Bücherwurmloch

„Das ist nämlich das Wichtigste in Deutschland, dass man immer freundlich grüßt“
„Hass ist normal. Ich kenne niemanden, den ich nicht schon mal fünf Minuten lang gehasst habe, außer meine Oma natürlich“, sagt Max. Mit ihm hat es seine Mutter seiner Aussage zufolge schwer: Sie hat ihn adoptiert, und etwas stimmt mit ihm nicht. Seine Zehen sind seltsam gekrümmt und sein Gehirn irgendwie auch. Deswegen hat er keinen Adoptivvater, der hat nämlich schnell das Weite gesucht. Max ist außerdem dick, zumindest bis er anfängt zu trainieren. Als die Einladung seiner Oma Frieda an sämtliche Familienmitglieder geht, gemeinsam die Schildkröte Charly zu beerdigen, kommen tatsächlich alle zusammen – und erinnern sich. Wie es war, als Heinrich in die Familie kam, der so viel Wut und außerdem ein Geheimnis in sich trug, wie er den Kindern Charly schenkte, der vom Nachbarshund schwer verletzt wurde. Und verletzt sind sie insgeheim alle: die Schwestern Karen und Nele, die nur das Beste für ihre Kinder wollten und als Mütter versagt haben, ihr Bruder Mattis, der zu seinen Kindern keinen Zugang findet, Ben, der in ein Mädchen verliebt ist, das vergewaltigt wurde, Lena, die von ihren Klassenkameraden gemobbt wird, und schließlich auch Max. Wie alle, die zu diesem Familienverbund gehören, sich aneinander aufreiben und miteinander versöhnen, erzählt Heike Duken in diesem fein gewobenen, vielstimmigen Buch, das mehrere Jahrzehnte umfasst.

Dass die Autorin selbst Psychotherapeutin ist, merkt man an ihrem Gespür für ihre Figuren: Sie lässt sie mit all ihren Macken, Ängsten und Wunden lebendig werden. Durch Zeitsprünge – die markiert sind, wodurch man sich immer gut orientieren kann – zeigt sie die Auswirkungen der Vergangenheit auf und wie alles mit allem zusammenhängt. Der ursprüngliche Titel des Buchs war Rabenkinder, und das erwähne ich aus folgendem Grund: weil Heike mir damals gesagt hat, dass nicht nur Eltern Rabeneltern sein können, und diese Bemerkung fand ich, wie den Titel, sehr klug. Ich hatte vorher nie darüber nachgedacht, dass nicht nur Eltern ihren Kindern Dinge antun, die schmerzen – sondern auch umgekehrt. Und letztlich ist es ja so, dass wir in keinem anderen Umfeld so sehr auf uns selbst zurückgeworfen sind und so stark an uns arbeiten müssen wie in unserer eigenen Familie. Das Gute an diesem Buch ist, dass es nie ausufert, nie zu viel preisgibt, im Gegenteil: Heike Dukens Stil ist prägnant und pointiert, dabei stets voller Gefühl, und am Ende hätte man gern noch ein paar Seiten mehr gelesen.

Wenn das Leben dir eine Schildkröte schenkt von Heike Duken ist erschienen bei Limes.

Bücherwurmloch

„Wir geben vor, Dinge zu wollen, die wir nicht wollen, damit niemand sieht, dass wir nicht bekommen, was wir brauchen“
Lisa Taddeo hat drei Frauen begleitet, befragt und porträtiert, anhand von Berichten, Tagebucheinträgen und Erzählungen anderer. Es fällt mir schwer, zu beurteilen, wie dicht das an der Wahrheit sein kann, stellenweise wirkt es authentisch, dann wieder völlig überzogen und in seinem Voyeurismus unangenehm. Dies ist nicht, wie es heißt, ein Buch über das weibliche Begehren, es ist ein Buch über das männliche Begehren. Die drei Frauen agieren nicht, sie reagieren. Sie sind zutiefst passiv, keine einzige der sexuellen Aktivitäten, die so detailreich beschrieben werden, geschieht aus ihrem Wollen heraus. Stattdessen sind sie auf die Männer ausgerichtet, machen sich klein, sind Opfer, Marionetten. Und diese Darstellung geschieht nicht auf einer reflexiven Ebene: Niemandem scheint aufzufallen, dass sie nur innerhalb des patriarchalischen Käfigs handeln, weder den Frauen noch der Autorin. Ja, Maggie ist zu jung, um zu merken, dass der wesentlich ältere Highschool-Lehrer sie manipuliert und benutzt. Sloane redet sich ein, dass es eine Bestätigung für ihr Ego ist, dass ihr Mann sie jeden Tag ficken will und sehen möchte, wie sie es mit anderen treibt. Und Lina bettelt Aidan um ein Fitzelchen Aufmerksamkeit an, erniedrigt sich, gibt sich mit heimlichem Sex im Auto zufrieden, obwohl sie sich eigentlich Liebe wünscht. Wo ist das emanzipiert, wo ist das feministisch? Welcher Definition zufolge sind das „starke“ Frauen, die „aufbegehren“? Sie werden vergewaltigt. Sie werden betrogen. Sie sind nie selbstbestimmt und schon gar nicht glücklich.

Mir wurde bei #dunkelgrünfastschwarz vorgeworfen, ich hätte „zu wenig emanzipierte Frauenfiguren“ geschrieben, doch der Roman spielt zum Großteil in den Achtzigern und zeigt ein Geflecht aus Abhängigkeit und Manipulation auf. Zudem ist alles daran fiktiv. Ich habe nie gesagt: Seht her, so sind wir Frauen, wir richten uns an Männern aus, wir unterwerfen uns ihnen, wir wollen nichts anderes. Lisa Taddeo tut genau das. Warum hat sie ausgerechnet diese Frauen ausgesucht und porträtiert? Wieso hat sie drei gewählt, die sich so ähnlich sind, warum hat sie null Diversität gesucht? Was ist die Botschaft des Buchs? Wollte sie zum Ausdruck bringen, wie abhängig Frauen sind, wie wenig sie ihre Sexualität ohne männlichen Filter wahrnehmen, entdecken, ausleben, genießen? Ich hätte phasenweise vor Wut schreien mögen. Und eine Antwort auf all diese Fragen habe ich auch nicht gefunden. Lest das Buch gerne, wenn es euch interessiert, aber bitte nicht mit dem Anspruch, es stelle das weibliche Begehren dar – mit Sicherheit ist das, was hier beschrieben wird, ein Teil davon. Aber da gibt es noch so viel mehr. Und es wird Zeit, dass auch davon endlich erzählt wird.

„Ein Mann lässt einen nie ganz in die Hölle hinabfallen. Er fängt einen auf, kurz bevor man aufprallt, sodass man ihm nicht die Schuld dafür geben kann, dass er einen auf direktem Weg dorthin geschickt hat. Stattdessen lässt er einen in einer restaurantähnlichen Vorhölle sitzen, wo man wartet und hofft und Anweisungen entgegennimmt wie ein Kellner seine Bestellungen.“

Three Women/Drei Frauen von Lisa Taddeo ist erschienen im Piper Verlag.

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„Um wirklich etwas zu ändern, müsste man das Volk abwählen können, diese Abermillionen von Verbrauchern irgendwie zügeln“

„Wir ertrinken in Plastik. Unserer Dominanz fallen pro Jahr zwischen zehn- und fünfzigtausend andere Arten zum Opfer.“

Was klingt wie ein Bericht von Umweltschützern, ist in Wahrheit ein Thriller – doch das macht die Fakten nicht weniger real. Das Meer handelt von der jungen Fischereibeobachterin Teresa, die unter mysteriösen Umständen verschwindet, von ihrem Partner John, der in Brüssel arbeitet, sowie von Ragna, die einer Gruppe radikaler Umweltaktivisten angehört. Eine Rolle spielen zudem Ragnas Vater, ein skrupelloser Mann, der unter Druck gerät und seine Tochter finden muss. Dafür engagiert er den Dolmetscher Adrian, der zu Schulzeiten in Ragna verliebt war und keine Ahnung hat, worauf er sich einlässt. Denn unterdessen landen Tausende Menschen mit schweren Vergiftungen im Krankenhaus: Mehrere Chargen Fisch wurden mit einer toxischen Alge versetzt – absichtlich.

Ich bin über ein sehr interessantes Interview mit Wolfram Fleischhauer auf dieses Buch gestoßen. Darin hat er erzählt, wie sehr ihn sein Beruf als Dolmetscher in Brüssel oft an seine Grenzen bringt, weil er mitbekommt, was da verhandelt wird – und wie schlimm es um unseren Planeten wirklich steht. Was im EU-Parlament auf den Tisch kommt, bleibt der Öffentlichkeit verborgen. Und so hat er einen Roman geschrieben, in dem er die Probleme aufzeigt, mit denen die Meere zu kämpfen haben. Menschengemachte Probleme, von Gier getriebene Probleme. Es geht um Überfischung und Skrupellosigkeit, um Ökoterrorismus und die Verzweiflung derer, die die Erde retten wollen. Dies ist ein Buch, das sicher nicht – und das ist wohl dem Genre geschuldet – mit seiner Sprache und seinem Stil überzeugt, durchaus aber mit seiner Geschichte. Während viele Thriller mit einer Story aufwarten, die einfach nur an den Haaren herbeigezogen ist, kann ich mir in diesem Fall ohne Weiteres vorstellen, dass jedes Wort wahr ist. Und wundere mich sogar, dass das, was Wolfram Fleischhauer sich da ausgedacht hat, noch niemand gemacht hat. Andererseits: Wer weiß, was er in Brüssel alles gehört hat – wovon wir keine Ahnung haben. Ein Thriller, der nicht durch fantasievoll-grausige Details erschreckt, sondern durch seine Realitätsnähe.

Das Meer von Wolfram Fleischhauer ist erschienen bei Droemer.

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„Nicht durch einen großen Verrat wird Wehmut verursacht, sondern durch die vielen kleinen Verluste“
Elisabeth freundet sich mit Jean-Lino an, der mit seiner Frau Lydie über ihr und ihrem Mann Pierre wohnt. Die beiden gehen manchmal zu einem Pferderennen oder spazieren, unterhalten sich, und als Elisabeth eine Frühlingsparty gibt, lädt sie die Nachbarn natürlich ein.

„An manchen Tagen springt mich schon beim Aufwachen mein Alter an. Unsere Jugend ist tot. Wir werden nie wieder jung sein.“

Und so beschließen sie, noch einmal so richtig zu feiern. Doch zwischen Jean-Lino und Lydie kommt es während der Party zu einer Meinungsverschiedenheit bezüglich eines Hühnchensalats. Als das Fest zu Ende ist und Elisabeth im Bett liegt, kommt Jean-Lino noch einmal zurück und gesteht ihr, seine Frau gerade erwürgt zu haben.

Babylon ist, das muss ich gleich vorweg sagen, mit Sicherheit nicht Yasmina Rezas bestes Buch. Es ist gut, ja, aber nicht so beißend witzig wie der Gott des Gemetzels und nicht so scharfzüngig wie Glücklich die Glücklichen. Vielmehr hat dieser Roman einerseits eine wehmütige, melancholische Note, die dem Alter seiner Protagonistin geschuldet ist, andererseits erinnert er an die Sketche von Loriot, ist stellenweise fast schon ein wenig klamaukig. Ich mag die Ausgangsidee, dass einer seine Frau erwürgt, einfach, weil sie ihm auf die Nerven geht, denn mit Sicherheit kennt jeder von uns die Streitigkeiten im Alltag, die einen zur Weißglut treiben können. Dass dann jedoch vornehmlich die Beseitigung der Leiche im Vordergrund steht statt die Gründe für die Tat, finde ich schade, da hätte man viel mehr in die Tiefe gehen und den Zündstoff der Monogamie ausloten können. Solltet ihr also Lust auf Yasmina Reza haben, die übrigens die meistgespielte zeitgenössische Theaterautorin ist, empfehle ich euch eins ihrer anderen Bücher.

Lieblingszitat aus Babylon:
„Ist es vernünftig, sich um das Geliebtwerden zu bemühen? Ist das nicht eine jener Mühen, die von vornherein zum Scheitern verurteilt sind?“

Babylon von Yasmina Reza ist als Taschenbuch erschienen bei S. Fischer.

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„In dieser Welt, in die kein gutes Kind gehört“ 
lebt Ice Cream Star. Sie ist 15 Jahre alt, und deshalb hat sie nicht mehr lange zu leben: Spätestens im Alter von 18 bekommen alle Kinder die Posies und sterben. Erwachsene gibt es nicht mehr, auch kaum Menschen mit weißer Haut. Ice Cream und ihre Sengles sind schwarz, sie leben von der Jagd und von dem, was sie in den verlassenen Häusern noch finden. Ständig müssen sie auf der Hut sein, denn neben den Sengles gibt es die Armies, die Christlinge, die Lowells, und wer gerade mit wem Krieg hat, ist kompliziert. Die einen rauben die Mädchen der anderen, um sie zu vergewaltigen, aus Rache bringen die anderen die einen um. Ice Creams Bruder Driver ist der Anführer der Sengles, doch als er an den Posies erkrankt, übernimmt Ice Cream diesen Posten. Sie fangen einen Rou, einen Mann mit heller Haut, der sie glauben macht, dass es ein Mittel gegen die Krankheit gibt. Und so fasst Ice Cream Star einen gefährlichen Plan.

„In mir wachsen die Ungeheuerlichkeiten, die wir machen. Jeder Krieg schrumpft vor dieser Tat. Jo, ich schwör mir selber, dass ich durch die Vereidigten Staaten wander, wenn wir es schaffen. Geb jedem dürftigen Kind das Mittel, und niemals stirbt n Mensch an Ice Cream Star ihrem fehlenden Herz.“

Ice Cream Star von Sandra Newman ist ein dystopischer Roman mit einer Kulisse, wie man sie oft in Filmen gesehen hat: Die Menschheit ist zum Großteil ausgerottet, die Überlebenden sind dreckig, hungrig und bewaffnet. Es gibt viele Tote in diesem Buch, Hass und Krieg, Elend und Hoffnungslosigkeit. Aber es gibt auch die Liebe.

„Ich merk, dass ich weine. Wein für alle von uns, die sterben müssen. Und wenn das Feuer so gewaltig, der Himmel so gewaltig is, sind wir sprottenklein und voll Liebe.“

Ice Cream Star ist heimlich verliebt in Mamadou, den Anführer der Feinde. Die beiden haben sich immer wieder in seinem Zelt getroffen und miteinander geschlafen, und obwohl sie es nicht zugeben, lieben sie einander mit aller Kraft.

„Der Kuss is n furchtsames Wissen, wo die Welt der Kälte um uns fliegt. Die ganze schwarze Stadt und die riesig gewachsenen Sterne, sie sind gar nichts. Seine Hand streicht über mich wie ne Erinnerung. Sagt mir ruhige Ehrlichkeiten jenseits von Worten, die der Stolz sagen kann. Und mein Körper leuchtet beharrlich, liebt ihn feurig gut. Ich berühr sein Gesicht, seinen Nacken, und halt mich fest an diese gute Kraft, mit allen Verfluchungen in mein fürchtenen Blut.“

Das ist es, was mich an diesem Buch so berührt: dass in einer Welt, die nicht dem Untergang geweiht, sondern längst untergegangen ist, die verseucht ist von Gewalt und Krankheit und Tod, die Liebe noch da ist. Dass Ice Cream Star alles tut, um ihren Bruder zu retten, dass sie ihren Seelenverwandten Crow nicht im Stich lässt, und dass selbst am Ende, als sie nur noch auf das Sterben warten, als ihnen alles, alles um die Ohren fliegt, diese starken Gefühle zwischen ihr und Mamadou sind.

„Dann, in dieser vom Krieg gestohlenen Stunde, is unsere Liebe jenseitig schlimm. Wir klammern ohne Worte ineinander, bis unsere schauerliche Stille ne andere Nacktheit is. Es is Liebe ohne Kampf, hilflos. Jede Berührung is n Wahnsinnswort – und es sind die einzigen wahren Worte, die ich je gekannt hab.“

Massiv beeindruckend an diesem Roman ist die Sprache: Sandra Newman ist es gelungen, einen ganz eigenen Stil zu finden, Neologismen zu kreieren, einen Duktus, der neu ist und anders. Dadurch hat dieses Buch einen nie gehörten Ton. Keinen Satz kann man überspringen, keinen Abschnitt überfliegen, im Gegenteil: Auf jedes Wort muss man sich konzentrieren, um es zu verstehen. Absolute Hochachtung vor der Übersetzerin Milena Adam, die einen Weg gefunden hat, die unbekannten Ausdrücke ins Deutsche zu transportieren. Es ist somit die Sprache, die mich an Ice Cream Staram meisten fasziniert, viele Stellen lese ich zweimal, nur um die Kreativität dahinter zu goutieren, und die Sprache ist es auch, die mich bei der Stange hält, als mir das Buch – wie jedes Buch mit mehr als 500 Seiten – zwischendurch zu lang wird. Das hätte man schon noch straffen können, denke ich, und: So manches Klischee wäre nicht nötig gewesen. So spannend und originell die Geschichte beginnt, so abgeschmackt endet sie, zum Schluss hin fasert die Handlung aus, wird immer undurchschaubarer, und dass Sandra Newman wirklich den klassischen Feind der Amerikaner als Endgegner präsentiert, finde ich recht enttäuschend, wo sie doch sonst mit so frischen Ideen aufwartet.

Dieses Buch ist brutal, verstörend, traurig und grausam, es ist aber auch schön, poetisch, warm und weich. Es macht Angst, und das ist gut so, denn wenn man sich die aktuelle Lage ansieht, ist klar, dass wir Angst haben sollten. Ein Szenario wie in dieser Dystopie ist nicht einmal sehr unwahrscheinlich. Wir können wohl nur hoffen, dass wir dann schon tot sind.

Ice Cream Star von Sandra Newman ist erschienen bei Matthes & Seitz.

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„Das würde ihr erst ein Jahrzehnt später einfallen, als bereits alles zu spät war“
Lefti und Eleni sind Cousin und Cousine, trotzdem sollen sie miteinander verheiratet werden. Eigentlich wurde Eleni sogar einzig aus diesem Grund gezeugt: um den Fortbestand der griechischen Familie zu sichern. Die Großmutter hat diesen Plan ausgeheckt, und niemand erhebt Einspruch. Die Sache ist nur: Lefti liebt Eleni, aber Eleni liebt Lefti nicht. Sie ist widerspenstig und ein Wildfang, schließt sich später, als sie älter ist, den Kommunisten an und bringt sich dadurch in große Gefahr. Wie es Eleni und Lefti nach Deutschland verschlägt, was sie dort erleben, wieso Eleni nach Amerika kommt, schließlich aber auf der Insel Makarionissi bleibt und wie sie beide doch noch die wahre Liebe finden, davon erzählt Vea Kaiser in Makarionissi oder die Insel der Seligen. Und sie tut dies auf so bildhafte, vor Ideen sprühende Art und Weise, dass der Roman zu einem wahren Lesevergnügen wird.

In Österreich ist Vea Kaiser eine große Nummer, und nicht nur hier: Schon mit ihrem ersten Roman Blasmusikpop hat sie in der deutschsprachigen Literaturwelt für Furore gesorgt, ihre Romane wurden zudem in verschiedene Sprachen übersetzt. Ich hab das gespannt verfolgt, bisher aber nichts von ihr gelesen. Und falls es euch genauso geht, solltet ihr das dringend ändern. Ich hab dieses Buch nämlich regelrecht verschlungen und dabei gedacht: Endlich! Endlich mal wieder eine Geschichte, die sich so richtig ausbreiten darf und mehrere Jahrzehnte umfasst, eine Geschichte, die kuriose, witzige, anrührende Elemente haben darf und eine Sprache, die nicht streng darauf getrimmt ist, durch Auslassung zu punkten. Ganz im Gegenteil: Vea Kaiser hat Spaß am Formulieren und Spaß an ihren Figuren, das ist dem Buch deutlich anzumerken – und deshalb macht es auch Spaß beim Lesen. Da schwingen Melancholie und Traurigkeit mit, doch die Lebensfreude überwiegt. Da geht es um zwei, die nicht zueinander passen, aber glücklich werden sie dennoch. Die Sprachbilder sitzen, die Vergleiche sind schön originell, und am Ende ist man so zufrieden, wie man es nach einem Leseerlebnis nur sein kann. Deshalb: Reist mit Eleni und Lefti nach Griechenland, nach Deutschland, nach Chicago und in die Schweiz, ihr werdet es nicht bereuen.

Makarionissi oder die Insel der Seligen von Vea Kaiser ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

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„Auf uns wartete das größte und beste Geschenk: das ewige Leben“
„Ich kann mich kaum an einen Tag in meinem Leben erinnern, den ich ohne Sulamith verbracht habe“, sagt Esther, und jetzt ist Sulamith fort. Was ist geschehen in jener Nacht, über die niemand mit Esther sprechen will? Ihre Eltern sind mit ihr in die Stadt gezogen, aus der ihr Vater stammt, weit weg von zuhause, in den Osten Deutschlands. Sie wollen hier eine neue Gemeinde aufbauen, denn sie sind Zeugen Jehovas.

„Ich überlege, wann ich mich das letzte Mal über etwas gefreut habe. Ich weiß es nicht, es ist so lange her, dass ich Probleme habe, mich zu erinnern, wie Freude sich überhaupt anfühlt.“

Esther geht in eine normale Schule, doch nichts an ihrem Leben ist „normal“: Sie muss in den Dienst gehen, von Haus zu Haus ziehen, den Menschen vom Glauben erzählen, sie muss zu Versammlungen und darf nicht mit Weltkindern ausgehen. Sulamith hat dagegen aufbegehrt, sie hat sich in einen Weltjungen verliebt, wollte mit ihm Zeit verbringen, sie wollte einen Walkman besitzen und Musik hören.

„Es hatte sich nie angefühlt, als seien wir etwas wert. Unsere Träume, unsere Wünsche und Zweifel interessierten niemanden, im Gegenteil. Sie wurden als Bedrohung für die Gemeinschaft gesehen.“

Wie ist es, so aufzuwachsen? In der Welt und doch fern von ihr, kein Teil von ihr? Esther ist sechzehn und interessiert an ganz weltlichen Dingen, sie will tanzen gehen und Spaß haben und außerdem weiß sie gar nicht mehr, ob sie an das Paradies glauben soll, das da kommen wird. Ist es überhaupt wahr, was ihr seit so vielen Jahren eingebläut wird? Und vor allem: Was, wenn nicht?

„Vater, der mich über seinen Brillenrand hinweg anschaut und nicht versteht, was los ist, weil er sich nie für Kleider oder Mädchen oder Duftöl interessiert hat, nicht für Sulamith und mich, weil er so was wie blind und taub zugleich ist, so wie alle Männer, wenn es um Mädchen geht.“

Stefanie de Velasco hat mit Tigermilch einen ungestümen, fast schon brutalen Roman vorgelegt. Ihr neues Buch ist ganz anders. Es wird nicht von der Handlung getragen, denn davon gibt es in Wahrheit nicht viel, es lebt vielmehr vom Setting: Es spielt in einer Familie der Zeugen Jehovas, und das ist für sich sehr interessant und lebenswert. Diese Glaubensgemeinschaft wird gern belächelt, über ihr Klingeln an Türen werden Witze gemacht. Kaum habe ich angefangen, Stefanie de Velascos Buch zu lesen, habe ich diese Menschen, die mit den Zeitschriften an den Bahnhöfen standen, sofort mit anderen Augen gesehen. Und mich gefragt, wie es sich wohl anfühlt, als Zeugin Jehovas aufzuwachsen wie Esther – und wie Stefanie de Velasco selbst. Ist das wirklich so anders als für ein Kind in einer muslimischen oder katholischen Familie? Überall wird vom Glauben erzählt, überall wird im Namen eines Gottes erzogen. Wir haben nicht das Recht, über die Zeugen Jehovas zu urteilen oder uns über sie lustig zu machen. Vieles, was die römisch-katholische Kirche uns glauben machen will, klingt nicht im Geringsten glaubwürdig. Kein Teil der Welt ist ein Buch, das den Horizont erweitert und Einblick gibt in eine Gemeinschaft, über die wir zu wenig wissen. Allein deshalb solltet ihr es lesen: weil Literatur bildet, Grenzen überwinden lehrt und uns alle ein wenig näher zusammenrücken lässt.

Kein Teil der Welt von Stefanie de Velasco ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-05043-1, 432 Seiten, 22 Euro).

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„Hören ist eine Art Berührung aus der Ferne“
Und das ist ein sehr passendes Motto, denn die Eltern in diesem Buch – Mann und Frau, die zwei Kinder haben, keines davon jedoch gemeinsam – sind ein Dokumentar und eine Dokumentaristin. Sie haben sich bei einem Projekt in New York kennengelernt, als sie durch die Stadt zogen und fremde Sprachen sowie Geräusche aufzeichneten. Sie haben sich verliebt und geheiratet, der Mann hat einen Jungen mit in die Familie gebracht, die Frau ein fünf Jahre jüngeres Mädchen. Sie haben sich zusammengerauft, sich ein Leben aufgebaut. Nun hat der Mann beschlossen, dass er über die Apachen forschen und dort hinfahren will, wo sie gelebt haben – Tausende Kilometer weit weg. Die Frau willigt ein, die Reise gemeinsam zu wagen, doch ihr ist bereits von Anfang an klar, dass dies wohl das Letzte sein wird, was sie zu viert tun.

„In einer Ehe großzügig zu sein, wirklich und dauerhaft großzügig, ist nicht einfach.“

Dies ist mehr eine Aufbereitung von Informationen als ein Roman. Das Buch enthält unglaublich viel Wissen, Hinweise auf andere Bücher, auf Hörbücher und Lieder, auf Kulturgüter jeder Art, die auch – in Form von Schachtelinhalten – akribisch aufgezählt werden, zudem sind Fotos enthalten. Es geht um das Reisen an sich, um das Bewahren von Geschichten und Erinnerungen, um Sprache und Übersetzung, es geht aber auch um das Verlieren. In erster Linie natürlich, wie der Titel sagt, das Verlieren von Kindern, die aus den USA zurück nach Mexiko deportiert werden. Und um einen Verlust, der mir erst nach und nach dämmert: Wenn Eltern sich trennen, bleiben die Geschwister üblicherweise bei einem Elternteil oder wechseln. Wenn jedoch Eltern sich trennen, deren Kinder keine Geschwister sind, verlieren diese auch einander. Das ist, was an diesem Buch schmerzt. Aber nicht nur, denn es kategorisiert und archiviert menschlichen Schmerz – der viele Facetten kennt.

Ich habe Archiv der verlorenen Kinder sehr gemocht (und ewig dafür gebraucht, weil es so dermaßen informativ und voller Text ist), Valeria Luiselli ist ihrem Hang zu schrägen, besonderen Geschichten treu geblieben. Der erste Teil war mir wesentlich zu lang, der Perspektivenwechsel, der mein Interesse neu entfacht hat, kommt erst auf Seite 219. Dies ist ein intensives, herausforderndes Buch, dem man sich ausliefern muss, um es wirklich goutieren zu können. Es erzählt von denen, die verloren gingen, und denen, die versuchen, zu bewahren.

Lieblingszitat:

„Unglück wächst langsam. Es schlummert in dir, stumm, verstohlen. Du nährst es, fütterst es jeden Tag mit Brocken deiner selbst – es ist der im Hinterhof angekettete Hund, der dir in die Hand beißt, wenn du ihn lässt. Unglück nimmt sich Zeit, aber irgendwann überwältigt es dich total.“

Archiv der verlorenen Kinder von Valeria Luiselli ist erschienen bei Kunstmann (ISBN 978-3-95614-314-4, 432 Seiten, 25 Euro)

Bücherwurmloch

„Great songs walk into the room and tell you they are about to change your life“
Können wir bitte, bitte dieses Buch so richtig abfeiern? Es ist GROSSARTIG. Es ist so gut, ich wünschte, ich hätte etwas Derartiges gelesen, als ich sechzehn, siebzehn war. Ich wünschte, ich hätte schon damals gelernt, wie wichtig es ist, auf sich selbst zu achten, seinen eigenen Körper zu lieben und die patriarchalen Strukturen zu durchschauen, die uns Frauen kleinhalten. All das liegt in Caitlin Morans schönem, witzigem Roman – aber ohne, dass es mit erhobenem Zeigefinger daherkäme. Die preisgekrönte Autorin, die schon mit achtzehn Kolumnistin bei der Times wurde, war sechsmal „Kolumnistin des Jahres“, hat mit sechzehn ein Kinderbuch geschrieben und mit How to be a woman den Book of the Year Award 2011 gewonnen – das erzähle ich euch, um vorab klarzumachen, wie gut diese Frau ist. Und dieses Buch!

Es handelt von der 19-jährigen Johanna, die im Jahr 1995 nach London zieht und dort für ein Musikmagazin schreibt.

„And what this makes me aware of is that London isn’t just a place you live: London is a game; a machine; a magnifying glass; an alchimist’s crucible. Britain is a table, tilted so all its loose change rolls towards London, and we are the loose change. I am the loose change. London is a fruit machine, and you are the coin you put in – with the prospect of it coming up all cherries, and bells.“

Sie ist jung, und sie ist hungrig. Sie will Spaß haben, Abenteuer erleben, gute Bands entdecken – und vor allem will sie ihre große Liebe John wiedersehen. Die beiden kennen sich seit drei Jahren, dann wurde John berühmt. Deshalb ist er ständig auf Tour, Johanna vermisst ihn sehr. Als sie eines Abends einen Comedian kennenlernt und mit ihm nachhause geht, hat sie den schlechtesten (und kürzesten) Sex ihres Lebens. Das Date ist schnell vorbei, doch die Probleme fangen damit erst an, denn Johanna ist einfach gegangen:

„My mouth wrote a sex cheque my vagina eventually declined to cash – and, now as a result, I’m devalued. I’ll walk away from an erection. And this kind of girl, I have discovered, makes men angry. It makes them bitchy.“

Der Comedian nimmt es ihr übel und will sie büßen lassen. Johanna wiederum trifft auf die unbezähmbare, wilde, herausragend gute Sängerin Suzanne:

„Most people are built around a heart, and a nervous system. Suzanne appeared to be built around a whirlwind, kept trapped in a black glass jar.“

Mit ihr gemeinsam plant sie – fast schon ungewollt, denn der Comedian zwingt sie dazu – ihren eigenen Rachefeldzug.

„Suzanne has waded into war, and turned my vagina into a feminist battleground. That was not what I had planned for my vagina at all. I’d always been gunning for something more like ‚a well-loved public space, with limited parking’ instead.“

Dieses Buch ist witzig, anrührend, romantisch, kitschig, klug und einzigartig. Ich habe es mit so viel Begeisterung verschlungen! Ich habe laut gelacht und am Ende – obwohl ich nicht die Kitschnudel bin – geweint. Kauft es für euch selbst, lest es, schenkt es anderen Frauen Mitte dreißig, gebt es jungen Mädchen und denen Anfang zwanzig. Dies ist einer jener schlauen feministischen Romane, deren Botschaft man sehr gut annehmen kann. Und es war für mich wohl DER Überraschungshit des Jahres 2019, denn dass ich mich derart schockverlieben würde, hatte ich nicht erwartet. Ja, es ist ein Unterhaltungsroman. Ja, es ist ein bisschen seicht und heiter und angekitscht. Aber das ist nicht schlimm, im Gegenteil: How to be famous macht klar, dass Frauenliteratur auch auf diese Weise funktionieren kann – frei vom Narrativ, wir bräuchten einen Retter oder müssten uns erst optimieren, um geliebt zu werden. Johanna bricht die Regeln und die Tabus, es fällt ihr nicht leicht, sich selbst zu lieben. Das ist die wichtigste Message des Romans: Du bist gut, wie du bist. Lass dich nicht unterkriegen, von niemandem. Nicht einmal von einem vermeintlich mächtigen Mann.

 

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„Der frische Morgen schmeckt köstlich, als könnte man davon runterbeißen“
Was für ein sinnliches, überbordendes Buch! Lea Singer widmet sich in ihren Romanen, die auf wahren Begebenheiten beruhen, interessanten Persönlichkeiten – und gießt deren Lebensrealität in Fiktion. In Die Zunge hat sie über Alexandre Grimod de La Reynière geschrieben, der von 1758 bis 1837 in Frankreich gelebt hat. Sie beginnt ihre Erzählung mit seiner Geburt, bei der er von seinen reichen Eltern emotional verstoßen wird, weil er mit deformierten Armen zur Welt kommt. Mutter und Vater kümmern sich nicht um ihn, erzählen eine seltsame Geschichte von Schweinen, die dem Baby die Finger abgefressen hätten, und bekommen keine weiteren Kinder. Sehr früh findet Alexandre Zuflucht in der Küche, bei den Geschmäckern, Gerüchen und dem Geschick der Köchin, die ihn lehrt, auf seine Sinne zu hören. Beigebracht bekommt er, dass er, wo er doch keine flinken Finger hat, seine Zunge trainieren soll. Das tut er, und so macht er später nicht nur die Frauen glücklich, sondern auch Karriere als spitzzüngiger Advokat und Theaterkritiker.

Dies ist ein Roman wie ein Festschmaus. Viel wird aufgetischt, und Lea Singer nimmt sich Zeit – zu erklären, zu berichten, zu fabulieren. Das ist herrlich und erinnert stellenweise, vor allem wegen dem Fokus auf Geschmack und Geruch, an Süskind berühmtes Parfum. Mich hat dieses Buch fasziniert, weil Alexandre Grimod de La Reynière ein spannender Charakter ist, weil es um Geld und Macht, Politik, Besitz und körperliche Behinderung geht in einer Zeit, in der man Menschen mit Deformitäten oftmals umgebracht hat. Allerdings war mir das Buch gute siebzig Seiten zu lang, denn ich war – um im Bild zu bleiben – längst satt, nur hat das Festmahl nicht aufgehört. Ich hatte das Gefühl, dass ich ja alles eh schon verstanden habe, dass da kein Erkenntnisgewinn mehr kommt, die Handlung war stellenweise ein wirres Hin und Her, das den politischen Wirren im Frankreich des 18. Jahrhunderts geschuldet war – ihr wisst, wovon ich spreche.

Herausragend an Lea Singers Romanen ist die Sprache, die sie so meisterhaft der Epoche anpassen kann, von der sie schreibt. In Der Klavierschüler (der Grund, warum ich noch etwas von ihr lesen wollte) klingt alles viel nüchterner, sachlicher als in Die Zunge, das mit rauschenden Metaphern und fast schon erotischen Gourmeterlebnissen aufwartet. Dies ist ein schlaues, interessantes und beeindruckendes Buch, bei dem man hinterher das Gefühl hat, gebildeter zu sein als vorher – weil man jetzt weiß, wer Alexandre Grimod de La Reynière war, wann er gelebt hat und wie.

„Warten ist ein Vorgang, bei dem mit Menschen dasselbe geschieht wie mit Weinen im Keller. Die einen kippen um, werden sauer und ungenießbar, die anderen werden reif, harmonisch und groß dadurch.“

Die Zunge von Lea Singer – das Pseudonym von Eva Gesine Baur – ist erschienen bei Klett-Cotta und als Taschenbuch bei dtv (angeblich vergriffen, aber ich hab es ganz normal in einer Buchhandlung bekommen).