Bücherwurmloch

„Lebensphilosophie steht als einziges Wort zweimal auf meiner schwierigen Wörterliste“
Eine Annonce soll Hubert aufgeben, um endlich eine Frau zu finden. Der Meinung ist jedenfalls seine Mutter, Hubert dagegen findet alles gut so, wie es ist. Er arbeitet bei der Post.

„Das heißt, ich muss früh aufstehen und habe den ganzen Nachmittag Feierabend.“

Schön wäre, wenn er dann angeln gehen könnte, aber stattdessen muss er seiner Mutter helfen. Der Sommer ist nämlich da, und sie vermietet Zimmer 1, 2 und 3. Mehr Zimmer gibt es nicht im kleinen Haus, und die Gäste sind jedes Jahr die gleichen, Hubert kennt sie alle. Besonders Vera gefällt ihm, das ist die Frau von Herrn Olbricht. Hubert beobachtet sie und die anderen Paare, und in seiner schlichten Art erzählt er von ihnen, von der Mutter, von der Annonce, der Frau, die dann kommt – und von dem Unglück, das über ihn hereinbricht.

Barbara Handke hat ein wunderbar sanftes Buch über einen jungen Mann geschrieben, der ein wenig aus der Welt gefallen ist. Ich möchte keines der abwertenden Eigenschaftswörter benutzen, um ihn zu beschreiben, auch keine Euphemismen, Hubert ist einfach ein wenig langsamer. Doch er ist ein Hinschauer, er ist ein Spürer. Er denkt vor sich hin, er liebt seine Routine. Er hätte es gut im Leben, ließen die anderen ihn einfach in Ruhe. Aber so sind die Menschen, das können sie nicht, sie wollen ihn antreiben, verbessern, normaler machen – zu seinem eigenen Besten, versteht sich.

Sommergäste ist ein kleines, feines, intelligentes Buch, das sich ganz und gar einem besonderen Menschen widmet. Es liegt in der Natur der Sache, dass es ein paar eher zähe Stellen hat, weil die Autorin durch Huberts Erzählsicht eingeschränkt ist und stets in seiner einfachen Sprache bleiben muss – doch das alles gelingt ihr so hervorragend, dass ihre Figur absolut glaubwürdig ist und außerdem recht liebenswert. Ich habe mit Hubert den Kopf geschüttelt, mich mit ihm geärgert und mit ihm gelacht. Eine sehr liebevolle Erzählung, die zum Nachdenken über das Anderssein anregt.

Sommergäste von Barbara Handke ist erschienen bei Edition Überland (ISBN 978-3-948049-01-0, 144 Seiten, 18,50 Euro).

Bücherwurmloch

„In solchen Zeiten muss man wohl immer im Kopf behalten, dass die Hetero-Welt nichts für ihren Mangel an Fantasie kann“
Sie sind schrill. Sie sind laut und bunt und selbstbewusst. Sie sind queer und schwul und trans, sie sind schön. Joseph Cassara erzählt von New York 1980, von Glamour und Armut und Stolz und Tod, er hat ein Buch geschrieben über die LGBTQ-Ballroomszene, die damals im Kommen war, über Ausgrenzung und Verrat, über Gewalt und glitzernde Outfits. Vor allem aber hat er ein Buch geschrieben über die Liebe.

„Aber es ist ja nicht so, als hätten wir nur genug Liebe für einen Menschen in uns. Man kann im Laufe der Zeit mehrere Menschen lieben. Wenn du mich fragst, finde ich, jede Liebe fühlt sich anders an, sieht anders aus, klingt anders.“

Aus der Sicht verschiedener Protagonisten – darunter Angel, die man als Hauptcharakter des Romans bezeichnen könnte – schildert er das Leben in einer Subkultur, in der die schillernden Dragqueens ihre eigenen Regeln erschaffen. Sie lassen sich nicht kleinkriegen.

„Also sage ich immer: Wenn dich die Welt eine Schlampe nennt, spreiz die Beine und vögle und genieße es.“

Sie halten Bälle ab, treten beim sogenannten Voguing gegeneinander an und verteilen Shade. Sie gründen Häuser, denen sie exaltierte Namen geben, sie nehmen junge Männer von der Straße auf und kümmern sich umeinander, sie sind Familien – weil sie keine eigenen Familien mehr haben. Und das ist wichtig, weil sie sich stets in Gefahr befinden:

„Denn es gibt Queens, die kommen her und glauben, sie sind die Größten, weil wir ihnen einen Pokal gegeben haben, aber was kommt dann? Sie gehen nach Hause, und irgendwelche Schwulenhasser prügeln die Scheiße aus ihnen raus? Bitte. Das ist offenkundig nicht ganz ideal.“

Etwas seltsam ist, dass Joseph Cassara sich realer Personen für seinen fiktiven Roman bedient hat – Menschen, die nicht mehr leben und die nicht ihre Erlaubnis geben konnten. Auch vom echten Haus Xtravaganza, das tatsächlich existiert, hat er keine Zustimmung erhalten, dass er über sie schreiben darf – weil er gar nicht gefragt und mit den Mitgliedern des Hauses nicht einmal gesprochen hat. Das hat ihm Kritik eingebracht, es hat auch dazu geführt, dass der Verlag den Titel der deutschen Ausgabe ändern musste. Ich kann es nicht nachvollziehen, weil er ja ganz einfach erfundene Namen und fiktive Charaktere hätte verwenden können, das hätte der Geschichte keinen Abbruch getan. Aus Interesse habe ich im Anschluss an das Buch einige Artikel gelesen, außerdem hab ich mir die Doku „Paris is burning“ angesehen sowie einige Folgen der Serie „Pose“. Wenn ihr mehr über die Ballroom-Szene erfahren wollt, kann ich euch das nur empfehlen.

Auch Angel wird im Buch eine Hausmutter, leider aber nicht mit ihrer großen Liebe Hector. Denn bevor es dazu kommt, stirbt Hector an HIV. Das Virus, das wie ein Schlächter in der Szene wütet, dem sie nichts entgegenzusetzen haben, weil sie nicht wissen, was es ist, bringt sie nacheinander um.

„Die Leute starben wie die Fliegen, nicht durch Gewalt oder Hass, sondern an diesem Virus. Gott. Es war abscheulich. Natürlich hatten wir alle Angst. Todesangst, um Himmels willen.“

Und doch: Solange sie noch am Leben sind, tanzen sie. Sie feiern, sie lachen, sie nähen Kostüme, sie liefern sich spektakuläre Wettkämpfe, sie prostituieren sich, sie lieben.

„Nichts konnte ihnen etwas anhaben. Sie waren lauter als die Liebe. Die Liebe war so laut, dass sie sie nicht einmal mehr hören konnten. Sie konnten sie nur sehen, wie ein Licht, das vorwärtsströmte und sich einen Dreck darum scherte, was sich ihm in den Weg stellte. Da waren sie, er und sein Mann, Hand in Hand, so laut, dass man sie nur noch leuchten sah.“

Das Haus der unfassbar Schönen von Joseph Cassara ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-31925-5, 448 Seiten, 19,99 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Sie fürchtet nicht die Männer, sondern das Alleinsein“
Von außen betrachtet, ist es ein gutes Leben, das Adèle führt: Sie arbeitet bei einer Zeitung, ihr Mann ist Arzt, sie wohnen in einem schicken Viertel in Paris und haben einen süßen Sohn. Adèle ist aber nicht zufrieden und glücklich schon gar nicht, sie hätte gern mehr. Mehr Aufmerksamkeit, mehr Bestätigung, mehr Sinn, mehr Sex. Sie schläft wahllos mit Männern, auch ungeschützt, sie tut es nicht unbedingt aus Gründen der Geilheit, sondern für den Egokick. Der aber nie so richtig einsetzt, der aber immer zu klein bleibt, weshalb sie erneut danach suchen muss. Es ist ein Spiel, freilich ist es das, Adèle ist die Jägerin und gleichzeitig die Beute. Sie möchte frei durch die Nacht treiben, tun können, was immer sie will, gleichzeitig wünscht sie sich, getragen zu werden, einen Anker zu haben. Sie ist rastlos, ruhelos, sie hasst die Menschen, die Welt, am meisten sich selbst. In die Mutterrolle kann sie sich nicht einfinden, nicht so, wie die Gesellschaft es von den Frauen verlangt, die aufgehen sollen darin.

„Lucien ist eine Last, eine Verpflichtung, an die sie sich einfach nicht gewöhnen kann. Adèle könnte nicht sagen, wo im Knäuel ihrer Gefühle sich die Liebe zu ihrem Sohn verbirgt. Irgendwo zwischen der Panik, ihn anderen anvertrauen zu müssen, der Gereiztheit, wenn sie ihn anzieht, der Erschöpfung, wenn sie seinen störrischen Buggy eine Steigung hochschiebt. Sie hat keinen Zweifel daran, dass die Liebe da ist. Eine unbeholfene Liebe, Opfer des Alltags. Eine Liebe, die keine Zeit für sich findet.“

Leïla Slimani hat ein Buch geschrieben, das als radikal und provokativ bezeichnet wird. In Wahrheit ist es einfach nur ehrlich. Es beschreibt Frauen, wie Frauen nun mal sind – nur wollte das in der Vergangenheit niemand hören. Es gäbe viele Bücher dieser Art, nur wollte sie auch niemand publizieren. Jetzt sind die Zeiten anders, jetzt mögen wir den Aufschrei, er ist medienwirksam und verkauft sich gut. Aber sagen wir doch, wie es ist: Frauen ficken herum, so what. Sie tun Dinge, die offiziell nur Männer tun, und davon überrascht zu sein, ist inzwischen bloß noch langweilig. Get over it! Sie sind deshalb nicht zerrissen, wie man so gern sagt, sie sind auch nicht innerlich leer, niemand würde das je über einen Mann sagen. Leïla Slimanis Roman dagegen ist alles andere als langweilig, er ist sehr gut. Weil die französische Autorin mit marokkanischen Wurzeln, die bereits mit ihrem Bestseller Dann schlaf auch du international die Leser begeistert hat, prägnant und gefühlsgenau schreibt. Sie hat keine Angst vor dem Unbequemen, und das macht ihre Bücher so messerscharf.

Noch besser, radikaler und interessanter hätte ich es gefunden, wenn Leïla Slimani bei Adèle geblieben wäre, die Geschichte aus ihrer Sicht zu Ende gebracht hätte. Wenn sie nicht die klassischen Gründe und Ausflüchte aufs Tapet gebracht hätte – eine schwierige Kindheit, eine lieblose Mutter – und wenn sie nicht gekippt wäre in die 08/15-Erklärung, dass eine Frau, die mit so vielen Männern schläft, natürlich krank sein und nach Heilung streben muss. Das hat der intensiven Geschichte in meinen Augen einen Dämpfer verpasst, aber ich weiß, das sieht nicht jeder so – in anderen Besprechungen war die Rede davon, wie großartig der Wechsel sei und wie nachvollziehbar die psychologischen Hintergründe. Adèle ist mit Sicherheit eine Protagonistin, mit der man sich nicht identifizieren kann oder will, und deshalb ist All das zu verlieren das Gegenteil von Wohlfühlliteratur. Was es in meinen Augen umso lesenswerter macht.

All das zu verlieren von Leïla Slimani ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87553-8, 225 Seiten, 22 Euro).

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Stellt euch vor, jemand würde euch von einem Alptraum erzählen, den er hatte. Da sei eine Krankheit ausgebrochen, würde er sagen, ein Virus, Ebola, ausgelöst durch eine Suppe, die in einem Flüchtlingsheim gekocht und serviert wurde, ein Hundebein und ein Frauenfuß seien angeschwemmt worden am Seeufer, und außerdem habe es da noch Vampire gegeben. Vampirmädchen, um genau zu sein, die in einem Horrorfilm mitspielten, eh klar, und dann sei da noch was gewesen mit lesbischem Sex, aber … hm, daran kann sich der Träumende nicht mehr erinnern. Vermutlich würdet ihr lachen, denn ein Alptraum ist nun einmal verrückt, nicht wahr, keiner kann sich erklären, was da wirklich abläuft im Kopf, und vielleicht würdet ihr euch fragen, was ihr bitte für Leute kennt, die sowas träumen, und genau so ist es, Monster von Kurt Palm zu lesen.

Der österreichische Autor, der für den großartig verfilmten Bestseller Bad Fucking verantwortlich ist, hat mal wieder so richtig auf die Kacke gehauen, und ich bewundere ihn dafür, dass ihm alles wurscht ist. Trash as trash can, scheint sein Motto zu sein, und während man sich noch denkt: Also, Kurt, das kannst du doch jetzt nicht machen, wird einem schon klar: Der Kurt, der kann das. Der tut, was er will, und auf irgendwelche Regeln pfeift er sowieso. Er erzählt auch nicht alles fertig – wenn er keine Lust mehr hat, lässt er eine Figur verschwinden oder einen Handlungsstrang einfach auslaufen. Seine Charaktere beschreibt er gnadenlos direkt:

„Der Investor Alexander Prix war eine Drecksau vor dem Herrn.“

„Mit seinem rotkarierten Stofftaschentusch wischte er sich die Tränen aus den Augen. Dabei blieben ein paar Rotzreste an seinen buschigen Augenbrauen hängen. Bei näherer Betrachtung hätte man allerdings bemerkt, dass es sich bei der Substanz nicht um Rotz, sondern um Spermien handelte. Wie jeden Morgen hatte Gstöttner heimlich auf dem Hochstand in sein Taschentuch onaniert und mit seinem Gegrunze das ganze Wild verscheucht. Nur ein paar Wildschweine waren angetrabt gekommen, weil sie dachten, ein Artgenosse hätte etwas Interessantes entdeckt.“

Sehr österreichisch ist das, ein bisserl vulgär und deswegen lustig. Wie überhaupt das ganze Buch, bei dem man immer wieder, so grausig die Ereignisse auch sein mögen, lachen muss:

„Hans Gstöttner stand in seiner Jägertracht vor dem Gratis-Badetuch des Let’s-do-it-Fachmarkts Krautschneider und Eberhard, auf dem der abgetrennte Frauenfuß und das Hundebein lagen. Gertrude Pixner wusste, dass sie das Badetuch nie wieder verwenden würde. Ein paar Schmeißfliegen hatten sich auf den Frauenfuß gesetzt, um dort ihre Eier abzulegen. Das Stillleben sah aus wie die Werbung für ein veganes Restaurant.“

Ich kann mir nicht helfen, ich hab bei der Beschreibung das Bild sofort haargenau vor Augen. Es ist bissig, dieses Buch, es ist politisch, es ist grotesk. Und auch wenn ich mit diesen Augen immer mal wieder gerollt habe, weil es halt schon unglaubwürdig ist, was da so passiert in diesem Alptraum, weil es gestört ist und keinen Sinn ergibt, hat Monster mich sehr gut unterhalten. Ich hatte Spaß beim Lesen, das passiert mir ja eher selten, und ein bisserl Ehrfurcht auch: Einmal so wild schreiben wie der Kurt, einmal so mit allen Erwartungen brechen und richtig die Sau rauslassen.

„Drehen jetzt alle durch? Ein Monsterfisch, der wahllos Leute tötet. Ein Millionär, der einem Ritualmord zum Opfer fällt. Zwei russisches Statistinnen, die vermisst werden. Eine Innenministerin, die auf mysteriöse Weise verschwindet. Wer denkt sich denn sowas aus?“

Tja nun.

Monster von Kurt Palm ist erschienen bei Deuticke (ISBN 978-3-552-06394-5, 304 Seiten, 21 Euro).

Bücherwurmloch

Mareike
Ethnie: europäisch
Gesundheit: erstaunlich robust
Politische Neigung: resigniert
Verwertbarkeit als Konsumentin: mittel
Intelligenz: durchschnittlich
Aggressionspotenzial: mehr innerlich, weil Frau

Da sitzt sie wieder und liest. Sie spritzt sich die Bücher wie Stoff, deswegen nutzen sie sich ab, das High wird immer kleiner, seltener, sie betäubt sich mit Büchern, es hilft nicht. Die Welt ist immer noch dieselbe. Draußen ist die Welt noch dieselbe und in den Büchern auch. Die Menschen sind nicht in der Lage, eine andere Welt zu erschaffen. Manchmal liest sie das, was Sibylle Berg schreibt, und dann möchte sie sich mit den Papierseiten ins Herz schneiden, weil in den Büchern von Frau Berg gibt es keine
Liebe
Hoffnung
Leichtigkeit
da gibt es nur Sehnsucht.

„Wenn Menschen die Gelegenheit bekommen, andere zu quälen, werden sie es tun. Wenn sie die Gelegenheit bekommen, dem anderen etwas wegzunehmen, werden sie es tun.“

Manchmal wacht sie morgens auf und bleibt liegen, schon erschöpft allein, weil sie aufgewacht ist und alles noch da ist. Wie man sich halt wünscht, es wäre anders, aber das ist es nie, und sie lebt vor sich hin, wie alle es tun, wird dabei älter und weiser nicht, auch nicht weniger sehnsuchtsvoll oder weniger bedürftig.

„Vierzig ist das Älteste, was Don sich vorstellen kann. Es muss schrecklich sein. Es muss sein wie tot.“

Es ist grausig, bedürftig zu sein, aber die Menschen sind so, sie verstecken sich hinter Aggression, hinter Sarkasmus und Stacheln, und dabei sind sie nichts als weich. Das ist traurig, genau wie es traurig ist, dass es Kinderprostitution gibt und Mädchen mit toten Augen, dass Plastik im Meer schwimmt und sich im Internet Trolls tummeln, die im Schlafzimmer keinen hochkriegen. Dass Männer anders sind als Frauen, erzeugt auch Traurigkeit, eine riesige Menge davon, keine Brücken können die Geschlechter schlagen zueinander, also hauen sie zu. Und wen interessiert das schon, alle scrollen und suchen etwas, das blinkt, suchen etwas, das sie ablenkt vom Elend, das das Leben ist.

„… kommt man sehr schnell zu dem Schluss, dass es kaum etwas Lächerlicheres gibt als Meinungen oder Lebensentwürfe oder – egal – Leute. Mit ihren sogenannten Bestrebungen und ihren Wichtigkeiten. Ihren Gesprächen und Aktionen, die aber doch hauptsächlich daraus bestehen, dass die Menschen irgendwohin scheißen. Ich kann keinen ernst nehmen.“

Mareike geht nicht oft raus, abends, nachts, sie hat Kinder und ist angebunden, wie man metaphorisch sagt, obwohl es gar nicht metaphorisch ist, aber wenn, dann muss etwas passieren, damit das Leersein im Kopf aufhört, damit da ein Erlebnis hineinkommt und ein Gefühl. Tanzen, ja.

„Da hat sich nie etwas geändert an diesen Orten, die immer zu laut für jeden sind, um die Peinlichkeit zu übertönen, die die Suche nach Paarungspartnern mit sich bringt. Laut, damit man den Angstschweiß nicht riecht. Laut, damit man nicht darüber nachdenkt, was man hier tut. Tanzen, ja, nun. Klar. Lebensfreude. Aber wie bitte sieht das aus. Dieses steife Sich-Bewegen, Sich-unter-Beobachtung-Fühlen.“

Überall die Menschen, sie gehen nicht weg. Sie sind da mit ihren Fehlern und ihren Gerüchen, mit ihren grausamen Ideen und ihrer weichen Bedürftigkeit. Sie sind da und altern und sterben und kommen neu, kommen immer wieder, kommen vermehrt, sterben nie aus oder vielleicht einmal doch.

„Jung sein heißt das Chaos nicht sehen, in dem man lebt, weil da kein Vergleich ist. Kein Bedürfnis vorhanden ist, sich mit einem pathologischen Putzzwang von seiner toxischen Menschlichkeit zu reinigen.“

GRM. Brainfuck von Sibylle Berg ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-05143-8, 640 Seiten, 25 Euro).

Bücherwurmloch

„You’re on Planet Earth until you’re dead. Everything between now and then is survival“
Ich werde jetzt nicht so tun, als könnte ich den Inhalt dieses Buchs wiedergeben. Niemand kann das, denn dieses Buch ist crazy. Es hat keine Storyline, keine Kohärenz und die Handlung? Good  God. Jarett Kobek gab schon in I hate the internetallzu gern zu, dass er gar nicht schreiben kann. Das hat sich nicht geändert. Zwischen dem Überraschungsbestseller, den auch ich großartig fand, weil er so herrlich böse, entlarvend und witzig war, und diesem neuen „Roman“ hat er ein Buch geschrieben, das niemand gekauft hat – auch ich habe nie davon gehört. Und weil er selbstironisch ist, macht Jarett Kobek sich darüber lustig. Genau wie über die Tatsache, dass er sexuell belästigt, im Internet beleidigt und von so vielen Menschen öffentlich verspottet wurde.

Dazwischen schreibt er über Donald Trump, die Intelligenzija, die Tatsache, dass alte weiße Männer mit dem Hype um #metoo Milliarden verdient haben, und geheime Kriege, die von den Medien verschwiegen werden. Verwoben wird das alles mit der Geschichte von Celia, der Königin eines magischen Feenlandes, in dem nur Frauen leben. Celia liebt es, mit Männern zu schlafen, was schwierig ist, weil es keine Männer in ihrem Land geben darf, die werden alle abgeschlachtet. Ab und an reist Celia in die „echte“ Welt, meistens aber nur, um ihre Tochter Fern zu suchen – also alle paar Jahrhunderte. Dadurch hat Jarett Kobek eine Figur, die die Gepflogenheiten dieser Gesellschaft nicht kennt und durch deren Augen er ausgezeichnet zeigen kann, wie absurd alles ist.

Und absurd, ja, ist auch dieses gesamte Ding von einem Buch. Verstehen kann man es nicht, einen größeren Zusammenhang braucht man nicht einmal zu suchen. Man kann es einfach häppchenweise konsumieren, sich drauf einlassen, sich amüsieren – sofern einem das Lachen nicht im Hals stecken bleibt. Jarett Kobek ist auf unangenehme und schockierende Weise ehrlich. Er bringt das, was niemand ausspricht, auf den Punkt – und reitet auch noch drauf herum. Freilich ist das zum Teil sehr anstrengend, und ich finde Only Americans burn in hell bei Weitem nicht so gelungen wie I hate the internet. Trotzdem hatte ich beim Lesen augenöffnende Momente – und gelacht hab ich auch. Ein bisschen.

Bücherwurmloch

Seit 2009 gibt es diesen Literaturblog, und in diesen 10 Jahren habe ich exakt 1000 Beiträge geschrieben. Unglaublich, aber wahr – und ein Grund zum Feiern! Deswegen könnt ihr ausnahmsweise mal was gewinnen. Einmal in zehn Jahren ist das okay, denke ich. Tausend Dank an die Verlage, die mir zehn Titel zum Verlosen zur Verfügung gestellt haben – darunter aktuelle Romane aus dem Frühjahrsprogramm, aber auch Lieblingsbücher von mir. Aus dieser schönen literarischen Mischung könnt ihr 1 Buch pro Person gewinnen, und die Gewinnspielmechanik funktioniert so:

Such hier in den 1000 Beiträgen (die Suchfunktion ist in der Leiste rechts) nach deinem Lieblingsbuch.

a) Ich hab es gelesen? Dann poste das unter #10jahrebücherwurmloch oder #1000lieblingsbücher auf Instagram und tagg mich, damit ich es finde.

b) Ich hab es nicht gelesen? Dann poste das auch und fordere mich auf, mich deinem Lieblingsbuch zu widmen. Benutz  #10jahrebücherwurmloch oder #1000lieblingsbücher, tagg mich und schreib kurz dazu, warum ich es lesen sollte. Die drei Bücher mit der witzigsten, sinnvollsten oder schrägsten Erklärung lese ich dann tatsächlich.

Für das Gewinnspiel ist es nicht relevant, ob ich dein Lieblingsbuch kenne oder nicht – alle, die unter dem Hashtag #10jahrebücherwurmloch oder #1000lieblingsbücher einen Beitrag posten, hüpfen in den Lostopf und haben die Chance auf eins von zehn Büchern. Diese werden nach dem Zufallsprinzip verlost (ihr dürft natürlich einen Wunsch äußern oder anmerken, welches ihr schon kennt). Der Einfachheit halber findet das Gewinnspiel auf Instagram statt, weil ich es dort am besten überblicken kann (und sich ohnehin der meiste traffic dorthin verlagert hat).

Geil, oder? Find ich auch. Und jetzt macht mit, ihr süßen Nasen! Teilen dürft ihr es natürlich auch gern. Ich bin sehr gespannt auf eure Lieblingsbücher – und auf die Trefferquote bei 1000 Beiträgen (ja, sorry, ich kann es nicht oft genug sagen).

Und diese 10 Titel gibt es zu gewinnen:
– Nell Leyshon: Der Wald (Eisele Verlag)
– Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall (Diogenes)
– James Baldwin: Von dieser Welt (dtv)
– Jennifer Clement: Gun Love (Suhrkamp)
– Kathleen Collins: Nur einmal (Kampa)
– Ada Dorian: Die Zähmung der Tiere (Ullstein)
– John von Düffel: Wassererzählungen (Dumont)
– Radka Denemarková: Freude (Hoffmann & Campe)
– Demian Lienhard: Ich bin die, vor der mich meine Mutter gewarnt hat (Frankfurter Verlagsanstalt)
– David Schalko: Schwere Knochen (Kiepenheuer & Witsch)

Bücherwurmloch

„Es wird immer Menschen geben, die man berühren kann und die einen auch berühren“
Yrsa Daley-Ward ist noch am Leben. Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, was ihr alles passiert ist, was für eine Kindheit sie hatte, wie oft sie nah dran war, einfach aufzugeben – abzurutschen, nicht mehr weiterzumachen. Yrsa Daley-Ward ist schön. Sie ist Model, Autorin und Dichterin, sie hat eine Stimme. Und sie erzählt: von der Mutter, die sie nicht großgezogen hat, die es vielleicht wollte, aber nicht konnte, die sie deshalb zu den Großeltern gegeben hat, die viel zu streng und viel zu lieblos waren. Von ihrem Bruder, mit dem sie später kaum spricht, obwohl sie einander lieben, der abstürzt wie Yrsa selbst. Von dem Wunsch nach mehr, nach Geld, nach Ruhm, nach der eigenen Bedeutung, die kaum vorhanden zu scheint, begraben unter Perspektivenlosigkeit und Armut. Von Verlust und Tod und Drogen und Liebe, von Alkohol und Sehnsucht.

„Diese tickende Bombe von einem Körper. Man versucht, sein Leben zu leben, arbeitet für die Kinder, hetzt sich ab, schwitzt, vögelt, arbeitet und arbeitet, will geliebt werden, kriegt Kinder und arbeitet und lernt und schläft und spart, und am Ende muss man trotzdem gehen.“

Dies ist ein merkwürdiges, denkwürdiges Buch, ganz anders, als ich es erwartet habe. An manchen Stellen ist es poetisch, sogar magisch, an anderen dumpf und nüchtern. Yrsa Daley-Ward hat versucht, ihre eigene Lebensgeschichte in eine lyrisch anmutende Form zu gießen, das ist nicht zur Gänze gelungen, aber doch in großen Stücken. Sie berichtet offen und ehrlich, auch von Dingen, bei denen man sich beinahe krümmt, wenn man sie liest – vor Mitgefühl, vor Scham. Letzten Endes ist dies ein Überlebensbericht. Denn dass Yrsa noch am Leben ist, das ist erstaunlich.

„Du kannst nicht weglaufen vor dem, was du bist. Ob du willst. Oder nicht. Was du bist, steckt tief in dir, ist tief in dich eingedrungen. Du und das, was du bist, ihr habt viele Namen. Wo auch immer du dich befindest, alles, was passiert ist, holt dich ein.“

Alles, was passiert ist von Yrsa Daley-Ward ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-05067-2, 240 Seiten, 20 Euro).

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„Es ist eigenartig, jemanden zu lieben, der sich dabei so ungeliebt fühlt“

„Ich glaube an die Kraft handgeschriebener Texte. Schreiben ist Zeichnen, das hat Paul Klee gesagt, oder? Und es frischt das Gedächtnis auf. Wer schreibt, hinterlässt Spuren.“

Also schreiben sie, allen voran Boris: Ihm wurde von seinem Therapeuten dazu geraten. Per Brief nimmt er Kontakt mit seiner Familie auf, mit der er gebrochen hat. Er befindet sich in einem Scheidungskrieg, seine beiden halbwüchsigen Söhne dürfen oder wollen ihn nicht sehen. Er hegt unglaublich viel Groll, und er lässt ihn in seine Briefe fließen. Die Geschwister und Eltern antworten ihm, sie schreiben auch einander und geben dabei Einblick in das, was passiert ist – und wie sie jeweils unterschiedlich damit umgehen.

Um wirklich in die Tiefe gehen zu können, dazu ist Gérard Salems Buch ein wenig zu dünn. Er lässt einige Familienmitglieder zu Wort kommen, auflösen können sie selbstverständlich nichts – wie auch? Sie schreiben sich aus der Ferne, sie kratzen an den Krusten, die sich in den vielen Jahren über die Verletzungen gelegt haben, sie haben alle ihren Standpunkt, von dem sie nicht abweichen. Der Therapeut von Boris steht in Verbindung mit Boris’ Schwester und gibt ihr Anweisungen, wie sie sich zu verhalten haben – das wirkt auf mich reichlich bemüht und künstlich. Was eigentlich eine gute Idee ist, nämlich in Briefform den familiären Geheimnissen auf die Spur zu kommen, verliert sich leider in Schimpftiraden, aufgewärmten Vorwürfen und seltsam uninteressanten Alltagsbeobachtungen. Was ist das für eine Familie, um die es hier geht? Eine ganz normale Familie. Mit ganz normalen Problemen, Eifersüchteleien, Entzweiungen. Und das mag zwar einerseits realistisch sein, ist aber in einem literarischen Werk letztlich auch heillos banal. Ein Buch, das man schnell gelesen hat und bei dem man mit Sicherheit das eine oder andere Mal schmunzeln muss, das aber keinen bleibenden Eindruck hinterlässt.

Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst von Gérard Salem ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-8375-2, 206 Seiten, 20 Euro).

 

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„Jeder weiß, dass er sterben muss und vergisst es wieder und vertrödelt seine Zeit auf der Erde“
Ein Buch über den Holocaust, ein Buch über Auschwitz. Ein Buch über Gräuel, so gewaltig, dass man sie sich nicht vorstellen kann, dass das tatsächlich geschehen ist, weil es den Verstand übersteigt und das Herz sowieso. „In diesem Buch sind Taten beschrieben, zu denen ein Mensch nicht fähig sein sollte“, sagt Margarete Mitscherlich im Nachwort, „der Roman beschreibt Menschen, die mit makabrem Witz, Humor, Zynismus, Verdrängung, zwanghaftem Erzählen-Müssen und nicht abzustellenden Assoziationen – Rampe, Gas, Schornstein, Stacheldraht – versuchen, das Leben nach Auschwitz zu meistern.“ Das trifft es sehr gut, und das IST auch sehr gut. Monika Held hat einen Weg gefunden, von einem Leben zu erzählen, das nur noch ein halbes ist, ein Viertel vielleicht, einem Leben, das sein Ende hätte finden sollen, aber nicht tat. Wie kann man, wenn man dem größtmöglichen Elend dieser Welt in die Seele geschaut hat, noch einmal lieben? Wie kann man glauben, wie kann man lachen?

„Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein, dafür war er am Leben geblieben.“

Heiner wird nach Auschwitz gebracht, weil er Kommunist ist, und als er später aussagt beim Prozess gegen die Nazis, trifft er auf Lena.

„Liebe kann man nicht erklären.
Versuch es.
Liebe, sagte Lena, ist wie Luft. Du siehst sie nicht, aber du atmest sie ein. Du kannst sie greifen und hast nichts in der Hand.“

Sie verlieben sich, und Lena zweifelt. Nicht an der Liebe zweifelt sie, sondern an ihrer eigenen Fähigkeit, mit Heiner zu leben. Weil er zutiefst zerstört ist, von innen nach außen gekehrt, eine Erinnerung von einem Mann. „Schau, Lena“, sagt er wieder und wieder und wieder, und dann führt er sie in Dunkelheiten, aus denen sie nicht entkommt. Er kann nicht arbeiten, nicht schlafen, er isst mit einer Getriebenheit, die erbarmt, er wird und soll und darf nicht schweigen über das, was er gesehen und erlebt hat. Und doch. Wie hört man zu, zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang? Wie erträgt man das Dunkle, den Schmerz, das Grauen?

„Heiner, flüsterte Lena, wo in euch ist das Archiv, in dem ihr die Erinnerungen aufbewahrt? Ihr verändert die Geschichte, ihr schreibt sie um, ihr erzählt sie jedes Mal anders, merkt ihr das? Wenn ich einen Text, der mich zum Weinen bringt, zehn mal lese, kommen keine Tränen mehr – ist das der Grund, warum ihr die Geschichten verändert? Macht ihr es nicht für die anderen, sondern für euch? Wollt ihr eure Trauer retten?“

Ich bin lange um dieses Buch herumgeschlichen, denn ich wusste – natürlich –, dass es mir wehtun würde. Ja, ich habe geweint. Ja, es gab Momente, in denen ich dachte, ich müsste mich gleich übergeben. Ich habe viel gelesen über den Holocaust, ich werde es auch weiterhin tun, eine Abstumpfung stellt sich nicht ein. Zum Glück, denn das ist das Letzte, was passieren darf – dass wir abstumpfen gegenüber der Vergangenheit, die uns immer noch in den Knochen sitzt.

„Als wäre die Strecke eine Einbahnstraße, fuhr immer nur Lena nach Wien, nie Heiner nach Frankfurt. Mein Schatz, schrieb er, in Dein Land zu kommen und durch Deine Stadt zu laufen, ist wie Geisterbahn fahren. Ich weiß nie, aus welcher Ecke mich der Teufel anspringt.“

Mit vierzehn war ich in Mauthausen, ich bin die Todesstiege hinuntergegangen und wieder hinauf, ich habe Baracken gesehen und Bilder und Stofffetzen und Lampen mit Menschenhaut. Ich war danach nicht mehr dieselbe, und ich werde es nie mehr sein. Und das, obwohl ich nur Erinnerungen betrachtet habe, nur Spuren. Wie muss es gewesen sein, dort zu (über)leben? Zuzusehen, wie Menschen erschlagen, gefoltert, verhöhnt und zerprügelt werden? Wie kann man noch Mensch sein danach, wie kann man noch zur selben Spezies gehören wie diese Ungeheuer? Wie kann man noch lieben – und Liebe annehmen?

„Liebster Schatz, schrieb Lena, wir haben zwei Karten für die Geisterbahn gelöst, vergiss das nicht.
Mein Schatz, schrieb Heiner, die Frage ist dumm, ich frage trotzdem: Wie kannst Du einen wie mich lieben?
Lena ging mit der Sprache strenger um als Heiner. Ich liebe nicht einen wie Dich, ich liebe Dich.“

Ich weiß es nicht. Ich werde nicht sagen, dass Liebe stärker ist. Und Monika Held sagt das auch nicht. Sie zeigt, wie schwer es ist, unmöglich fast. Sie zeigt, wie weh es tut, immer noch, jeden Tag, durch all die Jahre. Und trotzdem.

„Das Paar war in der Nacht von Stille und Frieden umgeben. Wenn man Liebe sehen könnte, läge sie in diesem Bett.“

Es geht um die absolute Entwürdigung. Um das Ende. Und gleichzeitig um die absolute Liebe. Um einen neuen Anfang. Es geht um den Tod von Millionen Menschen. Und um die Pflicht von uns allen, wider das Vergessen zu kämpfen.

„Immer dieses verfluchte Auf Wiedersehen, sagte Heiner. Wo denn, mein Freund, in welchem Land, an welchem Grab?“

Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held ist erschienen bei Eichborn/Bastei Lübbe (ISBN 978-3-404-17626-7, 271 Seiten, als Taschenbuch 11 Euro).