Bücherwurmloch

Bis 1. September habe ich mich den Backlist-Titeln aus meinem Regal gewidmet (wobei ich wohl genauso viele aussortiert wie gelesen habe, ähem), hier stell ich euch kurz die neuesten (haha) vor:

„Everything I know about love“ von Dolly Alderton war ein absoluter Überraschungsglücksgriff für mich, ich hab diesen Essayband über rauschige Partynächte, Frauenfreundschaften und die Liebe sehr gefeiert (und erzähle euch bald mehr darüber).

„Jesolo“ von Tanja Raich ist ein heftiges und vermutlich recht authentisches Buch über #regrettingmotherhood. Eine Frau, die eigentlich nicht zu ihrem Freund ziehen, die eigentlich kein Kind bekommen wollte, wird schwanger – und fügt sich seinen Vorstellungen und denen der Schwiegereltern. Während ich das lese, kann ich (besonders, da ich zwei Kinder habe) vieles absolut nachvollziehen. Schade nur, dass das Ende wirr ist, das fand ich nicht gut gelöst.

„Erbsenzählen“ hat Gertraud Klemm mir geschenkt, als wir uns vor einer Weile persönlich kennengelernt, eine ganze Packung Eis gegessen und über die Hässlichkeit hängender Hoden gesprochen haben: Keine schreibt so bissig, schlau und österreichisch wie sie. In diesem Buch geht es um eine Frau, die einen wesentlich älteren Mann liebt, der im Kulturbereich arbeitet – sehr schön entlarvend, das alles.

„Lempi“ von Minna Rytisalo ist euch bestimmt schon untergekommen, weil so viele Leute Lobpreisungen darauf gesungen haben, und ich kann nur zusagen: zu Recht. Es ist eins dieser Bücher, in denen kein Wort zu viel ist. Finnland im Zweiten Weltkrieg, zwei rivalisierende Frauen, Gewalt, Angst und Tod – davon erzählt Rytisalo aus drei verschiedenen Perspektiven klar und schonungslos, aber trotzdem einfühlsam. Großartig!

Bücherwurmloch

„Die Zeit vergeht, aber wann beginnt das Leben?“
Sie ist immer mit einer Kamera um den Hals herumgelaufen: Vivian Maier. Als sie am Leben war, hat niemand sie gekannt, und die meisten ihrer Bilder hat sie nie entwickelt. Nach ihrem Tod, als in ihrer Wohnung 200.000 Fotografien gefunden wurden, hat sie es zu überraschender posthumer Berühmtheit gebracht. Sie wird als geniale Straßenfotografin bezeichnet, und offenbar hat sie tatsächlich ausschließlich auf der Straße fotografiert: im Vorbeigehen, mit einem entwaffnenden Blick für ein gutes Bild. Ich stelle mir vor, dass diese 200.000 Fotos Momentaufnahmen sind von Menschen, Gebäuden, Situationen in Chicago und New York, viele davon, vielleicht sogar alle, unwiederbringlich verloren. Über das Leben dieser Dokumentarin Vivian Maier gibt es offenbar wenig Informationen, doch die dänische Autorin Christina Hesselholdt hat sich ihr trotzdem literarisch genähert – indem sie ein Kaleidoskop an Stimmen entworfen hat, manche fiktiv, andere nicht.

Ich muss gestehen, dass die Lektüre von Vivian für mich kurios war: Ich mochte das Buch nicht, viele darin enthaltene Sätze aber schon. Die Idee an sich ist großartig, in kurzen, aufeinander wechselnden Monologen berichten Vivian selbst, ihre Arbeitgeber, bei denen sie als Kindermädchen angestellt war, sowie die eine oder andere Randfigur von dieser rastlosen Frau, die schnell ging, Bilder schoss, ohne zu fragen, mit einer unglücklichen Mutter aufwuchs, die den Bruder einfach abgegeben hat, ein Gespräch ist das nicht, alle diese Figuren reden nicht miteinander, eher aneinander vorbei. Immer wieder mischt sich der Erzähler ein, den ich am interessantesten fand, weil er einfach random facts von sich gibt – aber auf fast schon poetische Weise. Und ja, die Poesie: Einige Sätze hab ich mir rausgeschrieben, die hab ich goutiert, obwohl ich das große Ganze unzugänglich fand, ich hatte nicht das Gefühl, Vivian kennenzulernen. Christina Hesselholdt hat viel erzählt, aber wenig gesagt oder vielmehr hat sie gezeigt, dass diese Frau eben eine Unbekannte war, die für sich geblieben ist.

Wir öffnen den Mund, und heraus kommen – wir selbst.

Wenn man alt wird, hat man nur seinen Stahlhelm aus grauen Haaren, seinen Alterspanzer; und das schlechte Gewissen der anderen, das Schuldgefühl, in dem man herumstochern kann.

Seit Jahren hat mich niemand mehr berührt, und vermutlich wird es auch niemand mehr tun. Nicht, ehe meine Leiche gewaschen wird, ich hoffe auf sanfte Hände.

Die Kamera macht einsam, weil sie beschneidet, weil sie etwas (das Motiv) aus seinem Zusammenhang reißt. Sie ist brutal. Sie lügt. Die Kamera lügt immer.

Früher dachte ich, Einsamkeit würde bedeuten, endlich meine Ruhe zu haben, jetzt weiß ich, es bedeutet, dass niemand mehr da ist, der auch nur ein kleines bisschen über mich weiß.

Die Leute lieben Rätsel, das Unabgeschlossene und das Unerklärliche sind wahnsinnig anziehend. Ich bin die geheimnisvolle Dame, die durchgesägte Dame, deren Vergangenheit abgetrennt wurde.

Der Erzähler ist der eigentliche Verbrecher.

Wann fällt mein Vater vom Himmel, wann schießt meine Mutter aus dem Boden, ich bin allein und wohne in einer Nische meiner selbst.

Jeder, den man lange genug anstarrt, wird einem irgendwann befremdlich erscheinen.

Vivian von Cristina Hesselholdt ist erschienen bei Hanser.

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„Ich habe nie verstanden, warum immer nur die schlechten Erfahrungen uns prägen“
Als Antonia in den 1970er-Jahren ein kleines Mädchen ist, wird sie von einem Trainer „entdeckt“: Sie ist vielleicht dünn, biegsam und ehrgeizig genug, um als Turnerin Erfolg zu haben. Antonia, die zuhause bei den Eltern und den zwei Brüdern kaum Zuwendung bekommt, blüht unter der Aufmerksamkeit des Trainers auf. Sie übt, sie hungert, sie kasteit sich, sie bringt ihren Körper an jede nur erdenkliche Grenze. Antonia kämpft: um die Liebe ihrer Mutter Elsa, um die Anerkennung von Trainer Henz, um sportliche Triumphe, die beinahe unmenschlich scheinen. Vierzig Jahre später begleitet Antonia ihre Mutter in deren letzten Lebensmonaten in einem Altenheim. Die beiden führen Gespräche, reden endlich über alles, was damals geschehen ist, kommen einander nahe – und auch wenn sie vielleicht nicht zu einer Versöhnung in der Lage sind, erkennen sie doch zumindest die Muster, die ihrem Verhalten zugrunde lagen.

„Antonia wunderte sich immer wieder, dass diese Momente, die alles veränderten, so unscheinbar dahergeschlichen kamen. Man machte es sich gemütlich und merkte nicht, wie das Schicksal sich zusammenduckte und seine Krallen schärfte.“

Evi Simeoni ist eine mit Preisen bedachte Sportjournalistin und schreibt beeindruckende Bücher, die von Extremsport handeln. Ihr erster Roman Schlagmann hat mich massiv beeindruckt, mit Rückwärtssalto hat sie mich erneut sehr beschäftigt: Ich musste viel über dieses Buch nachdenken. Über die Verrücktheit von uns Menschen, dass wir in sportlichen Bereichen Utopisches von Körpern verlangen, die dazu – wenn überhaupt – nur durch unverhältnismäßige Opfer oder Doping in der Lage sind. Die Spätfolgen sind heftig: Diese Körper, die solche sportlichen Ziele erreicht haben, sind hinterher kaputt. Heftig ist auch die Mutter-Tochter-Beziehung im Buch, getragen von alten patriarchalischen Vorstellungen, von Neid und der Unfähigkeit, es besser zu machen als die eigenen Eltern. Antonias Brüder werden bevorzugt, Antonia soll – wir schreiben die Siebziger – ihren Platz kennen, sie wird nicht gefördert, nicht unterstützt. Das zu lesen, ist schmerzhaft und bitter. Die Rahmenhandlung, in die die Erinnerungen an Antonias eingebettet sind, ist geprägt von einer Aussprache, von Vorwürfen, von Einsichten, die Jahrzehnte zu spät kommen – aber auch von Erlösung.

Rückwärtssalto von Evi Simeoni ist erschienen bei Klett-Cotta.

 

 

 

 

 

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„Dieses Glück, das man nur mit geschlossenen Augen ertragen kann“
„Wenn der Wald dich mag, dann verschluckt er dich und niemand wird dich mehr finden.“ Das hat der Vater einst zu Agnes gesagt, und alles hat er ihr beigebracht über das Jagen und die Pflanzen und das Überleben in den Bergen. Es sind raue Zeiten, in denen die 15-Jährige aufwächst, denn von Gleichberechtigung, #metoo und der Förderung kindlicher Interessen hat noch niemand etwas gehört – schon gar nicht auf dem Land. Über Agnes wird verfügt, über Agnes wird entschieden: Obwohl sie lieber Mechanikerin werden möchte, muss sie eine Lehre in der Raika, im Lagerhaus anfangen – und wird dort von den Männern drangsaliert, verspottet und angegriffen. Die Schuld gibt man ihr, wem auch sonst, geglaubt wird ihr nicht. Und wer sollte ihr helfen? Die Mutter hat Krebs im Endstadium, der Vater ist nicht in der Lage, die Familie zusammenzuhalten, die zwei kleinen Geschwister sind vollkommen abhängig davon, dass Agnes sich um sie kümmert. Das tut sie. Und zwar auf völlig unerwartete Weise.

Wolfsegg hat mich sehr überrascht: Eigentlich hatte ich alle Bücher für den Urlaub schon gepackt, eigentlich wollte ich nur kurz reinschauen, weil eine Freundin es mir am Abend davor noch in die Hand gedrückt hat. Und dann war ich dermaßen gefesselt, dass ich den gesamten Roman schon auf der Fahrt in den Urlaub verschlungen habe: Ich wollte unbedingt wissen, was mit Agnes und ihren Geschwistern geschieht. Peter Keglevic, wie ich in Salzburg geboren, beschreibt ein Dorf, einen Ort, eine Landschaft, die ich kenne, mit der ich zutiefst verbunden bin, denn ich bin selbst in den Bergen aufgewachsen. Seine Geschichte ist wild und krass und schmerzhaft und österreichisch, sie ist derb und böse und dabei doch so unglaublich wahr. Er erzählt von einem Mädchen, das stark, eigenwillig und mutig ist – und trotzdem keine Chance hat. Weil der Dorfverband der Männer so ein Mädchen nicht dulden kann. Weil es dort ein Kinderheim gibt, in dem unfassbare Verbrechen begangen werden. Weil Kinder ohne Eltern so schutzlos den Schrecklichkeiten dieser Welt ausgeliefert sind. Wolfsegg ist ein Roman wie eine Eisenfaust – und die schlägt erbarmungslos zu. Auf die Beine des Lesers. Auf die Brust. Und schließlich ins Gesicht. Das ist schwer auszuhalten, und es macht wahnsinnig wütend, dass so unmenschlich umgegangen wird mit Agnes, mit ihrer Mutter und ihrem Vater, mit ihren Wünschen und ihrem Körper. Sehr heftig, sehr gut! (Die Freundin, die es mir geliehen hat, hat mir übrigens nahegelegt, den Klappentext nicht vorher zu lesen, weil er extrem spoilert. Ich hab mich dran gehalten und lege es euch ebenfalls nahe.)

Wolfsegg von Peter Keglevis ist erschienen bei Penguin.

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„Ein Abend im Mai hatte ihr Leben und unseres in den Sturm gestellt“
Denn an diesem Abend im Mai hat der Vater von Edgar und Roman mit der Tierärztin getanzt, vor den Augen der Mutter, vor den Augen aller – und sich in sie verliebt. Es ist eine Verkettung wirklich unglücklicher Umstände, die an diesem Abend ihren Ausgang nimmt – und letztlich dazu führt, dass die beiden Brüder, noch nicht ganz volljährig, plötzlich ins Heim verfrachtet werden. Das Jugendamt hat die beiden nach ein paar pubertären Streichen beobachtet, und weil der Vater sich entzieht und die Mutter in ihrer Verzweiflung anfängt zu trinken, werden Edgar und Roman gegen ihren Willen von zuhause fortgebracht – alte politische Streitigkeiten im Hintergrund tun ihr Übriges. Denn wir schreiben das Jahr 1972, und die Zeit der Nationalsozialisten ist noch nicht allzu lange her. Die Menschen wissen noch, wer damals auf welcher Seite stand – und wer was getan hat. Das finden die Brüder auch im Heim schnell heraus: dass die Vergangenheit dort noch lange nicht ruht.

„Der Flur in dem dreistöckigen Bau mit den hohen Fenstern stank. Nicht nach Schmutz, nicht nach Erbrochenem oder Krankheit, er stank nach Angst. Wir konnten sie riechen.“

Jeden Tag erleben sie Grausamkeiten aller Art, mit den Buben wird nicht zimperlich umgegangen. Die Heimleiter sind Sadisten, und sie haben eine Menge zu verbergen. Als Edgar und Roman herausfinden, was das ist, verschärft das die Gefahr, in der sie sich befinden, noch mehr.

„Es ist wichtig, dass dein Gegner dich nicht in vollem Maße kennt, das sollte ich später begreifen. Du musst ein Rätsel bleiben.“

Willi Achten hat ein Buch geschrieben, das sich anfühlt wie zwei eiserne Hände am Hals, die von Seite zu Seite mehr und mehr zudrücken. Es fängt so heiter an, wir lernen eine glückliche Familie kennen, doch das drohende Unheil schwingt bereits in jeder Zeile mit. Und als es dann kommt, ist es, obwohl man es erwartet hat, dennoch furchtbar: Ich glaube manchmal, gewisse Kinderheime sind, wo auch immer auf dieser Welt, die schrecklichsten Orte, an denen man landen kann. Die völlige Entmenschlichung der Kinder, die unfassbare Brutalität der Erwachsenen beschreibt Willi Achten so eindrücklich, dass ich immer nur stückweise davon lesen konnte und den Roman dann zur Seite legen musste – um wieder zu Atem zu kommen. Der deutsche Autor, der mich bereits mit Nichts bleibt begeistert hat, hat erneut bewiesen, dass er vor ernsten, heftigen Themen keine Angst hat – ganz im Gegenteil: Er widmet sich ihnen mit Aufmerksamkeit, Herz und Verstand. Denn das Schlimme an diesem Buch ist, dass man – so fiktiv es sein mag – genau weiß: Diese Dinge sind so geschehen.

„Der erste Eindruck, der erste Blick in sein und in unsere Gesichter würde entscheidend sein. In der ersten Sekunde kann man sich kaum verstellen, sitzt die Wahrheit, hockt das eigentliche Befinden in den Zügen und in den Augen. Erst wenn man spricht, kann man sich hinter den Worten verstecken und eine Tarnung einnehmen, die zunächst noch brüchig, dann fixiert ist, wie eine Maske, wenn man geschickt in solchen Dingen ist. Ich war es nie, Roman schon.“

Die wir liebten von Willi Achten ist erschienen bei Piper.

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„Immer wieder interessant, wie sehr man etwas vermissen kann, das man, solange es da war, für selbstverständlich gehalten hat“
Onkel Beppo ist groß, und er war für Hugo sowas wie ein Großvater – allerdings ohne verwandt zu sein. Zur Beerdigung reist Hugo deshalb zurück in die burgenländische Provinz, wo er herkommt, und sofort überschlagen sich die Ereignisse: Zwei merkwürdige Frauen fragen ihn nach einer antiken Flinte, weil sie glauben, dass er wüsste, wo Onkel Beppo sie versteckt hat, Hugo wacht in fremden Klamotten und mit Gedächtnislücken auf, wird verprügelt, versucht, sich an früher zu erinnern, und wird immer nur noch verwirrter. Was hat es mit dem Geheimnis auf sich, von dem der Pfarrer spricht? Warum sagt ihm niemand die Wahrheit über Onkel Beppo? Wieso haben die geheimnisvollen Frauen so viel Geld? Und sind sie wirklich gefährlich?

Sebastian Janata, Teil der österreichischen Band Ja, Panik, hat einen kurios-aufregenden Debütroman geschrieben, der mich sofort eingesaugt hat: Die ersten 150 Seiten habe ich ohne Pause durchgesuchtet, obwohl ich anfangs eigentlich „nur mal kurz reinlesen“ wollte. So weit, so gut, die absurden Ereignisse, das typisch österreichische Setting, die absonderlichen Figuren hatten es mir angetan, und ich bin der Geschichte sehr gern gefolgt. Sie ist witzig, originell, verblüffend und vor allem: anders. Anders als die Mainstream-Storys, die wir alle zur Genüge kennen, mit Biss, Einfallsreichtum und Schmäh. Im letzten Drittel verliert das Buch für mich ein wenig an Kraft, und das Ende kommt recht hingenudelt daher: Das war mir zu abrupt. Hinterher hatte ich noch mehr Fragen als vorher, und da hätte ich ihn gern angerufen, den Janata, um ihn zu fragen, was das bitte alles soll. Ich hätte da gern noch 50 Seiten mehr gehabt, und das wiederum ist ja eigentlich ein Kompliment an ihn und an dieses Buch.

Die Ambassadorin von Sebastian Janata ist erschienen bei Rowohlt.

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„Aber die Träume blieben, und nachts lag sie vor Angst starr im Bett“
Zu Beginn ihres Studiums lernen Max und Katie sich kennen, und nachdem geklärt ist, dass sie nicht miteinander schlafen werden, werden sie beste Freunde. Sie machen alles gemeinsam, verbringen viel Zeit zusammen – und lernen irgendwann die Familie des jeweils anderen kennen. Das ist für Katie verhängnisvoll, denn bei einer Party wird sie, während unten alle feiern, oben in einem Schlafzimmer von Max‘ Cousin Lewis vergewaltigt. Sie erzählt niemandem davon, schließt das Trauma in sich ein und zieht sich immer mehr zurück – auch von Max. Er, der sie so gut kennt, sollte merken, dass etwas mit ihr nicht stimmt, doch letztlich ist er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Die Einzige, die eines Tages Katies Geheimnis aufdeckt, ist seine Mutter Zara, eine berühmte Regisseurin. Und während der Klappentext behauptet, dass sie dann „etwas Ungeheuerliches tut“, ist das nicht ganz wahr, sondern ein wenig Clickbaiting, denn Zara will Katie helfen.

Rosie Price hat ein Buch über eine Vergewaltigung geschrieben, und ich selbst habe das auch getan, ich finde: Wir brauchen mehr Bücher über sexualisierte Gewalt. Über das, was Frauen geschieht, jeden Tag, überall auf der Welt. Das sind keine erfundenen Geschichten, sie sind real, sie umgeben uns, prägen uns – und müssen Eingang in die Literatur finden. Rosies junge Heldin Katie weiß nicht, wie sie umgehen soll mit dem Erlebten, sie vertraut sich niemandem an, sie reagiert wie viele Vergewaltigungsopfer und sucht die Schuld bei sich, weil sie sich nicht gewehrt hat. Dadurch kann Rosie Price gut ausloten, in welchen Zwiespalt eine Frau gerät, in welchen Abgrund, in welche Verzweiflung: Körperlich ist Katie scheinbar unversehrt, aber ihr Leben gleitet ihr aus den Händen. An manchen Stellen ist mir das ein wenig zu langatmig, auch zu seicht, man hätte straffen und zuspitzen können, aber: Insgesamt ist dies eine wichtige und deshalb eine lesenswerte Geschichte, die sehr deutlich zeigt, dass wir noch viel Arbeit vor uns haben, bis Gewaltakte wie dieser endlich geächtet und bestraft werden – und am besten gar nicht mehr geschehen.

Der rote Faden von Rosie Price ist erschienen bei Rowohlt.

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„Wenn er mit Marianne redet, hat er den Eindruck, dass zwischen ihnen vollkommene Vertrautheit herrscht“
Sie kennen sich, weil Connells Mutter bei Marianne zuhause putzt: Die beiden Teenager gehen auf dieselbe Schule, haben aber dort nichts miteinander zu tun. Das liegt vor allem daran, dass Marianne unbeliebt ist – und Connell nicht will, dass jemand mitbekommt, wie sehr er sie mag. Der äußere Schein ist ihm wichtiger als das, was er empfindet. Dieser Verrat bringt sie auseinander, doch auf dem College kreuzen ihre Wege sich erneut. Und schnell wird klar: Connell und Marianne können nicht miteinander. Ohne einander aber auch nicht …

Sally Rooney ist the next big thing am Literaturhimmel: gehyped ohne Ende, als „literarisches Phänomen des Jahrzehnts“ und als „J. D. Salinger der Snapchat-Generation“ bezeichnet und mit zahlreichen Preisen bedacht. Deshalb war ich neugierig auf ihr aktuelles Werk, das als Miniserie verfilmt wurde, und wollte wissen, was dran ist am Mysterium Rooney. Übersetzt von Zoë Beck, zeigt „Normale Menschen“ sehr schnell, dass es sich eines klassischen Stoffs bedient – transportiert in die Moderne. Zuerst hat mich das gewundert. Warum schreibt eine 1991 geborene Autorin einen so unoriginellen Roman über eine schwierige Liebe, über zwei Menschen, die sich ihre Gefühle nicht eingestehen können, warum wirft sie sich mitten ins Klischee, wo wir alle das doch schon hundertfach gelesen haben? Dann habe ich verstanden, dass dieses Thema schlicht zeitlos ist – und auch die heute junge Generation betrifft. Ja, es gibt viel mehr Kommunikationskanäle und Möglichkeiten als früher, doch das nutzt gar nichts, wenn zwei Liebende an ihren inneren Mauern scheitern. Es geht in „Normale Menschen“ um Oberflächlichkeit und das Image, das wir von uns entwerfen, obwohl es nichts mit unserem wahren Sein zu tun hat. Es geht um Sex und Scham, um Verletzungen und jene besondere Verbindung, die manchmal zwischen zwei Menschen besteht – sogar dann, wenn sie nicht zusammen sein können. Das ist berührend, gefühlvoll, nachvollziehbar und intelligent gemacht, auch wenn die großen Überraschungen freilich ausbleiben. Gut geschrieben ist es auch, keine Frage – obwohl ich mir an manchen Stellen mehr Feinschliff erhofft hätte vom literarischen Phänomen des Jahrzehnts. Nichtsdestotrotz eine stabile, lohnende Lektüre, für alle Generationen.

Normale Menschen von Sally Rooney ist erschienen bei Luchterhand, wo ihr noch bis zum 30. September das Buch im Paket mit einem T-Shirt gewinnen könnt. Dieser Beitrag ist Teil einer bezahlten Kooperation, die Meinung ist natürlich meine eigene.

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Heute geht es munter weiter mit den Backlist-Titeln meines diesjährigen Sommers, voilà:

„Blasmusikpop“ von Vea Kaiser: Endlich habe ich den Erstling einer von Österreichs erfolgreichsten Autorinnen gelesen und war begeistert. Fantasievoll, klug, mit pfiffigen Wendungen und österreichischem Schmäh entführt das Buch in die Alpen in ein kurios-liebenswertes Dorf.

„Das Herz ist ein einsamer Jäger“ von Carson McCullers, die mich mit der Ballade vom traurigen Café zu Tränen gerührt hat: Sie ist eine der großen amerikanischen Erzählerinnen, unverblümt, nah an den Menschen dran, sie liebt die Andersartigen, die Ankaputteten, die Verstörten. Ihre Romane sind einzigartige Klassiker.

„Schweigend steht der Wald“ von Wolfram Fleischhauer hab ich gelesen, weil ich durch ein spannendes Interview mit ihm (er arbeitet als Dolmetscher in Brüssel und bekommt dort die krassesten Dinge mit) auf „Das Meer“ aufmerksam wurde. Der Wald-Thriller ist ruhig, angenehm zu lesen, nette Geschichte, das Ende klassischerweise ein wenig an den Haaren herbeigezogen, aber okay.

„Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung“ von Philippe Claudel wurde mir mal hier auf Instagram empfohlen (ich weiß leider nicht mehr, von wem) und ist ein stilles, schönes Büchlein über zwei einsame Männer, die keine gemeinsame Sprache haben und doch so viel miteinander teilen. Eine rührende Geschichte über Toleranz und Nächstenliebe.

„The storied life of A. J. Fikry” von Gabrielle Zevin hab ich ebenfalls wegen Instagram gelesen: Natürlich hab ich auch hier vergessen, wer es mir nahegelegt hat (ja, so bin ich). Cover und Titel erscheinen mir in dem Fall abartig unpassend, denn das Buch ist eine leichte Sommerlektüre, eine Liebesgeschichte zwischen einem Buchhändler und einer Verlagsvertreterin, ein kleines Mädchen wird auch adoptiert, sehr rührselig alles.

„Supper Club“ von Lara Williams erzählt von jungen Frauen, die sich regelmäßig zu wahren Festgelagen treffen, um sich zu wehren gegen das, was die Gesellschaft ihnen auferlegt: dünn zu sein, still zu sein. Sie wollen bewusst mehr „Raum einnehmen“, auch körperlich. Sehr geniale Idee, es geht auch viel um Feminismus, Sexismus und toxische Beziehungen.

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Jedes Jahr im Sommer, sobald ich alle Frühjahrsrezensionsexemplare gelesen habe und bevor ich mich den Herbsttiteln widme, lese ich Backlist. Das ist für mich Entschleunigung pur. Und das ist der erste Backlist-Schwung:

„Wolfsegg“ von Peter Keglevic: Ein aufwühlendes Buch über ein 15-jähriges Mädchen, das in den 70er-Jahren mit sexualisierter Gewalt, dem Verlust der Eltern und dem harten Leben in den Bergen zu kämpfen hat. Sehr krass, sehr gut!

„Die Lektionen“ von Naomi Alderman erzählt vom reichen College-Studenten Marc, einer schillernden, exzentrischen Persönlichkeit, von der alle sich angezogen fühlen. Gut lesbar und unterhaltsam, ihr Buch „The Power“ hat mich jedoch wesentlich mehr beeindruckt.

„Ein anständiger Mensch“ von Jan Christophersen ist nett, mehr auch nicht. Aus der Geschichte über zwei Paare, Sex und giftige Pilze hätte der Autor, von dem ich „Schneetage“ sehr mochte, mehr rausholen können, ich fand es langatmig und das Ende zu unspektakulär.

„Eisnattern“ von Simone Buchholz: Wer die Hamburg-Krimis von Simone kennt, liebt sie eh, und wer sie nicht kennt, muss das schleunigst ändern. Sie sind Kult! Und das zu Recht. Ich lese gerade die gesamte Reihe von vorn, das ist Band vier – und wie immer großartig.

„Rückwärtssalto“ von Eva Simeoni hat mich sehr beschäftigt: Wie in „Schlagmann“ (unbedingt lesen!) zeigt die Sportjournalistin, was Extremsport mit Körper und Geist anrichtet, dieses Mal geht es um ein Mädchen, Antonia, das verbissen um den Erfolg als Turnerin kämpft.

„In einer Nacht, woanders“ von Katerina Poladjan habe ich gelesen, weil mir „Hier sind Löwen“ so gut gefallen hat. Das schmale Buch kommt nicht so recht über das Klischee hinaus: Eine junge Russin kehrt heim, um nach dem Tod der Großmutter deren Haus auszuräumen, und erinnert sich. Gut geschrieben, schöne Bilder, Familiengeheimnisse werden auch aufgedeckt, aber kein Muss.