Bücherwurmloch

„Was die Welt zu bieten hat, das wissen wir. Wir haben Angst vor dem, was sie haben will“

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“

Das sagen die Mütter, die Kirchenmütter, sie sind die Tratschweiber, die jeder Ort hat, sie sind die, die alle Geheimnisse kennen – und herumreichen. Das Geheimnis in diesem Fall ist die beginnende Liebe zwischen Nadia und Luke. Sie ist siebzehn, er ein bisschen älter, und beide tragen Kummer mit sich: Nadias Mutter hat sich das Leben genommen, Luke hat bei einem Sportunfall jegliche Aussichten auf eine glorreiche Zukunft verloren. Sie treffen sich in dem Restaurant, in dem Luke kellnert, sie mögen sich, sie schlafen miteinander.

„Der Sex würde weh tun, und das wollte sie auch. Luke sollte ihr Schmerz von außen sein.“

Doch dann kommt ein noch viel größerer Schmerz auf Nadia zu, einer, den sie nicht mehr vergessen wird, nie mehr, einer, der ihr ganzes weiteres Leben prägen wird. Und das von Luke.

Was für ein großartiges Buch ist das! Schon auf der allerersten Seite hat der Satz über die Geheimnisse, den ich euch hier eingangs zitiert habe, mich hellhörig werden lassen. Besonders im ersten Teil gibt es viele richtig gute Abschnitte, sprachlich gewandt, inhaltlich voller Weisheit, voller Sehnsucht, und die Idee, „die Mütter“ sprechen zu lassen, in der dritten Person Plural, diese Mütter, die sich über den „Skandal“ in der engstirnigen kleinen Gemeinde in Oceanside echauffieren, eigentlich außerhalb der Geschichte stehen, aber alles wissen, ist ein raffinierter Schachzug. Eine befremdliche Perspektive, die zugleich zeigt, wie viel Außenwahrnehmung stets mitschwingt, wie viel Abschätzigkeit und Verurteilung.

„Und wie wir so gelebt haben, hat es auch Männer gegeben. O ja, Mädchen, da hat es auch ein kleines bisschen Liebe gegeben. Dieses kleine bisschen Liebe, das dir den Mund wässrig macht nach mehr, wie das letzte bisschen Honig im Topf, das ganz kurz den Hunger überdeckt. Wir haben uns mit der Zunge die Zähne abgeleckt, um dieses kleine bisschen so lange zu genießen, wie es nur ging, und wie wir so gelebt haben, hat nichts uns hungriger gemacht.“

Es geht um Verlust in diesem Roman, um eine alles verändernde Entscheidung, die vielleicht, wer kann das schon sagen, falsch war. Brit Bennett hat mit ihrem Debüt einen Überraschungserfolg gelandet, und ich finde ja nicht, dass man sagen muss, dass alle Protagonisten im Buch dunkle Haut haben, weil es doch schon wieder merkwürdig ist, dass man das überhaupt betonen muss, aber in allen Besprechungen des Buchs steht das, und vielleicht findet ihr diese Information ja wichtig, also gebe ich sie euch. Das afroamerikanische Leben im südlichen Kalifornien werde beschrieben, heißt es, und ich denke: Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe diese Menschen haben, wirklich nicht, denn die Liebe ist dieselbe, das Verlassenwerden tut weh und schneidet und es sticht, in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Wir wünschen uns, Halt zu finden irgendwo, wir tun Dinge, die wir bereuen, wir treffen Menschen, die wir nicht vergessen können.

Lieblingszitat:

„Langsam und wohlüberlegt gingen sie jetzt vor, wie verletzte Menschen einander liebten, und sie reckten sich vorsichtig, nur so weit, wie ihre beschädigten Muskeln es zuließen.

Die Mütter von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-00683-9, 320 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Hör auf, immer bloß an die Toten zu denken. Denk auch mal an die, die leben, kriegst du das gar nicht mehr hin?“

„Im Grunde ist Annik wie du. Sie wartet, ohne wissen zu wollen, worauf. Wüsste sie es, würde alles vor Unerreichbarkeit stillstehen.“

Dieses Du ist Ira, die Schwester von Markus, und sie ist tot. Sie hat sich das Leben genommen, und Markus vermisst sie sehr. Mit Iras Sohn Jesse, seinem 15-jährigen Neffen, fährt er nach Frankreich. Er soll dort Brücken zeichnen, während Jesse einen Freund besuchen will, der mit seiner Familie ein altes, verlassenes Hotel hütet. Dort, am Strand in Nordfrankreich, verbringen sie mehrere Wochen, in denen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Wahn langsam verschwimmen und sich vermischen. Wieso gelingt es Markus nicht, diese Brücken, über die die Alliierten im Sommer 1944 kamen, auf Papier zu bannen? Wer ist diese Frau, die genauso aussieht wie Ira? Und wird er über ihren Suizid je hinwegkommen?

Nie mehr Nacht ist ein Buch wie ein Sommerflirren. Manchmal kann man nicht alles richtig erkennen, und irgendwie hat man ständig ein leicht drückendes Gefühl. Da ist so viel Traurigkeit, so viel Reue, so viel Nacht. Ich mag den Ton des Romans, sehr melancholisch ist er und schwer, ich mag das Merkwürdige, das Unerklärliche. Was ich dagegen nicht mag, ich gestehe es, ist das Ende – bei solchen Erklärungen, die ich euch nicht spoilern kann, ist meine Tabuhemmung zu groß, anerzogener Ekel macht sich breit. Nachdem Bonné mich 2017 mit seinem Longlist-Kandidaten regelrecht abgeschreckt hat, musste ich mich zu dieser Lektüre – das Buch stand schon vorher im Regal – erst mal überwinden. Das hab ich nicht bereut, auch wenn die Geschichte mich eher ratlos zurückgelassen hat – aber immerhin mit formvollendeten (Sprach-)Bildern im Kopf.

Nie mehr Nacht von Mirko Bonné ist erschienen bei Schöffling (ISBN 978-3-89561-406-4, 360 Seiten, 19,95 Euro).

Bücherwurmloch

„Die Apokalypse Deutschlands nahte, wenn auch vorerst nur auf leisen Birkenstock-Sohlen“

Felix sitzt fest, er weiß gar nicht so genau, wo. Er wird von der Polizei gesucht, deshalb versteckt er sich – gemeinsam mit seinem Vater. Und hier wird es kurios: Mit seinem Vater hat Felix nämlich eigentlich gar nichts zu schaffen, seit der vor vielen Jahren die Familie verlassen hat. Warum also sind diese beiden, die sich kaum kennen, zusammen auf der Flucht? Davon erzählen sie uns abwechselnd und rekonstruieren eine Geschichte voller Missverständnisse und fragwürdiger Entscheidungen.

„Mein Vater hat immer nur einen winzigen Schritt neben den richtigen Weg gesetzt, und manchmal waren diese Fehltritte auch ein bisschen mehr als nur winzig, und die Summe dieser mehr oder weniger kleinen und falschen Schritte hat ihn in letzter Konsequenz auf die völlig falsche Spur gebracht“,

sagt Felix über diesen Mann, der es eigentlich stets gut gemeint, aber nie gut gemacht hat. Denn sein Vater ist ein klassischer Verlierertyp, mit dem man einfach nur Mitleid hat.

„Leuten wie mir ballten sich nicht etwa die Fäuste, uns ging nicht das Messer in der Tasche auf und wir entsicherten auch nicht unsere Browning, wenn es bedrohlich wurde. Unser typischer Überlebensinstinkt bestand vielmehr darin, im Angesicht jeglicher Gefahr Phrasen der Beschwichtigung abzusondern, womit man natürlich nur unter anderen Feiglingen durchkam. Im akademischen Diskurs zum Beispiel.“

Komm in den totgesagten Park und schau ist ein sehr weirdes, amüsantes und politisches Buch, das mich gut unterhalten hat. Es geht um die Lyrik der DDR darin, um eine erste Liebe und das Scheitern, um zwei kaputte Familien und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie unsere Gesellschaft organisiert sein sollte. Das Stilmittel, die beiden Protagonisten in Briefen erzählen zu lassen – Felix schreibt an eine Freundin, sein Vater schreibt an Felix –, wobei sie auch erste Versionen durchstreichen, ist schlau und raffiniert. Dies ist ein temporeicher, klug konstruierter Roman, der vollgepackt ist mit Gesellschaftskritik, dabei aber nicht belehrend daherkommt. Sehr originell und lesenswert!

Komm in den totgesagten Park und schau von André Kubiczek ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3-87134-179-3, 384 Seiten, 22 Euro). Der Buchtitel stammt übrigens von einer Gedichtzeile von Stefan George.

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„Ein Mensch allein kann so zornig oder traurig werden, es reibt die Augen ganz stumpf“
Kennt ihr das, dass ein Buch wahnsinnig traurig ist, derart traurig, dass ihr gar nicht wisst, wohin damit, dass ihr regelrecht überladen seid mit Traurigkeit? Mir passiert das selten, denn traurige Bücher sind mir die liebsten, aber es passiert. Das muss nichts Schlechtes sein, manchmal brauche ich dann Pausen von einem Roman, der angefüllt ist mit dieser Schwere, mit diesem Gefühl des Verlusts. Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann ist so ein Buch, und ich hätte mehrere Pausen gebraucht, aber ich hab es im Zug gelesen, ich hatte sonst nichts, in einem Rutsch, und danach war ich am Ende meiner Kräfte, als hätte ich etwas Anstrengendes getan. Es geht in diesem Roman um einen Mann, der auf einer Bohrinsel arbeitet, weit draußen auf dem Meer, abgeschieden von der Welt, von den Menschen, einen Mann, der seinen Freund verliert. Und man weiß nicht, ob das ein Freund war oder mehr, ob die sich geliebt haben, die beiden Männer, man weiß nur, dass der Verlust groß ist und dass er schmerzt. Weiterarbeiten kann und will er nicht, stattdessen macht er sich auf den Weg nach Ungarn, zum Zuhause seines Freundes, nur was er dort sucht, kann er nicht sagen, und finden kann er es auch nicht. Anja Kampmann beherrscht das Instrument Sprache, sie spielt darauf eine langgezogene, tief vibrierende Melodie, ein Lied, das schwermütig ist und ja, genau, sehr traurig.

Als er sich schließlich aufsetzte, die knöchernen Schienbeine und der Rest der Nacht auf seiner Haut, musste er an einen Eisrand denken, der sich bis zu seinem Rippenbogen ausgebreitet hatte und ihn überdeckte. Eine Art Eis, das neu war, das aus ihm selbst kommen musste.

Ein poetisches Buch ist das, in dem viele Worte in die Umgebung fließen, in dem viel mit Licht geschieht und mit Dunkelheit, sehr versiert geschrieben und zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-25815-0, 352 Seiten, 23 Euro).

Bücherwurmloch

Vor einer Weile habe ich spontan dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #büchermeer Bücher mit dem Wort MEER im Titel zu posten, und ich hatte nicht gedacht, dass das schwierig sein könnte, ganz im Gegenteil: Ich war gerade am Meer, im Urlaub, am Strand, am Wasser, mir war das alles so präsent, Bücher sind mir auch gleich ein paar eingefallen, und dann haben die Leute geschrieben: Ich grüble und suche und finde nichts. Viele haben dennoch mitgemacht, haben schöne, kuriose, traurige Bücher gezeigt, die am Meer spielen, da waren wunderbare Titel dabei und auch solche, die ich noch nicht kannte.

Das Thema hat mich nicht ganz losgelassen. Bücher, die das Wasser zum Inhalt haben, vielleicht auch im Titel haben, wie viele besitze ich selbst davon eigentlich? Ist das Meer wirklich nicht so stark vertreten in Romanen? Wieder zuhause aus dem Urlaub, hab ich mich ebenfalls daran gemacht, mein Regal zu durchforsten: 35 Titel habe ich gefunden, die mit Schwimmen zu tun haben, die das Meer als Kulisse haben oder im Titel, immerhin mehr als ein Zehntel all meiner Bücher, vielleicht ja doch nicht so wenig. Und hier sind sie. Sie sind alle gut, sonst hätte ich sie nicht mehr hier. Sie sind, wenn ihr noch eine Reise ans Meer vor euch habt, vielleicht empfehlenswert als Urlaubslektüre, sie sind aber auch lesenswert, wenn ihr zuhause bleibt, im Garten, auf dem Balkon, mit den Füßen im Wasser oder mit einem Glas in der Hand.

Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool
Yann Martel: Life of Pi
Dina Nayeri: A teaspoon of earth and sea
Albert Sánchez Pinol: Im Rausch der Stille
Kerstin Ekman: Geschehnisse am Wasser
Tojne Heimans: Irrfahrt
Juli Zeh: Nullzeit
Nicola Keegan: Swimming
Margaret Mazzantini: Das Meer am Morgen
Sina Pousset: Schwimmen
Roy Jacobsen: Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte
Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße
Mathias Jügler: Raubfischen
Ernest Hemingway: The old man and the sea
Roy Jacobsen: Weißes Meer
Silvia Overath: Robbe schwimmt rückwärts
Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind
Carla Guelfenbein: Nackt schwimmen
Marco Balzano: Damals, am Meer
Tor Even Svanes: Ins Westeis
John von Düffel: Wassererzählungen
Alessandro Baricco: Oceano mare
John Irving: Die wilde Geschichte vom Wassertrinker
John Griesemer: Rausch
Nicol Ljubic: Meeresstille
Katharina Hartwell: Das fremde Meer
Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten
Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer
Francesca Melandri: Über Meereshöhe
Ian McGuire: Nordwasser
Sarah Kuttner: 180° Meer (nicht im Bild)
Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen (nicht im Bild)
Carmine Abate: Zwischen zwei Meeren (nicht im Bild)
Annika Reich: 34 Meter über dem Meer (nicht im Bild)
Favel Parrett: Der Himmel über uns (nicht im Bild)

Und hier sind noch 9 Titel, die ebenfalls mit dem Meer oder Wasser zu tun haben, die ich gelesen habe, die allerdings nicht mehr in meinem Regal stehen:
Kathrin Gross-Striffler: Ans Meer
Josh Weil: Das gläserne Meer
Catherine Poulaine: Die Seefahrerin
Edgar Rai: Etwas bleibt immer
Matt Bondurant: The Night Swimmer
Claudie Gallay: Die Brandungswelle
Natasa Dragnic: Jeden Tag, jede Stunde
Caterina Bonvicini: Das Gleichgewicht der Haie
Majgull Axelsson: Eis und Wasser, Wasser und Eis

Bücherwurmloch

9 Tage, 10 Bücher: Das ist die Bilanz meines Sommerurlaubs 2018. In den Urlaub nehme ich seit vielen Jahren ausschließlich Taschenbücher und dadurch automatisch Backlist-Titel mit, wegen des Gewichts natürlich, aber auch, weil ich da oft die Zeit nutzen möchte, um endlich mal wegzulesen, was sich im Regal angesammelt hat. Auch englische Titel packe ich ein, ebenfalls im Taschenbuchformat, weil ich die nicht so schnell lesen kann und mich sozusagen selbst austricksen will. Diesmal waren nur vier der zehn Titel von Autoren, die ich nicht kannte, die anderen sechs sozusagen Wiederholungstäter. Das ist ungewöhnlich für mich, die ich ja eigentlich eine Ein-Buch-pro-Autor-Politik verfolge. Und habe ich das bereut? Aber ja. Sehr sogar.

10 Bücher also, und wie viele davon mochte ich? Zwei. Nur zwei! Aber immerhin zwei. Typisch Mariki, denkt ihr wohl, die Alte motzt ja immer, die ist nie zufriedenzustellen, und da habt ihr Recht. Die gelesenen Urlaubstitel sind von unten nach oben in ihrer Reihenfolge geordnet:

Applaus für Bronikowski von Kai Weyand hat mich positiv überrascht, das ist eine nette, kuriose kleine Geschichte. Nicht viel Tiefgang, aber auch nicht zu oberflächlich, mit einem Protagonisten, der seltsam genug ist, um interessant zu sein. Er arbeitet in einem Bestattungsinstitut, und was ihm da so zustößt bzw. einfällt, ist kurzweilig zu lesen.

The Power von Naomi Alderman ist GROSSARTIG! Ein originelles, smartes, durchdachtes Buch, das mich absolut gefesselt hat, ich konnte es nicht weglegen. Was für eine Story und vor allem: was für ein Ende! Dazu wird es demnächst einen eigenen Beitrag geben.

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky fand ich gut, aber gar nicht so gut, wie alle gesagt haben. Ich mochte das Zynische, das Nüchterne daran, diese ausgebrannte Abgeklärtheit einer alternden Lehrerin, diesen endlosen Monolog über die Dummheit der Schüler, über ihre Grenzen und auch die eigenen. Generell ist mir nur einfach zu wenig passiert in diesem Buch, ich hab gewartet, dass die Handlung in die Gänge kommt, und das tut sie nicht, dass Gefühle entwickelt werden, wie der Klappentext ankündigt, dass es es gewisse Einfälle gibt, die es aber eben nicht gibt. Ja, ein kluges, sehr lesenswertes Buch, wenn auch nicht so sensationell wie erwartet.

Hausaufgaben von Jakob Arjouni hat mich regelrecht geärgert: Was für ein erstaunlich dummes und vor allem widerwärtiges Buch! Ich finde ja generell Romane über Inzest ein bisserl grauslich, eh klar, wer nicht, aber wenn dieser Missbrauch derart abgeschmackt und entschuldigend dargestellt wird wie in diesem Buch, macht mich das wütend. Eine dämliche, sinnlose, eklige Geschichte ohne jegliche Entwicklung. Und das ist nach Cherryman jagt Mr. White und Chez Max, die beide gut waren, nur umso unverständlicher.

Der Trafikant von Robert Seethaler war ein Buch, das ich lange schon lesen wollte, weil ich Seethaler sehr mag und dieses eine noch nicht kannte. Es geht um einen jungen Kerl darin, der ins Wien des beginnenden Nationalsozialismus kommt, es geht um seine erste Liebe und um seine Freundschaft zu Sigmund Freud, um Mut geht es und darum, ein Zeichen zu setzen, sei es auch noch so klein. Ein grandioses, stilles und dabei so berührendes Buch, auch dazu werde ich noch gesondert etwas schreiben.

The English teacher von Lily King hat mich außerordentlich fadisiert. Und das ist ein Drama, weil ich Vater des Regens sowie Euphoria von dieser Autorin genial fand, zwei gefühlvolle, unkitschige, ausgezeichnete Bücher. Ich sollte es endlich mal lernen und dabei belassen, ich sollte nicht noch was vom selben Autor lesen, wenn ich schon was mochte. Dieser Roman, den sie davor geschrieben hat, ist einfach nur langweilig: Eine Mutter lebt mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn auf dem Campus der Schule, an der sie unterrichtet, einen Vater gibt es nicht, und als sie heiratet, geschieht das nicht aus Liebe und auch aus keinem anderen Grund. Das ist alles recht merkwürdig und unverständlich, es geschieht auch sehr wenig, und die Erklärung für ihr Verhalten, die am Ende noch schnell serviert wird, ist derart vorhersehbar und klischeehaft, ich war wirklich enttäuscht.

Wo drei Flüsse sich kreuzen von Hannah Kent war okay. Nicht besonders herausragend, aber schlecht auch nicht, kann man schon lesen, wenn man möchte. Die Autorin, die sich mit dem historischen Irland bestens auskennt, erzählt darin von einem Kind mit Behinderung, das die unwissenden, abergläubischen Menschen für ein Feenkind halten und dem sie die Fee austreiben wollen. Das ist gut geschrieben, allerdings frei von Überraschungen und interessanten Wendungen. Burial Rites derselben Autorin fand ich um Welten besser.

They both die at the end von Adam Silvera war ein Spontankauf, ich habe es mitgenommen, weil ich den Titel so originell fand. Es ist ein Jugendbuch mit folgender Story: Zwei Achtzehnjährige bekommen eines Nachts den Anruf, den jeder fürchtet, sie werden darüber informiert, dass sie innerhalb der nächsten 24 Stunden unweigerlich sterben. Über eine App namens Last Friend finden sie zusammen und versuchen, so viel Leben wie möglich in die Zeit zu stopfen, die ihnen noch bleibt. Das ist eine coole Idee, finde ich, gut geschrieben ist es auch, wenn natürlich eher leicht und nicht gerade raffiniert. Die Botschaft, sein Leben zu leben, weil man nie weiß, wann es zu Ende ist, ist mir zu aufdringlich, aber das liegt freilich in der Natur der Sache.

Das Museum der Stille von Yoko Ogawa ist ebenfalls ein Buch, bei dem ich dachte: Das hättest du dir sparen können, Mareike, du hast schon drei wirklich gute Titel von Ogawa gelesen, war das nicht genug? Offenbar nicht, und dann kam dieses hier, und ich fand es blöd. Richtig blöd, nicht so poetisch, schön und entspannend wie die anderen, wie etwa Der Herr der kleinen Vögel und Das Geheimnis der Eulerschen Formel. Die Idee mit dem Museum voller Erinnerungsstücke von Verstorbenen, die gefällt mir sehr, doch die alte Protagonistin ist immer nur am Schimpfen und zerstört den Zauber, die Morde erscheinen mir absolut unglaubwürdig und vor allem sinnlos, der Ich-Erzähler ist kaum greifbar und bis zum Ende blass. Schade!

Der Klang der Trommel von Louise Erdrich hat mir ebenfalls wieder mal vor Augen geführt, dass nicht jeder Roman einer Autorin, die ich vergöttere, mir gefällt. Wie sehr habe ich Das Haus des Windes und Ein Lied für die Geister geliebt! Dann beginne ich diesen Backlist-Titel und denke schon nach wenigen Seiten: Ich kotz gleich. Emotionslos, langweilig, ohne den einmaligen Zauber, den die anderen Bücher haben, erstaunlich belanglos. Nein, einfach nur nein.

 

Bücherwurmloch

Es hat sich so ergeben. Schon seit einer Weile stelle ich immer wieder Lieblingsbücher aus meinem sehr schmalen Regal vor, die alt sind, keine Neuerscheinungen, sondern Backlist-Titel, und nach Möglichkeit nicht so bekannt. Dabei hat sich herausgestellt, dass ihr das anscheinend mögt, dass ihr gern Romane entdeckt, die nicht mit dem Mainstream mitgeschwommen sind, und das freut mich natürlich, denn: Es handelt sich dabei ja stets um Herzensbücher meinerseits, sonst würden sie gar nicht im Regal stehen, sondern wären längst weitergereist. Deshalb hab ich mir überlegt, ich mache heute eine Art Special: 10 Bücher, die gut sind. 10 Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten. 10 Bücher, bei denen ich davon ausgehe, dass ihr sie nicht gelesen habt.

Molly Antopol: Die Unamerikanischen
Amerika ist der rote Faden, von dem die unamerikanischen Figuren in Molly Antopols Geschichten zusammengebunden werden. Da ist der israelische Soldat, dem ein Bein abgenommen wird und dessen Freundin die geplante USA-Reise mit seinem Bruder antreten will, da ist der alternde Mann mit weißrussischen Wurzeln, der eine jüngere Frau heiratet und auf der Hochzeitsreise nach Kiew verliert, und da ist der nachlässige Vater, der mit Frau und Kind aus Prag geflohen ist und Jahre später Angst vor dem hat, was die Tochter in einem Theaterstück über ihn auf die Bühne bringen wird. Das ist übrigens meine Lieblingsgeschichte. Oder doch die Story von Talia und Tomer, die sich zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben? Oder die Geschichte von Alexi, der nach einem Jahr Gefängnis seinen Sohn zum ersten Mal wiedersieht … Ich kann es nicht sagen, ich mochte sie alle, jede Story, jede Seite, jeden Satz – ein ganzes Lieblingsbuch ist das, von vorn bis hinten. Molly Antopols Kurzgeschichtensammlung ist großartig, schön, wehmütig, intelligent und einzigartig.

Die Unamerikanischen von Molly Antopol ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-24771-0, 320 Seiten, 20,50 Euro).

Dorthe Nors: Handkantenschlag
Einer, der vorher im Außenministerium war, wird zum Buddhisten und zum Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk. Nur ein guter Mensch wird er leider nicht. Ein Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, zieht von der Mutter zum Vater, dessen neue Freundin auch einen Sohn hat. Eine Putzfrau öffnet dem Lieferanten die Tür, der eine viel zu große Tomate wieder abholen soll – und verbringt mit ihm den Rest des Tages. Ein Mann sitzt abends vor dem Computer und beschäftigt sich mit weiblichen Mörderinnen, während seine Freundin schläft. Und einer Frau, deren Mann sie verlassen hat, bleibt nichts außer den Plänen, die sie nie umsetzen wird. Dorthe Nors‘ Kurzgeschichtensammlung trägt den Titel Handkantenschlag. Und das passt. Denn die dänische Autorin, die in den USA Erfolge feiert, teilt mit ihren sprachlich präzisen Miniaturen tatsächlich Schläge aus. Sie haut dem Leben ins Gesicht, sie spuckt Kirschkerne, lächelt sardonisch und hat es faustdick hinter den Ohren. Das merkt man aber nur, wenn man genau hineinliest in diese Short Short Storys, die ultrakurz sind. Am Ende jeder Geschichte bin ich verblüfft darüber, dass sie schon aus ist. Ich sitze sprachlos da und lasse das Gelesene nachwirken. Nicht immer verstehe ich es. In diesen kleinen Momentaufnahmen gibt es keine Pointen. Auch ist das Inhaltliche nicht unbedingt eine gewichtige, wertvolle Botschaft. Vielmehr geht es um Alltagsbeobachtungen, winzige Ausschnitte, die man weiterdenken kann und muss.

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100704, 170 Seiten, 17,99 Euro). #indie

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro). #indie

Giuliano Musio: Scheinwerfen
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Vier Menschen stehen im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt?

Scheinwerfen von Giuliano Musio ist erschienen im Luftschacht Verlag (ISBN 978-3-902844-51-4, 404 Seiten, 25,20 Euro). #indie

Edward Carey: Alva & Irva
Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt … Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt, unbedingt zugreifen!

Alva & Irva von Edward Carey ist erschienen bei liebeskind (ISBN 978-3935890168, 252 Seiten), die englische Ausgabe ist noch lieferbar.

Brittani Sonnenberg: Heimflug
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird. Brittani Sonnenberg hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt, vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt.

Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Blandine le Callet: Die Ballade der Lila K
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt. Dieses Buch und ich, wir haben eine Hassliebe. Denn  die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft ist so eindringlich erzählt, dass einem beim Lesen manchmal schlecht wird. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Die Ballade der Lila K von Blandine le Callet ist erschienen bei Ullstein (ISBN 978-3550088711, 368 Seiten).

Riikka Pulkkinen: Wahr
Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist. Eevas Geschichte ist die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“ Wahr ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, ein Buch voller Sätze, mit denen ich mich zudecken möchte, um zu schlafen darin.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist erschienen bei List (ISBN 978-3548611624, 457 Seiten), als Taschenbuch erhältlich.

Priya Basil: The obscure logic of the heart
„You’re always making plans“, sagt Lina zu Anil. „Because plans are how you tame the future“, antwortet er. Lina und Anil, deren Namen gegengleich sind wie ihre Seelen, lernen sich kennen, als sie beide Studenten in London sind und jung. Anil stammt aus einer reichen kenianischen Familie und will Architekt werden, Linas Eltern leben bescheiden, sie selbst steht unter der Obhut ihrer Tante und studiert Jura im letzten Jahr. Während Anil in Liebe auf den ersten Blick entbrennt, gibt Lina sich zurückhaltend – kann seinem Charme aber nicht allzu lange widerstehen. Und so entspinnt sich nicht nur eine sinnliche, wahnwitzige Liebesgeschichte, sondern auch ein dichtes Lügengespinst, in dem die beiden Verliebten sich immer mehr verfangen. The obscure logic of the heart ist eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund. Die Autorin, die in Kenia aufgewachsen ist, lässt abwechselnd Lina und Anil erzählen, gibt ihren Zweifeln und seiner Verzweiflung eine authentische Stimme. Sie porträtiert eine Liebe, die wie eine zarte Pflanze durch die Ritzen im Beton wächst, die sich nicht niedertrampeln lässt, die mühsam gehegt wird, während andere, die sie als Unkraut betrachten, sie auszurupfen suchen. Freilich ist eine Liebesgeschichte umso romantischer, je mehr die Liebenden gegen Widerstände kämpfen müssen und je größer die Zahl ihrer Feinde ist. Priya Basil zeigt aber auch, dass – getreu nach Shakespeare’schem Vorbild, wenn auch weniger tragisch – die Liebe gegen so viel Feindseligkeit oft nicht bestehen kann, dass die Pflanze manchmal schlussendlich verdorrt. Ein Wunderwerk sind die Briefe, die im Roman auftauchen und von denen ich zuerst nicht weiß, wer sie an wen geschrieben hat. Als es mir schlussendlich klar wird, bin ich regelrecht erschüttert. Diese feinsinnigen, klugen, traurigen Briefe sind das Seil, das mich in dieses Buch zieht und mich an die vielen einzelnen Sätzen bindet, die unendlich schön sind: „If it was your intention to vanish without a trace, you neglected to consider the most incriminating article: me.”

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die Logik des Herzens erschienen.

Irene Ruttmann: Adèle
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Irene Ruttmann hat sich mit Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. In Adèle geht es um einen Moment. Um eine Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke, um die Erinnerung und die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Sehr schön.

Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen bei Zsolnay (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Bücherwurmloch

Worunter ich aktuell leide, das ist keine Leseflaute, denn ich lese unvermindert viel, es ist eine Begeisterungsflaute. Das überrascht euch jetzt sicher nicht, gell, ihr kennt mich ja. Im Moment ist es allerdings wieder besonders schlimm: Gestern Nachmittag habe ich neun (!) Bücher angelesen, zehn, zwanzig, dreißig Seiten, einmal sogar siebzig, was ja mehr ist als anlesen, eine echte Chance geben ist das, und bis auf eins hab ich alle entweder entnervt in die Ecke gepfeffert oder enttäuscht fallengelassen. Für das eine, das ich letztlich gelesen habe, hab ich mich aus purer Verzweiflung entschieden, besser als nichts, hab ich gedacht, und es hat ja nur 155 Seiten.

Als ich beschlossen habe, das Herbstprogramm zu boykottieren, bin ich voller Elan zum Bücherregal gegangen. Endlich Zeit, in Ruhe all diese Titel zu lesen, die hier zum Teil schon recht lange stehen, endlich kein innerer Stress mehr, mich beeilen zu müssen, weil bereits die nächsten Leseexemplare eintrudeln. Dieser Elan hat aber schnell einen Dämpfer bekommen, denn in den darauffolgenden Tagen und Wochen hab ich festgestellt, dass mich eigentlich nichts aus meinem Bücherregal interessiert. Über 100 Romane stehen bereit und ich kann mich für keinen erwärmen, was ist das für ein krankes Luxusproblem? Ich finde alles abgelutscht, zu oft gelesen, zu unoriginell und vor allem: unfassbar langweilig. Womit wir mal wieder bei meiner Übersättigung wären, nicht wahr, bei meinen zu hohen Ansprüchen, bei meinem Grundgrant. Ich hasse ja prinzipiell einfach mal alles und jeden, bis er/sie/es, ob Mensch oder Buch, mich vom Gegenteil überzeugt. Und das gelingt halt nur selten.

Das ist auch der Grund, warum hier seit einer Weile keine Besprechung erschienen ist, ich werfe Bücher von mir wie ein Baum fauliges Obst, schüttle den Kopf und murmle Flüche in meinen imaginären Bart. Ich habe nicht viel mehr zu sagen als: stumpfsinnig, ermüdend, fad. Und das erspar ich euch aus Nächstenliebe.

Also, lesende Menschen dieser Welt, vereinigt euch, grabt tief in euren Köpfen nach guten Büchern: Was soll ich lesen? Welchen Roman werde ich ziemlich sicher nicht hassen, welcher wird mich nicht dermaßen anöden, dass mein Herzschlag so langsam wird wie von einem See-Elefant beim Tauchen (nur vier Schläge pro Minute, und ja, das ist die einzige Ähnlichkeit zwischen einem See-Elefanten und mir)?

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.24.46Letztens ist etwas geschehen, das noch nie geschehen ist, und es hat mich erst zum Nachdenken und dann zu einer recht radikalen Entscheidung gebracht. Ich habe auf dem Handy mein Mailprogramm geöffnet, und es kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Normalerweise werde ich dann hibbelig und notiere mir so bald wie möglich die Titel, die mich interessieren, voller Vorfreude. Diesmal jedoch habe ich entsetzt aufgestöhnt und die Mail mit einer einzigen, unbewussten, schnellen Bewegung gelöscht. Ungelesen. Erst dann dachte ich: Mareike, was hast du getan? Und warum?

Wenig später hab ich erneut eine Mail bekommen, nicht mit einem neuen Programm, sondern mit einer Nachfrage: ob ich jenes Buch erhalten und schon gelesen hätte, wann mit einer Besprechung dazu zu rechnen sei? Ich hatte das Buch bekommen, ja, und zwar zwei Tage zuvor. Nicht nur, dass es unmöglich ist, so schnell und stets aktuell zu lesen und zu rezensieren, es ist auch unangenehm, auf solche Mails zu antworten. Die Verlage hinzuhalten, weil die Stapel, die man hat, zu groß sind, sich dabei schlecht zu fühlen und das alles eigentlich nicht zu wollen, nicht so.

Deshalb habe ich beschlossen: Ich lasse das Herbstprogramm 2018 aus. Ich fordere kein einziges Leseexemplar an, ich blättere durch keine Vorschau, ich ignoriere das Neue, das kommt, ich mache nicht mit. Ich klinke mich aus.

Denn:

  1. Ich lese nur noch Neuerscheinungen. Das ist nichts Schlechtes, es hat sich so entwickelt, ich bekomme viele Bücher (auch unangefordert) und freu mich über jedes einzelne, aber ich kann dieser Flut an Neuerscheinungen nicht Herr werden, und während ich es versuche, bleibt niemals Zeit für all die älteren Bücher, die ich so lange schon lesen will.
  2. Ich lese keine dicken Bücher mehr. Dicke Bücher stressen mich, weil sie mich für lange Zeit blockieren, und das kann ich mir nicht leisten: Zu viel Ungelesenes wartet auf mich. Und dann kommen da ja schon wieder die Neuen daher, während ich noch mit denen beschäftigt bin, die soeben noch neu waren, aber halt leider zu dick, und es ist ein Teufelskreis. Seit 2014 warte ich beispielsweise auf den Moment, in dem ich frei genug bin für Brilka von Nino Haratischwili, 1200 Seiten lesen, während fast jeden Tag Neuerscheinungen eintrudeln? Ich hab es bisher nicht geschafft. Und das muss sich endlich ändern.
  3. Zurzeit liegen 60 Rezensionsexemplare auf meinem SuB und nochmal 60 ältere Bücher. Viele von euch denken jetzt vermutlich: Das ist doch nicht viel, ich habe wesentlich mehr. Für mich ist das aber durchaus eine große Zahl, für gewöhnlich habe ich nicht mal halb so viele ungelesene Bücher. Da ich ja noch dazu nicht mal genug Bücherregale habe, weiß ich nicht, wohin damit. Es ist alles ein wenig außer Kontrolle geraten.
  4. Das stresst mich. Alles davon stresst mich. Ich werde unruhig und will mich ständig nur noch beeilen, um irgendwie Schritt zu halten. Dass mir das nicht gelingt, stresst mich noch mehr. Ich will aber nicht gestresst sein. Ich will, dass das Lesen mir Spaß macht und das Bloggen auch.
  5. Dieser Blog ist ein unbezahltes Hobby. Ich verbringe damit das bisschen Freizeit, das ich in meinem chaotischen Leben habe. Und ich sehe bei immer mehr Bloggern, wie ihnen die Freude abhandenkommt. Wie sie eine Blogpause einlegen oder ihre Blogs schließen. So weit will ich es nicht kommen lassen.
  6. Ich werde vor lauter Hast immer NOCH ungeduldiger und kritischer. Ich möchte mir aber für ein Buch Zeit nehmen können, es in Ruhe lesen, nicht in Gedanken schon beim nächsten sein.
  7. Das ist der Geist unserer Zeit, das Tinder-Syndrom: Die Auswahl ist so groß. Wenn ein Buch mich nicht in kürzester Zeit fesselt, wische ich es weg und rufe: Next! Das nervt mich und strengt mich an. Wie kann denn da, um beim Vergleich zu bleiben, die große Liebe entstehen?
  8. Ich bin zu einer Gegenleistung verpflichtet: Ich bekomme Leseexemplare, und der Deal ist, dass ich darüber schreibe. Das tue ich nach Möglichkeit immer, und ich versuche, jedem Buch gerecht zu werden. Ein wirklich freies, unbedarftes Lesen ist das aber nun mal nicht, egal, wie man es dreht und wendet.
  9. Es geht zu schnell, es ist zu viel. Ich habe noch Titel vom Herbst 2017 hier. Ich lese wie eine Verrückte, bisher 48 Bücher in diesem Jahr, wie soll ich jemals nachkommen?Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.23.47
  10. Immer mehr, immer hektischer: Es reißt uns mit. Wir konsumieren und konsumieren, hetzen den Trends hinterher und jammern, dass wir Entschleunigung brauchen. Wir können nichts dagegen tun, denken wir, so ist das eben heutzutage. Das stimmt aber nicht. Wir können sehr wohl etwas tun. Ich kann. Einfach mal nicht mitmachen nämlich.
  11. Der Stress ist selbstinduziert. Ich muss nicht. Nicht lesen, nicht schreiben, nicht dem hinterherhechten, was man angeblich gelesen haben muss. Niemand zwingt mich dazu. Deswegen hab ich es selbst in der Hand.
  12. Ich bin kein Buchhändler, ich bin kein Journalist. Es ist egal, ob ich die neuesten Bücher lese oder nicht. Niemanden wird das kümmern. Ich muss nicht bei den Hypes mitmachen und auch nicht das lesen, was alle lesen. Und das gibt mir Freiheit.
  13. Ich will mich freuen, wenn ich ein Buch bekomme, nicht denken: Oh Gott, was tue ich nur, wo stelle ich es hin, und wann zur Hölle soll ich es lesen?
  14. Ich habe mir schon sehr lange keine Bücher mehr gekauft. Ich gehe in Buchhandlungen und stehe vor den Neuerscheinungen mit den Gedanken im Kopf: Hab ich im Regal, achja, das hab ich auch schon, oh Gott, das wollte ich noch lesen. Ich kaufe nichts, weil mich das Wissen, dass zuhause so viel Ungelesenes wartet, völlig niederdrückt. Und das finde ich schade. Ich möchte mir das wieder erlauben, ich möchte stöbern und entdecken und später dann auch wirklich lesen können.
  15. Radikale Schritte sind besser, als zu jammern. Deswegen werde ich einfach nichts vom Herbstprogramm lesen, nicht in die Vorschauen schielen, keine Listen anlegen, nichts bestellen. Ich werde mich um die ungelesenen Bücher kümmern, die ich schon habe. Ich werde mir Zeit nehmen, ihnen Zeit geben. Ich werde nicht nach dem nächsten schreien, sondern einfach mal die Pausetaste drücken, um aufzuholen. Das soll aber keine Challenge werden, bei der ich nichts Aktuelles mehr lesen DARF oder erst meinen SuB abbauen MUSS, ich mag solche Challenges nicht und halte nichts davon, mich dadurch auf neue Art wieder unter Druck zu setzen. Ich wünsche mir ja mehr Freiheit, nicht einen anderen Zwang.
  16. Ich verpasse nichts. Sicher werden gute Bücher erscheinen im Herbst 2018. Aber gute Bücher hab ich ja auch schon hier.
  17. Die Bücher laufen nicht weg. Ich kann sie auch später noch lesen. Wenn ich das wirklich will. 2019 zum Beispiel.

P. S.: Während ich diesen Post geschrieben habe, kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Ich hab sie ungelesen gelöscht.