Bücherwurmloch

Es fängt einigermaßen harmlos an, Amalia und ihr Bruder Bodo sowie die gemeinsamen Freunde Josef und Gero unternehmen einen mehrtägigen Ausflug in ein Flussdelta. Sie mieten zwei Boote und paddeln sich quer durch die vielen Abzweige und Schleusen. Gleich am ersten Abend wird Josef rassistisch beleidigt, er ist der einzige Schwarze in der Freundesgruppe. Die anderen empören sich zwar, wollen den Ausflug aber nicht abbrechen. Das wird ihnen zum Verhängnis, denn plötzlich beginnt eine krasse Verfolgungsjagd durch unübersichtliche Gewässer, sie verirren sich heillos, können niemandem mehr trauen – nicht einmal oder schon gar nicht einander.

Meine Wahrnehmung männlicher Bücher hat sich verändert: Früher habe ich sie, dank patriarchal geprägter Schulbildung für das Maß aller Dinge gehalten, später war ich wütend und genervt, heute finde ich sie interessant und blicke mit einer gewissen Faszination darauf. Interessant zum Beispiel, weil: Hier erzählt ein weißer Mann von Rassismus, und er erzählt – bei drei Männern und einer Frau – aus der Sicht der Frau. Das ist kurios, und ich weiß auch nach der Lektüre nicht so recht, wie ich das einordnen soll. Was weiß er über Josefs Erfahrungen als schwarzer Mann in Deutschland, den er aus Amalias Sicht an einer Stelle „empfindlich“ nennt? Kann er einschätzen, ob Amalia als Frau im Angesicht einer drohenden Vergewaltigung durch vier Männer wirklich nur denken würde, dass sie das würde „ertragen“ müssen? Andererseits ist das reine Fiktion, er darf natürlich mit seinen Figuren machen, was er will. Die Thematik finde ich ein bisschen heikel, die gewählte Perspektive ebenfalls, vielleicht ist es auch mutig – auf jeden Fall faszinierend. Und die Geschichte selbst ist sehr spannend, geschickt konstruiert, steuert auf das einzig mögliche Ende zu, das durchaus glaubwürdig angelegt ist. Ein Buch, über das man sich am besten selbst eine Meinung bilden sollte.

Der Ausflug von Dirk Kurbjuweit ist erschienen bei Penguin.

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„Wir standen einander gegenüber, mit hängenden Armen“
Grün arbeitet schon sehr lange als Pfleger auf der geschlossenen Station einer Psychiatrie: seit fast zwanzig Jahren. Einerseits kann man sagen: Er hat alles schon gesehen, schon erlebt, ihn kann nichts mehr überraschen. Andererseits muss man sagen: Es setzt ihm zu, er denkt viel über das nach, was er dort erlebt, versucht, den Rhythmus der Tages- und Nachtschichten zu vereinbaren mit dem Familienalltag, denn er hat eine Frau und eine kleine Tochter. Als eine neue Patientin auf Grüns Station kommt, verschwimmen sukzessive die Grenzen. Die beiden rauchen manchmal eine Zigarette miteinander, führen Gespräche, in denen sie irgendwie aneinander vorbeireden und die vielleicht deshalb so angezaubert klingen, und es stellt sich die Frage, ob sie einander etwas bedeuten können – oder ob alles nur Illusion ist.

Wo beginnt eine Grenzüberschreitung? Besteht sie sowieso automatisch, wenn zwei sich annähern, die zugeordnete Rollen bekleiden: Pfleger und Patientin? Annika Domainko untersucht in ihrem Debütroman eine Situation, bei der sich die Frage stellt, ob jemand übergriffig handelt oder ob es da einfach um zwei einsame Menschen gibt, die im anderen etwas finden, in dem sie sich wiedererkennen. Warum ist die Frau überhaupt in der Psychiatrie? Was ist mit Grüns früherer Freundin passiert? Wir tänzeln um diese Fragen herum in einer sanften, ausweichenden Prosa, die schöne Sätze formen und faszinierenderweise gleichzeitig verschwommen, unklar bleiben und dennoch präzise sein kann. Erzählt wird aus Grüns Sicht, die Patientin kommt nur durch seine Perspektive zu Wort, und am Ende stellt man fest, dass es offenbar große Lücken gibt in seinem Bericht. Ein seltsames, sehr starkes Buch über die Grenzen zwischen Machtausübung und Zuneigung, über einen, der andere pflegen soll, aber in Wahrheit selbst nicht gesund ist.

Ungefähre Tage von Annika Domainko ist erschienen bei C. H. Beck.

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„Ich wurde zu einem Mädchen, das niemand lieb haben konnte“
Andrea Sawatzki lebt acht Jahre lang mit ihrer Mutter allein in einem kleinen Ort, und obwohl – oder vielleicht gerade weil – es keinen Vater gibt, sind die beiden glücklich. Die Mutter arbeitet viel, um sie über Wasser zu halten, Andrea ist unterdessen bei der Nachbarin, wo es Ohrfeigen hagelt, was sie aber nie von ihren Abenteuern abhält. Doch dann nimmt sich die Frau von jenem Mann das Leben, mit dem Andreas Mutter eine Affäre hatte: Günther Sawatzki. Jetzt ist er bereit, Andreas Mutter zu heiraten und die beiden zu sich ins Haus zu holen. Andrea ist zuerst aufgeregt und beobachtet die Begeisterung der Mutter, die sich ausmalt, nun eine heile Familie zu haben und nicht mehr arbeiten zu müssen. Doch recht schnell nach der Hochzeit stellt sich heraus, dass der Vater, der Andrea völlig fremd ist, schon lange keine Aufträge mehr hat, hoch verschuldet ist – und noch dazu krank. Was nun beginnt, ist von außen betrachtet eine Kindheit, in Wahrheit jedoch ein absoluter Alptraum.

Ich muss gestehen: Autobiografische Bücher finde ich oft schwierig. Nicht so dieses, denn Andrea Sawatzki hat mich schon nach wenigen Seiten richtig neugierig gemacht und in ihre Geschichte gezogen. In kurzen Kapiteln mit ungewöhnlich scharfem Blick auf das eigene frühere Ich erzählt sie von Aufopferung und Verzweiflung, von Gewalt und dem Gefühl der Verpflichtung. Oft sagt man ja über jemanden, er oder sie habe früh erwachsen werden müssen, und nach der Lektüre dieses Buchs ist klar, dass das auf Andrea Sawatzki zutrifft. Besonders schmerzhaft fand ich den Bruch zwischen ihr und ihrer Mutter, die zuvor so eine verschworene Einheit waren, aber auch die Beschreibung der kindlichen Wut, die komplett unterdrückt wird bzw. werden muss. All das ist in den Siebzigern geschehen, und auch wenn Hoffnung besteht, dass die Situation für ein Kind in einem solchen Fall heute anders wäre, fürchte ich, sie wäre genau gleich, denn in erster Linie wird weggeschaut. Ich hätte wahnsinnig gern erfahren, wie Andreas Jugend verlaufen ist, wie sie Schauspielerin geworden ist – vielleicht schreibt sie ja auch darüber irgendwann, ich würde es lesen.

Brunnenstraße von Andrea Sawatzki ist erschienen bei Piper.

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Ich habe bei diesem Buch so heftig genickt wie schon lange nicht mehr: Alle 25 Sätze, die Alexandra Zykunov darin auf fundierte Art und Weise zerlegt, habe ich oft genug gesagt bekommen. Und jetzt, nach der Lektüre, fühle ich mich gestärkt und habe etwas an der Hand, das ich dringend brauche, um in diesen Diskussionen zu bestehen: Fakten. Die Redakteurin für feministische Themen, deren Posts regelmäßig viral gehen, hat ein Buch geschrieben, das nicht nur aufzeigt, wie es um die reale Lebenswirklichkeit von Frauen im Jahr 2022 bestellt ist, sie gibt uns damit auch etwas sehr Praktisches an die Hand: Argumente. Widerworte. Beweise. Harte Tatsachen. Und die sind wichtig, wenn man wieder einmal ausgebremst wird mit einem „du hast es aber gut, dass dein Mann dir so viel hilft“ oder einem „Frauen wollen eh keine Karriere machen“, gefolgt von „ich liebe meine Kinder, ich kann fürs Kümmern doch kein Geld verlangen“ und „Frauen müssten so verhandeln wie Männer“. Wie ich es satthabe!

Was, um alles in der Welt, antwortet man darauf? Alexandra Zykunov bietet Möglichkeiten an, und ich habe viel in diesem Buch unterstrichen. Weil das exakt die Debatten sind, die ich führe und führen muss, ob ich will oder nicht (und ich wünschte, es wäre nicht notwendig). Weil mir so oft – auch von anderen Frauen – nicht geglaubt wird. Weil niemand die Wahrheit sehen will. Was ich verstehen kann, sie schaut schließlich auch nicht grade schön aus. Und auch wenn für mich nichts Neues in diesem Buch steht, sehe ich darin trotzdem einen hilfreichen Leitfaden – und wünsche mir, dass es vor allem Frauen lesen, die ständig von Männern niedergeredet werden, die nicht ernstgenommen werden, die das Thema vielleicht selbst nicht ganz ernstnehmen. Nachdem ihr das hier gelesen habt, werdet ihr sein wie Alexandra Zykunov und ich: wütend.

Das Buch ist erschienen bei Ullstein.

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„Irgendwann wird es immer wieder besser“
Tiff arbeitet als Klickworkerin für die Plattform Automa, weil sie einerseits ein kleines Kind und andererseits eine Angststörung hat, die sie daran hindert, die Wohnung zu verlassen. Deshalb kommt es ihr entgegen, dass sie sich nachts, wenn das Kind schläft, für verschiedene Jobs einloggen kann – die jedoch schlecht bezahlt und zermürbend sind. In der Chatfunktion der Plattform unterhält sie sich mit ihren Freunden, die auf der Welt verstreut leben und zu unterschiedlichen Zeiten wach sind. Was sie eint, ist nicht nur die prekäre Lebenssituation, sondern auch eine Art virtueller Zusammenhalt. Als sie auf den Videos einer Sicherheitskamera etwas beobachten, das sie nicht mehr loslässt, versuchen sie herauszufinden, was passiert ist.

„Dieses Buch ist ein Geniestreich“, habe ich geschrieben, als ich Berits Manuskript vorab lesen durfte, „vordergründig geht es um Kapitalismus, Digitalisierung und Angst, aber im Kern enthält es, was dabei oft vergessen wird: unsere Menschlichkeit.“ Jetzt muss ich erst einmal sagen, dass ich Berit Glanz schon lange bewundere, sie hat mich nämlich bereits mit ihrem Roman „Pixeltänzer“ (den ich euch sehr empfehlen kann!) überzeugt – und tut es jeden Sonntag mit ihrem Newsletter, mit dem sie mir erklärt, was ich die ganze Woche im Internet erlebt habe. Sie ist unglaublich schlau, hat ein beeindruckendes Spezialwissen zu Memes, Internetphänomenen und skandinavischen Sprachen und kann noch dazu ausgezeichnet schreiben. Mit ihrem neuen Roman hat sie mich überrascht: Die ganze Zeit habe ich gedacht, das wird böse enden, habe vor mir gesehen, in welche Richtung es gehen wird. Aber Berit hat einen anderen Weg eingeschlagen, und das rechne ich ihr hoch an. Ich finde es mutig von ihr, die Geschichte auf diese Weise zu Ende zu bringen, und ich hoffe, dass ihr alle diesen Roman lesen werdet. Weil er sich mit der Situation alleinerziehender Mütter auseinandersetzt, weil er neue Berufsgruppen durchleuchtet und weil er etwas hat, das uns allen fehlt: einen Hoffnungsschimmer. Großartiges Buch mit einem der schönsten Cover aller Zeiten!

Automaton von Berit Glanz ist erschienen im Berlin Verlag.

Bücherwurmloch

„Ideal für den Heiratsmarkt sind Frauen mit geringer Vitalität. Solche, die eher tot als lebendig sind“
Rika ist Journalistin in Tokio und stößt auf den Fall von Manako Kaji, die für Aufsehen gesorgt hat, weil drei an ihr interessierte Männer auf mysteriöse Weise ums Leben gekommen sind. Obwohl man ihr keinerlei Tötungsabsicht nachweisen konnte, sitzt Kaji im Gefängnis. In erster Linie ist die Öffentlichkeit jedoch schockiert, weil sie so gerne kocht und isst und nicht – japanischem Standard zufolge – dünn ist. Die kleinen, sehr zarten Frauen sollen, auch Rika, sich zusammenreißen und Diät halten. Wir sprechen hier davon, dass Rika nicht mehr als 55 Kilo wiegen darf, dann gilt sie bereits als dick. Es gelingt ihr, Kontakt zu Kaji herzustellen, die sehr von sich eingenommen und sprunghaft ist. Sie zwingt Rika erst einmal dazu, Butter zu kaufen und zu essen.

„Eine Frau musste schon sehr resolut sein, um sich zu entscheiden, keine Diät zu machen und einfach dick zu sein.“

Rika entdeckt dadurch neue kulinarische Genüsse, bekommt Probleme mit ihrem Partner und ihrer besten Freundin, weil sie mehr wiegt, setzt sich mit der Lage der Frau in Japan auseinander und macht sich schließlich auf, alles über Kajis Vergangenheit herauszufinden.

„Von Japanerinnen wird verlangt, geduldig, fleißig und leidensfähig zu sein und sich zugleich weiblich, nachsichtig und fürsorglich gegenüber Männern zu verhalten.“

Butter von Asako Yuzuki hat mich arg genervt. Ich finde die Ausgangsidee genial und auch viele Gedanken, die das Buch transportiert, wichtig: Dass da zwei Frauen miteinander reden, dass die eine die andere dazu inspiriert, zu essen, zu genießen, sich aufzulehnen, Raum einzunehmen. Doch so einfach ist es nicht, denn der Roman ist langatmig und kommt nicht zum Punkt – er hat mich sehr an Brüste und Eier von Mieko Kawakami erinnert, die ihre zentrale Botschaft auch mit viel Belanglosem zugedeckt hat. Die Butter als Metapher für das „Dicksein“ ist so überstrapaziert, irgendwann dachte ich: Wenn noch einmal das Wort Butter vorkommt, schreie ich. Asako Yuzuki winkt nicht mit dem Zaunpfahl, sie schlägt einem permanent damit ins Gesicht, und Plot holes hat die Geschichte auch noch. Aber: Es geht um Körperwahrnehmung und Frauen, die sich wehren, es geht um weibliche Wut und die wahnsinnigen Anforderungen an Japanerinnen. Darüber zu schreiben, ist wichtig, darüber zu sprechen, ist essenziell. Für einen Roman wäre mir eine knappere, spannendere Form allerdings lieber gewesen.

Buttervon Asako Yuzuki ist erschienen bei Aufbau.

 

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„Wie viel Liebe es braucht, um so zu hassen“
Porträts von Menschen aus den unteren Gesellschaftsschichten Floridas: Ich wusste nicht, was ich mir darunter vorstellen sollte, und umso mehr hat diese Kurzgeschichtensammlung mich überrascht. Es geht darin um die Trauer nach einer Fehlgeburt, um einen Roadtrip mit der Asche des Vaters, dem entfremdeten Bruder und seiner weißen Freundin, um die Unfähigkeit einer Mutter, mit ihrer Teenager-Tochter zu sprechen, um die vorauseilende Wehmut eines Mannes, dessen Frau sterben wird. Die Storys handeln von Religiosität und Zusammenhalt, von Versagensangst und dieser bitteren Traurigkeit, die einfach nicht verschwindet, egal, was man tut. Sie sind allesamt klug, feinfühlig und modern, stellenweise durchaus feministisch. In erster Linie bilden sie die Vielseitigkeit menschlicher Gefühle ab – und es sind auch solche dabei, für die man selbst nie die passenden Worte findet.

„Das Leben ist ein Kreislauf, glaubst du nicht? Du kannst nirgendwohin, wo nicht schon mal jemand vor dir war.“

Ich bin begeistert! Ich liebe Kurzgeschichten – aber nur, wenn sie folgende strenge Auflagen erfüllen: Sie müssen ein bisschen weird sein, aber nicht zu unverständlich, sie sollen eine Empfindung in mir auslösen, gern auch eine unangenehme, sie sollen einen Tick zu früh aufhören, sodass alles in der Schwebe bleibt und nicht auserklärt ist, aber eben genau richtig. Klingt vielleicht kompliziert, und doch gelingt es vielen Autor:innen, diese perfekte Balance zu erwischen: So auch Dantiel W. Moniz. Ich habe ihre Short Storys regelrecht verschlungen, so gut haben sie mir gefallen. Sie sind seltsam und originell, voll kleiner Herausforderungen und ungewöhnlicher Gedanken. Sie sind kurz und hallen lange nach, sie haben Schwarze Frauen als Protagonistinnen und das Menschsein zum Inhalt. All das Lob, mit dem die Schwarze Autorin überhäuft wurde, ist absolut berechtigt. Ihr müsst das unbedingt lesen!

Milch Blut Hitze von Dantiel W. Moniz ist erschienen bei C. H. Beck.

 

 

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„Trotzdem ist sie da. Angst. Jeder Tag ist eine Möglichkeit, es zu versauen“
Sie hat die Chance, die ihre Vorfahren nie hatten: Sie ist Schwarz, sie arbeitet im Finanzsektor, sie hat einen Freund aus gutem britischem Hause und sie hat Geld. Die Ich-Erzählerin könnte oberflächlich betrachtet vielleicht glücklich sein, doch davon ist sie weit entfernt. Zum einen begegnet man ihr jeden Tag mit Rassismus und Misogynie, zum anderen hat sie eine Diagnose bekommen, über die sie mit niemandem spricht. Sie ist müde, aber es ist eine viel tiefere, ältere Müdigkeit als jene, die vom anstrengenden Job und dem Bemühen, den schönen Schein zu wahren, rührt: Es ist die Müdigkeit der Sklaverei und des Kolonialismus, die Müdigkeit der tonnenschweren Erwartungen, die auf so einer modernen, gebildeten Schwarzen Frau lasten. Dies ist ein schmaler Roman über einen einzigen, sehr radikalen und dabei dennoch absolut verständlichen Gedanken.

Auf 113 Seiten entwirft die in den Staaten gefeierte Autorin Natasha Brown, die selbst lange im Finanzsektor Londons gearbeitet hat, ein Frauenleben. Skizziert den Schmerz, die Erschöpfung, die Sehnsucht danach, einfach aufzugeben, vor allem: aufgeben zu dürfen. Wie kann eine, der endlich alle Türen offenstehen, sich weigern, hindurchzugehen? Sie sehen ihr doch zu, alle sehen ihr zu, und sie soll gefälligst aufrecht hindurchschreiten und lächeln dabei. Aber was, wenn die Frau nicht will, nicht kann, das Spiel allzu genau durchschaut und nicht weiß, woher sie die Kraft nehmen soll, um weiterhin mitzuspielen? So wenig Seiten und doch so eindrucksvoll: Natasha Brown erklärt nicht viel, wirft uns kurze Absätze und Episoden entgegen, wie Erbrochenes fast, sehr reduziert, sprachlich zugespitzt. Im letzten Drittel artet es teilweise zu einem Sermon aus, sie spiegelt unseren Rassismus und predigt voller Wut, aber diese Wut ist ihr gutes Recht und absolut begründet. Ein wichtiges, intelligentes, auf seine Kernbotschaft heruntergebrochenes Buch, das bei mir viel Eindruck hinterlassen hat und immer noch nachhallt.

Zusammenkunft von Natasha Brown ist erschienen bei Suhrkamp.

Bücherwurmloch

„Und deshalb ist es nicht ihre Entscheidung gewesen, nichts mehr zu essen, sondern die Entscheidung der Menschen um sie herum“
Elisabeth ist tot, sie ist verhungert. Umgeben von ihrer Schwester Melodie, Petrus und Muriel, mit denen sie in einer Wohngemeinschaft gelebt hat, ist Elisabeth gestorben, und wegen ihres unterernährten Zustands interessiert sich nun die Polizei für den Vorfall: Melodie, Petrus und Muriel werden in Gewahrsam genommen. Was ist geschehen? Warum haben diese vier Menschen aufgehört, Nahrung zu sich zu nehmen? Tragen sie Schuld am Tod von Elisabeth, kann man überhaupt von Fremdeinwirkung sprechen, wenn ein erwachsener Mensch das Essen verweigert? Auf diese Fragen findet dieses Buch mögliche Antworten – erzählt aus der Sicht derer, die nahe dran waren: der Entsafter zum Beispiel oder der Rechtsbeistand, die harten Fakten, der Zweifel, am Ende auch: das Licht.

Gerda Blees hat einen unfassbar eindrücklichen Roman geschrieben, zu dem ein wahrer Fall sie inspiriert hat. Sie greift die Sprache der Menschen, die in der Esoterik den Sinn des Lebens gefunden haben und sich von Licht ernähren möchten, gekonnt auf, zeigt, wie tückisch sie ist, aber auch wie wohlwollend, einlullend, fast schon einschläfernd. Melodie hat als gescheiterte Cellistin und verlassene Frau selbst einen Leidensweg hinter sich, als ihre Schwester sowie die beiden anderen bei ihr einziehen, und vielleicht – ja, vielleicht – hat sie es wirklich gut gemeint, wollte sie ihnen tatsächlich helfen. Aber wie weit darf man dabei gehen? Wann hätten sie einschreiten, den Tod der Mitbewohnerin verhindern müssen? Um Verantwortung und Schuld geht es in „Wir sind das Licht“, um ein Abdriften, ein Lossagen von der Gesellschaft, gleichzeitig aber auch – in der Konsequenz – vom Leben selbst. Es tut dem Menschen weh, dass er abhängig ist von banalen Dingen wie Essen, Trinken und Schlafen, weil er sich gern als höheres Wesen sieht, als erleuchtet, fern dem Irdischen. Wunderbar ungewöhnlich sind die Erzählperspektiven, die Gerda Blees gewählt hat, sie machen diesen sehr besonderen Roman wirklich eindrucksvoll. Chapeau!

Wir sind das Licht von Gerda Blees ist erschienen bei Zsolnay.

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„We give them any cause to be frightened and they forget how much they need us“
Die namenlose Ich-Erzählerin und ihr Vater, der sie aus der Erde geholt und erschaffen hat, helfen den Menschen – die sie „Cures“ nennen – bei allen Leiden und Krankheiten, indem sie ihre Körper öffnen. Sie holen das Krankmachende heraus oder graben die Menschen in die Erde, the Ground ein, für ein paar Tage und Nächte, bis das, was sie befallen hat, verschwunden ist. So weit, so seltsam und unheimlich: Dann lernt die Ich-Erzählerin Samson kennen, dessen schwangere Schwester ihren Mann verloren hat, und verbringt immer mehr Zeit mit ihm. Sie will ihn in sich aufnehmen, ihn sich einverleiben, er will mit ihr fortgehen – und dann kommt ein Sturm auf, der alles verändern wird.

„How do you talk to someone who’s been inside you? Who’s seen more of you than you’ve seen of yourself?“

Sue Rainsford hat ein Buch geschrieben, das mich schon nach wenigen Seiten hat aufhorchen lassen: Unglaublich konsequent konstruiert und erzählt, sprachmächtig, mysteriös und andersartig ist „Follow me to Ground“ feinster literarischer Horror. Es hat mich sofort gefesselt, begeistert und hellwach gemacht, einer jener Romane, die man wirklich nicht zur Seite legen kann und will. Großartig finde ich, dass die Autorin sich nicht mit Erklärungen aufhält, sondern die Lesenden direkt hineinwirft in diese Welt, in der nicht infrage gestellt wird, dass es jemanden wie die Ich-Erzählerin und ihren Vater geben kann. Ebenso schlau fand ich, weil es zur Gruselatmosphäre beiträgt, dass ihnen beiden der Ground selbst rätselhaft zu sein scheint und sie auf der Hut sind vor dem, was da unter der Oberfläche geschieht. Dabei ist das Buch jedoch nie platt, sondern sehr fein gewoben, melodisch, irgendwie zart, ein wenig zynisch – eine richtig gute Mischung. Ich habe es geliebt!