Bücherwurmloch

„Aber deine Seele gehört dir und steht nicht zum Verkauf. Auch wenn du’s versuchst, sie wird trotzdem da sein und darauf warten, dass du dich an sie erinnerst“
Ich muss euch was gestehen: Ich hab dieses Buch im Mai gelesen – und bis heute nicht darüber geschrieben. Weil ich in der aufgeheizten Jeder-kritisiert-jeden-Stimmung Schiss bekommen habe, was Falsches zu sagen, einen Ausdruck zu gebrauchen, den ich nicht verwenden darf, und abgewatscht zu werden für meinen vermeintlich unsensiblen Umgang mit dem Thema Rassismus. Also bin ich um dieses grandiose Buch von Nana Kwame Adjei-Brenyah herumgeschlichen und hatte schon überlegt, einfach zu schweigen. Aber das kann nicht Sinn der Sache sein, Leute. Ich weiß, dass ich weiß und privilegiert und – auch wenn es mir nicht bewusst ist – rassistisch bin, das sind wir alle, wir wurden so sozialisiert, und genau darum geht es: Es soll sich endlich was ändern. Und wenn ich auf Fehler hingewiesen werde, dann ist das gut so, dann kann ich daraus lernen. Bücher bringen uns weiter, Bücher lehren uns, was wir nicht wissen, eröffnen uns neue Perspektiven, machen uns toleranter und sanfter. Wir müssen sie vorstellen und empfehlen und kaufen und verschenken, damit sie gelesen werden. Friday Black ist ein solches Buch: Nana Kwame Adjei-Brenyah erzählt darin Geschichten, die ebenso brutal wie augenöffnend sind. Weil ein weißer Mann fünf schwarze Jugendliche ermordet und damit durchkommt, weil in einer Art Virtual-Reality-Spiel schwarze Menschen erschossen werden, weil Gewalt so normal ist, dass man denkt: Zum Glück ist das in der Realität nicht so, und gleichzeitig merkt: Natürlich ist das in der Realität so. Das ist hart, das tut weh, und es soll auch wehtun, unbedingt. Ein stechender Schmerz soll dieses Buch für alle sein, die sich lieber taub stellen würden. Der New Yorker Autor feierte mit dieser Short-Story-Kollektion einen Sensationserfolg. Zu Recht, kann ich nur sagen, denn die Kurzgeschichten sind heftig, intelligent, schonungslos und originell. Sie sind Botschaften aus einer Lebenswelt, die direkt vor unseren Augen existiert, sie machen atemlos und sie schocken. Deshalb sind sie genau das, was wir brauchen. Jetzt und in Zukunft und immer.

Friday Black von Nana Kwame Adjei-Brenyah ist erschienen im Penguin Verlag.

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„One foot after the other. There is no other way to get through this“
„Things would have turned out better if she had lived“, heißt es im ersten Kapitel von Donna Tartts vielgelobtem und mit dem Pulitzer Preis 2014 ausgezeichneten Roman, und wahrscheinlich stimmt das auch. Theo ist ein Kind, als seine Mutter ums Leben kommt, er war mit ihr unterwegs, er wurde selbst verletzt, und dann ist er allein, denn der Vater hat sich schon davor aus dem Staub gemacht. Theo kommt zuerst bei einem Schulfreund unter, und von da an, man muss es so sagen, geht es steil bergab: Früh macht er Erfahrungen mit Alkohol und Drogen, er vernachlässigt seine Schulbildung, ist orientierungslos und tief verwundet. Der Schritt zu kriminellen Machenschaften ist nicht weit, Theo wird ein charmanter junger Mann, der vielleicht nicht unbedingt ein Fiesling ist, der nur nicht gelernt hat, ehrlich zu sein. Er hat die falschen Menschen kennengelernt, und etwas, das er beim Tod seiner Mutter getan hat, verfolgt ihn viele Jahre lang – bis zum fulminanten Showdown in Amsterdam.

Was für ein Mammutprojekt: es zu schreiben, aber auch, es zu lesen. Sehr lange hab ich mich vor The Goldfinch gedrückt, obwohl ich Die geheime Geschichte damals sehr mochte. Es war mir schlicht zu dick, die schiere Menge an Seiten hat mich abgeschreckt. Dann hab ich auf Instagram die Aktion #derdickedistelfink ausgerufen und gefragt, wer mitlesen möchte, und siehe da: Einige Leute haben den Distelfink ebenfalls aus dem Regal befreit und sich in die Geschichte gestürzt. Die ist wild und traurig und stellenweise arg zäh, man hat schon zu kämpfen mit diesem Buch. Donna Tartt schafft es aber doch, einen bei der Stange zu halten, indem sie jedes Mal gerade rechtzeitig eine Wendung präsentiert, die das Interesse neu weckt. Ja, sie schweift ab. Ja, sie arbeitet manches über Seiten aus, das auch in zwei Sätzen gesagt werden könnte. Aber trotzdem ist da etwas: ein ganz feiner, melodischer Stil. Ein unsagbar tragischer Plot. Ein Protagonist, der einem ans Herz wächst. Ich habe also durchgehalten und es nicht bereut, ich hab tatsächlich mit Theo gelitten, gelacht, geweint, der Roman hat mich erreicht. Ich weiß, er ist wirklich dick. Und anstrengend. Aber ich möchte ihn euch trotzdem empfehlen.

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„Niemand kennt mich hier, hier kann ich alles sein“
Raffiq und Younes sind Freunde, seit sie sich geprügelt haben. Heute schlägt sich niemand mehr mit Younes, er ist groß und kräftig, er gibt den Ton an – er ist wachsam. Weil über seine Mutter geredet wird und er als ihr Sohn mit hineingezogen wird in das Gerede. Auch Raffiq ist fasziniert von Shahira, sie ist schön und kurvig und hat knallrote Fingernägel, sie lädt die Männer zu sich ein, und die Männer kommen. Younes hat viele „Onkel“, nur Vater hat er keinen, der wohnt in Frankfurt, hat sich bei seinem Sohn nie mehr blicken lassen. Bald machen Raffiq und Younes Abi, und was dann? Die Möglichkeiten breiten sich in einer solchen Vielzahl vor Raffiq aus, dass er vor Ratlosigkeit erstarrt. Auch Amal steht kurz vor dem Abitur, auch sie ist mit Younes befreundet. In ihrer Geschichte hat sie ihn verprügelt, in ihrer Geschichte gehört Raffiq nicht zum Freundeskreis. Sondern zu denen, die sich lustig gemacht haben über Younes, als er jeden Tag vor der Siedlung saß und auf seinen Vater wartete, die sich das Maul zerreißen über seine Mutter, die Younes kein eigenes, von ihr unabhängiges Leben zugestehen. Amal möchte weg aus der Siedlung, weg von den verurteilenden Blicken, weg von dem Stempel, den sie trägt, seit sie – ein Mädchen! – stärker war als ein Junge. Auch vor ihr breiten sich die Möglichkeiten aus, doch im Gegensatz zu Raffiq weiß Amal genau, was sie will.

Wie viele Seiten hat die Wahrheit? Mindestens zwei, in den meisten Fällen sogar mehr. Das hat Karosh Taha, die bereits mit ihrem großartigen Roman Beschreibung einer Krabbenwanderung beeindruckt hat, sich zunutze gemacht: Sie erzählt zwei Wahrheiten, die nicht gleichzeitig stimmen können. Zwei Geschichten, die miteinander verbunden sind, die von denselben Figuren handeln, aber nicht den gleichen Inhalt haben. Ihr Roman ist ein Wendebuch, das man von vorne und von hinten jeweils bis zur Mitte lesen kann – auf der einen Seite spricht Amal, auf der anderen Raffiq. Doch ihre Perspektiven sind nicht zwei Blickweisen auf dasselbe, Karosh Tahas Herangehensweise ist raffinierter und vielschichtiger. Wie nimmt die kurdische Gemeinschaft ein Mädchen wahr, wie einen Jungen? Wie geht sie mit einer selbstbestimmten, unverheirateten Frau um? Welche Zukunftsaussichten haben kurdische Jugendliche, die in Deutschland geboren sind, die besser Deutsch sprechen als Kurdisch, im Gegensatz zu ihren Eltern, die vielleicht doch wieder zurück möchten in die alte Heimat? Karosh Taha hat ein feines Gespür für innere Zerrissenheit, für zwischenmenschliche Beziehungen, für die Nuancen von Gefühlen. Sie erzählt von Integration und Kulturunterschieden, vom Jungsein und Genderstereotypen, vom Abnabeln und der Suche nach dem einen Ort, an dem man Wurzeln schlagen kann. Im Bauch der Königin ist ein sehr besonderer, kluger, moderner Familienroman, eines jener Bücher, von denen wir mehr brauchen. Weil sie etwas zu sagen haben.

Im Bauch der Königin von Karosh Taha ist erschienen bei Dumont.

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„Beruhigend, endlich mit dem Himmel in Kontakt zu sein“
Der Vater von David Vann hat sich das Leben genommen, als David ein Kind war. Der Schriftsteller, der in Alaska geboren wurde und heute in Neuseeland lebt, widmet sich in all seinen Büchern dem Konstrukt Familie – und schreibt darüber so aufwühlend, dass man es nicht mehr vergessen kann. Zwei Bücher hab ich bisher von ihm gelesen, Dreck und Aquarium, und beide hallen heute noch, Jahre später, in mir nach. Weil sie so hart und brutal sind, so verstörend, grenzwertig und schmerzhaft. David Vann fragt in seinen Romanen nach Schuld, nach den Konsequenzen für unsere Taten, nach der Verantwortung, die wir für jene haben, die wir lieben. Auf diese Fragen findet er ungewöhnliche Antworten. David Vann haut einem mitten ins Gesicht. Wo andere wegschauen würden, blickt er umso genauer hin. Und was er da findet, ist bei aller Grausamkeit unerträglich realistisch.

Das gilt besonders für sein neuestes Werk: Momentum ist wohl so realistisch, wie es nur sein kann, denn darin schreibt David Vann aus der Sicht seines Vaters über dessen Selbstmord. Er hat die letzten Wochen, in denen sein Vater noch gelebt hat, zum Inhalt eines Romans gemacht: den inneren Kampf, die Therapiestunden, die Gespräche mit dem Bruder, also Davids Onkel, das bittere Ende.

„Ich weiß nie, ob die Wellen schon da sind. Man kann sie nicht hören, bis sie auf einmal ganz nah sind. Man kann sie nicht sehen, weil es Nacht ist. Die Stürme kommen immer nachts.“

Wie schafft man es, das zu Papier zu bringen? Wie kann es einem gelingen, sich in den eigenen Vater hineinzuversetzen, der einen alleingelassen hat? Wie rekonstruiert man die Dialoge, wie seziert man diese Gefühle? Besonders intensiv sind in dieser Hinsicht für mich die Szenen, in denen Jim, der Vater, etwas mit seinen Kindern unternimmt. Wie er sie liebt, wie sie ihm aber auch eine Last sind. Wie er, sogar während er mit ihnen zusammen ist, ständig nur an die Pistole denkt, die sein Elend beenden soll.

„Wir fahren jetzt zu deinen Kindern. Denk an sie in der Nacht. Stell sie dir ohne Vater vor, für den Rest ihres Lebens.“

Momentum ist ein heftiges, ein mutiges Buch. Ein Buch über Depressionen und psychische Erkrankungen, über Hilflosigkeit, über Schmerz. Es ist ein Roman und zugleich ein Tatsachenbericht, der aufzeigt, welche Wunden die eine Generation in der nächsten schlägt. Es ist ein Buch, wie nur David Vann es schreiben kann.

Momentum von David Vann ist erschienen bei Hanser.

 

 

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„Die Langeweile ist wie der Hunger. Beide werden von Tag zu Tag größer“
Es hat einmal einen Krieg gegeben, und vielleicht gibt es bald wieder einen. Die Erwachsenen sind gegangen, um Geld zu verdienen, um Arbeit zu finden, aber die Kinder sind noch da. Die Kinder sind allein. Die Kinder sind auf sich gestellt. Die Schule ist geschlossen, das Wirtshaus auch. Der Laden macht zu, es gibt kein Essen mehr zu kaufen, auch Geld haben sie nicht. Was übrig ist, ist das Dorf mit seinen leeren Häusern, mit seinen wispernden Erinnerungen, mit seinen enttäuschenden Geschichten. Mila lebt hier mit ihren kleinen Schwestern, sie versucht, sich um sie zu kümmern, doch viel hat sie nicht zur Verfügung. Denn den verlassenen Kindern gehen nicht nur die Lebensmittel aus, sondern auch die Perspektiven.

In einer sehr eigenwilligen, schnörkellosen Sprache, die sich dem Leser regelrecht ins Hirn hämmert, erzählt die österreichische Autorin Lucia Leidenfrost, die mich bereits mit ihrem Erzählband Mir ist die Zunge so schwer beeindruckt hat, von Hoffnungslosigkeit und Anarchie. Was geschieht, wenn Kinder keine Regeln befolgen, weil keine Regeln mehr aufgestellt werden. Wie verhalten sie sich dann? Wer führt sie an und wohin? Warum wenden sie sich gegeneinander? Ist das die eine logische Konsequenz? Kurioserweise hatte ich kurz zuvor einen Artikel gelesen über Kinder in Ostblockstaaten, die tatsächlich so leben wie die Protagonist*innen in Lucia Leidenfrosts Roman. Sie bleiben bei den Großeltern, weil die Eltern zum Arbeiten woanders hingehen müssen, manchmal sterben diese Großeltern, und die Eltern können trotzdem nicht heimkommen. Das ist also nur bedingt Fiktion, für viele Menschen auf dieser Welt ist das Realität. Natürlich hat Lucia Leidenfrost die Lage mehr und mehr zugespitzt, sie treibt alles auf ein Ende, einen Höhepunkt zu, den es so in Wahrheit (hoffentlich) nicht geben muss. Dieses Buch ist eine ebenso bittere wie wichtige Lektüre, die rigorose Umsetzung einer großartigen Idee. Es geht um zerrüttete Familien, um den Druck des Kapitalismus, um die Unmöglichkeit, Zusammenhalt zu finden, weil immer das Recht des Stärkeren greift und jeder nur auf sich selbst schaut. Eine anstrengende, aber lohnenswerte Lektüre.

Wir verlassenen Kinder von Lucia Leidenfrost ist erschienen bei Kremayr & Scheriau.

 

 

Bücherwurmloch

„In dem Moment, wo ich was tun will, was mir Spaß macht, werde ich entführt“

„Niemand hat mehr Zeit, um uns Bettler anzusehen, verstehst du, oder Mitleid mit unseren von Zeit und Hunger entstellten Gesichtern zu haben, mit unseren verbundenen Beinen, die an den Knien enden, mit den rotznasigen Babys, die wir in den Armen halten wie Blumensträuße.“

Jai kann sie sehen, die Reichen, die HiFi-Familien, aber selbst gehört er nicht dazu. Im Gegenteil: Er lebt in einer illegalen Blechhüttensiedlung am Rand einer indischen Stadt, in Armut, im Dreck. Jai hat nichts und meistens sehr großen Hunger. Die Menschen hier haben keine Rechte und niemanden, der sie beschützt. Beständig sind sie der Bedrohung ausgesetzt, dass der Ort, an dem sie hausen, von Bulldozern plattgemacht werden.

„Wenn uns was passiert, sind wir selber schuld. Wenn ein Fernseher aus unserem Haus verschwindet, haben wir ihn selbst gestohlen. Wenn wir ermordet werden, haben wir uns selbst das Leben genommen.“

Als plötzlich Kinder verschwinden, beschließen Jai und seine Freunde, wie die Detektive im Fernsehen nach Spuren zu suchen, Leute zu befragen und den Fall zu lösen. Doch es stellt sich schnell heraus, dass dieses Unterfangen schwieriger ist als gedacht – und vor allem auch viel gefährlicher.

Deepa Anappara stammt selbst aus Indien und hat die Atmosphäre dieses Landes großartig eingefangen: den Smog, den Müll, den Gestank, den Schmutz – und die unfassbare, bittere Armut. So viele Menschen, so wenig zu essen. Die Kinder, die arbeiten müssen. Die Erwachsenen, die verzweifelt versuchen, ihre Familien zu versorgen. Dieses Buch ist brutal. Es ist schmerzhaft, traurig, und Deepa Anappara hat gut daran getan, aus der Sicht eines Kindes zu erzählen: Das macht die ganze Geschichte noch härter, gibt ihr eine bittersüße Note. Für diese Kinder ist das die harte Realität, der sie ausgesetzt sind, sie kennen es nicht anders, und wie sie damit umgehen, ist großartig beschrieben – und setzt einem beim Lesen wirklich zu. Besonders das Ende konnte ich nur schwer verdauen. Trotzdem oder gerade deshalb ist dies ein Buch, das ihr lesen solltet. Es erweitert den Horizont, bringt uns eine fremde Lebenswelt näher, öffnet uns die Augen.

Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara ist erschienen im Rowohlt Verlag.

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„Es gibt das Erzählen, und es gibt das Schweigen. Und es gibt das Fragen dazwischen“

„Meine gesamte Kindheit über war ich von Exilanten umgeben gewesen, die unsere alte Heimat romantisierten, sodass ich gar nicht umhinkam zu glauben, unser Meer sei das schönste, unser Licht das weichste, unsere Berge die imposantesten und unsere Kultur die reichste von allen. Weshalb jedoch keiner von ihnen in dieses Land zurückkehren wollte, konnte mir niemand erklären.“

Amins Großmutter ist 1981 mit ihm aus dem Libanon nach Deutschland geflohen, 1994 sind sie zurück nach Beirut gegangen, da war Amin ein Jugendlicher. Seine Eltern waren lange zuvor gestorben, und der Libanon war ihm fremd. Der einzige Freund, den er fand, war Jafar. Die beiden streiften durch die halbzerstörte und immer noch gefährliche Stadt, ohne zu merken, dass die eigentliche Gefahr viel näher war als gedacht. In der dritten Zeitebene befindet Amin sich im Jahr 2011, als der Arabische Frühling losbricht, und erinnert sich. An seinen Freund, dessen Verlust er nie verwunden hat, an den Tod seiner Großmutter und alle Geheimnisse, die mit ihr gestorben sind, und an die Zerrissenheit eines Landes, die sich in ihren Bewohnern spiegelt – von denen so viele bis heute vermisst werden.

„Die Tradition der Hakawati ist sehr alt. Früher, vor langer, langer Zeit, war der Hakawati der zweitwichtigste Mann im Land, gleich nach dem König oder Präsidenten.“

Der Hakawati beherrschte die Kunst des Geschichtenerzählens, und diese Kunst steht im Zentrum von Pierre Jarawans zweitem Roman. Er hat ihn einer vom Krieg zerstörten Kultur gewidmet, einem Land, das es in dieser Form nicht mehr gibt, das er durch dieses Buch, durch das Erzählen, wieder lebendig wird. „Das Erzählen kann nichts von dem, was verloren ist, zurückholen. Aber es kann das Verlorene erfahrbar machen.“ Ein Lied für die Vermissten ist in Buchform gegossene Wehmut, das legt schon der Titel nahe. Ein zutiefst trauriger, sentimentaler und dadurch still melancholischer Roman, der uns ein Gebiet näherbringt, über das wir wenig wissen. Sinnlich, emotional, bewegend – absolut lesenswert, denn Pierre Jarawan, der mich bereits mit Am Ende bleiben die Zedern begeistert hat, ist selbst ein Hakawati.

Ein Lied für die Vermissten von Pierre Jarawan ist erschienen im Berlin Verlag.

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„Du bist meine Liebe. Ich bin verrückt nach dir“

„Ich glaube, es lag eine riesige Kiste voll Liebe irgendwo in mir verborgen. Vergessen, unbenutzt, von der Zeit, dem Wind, dem Regen beschädigt. Du hast es geschafft, so tief zu graben, dass sie wieder zum Vorschein gekommen ist.“

So klingt eine der Nachrichten, die zwei Verliebte einander schreiben – und aus denen dieser gesamte Roman besteht. Er ist aufgebaut wie ein einziger langer SMS- oder Whatsapp-Dialog, auch im Layout. Das bedeutet: Man hat beim Lesen das Gefühl, hautnah dabei zu sein – man ist aber auch nach ungefähr einer Stunde mit dem Buch durch. Die Szenerie ist klassisch: Zwei lernen sich kennen, einer ist gefühlsmäßig noch nicht ganz frei, hängt an seiner Ex-Beziehung, verliebt sich dann aber trotzdem – und ein rauschendes Fest der Gefühle beginnt. Das jäh unterbrochen wird, was ich ein wenig schade finde, weil ich so im Liebestaumel der beiden gefangen war, dass ich mir gewünscht hätte, es würde einfach so weitergehen und alles könnte ausnahmsweise mal gut bleiben. Es ist also ein wahres Auf und Ab, das man mit den zwei Nachrichtenschreibern erlebt, eine leichte, nette, unterhaltsame Lektüre für einen Sonntagnachmittag auf der Couch.

Ein wenig zwiegespalten stehe ich dem Buch gegenüber, weil alle diese Nachrichten echt sind. Dazu muss man wissen: Morgane Ortin hat einen überaus berühmten Instagram-Account namens @amours_solitaires, auf dem sie Liebesbotschaften veröffentlicht, die die Leute einander tatsächlich geschickt haben – und ihr zukommen ließen. Soweit ich das mit meinem rudimentären Schulfranzösisch verstanden habe, wurde sogar eine Art Minifernsehserie draus gemacht. Nun denke ich einerseits: Wow, Respekt, das muss man erst mal schaffen, echte Nachrichten so zu kombinieren und aneinanderzureihen, dass daraus eine verständliche, sinnvolle Geschichte entsteht. Andererseits denke ich aber: Nunja, einfach ein paar reale Messages zu klauen und hintereinander abzudrucken, ist jetzt auch nicht so eine Leistung. Ihr seht also, ich kann mich nicht entscheiden. Am schönsten finde ich an diesem Buch den Titel und das von Kat Menschik gestaltete Cover – und den tröstlichen Gedanken, dass es sie offenbar sehr wohl irgendwo da draußen noch gibt, die Liebe.

Du wirst mein Herz verwüsten von Morgane Ortin ist erschienen im Aufbau Verlag.

Bücherwurmloch

„Seither hatte er seine innere Persönlichkeit zunehmend im Vorwurfston sprechen gehört“
Tanja hat ein Buch geschrieben, das ihr zu ausreichend Ruhm verholfen hat, Jerome designt Websites. Sie lebt in Berlin, er wohnt im ehemaligen Bungalow seiner Eltern im Maintal. Die beiden sehen sich ab und an, schreiben sich zwischendrin Messages in einem unaufgeregten Rhythmus, denn:

„Jerome und Tanja hatten keine Policies der Informationsvergabe vereinbart.“

Tanja ist Ende zwanzig, Jerome ein wenig älter. Sie gehen gern aus, sie genießen mit einer aufgeräumten Selbstverständlichkeit Drogentrips, Restaurantbesuche, Sex. Sie gehören einer Generation an, die viel über sich nachdenkt, sie haben ein gutes Gefühl für sich selbst, sie wissen, was sie mögen und was nicht, darüber sprechen sie mit Vorliebe. Sie setzen sich in Beziehung zur Welt, vergleichen sich mit anderen und mit dem eigenen Ich von früher.

„Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich hier in der U4 von außen sehen.“

Die große Liebe ist das zwischen Tanja und Jerome vermutlich nicht, oder sagen wir so: An die große Liebe glauben Tanja und Jerome vermutlich nicht. Es gibt viele mögliche Partner, viele mögliche Lebensentwürfe. Sie wollen sich nicht festlegen. Sie sind ungeduldig, intolerant, sie wollen es mühelos. In dem Moment, in dem etwas nicht reibungslos ist, geben sie den Kontakt auf. Sie verlieren einander, und im Verlieren liegt ein süßer Schmerz, der ebenso kuratiert wirkt wie alles andere. Sie agieren stets verhalten, als stammten alle ihre Gefühle aus der zweiten Reihe.

„Fair wäre gewesen, einfach zu tolerieren, dass andere Menschen andere Bedürfnisse hatten, Tanja hingegen unterstellte denjenigen, die verglichen mit ihr entweder mehr Lust hatten oder deutlich gehemmter waren, ein tiefer liegendes Problem. Als wäre sie, Tanja Arnheim, die einzig emotional gesunde Person auf der Welt.“

Tanja und Jerome sind arrogant. Man möchte ihnen, während man dieses Buch liest, ins Gesicht schlagen, weil sie so nerven. Sie sind zögerlich, weinerlich, von sich überzeugt, bindungsunfähig, weiß, privilegiert. Man hat den Eindruck, dass sie keine Ahnung haben, was wahre Probleme sind. Damit hat Leif Randt geradezu meisterhaft aufgezeigt, wie diese Generation (zum Teil, man kann natürlich nicht pauschalisieren) tickt, wie sie sich selbst sieht. Große Gesten der Liebe gibt es nicht mehr. Stattdessen viel Gleichgültigkeit. Das Leben, Freundschaften, Beziehungen, sind eher etwas, das ihnen zustößt, während sie damit beschäftigt sind, über Entscheidungen nachzudenken, die sie letztlich nicht treffen. In einem ganz eigenen Sound, jeder Satz durchkomponiert bis ins kleinste Detail, erzählt Leif Randt von Menschen, die so auf sich konzentriert sind, dass andere zu reinen Statisten verkommen. Was ihnen hinterher bleibt, ist Reue. Aber auch die ist ihnen letztlich gleichgültig.

„Es stimmte schon, sie war selten hingerissen von Werken bildender oder darstellender Kunst, und von Literatur schon gar nicht. Aber sie sah darin kein Problem, im Gegenteil, es beruhigte sie viel eher, dass nichts wirklich toll war. Das wirklich gelungene Artefakt – vielleicht ein Video, wahrscheinlich ein Buch –, das würde sie, Tanja, eines Tages selbst herstellen.“

Allegro Pastell von Leif Randt ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Bücherwurmloch

„Paris war hässlich, verdorben und ungesund, wie eine syphilitische Nutte“

„Als Aurélie am Bahnsteig C der Gare de Lyon aus dem Zug stieg, hatte sie nicht die geringste Lust, Paris zu erobern.“

Und Paris würde sich sowieso nicht von ihr erobern lassen. Die junge Frau, knapp zwanzig Jahre alt, entflieht ihrem langweiligen Elternhaus in Grenoble, wo sie zwei Semester mehr als lustlos Jura studiert hat, um in Paris ihr Glück zu suchen. Allein: Dieses Glück lässt sich nicht finden. Aurélie nimmt einen Job als unterbezahlte Empfangsdame an, bei dem sie jeden Tag woanders hingeschickt wird, schläft in einem Mehrbettschlafsaal, sitzt Stunden über Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hat keine Freunde, und Alejandro aus Kolumbien, in den sie in Grenoble verliebt war, ist weitergezogen. Aurélie ist einsam, zutiefst frustriert, am Beginn ihres beruflichen Lebens schon am Ende ihrer Kräfte.

„Sie hatte keine Angst vor geistiger Arbeit, auch nicht vor körperlicher Anstrengung. Sie wollte nur irgendwas erreichen und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts.“

Fehlstart ist ein Buch voller Hass. Es gibt kaum einen positiven Satz darin, kaum ein schönes Gefühl. Glückliche Menschen schon gar nicht. Es erzählt von Geldnot und Perspektivenlosigkeit, von Alleinsein und der Unmöglichkeit, Beziehungen aufzubauen. Marion Messina, selbst in Grenoble geboren, erzählt vom miesen Bildungssystem, der Langeweile an den Schulen und Universitäten, der Verzweiflung all jener, die versuchen, sich in einer völlig überteuerten Großstadt etwas aufzubauen. Von jeder Seite schreit einem die Wut entgegen, die irgendwann in Resignation kippt. Aurélie gelingt es nicht einmal, eine Wohnung zu finden, sie kommt bei einem fünfundzwanzig Jahre älteren Mann unter und schläft mit ihm, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben. Man sieht sie und die anderen Figuren des Romans so deutlich vor sich. Wie ereignislos ihr Leben ist, wie müde sie sind. Wie anders sie sich das alles vorgestellt haben.

„Für Familien gab es keinen Platz mehr, die Lebensorte waren trostlos geworden, Paris zu verlassen, dauerte eine Stunde; Bahngleise, Postverteilzentren, Kläranlagen und Gewerbegebiete hatten die Parks und Felder von einst ersetzt, die Flüsse waren Kloaken, die Luft konnte man kaum atmen. Die Stadt hatte weder Charme noch Kultur.“

Stellenweise ist mir das zu überspitzt. Aurélie ist ein gar so graues Mäuschen, sie bemüht sich, tut alles, scheitert immer nur, die Männer nutzen sie aus, die Eltern verstehen sie nicht, jeder Charakter wirkt wie ein Abziehbild. Alles ist schlecht, alles ist elendig. Sie ist ein wenig puppenhaft, macht sich abhängig von einem Mann, hat ihm nichts entgegenzusetzen. Aurélie und die anderen haben in diesem Buch die Wahl zwischen dem Übel der Großstadt und dem Übel des Landlebens, was auch immer sie tun, ist falsch und macht sie unglücklich. Ein zutiefst deprimierender, vermutlich aber leider arg realistischer Roman über Glückssuchende, die nur eine große Leere finden.

Fehlstart von Marion Messina ist erschienen bei Hanser.