Bücherwurmloch

„Ich müsste eine letzte Idee haben. Eine einzige geniale Idee, an die niemand zuvor gedacht hat“
Als Martin ein Kind ist, kann er nicht lügen. Das amüsiert seine Mitschüler und Eltern sehr, und sie nutzen es aus: Immer ist er derjenige, dem Fragen gestellt werden und der alles verrät. Seinen einzigen Freund Oskar trifft er jeden Tag, sie haben einen Geheimweg und vertrauen einander. Dann beschließt Oskar, Martin das Lügen beizubringen – doch dabei gehen die beiden Buben zu weit. Und noch als Erwachsener versucht Martin, auszugleichen, was damals geschehen ist. Dazu macht er sich an die wesentlich ältere Valerie heran, die er nicht einmal attraktiv oder interessant findet. Aber sie steht in Zusammenhang mit dem Geheimnis, das er mit sich herumträgt.

Giuliano Musio hat ein Gespür für das Seltsame. Er erzählt keine Geschichten, die jeder erzählt, ganz in Gegenteil: Bei seinen Romanen kann man sich nicht einmal annähernd vorstellen, was darin passieren könnte. Das macht sie so interessant und originell, führt aber auch dazu, dass man sie nicht ohne Stirnrunzeln lesen kann. In Wirbellos geht es also um einen, der sprichwörtlich wirbellos ist, weil er kein Rückgrat hat, es geht um Täuschung und um die Fähigkeit zu lügen, um ein vertuschtes Verbrechen und die Frage, wie man eine schwere Schuld begleichen kann. Und zudem liegt Bern in diesem Buch am Meer.

Der Schweizer Autor, der mit seinem Debüt Scheinwerfen einen herausragenden Roman vorgelegt hat, den ihr unbedingt lesen solltet, hat einen Protagonisten erschaffen, der ambivalent ist, und das macht ihn menschlich. Er hat etwas Schlimmes getan, er verhält sich wie ein Arsch, er ist berechnend und unnahbar und egozentrisch, zugleich aber versucht er so verzweifelt, alles wieder gut zu machen, dass man geneigt ist, letztlich doch mit ihm zu fühlen. Denn dieses Sühnen, nach dem er sich sehnt, diesen Ablasshandel, den er mit sich selbst eingeht, der funktioniert überhaupt nicht. Die Geschichte ist eine Herausforderung in jeder Hinsicht, und sie steigert sich im letzten Drittel zu einem fast schon amerikanisch-waghalsigen Finale. Die Sache ist aber: Ich habe nicht aufgehört zu lesen, und das liegt an Giuliano Musios Sprache. Er platziert alles dort, wo es sein muss, und das ist nicht so simpel, wie es klingt, es ist sehr schwer. Dies ist ein Roman, der den Leser auf jeden Fall aufwirbelt.

Wirbellos von Giuliano Musio ist erschienen bei Luftschacht (ISBN 978-3-903081-38-3, 464 Seiten, 26 Euro)

Bücherwurmloch

„Alle müssten viel öfter an ihren eigenen Tod erinnert werden. Dann würde es weniger Größenwahn geben“

„Helene Schulze gehörte unwidersprochen zum Kanon der späten feministischen Avantgarde“ war auch so ein Satz, der überall in den Nachrufen stand. Kanon, Avantgarde. Das klang nach einem kuscheligen Chor, dem das österreichische Feuilleton und der Markt andächtig gelauscht und danach applaudiert hätten. Das Gegenteil war der Fall. Feministische Avantgarde, das bedeutete Gehasstwerden. Vom Feuilleton. Vom Steuerzahler. Von den Kollegen. Es bedeutete Gegenwind und Einsamkeit.“

Das sagt Elvira, und die muss es wissen: Sie war nämlich dabei. Sie ist eine von Helenes ältesten Freundinnen und Mitstreiterinnen, und Helene ist tot. Die Schriftstellerin, die in jungen Jahren mit einem Buch sehr erfolgreich war, konnte an diesen Erfolg nie anknüpfen, hat geheiratet und Kinder bekommen und ist schließlich allein in einem Häusl in der Einöde gestorben – am Saufen. Das ist bitter, und Elvira muss sich jetzt durch ihren Nachlass wühlen, denn für das neueste Werk, quasi posthum rausgebracht, ist Helene für den Deutschen Buchpreis nominiert. Das ist noch nie einem toten Menschen gelungen, und die Presse giert nach zitierfähigen Sätzen. So lernt Elvira den jungen Adrian kennen, der mit einem Fernsehteam in ihr Haus kommt. Wenig später ist er ihr Assistent. Ohne recht zu wissen, worauf er sich einlässt, tourt er mit der alten Frau und einem noch älteren Lieferwagen, in dem sie schlafen, durchs Land – und sieht sich plötzlich in höchst illegale Aktivitäten verwickelt. Denn Elvira ist wütend. Und sie plant einen groß angelegten Rachefeldzug – im Namen von Helene. Und im Namen aller Frauen.

Einen Roman über Feminismus zu schreiben, der saukomisch und brutal ernst zugleich ist, das ist nicht so einfach. Da muss erst einmal eine Klemm kommen, damit das gelingt. Denn sie hat den Biss dafür, sie hat die nötige österreichische Gschertheit, den Humor und vor allem: Sie hat die Sprache. Gertraud Klemm hat mit Hippocampuseine Geschichte vorgelegt, die eigentlich eine Abrechnung ist: mit der Buchbranche, mit den Politikern, mit den Machthabern und den Männern im Allgemeinen. Das ist großartig, scharf, böse und wahr.

„Wenn Ehepaare miteinander altern, wachsen die Frauen über sich hinaus und über ihre Zuständigkeiten. Dann wachsen sie um ihre Männer herum und ersticken sie mit ihrer Fürsorglichkeit, damit sie im Alter noch jemanden haben, den sie dank günstiger Seniorentickets durch die Welt schleifen können.“

So klingt das, wenn Protagonistin Elvira spitzzüngig lebenserfahrene Urteile fällt. Sie war einmal jung und hat daran geglaubt, die Welt für ihre Mitfrauen ändern zu können. Inzwischen ist sie resigniert und allein und pleite – genau wie Helene es war. Weil sie wieder und wieder gegen die gläserne Wand gelaufen sind, hinter der all die Männer standen mit hämischem Grinsen. Aber Elvira dankt nicht einfach so ab, sie hinterlässt lieber noch einen riesengroßen Haufen Scheiße, und zwar sprichwörtlich. Sie errichtet der Frau eines Gemeindebürgermeisters, der verewigt ist in lauter Bronzetafeln für seine großen Taten, ebenfalls ein Denkmal, bestehend aus einem Berg vollgeschissener Windeln, den die Bürgermeistergattin weggearbeitet hat in der Zeit, in der ihr Mann Politik gemacht und das Ego poliert hat. Dass den Frauen die Arbeit nicht gedankt wird, darum geht es in diesem Buch, dass sie keinen Platz haben in den oberen Reihen, dass sie sich müde kämpfen und doch nie siegen. Ein Roman, der wachrüttelt, und ganz ehrlich: richtig so. Wir brauchen diese Wut. Wir müssen wach sein und die Ärmel hochkrempeln und ein bisschen Radau machen. Wie Elvira.

Hippocampus von Gertraud Klemm ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01177-8, 384 Seiten, 22,90 Euro).

 

 

Bücherwurmloch

„Er vermisste sie mit offenen und mit geschlossenen Augen, wobei es mit geschlossenen schlimmer war, denn dann sah er sie überall“
In Hamburg werden Autos angezündet, und dann brennt plötzlich eines, da saß jemand drin: Nouri Saroukhan. Und weil er der Sohn eines Clans aus Bremen ist, steckt Chastity Riley plötzlich in einer Ermittlung, in der viele Menschen einander tot sehen wollen – und niemand mit der Polizei darüber redet. Dies ist ihr achter Fall, ich kenne die anderen nicht, ich habe einfach willkürlich zugegriffen, denn: Wer in der Buchbranche unterwegs ist, kommt an Simone Buchholz nicht vorbei. Viel hab ich über sie und ihre Krimis bereits gehört, inzwischen bin ich ihr selbst begegnet und fand sie unglaublich sympathisch – da war ich neugierig. Und hab mir Mexikoring zugelegt, obwohl ich wirklich kein Krimi-Fan (mehr) bin, obwohl ich für gewöhnlich einen großen Bogen um dieses Genre mache (mit einer Ausnahme: Ellen Dunne) und Sonntagabend alles tun würde, um nicht den Tatort anschauen zu müssen.

Und dann das: Simone Buchholz hat diese herrlich kaputten Figuren. Sie hat diese hartgesottene Schreibe, durch die so viele Gefühle schimmern. Sie hat diese Heldin, bei der ich bestens verstehen kann, warum so viele Leser zu Fans werden: Chastity Riley ist kein zugängliches, nettes Frauchen, sondern ein offenbar ziemlich beschädigter Mensch. Viele Sprachbilder fand ich wahnsinnig gelungen, viele Sätze schnörkellos und poetisch zugleich. Und an einer Stelle hatte ich sogar Tränen in den Augen – das hab ich nicht erwartet. Der Krimi an sich: ja. Einer stirbt, ein anderer muss am Ende der Mörder sein, so funktioniert das nun mal. Und es funktioniert. Ich hab große Lust bekommen, diese ankaputtete Riley näher kennenzulernen und zu erfahren, was da vorher alles passiert ist, mit diesem Mann, der nur mehr einen Arm hat, mit diesem Nachbar, dessen leere Wohnung ihr so weh tut, und außerdem will ich noch mehr von diesem Schnodder und dieser Schwärze lesen, deshalb hab ich einfach alle anderen Krimis von Simone Buchholz geordert. Und wenn das jetzt kein Kompliment ist, dann weiß ich auch nicht! Die sollten den Tatort künftig nach ihren Büchern machen, dann würde vielleicht sogar ich ihn gucken.

Mexikoring von Simone Buchholz ist erschienen bei Suhrkamp/Insel (ISBN 978-3-518-46894-4, 14,95 Euro).

Bücherwurmloch

„Everyone is obsessed with her looks“
Korede hat ein Problem, und dieses Problem ist ihre Schwester. Ayoola hat nämlich ihren Freund umgebracht, mit gezielten Messerstichen, und dann Korede angerufen, damit die ihr hilft, den Leichnam zu beseitigen. So weit, so schlecht, aber es kommt noch schlimmer: Das war schon der dritte Freund von Ayoola, den dieses Schicksal ereilt hat. Und ab drei ist man, das hat Korede nachgelesen, ein Serienmörder. Ayoola ist wahnsinnig hübsch, die Männer liegen ihr zu Füßen – darunter auch Tade, er ist Arzt an dem Krankenhaus, in dem Korede arbeitet. Und sie ist seit Langem verliebt in ihn. Weshalb sie ihn jetzt vor ihrer Schwester bewahren muss.

Geile Idee für ein Buch, hab ich mir gedacht, als ich es bei Schöne Seiten gesehen habe, und das ist es auch. Leider aber nicht viel mehr: Das Ausgangssetting ist spannend, die Kulisse von Lagos tut das Ihrige, denn hier ist es heiß und gefährlich, es wimmelt vor korrupten Polizisten und gewalttätigen Familienvätern. Ayoola geht auf ihre eigene Art damit um: Sie hat das Messer des verstorbenen Vaters an sich genommen und zögert nicht, es einzusetzen. Sie zögert auch nicht, die Männer, die ihr verfallen sind, auszunutzen und gegeneinander auszuspielen. Ich-Erzählerin Korede ist ein allzu blasses Aschenputtel neben der Schwester, das ist ein wenig klischeehaft und schade. Auch sonst bleibt der Thriller eher oberflächlich, besonders im letzten Drittel flacht alles ab und versandet. Da hätte ich mir noch einen Schocker gewünscht, eine unerwartete Wendung, stattdessen endet es eher unbefriedigend. Ein wenig mehr Tiefe in den Beziehungen, vor allem jener zwischen den Schwestern, hätte Wunder gewirkt. Aber nun ja, ich hatte trotzdem Spaß beim Lesen, ich mag die Idee nach wie vor, und ich finde die Geschichte dahinter interessant:

Nachdem Oyinkan Braithwaite mit einer Kurzgeschichte für einen renommierten Preis nominiert war, bekam sie eine Schreibblockade, weil sie sich so unter Druck setzte, jetzt ihren großen Roman abliefern zu müssen. Ein Jahr lang ging gar nichts mehr, bis sie beschloss, die Blockade zu überwinden, indem sie einfach irgendwas schrieb, roh und ungeplant, etwas, das Spaß machen sollte. Und landete damit einen Knaller, der sich sofort verkaufte, die Filmrechte sind optioniert. Eine sehr gewinnbringende Schreibblockade war das.

Bücherwurmloch

„Er war dieser Frau offenbar vollkommen ausgeliefert“

„Aber wieso wollt ihr die Welt beherrschen? Ich dachte, das sei eine Idee der Antisemiten?“
„Ist es auch! Aber wir finden sie gut und wollen sie in die Tat umsetzen.“

Das bekommt der überraschte Mordechai Wolkenbruch zu hören, und zwar in dem Kibbuz, in den er gebracht wurde, nachdem seine jüdische Familie mit ihm gebrochen hat – wegen seiner Liebe zu einer Schickse, von der Thomas Meyer auf wunderbar unterhaltsame Weise in Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse erzählt hat (das kürzlich von Netflix verfilmt wurde!). Im zweiten Teil Spektakels rund um Motti, wie seine jüdische Mame ihn nennt, artet alles sehr schnell aus: Die Juden möchten die Weltherrschaft an sich reißen, und in einem geheimen Bunker in den Alpen leben Nazis, die sich bei Kriegende dort versteckt haben, um eines Tages den Endsieg doch noch herbeizuführen. Was natürlich einhergehen würde mit – achja, der Weltherrschaft. Kann es noch absurder sein? Ja. Weil die Nazis eine Agentin nach Israel entsenden, die den Anführer des Weltjudentums – unseren Mordechai Wolkenbruch, mittlerweile Mickey genannt und Leiter eines Orangen-Export-Unternehmens – zu ermorden. Und spätestens ab da geraten die Dinge wirklich außer Kontrolle.

Ich glaube, Thomas Meyer hat sich bei diesem Buch gedacht: Scheiß drauf. Ich mach es einfach, ohne Rücksicht auf Verluste. Was für ein überbordend verrückter, lustiger, hochgradig seltsamer Roman das geworden ist! Ich schwanke auf jeder zweiten Seite zwischen „haha, wow, okay, verdammt gut“ und „what the fuck, das kann nicht sein Ernst sein“. Eine Hassmaschine, die das Internet zu einem Ort der verbalen Gewalt macht, ein Volksrechnerlein, mit dem man telefonieren und auf Instagram posten kann, jüdische Boys, die mit sexy Fotos Orangen verkaufen, und die unberechenbare Macht von Alexa – ehrlich, das alles zusammenzumengen, ist entweder krank oder genial. Ich kann mich bis zum Ende nicht entscheiden, und denke deshalb: Es ist beides. Ein großer Spaß, ein waghalsiges Leseabenteuer, ein vor Originalität sprühendes Buch, bei dem man mit Sicherheit mehr als einmal nur den Kopf schüttelt. Ich frage mich, ob es da noch einen dritten Teil geben kann, denn ganz ehrlich: NOCH verrückter geht es gar nicht.

Wolkenbruchs waghalsiges Stelldichein mit der Spionin von Thomas Meyer ist erschienen bei Diogenes (ISBN 978-3-257-07080-4, 288 Seiten, 24 Euro).

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„Das Ting macht dich zum perfekten Menschen“
Sie sind zu viert, und jeder bringt wichtige Talente mit: Linus hat eine App erdacht, die alle Bedürfnisse der Menschen erahnt und ihnen essenzielle Tipps gibt. Programmiererin Neo sorgt dafür, dass mit den Codes alles glattläuft. Adam ist der Arrogante mit dem Unternehmergeist, und Kasper hat das Geld. Aus unterschiedlichen Gründen sind sie in diesem Team gelandet, das nun vor allem ein Ziel hat: Das Ting – so heißt die App – funktionstüchtig und serienreif zu machen, um damit in Folge möglichst alle Smartphones auszustatten, die es auf dieser Erde gibt. Dazu müssen sie die App allerdings zuerst einmal selbst testen. Und so verpflichten sie sich dazu, jeder Anweisung, die das Ting ihnen gibt, Folge zu leisten. Wer es nicht tut, verliert seine Anteile am aufsteigenden Start-up.

Artur Dziuk hat sich eine Geschichte ausgedacht, die so weit gar nicht entfernt zu sein scheint von der Realität: Während man noch lächelt angesichts der Tatsache, dass das Ting genau weiß, ob die Anwender zu wenig getrunken haben, mehr schlafen und bessere Entscheidungen treffen sollten, benutzen wir alle genügend verschiedene Apps, die im Endeffekt dasselbe tun – das ist keine Zukunftsmusik, das ist die Wirklichkeit. Das Ting vereint sämtliche physiologischen und psychologischen Symptom-Sammel-Mechanismen, die andere Anwendungen jetzt bereits besitzen, und wird dadurch zur einzig nötigen App – die sich ins Leben der Menschen einmischt. Die vier Hauptfiguren dieses Romans, denen in wechselnder Reihenfolge jeweils ein Kapitel gewidmet ist, schlagen sich deshalb herum mit Empfehlungen romantischer, freundschaftlicher, finanzieller Natur, und das Ting ist sehr hartnäckig.

Artur Dziuk hat auf unterhaltsame Weise eine Art Google-Future-Dystopie-Roman kombiniert mit Gossip-Dawson’s-Creek-Junkfood. Intrigen und Romance, Geld, Ruhm und Verrat – all das bringt er aufs Tapet und scheint dabei so richtig Spaß zu haben: Grinsend stelle ich ihn mir vor beim Schreiben, wie er plottet und alle miteinander verbindet, sie schmoren lässt und sich ein überraschendes Ende ausdenkt für Linus, Neo, Adam und Kasper – und die Lesenden, die sich mit diesem Buch amüsieren werden. Schlau gemacht, flüssig zu lesen, ist Das Tingwie eine mitreißende Netflix-Serie (als die ich es mir wirklich gut vorstellen könnte) mit ambitionierten jungen Menschen, die sich zwischen Geld und Moral entscheiden müssen.

Das Ting von Artur Dziuk ist erschienen bei dtv bold (ISBN 978-3423230063, 464 Seiten, 18 Euro).

Bücherwurmloch

„Ja, wir sitzen auf diesem Planeten fest, und wir werden ihn nicht lebendig verlassen“
Amisa, Ponti, Xiaofang – das sind die Namen einer einzigen Person: Szus Mutter. Als Xiaofang aufgewachsen, hat sie mit großer Schönheit auf sich aufmerksam gemacht und später als Amisa eine Schauspielkarriere gestartet. Doch es blieb bei einer einzigen Rolle: In drei Teilen eines Horrorfilms spielte sie Ponti. Der Film wurde in Singapur nicht gezeigt, bis heute ist er eine Art Geheimtipp und nicht einmal auf Video erhältlich. Das hindert die 16-jährige Szu aber nicht daran, so zu tun, als sei ihre Mutter ein großer Star. Sie selbst ist in der Schule eine Außenseiterin mit einer einzigen Freundin namens Circe, über die ihre Tante sagt:

„Hör auf, so viel Zeit mit deiner Freundin zu verbringen. Sie ist ein verwöhntes Mädchen mit einer schwachen Seele.“

Die Freundschaft zwischen den beiden steht, wie jede Teenager-Beziehung, auf unsicheren Beinen, wird bestimmt von Nähe und Anziehung sowie von Verletzungen und Manipulation.

„Es ist so viel schwieriger, seine einzige Freundin auf der Welt zu verabscheuen, wenn 1.) es sich so anfühlt, als ob man entweder das einzige Gericht auf der Speisekarte nehmen oder hungern muss; 2.) ihre Gehässigkeit so schnell kommt und geht wie ein Ausschlag oder Fieber; 3.) die Erinnerung an ihre Freundlichkeit noch so frisch ist, dass man geneigt ist, ihr zu verzeihen; 4.) ihre Kränkungen manchmal so beiläufig sind, dass ich mich frage, ob ich es mir vielleicht nur eingebildet habe und eigentlich ich die Fiese bin.“

17 Jahre später erzählt Circe aus ihrem Leben, das nicht unbedingt ein glückliches ist. Schließlich berichtet sie auch, dass sie einst mit Szu befreundet war und deren Mutter seltsam fand. Wieso die Freundschaft endete, wird nicht so richtig klar. Und auch sonst bleibt in diesem Buch einiges schwammig.

Schöne Monster ist ein Roman, der von seiner fremdartigen, klebrigen Atmosphäre lebt. Eine Jugendliche, deren Mutter in trashigen Horrorfilmen mitgespielt hat, deren Tante sich als Medium ausgibt, Singapurs Hitze, Vernachlässigung und fehlende Liebe: Das sind die Elemente, aus denen er sich zusammensetzt. Doch die Geschichte ist luftleer, Handlung gibt es so gut wie keine. Sharlene Teo – selbst in Singapur geboren – hat Figuren geschaffen, die mal mehr, mal weniger interessant sind. Die entscheidenden Fragen, die man sich im Lauf der Lektüre stellt, bleiben jedoch unbeantwortet, und so ist die Story eher unbefriedigend. Nichtsdestotrotz finde ich die Idee für das Buch großartig, und es hat einige wirklich lesenswerte Stellen. Was mir schlicht gefehlt hat, war der Knaller, auf den man die ganze Zeit wartet, die Auflösung, den entscheidenden Dreh.

Lieblingszitat:
„In Wahrheit ist meine Tante Yunxi halb Frau, halb Geige. Sie gibt hohe Töne von sich, ist dünn und steif wie ein Brett.“

Schöne Monster ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-05073-3, 320 Seiten, 22 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Ich erinnere mich an alle Jahreszeiten. Vor allem an den Winter“
Dass ich so lange gewartet habe, um über dieses Buch zu schreiben, obwohl ich es längst gelesen habe, obwohl der Buchpreis inzwischen vergeben ist, hat einen Grund: Ich wusste, ich würde auf der Messe ein WDR-Interview haben gemeinsam mit Alexander Osang. Und das wollte ich abwarten. Um ihn kennenzulernen und zu hören, was er selbst über dieses Buch sagt, das ihm eine Buchpreis-Nominierung eingebracht und sich ausgezeichnet verkauft hat. Und Alexander Osang hat mich verblüfft: Er ist unglaublich sympathisch, witzig und selbstironisch. Ein sehr zugänglicher, schlauer Mann, der in diesem Gespräch erzählt hat, wie er schreibt, wie er zu diesem Roman kam und dass er in den Neunzigern selbst Radio gemacht hat – eine nächtliche Talkshow, die er verloren hat, weil er einfach gute Mucke gespielt hat und nicht die vom Sender vorgegebenen Songs.

Wir haben über Familien gesprochen und das Wort „ankaputtet“ erfunden, wir haben uns über Beziehungen und äußere Umstände unterhalten, die für die Literatur deshalb interessant sind, weil sie Auswirkungen haben auf alle Generationen, die folgen. Das ist besonders in Alexander Osangs großem Roman der Fall: Konstantin Stein ist von allem eher halb – halb erfolgreich, halb glücklich. Der 43-jährige Filmemacher hat Ideen, das schon, nur an der Umsetzung scheitert es. Als sein Vater ins Pflegeheim muss und Konstantin merkt, dass seine Eltern alt werden, erschüttert ihn das mehr als erwartet. Und da kommt plötzlich seine Mutter ins Reden: Sie erzählt ihm, um ihn zu einem Film zu inspirieren, die Geschichte ihrer eigenen Mutter, der Russin Elena, die eigentlich Jelena hieß und auf dem Weg nach Deutschland so viel mehr verloren hat als den Anfangsbuchstaben ihres Namens. Und so ist Konstantin unsere Stimme in der Gegenwart, während sich die Vergangenheit entfaltet, beginnend 1905, als Jelena vier Jahre alt war und ihr Vater hingerichtet wurde. Ganz der russischen Erzähltradition verhaftet, an die dieser Roman freilich angelehnt ist, lässt er sich Zeit. Und bietet letztlich einen Querschnitt durch das Leben einer Frau – und durch ein gesamtes Jahrhundert.

Alexander Osang ist wohl das Alter Ego von Konstantin Stein, denn Jelena Silber ist seine eigene Großmutter. Die Geschichte mit der Hinrichtung des Vaters, die ist tatsächlich so geschehen. Und indem der Filmemacher nach Russland reist, um mehr herauszufinden über seine Wurzeln, seine Familie, kann der deutsche Autor, der für den Spiegel aus Tel Aviv schreibt und für seine Reportagen mit mehreren Preisen bedacht wurde, in dieser Autofiktion von Jelenas Reise in die andere Richtung erzählen. Seine Großmutter ist geflohen, von Russland nach Schlesien nach Ostberlin, und das ist es doch, was beinahe jede Biografie befeuert hat im letzten Jahrhundert: Hunger und der Wunsch nach einem besseren Leben, der Nationalsozialismus, der Krieg, Angst und Verfolgung. Jelena hatte vier Töchter – eigentlich fünf, doch eine fand früh den Tod – und bleibt eine seltsam unergründliche Figur, die nicht nur immer Opfer war und getrieben, sondern auch versucht hat, sich selbst glücklich zu machen. Dies ist ein massives, gewichtiges Werk, auf das man sich einlassen können muss – es lohnt sich. Die Jury für den Deutschen Buchpreis konnte es. Und ich freu mich auf Alexander Osangs nächstes Buch. Vielleicht darf ich ja dann wieder Radio mit ihm machen.

Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397423-2, 624 Seiten, 24 Euro).

Bücherwurmloch

„Das Leben war das, was vorüber war“
Als Adelaidas Mutter stirbt, ist es für sie ein herber Verlust, für ihr Land jedoch nur eine weitere Tote, von denen es mittlerweile so viele gibt, dass kaum noch freie Gräber vorhanden sind.

„Meine Mutter und ich, wir glichen nur uns selbst. Durch meine Adern floss Blut, das mir niemals zu entkommen helfen würde. In diesem Land, in dem alle von jemandem abstammten, hatten wir niemanden. Dieses Land war unsere einzige Biographie.“

Die Rede ist von Venezuela. An der Karibikküste Südamerikas gelegen, hat es 1999 durch die Bolivarische Revolution eine Umwälzung sondergleichen erlebt: Venezuela ist ins Chaos gestürzt, die Bevölkerung wurde systematisch ausgehungert, gefoltert, geplündert. Es gibt dort kein funktionierendes finanzielles System mehr, es gibt kein Essen, keine Sicherheit. Die Menschen sind am Ende, und das ist nicht so dahergesagt, nein, das ist bitterer Ernst. Und davon erzählt Karina Sainz Borgo in Nacht in Caracas.

„Jetzt läuft alles aus dem Ruder: Dreck, Angst, Schießpulver, Tod und Hunger. Als du im Sterben lagst, ist das Land verrückt geworden. Um zu leben, mussten wir Dinge tun, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen, dass wir sie tun könnten: plündern oder schweigen, dem anderen an die Kehle gehen oder wegsehen.“

Die Autorin, die selbst aus Venezuela geflohen ist und in Spanien lebt, lässt ihre Sprache von der Wut leben. Rau ist das und ungezähmt, wild und böse und zornig. Dieses Buch muss man ertragen können, ich konnte es nur in Etappen lesen. Es bildet eine Wirklichkeit ab, die so grausam ist, dass man ihr nichts hinzudichten muss, um einen Roman zu erhalten, der aufwühlt und erschüttert. Deshalb ist das ein Werk, über das man sprechen muss, denn wo ist das Bewusstsein für Venezuela? Wo ist das Wissen über die entsetzliche Lage seiner Bewohner?

„In einem mestizischen, seltsamen Land. Herrlich in seinen Psychopathien. Großzügig in Schönheit und Gewalt, über die man hier besonders verschwenderisch verfügte.“

Atemlosigkeit und Panik tragen dieses Buch, aber auch eine tiefe Resignation: Seit zwanzig Jahren wird es in Venezuela schlimmer und schlimmer. Die Aussichten für die Zukunft sind schwarz, niemand schreitet ein, und während dies ein zutiefst politischer Roman ist, ist er auch erfüllt von Emotionalität. Aber nicht von Liebe. Nicht von Zuversicht und Zuneigung. Da ist nur noch Hilflosigkeit. Angst. Und der Wille, andere zu opfern, um selbst zu überleben. Nacht in Caracas ist ein schmerzhaftes, trauriges Buch, ein 220 Seiten langer Hilfeschrei.

„Mein Mund wie ein Revolver, heiß und geladen, der jemanden suchte, auf den er abfeuern konnte.“

Nacht in Caracas von Karina Sainz Borgo ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397461-4, 224 Seiten, 21 Euro).

 

 

 

 

Bücherwurmloch

„Du wirst lachen: Ich trolle“
Dieser Roman und ich, wir haben eine Geschichte. Anders kann ich nicht anfangen, über ihn zu berichten, denn ich kannte ihn bereits, da war er noch ein erstes Manuskript. Und: Er war schon damals sehr gut. Witzig, bissig, originell, getragen von einer richtig guten Idee. Das sahen auch die Verlage so, an die mein Bloggerfreund und Kollege Frank Rudkoffsky es geschickt hat. Allein: Erschienen ist es nicht. Und dann hat er ein Durchhaltevermögen an den Tag gelegt, wie ich es wohl nicht besessen hätte – und für das ich ihn sehr bewundere. Umso mehr hab ich mich nun richtig ehrlich gefreut, dass Fake – einst hieß es noch 1Elf – bei Voland & Quist eine so großartige Heimat gefunden hat. Und nicht nur das: Das Buch ist auch noch besser geworden.

Frank Rudkoffsky, der bereits mit seinem Debüt Dezemberfieber aufhorchen hat lassen, erzählt darin eine Geschichte, die aktueller nicht sein könnte: Es geht um Hatespeech und Trolle im Internet, um die Art, auf die wir uns virtuell gegenseitig fertigmachen, aber auch um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Karrierechancen und Frustpotenzial. Frank schreibt darüber derart lässig, dass man es unheimlich gern lesen mag – und dann, obwohl es lustig ist, obwohl man lacht, langsam ins Nachdenken kommt. Das ist eine der Stärken dieses Romans, der uns so ungeschönt vor Augen führt, wie unkontrolliert wir uns im Internet austoben, hassen, zerfleischen – und welche Folgen das haben kann und hat. Konkreter: Sophia hat es bei Daimler weit gebracht und wollte eigentlich mit Jan eine Weltreise machen. Doch eine ungeplante Schwangerschaft machte ihr einen Strich durch die Rechnung, und so muss Sophia jetzt sowohl auf die Karriere als auch auf den Trip verzichten und ist stattdessen in einer Wohnung in Stuttgart gefangen – mit einem plärrenden Baby. So weit, so schlimm, und wie Frank Rudkoffsky das beschreibt, Leute, so ist es wirklich: Geradezu meisterhaft hat er die Wut und die Müdigkeit eingefangen, die Hilflosigkeit, die man angesichts eines schreienden Kindes empfindet, die Liebe, die aufwallt, aber auch niedergewalzt wird von dem Wunsch, alles möge anders sein. Um ihren aufgestauten Zorn irgendwo entladen zu können, legt Sophia mehrere Fake-Profile an und trollt munter durch verschiedene Foren und auf Facebook. Jan strauchelt derweil beruflich, er möchte sich als freischaffender Journalist einen Namen machen, und das gelingt mehr schlecht als recht – bis er aus dem Herzen einer Pegida-Demonstration berichtet. Doch was er sich da geleistet hat, war nicht ganz sauber, und so schwitzt Jan Blut und Wasser vor Angst, dass er auffliegen könnte. Jemand scheint ihm auch schon auf den Fersen zu sein – natürlich im Netz.

Das Internet ist ein seltsamer Ort: Ich bin nicht der Meinung, dass es uns zu schlechteren Menschen macht. Ich denke, die Menschen sind sowieso schlecht, und das Netz bietet ihnen eine weitere Möglichkeit, das auszuleben. Und zwar ohne jegliche Zurückhaltung. Davon schreibt Frank Rudkoffsky rasant, gewitzt und klug und mit viel Gefühl für eine gute Story. Fake ist das Buch der Stunde, das Buch unserer Zeit. Es zeigt, wie schnell die Dinge entgleiten und entgleisen – sei es im engen Familienverband, sei es im großen virtuellen Netzwerk – und wie stark wir gelenkt werden von unseren Egos, denen wir sogar unsere Partnerschaften opfern würden. Frank, ich mochte dein Buch von Anfang an, und jetzt, wo es gedruckt ist, mag ich es noch mehr. Es ist scharf und schlau und raffiniert. Ich lege es euch mit Nachdruck ans Herz, ihr werdet alle etwas darin wiederfinden, das ihr auf diese Weise schon gedacht und empfunden habt – nur nicht in so gute Formulierungen gegossen.

Fake von Frank Rudkoffsky ist erschienen bei Voland & Quist (ISBN 978-3-863912-47-5, 240 Seiten, 20 Euro).