Bücherwurmloch

„Ableismus steckt in allem, was unser Zusammenleben bestimmt“

Aus gegebenem Anlass habe ich in letzter Zeit darüber nachgedacht, dass in manche Bücher so ein großes Marketingbudget gepumpt wird, und ihr wisst, was ich meine. Dass es bei diesen Büchern dann kein Wunder ist, wenn sie auf Platz eins der Bestsellerliste landen, und kein Zufall. Dass die Verantwortung dafür bei uns allen liegt, weil wir diese Inszenierungen mittragen. Davon können wir uns nicht reinwaschen, wir sind die Nachfrage. Und der Markt bedient uns, spiegelt uns. Aber was für eine Art Gesellschaft wollen wir sein? Was für ein Leben wollen wir führen? Eigentlich sollten Bücher wie dieses das größtmögliche Budget bekommen, sie sollten wändeweise in Buchhandlungen stehen, Platz im Feuilleton erhalten. Sie sollten gelesen werden, unbedingt.

Hannah Wahl arbeitet beim Unabhängigen Monitoringausschuss zur Umsetzung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Und dass es so einen Ausschuss gibt, macht deutlich, was wir sowieso wissen: dass diese Rechte nicht umgesetzt werden. Dass überhaupt nichts umgesetzt wird, was echte Inklusion bedeuten würde. Dies ist ein fulminantes, wütendes kleines Buch, das den Finger auf zahlreiche Wunden legt und unsere Scheinheiligkeit offenbart. Hannah Wahl stellt die Frage: Wie sehen Körper im Kapitalismus aus, wie sehen Körper aus, die dem Kapitalismus dienlich sind? Sie zeigt, wie weitreichend die Konsequenzen von Stigmatisierung sind. Und dass wir immer den betroffenen Menschen die Schuld geben statt dem System, das wir damit alle weiter unterstützen. Sie sagt so vieles, das wichtig ist und gehört werden muss. Teilhabe am Arbeitsleben, am Sozialleben, am öffentlichen Raum, an der Gesellschaft zu ermöglichen, ist unser aller Aufgabe. Und wir sollten sie endlich ernst nehmen. 

„Allyship braucht politische, solidarische Substanz und muss an die Substanz der unterdrückten Verhältnisse gehen.“ 

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„Anikó starb an einem Montagmorgen auf der Suche nach ihrem linken Stiefel“

Es gibt Bücher, die sind wahnsinnig angenehm zu lesen, weil alles stimmt, weil sie dahinfließen und ihre Geschichte auffächern wie einen sehr geraden Weg, dem man nur zu folgen braucht. „Wir werden fliegen“ von Susanne Gregor ist ein solches Buch. Es erzählt von Alan und seiner Schwester Miša, von ihrer Suche nach Zugehörigkeit und nach einander. Am Anfang ist es Alan, der verschwindet, seine Freundin Nora ist die Erste, die es bemerkt. Über berufliche Umwege ist er Arzt geworden, hat sich ein gutes Leben aufgebaut, wie man so schön sagt, hat es nach der Flucht aus der Tschechoslowakei und einem schweren Unfall geschafft, Fuß in Österreich zu fassen und in Deutschland. Miša dagegen ist eine, die von einer europäischen Stadt zur nächsten taumelt, sich nicht so recht einlassen kann und will auf Orte und auf Menschen. Aber die Verwandtschaft und nicht zuletzt die ähnlichen Erlebnisse bilden ein starkes Band zwischen den Geschwistern.

Ich mag Susanne Gregor und ihre Romane. Ich habe mit ihr im Literaturhaus Wien gelesen und sie als kluge, reflektierte Autorin kennengelernt. Sie hat einen feinen, literarischen Stil und beschäftigt sich immer wieder mit Familienverbandelungen und dem Gefühl des Fremdseins. Tatsächlich kommen Alan und Miša bereits in „Das rote Jahr“ vor, das 2019 erschienen ist, die Romane hängen also zusammen, können aber eigenständig gelesen werden. Susanne Gregor ist selbst in der Tschechoslowakei geboren und als Kind mit ihrer Familie nach Oberösterreich gezogen. Man spürt beim Lesen, dass ihre historischen Kenntnisse fundiert sind und die Emotionen authentisch. Sie forscht ihren Figuren sehr genau nach, zeichnet ein abgerundetes Bild und bietet ein nachvollziehbares, bereicherndes Leseerlebnis.

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„So wirklich selbst ausgedacht hat Goethe sich die Geschichte nicht“

Es gibt halt so Bücher, die werden gelesen, weil sie auf dem Kanon stehen, und sie stehen auf dem Kanon, weil … ja, warum eigentlich? Teresa Reichl hat diese Frage schon während ihrer Schulzeit gestellt, aber eine Antwort hat sie darauf nie so richtig bekommen. Kein Wunder, will sich doch niemand mit den Hintergründen und der Misogynie des gesamten Schulsystems auseinandersetzen. Genau das macht die studierte Germanistin aber mit diesem Buch, das so naheliegende Fragen thematisiert wie: Warum lesen wir eigentlich? Who the fuck is Faust? Was fehlt in den Literaturlisten? Wie können wir diese jahrhundertealte Misere endlich überwinden? Was ist mit queerer Literatur, mit BiPoC Autor:innen und all den Geschichten, die uns vorenthalten werden?

Ich mag Teresas Zugang und dass sie mit der Art und Weise, wie sie sich Literatur nähert, vor allem für Jugendliche eine Zugänglichkeit schafft, die es sonst so gut wie nie gibt. Die jungen Menschen sind es, die wir erreichen und erneut fürs Lesen begeistern müssen – dass sie nicht lesen wollen, das stimmt überhaupt nicht. Eher sollten wir uns anschauen, WAS genau sie nicht lesen wollen und wieso nicht. Und ob die Kritik, die sie üben, vielleicht berechtigt ist, und ob die Unlust, die sie spüren, vielleicht nachvollziehbar ist. Lesen und Interpretieren und Über-Literatur-Sprechen wird stets als etwas vermittelt, das nur wenige können und dürfen, intellektuelle Leute, die im Elfenbeinturm sitzen, und das ist ein Problem. Diese Deutungshoheit gehört meiner Meinung nach abgeschafft, und ich liebe es, dass Teresa Reichl einen Beitrag dazu leistet. Wie es mir in meiner Schulzeit mit meiner Deutschlehrerin ergangen ist, habe ich an anderer Stelle schon erzählt – sollten sich hier als Deutschlehrer:innen befinden, schaut euch dieses Buch genauer an. Sprecht mit euren Schüler:innen darüber. Und vor allem: hört ihnen zu.

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„Gib nie etwas zu. Dein Geheimnis bleibt dein Geheimnis. Wenn du schweigst, kannst du eine ganze Armee in die Knie zwingen. Sag nichts. Lüg.“

Das ist einer der Ratschläge, die Palma von ihrer Mutter bekommt. Seit dem Suizid des Vaters ist die restliche Familie – Palma, Victor, Charles und die Mutter – auf einer Irrfahrt durch Frankreich unterwegs, spätestens alle drei Monate ziehen sie um, an entlegene, langweilige, ungemütliche Orte. Den Kindern gelingt es lange nicht, sich einen Reim auf die eigenen Lebensumstände zu machen, die Mutter redet nie mit ihnen, sie könnten eine eingeschworene kleine Truppe sein, stattdessen gibt es eher Streit, Missverständnisse und Schweigen. Bis die drei nach und nach herausfinden, was bzw. wer den Vater dazu gebracht hat, sich mithilfe einer Insulinspritze umzubringen, und Rache nehmen wollen.

„Villa Royale“ hat mir nicht so gut gefallen, wie ich am Anfang gehofft habe: Während ich das erste Drittel faszinierend und die Ausgangsidee gut fand, hat die Autorin mich im letzten Drittel verloren, das Ende fand ich auch enttäuschend. Die Dialoge wirken stellenweise fast klamaukig, und obwohl die drei Kinder und die Mutter niemanden haben als einander, herrscht zwischen ihnen eine seltsame Distanziertheit, es gibt auch kaum Gespräche zwischen Ich-Erzählerin Palma und der Mutter, die schwer greifbar bleibt. Am Schluss werden die Ereignisse nicht mehr chronologisch erzählt, es gibt plötzlich Zeitsprünge, den Lesenden wird gesagt, was sie in der Zwischenzeit alles verpasst haben. Gelesen habe ich es, weil ich im Zuge von „Die Wut, die bleibt“ sehr oft über das literarische Narrativ des Vaters, der sich entzieht, gesprochen habe: Auch in diesem Roman ist das normal. Er lässt seine Frau und sdieeine Kinder im Stich, nur seinetwegen schrammen sie am Existenzlimit entlang, und trotzdem haben wir das Gefühl: Die schaffen das schon. Die haben ja noch ihre Mutter. Dabei schaffen sie in Wahrheit überhaupt nichts.

„Menschen sterben, ohne jemals ihre Geheimnisse zu enthüllen.“

(aus dem Französischen übersetzt von Sula Textor)

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Eine Riege an Autor:innen hat Herausgeberin Selma Wels versammelt, und sie alle haben einen Brief geschrieben. An jemanden aus der Vergangenheit oder der Gegenwart, an jemanden aus der Verwandtschaft oder dem Freundeskreis. Sie erzählen in diesen Briefen, wie es war, mit Migrationshintergrund aufzuwachsen, anders zu sein, dazugehören zu wollen, in der neuen Heimat und in der alten auch. Sie erzählen, wer ihnen geholfen hat und wer nicht, was gut war und was saumäßig schlecht. Sie heißen beispielsweise Shida Bazyar und Sibel Schick, Sharon Dodua Otoo und Nava Ebrahimi. Sie haben verschiedene Namen und eine unterschiedliche Herkunft, und doch haben sie etwas gemeinsam: Sie versuchen, in diesen Briefen zu ergründen, wie ein gleichberechtigtes Miteinander im heutigen Deutschland geschehen kann, wie es gestaltet werden kann. Wie geht man um mit der Feindseligkeit? Wie identifiziert man sich, wo ist das eigene Ich zuhause? Welche Steine wurden einem in den Weg gelegt, die für andere beiseite geräumt wurden?

Diese Sammlung von Selma Wels, die nach dem rassistischen Anschlag in Hanau 2020 zum ersten Mal in einem Gespräch mit der Idee konfrontiert wurde, ein solches Buch zu veröffentlichen, ist eine Annäherung. Voller Selbstreflexion und Ehrlichkeit. Sie ist eine Anklage und ein berechtigter Vorwurf, eine Vielfalt an Stimmen, die alle dasselbe sagen: dass dies kein Land ist, das Menschen mit offenen Armen empfängt. Dass es aber dennoch das Land ist, dem sie sich verbunden fühlen, in dem sie bleiben, in dem sie anders bleiben. Weil es ihr Zuhause ist. Dies ist ein wichtiges, interessantes, emotionales Buch, das einen Gegenpol bildet zu dem Rassismus, der unsere Gesellschaft bestimmt. Es ist ein Friedensangebot – das ausgerechnet von jenen kommt, von denen die Angriffe nicht ausgehen, eine offene Hand ist es, eine Bewegung, die zu einer Umarmung werden kann, wenn sie erwidert wird.

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„So von außen sieht es schön aus, aber wenn ich einmal hineintrete, entfaltet sich vor mir ein düsteres Labyrinth“

Stine wird in den Achtzigerjahren in einer kleinen ostdeutschen Stadt geboren, dass die Mauer fällt, bekommt sie als kleines Kind mit. Was die Wende für sie, ihre Familie und das ganze Land bedeutet, wird ihr erst in den Jahrzehnten danach klar. Und sie begibt sich auf Spurensuche: Was für ein Mensch war ihr Großvater, gibt es eine Akte über ihn? Wie lässt sich über die Gewalt sprechen, die geschehen ist, wenn das Stillsein das Wichtigste war als Kind? Wie viel Schmerz wird von Generation zu Generation weitergegeben?

„Ich dringe vor in Mutters Kindheit und ich weiß, dass sie mich dort nicht haben will.“ 

Die Ich-Erzählerin, die stellenweise in die zweite Person Singular wechselt, also die Du-Anrede, die stets etwas unmittelbar Hineinziehendes hat, setzt sich mit dem System der DDR auseinander und notgedrungen gleichzeitig mit ihrer Kindheit, eines bedingt das andere, es ist nicht möglich, sie getrennt voneinander zu betrachten. Die Mutter ist dabei als Ansprechpartnerin nicht vorhanden, in dem Gaslighting, das sie betreibt, wird sie zur großen Leerstelle.

„Du suchst nach Worten für etwas, für das du zum Schweigen verdonnert wurdest.“

Für mich als Österreicherin ist die DDR ein faszinierendes Kuriosum, so nah und doch so fern. Alles, was ich darüber weiß, habe ich mir angelesen, in der Schule war das nicht wirklich ein Thema. Sich lesend zu nähern, ist hilfreich und wichtig, und auch wenn ich das mittlerweile oft getan habe, verliert diese Art von Vergangenheitsbewältigung nicht ihre Bedeutung. Ich bin Anne Rabe sehr gern gefolgt auf ihrem detailliert gezeichneten, von allerhand verdrängten Monstern gesäumten Weg zu einem der Traumata der deutschen Geschichte. Ihre Figur ist aufmerksam, wach und versinkt erstaunlicherweise nicht im Selbstmitleid, sondern stellt sich den großen Fragen über die DDR – den eigenen und denen der ganzen Nation. Ein sehr lesenswertes Buch!

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„Und wenn der König sein Interesse verlor, dann hatte sie nichts, wohin sie gehen konnte“

Die Sache ist: Ihr kennt Hrotsvit von Gandersheim mit ziemlich großer Sicherheit nicht. Ihr solltet sie aber kennen. Dass ihr noch nie von ihr gehört habt, liegt daran, dass Frauen im Allgemeinen und schreibende Frauen im Besonderen seit Jahrhunderten ausradiert werden. Dieser Roman beweist, dass das stimmt, denn er erzählt von der ersten deutschen Autorin. Und es tut weh, sich zu vergegenwärtigen, dass sie im 10. Jahrhundert gelebt und geschrieben hat. Wie könnte diese Welt sein, hätten wir nicht von Anfang an Mädchen und Frauen keinen Platz und keinen Wert gegeben, hätten wir ihrer Fantasie und ihren Werken dieselbe Aufmerksamkeit zukommen lassen wie denen von Männern? Wie anders wäre die Geschichtsschreibung, die Gesellschaft? Sarah Raich hat unglaublich intensiv und lange recherchiert. Sie hat sich einer Frau gewidmet, deren Ruf nie verklungen ist, sondern zum Verstummen gebracht wurde. Sie hat über sie und für sie geschrieben. Sie hat ihr Leben zu Papier gebracht und dabei das verwendet, was Hrotsvit selbst vor so langer Zeit unendlich fasziniert hat: Worte.

Wo sind die Statuen, die Hrotsvit von Gandersheim zeigen? Wo sind die Schulbücher, die von ihr berichten? Wo sind die Ehrungen, wenn sich ihr Geburtstag jährt, die Referenzen auf ihr Schreiben? Ihre Erzählung ist ein Vorläufer des Faust-Stoffs. Sie war die erste Dramatikerin des christlichen Mittelalters. Sie war, verdammt nochmal, wichtig. Sarah Raich ist ein herausnehmend guter historischer Roman gelungen, locker und flüssig, der vor dem Hintergrund des Lebens im 9. Jahrhundert ein aufgewecktes Mädchen beschreibt, eine mutige Frau, eine vergangene Zeit – und dabei gleichzeitig wichtige Aufklärungsarbeit leistet. Wie wichtig, das ordnet auch Magda Birkmann im lesenswerten Nachwort ein. Jetzt liegt es an uns, dieses Buch zu lesen, zu verschenken, ihm die Bühne zu verschaffen, die es verdient hat – und Hrotsvit von Gandersheim.

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„Er streicht durch ihr offenes Haar. Sie will schreien“

Anna Maria lebt in der Großstadt, aber jetzt gerade ist sie auf dem Land. Und dort gar nicht unglücklich, auch wenn sie sich bei einem Fahrradunfall den Arm gebrochen hat. Im oberösterreichischen Dorf Engelhartskirchen wohnt sie bei Hannes auf dem Hof. Während er sich um die Kühe kümmert, schließt Anna Maria beim Saufen und Tanzen Freundschaft mit den Frauen. Und stellt sich so manche Frage – warum ist der Vater von Hannes weg? Und was ist mit den anderen Männern? Haben die Frauen in Engelhartskirchen eine ungekannte Furchtlosigkeit und woher kommt die? Die eine oder andere Frage wird Anna Maria durchaus offen beantwortet. Und als dann jemand aus ihrer Vergangenheit auftaucht, gibt es sowieso kein Zurück mehr.

Der Titel von „Männer töten“ ist großartig, er ist provokant, aufmerksamkeitsstark und ungewöhnlich. Bedeutet er Männer werden getötet oder es sind die Männer, die töten? Auf den ersten hundert Seiten geht es erst einmal um das österreichische Landleben. Da kann Eva Reisinger, die bereits mit „Was geht, Österreich?“ meine Heimat chirurgisch genau seziert hat, richtig punkten, die Beschreibungen sind nur allzu treffend. So lebt es sich mitten im Nirgendwo, zwischen Bier, Besamung und Kirchengeläut, und dann sagen die Leute immer „eh schön“. Als dann die Geheimnisse rund um die männlichen Leerstellen gelüftet werden, als dann Männer getötet werden, kommt natürlich ein „eh klar“. Das haben wir schon geahnt, außergewöhnlich ist es trotzdem, und lesenswert auch. Weil die Wut spürbar ist, weil die Wut der Motor hinter dem Roman ist, seine Kreativität sich jedoch ungehindert ergießen darf, und das ist gut so. Geschichten ausdenken, in denen es dem Patriarchat an den Kragen geht. Gegen das System anschreiben, mit aller Kraft. Männer erschießen, Männer erstechen, Männern den Hals aufschlitzen. Wie sie es, und das ist freilich der Clou, umgekehrt mit Frauen tun, jeden Tag, überall auf der Welt. Denn das eine ist Fiktion. Das andere nicht. Eva Reisingers neues Buch sagt: schaut her, hört her, so klingt das dann, so fühlt es sich an, findet ihr das witzig? Eben.

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„Wir alle tragen das Patriarchat in uns“

Wenn ich in Zukunft nach wichtigen, richtungsweisenden Büchern gefragt werde, wird dieses hier ganz oben auf der Liste stehen: Emilia Roig hat darin alles Wissenswerte zu unserem Leben im patriarchalen System versammelt. „Das Ende der Ehe“ hat freilich einen provokanten Titel, der Untertitel federt das perfekt ab: Es geht um eine Revolution der Liebe, um eine Neubewertung dessen, was wir als Familie definieren, und um die Rolle jener Männer, die keine Täter sind, aber immer schweigen. Wie könnte eine solche Revolution aussehen und wie würde sich dadurch die Liebe selbst verändern? Die erfolgreiche Autorin und Aktivistin hat die Dynamik heterosexueller Partnerschaften analysiert und eingeordnet, sämtliche Erkenntnisse übersichtlich und stringent zusammengestellt und sich eingehend mit dem romantischen Skript beschäftigt, dem wir alle – vor allem die Frauen – folgen sollen. Und der Frage, warum das so ist.

„Solange die Ehe die institutionelle Beraubung der Frauen erlaubt, werden Frauen in einer kapitalistischen Welt schlechter aufgestellt sein als Männer. Männer sind reicher als Frauen, weil sie die Frauen kollektiv berauben.“

Wer sich einen umfassenden Überblick über die Mechanismen des Patriarchats wünscht oder ihn jemand anderem bieten will, wer offene Fragen hat oder einfach die großen Zusammenhänge verstehen will, greife bitte zu diesem Buch: Es ist klar, verständlich, enthält einen guten Mix aus Informationen und persönlichen Einblicken, gibt Perspektiven vor für eine mögliche – ehefreie – Zukunft. Wie ist das mit der Last der Verhütung? Lieben Männer Frauen wirklich? Sind Frauen Komplizinnen ihrer eigenen Unterdrückung? Und was hat es mit dem Teufelskreis der Binarität auf sich? Diesen und vielen anderen Themen unserer Zeit widmet sich Emilia Roig in einem bestechend klugen Stil, der ihren Rundumschlag gegen das unterdrückende System sehr lesenswert macht. Große Empfehlung meinerseits!

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„Ach, wie schön wäre die Liebe, wenn man keinen Mann dazu brauchen würde“

Coco Chanel, den Namen kennen wir alle. Er ist eine Marke. Auf der ganzen Welt tragen Frauen Kreationen einer Frau, die „die Mode revolutioniert hat“, wie es oft heißt. „Vom Waisenmädchen, das im Kloster aufwächst, zur erfolgreichen Unternehmerin und Königin von Paris“, so lautet der Klappentext, und da schwingt gleich das Dramatische und Schwülstige mit, das sich auch im Buch findet. Ich muss gestehen: So eine Romanbiografie ist was Wildes. Bei jedem dritten von Coco geäußerten Satz habe ich gedacht: Aber was, wenn sie das nie gesagt hat? Natürlich klingt es gut. Und sinnvoll und passend. Und bestimmt gibt es einiges, das bezeugt werden kann, das notiert wurde, das irgendwo festgehalten ist. Aber da ist schon auch viel Ausgedachtes dabei, und darauf muss man sich einlassen können. Das ist mir manchmal besser, manchmal schlechter gelungen. Ich war neugierig auf dieses Genre und auf das Leben von Gabrielle Chanel, über die ich manches wusste und eigentlich nicht viel. Maxine Wildner hat sich also dieser realen Figur gewidmet, hat sich ihr genähert und aus ihrer Sicht geschrieben. Das finde ich – aus der Perspektive einer Schreibenden – interessant, weil ich mir absolut nicht vorstellen kann, das zu tun. Verschlungen habe ich das Buch so oder so, ich hab es nämlich im Urlaub gelesen, und dafür war es perfekt. Außerdem hat mich dieser Schnelldurchlauf eines Lebens durchaus fasziniert. Wie viel davon ist echt und real? Wie viel ist der Blick der Autorin, die ja vermutlich, auch wenn sie es sicher versucht hat, nicht neutral sein kann? Ein Ereignis bekommt den Wahrheitscharakter, der miterzählt wird. Es lässt sich letztlich nicht greifen, wer Coco Chanel tatsächlich war. Manches mag sie so gedacht und gesagt haben, anderes nicht. Ich fand es jedenfalls gut, mehr über sie zu erfahren – große stilistische Sprünge und biografisch-übergreifende Einblicke darf man sich freilich nicht erwarten. Unterhaltsam ist es allemal.