Bücherwurmloch

„Wenn man Frauen nicht mit in den Blick nimmt, ergibt sich ein verzerrtes Bild der Menschheit“
Sehr anschaulich und mit vielen Beispielen erklärt die schwedische Autorin Katrine Marçal, die bereits mit „Who cooked Adam Smith’s dinner?“ einen internationalen Bestseller gelandet hat, in diesem Buch, wie wir uns als Gesellschaft selbst ausbremsen, indem wir Ideen und Technologien in unsere binären Schemata pressen – und nur das als förderungswürdig und wichtig einstufen, was wir als männlich codieren. Für alle, die sich bereits mit patriarchalen Strukturen beschäftigt haben, klingt das nicht überraschend, und vieles, was sie beschreibt, wusste ich bereits – vieles aber auch nicht. Von Forschung, die darauf hinweist, dass steinzeitliche Funde keine Waffen, sondern Grabstöcke von Frauen waren, über die ersten Computer, die von weiblichen Programmiererinnen bedient wurden, bis hin zu künstlicher Intelligenz, von der wir fürchten, sie könnte uns Menschen bald überlegen sein, weil wir sie nur mit dem vergleichen, was für männliche Wissenschaftler als menschlich gilt, führt Katrine Marçal aus, wo wir in unserer Geschichte wieder und wieder falsch abgebogen sind und aus welchen Gründen.

„Wenn das, womit Frauen sich beschäftigen, von vornherein nicht als Technologie gilt und sich Männer zunehmend auf militärische Innovationen spezialisieren, dann legen wir in der Betrachtung der Technikgeschichte zu viel Gewicht auf Gewalt und Tod.“

Sie berichtet von den Elektroautos, die es vor hundert Jahren gab, ordnet den Erfindungen unsere Bilder von Männlichkeit und Weiblichkeit zu und zeigt, wie schlecht es für uns alle ist, dass wir die „weiblichen“ Aspekte des Lebens ignorieren und abwerten. Ein kleiner Mangel des Buchs ist, dass es seltsam ungeordnet daherkommt, ich konnte keine richtige Struktur erkennen, die Kapitel wirken ein wenig zusammengewürfelt. Inhaltlich aber sind sie regelrecht mindblowing: Dieses Buch lässt aufhorchen, es macht wütend, immer wieder musste ich sofort jemandem laut daraus vorlesen, weil ich nicht wusste, wohin mit all den Gefühlen, die dieses neue Wissen in mir ausgelöst hat.

„Dass über 97 Prozent des Wagniskapitals an Männer vergeben wird, bedeutet auch, dass unsere Software, unsere Apps und Social-Media-Netzwerke, künstliche Intelligenz und Hardware von Männern sowohl erfunden als auch entwickelt und finanziert werden. Gegen Männer an sich ist nichts einzuwenden. Aber sehr wohl gegen ein System, das Frauen ausschließt.“

Mit jedem feministischen Sachbuch, das ich lese, erkenne ich, dass die Probleme, die wir geschaffen haben, noch viel größer sind, als ich bisher angenommen habe. Auf jeden Fall ein sehr wichtiges Buch.

„Das Schlimmste ist der Erfindungsreichtum, der dadurch brachliegt.“

Die Mutter der Erfindung von Katrine Marçal ist erschienen bei Rowohlt.

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„Dass dich ein nahestehender Mensch verrät und ein Fremder rettet“
Es ist so: Als Mikitas alleinerziehende Mutter stirbt, nimmt ihr Bruder, sein Onkel Slawa, ihn bei sich auf, damit er nicht zur Großmutter muss. Slawa lebt mit Lew zusammen, und der ist alles andere als begeistert. So wächst Mikita in einer Art Ersatzfamilie auf, in der sich niemand ausgesucht hat, mit den anderen zusammenzuleben, und als ihm im Grundschulalter langsam dämmert, dass keiner aus seiner Klasse zwei Papas hat, beginnt ein abgrundtiefer, schwelender Hass in ihm zu wuchern. Der sollte sich eigentlich gegen das System richten, gegen die russische Gesellschaft, in der eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft keine Option ist, stattdessen richtet er sich gegen Slawa und Lew sowie gegen Mikita selbst.

Die Lüge von Mikita Franko hat ein aufsehenerregendes Setting: ein schwules Paar mit einem Kind im homophoben Russland. Das ist aber das einzig Aufsehenerregende daran. Wie Mikita in der Schule kämpft, wie seine eigenen Vorurteile ihn drangsalieren, wie er blind vor Wut durchs Leben stürmt, zieht sich über viele, viele Seiten, auf denen der Roman auf der Stelle tritt und nicht vom Fleck kommt. Auch wenn ich absolut nicht der Meinung bin, dass man die Figuren eines Romans mögen können muss, ist es auf Dauer anstrengend, ausschließlich aus der Sicht eines so wahnsinnig unsympathischen Jungen zu lesen: Mikita ist ein Arschlochkind mit schwulen Eltern. That’s it. Er tritt jene, die ihn lieben, und ja, natürlich kann man sich küchenpsychologisch zusammenreimen, warum er das tut – aber er selbst kommt erst sehr spät (ich habe eher das Gefühl: nie) zu der Erkenntnis. Und jenen Verteidigungsmechanismus, dass Kinder sich nun mal scheiße verhalten, wenn sie zuhause Probleme haben, finde ich generell schwierig: Das ist ein Grund, aber keine Entschuldigung. Mikita Franko hat die Stimme erhoben und ein wichtiges Buch geschrieben über Anfeindungen, Angst und den Schmerz, nicht so leben zu dürfen, wie man leben möchte. Das finde ich extrem gut und deshalb freut mich der Erfolg des Romans, auch wenn mir die Umsetzung nicht gefallen hat.

Die Lüge von Mikita Franko ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

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„Die Toten haben viel mehr Macht als diejenigen, die auf der Erde zurückbleiben“
Es beginnt mit Giacomo und Viollca im Jahr 1800: Er gehört zu den Bewohnern von Stellata, sie zum fahrenden Volk, das wegen sintflutartiger Regenströme nicht weiterziehen kann. Die beiden verlieben sich und bekommen einen Sohn, der oft zum Friedhof geht, weil er mit den Toten sprechen kann. Hier nimmt die Geschichte der Casadios ihren Anfang, denn nachdem der schwermütige Giacomo auch von der wilden Viollca nicht am Leben erhalten werden kann, sieht sie in ihren Karten noch mehr Unglück für die Familie voraus. In den Jahrhunderten, die folgen, werden sich viele Nachkommen fragen, ob an Viollcas Vorahnung etwas dran ist, ob die Casadios verflucht sind – oder ob das, was ihnen zustößt, schlicht den jeweiligen Umständen geschuldet ist. Viele werden geboren und andere sterben, es gibt schlechte Zeiten und Krieg, Hunger, Ausgrenzung und Neid, aber auch Liebe, Zusammenhalt und gegenseitige Unterstützung.

„Was sollen wir armen Alten denn sonst noch hier machen, als an Märchen zu glauben?“

In diesem ausufernden, recht gewitzten Schmöker entfaltet Daniela Raimondi anhand einer Familie aus dem kleinen Ort Stellata die italienisch-europäische Geschichte von 1800 bis 2013. Beide Weltkriege, Faschismus und Kommunismus im Großen, Eheschließungen, Affären und Familiendramen im Kleinen: Aus diesem Stoff ist ein Buch entstanden, das ich – obwohl es so dick ist – richtig gern gelesen habe. Nichts daran ist neu oder originell, aber zum einen ist das Figurenensemble sympathisch und wächst einem ans Herz, zum anderen ist der Stil der Autorin schön rund, feinsinnig und flüssig. Ich hatte mit „An den Ufern von Stellata“ den idealen Roman für den Start in den Sommer gefunden, gute Unterhaltung mit Niveau für den Strand und fürs Freibad. Am Ende hatte ich längst vergessen, wie die Urahnen vom Anfang hießen, die Sache mit der Vorahnung fand ich unnötig, weil sie immer nur zur Sprache gebracht wurde, wenn es grade gepasst hat, doch ansonsten hat diese Familiengeschichte mit einem starken Fokus auf den Frauenfiguren mich absolut zufriedengestellt.

An den Ufern von Stellata von Daniela Raimondi ist erschienen bei Ullstein.

 

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„Na, Liebes, dann hast du doch alles getan, was du konntest?“
Kayleigh schreibt einen Brief an einen Anwalt, einen langen, ausführlichen Brief. Denn dieser Anwalt klagt im Namen von Kayleighs Ex-Kolleg:innen ihren früheren Auftraggeber Hexa. Kayleigh will bei dieser Klage nicht mitmachen und beschließt, zu erzählen – wie sie bei dieser Firma gelandet ist, worin ihre Arbeit bestand, was passiert ist zwischen ihr und Sigrid und den anderen. Sie haben digitale Gewalt gesichtet, einsortiert und gelöscht: Selbstverletzung und Tierquälerei, Kindesmissbrauch und Pornografie, Videos und Fotos und Sprüche. Es gab dabei strenge Richtlinien, und sie mussten in Sekundenschnelle entscheiden. Pausen durften sie kaum machen, der Druck war enorm hoch. Kein Wunder also, dass sie viel tranken und wenig schliefen, die Bilder haben sie überallhin verfolgt. In Sigrid hat Kayleigh sich verliebt, aber letztlich konnte in einem solchen Umfeld nichts Positives Bestand haben. Und am Ende zeigten sich unschöne Wahrheiten …

Die niederländische Autorin Hanna Bervoets entfaltet auf gerade mal 100 Seiten ein Psychogramm der Neuzeit, das zugleich eine scharfe Gesellschaftskritik darstellt: Sie beleuchtet eine moderne Tätigkeit, eng verwoben mit dem Hass im Netz. Denn was wir an der Oberfläche mitbekommen – jemand wird gesperrt, ein Post wird gelöscht, ein Account eingeschränkt –, geschieht an der Basis durch menschliche Arbeit. Jemand sitzt da und muss alles, was gemeldet wird, anschauen und beurteilen. Da sind unvorstellbar grausige Dinge dabei. Auch Berit Glanz hat sich in ihrem neuen Roman Automaton dieser Beschäftigung gewidmet, bei ihr waren es allerdings eher „ereignislosere“ Videos von Überwachungskameras, die kontrolliert werden mussten. Was Literatur hier schafft, ist, einen Einblick zu geben in die prekären Umstände, unter denen Menschen arbeiten, wie austauschbar sie sind, wie das System ausbeutet, psychisch zugrunde richtet und, wenn sie nicht mehr können, durchwechselt. Dieser Beitrag wurde entfernt mag ein schmaler, fiktiver Roman sein, gleichzeitig ist die Geschichte so viel mehr: Sie berichtet von Kapitalismus und menschlichen Abgründen, von der Suche nach Zusammenhalt und dem Absturz in Süchte als Realitätsflucht. Sehr beeindruckend, unbedingt lesenswert.

Dieser Beitrag wurde entfernt von Hanna Bervoets ist erschienen bei Hanser.

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„In jener Zeit gehörte das, was einmal meins war, nicht mehr mir. Zuallererst mein Körper“

„Jedes Mal, wenn die Erinnerung wiederkam, und das passierte ständig, wiederholte ich dieses Mantra, ich bin am Leben.“

Eines Nachmittags joggt die Architektin Joana zum Vista Chinesa, als ein Mann sie mit vorgehaltener Waffe in den Dschungel zerrt und vergewaltigt. Dieses Buch ist ihr Bericht, ein langer Brief an ihre Kinder, die es, wenn sie schon jemals davon erfahren müssen, von ihr erfahren sollen. Oder wissen sie, die in ihrem Bauch, in ihrem Körper gewachsen sind, ohnehin Bescheid? Der von Marianne Gareis aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzte schmale Band beruht auf wahren Ereignissen, ist Erinnerung und Anklageschrift zugleich. Die Polizei bemüht sich, den Täter zu finden, hat aber eher die eigene Erfolgsstatistik im Auge als Joanas Befinden. Ohne Rücksicht auf ihr Trauma wird sie wieder und wieder befragt, das Phantombild verschwimmt, hatte er wirklich so eine Nase oder war sie breiter, waren seine Handschuhe schwarz oder blau, wie groß war er tatsächlich? Es wird deutlich, dass die Gesellschaft klare Vorstellungen von einem perfekten Opfer hat, die Joana nicht immer erfüllt. Besonders gut fand ich, wie ihr Verhalten ausgeleuchtet wird: dass man eben stillhält und sich nicht wehrt, weil man überleben will, dass man sich den Schmutz und den Schmerz abwäscht, obwohl das die Spuren zerstört, dass man sich an vieles deutlich erinnern kann und an anderes nicht.

Tatiana Salem Levy, die Joanas Geschichte aufschreiben durfte, hat sich ihr auf sensible Art genähert, gleichzeitig ist der Text gehetzt, atemlos, fast panisch, und das passt – als müsste man von etwas Traumatischem sehr schnell berichten, um es hinter sich zu bringen. Ich bewundere alle Frauen, die an diesem Buch mitgearbeitet haben, dass sie es in die Welt gebracht haben, dass sie ihre Stimmen erheben, dass sie sich nicht mundtot machen lassen. Es braucht mehr Tatsachenberichte wie diesen, denn durch die Opfer-Täter-Umkehr drängen wir Überlebende sexualisierter Gewalt stets in eine Rechtfertigungsposition. Sie sollen aber die Möglichkeit haben, so darüber zu sprechen, wie sie möchten und können, ohne dass ihnen Vorschreibungen und Vorhaltungen gemacht werden.

Vista Chinesa von Tatiana Salem Levy ist erschienen bei Secession.

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Ich kenne sie alle, habe ihre Bücher gelesen und ihre Filme gesehen, ihre Posts und Storys tauchen täglich in meiner Timeline auf: die Frauen, mit denen Sandra Jungmann für dieses Buch gesprochen hat. Die Rede ist zum Beispiel von Christl Clear und Emilia Roig, von Jaqueline Schreiber und Katja Lewina, von Mithu Sanyal und Irina alias toxische pommes. Nicht in Interviewform, sondern in Sandra Jungmanns Nacherzählung berichten sie von ihrem Aufwachsen und den Herausforderungen, denen sie begegnet sind, von ihren Träumen und dem Weg, den sie gegangen sind. Um Ausländerfeindlichkeit geht es da und um Trauer, um ungleiche Chancen, offene Beziehungen, Klima-Aktivismus, den Körper als Kunst und das Abnabeln von den Eltern.

„Ich versuche seit Jahren, eins mit meinem Körper zu werden“, sagt zum Beispiel Sophia Süßmilch. „Stimmt schon, ich war ein bisschen ein Troublemaker“, gibt Sinah Edhofer zu. Und Antje Schomaker erzählt: „Ich habe schon mit zwölf angefangen, auf Demonstrationen gegen die Abholzung des Regenwaldes zu gehen.“ Und Katharina Rogenhofer macht klar: „Die Gesellschaft muss mir den Raum geben, alleine zu entscheiden, wie ich als Frau bin, wie ich aussehe oder wie ich mich gebe.“ Mich holen die Gespräche mit diesen fünfzehn Frauen total ab, zum einen eben, weil sie mir ein Begriff sind und ihre Gedanken – über das Patriarchat, die Dominanz der Männer, das Hinwenden zum Feminismus – meinen sehr ähnlich sind. Zum anderen, weil ich generell Biografien von interessanten Menschen mag und hier viele davon versammelt sind. Und der dritte Grund ist, weil es hier um Frauen geht, die eine Vorbildwirkung haben. Dies ist ein Buch, das andere Frauen und junge Mädchen inspirieren kann, das ihnen zeigt: Es ist möglich, gib nicht auf, auch wenn es mühsam ist, lass uns zusammenhalten und einander den Weg ebnen. Ich werde es auf jeden Fall aufheben, bis meine Tochter alt genug ist, um es zu lesen.

Laut und selbstbestimmt von Sandra Jungmann ist erschienen bei Leykam.

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„Ich glaube, zuerst muss ich bekommen, was ich will, und dann kann ich erklären, warum ich es wollte und ob es gut ist“
Eve lebt mit ihrer Partnerin Romi in Brooklyn und stellt eines Tages Nacktfotos von sich auf eine Internetseite. Mit Olivia, die diese Fotos kommentiert, trifft sie sich in einem Café – und Olivia, die schüchtern herumstammelt, lädt Eve ein, sich mit ihr und einem Mann namens Nathan zu verabreden. Eve ist neugierig und willigt ein. Von da an kommt es zu regelmäßigen Sexdates, bei denen nur Eve und Nathan miteinander schlafen, oder besser: bei denen Nathan Eve zur völligen Glückseligkeit vögelt. Olivia sieht zu oder geht in ein anderes Zimmer, manchmal ist sie bei diesen Treffen gar nicht dabei. Sie arbeitet auch für Nathan und ist völlig besessen von ihm, auch Eve verfällt ihm zusehends:

„Sein Wissen und seine Instinkte waren in vollkommenem Einklang. War er ein Genie und unsere hart erkämpfte Vorstellung von weiblicher Genialität nur eine vorübergehende Erscheinung?“

Großartig an diesem Buch ist, dass Lillian Fishman, deren Debüt in den USA heiß ersehnt und hoch gehandelt wurde, unverblümt und frei von Sex und Begehren erzählt, durch die Augen einer queeren Frau. Weniger großartig ist die Figurenzeichnung des Mannes, der als Magnet dargestellt wird, als Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte, alles ist auf ihn und seine Aufmerksamkeit ausgerichtet. Er weiß, wie er mit Frauen reden muss, wie er sie zu berühren hat, er weiß mehr über sie als die Frauen selbst, und es hat mich überrascht, dass der Plot letztlich das – in meinen Augen eigentlich überholte – Narrativ reproduziert: dass Frauen nichts anderes wollen, als einen Mann anzubeten, zu vergöttern, ihm zu Gefallen zu sein, dass sie um ihn konkurrieren, eifersüchtig aufeinander sind. Ja, Eve kommt gegen Ende zur Einsicht, dass vielleicht nicht alles so rosig war, wie es aussah, aber selbst diese Wendung – die Frau erkennt das wahre Gesicht des Mannes – habe ich gefühlt schon tausendmal gelesen. In ihrer blinden Hingewandtheit zu Nathan hat Eve ab und zu lichte Momente mit Gedanken wie diesen:

„Man hatte uns Frauen eingeredet, Schönheit sei verdächtig, Eitelkeit eine Sünde und das Begehren räuberisch, und nun glaubten wir, wir wären am attraktivsten, wenn wir uns schüchtern und nachgiebig zeigten.“

Große Gefallen hat mich also beeindruckt und enttäuscht zugleich. Und es beschäftigt mich, dass auch junge weibliche Autorinnen sich an patriarchalen Denkmustern abarbeiten, statt Neues zu kreieren. Am besten lest ihr es selbst, um euch ein Bild zu machen.

Große Gefallen von Lillian Fishman ist erschienen bei Atlantik.

 

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„Manchmal fragte ich mich, ob es Männern schwerer fiel, glücklich zu sein“
Allie ist alleinerziehende Mutter und arbeitet als Ghostwriterin. Nachdem sie einen Auftrag verliert, weil der Mann, für den sie hätte schreiben sollen, wegen sexueller Belästigung angeklagt wird, braucht sie dringend Geld. Sie ist also erleichtert, dass sie die Memoiren der aufstrebenden Politikerin Lana verfassen darf, die sich als Aktivistin für die Rechte der Frauen einsetzt und selbst einen dreizehnjährigen Sohn hat. Doch schnell stellt sich heraus, dass es mehr als mühsam sein wird, dieses Buch zu schreiben: Lana gibt absolut keine Informationen preis, meldet sich oft wochenlang nicht – und Allie sitzt zum einen der Verlag im Nacken, zum anderen ist die Betreuungssituation ihres Sohnes problematisch. Schließlich fordert Lana die Ghostwriterin auf, einfach etwas zu finden bzw. aus ihrem eigenen Leben zu erzählen.

Interessanterweise habe ich selbst mehrere Bücher als Ghostwriterin verfasst und kenne das Problem, dass diejenigen, deren Name auf dem Cover stehen wird, keinerlei Input geben. Das war auch der einzige Grund, warum ich dieses Buch gelesen habe, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte sich entwickelt – der Stil dagegen hat mich schon nach wenigen Seiten genervt. Er ist betont flapsig, unbekümmert, die Emotionen, von denen es genügend gäbe, kommen nicht rüber, Allie blieb für mich unzugänglich, obwohl sie aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Themen sind durchaus relevant, es geht um die prekären Lebensumstände alleinerziehender Mütter, um fehlende Kinderbetreuung und Krankenversicherung, um die Ausbeutung von Freiberuflern und die Scheinheiligkeit der Politik. Wie Allie schlussendlich verraten wird, ist logisch und deshalb auch vorhersehbar. So kämpferisch sie sich in ihren Gedanken gibt, so passiv bleibt sie am Ende. Die Heldin der Geschichte ist ein chaotisches Buch, das ein Augenmerk auf die gewaltigen Probleme legt, mit denen selbstständige Mütter konfrontiert sind – und damit konnte ich mich sehr identifizieren –, das mich aber weder durch die Schreibweise noch durch den Plot überzeugen konnte. Schade!

Die Heldin der Geschichte von Heidi Pitlor ist erschienen bei Eichborn.

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„And she does it in dresses without pockets“
Nora ist Rechtsanwältin und Mutter einer kleinen Tochter, verheiratet mit Hayden. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause kommen die beiden in eine sehr gepflegte Nachbarschaft und besichtigen dort ein Haus. Alles scheint perfekt, die Frauen, die dort leben, machen Karriere, während die Männer den Haushalt schupfen und auf die Kinder aufpassen. Einziger „Schandfleck“ in der idyllischen Gegend: Eines der Häuser ist abgebrannt. Nora wird mit dem Versicherungsfall beauftragt und soll herausfinden, wie es zu dem Brand kam, bei dem einer der Ehemänner gestorben ist. Doch was sie entdeckt, wirft ein ganz anderes Licht auf alles …

Ich wusste bei diesem Buch nicht, was mich erwartet, habe es wegen der Kurzbeschreibung gekauft und vor allem wegen der Formulierung „Stepford husbands“. Nach ungefähr einem Drittel war klar: Dies ist ein überraschend feministischer Roman, in dessen Kern es um nichts anderes geht als um Care-Arbeit und Mental Load. Protagonistin Nora ist völlig überlastet mit dem Spagat zwischen Anwaltskanzlei und Mutterschaft, ihre Chefs haben kein Verständnis für ihre Lage und verlangen Leistung, ihr Mann empfindet seine eigene Zeit als wichtiger und wirft ihr vor, zu nörgeln, wenn sie Beteiligung an der Kinderbetreuung einfordert, und schlussendlich sabotiert Nora sich selbst, weil sie das Gefühl hat, dass das doch zu schaffen sein muss und dass es allen anderen ja auch gelingt. Als sie die erfolgreichen Frauen von Dynasty Ranch kennenlernt, will sie unbedingt deren Geheimnis ergründen. Chandler Baker hat dieses Buch geschrieben, als sie selbst schwanger war und panisch angesichts ihrer Zukunft. Diese Angst, die Doppel- und Dreifachbelastung als Mutter nicht stemmen zu können, merkt man ihrem Roman an, und das macht ihn – bei aller amerikanischer Überzogenheit – sehr authentisch. Manche dramatische Zuspitzung hätte ich nicht gebraucht, insgesamt fand ich die Geschichte aber gut gemacht: sehr filmisch, mit originellen Ideen. In erster Linie, und das ist am wichtigsten, macht sie aufmerksam auf die unsichtbare Arbeit im Hintergrund, die zur völligen Erschöpfung der Frauen führt. Was könnte man tun, um das zu ändern? Chandler Baker zeigt eine sehr radikale Möglichkeit.

Bücherwurmloch

„Mit dem angedockten Sternfahrer im Leib“
Iris ist Sängerin und hat gerade ein Engagement an der Met in New York bekommen, außerdem winkt die Aussicht auf einen Part bei den Salzburger Festspielen. Sie steht auf großen Bühnen, ihre Agentin ist zufrieden, der endgültige Durchbruch zum Greifen nah – und Iris freut sich, denn sie ist schwanger. Von wem das Kind ist, weiß sie nicht: Da gibt es Sergio, ebenfalls Sänger, ebenfalls in der Welt unterwegs, mit dem sie seit Jahren eine Art Beziehung führt, und da gibt es Ludwig, der verheiratet ist und eine Familie hat, den Iris aber mit jeder Faser begehrt und liebt. Mit beiden hält sie Kontakt, mögliche Treffen zwacken sie den überfüllten Terminkalendern irgendwie ab. Ludwig weiß von Sergio, umgekehrt ist das nicht der Fall. Beiden Männern erzählt Iris von der Schwangerschaft, sie reagieren sehr unterschiedlich. Und so jettet Iris von New York nach Deutschland, Österreich, Ibiza, während neues Leben in ihr wächst.

Cherubino ist genau das: ein Roman, der eine Schwangerschaft nacherzählt. Sehr detailreich tut er das, aus der Innensicht der Frau, die dieses Kind bekommen wird. In einem schönen, opulenten Österreichisch widmet sich Andrea Grill einer Zeit, der in der Literatur bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, weil Muttersein und Mutterwerden als irrelevant galten: den knapp zehn Monaten, in denen ein Baby im Mutterleib getragen wird. Da geht es um Hoffnungen und Ängste, um Blutspuren in der Unterhose und um die Reaktionen des Umfelds. Auch wenn der Roman sich wegen seiner Handlungsarmut zwischendrin ein wenig zieht, finde ich es gut und wichtig, dass er sich so kompromisslos dieser Schwangerschaft verschrieben hat – und ihren Auswirkungen in struktureller Hinsicht: was es für Iris als selbstständige Künstlerin bedeutet, wenn dieser Körper, mit dem sie ihr Geld verdient, vorübergehend nicht für die Bühne zur Verfügung steht, sowie die Frage, wie sie in Zukunft ihre Erwerbstätigkeit mit der Betreuung dieses Kindes vereinbaren kann. Zudem ist dies ein sehr melodischer Roman, in dem Musik zum Lebensinhalt wird.

Cherubino von Andrea Grill ist als Taschenbuch erschienen bei btb.