Bücherwurmloch

„I was young then, it was a wonderful time“
Er ist ein Lehrer aus Amerika und lebt lange genug in Bulgarien, um die Sprache zu verstehen, um sich den Menschen nah zu fühlen. Nah kommt er vor allem den Männern, mit denen er Sex hat, sie unterscheiden sich stark voneinander, die Spielarten tun es auch. Er verabredet sich online, trifft sich mit ihnen, bereut das hinterher manchmal und manchmal nicht. Bulgarien ist ein Land der Hoffnung, in dem man sich gefreut hat über den Aufbruch, der letztlich doch nicht kam. Wie sieht so ein Land aus, betrachtet durch die Augen von einem, der hier nicht geboren ist? Freunde hat der Lehrer in Sofia kaum, und wenn er an Demonstrationen teilnimmt, wenn er politisch wird, dann eher unabsichtlich. In einen der Männer, die er hier kennengelernt hat, hat er sich verliebt, das Ende dieser Liebe hat er nie überwunden.

Garth Greenwell, der mit seinem vielgelobten Roman Was zu dir gehört geglänzt hat, hat einen ganz eigenen Stil: Er schreibt introvertierte Männer, er schreibt Melancholie und tiefgehende Ausgegrenztheit, er schildert Distanz, Nachdenklichkeit, Traurigkeit. Sein Protagonist, der versucht hat, in Sofia eine zweite Heimat zu finden, zumindest eine Heimat auf Zeit, ist ein sensibler Mann, der sich mit den Begegnungen und Dates auseinandersetzt, die seinen Aufenthalt in Sofia geprägt haben. Dabei geht es um Sex und Politik, in erster Linie um heftigen, intensiven, schmerzhaften Sex, der meist keinen Spaß macht, der zumindest einem der Beteiligten ernsthaft wehtut, es geht um Befriedigung und die Suche danach, um den Sex von Fremden und den Sex von Liebenden. Greenwell lässt kein Detail, keine Körperstelle, keine Regung aus, und trotzdem: Dieses Buch ist kein heiterer Mitmachporno, dazu ist es viel zu bedrückend. Im Gegensatz zu Greenwells Erstling hat es keine zusammenhängende Romanhandlung, die Kapitel sind vielmehr einzelne Geschichten, deren Klammer Sofia als gemeinsamer Ort ist. Interessant finde ich, dass ein Mann, der auf diese Weise Sex hat wie der amerikanische Lehrer im Buch, frei bleibt von den Urteilen, mit denen eine Frau sich konfrontiert sähe, dass er zu keiner Zeit einer Wertung ausgesetzt ist, nicht einmal im inneren Monolog. Ein gut geschriebenes, stellenweise verstörendes, insgesamt seltsames Buch, bei dem ich auf eure Meinungen gespannt bin, sobald es auf Deutsch erscheint.

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„Wie absurd das eigentlich war, dachte ich: zu leben, während andere tot waren“
Inas Mutter war eine sehr bekannte Schauspielerin, dann eine weniger bekannte Schauspielerin, und jetzt ist sie tot. Ina ist nicht sicher, ob ihre Mutter absichtlich gegen den Baum gefahren ist oder ob es ein Unfall war, und jetzt hat Ina nur noch Falk. Mit ihm wohnt sie zusammen in einer WG in Hamburg, die beiden verbindet eine Freundschaft, aus der vielleicht Liebe hätte werden können und die deshalb seltsam schief ist. Die Fächer, die Ina studiert hat, haben sie geradewegs in die Arbeitslosigkeit geführt, und so beginnt Ina am Theater in der Kantine zu arbeiten. Dort haben ihre Eltern sich kennengelernt. Dort wird ihr Vater, der vermutlich gar nicht weiß, dass es Ina gibt, in Kürze den Sommernachtstraum inszenieren. Und dort trifft Ina auf Paula.

Zuerst hab ich gedacht, das ist wieder so ein Buch, in dem ein junger Mensch einen Elternteil verliert und sich selber sucht. Ein bisschen ist das auch so, aber Janna Stennfatt hat genug unerwartete Wendungen eingebaut, um mit ihrem Roman einigermaßen sicher die Klischees zu umschiffen. Vor allem mag ich ihre Protagonistin Ina, die kratzbürstig und distanziert ist und Menschen nicht leiden kann:

„Ich schlief schlecht, wenn ein Mensch in der Nähe war, der atmete und sich bewegte und am Morgen einen unfrischen Geruch verströmte.“

Und ich mag den Ton, der angenehm melancholisch ist, stellenweise fast poetisch, dann wieder hanseatisch kühl. Die Überflüssigkeit der Dinge ist ein leises Buch, das von Begegnungen erzählt, von Gefühlen, die nicht ausgesprochen werden, von Menschen, die aneinander vorbei lieben. Es enthält klug formulierte Sätze, die mich lächeln lassen, zum Beispiel:

„Die Mutter meiner Mutter war früh gestorben, und wenn ich fragte woran, erhielt ich immer die gleiche Antwort: am Leben.“

„Die Selbstsicherheit in die Jahre gekommener Männer müsste man haben, dachte ich.“

Das Gute an diesem Roman liegt in seiner Unaufgeregtheit und seiner Unberechenbarkeit. Ein wenig zu unzugänglich sind mir die Menschen, von denen ich mir dann doch ab und zu gewünscht hätte, sie würden sich mehr mitteilen. Aber genau das macht natürlich das Karge, Schweigsame, Traurige aus. Ein leicht lesbares, schönes Buch.

Die Überflüssigkeit der Dinge von Janna Stennfatt ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

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„Sie sind nur Löcher. Riesige Lücken aus weichem Fleisch. Sündhafte, feuchte Wüsten, durch die sich der Mann wie Gott seinen Weg bahnt“
Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Buch etwas sagen soll, und vor allem: was. Denn einerseits finde ich es gut, wenn über sexualisierte Gewalt gesprochen wird, ich finde es wichtig, von Vergewaltigung und Missbrauch zu erzählen, das Tabu aufzubrechen. Andererseits hatte ich mit diesem Roman so meine Probleme, die vor allem darin gründen, dass er arg schwarz-weiß gezeichnet ist. Überspitzt gesagt: die Frau das arme Opfer, die Männer die bösen Schweine. Das ist mir zu simpel, und schade finde ich auch, dass Inès Bayard ihre Charaktere nicht tiefer ausgelotet hat. Maries Leben ist angeblich perfekt, in Wahrheit ist sie schon vor der Vergewaltigung durch ihren Chef unglücklich, alles ist fad. Ihr Mann Laurent, von dem immer wieder gesagt wird, er liebe sie so sehr, nimmt sie nicht wahr. Auch nicht, als sie verletzt und zerschunden ist. Auch nicht, als sie dem Abgrund nah ist und schließlich hineinfällt, eher: hineinspringt.

„Manchmal fragt sie sich, wann ihrem Mann wohl auffallen wird, dass es ein Problem gibt. Vielleicht nie. Er verschließt die Augen vor den Tatsachen, liebt seine Frau von ganzem Herzen, ahnt nichts von ihrer Verzweiflung.“

Ja eh. Der ach so blinde Mann, und da hat es sich Inès Bayard in meinen Augen ein wenig zu einfach gemacht: Die Frau schweigt, nimmt ihre Opferrolle an, kuschelt sich richtig hinein in diese Opferrolle, richtet ihren Hass erst nach außen, dann nach innen, niemand hilft ihr, alle sind’s blind und bös. Da hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht, mehr Ambivalenz. Es ist zudem bei französischen Autor*innen oft so, dass sie kühl bleiben, ihre Figuren aus der Distanz beschreiben, wie in einem Bericht. Ich habe dann Schwierigkeiten, mich hineinzufühlen, und Marie hat mir das gaz besonders schwer gemacht. Ich weiß, dass es Frauen wie sie gibt. Ich kann sie verstehen. Ich kann alles an den Geschehnissen nachvollziehen. Und trotzdem haben die Klischees und Stereotype mich zum Teil wahnsinnig gemacht. Am besten zeigt das dieses Zitat:

„Während sie brav neben ihrem Mann sitzt, denkt sie plötzlich, dass sie das perfekte Beispiel für das ist, was die Gesellschaft missbilligt: eine schwache, dicke, feige Frau, die ihr Kind nicht liebt, ihre Familie im Stich lassen will, sexuell kaum aktiv ist, ineffizient und überfordert im Beruf, und schon zu alt.“

Das beschreibt diese Protagonistin perfekt, die sich selbst nur durch die Augen des Patriarchats wahrnimmt. Generell aber hoffe ich, dass Bücher wie dieses dazu beitragen, dass nicht mehr beschämt geschwiegen wird, sondern Geschichten über sexualisierte Gewalt ihren Platz finden. Dass darüber gesprochen wird und letztlich mehr dagegen getan wird. Das ist natürlich eine naive Hoffnung, doch was bleibt mir sonst? Scham ist laut Eigenbeschreibung ein Buch über eine Vergewaltigung und die „Frage, wie eine Frau damit umgeht“. Der Roman selbst als Antwort kann nur eins bedeuten: Nicht so. Bitte nicht so.

Scham von Inès Bayard ist erschienen bei Zsolnay/Hanser.

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„Das war in diesem Leben nun mal der Deal: Sosehr man auch versuchte, es zu vermeiden, irgendwann musste man doch reden“

„Ich hatte gehofft, in dieser Lebensphase längst ein anderer Mensch zu sein, dabei wurde ich in Wirklichkeit immer weniger jemand anders und immer mehr ich selbst. Ich fand das beunruhigend.“ Kein Wunder, denn dieses „ich selbst“, das die Frauen in Nicole Flatterys Geschichten sind, ist unergründlich. Sie sind Mädchen, die sich zum ersten Mal verlieben. Sie sind Frauen, die längst nicht mehr an die Liebe glauben. Sie haben Affären, sie haben Beziehungen, aber sie fühlen sich darin nicht erkannt, nicht gesehen. Mit Männern treten sie durchaus in Kontakt, doch alles daran bleibt schal. Jede Short Story hat eine Frau als Protagonistin, sie sind alle unterschiedlich und vielleicht doch dieselbe. Sie sind nicht in ihrer Mitte, lassen sich seltsam passiv zu Dingen zwingen, die sie nicht tun wollen, wünschen sich, viel zu empfinden, und fühlen doch in den wichtigsten Momenten nichts.

Nicole Flattery begeistert mit großartigen Sätzen, die aus den Geschichten herausleuchten. Schöne Vergleiche, treffsichere Metaphern, fein austarierter Stil.

„Mit siebzig, nach mehreren schweren Enttäuschungen, von denen die erste meine Mutter war und die zweite ich, starb mein Vater.“

Etwas wirr sind die Storys zum Teil, nicht immer kann man den Erzählerinnen folgen, sie verstehen, nachvollziehen, was sie tun, und manchmal tun sie auch einfach herzlich wenig. Trotzdem ist da etwas an den Geschichten, das aufhorchen lässt, es liegt an der Atmosphäre, der Stimmung. Lange habe ich nach der Klammer gesucht, die alles zusammenhält, nach Gemeinsamkeiten, zuerst dachte ich, es sei die Passivität der Frauen, dann, dass sie nicht wissen, wer sie sind, was sie wollen, dass sie so verloren sind in sich selbst, letztlich habe ich es nicht gefunden, es lässt sich nicht greifen. Nachdem die Abtreibungsgeschichte in der Mitte des Buchs mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, hätte ich beinahe aufgehört zu lesen – doch dann haben mir die Storys am Ende viel besser gefallen als jene zu Beginn. Vielleicht ist es so, dass man sich einlassen muss auf das Untergründliche, das die Geschichten, die Figuren ausmacht, dass man aufhören muss, zu versuchen, ihr Rätsel zu lösen. Es ist unlösbar.

Lieblingszitat:
„Ich lächelte. Ich wusste, mit diesem Lächeln war der Gipfel meiner Begeisterung für den Abend erreicht, und am nächsten Morgen würde ich weniger angenehm zugedröhnt aufwachen, dafür mit einem neuen Hass im Herzen.“

Zeig ihnen, wie man Spaß hat von Nicole Flattery ist erschienen bei Hanser Berlin.

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„Im Kopf wird es flauschig, noch bevor man sich küsst, bitte schön!“

„Seit seinem neunzehnten Lebensjahr wollte er sich immer in einen Fluss stürzen.“ Dafür ist der Herr Rudi dann aber ganz schön alt geworden, mittlerweile ist er nämlich frisch pensioniert. Einen Plan für die Pension hat er auch gehabt, er wollte das Haus von der Livi kaufen und dort, in Grödig, gemütlich alt werden. Die Livi war die große Liebe vom Herrn Rudi, und sie ist gestorben, als er neunzehn war. Daher auch die Sache mit dem In-den-Fluss-Stürzen. Seit über vierzig Jahren sitzt die Livi dem Herrn Rudi jetzt schon als Geist auf der Schulter, und manchmal, das hat Anna Herzig bei ihrer Lesung im Literaturhaus Salzburg im Februar sehr schön geschildert, ist das sehr anstrengend, sich so viele Jahre lang mit einer Neunzehnjährigen zu unterhalten. Das hat jetzt aber eh bald ein Ende, der Herr Rudi hat nämlich eine Diagnose. Deswegen wird es nichts mit dem Livi-Haus und mit der gemütlichen Pension. Vielmehr kniet der Herr Rudi gerade nackt in einem Hotelbadezimmer, kann sich nicht mehr rühren, neben ihm eine Badewanne voller Heidelbeeren, die Flasche mit dem Alk ist davongerollt, und eigentlich möchte er nur den Fritz anrufen, seinen besten Freund, um ihm Lebwohl zu sagen.

„Manchmal hilft nichts anderes, als das gesamte Leben in eine mit Blaubeeren gefüllte Badewanne hineinzuweinen.“

Anna Herzig ist ein Spagat gelungen: Sie hat über einen alten, weinerlichen Mann geschrieben, ohne ihn dem Spott des Lesers preiszugeben. Traurig ist der Herr Rudi schon sein ganzes Leben lang, und die Erzählung, die zum Ende dieses Lebens einsetzt, zeigt, dass man manchmal das Beste in jungen Jahren geschenkt bekommt und danach nichts mehr folgt. Viel Zeit, ja, viel Langeweile, gutes Essen manchmal, kleine Glücksmomente, aber sonst eigentlich nichts. Für den Herrn Rudi war es eigentlich damals bereits vorbei. Um Verlust und Trauer geht es in Anna Herzigs Buch, um Schicksal, Einsamkeit und Orangenmarmelade. Die unglaublich sympathische Autorin, die ihr dringend live erleben solltet, weil sie so eine warme Stimme hat und so typisch österreichisch melodisch liest, hat viel Mitgefühl für ihre eigene Figur, das macht ihr Buch so warm und liebevoll.

Lieblingszitat:
„Es soll Menschen geben, die bereiten dir derart Kopfschmerzen, da hilft keine Tablette mehr. Und dann gibt’s Menschen – selten aber doch, so hört man –, die balancieren einem die Gehirnwindungen auf zärtlichste Weise aus.“

Herr Rudi von Anna Herzig ist erschienen bei Voland & Quist.

 

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„Bleiben Sie zuhause“, murmelte der Holländer, „Österreicher sind für die große Welt nicht gemacht“

„Dieser Roman enthält das Leben eines Mannes, der es auch selbst aufgeschrieben hat: Joseph Freiherr Hammer von Purgstall.“ Das verrät Dirk Stermann erst im Nachwort, ich verrate es euch schon jetzt. Der deutsche Kabarettist, den wir in Österreich – und das ist das größte Kompliment, das wir einem Deutschen machen können – als einen von uns ansehen, hat einen von Joseph Hammers Autobiografie inspirierten Roman geschrieben, also eine halbfiktionale Biografie. Diesen Hammer hat es wirklich gegeben, gelebt hat er von 1774 bis 1856, und noch heute trägt die Österreichischen Orient-Gesellschaft Hammer-Purgstall seinen Namen. Ich frag mich, wie lange Stermann recherchiert hat für dieses Buch, ich stell mir vor, es waren Stunden, Monate, Jahre. Er hat die Zeit der Türkenkriege akribisch aufbereitet, lässt die Stadt Wien vor allem olfaktorisch lebendig werden, beschreibt sehr anschaulich den Gestank, die Krankheiten, die mangelnde Hygiene. Sein Joseph ist ein Sprachknabe, der viel Talent für die Sprachen des Orients zeigt und keines für die Kunst der Diplomatie. So gut er auch Türkisch, Persisch und viele andere Sprachen spricht, zeit seines Lebens steht er sich mit seiner Überheblichkeit selbst im Weg.

„Und Joseph sah vor sich die Leiter des Erfolgs, viele Sprossen, die bis ganz nach oben zu erklimmen er mehr als bereit war.“

Joseph Hammer ist ein Ehrgeizling, getrieben von Arroganz und einer verblendeten Sicht auf sich selbst. Bei jeder Beförderung wird er übergangen, nie bekommt er die Stelle, die ihm seiner Meinung nach zusteht. Während man als Leser zuerst noch Mitgefühl empfindet, dämmert einem allmählich, dass Joseph ein Ungustl ist.

„Bin einer der wichtigsten Beteiligten, weil sprachlich, historisch und kulturell den handelnden Personen nicht nur ebenbürtig, sondern oft überlegen, schrieb er. Nur damit man in Konstantinopel, aber auch Wien nicht vergaß, welches Juwel man da in den eigenen Reihen hatte.“

Nun habe ich kein Problem mit unsympathischen Protagonisten, im Gegenteil, ich hab selbst einen geschrieben, und die historischen Bezüge in Stermanns Buch finde ich tatsächlich mehr als interessant. Ich habe seinen Roman gelesen wie ein Geschichtsbuch. Dabei ging mir allerdings irgendwann, nach 300 Seiten etwa, ein bisschen die Luft aus. Auf den letzten 150 Seiten hab ich mir sehnsüchtig eine Wendung gewünscht, einen Knaller, eine Watschn. Aber: Was soll da noch kommen, der Stermann kann natürlich seiner realen Figur nichts andichten, was diese Figur nicht getan hat. Und so führt die Handlung ins Leere, endet logischerweise mit Hammers Tod. Ich rechne es Stermann aber erstens hoch an, dass er sich als Autor so variantenreich zeigt, zweitens, dass er diesen schönen ironischen Ton gefunden hat, und drittens, dass er sich an dieses Mammutprojekt herangetraut hat: Von einem Mann zu erzählen, der tatsächlich gelebt hat, in einer Zeit, über die man viel recherchieren muss, und der noch dazu ein Arschloch war, das erfordert Mut.

„Führt ihr Österreicher keine Kriege?“
„Nur wenn die anderen uns dazu zwingen“, sagte Joseph.
„Und zwingen sie euch oft?“
„Leider ja“, antwortete Joseph.

Der Hammer von Dirk Stermann ist erschienen bei Rowohlt.

 

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„Was ist die Liebe denn, Puri?“, fragte Savita. „Was ist die Liebe, wenn nicht ein Hunger?“
Als Purnima als Kind in den Fluss fällt, überlegt ihr Vater, sie einfach ertrinken zu lassen – sie ist ja nur ein Mädchen. Die Mutter rettet sie in letzter Sekunde. Als Purnima 16 ist, stirbt die Mutter, und der Vater holt die 17-jährige Savita ins Haus, damit sie ihm und Purnima beim Weben hilft. Tag und Nacht sitzen sie an den Webstühlen, um wenigstens ein paar Rupien zu verdienen. Savitas Familie ist noch ärmer als Purnimas, die Mädchen leiden Hunger. Zwischen ihnen entsteht eine tiefe Freundschaft, und als Savita, nachdem sie vergewaltigt wurde, in der Nacht, bevor sie an ihren Vergewaltiger verheiratet werden soll, verschwindet, leidet Purnima unter dem Verlust der Freundin fast mehr als unter dem gewalttätigen Ehemann, an den sie verschachert wird.

„Angst verlor in ihrem Leben langsam an Bedeutung – Angst hatte sie schon so lange, zuerst vor ihrem Vater, dann vor ihrer Schwiegermutter und Aruna und Kishore, dass Angst für Purnima ermüdend geworden war, alltäglich, und sie genauso langweilte wie Abwaschen oder Bügeln. Warum sollte sie Angst haben?“

Die Familie ihres Mannes wird sie umbringen, das weiß Purnima. Doch bevor es soweit kommt, beschließt sie, zu fliehen und Savita zu finden – zur Not am Ende der Welt, ohne zu wissen, dass sie tatsächlich so weit gehen muss.

Mädchen brennen heller ist ein Buch über Frauen, die keine Rechte haben. Frauen, die erst der Besitz ihrer Väter und dann der Besitz ihrer Ehemänner sind. Indische Mädchen, deren Väter sich wünschten, sie wären nie geboren. Weil sie irrsinnige Summen für ihre Mitgift aufbringen müssen. Weil Mädchen nichts wert sind, gar nichts.

„Nein, alt sind wir. Alte, uralte Frauen, verwüstet von der Zeit, und wir warten darauf zu sterben.“

Shobha Rao, selbst in Indien geboren und später in den USA aufgewachsen, hat sich als Rechtsanwältin für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen mit Migrationshintergrund eingesetzt, bevor sie Autorin wurde. Sie erzählt eine eindringliche, tiefgehende Geschichte, die so wehtut, weil jedes Wort davon wahr sein könnte. So geht es Mädchen und Frauen in Indien wirklich, nichts an ihrem Schicksal ist erfunden. Sie werden vergewaltigt, mit Öl übergossen, verprügelt, unter Drogen gesetzt in Bordellen gehalten, als Putzsklavinnen verkauft. Ich habe die Geschichte von Purnima und Savita atemlos und mit heißer Wut im Bauch verfolgt. Am Ende, auf der letzten Seite, war ich so voller Gefühl, dass ich ernsthaft gedacht habe, ich ersticke gleich. Bücher wie dieses sind wichtig, Bücher wie dieses sind der Grund, warum alle Menschen lesen sollten. Sie öffnen den Blick für das Leid anderer, sie zeigen uns, warum wir – die wir weiß, privilegiert, europäisch sind – den Feminismus brauchen: für unsere Schwestern, die in dem Moment, in dem sie geboren wurden, bereits tot sind. Weil Männer sie Tag für Tag durch Worte, Taten und Gewalt umbringen.

„Was für Idiotinnen wir doch alle sind. Wir Mädchen. Angst vor den verkehrten Sachen, zur verkehrten Zeit. Angst vor einem verbrannten Gesicht, wenn doch draußen, dort draußen, Feuer auf dich warten, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Männer, die ein Zündholz an deine benzingetränkten Kleider halten. Flammen, Flammen rings um dich, die deine eben erst entstandenen Brüste auffressen, deinen eben erst blutenden Körper. Und Flammenmeere, weit wie die Welt. Die darauf warten, dich zu vernichten, dich zu Asche zu machen – und selbst der Wind, sogar der Wind, meine Kleine, schaut dir beim Brennen zu, will es, weht über dich hinweg und durch dich hindurch. Verstreut dich, weil du ein Mädchen bist und weil du Asche bist.“

Mädchen brennen heller von Shobha Rao ist erschienen im Elster Verlag.

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„Manche Leute machen eine schwere Kindheit für ihr Unglück verantwortlich“
Mickey und Kacey haben allen Grund, das zu tun: Als sie sehr klein waren, ist ihre drogensüchtige Mutter an einer Überdosis gestorben. Sie sind bei ihrer Großmutter Gee aufgewachsen, die sie nicht haben wollte – und sie das jeden Tag spüren ließ. Anfangs gelingt es Mickey immerhin noch, den engen Zusammenhalt mit ihrer kleinen Schwester Kacey aufrechtzuhalten, doch als diese mit 16 ebenfalls drogenabhängig wird, entgleitet sie ihr immer mehr. Heute sind beide erwachsen, haben jedoch seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr. Mickey arbeitet als Streifenpolizistin in Kensington und weigert sich, die Prüfung zum Detective abzulegen, denn dann wäre sie weg von der Straße – jener Straße, auf der Kacey anschaffen geht – und könnte ihre Schwester nicht mehr wenigstens auf diese Art im Auge behalten. Doch dann verschwindet Kacey – und in Kensington werden Prostituierte umgebracht.

Long Bright River von Liz Moore ist Krimi und Sozialstudie in einem. Während ich den Anfang ein wenig träge fand, nahm das Buch plötzlich derart Fahrt auf, dass ich es nicht weglegen wollte und sogar im Auto (ja, auf dem Beifahrersitz) gelesen habe. Um endlich zu erfahren, wo Kacey ist. Wer der Mörder ist. Was zwischen den beiden Schwestern vorgefallen ist. Dabei hatte ich permanent Szenen aus der Serie Shades of Blue vor Augen, die von korrupten Polizisten handelt. Und auch wenn Mickey im Buch wohl nicht aussieht wie Jennifer Lopez, war sie für mich eine ebenso toughe, zeitweise auch skrupellose Frau, die sich von ihren eigenen Gefühlen abgetrennt hat, um sich zu schützen. Kensington ist eine Stadt, die mit großer sozialer Ungleichheit und massiven Drogenproblemen zu kämpfen hat. Dass das in vielen amerikanischen Städten der Fall ist, bekommen wir hier in Europa gar nicht so mit, von hier aus hat das Leben in den USA oft einen goldenen Glanz. Long Bright Riverist, was man einen Pageturner nennt: ein Buch, das so fesselnd ist, dass man durch die Seiten rauscht. Großartiges Finale auch, ich habe es nicht kommen sehen.

Long Bright River von Liz Moore ist erschienen bei C. H. Beck.

Bücherwurmloch

„Irgendwo dazwischen – zwischen Sprache und Sein – sind Sie gefangen“

Kübra Gümüşay trägt ein Kopftuch. Sie ist Muslimin. Sie ist jeden Tag der Diskriminierung ausgesetzt, von der wir nur theoretisch wissen, die die meisten von uns nie persönlich erleben.

„Kaum ein Missstand ist plötzlich da. Meist bahnt er sich an, über Jahre. Nicht alle sehen Gräben, die er durch unsere Gesellschaft zieht, denn häufig geschieht das an Orten, die Privilegierte nicht erleben, so dass sie Probleme erst erkennen, wenn sie selbst betroffen sind. Die Erfahrungen der anderen, ihr Wissen, ist weniger wert.“

Jetzt hat Kübra Gümüşay, die sich mit Feminismus, Rassismus und Netzkultur auseinandersetzt, ein kluges, sinnvolles, wichtiges Buch über Sprache geschrieben. Über Sprache in Bezug auf Minderheiten, auf Frauen, auf Andersgläubige, auf Geflüchtete und all jene, die im Kreuzfeuer der Medien stehen.

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands.“

Mich hat Sprache und Sein in erster Linie daran erinnert, warum ich vor 18 Jahren Linguistik studiert habe. Wieso ich mich mit Sprache in der Politik und in der Werbung beschäftigt habe, weshalb mich Sprachwandel und Etymologie so fasziniert haben. Weil Sprache unendlich mächtig ist. Ich wollte alles lernen über dieses Mittel, uns auszudrücken, einander anzunähern und einander auszugrenzen.

„Sprache kann auch ein Werkzeug sein. Sie kann uns in der Dunkelheit der Nacht die helle Reflexion des Mondlichtes sehen lassen. Sprache kann unsere Welt begrenzen – aber auch unendlich weit öffnen.“

Überrascht hat mich an diesem Buch, dass es so freundlich und friedvoll ist. Kübra Gümüşay hat nicht zugelassen, dass der Hass, der ihr entgegenschlägt, in ihr wurzelt. Sie hat übersichtlich dargestellt, woher die Probleme rühren, sie argumentiert und entwaffnet und dann bietet sie Lösungen. Sie schreibt nicht wütend, nicht emotional, sie bleibt sachlich und hoffnungsvoll. Das hat mich beeindruckt, denn ich bin nicht hoffnungsvoll. Der Haken an der Sache ist jedoch: Dieses Buch werden nur Menschen lesen, die ohnehin sensibel sind. Menschen wie ich, die viel über Sprache wissen. Menschen, die schon auf einem guten Weg sind und es noch besser machen möchten. Es wird jene nicht erreichen, auf die es eigentlich ankäme: jene, die den Hass pflanzen und schüren, die schreiende Headlines schreiben, die anderen verbale Gewalt antun. Sie sind es, die Kübra Gümüşays Worte lesen sollten. Die ihren Verstand öffnen sollten und ihr Herz. Damit der Hass endlich nicht mehr Normalität ist.

Sprache und Sein von Kübra Gümüşay ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

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„Außerdem sehen die Leute gut aus und benehmen sich schlecht“

„Gesten der Zuneigung gingen uns nicht leicht von der Hand; sie waren eine Sprache, die wir nicht beherrschten.“

Das sagt Ich-Erzählerin Lark, die zusammen mit ihrer Schwester Robin bei einer lieblosen, die Kinder vernachlässigenden Mutter aufwächst. Das Umfeld macht die Schwestern einerseits zu Verbündeten, gibt ihnen jedoch andererseits kein Werkzeug an die Hand, um miteinander zu reden, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sich mitzuteilen und anzuvertrauen. Das haben sie nie gelernt, und das wird ihnen später zum Verhängnis, als sie, erwachsen geworden, zeitweise gemeinsam in New York leben, wo Lark eine Filmschule besucht und Robin an der renommierten Juilliard Klavier studiert. Es kommt, wie es kommen muss: Die Schwestern verlieren einander. Doch als sie Jahre später getrennt voneinander in Schwierigkeiten geraten, zeigt sich, dass Blut oft doch dicker ist als Wasser – und Familienbande nicht so leicht zerreißen.

Die kanadische Autorin Alix Ohlin, deren Roman In einer anderen Haut ich 2013 ganz gern mochte, hat ein emotionales, schönes Buch über eine Schwesternbeziehung geschrieben, das mit einer schnörkellosen, ruhigen Sprache besticht – und einer Geschichte, in die man sich richtig hineinfühlen kann. Es geht um die Wunden, die Mütter ihren Kindern zufügen und die wohl nie verheilen, es geht um das Bedürfnis, einander zu helfen, und um das Scheitern dabei. In erster Linie geht es aber um Sprachlosigkeit. Denn das ist es, wovon der Umgang zwischen Robin und Lark getragen ist: Sie, die aus Platzmangel im selben Bett schlafen, finden keinen Weg, miteinander zu reden. Ich-Erzählerin Lark spürt oft, dass mit ihrer Schwester etwas nicht stimmt, hat allerdings keinen Zugang zu ihr, und Robin erzählt ihr nicht, was sie bewegt. Das gibt dem Roman den Ton der Verzweiflung und Resignation, der jedoch immer wieder aufbricht, wenn eine der Schwestern erneut versucht, sich der anderen anzunähern. Im letzten Drittel ist die Story in meinen Augen ein wenig ausgefranst und verliert zu sehr an Tempo, ansonsten aber ist Robin und Lark ein lesenswerter, gefühliger Roman, den man getrost jedem empfehlen kann.

Robin und Lark von Alix Ohlin ist erschienen bei C. H. Beck.