Bücherwurmloch

„Es gibt kein Gesetz, das den Menschen verbietet, einander zu hassen“
Lawrence Newman fühlt sich sicher. Er hat ein ganz gutes Leben, er ist Personalchef in einer großen Firma und überwacht die Stenotypistinnen. Er ist kein empathischer Mensch, als nachts eine Frau vor seiner Wohnung attackiert wird, kümmert er sich nicht weiter darum und kommt gar nicht auf den Gedanken, ihr zu helfen. Doch mit dieser Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, niemals in Gefahr geraten zu können, ist es plötzlich vorbei, als Lawrence immer stärkere Sehprobleme hat und deshalb eine Brille braucht. Mit dieser Brille sieht er nämlich auf einmal aus wie ein Jude. Zumindest empfinden das die Leute so, und Lawrence gerät aufgrund dieser vermeintlichen Kleinigkeit, aufgrund dieses Eindrucks, den er nun erweckt, mit einem Mal in größte Bedrängnis. Man begegnet ihm mit Abscheu und Verachtung, er verliert seine Stellung und sein Ansehen – und man trachtet ihm sogar nach dem Leben.

Nun gut, dachte er, ich könnte ihn überzeugen, dass ich kein Jude bin. Ich könnte sogar so weit gehen, ihm meinen Taufschein zu bringen. Nun gut. (…) Doch er wusste, dass er selber damals in seinem gläsernen Büro keinerlei Beweise, keinerlei Dokumente, keinerlei Worte als Argument gegen des Aussehen eines Gesichts akzeptiert hätte.

Antisemitismus in Amerika: Das ist für uns Europäer ein eher unbeschriebenes Blatt. Wir wissen Bescheid, wir sollten Bescheid wissen über den Zweiten Weltkrieg, über die Ausgangssituation in Österreich und Deutschland, und die Geschichten, die wir hören, enden meist, im Glücksfall, damit, dass jüdischen Menschen die Flucht in die USA gelungen ist. Doch was uns nicht klar ist: Diese Geschichten, die waren damit ja gar nicht zu Ende. Und: In Amerika wollte diese Menschen eigentlich auch niemand haben. Davon erzählt der Dramatiker Arthur Miller – einst Ehemann von Marilyn Monroe und 2005 verstorben – in diesem seinem einzigen Roman, der 1945 erschienen ist. Für sein Stück Tod eines Handlungsreisendenbekam er 1949 den Pulitzerpreis, auch Die Hexen von Salemstammt aus seiner Feder. In Fokussetzt er einen beliebigen Mann, einen 08/15-Protagonisten einer seltsamen Situation aus: Durch etwas so Banales wie eine Brille bekommt er ein vermeintlich jüdisches Aussehen, und dadurch kann der Schriftsteller bestens analysieren, was das macht mit einem Menschen, wie stark optisch geprägte Vorurteile sind, wie hilflos jemand ist, der sich diesen Vorurteilen ausgesetzt sieht, wie schnell er sämtliche Privilegien verliert und letztlich auch, wie stark ausgeprägt ebenjener Antisemitismus in Amerika war. Das zu lesen, ist erschütternd.

Sein Leben lang hatte er diese Abneigung gegen das Judentum mit sich herumgetragen, ohne sie allzu ernst zu nehmen. Es war nicht wichtiger als ein Widerwillen gegen gewisse Nahrungsmittel.

Das ist eine sehr bezeichnende Aussage, die auf den Punkt bringt, wie stark der Antisemitismus in den Menschen verankert ist – ohne dass sie dem jedoch Beachtung schenken. Lawrence Newman muss sich erst damit auseinandersetzen, als er sich persönlich damit konfrontiert sieht. Und genau darin liegt die Stärke des Romans: Einer wird vom Mitläufer zum Ziel, einer wird vom Teil der Masse zum Exponierten. „Heute fragt man sich unweigerlich, ob es je wieder zu einer Situation kommen könnte, wie sie im Roman beschrieben wird, und die Antwort kennt niemand“, heißt es im Vorwort. Und ich wünschte, sagen zu können, die Antwort lautet Nein, aber wir wissen alle, dass das leider eine Lüge wäre.

Fokus von Arthur Miller ist in dieser wunderschönen Ausgabe mit Holzschnitten von Franziska Neubert erschienen bei der Büchergilde.

 

 

 

Bücherwurmloch

Mehr als 120 Bücher hab ich in diesem Jahr gelesen. Kranker Scheiß, ey, ich weiß nicht genau, wie ich das geschafft habe, es muss an den vielen Zugfahrten für meine Lesereisen gelegen haben. So oder so: Derart viele waren es noch nie (zum Vergleich: Letztes Jahr waren es 83). Dabei habe ich aber nur jene gezählt, die ich wirklich gelesen habe, ich sortiere ja sehr schnell aus und breche ab, was mich nicht fesselt. Um die Quantität soll es aber heute gar nicht gehen, sondern, das ist ja immer wichtiger, um die Qualität: Bedeuten mehr Bücher auch mehr GUTE Bücher? Offenbar nicht unbedingt, zu den absoluten Highlights, die ich 2018 gelesen habe, gehören trotzdem nur sieben Titel. Und das sind sie:

Mariana Leky hat mich mit ihrem hochgelobten Bestseller Was man von hier aus sehen kann erst sehr spät überzeugt, dafür aber umso mehr: Es ist ein fein ausbalanciertes, melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit, es ist nicht alltäglich, und das macht es originell. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann.

Jacqueline Woodson hat mit Ein anderes Brooklyn ein intensives Buch geschrieben, das ich auf einer eineinhalbstündigen Zugfahrt inhaliert habe. Es kribbelt auf der Haut während der Lektüre, es rumort im Magen und im Herzen auch. Man kann nicht genau festmachen, woran das Unwohlsein liegt, warum es so sticht und schmerzt. Idealerweise klingt in Büchern wie diesem, die so viel ungesagt lassen, genau das Ungesagte noch viel lauter. Das ist hier der Fall, und es ist sehr gut.

Mit The Power hat Naomi Alderman mich total geflasht, weil die Idee hinter dem Buch sehr gut, sehr originell und sehr konsequent umgesetzt ist. In dieser Geschichte sind die Frauen den Männern überlegen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre neue Gabe nutzen, bis sie sich auflehnen und aufbegehren, sich wehren und die Ketten sprengen, in die das Patriarchat sie gelegt hat. Weltweit bricht eine nie dagewesene Revolution los. Unbedingte Leseempfehlung!

Jennifer Clement hat mit Gun Love einmal mehr bewiesen, was für eine herausragende Schriftstellerin sie ist: Sie sticht einem mit dieser Geschichte mitten ins Herz. Ich hab geweint, unter Tränen gelacht, ich war schon von der ersten Seite an ergriffen, ich hab diesen Roman seither sogar bei meinen eigenen Lesungen empfohlen, und ich hab ihn zu Weihnachten mehrmals verschenkt. Weil er einfach so gut ist. Weil er viele Leser finden muss. Weil er mein Jahreshighlight ist.

Wie großartig Sibylle Berg ist, lässt sich kaum in Worte fassen. Sie ist eine Meisterin, ein Genie. Im Frühsommer habe ich ihren Roman Vielen Dank für das Leben gelesen und mich bei so vielen Sätzen im Innersten erkannt gefühlt. Nur sie kann mit einem derart nüchternen, klaren Blick auf die Menschheit schauen und beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie ausgrenzt und verlacht, wie sie tötet, manchmal schnell, mit gezielten Hieben, manchmal langsam, mit Liebesentzug und Ignoranz. Dieses Buch ist grausam und authentisch und echt, es ist traurig, unfassbar traurig, es ist schwarz und scharf und klug und pointiert. Es ist, wie die Menschen sind: gnadenlos. Und es tut weh.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist ein Roman, den ich ausnahmslos jedem in die Hand drücken würde. Weil er so gut ist. Weil er dringend gelesen werden muss. Weil er vielleicht etwas bewirken, etwas verändern kann. Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ein richtig, richtig gutes Buch, das auch ihr lesen und jedem in die Hand drücken solltet.

Überrascht hat mich Sina Pousset mit ihrem Debüt SchwimmenEs ist ein Buch über die Freundschaft und jene Grenzen, an denen Freundschaft ausfranst, sich verwandelt, wenn man es zulässt, an denen sie aber auch zugrunde gehen kann, wenn man nicht aufpasst, wenn man den Zeitpunkt verpasst, immer wieder. Es ist außerdem ein Buch über die Unfähigkeit weiterzumachen nach einem Verlust, der so umfassend ist, dass man sich wie ausgehebelt fühlt danach, als sei oben unten und unten oben, als habe man kein Ziel mehr und keinen Anker. Und es erzählt in einer hervorragenden Sprache.

Und nun, meine Damen und Herren, folgen in zufälliger Reihung ebenfalls außerordentlich gute Bücher, die ich 2018 gelesen habe:

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen
Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune
E. Lockhart: We were liars
Sabrina Janesch: Die goldene Stadt
Willi Achten: Nichts bleibt
Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung
Ruth Cerha: Traumrakete
Garth Greenwell: Was zu dir gehört
Helmut Krausser: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft
Lucy Fricke: Töchter
Arno Frank: So, und jetzt kommst du
Matthew Heiner: Alles über Heather
Juli Zeh: Unterleuten
Ian McGuire: Nordwasser
Yael Inokai: Mahlstrom
Marie Gamillscheg: Alles was glänzt
Andrew Sean Greer: Less
Kirsten Fuchs: Signalstörung
Kathrin Weßling: Super, und dir?
Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen
Brit Bennett: Die Mütter
Leila Slimani: Dann schlaf auch du
Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?
Davit Gabunia: Farben der Nacht
James Baldwin: Von dieser Welt
Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
Gerhard Jäger: All die Nacht über uns
Nell Leyshon: Die Farbe von Milch
Wolf Haas: Junger Mann
Bret Anthony Johnston: Remember me like this
David Whitehouse: Der Blumensammler
Lina Wolff: Die polyglotten Liebhaber
Virginie Despentes: King Kong Theorie
Chloe Benjamin: The Immortalists
Karoline Menge: Warten auf Schnee
María Hesse: Frida Kahlo
Kai Wieland: Amerika

Es war, wie ihr sehen könnt, ein sehr abwechslungsreiches, literarisch ausgefülltes Jahr. Habt ihr manche dieser Titel auch gelesen? Und freut ihr euch, wie ich, schon auf das Frühjahrsprogramm?

Bücherwurmloch

„In unserem Teil von Florida lief alles durcheinander. Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß“
Pearl lebt seit ihrer Geburt vor vierzehn Jahren in einem Auto, das am Rande eines Trailerparks und neben einer Müllkippe steht. Sie lebt in diesem Auto mit ihrer Mutter, ihrer zarten, kleinen Mutter, die im Veteranenkrankenhaus putzt, weil sie Pearl mit siebzehn bekommen hat und keinen Schulabschluss machen konnte. So schlimm, wie es klingt, ist das nicht, Pearl sieht dieses Auto als ihr Zuhause, sie stört sich nicht daran. Sie und ihre Mutter haben eine sehr enge Bindung, und Pearl weiß: Ihre Mutter kann in die Menschen hineinschauen, kann ganz genau sehen, woraus sie im Innersten gemacht sind.

Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.

Und dann tritt Eli in ihr Leben. Eli, der sich hineindrängt in dieses Auto, in dem ohnehin kaum Platz ist, der Schaum aufwirbelt und Wellen, die sich nicht mehr glätten lassen.

Eli Redmond ist die Brise, aus der ein Hurrikan über dem Atlantik wird. Der Kerl ist ein waschechter Lügner. Er ist der Typ Mann, der sämtliche Scheiben in deinem Haus einschlägt.

Eli bringt Unheil, Eli bringt Verrat, und Pearl wird alles verlieren, was sie hat.

Ich habe mich auf der ersten Seite schockverliebt in dieses Buch. So sehr verliebt hab ich mich, ich hab die erste Seite zweimal gelesen, langsam. Weil das so ein Moment war, wie man ihn manchmal erlebt, in dem man weiß: Das mit uns, das könnte was werden. Und das wollte ich auskosten, ich wollte kribbelig sein vor Vorfreude. Ich habe Großes erwartet von Jennifer Clement, weil Gebete für die Vermisstenzu den intensivsten Büchern gehört, die ich je gelesen habe, und sie hat mich nicht enttäuscht. Im Gegenteil, sie hat mich mitgenommen nach Florida, um zwei Menschen kennenzulernen, deren Leben so anders ist als das, was wir uns unter einem guten Leben vorstellen, und die es trotzdem schön haben miteinander, weil sie die Liebe haben. Pearl und ihre Mutter sind ein Team, sie stehen am Rand der Gesellschaft, sie haben niemanden, aber sie haben einander. Es geht um Waffen in diesem Roman, um den Handel und den Umgang damit, ein heißes Thema in den USA, es geht um die Normalität, die im Extremen liegen kann, um Freundschaft und um eine besondere Mutter-Tochter-Beziehung. Um rohe Gewalt geht es auch, um ein Gefühl der Verlorenheit, und um die Liebe. Es ist ein Buch, das einem das Herz bricht, und das macht es so großartig.

Ich weiß, dass die Erinnerung der einzige Ersatz für die Liebe ist.

Jennifer Clement schreibt statt mit einem Stift mit einem Messer. Sie ritzt einem ihre Worte in die Haut und ins Herz, und ich frage mich beim Lesen immer, wie sie das macht. Wieso sie das kann. Woher sie diese Kraft hat, dieses Talent. Was für eine originelle, wehmütige, unglaublich schmerzhafte Geschichte das ist, sprachlich präzise, mit so einzigartigen Charakteren und Szenen, die man nicht mehr vergessen kann. Auf der ersten Seite war ich schon auf den Knien, und bis zur letzten Seite hat das nicht aufgehört. Großartig.

Bei uns weiß man, dass man auch spricht, wenn man schweigt. Und dass man jemanden lieben kann, ohne es ihm je zu sagen.

Gun Love von Jennifer Clement ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-42832-0, 251 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

„Schon vor langer Zeit hatte ich ein Naturgesetz entdeckt: Wenn man etwas Schönes erlebte, passierte immer gleich etwas entsprechend Schreckliches“
Vor dem Tscho hat er Respekt, unser dreizehnjähriger Held, denn „sogar von seinen Schritten fühlte man sich zusammengeschissen“. Er bewundert ihn für seine 70er-Jahre-Coolness und für die Autos, die er repariert, fährt, verkauft. Außerdem bewundert er den Tscho für seine Frau, die er eines Tages auf der Tankstelle, an der er in den Ferien arbeitet, durch das Autofenster sieht.

Dieses Lächeln sympathisierte in einer Weise mit mir, dass ich nicht anders konnte, als mit diesem Lächeln ebenfalls zu sympathisieren. Aber Sympathisieren wäre vielleicht noch in Ordnung gewesen. Mein Leben wäre normal weitergegangen, wenn ich nur sympathisiert hätte. Wenn ich mich nicht augenblicklich um den Verstand verliebt hätte.

Da hilft nur eins: Er muss an diese Frau heran. Dazu muss er aber erst einmal abnehmen, weil er zu dick ist. Zu jung eigentlich auch, doch das spielt in Sachen Liebe ja keine Rolle. Also geht er auf Diät, was seine Mutter schrecklich findet. Der Vater verbringt seine Zeit auf Entzug in der Landesnervenklinik, wo er sich, weil er seine Ruhe hat, ganz wohl fühlt. Durch einen „Zufall“ landet unser Held bei der schönen Frau zuhause – Fernfahrer Tscho ist mal wieder unterwegs –, und sie scheint sich für ihn zu interessieren, zumindest auf eine süße, leicht herablassende Art. Der Dreizehnjährige ist entflammt:

Mein Gesicht war so heiß, dass mir der Kaffee leidtat, als er sich an meinen Lippen verbrannte.

Doch ab da fangen die Überraschungen erst an.

Die Bücher von Wolf Haas sind österreichische Seele zwischen zwei Buchdeckeln. Hochkonzentriertes Österreichischsein sind sie, wie eine Kapsel mit konzentriertem Schmäh drin, die muss man nur noch drücken und genießen. Ich liebe das. Ich liebe es so sehr, man kann gar nicht Österreicher sein und das nicht lieben – Wolf Haas ist in der Literatur wie Rainhard Fendrich in der Musik, und was wären wir ohne unser „I am from Austria“? Eben. Für diesen Roman, der im Salzburger Pinzgau spielt, bin ich fast ein bisserl zu jung, in den Siebzigern waren meine Eltern gerade erst Volksschulkinder, aber: Da steckt so viel Nostalgie drin, auch für mich, die ich direkt im Grenzgebiet aufgewachsen bin und das noch bestens kenne, und schon ewig habe ich das Wort „schätzomativ“ nicht mehr gehört, das in meiner Kindheit gebräuchlich war. So wunderwunderschön und lustig und großartig ist diese literarische Reise in die Vergangenheit, ich bin innerhalb von zwei Stunden durchgerauscht, weil ich nicht aufhören konnte, mich zu freuen. Vor allem über die grandiosen Dialoge, in denen der dreizehnjährige Held sich als schlagfertig und witzig hervortut.

„Ich werd sicher nicht Pfarrer.“
„Wieso nicht? Da hast immer eine sichere Stelle. Und Weiber hast mehr als jeder andere.“

Dieses Buch ist eine Wohltat. Weil es nicht exaltiert daherkommt, weil es nichts verlangt und nichts will – außer zu unterhalten. Und das gelingt hervorragend, auf durch und durch österreichisch schmähvolle Weise. Ein echter Haas eben. Ich bin begeistert!

Junger Mann von Wolf Haas ist erschienen bei Hoffmann & Campe (ISBN 978-3-455-00388-8, 240 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

Ich glaube ich sage einfach nur die Wahrheit“

„Es gefällt mir wie du redest.
Na, das ist eine Erleichterung, denn ändern werd ich mich sicher nicht.
Ich muss sagen du kommst mir auch nicht vor wie die Sorte Mädchen die sich ändert.“

Mary ist ein eigenwilliges Mädchen, das sich nicht zurückhält. Und dabei wäre Zurückhaltung gefragt in ihrer Zeit, in ihrem Land und ihrer Stellung, sie ist eine einfache Bauerstochter ohne Bildung. Von den Eltern und den Schwestern geächtet, weil sie ein Bein nachzieht, schuftet Mary Tag und Nacht auf dem Hof – bis der Vater beschließt, dass sie ins Dorf in den Pfarrhof ziehen soll, um der kranken Gattin des Pfarrers zu helfen. Das tut Mary äußerst widerwillig, doch die Kranke schenkt ihr Aufmerksamkeit und liebe Worte – etwas, das das Mädchen nicht kennt. Und noch etwas lernt Mary im Pfarrhaus: lesen und schreiben. Deshalb ist es ihr möglich, ihre Geschichte zu erzählen. Deshalb kann sie berichten von all dem, was dann noch geschehen ist.

Und dieser Bericht klingt, wie er klingen müsste, hätte Mary ihn tatsächlich geschrieben: simpel, fast ohne Satzzeichen, sprachlich karg, sehr authentisch. Auf den ersten zwei Seiten ist das gewöhnungsbedürftig, dann ist man drin in Marys sehr mündlicher Erzählung, dann hat man das Gefühl, neben ihr zu sitzen und ihr wirklich zuzuhören. Das hat Nell Leyshon wirklich glänzend geschafft, sich hineinzuversetzen in diese Fünfzehnjährige mit dem einfachen Gemüt und dem dennoch gewitzten Verstand, in dieses Mädchen, mit dem umgesprungen wird, als habe es keinen eigenen Willen – und das letztlich, darin liegt der Akt der Rebellion, darin liegt der Höhepunkt des Buchs, aufbegehrt. Dass Mary den Befreiungsschlag wagt, den man ihr als Leser wünscht, ist logisch und aus der Dramaturgie des Romans ersichtlich, es ist notwendig, es ist aber auch, wie in allen Fällen, in denen der Schwache sich gegen die Starken auflehnt, Marys Untergang.

Ich war ganz frisch auf Instagram, als dieses Buch gehyped wurde und Florian Valerius #teammary ins Leben gerufen hat. Wohl aus Trotz habe ich es erst so viel später gelesen, ich wollte meine Ruhe mit diesem Buch haben und nicht jedes Mal, wenn ich Social Media öffne, eine Meinung dazu hören. Jetzt hatte ich Mary für mich allein – und das Buch in kürzester Zeit inhaliert. Eine starke, herausragende Stimme, eine vermeintlich banale Geschichte, die so schüchtern an die Hintertür klopft und dann, kaum hat man geöffnet, mit umso mehr Präsenz eintritt, sich entfaltet, den Platz einnimmt im Kopf und im Herzen. Gutes Buch, Hype berechtigt.

Die Farbe von Milch von Nell Leyshon ist erschienen im Eisele Verlag (ISBN 978-3-96161-000-6, 208 Seiten, 18 Euro).

Bücherwurmloch

„Sterben Menschen, sterben ihre Nächsten für einen kurzen Moment mit ihnen“

„Im Dorf, zwischen seinen leeren Häusern, hängen die Tage wie weiße Laken, die man auf der Wäscheleine vergessen hat.“

Weil einfach nicht viel passiert im Dorf, weil eigentlich weniger und weniger passiert, seit die Menschen verschwinden, seit sie in der Nacht das Dorf verlassen. Pauli und Karine wissen nicht, wohin die anderen gegangen sind, auch nicht, wohin ihre Mutter gegangen ist. Sie wissen nur, dass niemand zurückkehrt. Und was können sie tun? Sie haben keine Ahnung, was hinter dem Wald liegt, was überhaupt außerhalb des Dorfs liegt, und nachzusehen, dazu fehlt ihnen der Mut. Außerdem besteht ja noch die Hoffnung, dass die Mutter sie nicht für immer im Stich gelassen hat, und dann sollten sie anwesend sein zuhause. Doch die Tage sind eintönig, Schule gibt es schon lange keine mehr, die Lebensmittel gehen zur Neige. Was wird geschehen, wenn sie zu Ende sind? Was wird passieren, wenn der Winter kommt? Pauli und Karine sammeln Holz, sie versuchen, sich vorzubereiten auf das Unausweichliche: auf den Schnee.

„Alles ist still, aber wenn man genau hinhört, machen die Flocken ein Geräusch, wenn sie auf dem Boden aufkommen. Es macht dann ganz leise Srrt, ja srrt. Und das ist das schönste Geräusch, das je ein Mensch vernommen hat, und deshalb schläft die ganze Welt besser, wenn es schneit.“

Warten auf Schnee, das Debüt von Karoline Menge, für das sie mit dem Ulla-von-Hahn-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein sehr ruhiges Buch. Es verzichtet auf jegliche Effektheischerei, es erzählt bedächtig, als habe es alle Zeit der Welt. Als Leser stellt man sich darauf ein, fährt runter, entschleunigt. Und nimmt Platz in diesem namenlosen Dorf, an diesem sich auflösenden Ort, der exemplarisch für all die ruinierten Dörfer steht, in denen niemand mehr leben will, die so viel Vergangenheit haben und keine Zukunft. Ich-Erzählerin Pauli ist fast volljährig, ihre Ziehschwester Karine, die eines Tages von der Mutter aufgenommen wurde, ohne Fragen, ohne Erklärungen, ein paar Jahre jünger.

„Karine ist mir nach sieben Jahren noch immer fremd. Ich weiß nicht, was sie denkt oder fühlt, wenn sie mich mit ihren nackten grünen Augen ansieht.“

Die Beziehung zwischen den beiden ist erst durch die Not eng geworden, davor waren sie verfeindet. Damals, als es noch andere Kinder gab im Dorf, darunter Powel, den Jungen mit dem verschobenen Gesicht, den Pauli vielleicht geliebt und ganz sicher geküsst hat. Doch das spielt alles keine Rolle mehr, seit nur noch das Warten auf den Schnee zählt, ein Warten, dessen Ziel, der Winter, alles noch schwieriger machen wird, womöglich sogar beenden wird. Mit zarten, behutsamen Worten entspinnt Karoline Menge, die in Hildesheim studiert hat, eine intensive Geschichte von Leere und Verlust, ein Psychogramm der Einsamkeit, eine Analyse des Aufgebens. Ein schönes, leises und in seiner Stille umso eindringlicheres Buch.

Warten auf Schnee von Karoline Menge ist erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002589, 200 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

Das Geilste an Weihnachten sind ja die Geschenke, Geschenke, Geschenke! Und zwar nicht nur die, die man bekommt, sondern auch die, die man gibt, nicht wahr. Da wir Lesefreunde sind, haben diese Geschenke gern mal vier Ecken und einen Rücken. Nur: Welches Leseabenteuer soll in diesem Jahr unterm Weihnachtsbaum liegen? Ich hab da was für euch. Einen (höchst subjektiven, aber äußerst effektiven) Leitfaden zur Beschenkung von Freunden, Verwandten, Bekannten. Wie immer ohne bibliografische Angaben, weil ich zu faul bin, die rauszusuchen, aber ihr könnt ja beim Buchhändler eures Vertrauens bestellen #buylocal, der weiß Bescheid. Oder ihr klickt auf den Link im Buchtitel, da steht es. Alle Bücher hab ich 2018 selbst gelesen, sie wurden also am eigenen Leib getestet. Viel Vergnügen beim Verschenken! Sich die Bücher einfach selbst zu wünschen, ist freilich auch ein heißer Tipp. Gut sind sie alle, sonst stünden sie nicht hier. 😉

Für Sehnsüchtige: Less von Andrew Sean Greer
Ein Schriftsteller, der sich auf Reisen begibt, um sich abzulenken von der nahenden Hochzeit seines jüngeren Lovers: Das ist die Story in diesem Buch, das mit dem diesjährigen Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Dahinter steckt aber viel mehr: eine Suche nach sich selbst, ein Kämpfen mit den inneren Dämonen, ein Auseinandersetzen mit dem letzten Lebensabschnitt, dem Altern. Es ist ergreifend und kitschig und sarkastisch und schön, es ist auch auf Deutsch erschienen, und ihr könnt es allen schenken, die noch an die Liebe glauben.

Für Workaholics: Super, und dir? von Kathrin Weßling
Marlene ist 31 Jahre alt, sie hat studiert, sie hat einen Freund, einen lieben, sie hat 532 Freunde auf Facebook und außerdem einen Trainee-Platz in einem bedeutsamen Unternehmen. Marlene hat alles richtig gemacht. Die Frage ist nur: Warum fühlt es sich dann nicht richtig an? Kathrin Weßling schreibt über eine, die gedacht hat, dass alles gut wird, wenn sie nur fleißig ist und motiviert und den Erwartungen gerecht wird, und die, als sie merkt, dass das nicht eintritt, nicht weiß, wohin mit dieser ganzen Enttäuschung. Ein rasantes, kluges, hochaktuelles Buch, das zu Recht viel Aufmerksamkeit bekommen hat – und genau das Richtige ist für alle, die glauben, ihr Job sei der Sinn ihres Lebens.

Für Grantler: Lob der schlechten Laune von Andrea Gerk
Andrea Gerk ist die Beste, wenn es darum geht, Wissen mit Unterhaltung zu vereinen, ihre Bücher sind hervorragendes Infotainment. Sie nimmt das Thema schlechte Laune gründlich durch, zeigt, was im Gehirn geschieht, wenn man missmutig ist, wie Unmut als Schutzschild funktioniert, geht auf die Kunst des Schimpfens ein, widmet sich grantigen Kommissaren und kreativen Cholerikern, außerdem dem Dienstleistungssektor und der Gastronomie, wo man schlechte Laune am besten beobachten kann. Sie bringt alle großen Dichter, Denker, Theaterschreiber, Autoren, Schauspieler zusammen, die eines eint: ihre berühmt gewordene schlechte Laune. Und widmet dem Grant der Österreicher ein eigenes Kapitel. Großartig!

Für Abenteurer: Die goldene Stadt von Sabrina Janesch
Dieses Buch erinnert an jene Abenteuerromane, die man als Kind geliebt hat, mit mutigen Männern und undurchdringbaren Dschungeln, an diesen Rauschzustand, den man dann manchmal hatte beim Lesen, als man noch jung und naiv war und sich so herrlich schnell für etwas begeistern konnte. Perfekt getroffen hat Sabrina Janesch den Ton, heiter und jovial, wie man sich die Stimmung dieser damaligen Entdecker vorstellt, die ein Leben voller Entbehrungen führten, ein Leben der Obsession, aber mit Optimismus und unerschütterlicher Zuversicht. Ein Schmöker, der all jene begeistern wird, die gern etwas Neues lernen beim Lesen.

Für Schüchterne: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky
Wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf, so heißt es, und deswegen sind die Dorfbewohner dann nervös. Zu Recht, denn die Legende ist tatsächlich wahr. Der Hype, die überschwänglichen Lobeshymnen, die begeisterten Kritiken zu diesem Roman sind berechtigt. Dies ist ein melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann. Schenkt es allen, die mehr Bewegung in ihrem Leben bräuchten.

Für Extrovertierte: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser
Helmut Krausser ist eine geile Sau – mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Endlich mal was Neues, endlich Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Es geht um eine Sexweltmeisterschaft im Jahr 2028, um Leon, den Sex-Superstar, der ein Problem hat: Er ist in seine Teampartnerin Sally verliebt. Sie, mit der er täglich mehrmals vögelt, ist unerreichbar für ihn. Das ist absurd, unterhaltsam, großartig. Sex als satirisches Mittel für Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Das richtige Buch für alle, die genug Mut haben.

Für Menschen, die keine Menschen mögen: Alleine ist man weniger zusammen von Paul Bokowski
Ich stelle mir vor, dass Paul Bokowski eines dieser Kinder war, die unfreiwillig komisch sind. Dass er damals schon eine nerdige Brille trug, sich dumme Polenwitze anhören musste und irgendwann aus der Not eine Tugend machte, indem er sein Leben der Satire verschrieb. Ich stelle mir außerdem vor, dass Paul Bokowski im alltäglichen Umgang ein eher grantiges Kerlchen mit einem feinen Sinn für Humor ist, das nur wenig von dem, was die Welt bietet, lustig findet. Nichts davon weiß ich, das sind nur Vermutungen. Sicher ist aber, dass Paul Bokowskis Witz intelligent ist, herrlich böse seine Darstellungsweise und wunderbar raffiniert die vielen kleinen fiesen Pointen. Das werden alle mögen, deren Humor genauso ist.

Für Politikverdrossene: All die Nacht über uns von Gerhard Jäger
Unerwartet und sehr traurig war kürzlich die Nachricht, dass der talentierte und ungemein sympathische Schriftsteller Gerhard Jäger verstorben ist. In seinem neuen Roman, der für den Österreichischen Buchpreis nominiert war, stellt er einen namenlosen Soldaten auf einen Wachposten an der Grenze und lässt ihn durch eine Nacht voller Angst, Unruhe, Erinnerungen und Schmerz gehen. Wie gehen wir um mit den Menschen, die unsere Hilfe brauchen? Lehrt unsere Geschichte uns nicht eigentlich, dass jeder plötzlich zum Flüchtenden werden kann? Und: Wie viel Leid kann ein einzelner Mensch ertragen? Dieser Roman enthält viele absolut treffende Sätze und ist das richtige Geschenk für alle, die nicht zu feig zum Nachdenken sind. Der Nachlass eines klugen Mannes, der leider viel zu früh gegangen ist.

Für egal wen: Auster und Klinge von Lilian Loke
Dieses Buch ist die sichere Bank, das könnt ihr eurem Cousin genauso schenken wie eurer Schwiegermutter. Es ist unterhaltsam, aber niveauvoll, es hat eine originelle, spannende Story, die Männer wie Frauen, Jüngere wie Ältere anspricht. A g’mahde Wiesn, wie wir in Österreich sagen. Es ist ebenso Gaunerkomödie wie Kunstsatire. Lilian Loke erzählt darin von zwei Männern, zusammengebracht vom Zufall, der eine ist ein Dieb und ein Koch, der andere ein Künstler. Der eine braucht Geld, der andere hat es – und will lernen, wie man einen Einbruch begeht. Man kann dieses Buch mit der Absicht lesen, sich unterhalten zu lassen, und wird dennoch Gedanken begegnen, die einen aufwühlen. Die bestmögliche Kombination also. Dieser Roman hat richtig Drive, eine ganz eigene Dynamik, er steht niemals still. Das ist rasant, witzig, gut gelungen und das perfekte Lesegeschenk.

Für Eltern: Man bekommt ja so viel zurück von Marlene Hellene
Auf Twitter ist Marlene Hellene ein kleiner Star, und zwar zu Recht. Weil sie witzig ist und dieses Medium, bei dem man am Punkt sein muss mit seinem Humor, perfekt beherrscht. Sie kann aber auch dann gut schreiben, wenn sie mehr Platz hat: Das hat sie in ihrem ersten Buch bewiesen, das ihr allen Eltern unter den Weihnachtsbaum legen solltet. Weil es herrlich amüsant ist, weil Eltern sich darin wiedererkennen werden, weil von kranken Kindern über Urlaub mit Kindern bis hin zum Kindergeburtstag, dem Vorhof zur Hölle, alles vorkommt, was einen halt so beschäftigt, wenn man Nachwuchs hat. Dabei ist dieses Buch aber weit entfernt von all den dämlichen Besserwisser-Ratgebern, Marlene Hellene weiß es nämlich auch nicht besser. Deshalb ist sie eine von uns. Und deshalb lieben wir sie und ihr Buch.

Für Leute mit Fernweh: Farben der Nacht von Davit Gabunia
Surab bleibt nachts wach, er steht auf dem Balkon, er hat ein Kamera in der Hand, und zu beobachten gibt es allerhand: Ein junger Mann, der gegenüber wohnt, bekommt regelmäßig Besuch. Nicht nur, dass dieser Besuch ebenfalls männlich ist, nein, es handelt sich dabei auch noch um einen bekannten Politiker. Das ist heiß im Georgien des Jahres 2012, in dem der Milliardär Iwanischwili an die Macht kommt, das ist gefährlich, und vielleicht ist es kein Wunder, dass es – kaum brechen die Unruhen los, kaum entgleitet Surabs Frau Tina ihm immer mehr – plötzlich einen Toten gibt. Ein fiebriges, ruheloses, spannendes Buch, das in Georgien spielt und einem Flächenbrand gleicht. Schenkt es allen, die in fremde Länder reisen möchten – wenigstens im Kopf.

Das Buch für ALLE: Der Trafikant von Robert Seethaler
Falls ihr jemanden kennt, der diesen Roman noch nicht gelesen hat, seid ihr fast schon verpflichtet, ihn ihm zu schenken. Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint. So schön ist dieses Buch und so traurig. Es greift einem direkt ins Herz, man muss es einfach lieben, und wenn man sich einlässt darauf, dann hat man am Ende unweigerlich Tränen in den Augen. Dies ist eines jener Bücher, die wirklich etwas zu sagen haben, die etwas bewirken können. Verschenkt es hundertfach!

Bücherwurmloch

„Er glaubte nicht an Liebe an den ersten Blick, und falls doch, dann wäre er dafür zu langsam“
Ingwer Feddersen, fast fünfzig, ist „Fensterputzer, promovierter Steinesammler, Gastwirt, Altenpfleger“ und nimmt ein Sabbatical, um zuhause seine alten Eltern zu pflegen, für die es bald zu Ende gehen wird. Zuhause, das ist Brinkebüll, das ist der Norden, das ist dieses Dorf, das ihn nie losgelassen hat, obwohl er in der Stadt lebt, in einer ungewöhnlichen WG-Konstellation mit Ragnhild und Claudius, zu zweit und zu dritt, eine Alterskommune, eine Dreiecksbeziehung mit Eifersucht und Liebe und ekligen Teebeuteln in der Küche.

„Seltsam kreisten die Kartoffelkinder lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen.“

Sie verstehen nicht, warum er zurückmuss, Ragnhild und Claudius, was ihn dort hinzieht, wo es doch eigentlich nichts mehr gibt für ihn. Die Mutter versinkt in der Demenz, der Vater hat blaue Flecken von ihren Misshandlungen, er war der Wirt in Brinkebüll, der Magnet für alle, die etwas zu feiern oder etwas zu vergessen hatten.

„Das Parkett im Saal war grau geworden, wundgetanzt. Ein alter Boden wie ein Dorfchronist, man hatte hundert Jahre Brinkebüll in dieses Holz gestampft, die ganzen Lebensläufe: Kinderfest und Konfirmandenfeier, Abtanzball, Verlobung, Hochzeit. Richtfest, Silberhochzeit, sechzigster Geburtstag. Goldene Hochzeit, achtzigster Geburtstag. Ein paar letzte, wackelige Tänze am Seniorennachmittag. Beerdigungskaffee.“

Und Ingwer war dieses Kind, das es nicht hätte geben sollen, das Kind, das verlorengehen sollte bei einem Sprung vom viel zu hohen Dach, das sich aber festgeklammert hat im Bauch der Mutter. Jener Mutter, von der niemand redet, die man Ingwer jahrelang als Schwester verkauft hat, obwohl alle es wussten, natürlich, das ganze Dorf: dass Ingwers Eltern nicht seine Eltern sind.

„Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte schon jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nichts sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes. Das Schweigen war wie eine zweite Muttersprache, man lernte es, wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagen durfte und was nicht.“

Dörte Hansen ist eine Meisterin der Sprache. Ruhig ist diese Sprache, einen langen Atem hat sie, und sie nimmt sich der Atmosphäre an, die da herrscht im Norden, sie nimmt sich der Menschen an, die dort leben. Sie entwickelt kauzige, liebenswerte Charaktere, die sich quälen in ihrer Stummheit, die ein bisschen ersticken an allem, was sie nicht sagen können. So einer ist auch Protagonist Ingwer, der ein gutes Leben hat, der es aber auch verpasst hat, ein noch besseres Leben daraus zu machen. Weil er sich immer zufriedengegeben hat mit dem Halben, weil er nicht aufbegehrt hat, weil er nie gesagt hat: Ich will das, und dich will ich auch. Er erkennt das jetzt, und man weiß nicht genau, ob es vielleicht zu spät ist für ihn oder ob er noch die Möglichkeit haben wird, neu anzufangen.

Ich mag Dörte Hansens Sätze. Ihren Roman Altes Land habe ich gefeiert, weil er spitz und böse, zugleich zutiefst ergreifend und melancholisch schön war. Mittagsstunde mit dem, Entschuldigung, absurd hässlichen Cover ist wesentlich nüchterner, passt dadurch aber wohl zu den Menschen, von denen es erzählt. Lakonisch ist der Stil, schlicht und trocken, dabei trotzdem durchwirkt von Gefühl, von Sehnsucht, von Wehmut. Und grandios sind die Sprachbilder, die Dörte Hansen findet für ihre Figuren, die man so schnell ins Herz schließt, obwohl man sie nicht kennt, obwohl sie nicht einmal existieren.

„Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt.“

Ein genügsames, pathosfreies, sehr gutes Buch, das mich zwar nicht mit so viel Begeisterung erfüllt hat wie Altes Land, aber mich doch oft hat lächeln lassen, und das ist doch schon viel.

Mittagsstunde von Dörte Hansen ist erschienen im Penguin Verlag (ISBN 978-3-328-60003-9, 320 Seiten, 22 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Keine Frau hat jemals eine solche mit dem Tod ringende Poesie auf die Leinwand gebracht“

„Ich habe aber immer gern behauptet, ich sei 1910 geboren. Nicht um mich aus Eitelkeit jünger zu machen, sondern weil in dem Jahr die mexikanische Revolution begann, und ich bin eine Revolution.“

Wer war Frida Kahlo? Was für ein Mensch steckt hinter ihren weltberühmten, intensiven, einzigartigen Bildern? Die Spanieren María Hesse, die ihren Künstlernamen aus Verehrung für Hermann Hesse gewählt hat, nimmt sich dieser geheimnisvollen Frau an und erzählt ihre Geschichte durch ihre eigene Interpretation von Fridas Bildern. Geradezu herausragend gelungen ist die Kombination von Illustrationen und Worten – Fridas eigenen Worten, Marías Worten – zu einer unglaublich schönen, sehr berührenden Hommage an die 1954 verstorbene Künstlerin.

„Anscheinend kennen alle Frida Kahlo“, steht in der Einleitung, und als ich das gelesen habe, dachte ich: Nein, nein, eigentlich nicht. Ich weiß nichts über Frida, ich kenne ihre Bilder, ich kenne ihr Gesicht, die signifikanten Augenbrauen, ihren Stil. Aber das ist auch schon alles. Umso neugieriger war ich darauf, mehr über diese leidenschaftliche Frau zu erfahren, die nur 47 Jahre alt geworden ist. Und dann war ich überrascht von dem Schmerz. Dass Frida Kahlos Leben derart von Schmerz geprägt war – von körperlichem wie seelischem – hatte mit Sicherheit Einfluss auf ihre Kunst. Sie wurde mit Spina bifida geboren und erlitt mit achtzehn Jahren einen derart tragischen Unfall, dass sie fast gestorben wäre. Sie wurde von einer Eisenstange durchbohrt, und obwohl sie gerettet werden konnte, war der Schmerz von da an ununterbrochen bei ihr. Später mussten ihr sogar Gliedmaßen abgenommen werden. Doch auch das Herz Frida Kahlos wurde gebrochen, mehrfach gebrochen – in erster Linie von ihrer großen Liebe Diego, dem Mann, den sie gleich zweimal heiratete. Selten war der berühmte Spruch „sie liebten und sie hassten sich“ wohl so treffend.

Derart fasziniert war ich von diesem wunderschönen, liebevoll gestalteten Buch, dass ich mir, kaum hatte ich es gelesen, auch den Film mit Salma Hayek aus dem Jahr 2007 angesehen habe. Und dabei habe ich etwas Erstaunliches festgestellt: Obwohl María Hesses Biografie schmal ist, obwohl sie wenige Zeilen enthält und ein Film ja viele Bilder bietet, intensive, zusammenhängende Bilder, obwohl Salma Hayek eine gute, überzeugende Schauspielerin ist, hat mir dieses Buch viel mehr gegeben und viel mehr bedeutet als der Film. Am besten daran finde ich, dass man Frida Kahlos Stil so deutlich erkennt, dass das wirklich ihre Bilder sind – und zugleich nicht, zugleich liegt María Hesses Filter darüber, ihre Handschrift. Hier hat eine Frau eine andere Frau geehrt – auf kreative, eigenwillige, fantasievolle und vor allem völlig unkitschige Weise. Absolut großartig!

Frida Kahlo — Eine Biografie ist erschienen bei Suhrkamp Insel (ISBN 978-3-458-36347-7, 143 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Aber nach der Malve benannt war ich jedenfalls. So schön diese Blume ist, so hässlich war ich“

„Das Semikolon ist vom Aussterben bedroht, da heute fast niemand mehr weiß, wo er es setzen muss, und daher ist es gegenüber den anderen Satzzeichen im Nachteil, genau wie ich als Mensch gegenüber meinen Mitmenschen benachteiligt war.“

Malva erzählt aus dem Jenseits, Malva ist lange schon tot. Sie starb als kleines Mädchen, sie war bereits bei ihrer Geburt schwer krank. Und ihrem Vater ein Dorn im Auge, ihrem berühmten Vater Pablo Neruda. Als er erkannte, dass sie einen Wasserkopf hatte, dass sie missgebildet war und nicht seinen Vorstellungen entsprach, ließ er sie fallen, von einer fremden Familie betreuen, kümmerte sich Zeit ihres sehr kurzen Lebens nicht um sie. Jetzt erzählt Malva, die allwissend ist und in jedermanns Vergangenheit schauen kann, von Pablo und seinen Liebschaften, von ihrer Geburt – und von ihren neuen Freunden:

„Jetzt, wo ich tot bin, habe ich ein paar Freunde hier, darunter Oskar Matzerath, du weißt schon, dieser witzige Zwerg mit seiner Blechtrommel aus dem Roman von Günter Grass. Außerdem: Lucia (Tochter von James Joyce und angeblich schizophren) und Daniel (Sohn von Arthur Miller, Downsyndrom).“

Das ist witzig, das ist kurios, geheimnisvoll, absurd und unterhaltsam. Auf zynische, schmerzliche Art unterhaltsam, denn dieses Buch ist eine Abrechnung und eine Anklage. Die niederländische Autorin Hagar Peetersen, die unter anderem für Lyrik bekannt ist, gibt einem Mädchen eine Stimme, das in der Geschichtsschreibung nicht vorkommt.

„Ich will mir eine Hand leihen, die ausdrücken kann, aufschreiben kann, was ich denke. Mein Vater tut es nicht. Die Hand meines Vaters hat sich mir schon längst entzogen. Ich suche eine andere Hand, eine Hand ohne Abscheu vor mir. Komm, Hagar, tust du es?“

Malva wurde unterschlagen, Malva wurde verborgen. Für Malva hat man sich geschämt, und deshalb haben die Biografien über Pablo Neruda, die von seinen revolutionären Ideen und Gedichten, von seinem Leben und seinen Lieben erzählen, über Malva kein Wort verloren. Dieser Roman ist ein Sprachrohr für ein Mädchen, über das nie gesprochen wurde. Aus dem Jenseits begehrt es dagegen auf, rückt die Tatsachen zurecht. Das ist in meinen Augen eine sehr originelle Idee – und ein ebenso originelles, fantasievolles Buch, das besonders bibliophilen, recht belesenen Menschen gefallen wird. Weil es zahlreiche Anspielungen auf literarische Figuren enthält und Parallelen zieht zu anderen Größen der Literatur, die sich schöner dargestellt haben, als sie waren. Nicht körperlich, sondern charakterlich. Malva ist die Ungewollte, die Ausgestoßene. Die Gefühle dieses Mädchens, das hier eine fiktive Figur ist und doch real existiert hat, hat Hagar Peetersen meisterhaft eingefangen. Sie hat jemanden porträtiert, der keine Beachtung gefunden hat, und es ist nur logisch, dass Malva erbost ist, aber auch voller Selbsthass. Besonders schön finde ich an diesem Roman, dass er etwas Bekanntes beleuchtet aus einer völlig neuen Perspektive. Pablo Neruda, der gefeierte Dichter, wird gezeigt als egozentrischer Mann, als treulose Seele, als liebloser Vater und somit letztlich: als Mensch.

Malva von Hagar Peeters ist erschienen im Wallstein Verlag (ISBN 978-3-8353-3341-3, 245 Seiten, 20 Euro).