Bücherwurmloch

Es hat sich so ergeben. Schon seit einer Weile stelle ich immer wieder Lieblingsbücher aus meinem sehr schmalen Regal vor, die alt sind, keine Neuerscheinungen, sondern Backlist-Titel, und nach Möglichkeit nicht so bekannt. Dabei hat sich herausgestellt, dass ihr das anscheinend mögt, dass ihr gern Romane entdeckt, die nicht mit dem Mainstream mitgeschwommen sind, und das freut mich natürlich, denn: Es handelt sich dabei ja stets um Herzensbücher meinerseits, sonst würden sie gar nicht im Regal stehen, sondern wären längst weitergereist. Deshalb hab ich mir überlegt, ich mache heute eine Art Special: 10 Bücher, die gut sind. 10 Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten. 10 Bücher, bei denen ich davon ausgehe, dass ihr sie nicht gelesen habt.

Molly Antopol: Die Unamerikanischen
Amerika ist der rote Faden, von dem die unamerikanischen Figuren in Molly Antopols Geschichten zusammengebunden werden. Da ist der israelische Soldat, dem ein Bein abgenommen wird und dessen Freundin die geplante USA-Reise mit seinem Bruder antreten will, da ist der alternde Mann mit weißrussischen Wurzeln, der eine jüngere Frau heiratet und auf der Hochzeitsreise nach Kiew verliert, und da ist der nachlässige Vater, der mit Frau und Kind aus Prag geflohen ist und Jahre später Angst vor dem hat, was die Tochter in einem Theaterstück über ihn auf die Bühne bringen wird. Das ist übrigens meine Lieblingsgeschichte. Oder doch die Story von Talia und Tomer, die sich zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben? Oder die Geschichte von Alexi, der nach einem Jahr Gefängnis seinen Sohn zum ersten Mal wiedersieht … Ich kann es nicht sagen, ich mochte sie alle, jede Story, jede Seite, jeden Satz – ein ganzes Lieblingsbuch ist das, von vorn bis hinten. Molly Antopols Kurzgeschichtensammlung ist großartig, schön, wehmütig, intelligent und einzigartig.

Die Unamerikanischen von Molly Antopol ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-24771-0, 320 Seiten, 20,50 Euro).

Dorthe Nors: Handkantenschlag
Einer, der vorher im Außenministerium war, wird zum Buddhisten und zum Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk. Nur ein guter Mensch wird er leider nicht. Ein Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, zieht von der Mutter zum Vater, dessen neue Freundin auch einen Sohn hat. Eine Putzfrau öffnet dem Lieferanten die Tür, der eine viel zu große Tomate wieder abholen soll – und verbringt mit ihm den Rest des Tages. Ein Mann sitzt abends vor dem Computer und beschäftigt sich mit weiblichen Mörderinnen, während seine Freundin schläft. Und einer Frau, deren Mann sie verlassen hat, bleibt nichts außer den Plänen, die sie nie umsetzen wird. Dorthe Nors‘ Kurzgeschichtensammlung trägt den Titel Handkantenschlag. Und das passt. Denn die dänische Autorin, die in den USA Erfolge feiert, teilt mit ihren sprachlich präzisen Miniaturen tatsächlich Schläge aus. Sie haut dem Leben ins Gesicht, sie spuckt Kirschkerne, lächelt sardonisch und hat es faustdick hinter den Ohren. Das merkt man aber nur, wenn man genau hineinliest in diese Short Short Storys, die ultrakurz sind. Am Ende jeder Geschichte bin ich verblüfft darüber, dass sie schon aus ist. Ich sitze sprachlos da und lasse das Gelesene nachwirken. Nicht immer verstehe ich es. In diesen kleinen Momentaufnahmen gibt es keine Pointen. Auch ist das Inhaltliche nicht unbedingt eine gewichtige, wertvolle Botschaft. Vielmehr geht es um Alltagsbeobachtungen, winzige Ausschnitte, die man weiterdenken kann und muss.

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100704, 170 Seiten, 17,99 Euro). #indie

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro). #indie

Giuliano Musio: Scheinwerfen
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Vier Menschen stehen im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt?

Scheinwerfen von Giuliano Musio ist erschienen im Luftschacht Verlag (ISBN 978-3-902844-51-4, 404 Seiten, 25,20 Euro). #indie

Edward Carey: Alva & Irva
Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt … Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt, unbedingt zugreifen!

Alva & Irva von Edward Carey ist erschienen bei liebeskind (ISBN 978-3935890168, 252 Seiten), die englische Ausgabe ist noch lieferbar.

Brittani Sonnenberg: Heimflug
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird. Brittani Sonnenberg hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt, vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt.

Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Blandine le Callet: Die Ballade der Lila K
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt. Dieses Buch und ich, wir haben eine Hassliebe. Denn  die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft ist so eindringlich erzählt, dass einem beim Lesen manchmal schlecht wird. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Die Ballade der Lila K von Blandine le Callet ist erschienen bei Ullstein (ISBN 978-3550088711, 368 Seiten).

Riikka Pulkkinen: Wahr
Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist. Eevas Geschichte ist die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“ Wahr ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, ein Buch voller Sätze, mit denen ich mich zudecken möchte, um zu schlafen darin.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist erschienen bei List (ISBN 978-3548611624, 457 Seiten), als Taschenbuch erhältlich.

Priya Basil: The obscure logic of the heart
„You’re always making plans“, sagt Lina zu Anil. „Because plans are how you tame the future“, antwortet er. Lina und Anil, deren Namen gegengleich sind wie ihre Seelen, lernen sich kennen, als sie beide Studenten in London sind und jung. Anil stammt aus einer reichen kenianischen Familie und will Architekt werden, Linas Eltern leben bescheiden, sie selbst steht unter der Obhut ihrer Tante und studiert Jura im letzten Jahr. Während Anil in Liebe auf den ersten Blick entbrennt, gibt Lina sich zurückhaltend – kann seinem Charme aber nicht allzu lange widerstehen. Und so entspinnt sich nicht nur eine sinnliche, wahnwitzige Liebesgeschichte, sondern auch ein dichtes Lügengespinst, in dem die beiden Verliebten sich immer mehr verfangen. The obscure logic of the heart ist eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund. Die Autorin, die in Kenia aufgewachsen ist, lässt abwechselnd Lina und Anil erzählen, gibt ihren Zweifeln und seiner Verzweiflung eine authentische Stimme. Sie porträtiert eine Liebe, die wie eine zarte Pflanze durch die Ritzen im Beton wächst, die sich nicht niedertrampeln lässt, die mühsam gehegt wird, während andere, die sie als Unkraut betrachten, sie auszurupfen suchen. Freilich ist eine Liebesgeschichte umso romantischer, je mehr die Liebenden gegen Widerstände kämpfen müssen und je größer die Zahl ihrer Feinde ist. Priya Basil zeigt aber auch, dass – getreu nach Shakespeare’schem Vorbild, wenn auch weniger tragisch – die Liebe gegen so viel Feindseligkeit oft nicht bestehen kann, dass die Pflanze manchmal schlussendlich verdorrt. Ein Wunderwerk sind die Briefe, die im Roman auftauchen und von denen ich zuerst nicht weiß, wer sie an wen geschrieben hat. Als es mir schlussendlich klar wird, bin ich regelrecht erschüttert. Diese feinsinnigen, klugen, traurigen Briefe sind das Seil, das mich in dieses Buch zieht und mich an die vielen einzelnen Sätzen bindet, die unendlich schön sind: „If it was your intention to vanish without a trace, you neglected to consider the most incriminating article: me.”

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die Logik des Herzens erschienen.

Irene Ruttmann: Adèle
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Irene Ruttmann hat sich mit Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. In Adèle geht es um einen Moment. Um eine Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke, um die Erinnerung und die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Sehr schön.

Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen bei Zsolnay (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Bücherwurmloch

Worunter ich aktuell leide, das ist keine Leseflaute, denn ich lese unvermindert viel, es ist eine Begeisterungsflaute. Das überrascht euch jetzt sicher nicht, gell, ihr kennt mich ja. Im Moment ist es allerdings wieder besonders schlimm: Gestern Nachmittag habe ich neun (!) Bücher angelesen, zehn, zwanzig, dreißig Seiten, einmal sogar siebzig, was ja mehr ist als anlesen, eine echte Chance geben ist das, und bis auf eins hab ich alle entweder entnervt in die Ecke gepfeffert oder enttäuscht fallengelassen. Für das eine, das ich letztlich gelesen habe, hab ich mich aus purer Verzweiflung entschieden, besser als nichts, hab ich gedacht, und es hat ja nur 155 Seiten.

Als ich beschlossen habe, das Herbstprogramm zu boykottieren, bin ich voller Elan zum Bücherregal gegangen. Endlich Zeit, in Ruhe all diese Titel zu lesen, die hier zum Teil schon recht lange stehen, endlich kein innerer Stress mehr, mich beeilen zu müssen, weil bereits die nächsten Leseexemplare eintrudeln. Dieser Elan hat aber schnell einen Dämpfer bekommen, denn in den darauffolgenden Tagen und Wochen hab ich festgestellt, dass mich eigentlich nichts aus meinem Bücherregal interessiert. Über 100 Romane stehen bereit und ich kann mich für keinen erwärmen, was ist das für ein krankes Luxusproblem? Ich finde alles abgelutscht, zu oft gelesen, zu unoriginell und vor allem: unfassbar langweilig. Womit wir mal wieder bei meiner Übersättigung wären, nicht wahr, bei meinen zu hohen Ansprüchen, bei meinem Grundgrant. Ich hasse ja prinzipiell einfach mal alles und jeden, bis er/sie/es, ob Mensch oder Buch, mich vom Gegenteil überzeugt. Und das gelingt halt nur selten.

Das ist auch der Grund, warum hier seit einer Weile keine Besprechung erschienen ist, ich werfe Bücher von mir wie ein Baum fauliges Obst, schüttle den Kopf und murmle Flüche in meinen imaginären Bart. Ich habe nicht viel mehr zu sagen als: stumpfsinnig, ermüdend, fad. Und das erspar ich euch aus Nächstenliebe.

Also, lesende Menschen dieser Welt, vereinigt euch, grabt tief in euren Köpfen nach guten Büchern: Was soll ich lesen? Welchen Roman werde ich ziemlich sicher nicht hassen, welcher wird mich nicht dermaßen anöden, dass mein Herzschlag so langsam wird wie von einem See-Elefant beim Tauchen (nur vier Schläge pro Minute, und ja, das ist die einzige Ähnlichkeit zwischen einem See-Elefanten und mir)?

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.24.46Letztens ist etwas geschehen, das noch nie geschehen ist, und es hat mich erst zum Nachdenken und dann zu einer recht radikalen Entscheidung gebracht. Ich habe auf dem Handy mein Mailprogramm geöffnet, und es kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Normalerweise werde ich dann hibbelig und notiere mir so bald wie möglich die Titel, die mich interessieren, voller Vorfreude. Diesmal jedoch habe ich entsetzt aufgestöhnt und die Mail mit einer einzigen, unbewussten, schnellen Bewegung gelöscht. Ungelesen. Erst dann dachte ich: Mareike, was hast du getan? Und warum?

Wenig später hab ich erneut eine Mail bekommen, nicht mit einem neuen Programm, sondern mit einer Nachfrage: ob ich jenes Buch erhalten und schon gelesen hätte, wann mit einer Besprechung dazu zu rechnen sei? Ich hatte das Buch bekommen, ja, und zwar zwei Tage zuvor. Nicht nur, dass es unmöglich ist, so schnell und stets aktuell zu lesen und zu rezensieren, es ist auch unangenehm, auf solche Mails zu antworten. Die Verlage hinzuhalten, weil die Stapel, die man hat, zu groß sind, sich dabei schlecht zu fühlen und das alles eigentlich nicht zu wollen, nicht so.

Deshalb habe ich beschlossen: Ich lasse das Herbstprogramm 2018 aus. Ich fordere kein einziges Leseexemplar an, ich blättere durch keine Vorschau, ich ignoriere das Neue, das kommt, ich mache nicht mit. Ich klinke mich aus.

Denn:

  1. Ich lese nur noch Neuerscheinungen. Das ist nichts Schlechtes, es hat sich so entwickelt, ich bekomme viele Bücher (auch unangefordert) und freu mich über jedes einzelne, aber ich kann dieser Flut an Neuerscheinungen nicht Herr werden, und während ich es versuche, bleibt niemals Zeit für all die älteren Bücher, die ich so lange schon lesen will.
  2. Ich lese keine dicken Bücher mehr. Dicke Bücher stressen mich, weil sie mich für lange Zeit blockieren, und das kann ich mir nicht leisten: Zu viel Ungelesenes wartet auf mich. Und dann kommen da ja schon wieder die Neuen daher, während ich noch mit denen beschäftigt bin, die soeben noch neu waren, aber halt leider zu dick, und es ist ein Teufelskreis. Seit 2014 warte ich beispielsweise auf den Moment, in dem ich frei genug bin für Brilka von Nino Haratischwili, 1200 Seiten lesen, während fast jeden Tag Neuerscheinungen eintrudeln? Ich hab es bisher nicht geschafft. Und das muss sich endlich ändern.
  3. Zurzeit liegen 60 Rezensionsexemplare auf meinem SuB und nochmal 60 ältere Bücher. Viele von euch denken jetzt vermutlich: Das ist doch nicht viel, ich habe wesentlich mehr. Für mich ist das aber durchaus eine große Zahl, für gewöhnlich habe ich nicht mal halb so viele ungelesene Bücher. Da ich ja noch dazu nicht mal genug Bücherregale habe, weiß ich nicht, wohin damit. Es ist alles ein wenig außer Kontrolle geraten.
  4. Das stresst mich. Alles davon stresst mich. Ich werde unruhig und will mich ständig nur noch beeilen, um irgendwie Schritt zu halten. Dass mir das nicht gelingt, stresst mich noch mehr. Ich will aber nicht gestresst sein. Ich will, dass das Lesen mir Spaß macht und das Bloggen auch.
  5. Dieser Blog ist ein unbezahltes Hobby. Ich verbringe damit das bisschen Freizeit, das ich in meinem chaotischen Leben habe. Und ich sehe bei immer mehr Bloggern, wie ihnen die Freude abhandenkommt. Wie sie eine Blogpause einlegen oder ihre Blogs schließen. So weit will ich es nicht kommen lassen.
  6. Ich werde vor lauter Hast immer NOCH ungeduldiger und kritischer. Ich möchte mir aber für ein Buch Zeit nehmen können, es in Ruhe lesen, nicht in Gedanken schon beim nächsten sein.
  7. Das ist der Geist unserer Zeit, das Tinder-Syndrom: Die Auswahl ist so groß. Wenn ein Buch mich nicht in kürzester Zeit fesselt, wische ich es weg und rufe: Next! Das nervt mich und strengt mich an. Wie kann denn da, um beim Vergleich zu bleiben, die große Liebe entstehen?
  8. Ich bin zu einer Gegenleistung verpflichtet: Ich bekomme Leseexemplare, und der Deal ist, dass ich darüber schreibe. Das tue ich nach Möglichkeit immer, und ich versuche, jedem Buch gerecht zu werden. Ein wirklich freies, unbedarftes Lesen ist das aber nun mal nicht, egal, wie man es dreht und wendet.
  9. Es geht zu schnell, es ist zu viel. Ich habe noch Titel vom Herbst 2017 hier. Ich lese wie eine Verrückte, bisher 48 Bücher in diesem Jahr, wie soll ich jemals nachkommen?Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.23.47
  10. Immer mehr, immer hektischer: Es reißt uns mit. Wir konsumieren und konsumieren, hetzen den Trends hinterher und jammern, dass wir Entschleunigung brauchen. Wir können nichts dagegen tun, denken wir, so ist das eben heutzutage. Das stimmt aber nicht. Wir können sehr wohl etwas tun. Ich kann. Einfach mal nicht mitmachen nämlich.
  11. Der Stress ist selbstinduziert. Ich muss nicht. Nicht lesen, nicht schreiben, nicht dem hinterherhechten, was man angeblich gelesen haben muss. Niemand zwingt mich dazu. Deswegen hab ich es selbst in der Hand.
  12. Ich bin kein Buchhändler, ich bin kein Journalist. Es ist egal, ob ich die neuesten Bücher lese oder nicht. Niemanden wird das kümmern. Ich muss nicht bei den Hypes mitmachen und auch nicht das lesen, was alle lesen. Und das gibt mir Freiheit.
  13. Ich will mich freuen, wenn ich ein Buch bekomme, nicht denken: Oh Gott, was tue ich nur, wo stelle ich es hin, und wann zur Hölle soll ich es lesen?
  14. Ich habe mir schon sehr lange keine Bücher mehr gekauft. Ich gehe in Buchhandlungen und stehe vor den Neuerscheinungen mit den Gedanken im Kopf: Hab ich im Regal, achja, das hab ich auch schon, oh Gott, das wollte ich noch lesen. Ich kaufe nichts, weil mich das Wissen, dass zuhause so viel Ungelesenes wartet, völlig niederdrückt. Und das finde ich schade. Ich möchte mir das wieder erlauben, ich möchte stöbern und entdecken und später dann auch wirklich lesen können.
  15. Radikale Schritte sind besser, als zu jammern. Deswegen werde ich einfach nichts vom Herbstprogramm lesen, nicht in die Vorschauen schielen, keine Listen anlegen, nichts bestellen. Ich werde mich um die ungelesenen Bücher kümmern, die ich schon habe. Ich werde mir Zeit nehmen, ihnen Zeit geben. Ich werde nicht nach dem nächsten schreien, sondern einfach mal die Pausetaste drücken, um aufzuholen. Das soll aber keine Challenge werden, bei der ich nichts Aktuelles mehr lesen DARF oder erst meinen SuB abbauen MUSS, ich mag solche Challenges nicht und halte nichts davon, mich dadurch auf neue Art wieder unter Druck zu setzen. Ich wünsche mir ja mehr Freiheit, nicht einen anderen Zwang.
  16. Ich verpasse nichts. Sicher werden gute Bücher erscheinen im Herbst 2018. Aber gute Bücher hab ich ja auch schon hier.
  17. Die Bücher laufen nicht weg. Ich kann sie auch später noch lesen. Wenn ich das wirklich will. 2019 zum Beispiel.

P. S.: Während ich diesen Post geschrieben habe, kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Ich hab sie ungelesen gelöscht.

Bücherwurmloch

  1. 102570701_d87263a591Es wird nicht mehr besser.
  2. Du verschwendest deine Lebenszeit.
  3. Du wirst dich am Ende ärgern, weil du deine Lebenszeit verschwendet hast.
  4. Halte es mit Elsa aus dem beliebten Disney-Film Frozen: Let it go. Manchmal muss man sich verabschieden und loslassen können. Einen Menschen, einen Traum oder eben die Vorstellung, dass das ein gutes Buch sein könnte.
  5. So many books, so little time! Wende dich lieber dem Nächsten zu. Das ist wie auf Tinder: angustieren, aussortieren, weitermachen.
  6. Ein schlechtes Buch quält. Es liegt herum und schaut vorwurfsvoll, wenn man vorbeigeht. Man weiß, man sollte weiterlesen, aber man will eigentlich nicht, und deswegen kriegt man schlechte Laune. Wie viel schöner wäre die Welt, wenn das vorwurfsvolle, schlechte Buch nicht mehr da wäre! Eben.
  7. Die Erfahrung hat Recht. Und die Erfahrung sagt: Wenn wir nichts miteinander anfangen können, das Buch und ich, dann ändert sich das nicht, auch wenn ich mehr und mehr Seiten lese. Das Bauchgefühl bleibt, und manchmal ist es halt einfach kein gutes.
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  8. Ein Gericht, das dir nicht schmeckt, würdest du ja auch nicht aufessen.
  9. Es ist kein Scheitern und kein Versagen deinerseits, wenn du ein Buch abbrichst. Es ist vielmehr das Buch, das gescheitert ist. Und wer will schon einen Loser im Haus haben?
  10. Du verpasst nichts. Dir entgeht nichts. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht weißt, was sonst noch in diesem Buch geschieht. Vermutlich nichts, das ist ja das Problem.
  11. Schlechte Bücher kann man viel leichter loswerden als schlechte Menschen.
  12. Das ist wie beim Radio: Wenn ein Lied kommt, das du nicht magst, wechselst du ja auch den Sender.
  13. Jemand anderer findet das schlechte Buch vielleicht gut. Gib diesen beiden die Chance, zusammenzukommen, indem du dich von dem Buch trennst und es verschenkst. Oder im Park aussetzt. Auf der hintersten Bank. Im Schatten.
  14. Es wird nicht mehr besser!

*Diese Liste kann, wie immer, Spuren von Ironie enthalten.

Bücherwurmloch

Ich habe Vor dem Sturm von Jesmyn Ward geliebt. Lest dieses Buch, Leute! Und Was ich euch nicht erzählte von Celeste Ng – das ist ebenso grandios. Nur die zweiten Romane dieser beiden Autorinnen, soeben erschienen, die sind es in meinen Augen nicht. Und das ist tragisch, es spielt diesem alten Dilemma in die Hände, unter dem ich seit langer Zeit leide: Viele, viele Jahre lang hab ich, sobald mir ein Buch eines Autors gefallen hat, kein weiteres mehr von ihm gelesen. Und im Moment denke ich, ich sollte vielleicht wieder zu dieser Gewohnheit zurückkehren.

Ich schrecke nicht davor zurück, ein Buch abzubrechen. Wenn es mich nicht packt, verschwende ich keine Lebenszeit damit, ich gebe ihm 50 Seiten oder 70, ganz selten 100, und doch, ja, mit der Zeit lernt man: Wenn es bis dahin nicht funkt, funkt es auch später nicht mehr. Aber bei Ward und Ng wollte und wollte ich nicht aufgeben. Ich hab mich durchgequält, quergelesen, ich hab mich geärgert und geflucht, nur abgebrochen hab ich die Bücher nicht, weil ich dachte: Die anderen waren so gut. Da muss doch noch was kommen. Es kam aber nichts.

Und wie es aussieht, bin ich die Einzige, der es so ergangen ist – ich lese ausschließlich Lobeshymnen auf Kleine Feuer überall und Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt. Das macht es freilich jedes Mal noch schlimmer, als es eh schon ist. Wenn man weiß: Ich steh mit meiner Meinung ganz allein da. Alle haben dieses Buch verstanden, nur ich nicht. Alle haben sich verbunden gefühlt und sind begeistert, schreiben, dass das ihr Lesehighlight sei und eine großartige Empfehlung, bloß ich dachte Nein und Bitte nicht und Das kann doch nicht wahr sein.
IMG_8866Singt, ihr Lebenden und ihr Toten, singt
Kennt ihr das, wenn ihr mit einem Buch beginnt und sofort wisst, dass das nichts wird mit euch? Als würdet ihr einen Menschen kennenlernen, der euch in der ersten Sekunde unsympathisch ist. So erging es mir mit Jesmyn Wards neuem Werk, und ich wollte es nicht wahrhaben, denn ich hatte mich richtig drauf gefreut, und meine Erwartungen waren hoch. Was also tun? Erst mal weitermachen. Das Gefühl ignorieren, den Verstand einschalten. Aber die Figuren bleiben unzugänglich, das Roughe daran viel zu übertrieben, die Handlung eindimensional und fad. Nur weil man zwischen Perspektiven wechselt, bedeutet das ja nicht, dass was passiert im Buch. Natürlich versucht mein Herz, Jojo zuzufliegen, weil er noch ein Kind ist, weil ich Mitleid habe mit ihm, weil ich ihn schützen will vor der lieblosen Umgebung, in der er aufwächst, aber es kommt nicht weit. Wie Jojo seine Schwester umhätschelt, dieses fast schon puppenhaft leblose Mädchen, das immer nur schluchzt, das ist mir too much, wie seine Mutter Leonie auf betont lässig und emotionslos macht, finde ich komplett unglaubwürdig, die Story mit den Drogen sehr klischeehaft. Und dann die Sache mit den Toten und den Geistern, nein, also ehrlich, da schwimmt so viel Zeug in dem Topf, dass ich es nicht auslöffeln kann und will. Der Ton strengt mich unheimlich an und stößt mich ab, ich komme nicht rein in das Buch, und was ihr alle daran gefunden habt, das weiß ich nicht.

 

NgLittle fires everywhere
Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist das ein Roman, an dessen Anfang bereits das Ende steht – und an dessen Ende nichts Neues mehr kommt. Wozu soll ich das denn alles lesen, wenn ich sowieso schon weiß, was geschieht, wenn ich keinen Anreiz mehr habe, zu erfahren, was geschehen ist? Celeste Ng, die mit ihrem hochgelobten Buch Was ich euch nicht erzählte einen Riesenerfolg gelandet hat, hat anscheinend kurz vor ihrem zweiten Roman alles über Erzählstrategie verlernt. Am schlimmsten finde ich die Rückblenden in den Rückblenden, die nicht nur für völlige Verwirrung sorgen und mich immer mehr den roten Faden verlieren lassen, sondern auch stets etwas erzählen, das die Figur, um die es gerade geht, eigentlich nicht wissen kann. Und das ist auch der Autorin aufgefallen, denn ab und zu kommen Einschübe wie „Mrs. Richardson, of course, couldn’t know all of this.“ Ach nein? Aber dann schreib es doch bitte nicht über sie drüber, finde eine andere Möglichkeit! Und genauso schwach erscheint es mir, den Leser willkürlich mit Infos in Klammern zu füttern, also beispielsweise aus der Sicht der Teenagertochter zu schreiben und nebenbei zu sagen (ihr Freund, also der wird das später übrigens nicht mehr so sehen), sowas ärgert mich regelrecht, ich empfinde es als Faulheit der Autorin, sich nicht die Mühe zu machen, eine ordentliche Abfolge der Zeiten und Perspektiven zu finden. Davon abgesehen ist Little Fires everywhere eine uninteressante, langweilige Story mit typisch amerikanischer Moral, mit erhobenem Zeigefinger und klischeehaften Figuren: einer brotlosen Künstlerin und einer reichen Familie, in der die rich kids vor Langeweile nur Blödsinn machen. Nichts an diesem Buch hat mich auch nur in irgendeiner Weise angesprochen.

Und bald wird sich die Frage stellen: Lese ich ein drittes Buch von Ward und Ng oder lasse ich es endgültig bleiben?

Bücherwurmloch

IMG_7892Wie Sie hier sehen, sehen Sie nichts. Das ist mein Nachttischerl, das neben meinem Bett steht, und es ist leer. Schaut nicht spektakulär aus, ich weiß, aber: Das bedeutet, dass ich alle Bücher, die da drauflagen, weggelesen habe. Seit ich vor Kurzem diesen Beitrag über mein momentanes Leseverhalten und meine Probleme damit geschrieben habe, habe ich ein bisschen was geändert. Weil ich nichts davon halte, nur rumzujammern, wenn es um Dinge geht, die man ändern KANN. Auf die äußeren Umstände habe ich keinen Einfluss, ich habe beruflich mit Lesen und Schreiben zu tun, ich habe zwei Kinder, die fordernde Zeitfresser sind, aber das mit der Ablenkung, das kann ich vielleicht in den Griff bekommen. Ich habe deshalb mit dem Parallellesen aufgehört, weil es mich anstrengt, unruhig macht, irgendwie auch verwirrt. Wenn da mehrere Bücher liegen, die ich alle angefangen habe, die alle meine Aufmerksamkeit wollen, führt es dazu, dass ich mich auf gar keins mehr richtig konzentrieren kann. Außerdem lasse ich keine Serien mehr auf dem Tablet laufen, während ich lese, was ich vorher in meinem Multitasking-Wahn durchaus gemacht habe (manchmal noch mit dem Handy in der Hand, imagine the madness). Eigentlich schaue ich im Moment überhaupt keine Serien mehr. Das werde ich bestimmt nicht beibehalten, ich will Netflix nicht verteufeln, ich finde viele Stoffe dort sehr interessant, neu und originell, aber: Das Lesen ist mir wichtig, so wichtig, dass ich ihm wieder mehr Platz einräumen muss bzw. möchte.

Auch der andere Zeitfresser, das Handy, bleibt in einem anderen Zimmer. Das fällt mir insofern schwer, weil ich am Abend meist endlich Zeit habe, um Nachrichten zu beantworten und Storys anzuschauen, aber auch hier gilt: Prioritäten setzen. Und ich bin nun mal in erster Linie ein Bücherwurm. Ich werde mit Sicherheit weiterhin extrem kritisch bleiben, das lässt sich nicht abstellen. Ich werde immer noch Bücher abbrechen, vielleicht sogar schneller als zuvor, weil ich ja kein zweites anfangen will, wenn mich das erste nicht packt, ich werde mich langweilen und nur querlesen. Das macht jedoch nichts, denn ich werde trotzdem noch jene Perlen finden, für die sich das Ganze lohnt.

Ein Buch hat es gegeben vor ein paar Tagen, das mich ganz unerwartet aus meiner Leselethargie gerissen hat, ein englisches Buch, von dem ich das gar nicht gedacht hätte. Ich habe danach gegriffen, weil es manchmal hilft, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, ein fremdsprachiges Buch zu lesen oder was Seichtes, irgendwas, das man sonst nicht oft liest, und siehe da, es hat funktioniert. Ich war von den ersten Seiten an total gefesselt und nach wenigen Stunden mit dem Roman durch: We were liars von E. Lockhart. Auch noch ein Jugendbuch bzw. für young adults, was ich sonst nicht mal mit der Kneifzange angreife. Stattdessen fand ich das Buch großartig und dachte: Schau, Mariki, du kannst es noch!

Bücherwurmloch

IMG_7858Eigentlich, müsst ihr wissen, ist mein Buch schon sehr lange nicht mehr in meiner Hand, seit über einem Jahr, um genau zu sein. Das liegt daran, dass die Verlage ihre Programmplätze natürlich weit im Voraus besetzen, für Dunkelgrün fast schwarz war im Frühjahr 2018 einer frei. Das war weit weg damals, jetzt ist es das nicht mehr. Jetzt ist der Moment gekommen. Da das Manuskript bereits so lange fertig war, ist es uns gelungen, sehr früh ein Leseexemplar auf den Weg zu bringen, mit dem wir Ende Dezember den Buchhandel, die Presse und meine Blogger versorgt haben. Das ist der Grund, warum ihr es schon überall gesehen habt – und trotzdem noch zweieinhalb Monate warten musstet, bis es erscheint. Aber DAS WARTEN HAT EIN ENDE! Ab heute ist Dunkelgrün fast schwarz überall erhältlich (und ihr wisst ja, im lokalen Buchhandel kaufen, ist am besten, gell)!

IMG_7803Was ich heute sagen möchte und muss, ist: Danke. In den letzten Wochen hat mich eine derart besondere Welle der Wertschätzung überrollt, dass ich völlig überrascht bin. Ich habe mich Ende Oktober nach langem Überlegen doch bei Instagram angemeldet, obwohl ich viele Vorbehalte gegen diese Plattform hatte – und bin sehr froh darüber. Ich dachte, dort gebe es nur oberflächliches Influencer-Lifestyle-Food-Models-Getue (und das gibt es bestimmt auch, aber ich bekomme nichts davon mit, weil ich mich in einem illustren Kreis von Gleichgesinnten bewege), und war verblüfft vom freundlichen Umgang und dem motivierenden Feedback. Außerdem hätte ich sonst verpasst, wie schön viele Blogger #dunkelgrünfastschwarz inszeniert haben. Als absolute Bereicherung empfinde ich auch den direkten Kontakt und den Austausch über meinen Roman – dafür liebe ich das Internet. So viele Leute haben mir geschrieben, nicht nur Blogger auf Instagram, auch Buchhändler via Mail oder Facebook. Ich weiß es sehr zu schätzen, wenn jemand sich die Mühe macht,  mir seine Gedanken mitzuteilen, mir Rückmeldung zu geben. Wunderbare positive Kommentare habe ich erhalten, zu meinen Lesungsterminen, zu meinen Berichten über Neuigkeiten. Allein das hat mich sehr bestärkt und motiviert.

Meinem großartigen Verlag gebührt ebenfalls ein Danke, für all das Engagement, das Fingerspitzengefühl, das Herzblut. Ich fühle mich bei der Frankfurter Verlagsanstalt sehr gut aufgehoben, bin wahnsinnig stolz, dass ich mich zu ihren Autorinnen zählen darf, und freue mich auf alles, was da kommen mag. Natürlich kann es sein, dass das Buch und ich nun einfach sang- und klanglos in der Masse der Neuerscheinungen untergehen. Wir wissen alle, wie kurzlebig Bücher heute sind, wie schnell sie von denen, die nachkommen, begraben werden. Aber vielleicht hab ich ja Glück, jenes Quäntchen Glück, das den Unterschied macht.

IMG_7901Heute also gehen Dunkelgrün fast schwarz und ich auf die Reise. Das Buch erscheint, ich steige morgen in den Zug nach Berlin, zu meiner Premiere bei ocelot. Am Donnerstag lese ich in München bei den Wortspielen, nächste Woche im Literaturhaus Salzburg und bei der Leipziger Buchmesse. Uns beide erwarten spannende Zeiten mit vielen Erlebnissen, Begegnungen, neuen Erfahrungen. Wir setzen uns der Kritik von euch allen aus, das Buch und ich, und wagen uns sehr weit aus unserer Komfortzone heraus. Und das ist ja das Beste, was man im Leben tun kann. Auf geht’s!

Bücherwurmloch

FlasarMilena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie
„Ohne Schmerz gibt es keine Erinnerung“
Herr Katō ist in Pension, und er kann sich noch so sehr einreden, dass er Pläne hat – das Radio reparieren, laufen gehen, vielleicht nach Paris fahren mit seiner Frau, vielleicht –, in Wahrheit ist ihm schrecklich langweilig. Das ändert sich, als er eines Tages die junge Mie trifft. Sie spielt gegen Geld das, was verlangt wird, zum Beispiel eine Tochter, eine Schwester, eine Cousine, lässt sich buchen für Hochzeiten und Beerdigungen, für kurze Treffen, die anderen aus verschiedenen Gründen wichtig sind. Sie erzählt Herrn Katō von ihrer Agentur und bietet ihm einen Job an, den er natürlich, eh klar, fad wie ihm ist, annimmt. Zu kurz währt jedoch dieses Glück, und richtig bereichernd ist es nicht, die allgemeine Langeweile überwiegt, das ewig gleiche Zusammenleben mit seiner Frau, die Abwesenheit seiner Kinder, die, längst erwachsen geworden, kaum noch Kontakt halten, die große Fadesse des Lebens. Genau so erging es mir mit diesem Buch. Es kann gut sein, dass es mich in der falschen Phase erwischt hat, in jener der Ablenkung und des Lese-Überdrusses, als ich etwas Mitreißendes gebraucht hätte. Dabei habe ich Sie nannten ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar geliebt! Und ich habe nichts gegen ruhige, zurückhaltende Bücher, im Gegenteil, ich fand Herr Origami großartig, genauso wie die Romane von Yoko Ogawa. Aber dieses hier? Ich weiß nicht. Ich habe mich gemeinsam mit Herrn Katō in seinem Leben sehr gelangweilt.

Herr Katō spielt Familie von Milena Michiko Flašar ist erschienen im Wagenbach Verlag (ISBN 978-3-8031-3292-5, 176 Seiten, 20 Euro).

IMG_7913Katie Kitamura: A separation
Christopher ist verschwunden, und seine Frau soll ihn suchen. Das wäre nicht so ungewöhnlich, wären die beiden nicht seit Längerem getrennt und fast schon geschieden, was nur niemand weiß. Christophers Mutter fordert die namenlose Protagonistin auf, nach Griechenland zu reisen, wo er sich aufhalten soll, und sie tut es. Sie lebt mit einem neuen Mann zusammen, hat ihren untreuen Gatten verlassen, alles ist noch unklar, keine Papiere unterschrieben. Sie kommt im Hotel an, und Christopher ist nicht da. Also tut sie erst einmal nichts, was sehr langweilig ist, und dann kommt des Rätsels Lösung eh schon ans Licht, ohne dass sie was tut, was auch langweilig ist. Ich habe mir viel von Katie Kitamura erwartet, deren Name seit einer Weile immer wieder dort auftaucht, wo von den Guten die Rede ist, die mit vielen Preisen bedacht wurde und deren Romane auch auf Deutsch erschienen sind. Letztlich war A separation aber eine herbe Enttäuschung, eine ganz und gar uninteressante Geschichte ohne einen einzigen Höhepunkt, ohne Konflikt, ohne Botschaft, die ich hätte hören können. Vielleicht habe ich mich für das falsche ihrer Bücher entschieden, die anderen werde ich jetzt jedoch sicher nicht mehr lesen.

Trennung von Katie Kitamura ist auf Deutsch erschienen bei Hanser (ISBN  978-3-446-25445-9, 256 Seiten, 22 Euro).