos verzaubert die Leute sind, wenn sie seine Gerichte kosten, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

„Es sei gefährlich, sagte sie, die Menschen würden sich selbst erkennen in ihrer Schönheit und ihrer Hässlichkeit, in ihrer Verzweiflung und ihrer Sehnsucht, und es würde süchtig machen, sie habe Menschen erlebt, die hätten an seinem Essen gehangen wie andere an der Nadel.“

Dieses Buch ist geil, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Es ist vulgär, lüstern, sinnlich, triebhaft, ein wenig abstoßend, irgendwie erregend. Der Regisseur und Drehbuchautor Akiz erzählt darin von einem, der nicht zu dieser Welt zu gehören scheint, der sich allen Regeln des Miteinanders entzieht, der Gerichte kocht, die aussehen wie etwas, das auf der Straße überfahren wurde – und der damit die Menschen so erleuchtet, dass es sich anfühlt, als würde sich der Himmel über ihnen öffnen und sie mit Geschmack übergießen. Der Ton ist rau und krass, der Ich-Erzähler ist ein gnadenloser Schläger, die Sprache passt hervorragend zum hektischen Tempo in der Spitzengastronomie. Ein Buch, das mit Geruch und Geschmack spielt, muss sich freilich den Vergleich mit dem Alltime-Klassiker Das Parfum gefallen lassen, und natürlich erinnert Der Hund daran. Vor allem, weil auch Akiz eine Geschichte erdacht hat, in der Menschen etwas schmecken, das ihre Sinne sprengt und sie wahnsinnig werden lässt. Gier, Leidenschaft, Neid und die endlosen Möglichkeiten, die Gaumenknospen aufzugeilen, sind der Kern dieser verrückten, mitreißenden, überbordenden Story über einen, der am Rand der Gesellschaft steht und sie genau aus dieser Position heraus entlarven und zum Bersten bringen kann. Überspitzt, klug konstruiert, mit einem unausweichlichen Ende: ausgezeichnetes Buch!

Der Hund von Akiz ist erschienen bei hanserblau.

Bücherwurmloch

„It feels like all we ever do in this world is break each others’ hearts“
Ich hab dieses Buch nur aus einem einzigen Grund gekauft: wegen des großartigen Titels. Der bringt meine Einstellung zur Welt und zu den Menschen perfekt auf den Punkt. Als ich angefangen habe zu lesen, wusste ich erst einmal nicht, was mich erwartet. Daniel Zomparelli ist offenbar Dichter, er hat mehrere Gedichtbände veröffentlicht und arbeitet an verschiedenen Poesieprojekten. In den vorliegenden Storys erzählt er vom Daten und Feiern, von guten und schlechtem Sex sowie vom Versuch, als neurotischer Großstädter die Liebe zu finden. Manche Geschichten sind nur wenige Zeilen lang, fast wie ein Gedicht, dann wieder gibt es Figuren wie Ryan, die immer mal wieder auftauchen: Ryan trifft ein Grindr-Date nach dem anderen, manchmal geht das gut, manchmal nicht.

Nachhaltig beeindruckt hat mich die Story, in der ein Typ die ganze Zeit Angst hat, seine Haut zu verlieren, weil sie locker ist und rutscht – am Ende lässt er sie fallen, und seine Flügel kommen zum Vorschein. Ebenso gut und originell fand ich die Geschichte, in der ein Mann jede Nacht von einem Kerl träumt, mit dem er eine schöne Zeit verbringt – und dann morgens auf seinem iPhone Bilder von ebendiesem Mann findet und den Dingen, die sie im Traum gemacht haben. Dann gibt es da noch die Geschichte eines Kerls, der bemerkt, dass sein Freund, bei dem er gerade eingezogen ist, ständig mit jemand anderem spricht – und zwar mit dem Geist seines verstorbenen Ex-Freundes, mit dem sie dann sogar einen Dreier haben. Diese Beispiele zeigen, dass Daniel Zomparelli nicht davor zurückschreckt, Realität und Fantasie zu vermengen, wodurch die Short Stories angenehm surreal und seltsam werden. Grindr, Clubs, Sex und Drogen: Aber wo ist die wahre, die echte, innige Intimität? Diese Frage lauert zwischen den Zeilen dieser zynischen, zarten und sehr zeitgeistigen Geschichten.

„Soft eyes make me feel safe, so I always fall in love with the tired and sad looking guys.“

Everything is awful and you’re a terrible person von Daniel Zomparelli ist erschienen bei Arsenal Pulp Press Canada, auf Deutsch im Albino Verlag.

Bücherwurmloch

„Ich sah ihn an und dachte, er ist mir fremder als fremd und vielleicht liebe ich ihn“

„Haben Sie auch manchmal das Gefühl, Frau Gevorgian, die Arbeit an einem Buch ist mehr als Papier, Schimmel, Tinte, Leder? Wenn ich am Abend nach Hause gehe, vermisse ich dieses Buch, als wäre es etwas Lebendiges.“

Helen ist nach Jerewan gekommen, um ein Buch zu restaurieren, eine alte armenische Bibel. Sie hat Wurzeln in diesem Land, das sie nicht kennt, ihre Mutter gibt ihr ein Bild von Vorfahren mit, die Helen fremd sind. Sie findet rasch Anschluss bei den gastfreundlichen Menschen und lernt den jungen Soldaten Levon kennen, von dem sie sich angezogen fühlt. Zuhause gibt es Danil, mit dem sie zusammenwohnt. Viel mehr als an ihrer eigenen Geschichte ist Helen interessiert an der Geschichte des Buchs: Wer hat diese Sätze an den Rand gekritzelt, wo ist die Bibel gewesen, wer hat darin gelesen, wer hat verzweifelt gebetet? Im Jahr 1915 war dieses Buch alles, was den Geschwistern Anahid und Hrant geblieben war, als sie fliehen mussten. Und während sie auf der Suche waren nach einem Ort, an dem sie leben konnten, macht auch Helen sich auf die Suche – nach einer Spur, nach ihrem Ursprung, nach einer Antwort.

„Schon als Anahid noch klein war, war die Mutter sparsam mit Zärtlichkeiten, weil das Leben nicht verwöhnt. Anahid verstand das nicht, weil das Leben, das waren sie doch selbst.“

Katerina Poladjan hat ein wunderschönes, sehr stilles Buch geschrieben über Fremdheit und Entwurzelung, über das Bewahren von Dingen, die älter sind als wir selbst, und unsere Ehrfurcht davor. Elegant hat sie den Handlungsstrang der beiden Kinder, die mit der Bibel auf der Flucht sind, verwoben mit jenem der Restauratorin Helen, die behutsam und zärtlich dieselbe Bibel instand setzt, ohne je erfahren zu können, was Hrant und Anahid erlebt haben. Sie spürt die Geschichte hinter dem weitgereisten Gegenstand, hat aber keine Möglichkeit, seine Vergangenheit zu ergründen: All das ist längst geschehen, es ist vorbei. In einer bedachten, sparsamen Sprache erzählt die in Russland geborene Autorin, die für diesen Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert war, von der Liebe zu Menschen und Dingen. Ihre Protagonistin Helen ist jemand, der nicht nur mit dünnen Papierseiten vorsichtig umgeht, sondern auch mit Gefühlen. Hier sind Löwenist ein leises, kluges, bestechend ausdrucksstarkes Buch, das einen kleinen Einblick in die Geschichte Armeniens gibt – und in das Herz jener Menschen, die nicht, wie die meisten anderen, getrieben sind von Zerstörungswut.

Hier sind Löwen von Katerina Poladjan ist erschienen bei S. Fischer.