Bücherwurmloch

„Es war einer dieser Abende, die mich nachdenken ließen, ob es nicht besser wäre, wieder mit mir selbst zu sein“
Ruth hat vor vier Jahren ihren Mann verloren und herausgefunden, dass er eine Affäre hatte. Der Möglichkeit beraubt, ihn mit diesem Wissen zu konfrontieren, musste sie sich allein ihrer Wut und ihrer Trauer stellen. Ihr größerer Sohn ist aus dem Haus, der jüngere wird es bald sein, Ruth arbeitet als Drehbuchautorin, hat manchmal Dates und hat sich im Großen und Ganzen arrangiert. Doch dann kommen anonyme Nachrichten bei ihr an, die sie beschimpfen und verspotten, wer auch immer sie schreibt, kennt beängstigend viele Details aus Ruths Leben und schickt die vulgären Verleumdungen auch an alle Menschen in Ruths Umfeld: ihre Freundinnen, ihre Arbeitgeber, ihren Sohn. Am Anfang versucht sie, die Messages zu ignorieren, dann ist sie davon überzeugt, die Geliebte ihres verstorbenen Mannes müsse dahinterstecken. Doch als die Nachrichten immer bedrohlicher werden und Ruths Freundeskreis immer verständnisloser reagiert, wird klar, dass verbale Gewalt eben genau das ist: Gewalt.

Doris Knecht hat einen beklemmenden, fesselnden, sehr klugen Roman geschrieben, der daherkommt wie ein literarischer Thriller, in seinem Kern aber zutiefst feministisch ist. So gut wie jeden Tag sehe ich im Internet Screenshots von Chats, in denen Männer Frauen beleidigen, sie herabwürdigen, sie aufs Übelste beschimpfen – es geschieht so oft, es wirkt fast schon normal. Das macht es aber nicht weniger gewalttätig, das macht es nur umso schlimmer, denn diese misogyne Hatespeech zieht sich durch alle digitalen Bereiche – und Männer sind Verfasser solcher Nachrichten, niemals Empfänger. Was aber, wenn der betroffenen Frau nicht geglaubt wird? Wenn sie die Erfahrung macht, dass alle denken, sie sei selbst schuld? Hätte sie nicht dies oder jenes getan! Victim Shaming gibt es nicht nur bei körperlicher Gewalt, und Doris Knecht erzählt diese Geschichte so intelligent und überlegt, so raffiniert, ich konnte nicht aufhören zu lesen und habe das Buch an einem Abend bis in die Nacht hinein inhaliert. Ich finde es gut und wichtig, dass sie sich diesem Thema gewidmet hat, dass sie es aufbereitet und durchleuchtet und gezeigt hat: Das kann jede treffen, keine ist davor gefeit. Und keine ist selbst schuld. Es ist das System, das uns nicht schützt, es ist das System, das uns zu Freiwild macht, zum Abschuss freigibt – wer auch immer auf uns schießen will, kann das ungestraft tun. Und das muss sich dringend ändern. Ein absolut lesenswertes, richtig gutes Buch aus österreichischer Feder!

Die Nachricht von Doris Knecht ist erschienen bei Hanser Berlin.

Bücherwurmloch

„Eine Familie ließ sich so leicht nicht loswerden“
Johannes ist geschwommen auf seiner Flucht nach Rumänien, durch die Donau, allein. So hätte es nicht sein sollen, David hätte mitkommen sollen, stattdessen hat Johannes sich ohne ihn auf den Weg gemacht, hat ohne ihn ein neues Leben begonnen. Es geht ihm gut jetzt, ein paar Jahre später, er hat eine beste Freundin und Arbeit, er ist Hörgeräteakustiker und immer noch erscheinen ihm viele Annehmlichkeiten im Westen wie kleine Wunder. Und dann muss er zurück. Dann kommt die unvermeidliche Nachricht, der Vater ist gestorben, und Johannes reist zum ersten Mal in die entgegengesetzte Richtung, in das Land, das er verlassen hat, zu der Familie, der er ausweichen wollte, zu der Frage, wo dieser Mann geblieben ist, den er nicht vergessen kann.

Nadine Schneider, die mit zahlreichen Preisen bedacht ist und dieses Jahr so mutig war, in Klagenfurt zu lesen, hat einen Roman geschrieben über einen, der geflohen ist und dabei mehr verloren hat als seine Heimat. Das Motiv ist altbekannt: der junge Mensch, der das Land verlässt, der junge Mensch, der in das Land zurückmuss. Wie immer ist es ein Todesfall, der das neu aufgebaute Leben durcheinanderwirft, der die Rückkehr erzwingt, und so gondelt der Protagonist mit dem ausgeliehenen Auto durch die Dörfer auf der Suche nach dem einen, aus dem er kommt. Schön finde ich die groß angelegte Metapher des Gehörverlusts, die sich durch das gesamte Buch zieht, einerseits weil Johannes schwerhörigen Menschen hilft, andererseits, weil der Vater durch den Hörverlust ins Stolpern kam, und letztlich, weil Johannes selbst Probleme hat, zu hören, was gesagt wird. Wie viel von dem, was wir wahrnehmen, möchten wir lieber nicht hören? Und was gab es unter Ceaușescu alles, was niemand hätte hören dürfen? Die Auflösung, was mit David geschehen ist, ist ebenso logisch wie brutal. Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne und sehr sprachsicher erzählt Nadine Schneider eine Geschichte, die schon hundertfach erzählt ist, die aber an zeitloser Relevanz behält: weil unzählige Menschen Gewässer durchqueren auf der Suche nach einem besseren Leben, weil mein eigener Großvater einst durch die Mur geschwommen ist auf der Flucht vor Titos Regime, weil wir mehr Verständnis brauchen für diese Biografien. Und weil es irgendwann keine Liebe mehr geben soll, die „nicht sein darf“.

Bücherwurmloch

„This did not feel like real life, exactly, but nowadays what did?“

„What’s it like to have a child right now?“
„Oh it’s great! Everything’s on fire, so you no longer have to worry about doing a good job.“

Das trifft die Stimmung ganz gut, und da wären wir auch schon direkt beim Thema: Dieses Buch ist hochgradig zeitgeistig, es ist ein Buch über das Internet und alles, was wir im virtuellen Traum tun. Das Internet heißt in Patricia Lockwoods Roman portal, das Land wird beherrscht von einem nicht näher benannten Diktator, und dann erzählt sie auf 200 Seiten in vielen Kurz- und Kürzestepisoden von Fußfetischisten und witzigen Wortspielen, von Cancel Culture und einem sterbenden Baby. Das ist hart und wahr und überzogen und schräg, es ist lustig und entlarvend und anstrengend und nervtötend.

„Despite everything, the world had not ended yet.“

Die Autorin, die für gewöhnlich Lyrik schreibt, hat einen ganz eigenen und vor allem eigenartigen Zugang zum Internet gefunden: Sie beschreibt es auf eine so poetische, verlorene, mystische Weise, dass man manchmal das Gefühl hat, das sei Fiktion, so eine digitale Welt gebe es gar nicht. Aber alles davon, so weird es auch ist, ist dem Internet zuzutrauen. Inhaltlich hat der Roman – den ich wegen der fast schon zusammenhangslosen Handlung kaum so nennen mag – viele Überschneidungen mit „I hate the internet“ von Jarett Kobek, der Ton könnte jedoch gar nicht unterschiedlicher sein. Wo Kobek sarkastisch ist, ist Lockwood sanft, wo er anklagt, gibt sie den Lesenden zu denken. Am Anfang mochte ich „No one is talking about this“ sehr gern, hab mich durchschaut gefühlt und diesen distanzierten Blick auf etwas, in dem wir alle gefangen sind, sehr gefeiert, dann habe ich irgendwann eine Struktur, eine Richtung vermisst, und im letzten Drittel, als alles völlig ausfranst, hat mir das sterbende Baby den Rest gegeben, das fand ich zu viel des Guten. Was bleibt also zu sagen? Dass dies ein ganz besonderes Buch ist, auf jeden Fall, mit vielen scharf beobachteten Elementen, die die berechtigte Frage stellen, ob wir diese Erfindung, die wir da haben, wirklich zum Besten nutzen – oder nicht einfach nur zu viel dummen Scheiß damit machen.

„Actually, she knew all about foot fetishes because a celebrity foot fetishist had once slid into her private messages and asked to buy a pair of her used sneakers for $300. She considered the preposition and then sent an old pair of Converse to him, taking secret pleasure in the fact that they wouldn’t smell like anything, because she hardly ever moved.“

 

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„Die Abtreibung verursacht einen Schmerz, mit dem man nicht eins sein kann“
Henriette muss sich fangen. Ihre Freundin Paula nimmt sie mit in eine Hütte in Bayern, wo sie für sie kocht, mit ihr Yoga macht, sie umsorgt, immer im Bestreben, für Henriette da zu sein. Dabei hat sie selbst genug Probleme, vor allem mit ihrem On-off-Freund, der auch für ein paar Tage zu Besuch kommt. Aber die Freundschaft zwischen den beiden Frauen ist eine Einbahnstraße, Henriette ist umgekehrt nicht für Paula da. Sie ist ein unglaublich unentschlossener Mensch, hängt nach Jahren der Tatenlosigkeit an der Uni fest, obwohl sie ihre Promotion über Werwölfe gar nicht mehr schreiben will, hat keinen Plan und keine Perspektiven.

„Meine eigene Unentschiedenheit war mir unangenehm, mir fiel einfach keine Geschichte ein, mit der sich meine Existenz erklären ließ.“

Das Baby, das Henriette abgetrieben hat, war von einem verheirateten Mann, und was zwischen den beiden geschehen ist, bleibt im Dunkeln. Henriette ist also jemand, der keine oder falsche Entscheidungen trifft, nur reagiert und nie agiert, bis sie am Ende etwas unerwartet Krasses tut, das sie völlig aus ihrer Rolle fallen lässt.

„Das ist schon immer meine Schwäche gewesen, Dinge zu tun, nur weil sie möglich sind.“

Hannah Lühmanns Roman über eine ungleiche Freundschaft zwischen zwei jungen Frauen hat mich in einen argen Zwiespalt gestürzt: Ich finde es gut und wichtig, dass sie eine Abtreibung thematisiert und eine Protagonistin geschaffen hat, die nach einem Weg sucht, mit dem selbstgewählten Verlust ihres ungeborenen Kindes umzugehen. Gleichzeitig aber ist Henriette in ihrer Passivität unerträglich, man möchte sie schütteln, sie anschreien. Sie nutzt Paula aus, jammert auf höchstem Niveau, lamentiert so vor sich hin, dass man nur noch augenrollend denkt: Check your privilege! Zudem hatte ich am Ende des Romans mehr Fragen als zu Beginn, vieles blieb schwammig und unklar, der plötzliche Abfall im Verhalten der Figuren und der abrupte Schluss haben mich ratlos zurückgelassen. Geht es darum, zu zeigen, dass auch Frauen Arschlöcher sind? Ist die Biologie letztlich stärker als der menschliche Wille? So oder so hat das Buch mich beschäftigt, wenn auch nicht unbedingt auf positive Weise.

Auszeit von Hannah Lühmann ist erschienen bei Hanserblau.

 

 

Bücherwurmloch

„Manchmal besteht das größte Mysterium einfach nur darin, dass die Dinge so sind, wie sie sind“
Drei Geschwister: Sidsel, Niels und Ea. Der Vater ist lange schon tot, ist an dem weit entfernten Ort gestorben, für den er die Familie stets aufs Neue verlassen hat, nun ist auch die Mutter nicht mehr am Leben. Ea versucht, mittels einer Seherin Kontakt zu ihr aufzunehmen, und erlebt eine Überraschung. Sie ist in einer Beziehung mit einem Mann, der eine Tochter hat, und weiß nicht, ob sie weitere Kinder möchte. Ihre Schwester Sidsel dagegen ist alleinerziehend, der Vater des Kindes, ein Professor in London, weiß nicht einmal von dessen Existenz. Dann soll Sidsel nach London reisen, um eine beschädigte Skulptur in einem Museum zu reparieren, und bittet Bruder Niels, auf ihre Tochter aufzupassen. Er ist ein Rastloser, ein Wanderer, der sich schwer damit tut, die Bedürfnisse anderer zu erfüllen, aber für ein Wochenende gibt er sich Mühe.

Der Panzer des Hummers erzählt von fünf Tagen im Leben dreier Geschwister sowie der Wahrsagerin Bee, die nur eine Beziehung zu den anderen Figuren hat, weil sie Eas Mutter zu channeln versucht. Im Leseexemplar befindet sich ein Interview mit der Autorin, das mir tatsächlich geholfen hat, das Ganze – ein bisschen besser – zu verstehen. Denn auch wenn ich das Buch gern gelesen habe und angenehm fand, hat es mich doch ratlos zurückgelassen: Wozu diese Geschichte, was sollte sie mir sagen? Laut Autorin ist sie nach der Carrier Bag Theory geschrieben und enthält Elemente von Elternsein, Gleichzeitigkeit, Tod und dem Leben danach, ideengebend war die Aussage, dass man alles über eine Gesellschaft erfahren kann, indem man sich anschaut, wie sie den Fremden, den Vaterlosen und die Witwe behandelt. Einige Gedankengänge dazu fand ich sehr gut, das Buch ist modern, zeigt Patchwork-Familien und die Last, die auf Alleinerziehenden liegt. So richtig in die Gänge kommt die Handlung aber nicht, im letzten Drittel fasert sie aus, und auch die Passagen mit dem Leben danach hätte ich nicht gebraucht. Als Urlaubslektüre war es jedoch ideal und ich war gechillt genug, mich einzulassen auf den unaufgeregten Ton und den Figuren zuzuhören, wie sie aus ihren Leben erzählen, die zwar einigermaßen unspannend sind, aber sie plaudern so nett, und manchmal ist ein fein dahinplätschernder Roman genau das, was man braucht.

Der Panzer des Hummers von Caroline Albertine Minor ist erschienen bei Diogenes.

Bücherwurmloch

„Ich denke, dass es mir jedes Jahr von Neuem unmöglich ist, mich im Winter daran zu erinnern, wie sich der Sommer anfühlt“
Teresa erzählt von ihrer Kindheit und Jugend. Von ihrer Familie und dabei vor allem: von ihrem Vater. Der Das Familiengeschehen dominiert hat mit seiner Wut und seiner Unberechenbarkeit, mit seinen Bierflaschen und seinen Schlägen. Sie berichtet von der Mutter, die das blutende Gesicht abgewendet hat, von ihrem Bruder, den sie versucht hat zu beschützen. Es ist eine Geschichte voller Alkoholismus und Gewalt, eine einprägsame, dabei aber irgendwie langsame und stille Geschichte.

Janina Hecht zeigt in diesem Buch, wie sehr das Problem eines Einzelnen eine Familie zersetzt. Wie der Vater mehr und mehr zur Gefahr wird, zur Bedrohung für alle, zu etwas, von dem man sich emanzipieren und befreien muss. Wie schal das Leben aber bleibt, auch wenn dies schließlich gelingt: weil die Freude fehlt und immer gefehlt hat. Der Roman ist sehr atmosphärisch und fängt perfekt jene Zeit ein, in der ich selbst großgeworden bin, weshalb ich vieles nachempfinden konnte: die zähe Langeweile der Sommernachmittage, die ranzigen Ferienhäuser im Urlaub, die Beiläufigkeit, mit der Eltern damals ihre Kinder behandelt haben: nicht unbedingt lieblos, aber auch nicht mit großem Interesse. Sie schreibt ruhig und mit Bedacht, melancholisch, ohne viel Aufhebens zu machen. Dadurch ist In diesen Sommern gut zu lesen, aber auch einigermaßen unspektakulär – ich mochte es sehr, auch wegen des behutsamen, vorsichtigen Stils, und wusste trotzdem schon währenddessen, dass es nicht lange bei mir nachhallen wird. Es nähert sich der Frage, wie wir uns erinnern, wie das Schöne durchwirkt ist vom Schrecklichen, wie den eigenen Erinnerungen vielleicht gar nicht zu trauen ist – und wie sie dennoch das Einzige sind, was uns bleibt.

In diesen Sommern von Janina Hecht ist erschienen bei C. H. Beck.

Bücherwurmloch

„Haben Sie schon einmal versucht, von jemandem grundlegende Achtung als Mensch einzufordern?“

„Und in manchen Fällen brauchen die Worte Jahre, um unseren Körpern folgen zu können, um zu sagen, was längst gesagt worden ist.“

In diesem Fall ist das so: Heute folgen die Worte, die junge Frau spricht. Sie spricht mit dem Arzt, der gerade ihre Genitalien untersucht, sie deckt ihn zu mit einem langen, sehr persönlichen, sehr intimen Monolog, spricht ihn immer wieder an als Dr. Seligman, hat aber selbst keinen Namen. Sie erzählt von ihren Eltern und ihren Sexträumen, in denen Hitler eine verstörend große Rolle spielt, von K, der ihr das Herz gebrochen hat, und der Gesellschaft, die sie nicht akzeptiert, wie sie ist. Es geht um Körperwahrnehmung und Body Dysmorphia in diesem Buch, um Nazis und Katzen und die Frage, wann wir Menschen endlich aufhören, einander in Schubladen zu stecken – und jene zu diskriminieren, die in keine Schublade passen.

Der Termin ist ein einziger, 120 Seiten langer Stream of consciousness, teilweise sehr scharf und wahr, teilweise sehr seltsam und verstörend. Es ist Katharina Volckmer, die in Deutschland geboren ist, aber in London lebt und das Buch auf Englisch verfasst hat, hervorragend gelungen, ihrer namenlosen Ich-Erzählerin eine eigenwillige Stimme zu geben. Und auch wenn schnell klar wird, worin der Kern des Romans in Wahrheit besteht – und um nicht zu spoilern, verrate ich euch das nicht –, finde ich das Thema wichtig und zeitgeistig. Selten wird es so bissig und schamlos auf den Punkt gebracht. Der Termin wirft einen entlarvenden, fast hämischen, aber auch völlig resignierten Blick auf die Welt, in der wir leben, auf die Kategorien, denen wir uns unterwerfen, tut dies anhand kleiner Alltagsbegebenheiten sowie mittels großer umwälzender Veränderungen am Körper und im Auftreten. Es ist ungewöhnlich, originell und im Ton oft herausfordernd, Berührungsängste mit Toilettenficks und Hitler darf man jedenfalls keine haben. Ich habe oft genickt, geschmunzelt, mich gegraust, und ich feiere das Buch für seinen düsteren Witz, die gnadenlose Ironie und den entwaffnenden Mut.

Der Termin von Katharina Volckmer ist erschienen im Kanon Verlag.

Bücherwurmloch

„Schönheit ist nicht nur ein Geschäft, sie ist vor allem eines: politisch“
Wenn ich mit Menschen über Diet Culture und Schönheitsideale spreche, über Body Positivity und Fatosphere, bekomme ich oft zu hören „ach, da kenn ich mich nicht so aus“ oder „das ist alles so kompliziert, wer soll das verstehen“. In Zukunft werde ich diesen Menschen einfach das Buch von Elisabeth Lechner in die Hand drücken, denn erstens ist es überhaupt nicht so kompliziert, zweitens geht es uns alle an und ist ein enorm wichtiges Thema, und drittens hat sie es geschafft, einen derart guten und verständlichen Überblick zu geben, dass sich niemand mehr auf ein Informationsdefizit rausreden kann. Educate yourself, und das geht mit Riot, don’t diet sehr gut: Die Kulturwissenschaftlerin, die sich bestens auskennt mit der Wahrnehmung von Körpern, hat über Dickenhass und Othering geschrieben, über Queerness und Körperbehaarung, über Age-Shaming und den Umgang mit Behinderungen. Dieses Buch ist so inklusiv, wie die Gesellschaft es sein sollte, denn es bezieht alle mit ein: Männer wie Frauen, Weiße wie Schwarze, heterosexuelle wie queere Menschen, und es zeigt einmal mehr, dass das Patriarchat nicht nur für Frauen große strukturelle Nachteile bringt, sondern auch für Männer.

Schön finde ich, dass Elisabeth Lechner nicht nur die Probleme aufzeigt – und ihre Entstehung aus dem historischen Kontext erklärt –, sondern auch Lösungsansätze bietet, ein ganzes Kapitel am Ende heißt „In fünf Schritten zur Schönheitsrevolution“. Knackig verpackt, denkt man da, und ob es wirklich so einfach ist? Sicher nicht, aber Bücher wie dieses sind wegweisend und sollten Schullektüre sein, weil sie wirklich helfen und etwas verändern könnten. Warum ist Schönheit ein diskriminierendes System und was bedeutet Lookismus? Was hat es mit Blackfishing auf sich und was ist gemeint mit Misogynoir? Wieso sind Körper gefangen zwischen Unsichtbarkeit und Hypersichtbarkeit und warum lehnen wir Dicksein ab, obwohl so viele von uns nicht dünn sind? All das und vieles mehr beantwortet dieses Buch, und glaubt mir: So kompliziert ist es nicht. Dafür aber schockierend – und eine Herausforderung für uns alle.

Riot, don’t diet. Aufstand der widerspenstigen Körper von Elisabeth Lechner ist erschienen bei Kremayr & Scheriau.

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„Ich habe das Gefühl, mich nie wieder in meinem Leben vor irgendetwas fürchten zu müssen“
Die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Bea fahren gemeinsam für zwei Wochen auf Urlaub. Sie kennen sich schon lange, seit ihrer Kindheit, haben gute und schlechte Zeiten durchlebt und immer zusammengehalten. Seit sie erwachsen sind, studiert haben und arbeiten, sehen sie einander nicht mehr so oft, sie reisen auch aus verschiedenen Städten an. Es ist eine ungleiche, aber zähe Freundschaft, Bea ist der weiche, nachgiebige, verständnisvolle Part, die Ich-Erzählerin ist, um es rundheraus zu sagen, eine richtig beschissene Freundin. Sie kümmert sich wenig, sie hört nicht zu – und es scheint auch schwierig zu sein, ein sinnvolles Gespräch mit ihr zu führen. Im Urlaub ist das nicht anders, sie lernt den sehr jungen Julien und seine Schwester Marianne kennen, verbringt die Nächte mit ihnen, haut einfach ab, ohne Bea Bescheid zu geben – und ohne sie mitzunehmen.

Sehr besonders an diesem Buch, das als nette, sommerliche Urlaubsgeschichte daherkommt, ist der Ton. Wir haben eine verpeilte, unzugängliche Erzählerin, die so anders ist und über den Dingen steht, die sich nicht amüsieren will am Strand und bei den nächtlichen Partys eigentlich auch nicht, die keine Verantwortung übernimmt – und offenbar einen großen Kummer mit sich trägt, den sie nicht mit uns teilt. Sie ist eine dieser typisch depressiven Heldinnen, privilegiert bis zum Geht-nicht-mehr und trotzdem unglücklich, seltsam verloren im eigenen Leben, schwer einzuordnen, weil sie sich im letzten Moment dann doch wieder entzieht. Das ist nervig, macht den Roman aber vom seichten Strandhappen zum literarischen Erlebnis: gut zu lesen, mit viel Identifikationspotenzial in Sachen Frauenfreundschaft und dem Gefühl, dreißig zu werden. Geheimnisvoll, nachdenklich und nicht so ein feel good read, wie das Cover glauben lässt, sondern ein Buch, das eher unangenehme Fragen stellt, auf die wir die Antworten kennen.

Krokodile von Angie Volk ist erschienen bei Atlantik.

Bücherwurmloch

„Ich musste es ihm nie sagen, und daher wusste ich, dass ich ihn liebte“
Jonny ist ein NDN, ein Indianer, aufgewachsen im Reservat mit seiner Mutter und seiner Großmutter. Als er alt genug ist, zieht er nach Winnipeg und verdient sich sein Geld als Sexarbeiter. Er trifft sich mit Männern oder befriedigt sie über Webcam, benötigt dringend jeden Dollar, um sich Zigaretten und etwas zu essen kaufen zu können. Er kann jede gewünschte Rolle einnehmen, ist Frau und Mann zugleich, ist Indianer und Catwoman und alles, was der Kund will.

„Wenn sie mich als Freudenhaus bezeichnen, bestätigt mir das nur, dass ich ein Heim in mir selbst gefunden habe.“

Sein bester Freund, sein Geliebter, sein Seelenverwandter ist Tias, mit dem er bereits seit der gemeinsamen Kindheit im Reservat immer wieder Sex hat – der aber auch mit der starken, schönen Jordan zusammen ist. Die drei bilden ein seltsames Dreieck, tun sich gut und tun einander weh.

„Es ist schon komisch, dass sich „Ich liebe dich“ bei einem NDN immer eher wie „Du bereitest mir Schmerzen“ anhört.“

Als Jonny erfährt, dass sein Stiefvater gestorben ist, muss er dringend innerhalb von zwei Tagen genug Geld einnehmen, um sich eine Fahrt ins Reservat leisten zu können und seiner Mutter beizustehen. In dieser Zeit erzählt er uns von früher, vom Leben unter Alkoholikern, von Ausgrenzung, Verachtung und Verrat, von den Wunden eines Volkes, das getötet und vertrieben wurde – und davon, was es heute im modernen Kanada bedeutet, indianische Wurzeln zu haben. Er tut dies unverblümt und in einem ganz eigenen, richtig guten Sound, er tut es mit einem lachenden Auge und Wut im Bauch. Dieses Buch zu lesen, schmerzt extrem – und das macht es umso wichtiger. Es ist zornig und sentimental, es ist abgebrüht und offen bis auf die Knochen, es ist neu und anders und eigentlich nicht: Wir kennen diese Geschichte, wir verdrängen sie gern. Und deshalb muss sie uns wieder und wieder erzählt werden, denn dieser Völkermord hat tiefgreifende Folgen. Ein eindringlicher, stolzer, schöner, sehr berührender Roman, der definitiv zum Besten gehört, das ich bisher in diesem Jahr gelesen habe.

Jonny Appleseed ist erschienen bei Albino.