Bücherwurmloch

„St. Pauli ist eine riesige Melkmaschine!“

„Weißt du, Wolli, der Loddel, der ist die Hure der Huren, zumindest sollte er das sein. Er ist für seine Hure da, wenn sie ihn braucht, er beschützt sie, er erwartet sie, wenn sie von der Arbeit kommt, und er lebt von ihrem Geld. Er braucht selber nichts zu tun, aber er ist auch vollkommen abhängig.“

Wolli ist skeptisch, denn zum Loddel ist er eher zufällig geworden: Er hat sich in Maulwurf verliebt, und Maulwurf geht eben anschaffen. Überhaupt ist Wolli in das Meiste einfach so reingeraten – nach Jahren auf Wanderschaft und in beschissenen Jobs ist er in den Fünfzigern nach St. Pauli gekommen und hat erst einmal Fuß fassen müssen in dieser eingeschworenen Gemeinschaft, die sogar eine eigene Sprache hat. Aber er ist jung und flink und gewitzt, deshalb gelingt es ihm, Arbeit hinter dem Tresen zu finden und später sogar selbst eine Bar zu übernehmen. Er weiß, wie man die Leute unterhält, sie zum Trinken bringt, und auch wenn er von dieser Band, die stets in Hamburg spielt und von der alle angetan sind, nichts hält, weil aus den Beatles seiner Meinung nach sowieso nichts wird, beweist Wolli den richtigen Riecher.

„Ganz langsam dringt St. Pauli in Wolli ein, durchdringt sein Wesen und Handeln und füllt jede Pore in ihm aus.“

Rocko Schamoni hat ein wahnsinnig unterhaltsames Buch geschrieben über Wolfgang Köhler, genannt Wolli, der 2017 gestorben ist und mit dem er gut befreundet war. Nicht alles glaube ich ihm, ich bin sicher, dass er seinen Wolli mit Samthandschuhen angefasst hat und der garantiert nicht so unbedarft war, wie der Roman ihn darstellt – als jemand, der immer nur zusieht und nicht zuhaut, der immer nur ohne es zu wollen irgendwo reingerät, bringt man es in einer Dreckskaschemme wie St. Pauli nicht so weit, wie Wolli es gebracht hat. Nichtsdestotrotz habe ich mich mit diesem Buch wunderbar amüsiert, es ist leicht und witzig und nimmt den Leser an die Hand, um ihn durch die Gassen des damaligen Vergnügungsviertels zu führen – und zwar dorthin, wohin der normale Tourist nicht kommt. Das flutscht beim Lesen, der Ton stimmt, schönes Level, viele Schmunzler durch die Referenzen auf das Zeitgeschehen. Vom abrupten Ende war ich erst vor den Kopf gestoßen, bis Buchexperte Florian Valerius mir gesagt hat, dass es einen weiteren Teil geben wird. Jetzt bin ich versöhnt und freu mich sogar drauf, mehr über Wolli zu erfahren.

„Wenn es eine Kiezregel gibt, dann die, sich nicht lumpen zu lassen. Geiz ist Todsünde Nummer eins. Geiz ist Kleinheit, Geiz ist Schwäche, Geiz ist Jämmerlichkeit. Jede Mark, die zu viel ausgegeben wird, ist eine Provokation des Schicksals, Sicherheit ist der Tod.“

Große Freiheit von Rocko Schamoni ist erschienen bei hanserblau (ISBN 978-3-446-26256-0, 288 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Zwischen morgens und abends kann jemandem, den man liebt, so viel passieren“
Katsuro ist ertrunken. Er war der beste Karpfenfischer im Dorf Shimae, und deshalb durften seine Karpfen sogar an den Kaiserlichen Hof in Heian-kyo: Das war nicht nur eine große Ehre, sondern auch finanziell wichtig für alle Dorfbewohner. Doch am meisten trifft Katsuros Tod seine Frau Miyuki, die ihn sehr geliebt hat. Sie mochte seinen Geruch, seine Haut, sein Geschlecht, sie hat gern für ihn gekocht und gesorgt, und dass er fort ist, reißt ein gewaltiges Loch in ihr Leben. Die letzten Karpfen, die Katsuro dem Fluss gestohlen hat, soll sie nach Heian-kyo bringen – in der Hoffnung, dass der Kaiser ihr noch einmal genug Geld für das Dorf gibt. Und so macht Miyuki sich mit zwei Reusen auf ihren Schultern auf einen ebenso weiten wie beschwerlichen und vor allem gefährlichen Weg, auf dem Stürme und Wegelagerer, Piraten und Wassermangel sie jederzeit das Leben kosten können.

Zwölf Jahre hat Didier Decoin an diesem Buch geschrieben, zwölf Jahre hat er recherchiert und gearbeitet und gesucht. Das merkt man dem Roman an, er ist akribisch und detailliert und lässt eine Epoche Japans aufleben, die fremd und faszinierend zugleich ist: ein ungezähmtes, ungestümes Land, gebeutelt von Überschwemmungen und Erdbeben, voller räuberischer Banden und zeremonieller Rituale. Der französische Autor bleibt dicht an seiner Protagonistin Miyuki, erkundet ihren Körper, ihre Gefühle, ihre Liebe und ihren Geruch, den ganz besonders – selten habe ich ein Buch gelesen, in dem Düfte derart stark thematisiert werden. Das ist interessant bis ekelerregend, und so wartet Das Ministerium der Gärten und Teiche auch mit höchst kuriosen Sexszenen auf, die mir, ich gebe es zu, regelrecht Übelkeit verursacht haben. Am meisten mochte ich an diesem Roman, dass er mich in eine Zeit katapultiert hat, in der ich eine geradezu obsessive Liebe zu allem Japanischen gehegt habe: An der Uni habe ich versucht, Japanisch zu lernen, ich hab mich in Kalligraphie geübt und viel über dieses Land und seine Kultur gelesen, auch belletristische Werke, die mich in ihren Bann gezogen haben. Mit Decoins Buch ist das zum ersten Mal wieder geschehen und ich habe mich an dieses besondere Gefühl erinnert, wenn man so begeistert von etwas ist. Wer sich also für Japan im Mittelalter interessiert und einmal eine wahrhaft ungewöhnliche Geschichte lesen will, ist hiermit sehr gut beraten!

Das Ministerium der Gärten und Teiche von Didier Decoin ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-96237-6, 348 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

Bei Dunkelgrün fast schwarz habe ich berichtet über diesen Entstehungsprozess, über das Schreiben und Scheitern und das Hoffen, das sich insgesamt über zwanzig Jahre gezogen hat. Ich habe damals lange überlegt, ob ich das überhaupt auf dem Blog veröffentlichen soll, aber dann habe ich gedacht, dass es andere vielleicht inspiriert, ihnen zeigt, dass es lohnt, durchzuhalten und weiterzumachen, einfach weiterzumachen – und plötzlich war dieser Beitrag mein meistgelesener Post.

Heute erscheint der neue Roman, und es ist das zweite Buch, wir wissen alle, dass das heikel ist, sprechen wir es halt mal aus. Beim zweiten gilt’s. Da zeigt sich, ob du nur zufällig kurz ein bisserl gehyped warst oder ob du doch was kannst. Angeblich ist das zweite auch das schwierigste Buch, aber Leute, ganz ehrlich? Jedes Buch ist das schwierigste. Jedes Buch ist neu und verwirrend und man weiß nicht, wie sich das alles zusammenfügen soll, wie man sich durch diese Stunden und Stunden des Schreibens hangeln soll, ohne aufzugeben, wie man die Worte finden soll und die Kraft.

Ich habe Das Licht ist hier viel heller zum Großteil im Jahr 2017 geschrieben, und die Geschichte hat sich parallel zum Zeitgeschehen entwickelt. Wegen all dieser Dinge, über die vorher zu wenig gesprochen wurde, die immer verschwiegen wurden. Wegen des Aufschreis und der Wut und der vielen, vielen Stimmen, die plötzlich laut wurden. Und als ich das habe einfließen lassen, hab ich Angst bekommen. Das wird mir um die Ohren fliegen, hab ich gedacht, das ist zu schonungslos, zu entlarvend, zu arg. Und genau aus diesem Grund, genau wegen der Angst und wegen meinem Wunsch, lieber zu schweigen, habe ich mich entschlossen, mit dieser Geschichte zu gehen, mit Marlen und Zoey. Denn diese Furcht ist so in uns hineingeprügelt und hineinerzogen worden, dass sie unser gesamtes Handeln und Denken bestimmt und wir uns nicht trauen, den Mund aufzumachen.

Es ist „nur“ ein Buch, ich weiß das. Aber wenn es diesem Buch gelingt, bei einer Handvoll Lesern etwas zu bewirken, ein Nachdenken, ein Umdenken, ein Wütendwerden, ein So-nicht-mehr-Gefühl, dann ist das schon viel. Dann ist das alles, was ich mir wünsche. Erwartet also bitte keine Wohlfühlkuschellesezeit. Erwartet Zynismus und Biss und Witz und Traurigkeit und Bitterkeit. Ich weiß nicht, was diesem Roman und mir blüht und ob man unsanft mit uns umgehen wird, aber ich weiß: Es ist gut, dass ich ihn geschrieben habe. Weil Schluss sein muss damit, dass über diese Dinge geschwiegen wird.

 

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„Als ich nach Machandel kam, hatte ich schon ein Leben hinter mir“
Die Menschen sind verschieden, der Ort ist derselbe: In Machandel laufen die Fäden zusammen. Dorthin kommt Clara im Jahr 1985 und verliebt sich in eine alte Kate, ein Haus mit Geschichte. Sie und ihr Mann übernehmen es, renovieren es, verbringen die Sommer mit ihren Töchtern dort. Und ebendiese Geschichte, die das Haus hat, handelt von Krieg und Trauer, von Verlust und Vergessen. Hans, als Kommunist von den Nazis verfolgt, fand einst in Machandel Zuflucht und eine neue Liebe, Natalja wurde gegen ihren Willen als junges Mädchen dorthin gebracht und musste für die Gutsherrin arbeiten. Wie es ihnen über die Jahrzehnte ergeht, wie sie die Gräuel des Krieges verarbeiten und an der Enge in der DDR verzweifeln, davon erzählt dieser großartig geschriebene Roman.

„Und unsere Gefühle treffen sich, denn sie haben nichts zu tun mit der Zeit; was man fühlt und denkt, ist in der Welt und vergeht nicht so schnell wie die Menschen.“

Machandel sollte in ganz Deutschland Schullektüre sein. Selten wird Geschichte auf derart gute und lesenswerte Weise aufbereitet – und mit Fiktion verwoben, sodass man kaum merkt, was man „lernt“. Perfekt für alle Schüler, die im angestaubten Geschichtsunterricht vor lauter Langeweile nichts mitbekommen. Was nun aber nicht heißen soll, dass dieser Roman ein Jugendbuch wäre, das Erwachsenen nichts gibt – ganz im Gegenteil. Auch wenn man bereits viel über die DDR weiß, vielleicht gerade dann, sollte man es lesen. Weil es so gut die Mechanismen zeigt, in denen Deutschland gefangen war und ist, im Kleinen wie im Großen. Neid und Missgunst, die Möglichkeit, unliebsame Nachbarn loszuwerden, sich deren Besitz unter den Nagel zu reißen – bis hin zu den großen politischen Entscheidungen, alles fließt in dieses Buch ein. Es ist böse, es ist traurig, wehmütig, trotz der vielen Jahreszahlen und Informationen stellenweise sogar ein wenig poetisch.

„Aber immer habe ich gedacht, das Schweigen ist auch wie eine Decke, die sich über den Schmerz legt, man muss es achten.“

So eng sind die Figuren mit den historischen Ereignissen verknüpft, dass man das Gefühl hat: Nichts an Machandel ist erfunden. Sie könnten tatsächlich existiert haben, Clara und Natalja, Hans und Herbert. Mit ihren Hoffnungen und Träumen und Wünschen und dem Hass in ihren Herzen.

„Aber so sind wir hier im Norden nicht, wir reden nicht viel. Man sieht doch alles.“

Machandel von Regina Scheer ist als Taschenbuch erschienen bei Penguin (ISBN 978-3-328-10024-9, 496 Seiten, 11 Euro).

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„Sie war in der Lage, das gesamte Universum in Flammen aufgehen zu lassen, aber der Brennstoff war sie selbst. Irgendwo in ihr drin war verbrannte Erde“

„Meine Mutter war nicht perfekt. Meine Mutter war heftig.“

Nadja Spiegelman ist die Tochter von Françoise Mouly, Art Direktorin des New Yorker, und Art Spiegelman, der für Maus den Pulitzer-Preis bekam. In diesem Buch erzählt sie ihre eigene Geschichte genau wie die ihrer Mutter und ihrer Großmutter – auf ungewöhnliche Weise. Denn obwohl das eine Autobiografie sein mag, ein Generationenroman, ein Ausflug in die Vergangenheit, in die Zeit der Frauen, die vor ihr kamen, ist Nadja zu jedem Moment bewusst, dass keine Version die endgültige Wahrheit ist. Das thematisiert sie auch. Und das macht diesen Roman so gut.

„Wenn wir an einer Erinnerung aus unserem Langzeitgedächtnis rühren, bleibt sie Neurowissenschaftlern zufolge für ein Zeitfenster von etwa drei Stunden in unserem Bewusstsein präsent. In diesem Zeitraum ist die Erinnerung formbar. Die Gegenwart dringt in die Vergangenheit ein. Das Gehirn codiert und speichert die Erinnerung neu. Und überschreibt dabei die vorige Version.“

Wenn Nadja über ihre Kindheit spricht, stellt sie die Dinge anders dar als ihre Mutter. Sie erinnert sich anders, sie hat sie anders erlebt. Dasselbe Spiel zeigt sich wiederum bei den Erinnerungen von Françoise und ihrer Mutter Josée. Wer von ihnen hat Recht? Wer hat mehr gelitten, wer hat Schmerz zugefügt, wer hat ihn erduldet? Alle empfinden es auf unterschiedliche Art und Weise. Alle Versionen sind wahr. Sogar dann, wenn sie einander völlig widersprechen.

„Mit ihrer Mutter zu streiten, war etwas ganz anderes. Der Schmerz war unerträglich. Er wuchs in ihr wie ein Ding, etwas Greifbares, er dehnte sich in ihrer Brust aus, und er durchbrach ihren Brustkorb.“

Es geht um das Aufwachsen in diesem Buch, um die Wunden, die Eltern ihren Kindern zufügen, und um diesen Tanz, den alle Familien aufführen, bei dem sie nicht auf die Scherben treten wollen, die herumliegen, während sie sich doch immer und immer wieder absichtlich damit schneiden. Nadja Spiegelman geht ganz tief hinein, sie hat viele Jahre lang mit ihrer Mutter über deren Kindheit gesprochen – und ist dann nach Paris gezogen, um ihrer Großmutter näher zu sein und auch deren Geschichte zu erfahren. Unendlich schmerzvolle Begebenheiten hat sie unter dem Teppich hervorgezogen, einen Kreislauf aus Leid und Schuldzuweisungen, stets getragen von dem verzweifelten Bemühen um Liebe.

„Das sind die Kollateralschäden des Menschseins.“

Dieses Buch ist so großartig, weil es ehrlich ist. Weil es nicht behauptet: So ist es gewesen, sondern zeigt: So ist es für mich gewesen. Und so für dich. Weil es wegen der Dinge, die geschehen sind, und der Dinge, die nie geschehen sind, so wehtut. Es ist der perfekte Roman für Mütter und für Töchter. Und für alle, die etwas fühlen wollen beim Lesen.

„Ich sah über die Generationen hinweg ein Muster entstehen, es verbreitete sich wie Kreise, die ein übers Wasser geworfener Stein auf der Wasseroberfläche hinterlässt: all die Enkelinnen und Großmütter, die sich liebten, all die Mütter, die dabei auf der Strecke blieben.“

Was nie geschehen ist von Nadja Spiegelman ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-03705-5, 394 Seiten, 22 Euro).

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„Erwartete Yong-Hye, dass Äste aus ihr wachsen?“
Von einem Tag auf den anderen hört sie auf, Fleisch zu essen, zu berühren, zuzubereiten. Für den Ehemann von Yong-Hye ist das zuerst ein Ärgernis, dann eine Katastrophe: Er versteht seine verschlossene, seltsame Frau nicht, findet keinen Zugang zu ihr, bemüht sich nicht einmal darum. Sie scheint beängstigende Träume zu haben, die sie zur Vegetarierin machen, sie wird immer dünner, immer weniger. Als er ihre Familie zu Hilfe ruft, eskaliert die Situation – denn Yong-Hye lässt sich von niemandem mehr etwas sagen. Und so wird ihre Weigerung, Fleisch zu essen, zu einer kleinen, stillen Revolution, die in ihrem Umfeld für ein Erdbeben sorgt.

Auf gewohnt eigensinnige Art erzählt die südkoreanische Bestsellerautorin Han Kang von Pflanzen und Fleisch, von den Gepflogenheiten ihres Landes und dem Unwillen der Menschen, einander Freiraum zu gewähren. Der Roman ist in drei Episoden unterteilt, jeweils aus der Sicht einer anderen Figur erzählt, Yong-Hye selbst kommt nie zu Wort. Sie ist die Fläche, auf die einerseits Ärger, andererseits Begehren projiziert wird – und zwar von den Männern. Es sind die Männer in ihrem Leben, die nicht mit ihrem neuen Verhalten klarkommen, der eine will sie verändern, der andere will sie besitzen, keiner von beiden bemüht sich darum, sie zu verstehen. „Die Vegetarierin“ enthält eine der merkwürdigsten Sexszenen, die ich je gelesen habe, und ich weiß nun, warum viele Leute diesen Roman „Pflanzenporno“ genannt haben.

Verstörend, beklemmend, erregend – all das trifft auf dieses Buch zu, das ein ganzes Knäuel an Gefühlen auslöst: Scham und Ekel, Verständnis und Zustimmung, Befremden und fast schon körperliches Unwohlsein. Es strahlt eine betörende Faszination aus und stößt zugleich zutiefst ab. Und ich finde es hochgradig beachtenswert, dass Han Kang so etwas gelingt – auf gerade mal 190 Seiten. Chapeau!

Die Vegetarierin von Han Kang ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-03653-9, 190 Seiten, 18,95 Euro). Hier findet ihr auch meine Gedanken zu ihrem aktuelleren Roman Deine kalten Hände.

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„Wenn sie nicht die richtigen Worte fand, verlor sie den Boden unter den Füßen“

„Und was ist, wenn mich die Bilder erst überfallen, sobald ich im Sarg liege und die Erde schwer auf den Deckel fällt? Wenn ich mich plötzlich erinnere, wenn ich noch gar nicht tot bin?“

Das fragt Sisko ihre Schwester Mirja. In einer Klinik in London, wo Sisko seit Jahren wohnt, liegt sie im Sterben. Mirja, die in Deutschland lebt, kommt sie besuchen, beide stammen aus Finnland. Es ist klar, dass dies ein letzter Besuch sein wird, ein Abschied. Und wie geht man damit um? Wie vertreibt man sich diese kurze Zeit, die noch bleibt? Müssen es tragende, bleibende Worte sein, die man spricht, braucht es große Gesten?

„Ich kann meine Gedanken nicht mehr steuern. Die Erinnerungen kommen, wie sie kommen, wie Träume. Ich habe keinen Einfluss auf sie und auch keine Kraft, sie zu beeinflussen. Ich versuche nur, die Angst zu bekämpfen.“

Denn da sind noch Tage. Und Nächte. Und Stunden, in denen man nichts tut als zu warten. Weil es ganz einfach nichts mehr zu tun gibt. Mirja geht einkaufen für Sisko. Sie trinken. Sie rauchen. Sie unterhalten sich über Alltägliches, Banales. Wie stirbt man in Würde vor sich hin? Es scheint unmöglich. Alles vermischt sich, das Abschiednehmen, das Aufbäumen, das Nicht-gehen-Wollen, das Resignieren. Und wenn der Tod dann kommt, ist es so erschreckend bedeutungslos, trotz allen Wartens ist er unterwartet, eine Erlösung, aber auch ein großer Schmerz.

Bei einem Buch über das Sterben heißt es natürlich sofort: Tabu! Das hat Marjaleena Lembcke, die selbst in Finnland geboren ist, aber auf Deutsch schreibt, souverän und völlig nonchalant gebrochen. Ohne Pathos ist dieses Buch, dafür mit einer sehr normalen Stimmung. Und das ist erstaunlich, es macht diesen Roman so gut: dass er nicht um Aufmerksamkeit bittet für den Tod, sondern das Sterben einfach erzählt. Wie man vom Pferdereiten erzählt oder vom Tanzen, vom Essen, vom Lesen, vom Leben. Es ist simpel, es ist unaufgeregt, so sehr, dass es gerade dadurch wehtut.

„Sie hatte einmal gesagt, Schwarz sei ihre Tarnfarbe. Sisko glaubte nicht an Tarnfarben. Sie hatte schon alle Farben getragen und sich in keiner geschützt gefühlt.“

Wir bleiben nicht lange von Marjaleena Lembcke ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3312006885, 192 Seiten, 19,90 Euro).

 

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„Liebe, denkst du, ist nichts anderes als eine Vorgeschichte für die ganz große Scheiße, in der man unwiderruflich landet“
Es geht um Frauen in diesem Buch, um den Teufel und die Liebe, um den Krieg, um Drogen, um fehlende Muttergefühle und den Verrat der Männer. Es geht um alles eigentlich, und das ist gut. So gut ist es, dass mir manchmal der Atem stockt. Dass ich Sätze einmal, zweimal, dreimal lese, weil ich sie genießen muss, wieder und wieder, diesen feinen unerwarteten Dreh, den sie haben, diese spielerische Leichtigkeit, es ist wie Seiltanzen mit Sprache.

„Im Frühjahr 1918 lernte Lucie ein neues Schweigen kennen, krank und von giftiger Farbe. Sie war an die Stille gewöhnt, eine Stille der Vertrautheit und der Geborgenheit. Aber dieses neue Schweigen machte die Luft brüchig. Manchmal war es so tief und kalt, dass Lucie fürchtete, sich mit dem nächsten Atemzug Splitter in die Lungen zu saugen.“

Ich lese dieses Buch, obwohl es dick ist. Ich lese es, obwohl es manchmal wirr ist und nicht zu verstehen, obwohl ich lange dafür brauche, weil ich es so aufmerksam und sorgfältig und ganz und gar begeistert aufnehme. Svealena Kutschke erzählt von Lübeck als Stadt, als Kulisse, als schlagendes Herz, sie erzählt von Generationen, die verwoben sind, von Frauen, die Töchter bekommen und ihnen nichts vererben als Stille, von Männern, die mehr schmückendes Beiwerk sind als treibende Kräfte.

„Jessie, die Letzte in ihrer Ahnenkette, eine wahrhafte Düvelsdeern, ein messerdünnes unerschrockenes Destillat des Zorns.“

Tief vergraben in sich selbst sind diese Frauen, Lucie, Freya und Jessie, durch die Jahrhunderte an einer unsichtbaren Schnur nebeneinander aufgereiht wie kleine Perlen, sie sind stark und fürchten weder Tod noch Teufel.

„Jessie und der Teufel lehnten nebeneinander am Brückengeländer wie alte Freunde, die sich so gut kannten, dass sie die Gegenwart des anderen kaum noch wahrnahmen. Jessie blinzelte, der Teufel nicht.“

Die Handlung, ja. Eine altbekannte Geschichte, möchte man meinen, aufgestiegen aus deutschen Akten, ein Abriss der Zeit, ein Schnelldurchlauf, wäre da nicht die Sprache. Sie lässt die Handlung vergessen, lässt nichts vermissen, weder Antworten noch Prämissen. Und dann macht dieser Roman aus mir eine Verliebte. Ich denke an ihn. Ich sehne mich danach. Ich sinniere, wann ich werde weiterlesen können, vielleicht träume ich sogar von ihm. Das geschieht sehr selten, beinahe nie, was, bei der Menge Bücher, die ich im Jahr verschlinge, traurig ist. Und nie sage ich, niemals, dass ich wünsche, ein Roman wäre nicht zu Ende, sondern noch weitergegangen, denn normalerweise freue ich mich auf den nächsten, bin rastlos, nicht zu befriedigen, aber von Stadt aus Rauchhätte ich noch mehr gelesen, viel mehr, ich hab sie nicht verlassen mögen, Lucie, Freya und Jessie, auch den Teufel nicht, ihn vielleicht am wenigsten.

„Der Teufel hat zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder eine Sehnsucht.“

Lest dieses Buch.

Stadt aus Rauch von Svealena Kutschke ist erschienen bei Eichborn (ISBN 978-3-8479-0026-9, 672 Seiten, 24 Euro).

 

 

 

 

Bücherwurmloch

„Es gibt Seelen, die irgendwo einen geheimen Sprung haben, einen unsichtbaren Riss, der selbst denjenigen verborgen bleibt, die ihn in sich tragen“

„Ich fand ihn niedlich wie ein Kätzchen, das mit seinem eigenen Spiegelbild kämpft, die Oberfläche zerkratzt, ohne sich selbst zu erkennen.“

Das denkt Eleonora über Chirú, als sie ihn kennenlernt. Sie ist eine achtundreißigjährige, bekannte Schauspielerin, er ein achtzehnjähriger Musikstudent. Sie nimmt ihn als ihren Schüler an, wie sie es bereits einige Male getan hat in ihrem Leben: Es ist üblich, dass gestandene Künstler junge Talente unter ihre Fittiche nehmen, ihre Mentoren werden, sie den richtigen Leuten vorstellen und sie die Umgangsregeln lehren. Eleonora zeigt Chirú, wie man sich in gewissen Kreisen kleidet, lässt ihn ausgewählte Bücher lesen und bringt ihm das Netzwerken bei. Sie ist eine gebildete, erfolgreiche Frau, er ein ungestümer Jugendlicher, die zwanzig Jahre Altersunterschied sind stets spürbar:

„Es gelang mir nicht, mich an seine Jugend zu gewöhnen, die er versteckt in sich trug und die zuweilen plötzlich hervorkam, mit dem ängstlichen Satz eines Waldtiers. Ich wusste, dass er bald lernen würde, seinen emotionalen Hunger zu verstecken, wie jeder es tut mit den Dingen, die ihn nackt und schutzlos zeigen, doch an diesem Nachmittag schien mir, dass noch jede Art der Unschuld möglich war, sogar meine eigene.“

Und was sind das für Gefühle, die eine solche Verbindung mit sich bringt? Ist es nicht zwangsläufig so, dass sie sich, weil sie so viel Zeit miteinander verbringen, weil sie sich gegenseitig Einblick geben in ihre Seelen, ineinander verlieben müssen? Michela Murgia ist eine kluge, besonnene Autorin, die mich mit Accabadora tief beeindruckt hat, sie erzählt hier keine platte Cougar-Lovestory. Und doch muss man es wohl Liebe nennen, keine schwarz-weiße, klare Form der Liebe, vielmehr eine ihrer Spielarten, angesiedelt zwischen sexueller Begierde, Freundschaft und Ehrfurcht, beide bewundern am anderen das, was sie nicht haben: Eleonora an Chirú die Jugend, Chirú an Eleonora die Erfahrung. Durchdrungen ist dieser Roman von einem sehnsuchtsvollen, sardischen Lebensgefühl, einem fremden, zart klingenden Ton, genau wie von der seltsam anziehenden Arroganz, die den Italienern generell eigen ist. Denn was könnte es Anmaßenderes geben als die Überzeugung, man sei selbst so gut, dass man einen anderen teilhaben lassen kann am eigenen Sein, damit er davon profitiert? Michela Murgia hat über Abhängigkeit und Macht geschrieben, über Kunst und den Weg zum Erfolg, über Jungsein und Altern – und über die Liebe.

„Selbst jetzt erkannte ich, dass etwas Unwiderstehliches in der Macht lag, die seine Angst, mich zu verlieren, mir verlieh.“

Chirú von Michela Murgia ist erschienen bei Wagenbach (ISBN 978-3-8031-3287-1, 208 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Warum kannst du nicht auf seiner Seite sein, ganz und gar, mit Haut und Haaren?“

„Vielleicht braucht es Zeit, denkt er, um sich loszusagen von diesem Deutschsein, von den Jahren als Pimpf, von den Geschichten, den Liedern, von der Schönheit, die oft darin lag.“

Denn Franz hat Deutschland noch in den Knochen – obwohl er in Amerika ist. Als Kriegsgefangener wurde er über den Ozean gebracht, in einem riesigen Schiff, nun befindet er sich mit anderen deutschen Soldaten in einem Lager, weit entfernt von der Heimat, weit entfernt vom Krieg. Sie werden gut behandelt, sie arbeiten, sie bekommen zu essen. Franz freundet sich mit dem Halbamerikaner Paul an, der ihm eine neue Sicht auf den Nationalsozialismus eröffnet, für den er selbst so leidenschaftlich entbrannt war, dass er nach Europa ging, um zu kämpfen. Jetzt sieht er klarer, jetzt hat er die Fassade Hitler durchschaut – und öffnet auch Franz die Augen. Doch in einem Lager, in dem deutsche Soldaten leben, die der Sache treu sind, die an Deutschlands Sieg glauben, die all jene vernichten wollen, die anders denken, ist dies nicht unbedingt klug. Von all dem weiß Martin nichts. Martin ist der Enkel von Franz, der Sohn von Barbara, fast vierzig ist er, und Franz ein alter Mann. Der ein letztes Mal dorthin will, wo sein Leben sich verändert hat: nach Amerika, nach Texas, wo das Lager war. Martin begleitet ihn auf dieser Reise, die zugleich ein Abtauchen in die Vergangenheit ist – und ein neuer Weg, um zu verstehen.

Da denkt man, man habe schon alles gelesen über den Zweiten Weltkrieg, und dann kommt Hannes Köhler mit seinem Roman und man merkt: Da gibt es noch mehr, eine neue Sicht, eine andere Seite – deutsche Kriegsgefangene in Amerika. Wie haben sie gelebt, wie gingen sie mit ihrem Schicksal um? Hannes Köhler war vor Ort, hat im Staub der Archive eine Geschichte entdeckt, die echt ist und tief und authentisch. Er hat Ausgangsfragen gestellt, mit denen sich bisher in der Literatur kaum jemand beschäftigt hat, und fiktive Antworten darauf gefunden: Ein mögliches Lebenist ein Buch über den Krieg, der auch dort tobt, wo er gar nicht stattfindet. Geradezu meisterhaft hat der junge deutsche Autor, der mich bereits 2011 mit In Spurenbeeindruckt hat, aufgezeigt, wie die Deutschen ihren Kampf mitnehmen ins fremde Land, ins Lager. Wie sie eben unfähig sind, sich loszusagen vom Deutschsein, wie sie in ihrem Wahn bis ans Ende gehen. Köhlers Protagonist Franz gerät zwischen die Fronten, und später redet er nicht. Lebt sein Leben und redet nicht, jahrzehntelang, ist ein eher kühler, der eigenen Tochter kaum bekannter Mann, erzählt nicht von seinen Ängsten damals, von seinem Verlust, von seiner Hoffnung. Erst als es fast zu spät ist, erst als er bald sterben muss, spricht er. Und gibt seinem Enkel Martin dadurch die Möglichkeit, zu erkennen, zu sehen – und zu verzeihen.

Dies ist ein großartig recherchiertes, klug durchdachtes und von Wehmut durchwirktes Buch. Es hat einen Kern aus Sehnsucht, der alles leicht schief, leicht verkrüppelt wachsen lässt. Es kommt ohne Effektheischerei aus und wirkt gerade dadurch umso mehr. Letztlich eröffnet es jenen Raum, der uns Menschen ermöglicht, weiterzumachen, trotz allem: Vergebung.

Ein mögliches Leben ist erschienen bei Ullstein (ISBN 9783550081859, 352 Seiten, 22 Euro)