Bücherwurmloch

„Weiße Frauen wollten um jeden Preis mit weißen Männern gleichziehen, auch indem sie die Vorherrschaft über BiPoC an sich rissen“

Ich weiß gar nicht, wie man Mensch sein kann, ohne sich zu schämen. Ich schäme mich schon so lange für das, was wir als Menschheit sind, wie wir uns verhalten, wie grausam, blind und selbstsüchtig wir sind. Die Lektüre von Rafia Zakarias Buch hat dieses Gefühl noch weiter befeuert. Frauen sind nicht die besseren Menschen. Feministinnen sind keine besseren Menschen. Schon gar nicht, wenn sie weiß sind. Warum ein Feminismus, dem man sich anschließen könnte, unbedingt und zwingend intersektional sein muss, erklärt die Anwältin und Aktivistin Rafia Zakaria, selbst in Pakistan geboren und durch eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann in die USA gekommen, schlüssig und nachvollziehbar anhand von Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart. Und gerade jetzt habe ich es getan: eine Verknüpfung hergestellt zwischen ihrer pakistanischen Herkunft und ihrer Biografie als Frau, die häusliche Gewalt überlebt hat. Das ist das Bild, das wir im Kopf haben von Frauen überall auf der Welt, solange sie nicht in Europa sind: dass sie sich in einer prekären Lage befinden, dass sie unsere Hilfe brauchen, unsere Belehrungen, unsere Expertise, unser Geld.

„… wird der weiße Feminismus immer noch als der Feminismus schlechthin präsentiert. Wenn Frauen of Color im weißen Feminismus eine Rolle spielen, dann sind sie Nebendarstellerinnen oder Bemitleidenswerte. Sie kämpfen um ihr Überleben oder um eine Schule oder ein Krankenhaus, und nicht um die Wahrnehmung als ganzheitliche und komplexe Menschen.“

Tatsache ist: Femismus ist in Wahrheit eine globale Bewegung, hat überall ihren Ursprung, nur sehen wir das in unserem Eurozentrismus nicht. Wir ignorieren die Folgen der Kolonialisierung und dass wir es waren, die vielerorts die Emanzipation der Frauen ausgebremst haben. Wir sind zutiefst rassistisch und unsolidarisch, geprägt von unserem White Savior Complex.

„Der Trickle-down-Feminismus, bei dem eine Lösung von oben heruntergereicht wird, ist kein intersektionaler Feminismus, sondern ein diktatorischer Feminismus.“

Rafia Zakarias Buch ist eine Herausforderung in jeder Hinsicht, und das ist gut so. Vielleicht hilft das Buch dabei, uns wachzurütteln und uns zu zeigen, dass wir niemals über Frauen anderer Herkunft stehen. Dass es, wenn überhaupt, nur gemeinsam möglich ist, etwas zu verändern.

„Es geht nicht darum, weiße Frauen aus dem Feminismus zu verdrängen, es geht darum, das Weißsein aus dem Feminismus zu verdrängen, in dem Sinne, dass Weißsein gleichbedeutend mit Herrschaft und Ausbeutung ist.“

Lest das.

Against white feminism von Rafia Zakaria ist erschienen bei hanserblau.

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„Nachts, wenn alle schlafen, komme ich gut zum Weinen“

„Wir spüren den Hunger unserer Großeltern, wir sprechen die Sprache unserer Urgroßeltern, wir kochen die Gerichte der Menschen, die Nachtbeeren pflückten und sie mit nach Russland nahmen, und trotzdem dachte Kornelius, dass sein Leben trennbar sei von dem der Bauern, auf die er herabsah.“

Nelli hat Kornelius geheiratet, weil er verfügbar war und weil ihre Aussichten nach ihrer Metzgerlehre ohnehin nicht rosig waren. Nelli ist zum Glauben übergetreten, weil es sich angeboten hat und sie nach dem Tod ihrer Öma diese große Leere gespürt hat, die mit nichts zu füllen war. Nelli hat sich mit ihrem Sohn Jakob eingeigelt, weil sie zu ihm eine enge Verbindung hat und keine weiteren Kinder mehr bekommen konnte. Jetzt ist Jakob schon fünfzehn, die Öma fehlt Nelli immer noch arg, und Kornelius ist verschwunden. In Rückblenden erzählen Jakob, Nelli und ihr Bruder Eugen vom Aufwachsen als Russlanddeutsche, von der plautdietschen Sprache und der mennonitischen Familie, von Heimat und Entwurzelung. Was auch immer im Angebot ist, wird palettenweise gekauft, der Alkohol fließt in Strömen, Frauen und Männer fügen sich in die traditionellen Rollenbilder, was vor allem bei Nelli für depressive Zustände gesorgt hat, und über allem liegt das Gemeinschaftsgefühl von Menschen, die sich aneinander festhalten.

„Unsere Leute, also ohnse, haben sich nie versteckt, es konnte sie nur keiner finden, weil sie nie jemand gesucht hat.“

Elina Penner ist selbst in der ehemaligen Sowjetunion geboren und 1991 nach Deutschland gekommen. Ihrem Debütroman merkt man an, dass sie weiß, wovon sie spricht, und das macht ihn so gut: dass er Einblick gibt in eine Lebenswelt, über die wir Außenstehende – die Hiesigen – wenig bis nichts gelernt haben. Sie schildert die Bräuche und Gerichte, verwendet die entsprechenden Begriffe und beschreibt ein Familiengefüge, das an den Umständen zerbrechen könnte, irgendwie aber trotzdem hält. Gleichzeitig ist dies ein Buch über die Last eines Frauenlebens und seine Zwänge, über tiefe Trauer und hohe Erwartungen. Es ist schön ironisch, ein bisschen böse, gefühlvoll und originell. Ihr solltet es unbedingt alle lesen. Well done, Elina! Ich feiere dich besonders für deine spitzfindigen Sätze wie diesen:

„Kornelius bewies in dem Moment einmal mehr, dass er kein Ehemann, sondern ein Mann in einer Ehe war.“

Nachtbeeren von Elina Penner ist erschienen bei Aufbau.

 

 

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„Wir kannten keine Panik, wir waren Beamte“
Entschuldigt bitte, ich liebe dieses Buch. Das muss ich unbedingt vorweg sagen, ich erzähle euch auch gleich, worum es geht, aber das will ich voranstellen: Ich liebe alles daran. Den Ton, die Geschichte, die Figuren, das Ende und den Anfang auch. Ich finde es sogar noch besser als Lucy Frickes preisgekröntes und verfilmtes Buch „Töchter“. Ihr neuer Roman handelt von Fred, einer deutschen Konsulin, die zuerst in Montevideo landet, wo sie eigentlich eine gechillte Zeit haben sollte – doch wegen eines tragischen Zwischenfalls, der ihr angelastet wird, findet sie sich plötzlich in Istanbul wieder. Und hier stößt sie, die jahrzehntelang diplomatisch und besonnen war, die taktiert und kommuniziert hat, in jeder Hinsicht an ihre Grenzen. Denn in der Türkei spielen sich gefährliche politische Scharmützel ab, in die auch deutsche Staatsbürger geraten – allen voran ein Journalist, der Fred nicht nur in beruflicher Hinsicht zu nahe kommt.

„Hier wollte ich bleiben und auf die Revolution warten oder zumindest darauf, dass draußen eine bessere, gerechtere Zeit anbrach. Was wahrscheinlich hieß: Hier wollte ich sterben.“

Ah, es klingt schrecklich, wenn man sagt, man habe „gelacht und geweint“, nur ist es leider wahr: Mit den zynischen, resignierten Ansichten von Fred, die mit einem Lächeln im Gesicht am Weltgeschehen verzweifelt, hat Lucy Fricke mich komplett abgeholt und mich mehrmals laut auflachen lassen. Und mit dem Twist, den sie ihrer Geschichte gegen Ende gibt, hat sie mir tatsächlich die Tränen in die Augen getrieben. Dieser Roman ist nonchalant und fast beiläufig erzählt, macht kein großes Theater und trifft dabei doch so verblüffend genau. Er berichtet von Politik und Machtgehabe, von Verzweiflung und Aussichtslosigkeit, aber auch von Solidarität, Menschlichkeit und Hoffnung. Ich hatte Gänsehaut im besten Sinne und zudem das Gefühl, ein zutiefst weibliches Buch zu lesen, das wunderbar klug, empathisch und dabei herrlich abgeklärt, ironisch ist. Voller Zwischentöne, nicht auserklärter Emotionen, schlagfertiger Dialoge und schwarzem Humor. Für mich ein absolutes Highlight, gefühlsgenau, klug und perfekt komponiert. Chapeau!

„Wann immer man jubelnd die Arme hochriss, traf einen der Schlag.“

Die Diplomatin von Lucy Fricke ist erschienen bei Claassen.

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„Ich bin nichts Besonderes, außer, wenn ich nackt bin“
Es ist das Buch mit dem wohl hässlichsten Cover des Frühjahrs (und das ist angesichts des Inhalts ziemlich ironisch) und erinnert an „Botschaften an mich selbst“ von Emilie Pine, hinter dessen Umschlag ich nicht so viele persönliche Einblicke, Blut, Schweiß und Tränen vermutet habe. Genauso erging es mir mit diesen Essays von Emily Ratajkowski, ich wusste zuerst nicht einmal, wer sie ist. Das mag verwundern, weil dieser Frau 28 Millionen Menschen auf Instagram folgen und sie 2013 nackt im Video von „Blurred Lines“ getanzt hat, das in seiner zensierten Version fast 800 Millionen Mal geklickt wurde. Später hat sie gesagt, dass sie in einem solchen Video tanzen und Feministin sein kann, dass ihr Körper ihr gehört und sie die Kontrolle darüber hat. Doch davon ausgehend erzählt sie von ihrer Kindheit, von ihren Erfahrungen als Model, und es stellt sich heraus: So simpel ist es nicht. Und wem ihr Körper gehört, ist unklar.

„In meinen frühen Zwanzigern hatte ich nie darüber nachgedacht, dass die Frauen, die ihren Einfluss durch ihre Schönheit errungen hatten, dafür in der Schuld von Männern standen, deren Begierde den Frauen diese Macht allererst verlieh.“

Das Problem ist: Emily Ratajkowski ist schön. Schon als Mädchen wird sie anders wahrgenommen, anders beurteilt, scheint den Menschen durch ihre Schönheit etwas zu schulden. Bei Shootings zupft und zerrt jeder an ihr herum, ihre Nacktheit ist ein Gut, auf das alle zugreifen. Sie wird manipuliert und ausgebeutet, viele Erlebnisse sind hart an der Grenze zu sexualisierter Gewalt. Bilder werden gegen ihren Willen veröffentlicht und verkauft, mächtige Männer verdienen viel Geld mit Emilys Körper. An einem bestimmten Punkt während der Lektüre siegt meine Neugier und ich google ihren Namen. Dann sitze ich lange da, schaue ihre Bilder an und spüre, wie das Patriarchat in mir rumort: Wie kann sie Feministin sein und in sexy Posen Bikinis anpreisen? Wie kann sie schlau sein, wenn sie aussieht wie ein Püppchen? Diesen Effekt habe ich interessiert beobachtet und mich daran abgearbeitet. „My body“ ist definitiv ein Buch, das viel in mir angestoßen hat und über das ich immer noch nachdenke. Weil Emily Ratajkowski eindringlich schildert, wie komplex das Thema ist: Schönheit bedeutet Reichtum, bedeutet Macht – aber immer in Abhängigkeit vom männergemachten System, vom Verkauf der weiblichen Körper.

„Würde irgendjemanden interessieren, was ich schreibe, wenn ich Männer wie dich nicht beeindruckt hätte?“

Am Ende bekommt Emily Ratajkowski ihren Sohn, und auch wenn ich ihren Gedanken, dass ihr Körper nun endlich einen „Daseinszweck“, seine Bestimmung gefunden hat, nachvollziehbar und schön finde, hat er mir gleichzeitig Bauchweh beschert, weil er auf den alten patriarchalen Mythos einzahlt, Frauen müssten Kinder gebären, um vollständig zu sein. Und weil er dadurch alle Frauen ausschließt, die das nicht möchten oder können. Was ist mit ihren Körpern?

„Ich will alle meine Fehler und Widersprüche offenlegen, für alle Frauen, die das nicht können, für alle Frauen, die wir als Musen bezeichnet haben, ohne ihre Namen zu kennen, und deren Schweigen wir für Zustimmung hielten.“

Ein wichtiges, aufschlussreiches Buch, das unzählige Fragen rund um das Modelbusiness aufwirft, in dem Schönheit nichts anderes als eine Ware ist – und um unsere Vorurteile rund um das Thema. Die gilt es aufzubrechen, weshalb ich euch „My body“ dringend ans Herz legen möchte, es hat mich nachhaltig beeindruckt.

My body von Emily Ratajkowski ist erschienen bei Penguin.

 

 

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„Hörte sich an wie ein wohlmeinender Hinweis, war aber eine Ohrfeige“
Diesmal ist Patsy Logan in Dublin: Eigentlich wollte sie sich eine Auszeit nehmen, über die Krise, in der ihre Ehe steckt, nachdenken, über die Ereignisse in Zusammenhang mit ihrem letzten Fall hinwegkommen und sich einen Plan zurechtlegen, wie es weitergehen soll mit ihrer Karriere beim Münchner LKA. Doch dann wird in der österreichischen Botschaft in Dublin eine junge deutsche Frau mit Blausäure vergiftet. Die Sache ist nicht nur aus diplomatischen Gründen prekär, sie führt Patsy zudem direkt in die Nachwirkungen der verheerenden Finanzkrise, die viele Iren ihrer Existenzgrundlage geraubt hat. Wer spekuliert mit den enteigneten Häusern und was sind eigentlich Vulture Funds? Kann Patsy etwas über ihren verstorbenen Vater herausfinden und werden sie und Ben sich endlich annähern?

Ellen Dunne hat mich mit diesem meisterhaft komponierten Krimi überrascht: Gleich auf den ersten Seiten gibt es, zack, zwei Tote. Am Anfang hat man – und so soll es ja auch sein – keinen Plan, wie das alles miteinander zusammenhängen könnte, und dann zeigt die österreichische Autorin, die seit Langem selbst in Dublin lebt, uns eine Seite der Stadt, die man so nicht kennt: In „Boom Town Blues“ geht es um Ausbeutung und Kapitalismus, um Habgier und herbe Verluste. Fast schon logisch eigentlich, dass sich die Menschen von der schweren Krise, die Irland in den 2000er-Jahren getroffen hat, bis heute nicht erholt haben. Die raubeinige Heldin Patsy erinnert in ihrer Art, sich in der Männerwelt zu behaupten, an Chastity Riley von Simone Buchholz und muss diesen Vergleich nicht scheuen: Beide sind starke Frauenfiguren, einigermaßen uncharmant und dabei zutiefst sympathisch, die eine nordisch kühl, die andere österreichisch gleichgültig. Aber nur nach außen, denn im Inneren tobt es sowohl in Patsy als auch in Chastity, und ich mag es, wie Ellen Dunne viele Gefühle andeutet, aber nicht auserzählt. Das ergibt einen eindringlichen Ton, der viel Raum für Interpretationen lässt.Auch der dritte Teil nach „Harte Landung“ und „Schwarze Seele“ überzeugt. Solide Spannungsliteratur für alle, die ein Faible für Krimis und für Irland haben!

Boom Town Blues von Ellen Dunne ist erschienen bei Haymon.

 

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„Aus meiner Sicht ist es erstaunlich, wie viel Einsamkeit es erfordern kann, eine Ehe mit Kindern am Laufen zu halten“
Julia ist mit ihrem Partner aus der Großstadt in den kleinen Ort direkt am Nord-Ostsee-Kanal gezogen, sie hat einen Keramikladen eröffnet und wünscht sich sehnlichst ein Kind. Astrid ist Anfang sechzig, führt eine Arztpraxis und fragt sich, wie sie sich ihrer früheren Freundin Marli, die nach Jahren der Abwesenheit plötzlich wieder aufgetaucht ist, annähern kann. Julia und Astrid leben miteinander in der gleichen Gegend, ohne sich zu kennen, sie begegnen sich manchmal kurz. Als eine Mutter mit drei Kindern aus Julias Nachbarhaus verschwindet, kann Julia diese Leerstelle des Hauses, in dem alles zurückgelassen wurde, kaum ertragen. Warum sind sie so überstürzt aufgebrochen und wohin? Liegt dem Ganzen eine Geschichte der Gewalt zugrunde? Und was will der Junge, der eine rätselhafte Botschaft an der Terrassentür hinterlässt?

Kristine Bilkau hat mich mit ihrem neuen Buch tief beeindruckt: Mit Feingefühl und Raffinesse erzählt sie davon, was es bedeutet, in dieser Gesellschaft eine Frau zu sein. Sie zeigt verschiedene Frauenfiguren, die eine jünger, die andere älter, die eine mit brennendem Kinderwunsch, die andere kurz vor dem Ruhestand, aller familiären Verpflichtungen bereits entledigt. Das sind jedoch nicht die einzigen Ebenen dieses vielschichtigen Romans, der von Rollenbildern und weiblicher Solidarität handelt, von den Erwartungen, die an Frauen gestellt werden und die sie selbst haben, von tief eingeprägten Verhaltensmustern und späten Einsichten. In einer eleganten, klaren Sprache, die genau weiß, was sie will, durchleuchtet Kristine Bilkau Fragen der Mutterschaft und der Kinderlosigkeit, die Aspekte von Freundschaft, des Älterwerdens, des Zusammenhalts. Angedeutet wird, dass diese Frauen die Geschichten ihrer Mütter in sich tragen, selbst dann, wenn sie wenig darüber wissen. Ich habe dieses Buch wie im Rausch gelesen, so gefesselt hat es mich, obwohl – oder gerade weil – es sanft und leise ist. In dieser Sanftheit liegt eine große Stärke, ein unbändiger Wille, den ich als zutiefst weiblich empfunden habe. Für mich einer der besten Romane in diesem Frühjahr!

Nebenan von Kristine Bilkau ist erschienen bei Luchterhand.

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„Denn was ihr an Männern missfiel, war nicht deren Erotik, sondern ihre Unterstellung, Frauen hätten keine“
Die Buchhändlerin Magda Birkmann und der Literaturprofessor Dorian Stuber haben auf die Exzellenz dieses Romans hingewiesen, und deshalb hat Kristine Bilkau ihn gelesen – und mit ihrer Lektorin sprach. So ging das Ganze seinen Weg, und hier liegt er nun in einer Neuerscheinung vor: der Bär, der bereits 1976, als Marian Engel diese ungewöhnliche Geschichte veröffentlicht hat, für Furore gesorgt hat. Ein Hoch auf das Internet, auf die Vernetzung, auf Kristines Bemühungen und diese Wiederentdeckung, denn „Bär“ ist tatsächlich ein sehr besonderer Roman. Es geht darin um Lou, die den Sommer auf einer abgelegenen Flussinsel im Norden Kanadas verbringen soll, um den bibliothekarischen Nachlass in einem Haus zu katalogisieren. Was sie nicht weiß: Zum Haus gehört ein Bär. Er hängt an einer Kette und fristet ein friedliches, aber auch irgendwie trauriges Dasein.

„Kein Geschöpf der Wildnis, sondern eine Frau mittleren Alters, die bis zur völligen Verblödung unterdrückt worden ist, die so lange Nacht für Nacht gesessen und auf ihren Mann gewartet hat, dass die Zeit aufgehört hat zu existieren und es nichts anderes mehr gab als Warten.“

Ganz entgegen ihrer sonstigen Natur als eher zurückhaltende alleinstehende Frau weicht Lou vor dem Bären nicht etwa erschrocken zurück, sondern nähert sich ihm an. Sie gehen gemeinsam schwimmen, essen zusammen, freunden sich an – und mehr.

„Neben ihm zu sitzen gab ihr ungekannten Frieden. Es war, als ob der Bär, wie die Bücher, Generationen von Geheimnissen kannte; aber er brauchte sie nicht preiszugeben.“

Durch das Zusammensein mit diesem wilden Tier erkennt Lou, was in ihrem eigenen Leben schiefläuft. Wie sie sich zufriedengegeben hat mit lieblosem Sex, einer aussichtslosen Position, all den Krümeln, die Frauen hingeworfen bekommen. In ihr erwacht eine unbändige Lebenslust, sie will sich nie mehr unterdrücken lassen.

Ich habe dieses Buch mit großem Vergnügen und ebenso großem Befremden gelesen. Nie im Leben würde ich mich trauen, so mit einem Bären umzugehen, und gleichzeitig finde ich die Metapher des Romans wunderschön: die Frau und der Bär, die beide von Männerhand niedergezwungen, die nicht so leben können, wie es ihrer Natur entspräche. Im Herzen ist dies ein feministisches, aufbegehrendes Buch, das wieder einmal zeigt, wie viele Autorinnen uns vorangegangen sind – mit demselben Anliegen, das wir heute noch haben. Großartige Lektüre!

Bär von Marian Engel ist in der Neuauflage erschienen bei btb.

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„Die Angst ist nachhaltig und wendig. Sie erwischt dich im Alltag, bei der Familie, auf der Arbeit, in der Liebe“
„Es konnte nicht die Lösung sein, dass sich nur die wehren, die nicht mehr anders können, wir mussten es alle gemeinsam machen.“ Tekin weiß, dass Delek Angst hatte. Angst davor, dass jemand sie verraten könnte. Dass der Staat herausfinden könnte, wer hinter dem Profil von Kangal steckt, die kritische Dinge ins Internet geschrieben hat. Tekin findet aber auch, dass Delek nicht einfach hätte abhauen sollen nach Deutschland. Weil gar nicht gesagt ist, dass es eine Akte über sie gibt, dass sie verhaftet, vernommen, eingesperrt wird. Delek wollte weg, solange es mit ihrem Pass noch möglich war. In Deutschland besorgt sie sich eine Wohnung, meldet sich bei ihrer Cousine Ayla, die sie lange nicht gesehen hat, weil ihre Mütter, die Schwestern waren, sich zerstritten haben – die eine hat in Deutschland geheiratet, die andere ist in der Türkei geblieben. Delek vermutet hinter dem Zerwürfnis politische Motive und merkt, dass die Türk:innen, die in Deutschland leben, sich kaum ausmalen können, welche Zustände in der Heimat tatsächlich herrschen.

Anna Yeliz Schentke hat ein beeindruckendes Buch geschrieben über das Leben unter dem türkischen Regime, über Terror, Widerstand und Angst. Sie schildert eine ganz spezielle Sprachlosigkeit: jene von Menschen, die nicht über die Gewalt reden können, die sie erfahren, weil sie sich dann noch mehr in Gefahr bringen – und weil ihnen nicht geglaubt wird. In sehr kurzen Kapiteln mit schnellen, wendigen Sprüngen und Ortswechseln zwischen Ayla, Delek und Tekin zeichnet sie ein Bild der jungen türkischen Generation, die sich zwar vernetzt, um aufzubegehren, aber auf verlorenem Posten kämpft, weil das System so viel stärker ist. Ist Deutschland eine Zuflucht oder nur eine weitere Falle, in der vielleicht nicht Gefängnis droht, aber Ausländerfeindlichkeit, soziale Kälte, Perspektivenlosigkeit? Wie man es auch dreht, es scheint keinen richtigen Weg für Dilek zu geben. Was sie am Ende tut, hat mich überrascht und ich konnte es nicht ganz nachvollziehen, wie überhaupt das Buch eine weitere Ebene zu haben scheint, die für mich unzugänglich war, weil ich kein Türkisch spreche. Ich fand es schwermütig, auf melancholische Weise fremd, traurig, brandaktuell und sehr gut.

Kangal von Anna Yeliz Schentke ist erschienen bei S. Fischer.

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Ob du es glaubst oder nicht, der Wolf Haas ist mir schon oft unter die Nase gerieben worden. Der hat nämlich da studiert, wo ich auch studiert hab, nur ein bisserl früher. Und dann ist er so ein Paradebeispiel dafür geworden, dass man es schaffen kann, auch wenn man aus einem kleinen österreichischen Ort stammt. Er ist also was geworden, der Wolf Haas, vor allem der Autor vom Brenner. Jahrelang waren wir alle so heiß auf die Brenner-Krimis, Verehrung Hilfsausdruck. Dazu musst du wissen, dass sie die Essenz so gut eingefangen haben. Das Ranzige. Das Skifahren. Das Katholische. Das Grantige, Schimpferte. Und sowieso, die Sprache. Die hat er sich schon sehr fein zunutze gemacht, Geistesblitz nichts dagegen. Viele Formulierungen sind was Besonderes, das „Hilfsausdruck“ und „ob du es glaubst oder nicht“ und „jetzt ist schon wieder was passiert“. Irgendwann war es aber auch genug, muss man ehrlich sagen, der Brenner ist müde geworden und wir auch, acht Jahre ist der letzte Band her. Dass es nun einen neuen gibt, hat uns überrascht, die Branche fragt sich „hat der Verlag den Haas gezwungen“ oder „hat der Haas Geld gebraucht“ oder „ist ihm einfach fad geworden“, da ist es gleich hoch hergegangen mit den Spekulationen.

Inzwischen arbeitet der Brenner als Mistler und lebt als Wohnungsgeher, es taugt ihm recht. Mit Kriminalfällen will er nix mehr zu tun haben, aber es hilft ja nicht: Es taucht ein Knie in Wanne 4 am Mistplatz auf, kurz darauf ein paar Finger, ein Kopf, der Rest von einem Menschen, nur das Herz nicht. Der Brenner rennt also davon vor den Toten, aber die Toten rennen dem Brenner nach. Und so ist er auf einmal wieder mittendrin in einem undurchschaubaren Fall, der sich ein bisserl von selber löst und mit einer irgendwie argen Geschichte aufwartet, die gar nicht so recht in österreichisch-bayerische Grenzgebiet passen mag, aber andererseits: warum nicht. Genau das hab ich mir beim Lesen gedacht: notwendig war das nicht unbedingt, aber wenn’s ihm wichtig war, warum nicht! Es war schon schön, wieder einzutauchen ins Bekannte. Und das Buch ist ja auch gleich auf Platz eins der Bestsellerliste eingestiegen, Erfolg Hilfsausdruck. Das Witzigste, was ich rund um Wolf Haas mitbekommen hab, war übrigens nach seiner Lesung, als eine Frau sich was ins Buch schreiben hat lassen und hinterher verschmitzt gesagt hat: „Jetzt ist schon wieder was signiert.“

Müll von Wolf Haas ist erschienen bei Hoffmann & Campe.

Bücherwurmloch

„Es reicht eine ununterbrochene Kette von uns Mädchen zu Frau zu Frau, die in der Vergangenheit durch alle toten Frauen geht und in die Zukunft zu allen ungeborenen Töchtern“

Am anfang gleicht dieses buch einem wilden gedankenstrom ohne satzzeichen oder großschreibung weil ellyn nicht lesen und nicht schreiben kann sie ist ja nur ein mädchen ein bauernkind noch dazu und im jahr 1573

Das ist anstrengend zu lesen aber irgendwie auch besonders wenn man sich drauf einlässt dann hat das schon eine sogwirkung und es klingt nicht künstlich gestelzt sondern authentisch weil ellyn frech ist und mutig und arm es gibt wenig zu essen dafür viele schläge und viel geschrei vor allem von ihrem bruder der sie permanent haut fast umbringt dreck und läuse gibt es auch

Da ist die neue schwester sie heißt agnes und ellyn liebt sie vom ersten moment spricht innerlich zu ihr erzählt ihr was geschieht als sie wegläuft um an der singschule zu lernen wo nur jungs hindürfen

Sie säbelt sich die haare ab und verbirgt dass sie ein mädchen ist das gelingt ihr so halb und sie liebt es zu singen sie lernt lesen latein und dadurch verändert sich auch langsam der stil des buchs, es kommen satzzeichen dazu und die sprache wird elaborierter, alles wandelt sich

Und während ich mich zu Beginn frage, wo das hinführen soll, was mir das geben kann, merke ich gegen Ende, wie mein Herz blutet für Ellyn und für Agnes, für alle Mädchen damals und heute, wie weh es mir tut, dass sie so behandelt wurden, dass sie nichts wert waren, gar nichts, die letzten Seiten schneiden tief. Dies ist ein Roman, dem man lange nicht anmerkt, wie feministisch er ist, und dann ist seine Botschaft umso klarer, sehr pur erzählt, intensiv und direkt. Das konnte Nell Leyshon schon in „Die Farbe von Milch“ ganz ausgezeichnet: so schreiben, wie ein Mädchen damals vermutlich gedacht und gesprochen hat, in „Ich, Ellyn“ ist das noch radikaler, kompromisslos und gut. Besonders gefallen hat mir, dass Ellyn ihre neugeborene Schwester anspricht, dass diese Verbindung zwischen ihnen und allen Frauen dieser Welt betont wird – wenn eine aufsteht und sich wehrt, wehrt sie sich für jede Einzelne. Ein sehr bewegender, intelligenter Roman.

Lieblingszitat: „Hör zu, wenn Gott in sieben Tagen die Welt erschaffen hat, dann stell dir bloß vor, was wir rothaarigen Frauen machen können.“

Ich, Ellyn von Nell Leyshon ist erschienen bei Eisele.