Für Gourmets: 5 Sterne

Würger„Die Wahrheit sind die Geschichten, die wir uns so lange erzählen, bis wir glauben, sie wären Wirklichkeit“

„In Cambridge habe ich gelernt, wie viel Großes der Mensch leisten kann: Er kann die Grundlagen der formellen Logik entwickeln, die Geschwindigkeit des Lichts errechnen und ein Medikament gegen Malaria finden. Aber in Cambridge habe ich auch gelernt, was der Mensch in seinem Kern ist: ein Raubtier.“

Hans ist neunzehn, als er an die Universität Cambridge kommt, und er ist allein. Er ist Boxer, und daher rührt auch die Aufgabe, die er bekommt: Er soll erreichen, dass der elitäre Pitt Club ihn als Mitglied aufnimmt. Er soll sich dort einschleichen und ein Verbrechen aufklären, über das er nichts weiß. Helfen soll ihm dabei die geheimnisvolle Charlotte, zu der er sich hingezogen fühlt. Doch je tiefer Hans in die universitären Boxerkreise vordringt, umso mehr stellt sich die Frage: Wie viel muss er mitmachen, um seine Tarnung nicht aufzugeben? Und wer wird am Ende den Preis dafür bezahlen?

Seiner Biografie zufolge ist Takis Würger – der ja schon einen spektakulären Namen hat, bitte – ein wilder Kerl. 1985 geboren, war er an der Henri-Nannen-Schule und hat als Reporter aus Libyen, dem Irak und Afghanistan berichtet, bevor er zum Studium nach Cambridge ging. Er ist Boxer. Er gehört selbst vielen Clubs an, darunter besagter Pitt Club. Und auch die Story, die er in seinem Debütroman erzählt, klingt wild, erinnert zuweilen an Fight Club. Allein: Sie ist es nicht. Sie ist vielmehr zart, sanft und überraschend poetisch, sehr melancholisch. Dass jemand eine derart thrillermäßige Geschichte in so leisen Tönen erzählen kann, ist nicht selbstverständlich. Und zugleich ist es absolut wunderbar.

Takis Würger lässt nicht nur seinen Protagonisten Hans sprechen, er springt in kurzen Episoden von einer Figur zur anderen wie ein fröhlicher Grashüpfer. Bemerkenswert dabei: Er wechselt den Stil, stattet jeden Charakter mit einer eigenen Stimme aus. Da gibt es die verletzliche Charlotte und Hans’ überforderte Tante Alex, den reichen Snob Josh und Charlottes Vater Angus, der gar nicht weiß, welche Ereignisse er vor Jahrzehnten ins Rollen gebracht hat. Sie alle sehe ich durch das Kaleidoskop, sie purzeln durcheinander, jeder rückt ins Bild und verschwindet wieder, bis sich am Ende ein erkennbares Muster ergibt. Der rote Faden, der alles zusammenhält, ist satte, blinde Einsamkeit. Sie sind traurig, diese Figuren, sie sind allein. Weder viel Geld noch viele Siege im Boxring werden daran etwas ändern. Und auch die Rache vermag es nicht. Holt euch dieses raffinierte Büchlein, erwartet nichts, und ihr werdet alles bekommen.

Der Club von Takis Würger ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5753-1, 240 Seiten, 22,60 Euro). Hier könnt ihr dem Autor (der natürlich auch noch gut aussieht, das war ja klar!) beim Lesen zusehen und zuhören.

Für Gourmets: 5 Sterne

Wells besser„Die Einsamkeit in uns können wir nur gemeinsam überwinden“
Drei Geschwister, die nach einem Unfall allein zurückbleiben: Als die Eltern von Jules, Marty und Liz ums Leben kommen, verlieren die drei auch einander. Denn obwohl sie die Jahre bis zu ihrem Schulabschluss im selben Internat verbringen, gehen sie sich großteils aus dem Weg. Jeder versucht auf seine Weise, mit dem Schmerz fertigzuwerden, jedem gelingt es mehr schlecht als recht. Eine Zeitlang fühlt Jules sich nicht ganz so einsam, er freundet sich mit der geheimnisvollen Alva an, die ihm sehr wichtig wird. Alva hat allerdings ihr eigenes Päckchen zu tragen, sie verlieren sich aus den Augen. Doch damit ist die Geschichte noch lange nicht zu Ende – und auch mit seinen Geschwistern wird Jules‘ Weg sich erneut kreuzen …

Wie geht es euch, wenn ihr ein Buch zur Hand nehmt, das jeder, also wirklich jeder, der es gelesen hat, gut fand? Seid ihr skeptisch? Ich war es, als ich angefangen habe, Vom Ende der Einsamkeit zu lesen. Ich wollte wachsam sein. Doppelt so streng wie sonst. Mich nicht gleich einlullen lassen, nicht sofort auf den Zug aufspringen, in dem schon alle saßen. Aber ach, der Benedict. Er hat’s einfach drauf. Er ist ja ein bisschen sowas wie ein literarisches Wunderkind, sein Debüt Becks letzter Sommer wurde ein Wahnsinnserfolg, als er gerade 24 war. Schon nach wenigen Seiten war mir klar: Das mit der Skepsis, das kann ich gleich lassen. Und der Zug hat mich schon mitgenommen. Dieses Buch ist einfach gut.

Gefühlvoll ist es und klug und natürlich – das ist logisch bei der Story – sehr traurig. Einsamkeit ist das Thema, das sich durchzieht, in all ihren Facetten zeigt sie sich und bleibt dabei immer eins: eine Leerstelle in der Seele. Benedict Wells setzt seine drei Figuren einem schweren Schicksalsschlag aus und begleitet sie dann ein Leben lang, um zu sehen, wie es ihnen ergeht. Was macht der Schmerz mit ihnen, wie ertragen sie die Erinnerung? Manchmal meint er es gut mit ihnen, sie dürfen Versöhnung erleben und Glück, aber meist schlägt er ihnen im vollen Lauf die Füße unter dem Körper weg. Und das mitanzusehen, ist gar nicht so einfach. Es wühlt auf, es lässt einen nicht in Ruh, und als Jules dann noch einmal getroffen wird, richtig hart getroffen wird, bin ich regelrecht sauer auf den guten Ben. Wie kann er Jules und mir das antun? Und wie kann sein Buch trotzdem – oder genau deswegen – so herausragend sein? Das ist eine Frechheit. Aber manchmal stimmt eben doch, was die anderen sagen, und man sollte auf sie hören. Ich sage euch deshalb: Lest dieses Buch, es ist grandios. Ihr solltet auf mich hören.

Vom Ende der Einsamkeit von Benedict Wells ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06958-7, 368 Seiten, 22 Euro). Eine sehr schöne Rezension findet ihr bei Literaturen.

Für Gourmets: 5 Sterne

Jäger„Wenn Menschen gehen, suchen sie etwas, wenn sie nichts suchen, rennen sie weg vor etwas“
„… wie als Zeichen, dass der Winter begonnen hatte, sein Terrain abzustecken, seine Gebietsansprüche zu stellen, und so, als ob er sagen wollte, wer sich so weit in die Berge vorwagt mit seiner Familie, seinem Vieh, wer so weit oben Häuser und Bestallungen errichtet, es wagt, so weit oben sein Leben zu leben, der muss sehr früh mit mir rechnen, dem lege ich als Erstem die kalte Hand auf die Schulter, blase ich als Erstem den kalten Atem ins Gesicht, während die, die unten geblieben sind, noch Zeit haben …“ Und er ist brutal, dieser Winter in den Tiroler Bergen im Jahr 1950, der in die Geschichte eingehen wird als Lawinenwinter mit 260 Toten und den der junge Wiener Historiker Max Schreiber in einem Dorf verbringt, in dem er nicht willkommen ist. Ein Buch will er schreiben über eine, die verbrannt ist in ihrem eigenen Haus, die vielleicht eine Hexe war, die man vielleicht brennen sehen wollte, und sobald er dieses Ansinnen äußert, begegnet man ihm mit noch mehr Misstrauen als ohnehin schon. Er ist ein Fremder, er hat hier nichts verloren. Doch Schreiber lässt sich nicht verjagen, und das liegt nicht so sehr an dem Buch, für das er noch keine Zeile geschrieben hat, sondern an Maria. Die junge Frau, die nicht spricht, fasziniert ihn, zieht ihn an, doch das Problem ist: So ergeht es nicht nur ihm. Auch Kühbauer liebt Maria, ein Bauerssohn, verspottet, weil sie ihn nicht erhört, der umso mehr in sturer Liebe entbrennt. Dann kommt der Schnee. Dann kommen die Lawinen. Dann kommt der Tod. Doch nicht bei allen, die sterben, trägt der Winter die Schuld …

Ich hatte 2016 ein übles Lesejahr, habe mich ständig vergriffen und halb die Lust am Lesen verloren. Endlich kam dieser Roman, und er kam reichlich spät. Als ich begonnen habe, ihn zu lesen, war ich schon resigniert. Da war ich schon fertig mit der literarischen Welt (und mit der restlichen auch ein bisschen). Es hat eine Weile gedauert, diese Resignation aufzubrechen, zu mir durchzudringen. Erst nach etwa einem Drittel wurde ich plötzlich hellhörig. Etwas hat sich gerührt in mir. Etwas hat sich verschoben. Sehr langsam, in einem steten, gleichbleibenden Rhythmus, hat sich dieses Buch reingearbeitet in mein Inneres, durch den Panzer der Enttäuschung und des Unwillens. Diesen Rhythmus erzeugt die eigenwillige, betörende, fesselnde Sprache. Gerhard Jäger spielt mit Wiederholungen, babam, babam, sanft, beständig, beharrlich, babam, und wenn du da erst einmal drin bist, im Dickicht dieser Sprache, dann findest du nicht mehr raus. Pathetisch ist das manchmal, und lang sind die Sätze, aber es passt, es ist stimmig, es ist gut, und deswegen darf der das, der Jäger. Sein Setting ist eine vergangene Zeit, ein archaisches Dorf, und von Anfang an ist eine bedrohliche Stimmung spürbar, die sich nicht zuletzt in den Naturkatastrophen entlädt, denen der Mensch so hilflos gegenübersteht. Jede Figur ist fein ausgearbeitet, jeder Dialog hat seine Berechtigung, jede Beschreibung lässt mich selbst sehen, was es zu sehen gibt.

Der Berg, auf dem ich aufgewachsen bin, steht nicht in Tirol, aber sehr wohl in Österreich, und selbst wenn es Jahrzehnte später war, hab ich doch eine Heimat in dem Schnee, ich kenne das Dem-Winter-ausgeliefert-Sein, ich kenne das Abweisende einer Dorfgemeinschaft, und ich fühle mit dem Protagonisten. Vielleicht packt mich dieses Buch deshalb so sehr. Es zieht mich an und in sich hinein, ganz atemlos lese ich es zu Ende, ich kann nicht anders, bin süchtig geworden nach der Geschichte, nach den mit Bedacht gewählten Worten. Und die Rahmenhandlung, von der ich mich noch gefragt hab, wozu braucht’s die eigentlich, ergibt auf einmal Sinn, alles fügt sich, und ich hab’s, obwohl es doch die ganze Zeit da war, nicht kommen sehen. In dem Moment weiß ich es: Das ist mein Buch des Jahres, das ist das beste, was ich 2016 gelesen habe. Spät ist es gekommen, aber nicht zu spät, und eigentlich macht das nichts, denn so herausragend gute Bücher wie dieses, die werden nicht schlecht, ganz egal, wann man sie liest. Wichtig ist also allein, DASS ihr es lest. Lasst euch reinfallen in die Geschichte, in den Rhythmus, in die Sprache, in den Schnee. Babam!

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod von Gerhard Jäger ist erschienen im Blessing Verlag (ISBN 978-3-89667-571-2, 400 Seiten, 22,99 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr die wunderbare Besprechung vom Kaffeehaussitzer, der das Buch so gut fand wie ich und diesen wunderbaren Satz geschrieben hat: Und mitten in der Naturkatastrophe bricht sich eine Lawine menschlicher Leidenschaft Bahn. Eine Lawine aus Wahn, Hass und Eifersucht.

Für Gourmets: 5 Sterne

Schenk„Eltern stecken in ihren Kindern und können sie schwer und traurig machen“
Louise ist Französin, eine hübsche, aufgeweckte Frau mit Hunger auf das Leben. Sie wird gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geboren, und obwohl sie ihn nicht richtig erlebt hat, überschattet dieser Krieg ihr Dasein. Vor allem, als sie sich in einen Deutschen verliebt und mit ihm in seine Heimat zieht. Louises Vater stimmt der Hochzeit zwar schweren Herzens zu, doch die Deutschen bleiben Feinde für ihn. Und wie geht es Louise in dem fremden Land? Ihr jugendlicher Überschwang weicht schnell, sie entdeckt viel Neues über ihren Mann und dessen Familie, nicht alles von positiv, und auch wenn die Ehe hält, verliert sie doch den Zauber des Anfangs. Louise unterrichtet in Deutschland Französisch:

„Alle machen Fortschritte, du vor allem in dieser Umwandlung, deine Muttersprache als Fremdsprache zu unterrichten. Du bist eine Herrin, die, gewohnt, durch weite Wälder zu reiten, auf einmal den Charme eines Gemüse- und Blumengartens entdecken muss.“

Die Jahre verfliegen, Louises Kinder werden groß, und es geht so schnell vorbei, dein Leben.

Im Begleitbrief zu diesem „Lebensbuch“ schreib Martin Kordic, er habe mit Sylvie Schenks Roman gegen Mitternacht begonnen – und das bereut, weil er in dieser Nacht keinen Schlaf bekam. Er musste es in einem Rutsch zu Ende lesen. Ganz so genötigt wie ihn hat diese Geschichte mit autobiografischen Zügen mich nicht, aber ja, doch, sie hat etwas Atemloses. Das liegt an der Hast, die in allem steckt, an dem Drängenden in der Erzählstimme, womit ich nicht sagen will, dass Sylvie Schenk ungenau erzählt. Sie lässt vielmehr ein Leben auf nur 158 Seiten vorbeiflirren, und sie zeigt, ohne es konkret sagen zu müssen, wie wenig Zeit wir haben. Wie sie uns zerrinnt.

Auch die Wahl der zweiten Person Singular sorgt dafür, dass Schnell, dein Leben ein intensives Leseerlebnis ist. Wer ständig mit Du angesprochen wird, bekommt natürlich automatisch das Gefühl, gemeint zu sein, beteiligt zu sein. Und auch wenn dies eine ungewöhnliche Erzählperspektive sein mag, erschien sie mir in diesem Fall sehr natürlich.

„Deine Kindheit ist eine kaum verblasste Musik. Man kann die Noten hintereinander staccato anklopfen oder jeder die Zeit lassen, sich zu einer gebundenen Melodie auszudehnen.“

Dies ist ein wunderbares Buch, poetisch und traurig, nicht verhärmt, nicht verbittert, offen für das, was geschehen ist, liebevoll sich selbst und den eigenen Fehlern gegenüber.

Schnell, dein Leben von Sylvie Schenk ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-446-25331-5, 160 Seiten, 16 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

kloeble„Sich selbst wird ein Schatten nie verraten, aber seinen Menschen durchaus“
Jeder Mensch hat einen Schatten. Nicht wahr? Nein, sagt die Mutter von Lola Salz, und vor denen, die keinen haben, sollte man sich in Acht nehmen. Aber nicht nur vor denen – die Welt ist voller Dinge, die gefährlich werden können. Das merkt Lola spätestens, als sie erwachsen ist, selbst Kinder hat und verzweifelt versucht, gemeinsam mit ihnen den Zweiten Weltkrieg zu überleben. Das Familienhotel in Leipzig hat sie nach einem dramatischen Zwischenfall in ihrer Kindheit nie wieder betreten – und sie tut es nicht einmal, um sich und ihre Kinder zu retten. Als das Hotel, der Fürstenhof, später zur DDR gehört und beschlagnahmt ist, versucht Lolas Sohn Karl, ihn zurückzugewinnen. Stattdessen gewinnt er überraschend das Herz einer viel jüngeren Frau – und was die Schatten so treiben, ist auch Jahrzehnte nach dem Tod von Lolas Mutter noch rätselhaft …

Kennt ihr das, wenn ein Buch höchst merkwürdig ist und irgendwie anstrengend, aber trotzdem richtig gut? So ist es mit diesem hier. Mehrmals denke ich während der Lektüre: Whuuut?, und es hat auch seine Längen, aber ich mochte es dennoch, und zwar so gern, dass mich die Schwächen nicht gestört haben. Ich brauchte einfach nur eine Weile, um hineinzufinden in diese ungewöhnliche Geschichte. Christopher Kloeble führt eine Figur nach der anderen ein, lässt sie ausführlich zu Wort kommen – aber nur einmal. Er kehrt nie wieder zu ihr zurück. Er erzählt einfach chronologisch weiter, über Jahrzehnte hinweg.

Und schreiben kann er. Ich kannte Kloeble bereits von seinem Erstling, Unter Einzelgängern, das ich nicht so gut fand, das mir aber schon 2009 Anlass zu der Bemerkung gegeben hat:

Unter Einzelgängern ist eine Studie über eine Familie – und dabei bleibt es auch, ein Roman wird nicht daraus. Dazu hätte Kloeble seine Figuren besser herausbilden und mehr ins Detail gehen müssen. Ich traue ihm das sehr wohl zu und glaube auch, dass er sich als Autor noch stark weiterentwickeln wird.

Die unsterbliche Familie Salz gibt mir Recht. Christopher Kloeble hat sich zu einem gewieften, intelligenten und kreativen Schriftsteller gemausert, dem es mit spielerischer Leichtigkeit gelingt, die Fäden seiner vielschichtigen Story in der Hand zu behalten und konsequent abzuwickeln. Well done! Ein wirklich originelles, verstörendes und leicht seltsames Buch, das mich nachhaltig beeindruckt hat. Eines meiner liebsten Leseerlebnisse im Jahr 2016.

Die unsterbliche Familie Salz von Christopher Kloeble ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28092-1, 440 Seiten, 22 Euro). Auch Tobias vom Buchrevier fand es sehr gut.

Für Gourmets: 5 Sterne

img_1289Ich mag den Seethaler. Ich mag den sogar sehr. Bisher hab ich allerdings nur zwei eher unbekannte Romane von ihm gelesen, Die weiteren Aussichten sowie Die Biene und der Kurt. Als ich nach Idee 1 und 2 nur noch so halb im Lesetief steckte, dachte ich: Nimm den Seethaler, der zieht dich da raus. Der kann das, der ist gut, wirklich jeder fand das Buch toll. Und was soll ich sagen, Schritt 3 hat mich endgültig gerettet. Das war eine sichere Nummer, da wusste ich, damit kann ich einfach nicht falsch liegen. Weil Ein ganzes Leben so unaufgeregt ist und leise, aber überhaupt nicht flach. Mich verbindet natürlich auch viel mit dem Österreichischen, ich bin selbst auf einem Berg aufgewachsen, ich verstehe die Sprache und alles, was nicht gesagt wird. Ein ganzes Leben ist ein großartiges Buch, und es war gut, dass ich dem Seethaler vertraut habe: Nach diesem Roman war die Leseflaute vorbei. Ich hatte sie übertaucht.

Es ist eine Sauerei mit dem Sterben. Man wird einfach weniger mit der Zeit.

So schreibt der da, und das find ich schon gut, es wird allerdings beständig noch besser.

Wenn man schon zur Hölle fuhr, müsse man mit den Teufeln lachen.

Das passt irgendwie, kommt mir vor. Galgenhumor. Ein bisserl Tiefsinnigkeit. Was Melancholisches. Ja, denke ich da, davon will ich mehr. Ich will wieder lesen. Ich bin zurück!

Für Gourmets: 5 Sterne

doerr„Manchmal ist das Auge des Sturms der sicherste Ort“

„Kennst du die größte Lehre der Geschichte? Sie lautet, dass die Geschichte am Ende das ist, was die Sieger sagen.“

Und dem jungen Werner wird eingebläut, dass es nur einen Sieger geben kann: das Deutsche Reich. Der blonde Bub, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, hat eine große Leidenschaft für Radios und alles Technische. Die bringt ihn an die Akademie, wo er eine Chance auf eine gute Ausbildung erhält – denn im Krieg werden Burschen wie er gebraucht. Werner macht mit, reiht sich ein in den Gleichschritt und versucht, die Zweifel, die tief in ihm drin gären, zu ignorieren. Als er gegen Kriegsende in einem kleinen französischen Städtchen stationiert ist, deckt er ein Geheimnis auf, an dem sich zeigen wird: Ist Werner, wenn es drauf ankommt, ein guter Mensch? Denn dort trifft er Marie-Laure, die allein ausharrt in einer völlig zerbombten Stadt. Sie ist blind. Und was sie tut, könnte sie das Leben kosten …

Im September war ich im Urlaub: die erste Flugreise mit den Kindern. Der Platz im Koffer war beschränkt, ich hatte schon einige leichte Taschenbücher eingepackt, da ich ja keinen E-Reader besitze. Am Abend vor dem Abflug hab ich noch in diesen Roman reingelesen, nicht viel, vielleicht fünfzehn Seiten. Das war ein Fehler. Denn dann musste ich ihn mitnehmen. Ich MUSSTE. Ich stopfte ihn noch zu den Badesachen, und dann saß ich da, am Strand, die Kinder in Sichtweite, strahlender Sonnenschein, die Füße im Sand – und mit dem Kopf mitten im Zweiten Weltkrieg, im Bombenhagel. Mehr als einmal tropften meine Tränen in den Sand, holy moly, das klingt so rührselig, aber was soll ich tun, es ist wahr.

Anthony Doerr hat 2015 für dieses Buch, um das ein großer Hype herrschte, den Pulitzer-Preis bekommen. In Amerika hat ihm das einen sensationellen Erfolg beschert, das deutsche Feuilleton hat sein Werk abfällig behandelt und belächelt. Ich bin wie immer spät dran, aber who cares: Gute Bücher werden nicht schlecht. Und dieses hier schon gar nicht. Deshalb solltet ihr alle, die die Geschichte von Marie-Laure und Werner noch nicht gelesen haben, das unbedingt nachholen: Sie ist großartig. Sehr ergreifend, hart, spannend, tieftraurig und ein weiteres Mahnmal –, auch wenn es viele geben mag, die glauben, davon brauche es nicht noch mehr – dessen, was geschehen ist, was nicht vergessen werden darf. An den vielen Details merkt man, wie gut der amerikanische Autor recherchiert hat – die Arbeit muss Jahre gedauert haben. Die Kapitel sind sehr kurz, die Schnitte sind schnell, was tatsächlich einen Film im Kopf ablaufen lässt, einen Film voll einprägsamer Bilder und mit gelungener Dramaturgie. Anthony Doerr hat viel Liebe in dieses Buch gesteckt, hat sich hineingefühlt in seine zwei Jugendlichen, in diesen Krieg, in diese Ideologie. In Deutschland war es nicht erfolgreich, wofür die Kritiker diverse Gründe gefunden haben, unter anderen die Übersetzung. Ich war allerdings absolut angetan, für mich gehört Alles Licht, das wir nicht sehen zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Den dicken, schweren Wälzer in den Urlaub und an den Strand zu schleppen – das war’s wert.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-66751-0, 528 Seiten, das HC ist vergriffen und wird nicht nachgedruckt, bei btb ist eine Taschenbuchausgabe erschienen).

Für Gourmets: 5 Sterne

Rosenfeld„Hört man auf zu existieren, Anna, wenn niemand mehr weiß, wer man eigentlich ist?“
„Man ist immer zu jung, um nicht mehr zu hoffen.“ Und deshalb tut Adam alles, um Anna zu finden. Sie hatten nur einen einzigen Kuss, nur so wenig Zeit zusammen, bevor die Nationalsozialisten damit begannen, die Juden ins Ghetto zu treiben oder in Zügen fortzubringen. Adam, selbst Jude, soll mit seiner Familie fliehen, mit seinem großen Bruder Moses, der Mutter sowie der Großmutter – einer resoluten Frau, die das Familienvermögen in Diamanten eingetauscht hat, um sie alle nach England zu bringen. Doch stattdessen geht Adam nach Osten, mitten hinein in die Gefahr, und zwei Dinge helfen im dabei: sein arisches Aussehen und der Oberkommandant Bussler, der schon seit vielen Jahren mit Adams Großmutter befreundet ist – obwohl er sich der Sache verschrieben hat und Tötungen im großen Stil verantwortet. Direkt vor der Nase derer, die ihn tot sehen wollen, bewegt Adam sich mit dem Mut der Verzweifelten, und um Anna zu erreichen, schreibt er ihr diese Geschichte,

„deshalb gibt es diese Seiten, Anna, der einzige Ort, an dem mein Name neben deinem steht“,

und viele Jahre später erreicht sie jemanden, der ihm sehr ähnlich sieht.

„Manchmal weiß man nicht, ob man den Sprung über den reißenden Strom geschafft hat oder ob das der Grund des Flusses ist, den man unter den Füßen spürt.“

Dieses Zitat fängt die Stimmung dieses Buchs perfekt ein: die stetige Gefahr. Den Mut, zu springen. Und den Galgenhumor, die Selbstironie, mit der Protagonist Adam seine Situation betrachtet. Euch jetzt zu sagen, dass ein Buch wie dieses, das zur Zeit der Judenverfolgung spielt, traurig ist, ist mit Sicherheit überflüssig. Aber Adams Erbe ist nicht einfach nur traurig, es ist erschütternd. Es bohrt sich in eure Knochen wie ein zugespitzter Eiszapfen. Weil es um einen geht, der verliebt ist, der so gern leben möchte, der nicht versteht, warum ihm verwehrt wird, was für alle anderen eine Selbstverständlichkeit ist. Er bangt und hofft und sucht, und selbst in der größten Not, bis zum bitteren Ende, kämpft er um seine Zuversicht. Das zu lesen, tut einfach nur weh. Und es erinnert mich stellenweise sehr stark an den La vita è bella von Roberto Benigni, ein Wahnsinnsfilm, mit Sicherheit einer der besten, die jemals gedreht wurden. Vorenthalten habe ich euch jetzt die Rahmenhandlung, in die Adams Story eingebettet ist und die – auf ihre eigene Art – ebenso wunderbar zu lesen ist. Dies ist ein Roman, aber auch ein historisches Dokument, eine Geschichte, die genau so geschehen sein könnte. Alles daran ist erfunden und zugleich nichts. Umso bedeutsamer ist dieses Buch, und umso dringender solltet ihr es lesen.

„Aber ich hoffe, das man nicht vergessen wird, dass es Menschen waren, die uns vertrieben haben, dass es Menschen waren, die dieses Ghetto errichtet haben, dass es Menschen sind, die da draußen schießen, dass es Menschen sind, die diese Züge in Bewegung setzen.“

Adams Erbe von Astrid Rosenfeld ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06772-9, 400 Seiten, 21,90 Euro). Hier könnt ihr lesen, was die Autorin selbst über ihr Debüt von 2011 sagt.

Für Gourmets: 5 Sterne

OzekiDas Leben ist eine Welle, du kannst nicht dagegen ankämpfen
„Hi! My name is Nao, and I am a time being. Do you know what a time being is? Well, if you give me a moment, I will tell you. A time being is someine who lives in time, and that means you, and me, and every one who is, or was, or ever will be.“ So beginnt dieses herausragend gute Buch mit der Ich-Stimme eines sechzehnjährigen japanischen Mädchens, das seine Geschichte aufschreibt – in ein leeres Notizbuch mit dem Umschlag von À la recherche du temps perdu. Und was für eine Geschichte das ist! Aufgewachsen ist Nao in Sunnydale in den USA, doch als ihr Vater seinen Job verlor, musste sie zurück nach Tokyo – ohne Geld, ohne Zuflucht, ohne Perspektive und vor allem ohne das Rüstzeug, um an einer japanischen Schule zu bestehen. Sie spricht die Sprache, aber mehr auch nicht, und so wird Nao schnell zum Ziel grausamster Mobbingattacken. Niemandem erzählt sie davon. Der Vater schämt sich wegen des Gesichtsverlusts zu Tode und versucht mehrfach, sich umzubringen. Das Familienleben besteht nur noch aus Schande und brodelndem Schweigen:

„The important thing was that we were being polite and not saying all the things that were making us unhappy, which was the only way we knew how to love each other.“

Ein Lichtblick in Naos Leben ist ihre Urgroßmutter Jiko, buddhistische Nonne und 104 Jahre alt, die ihr zeigt, wie unwichtig vieles von dem ist, was Nao sich so zu Herzen nimmt. Das Buch, dem Nao sich anvertraut, behält sie nicht. Sie wirft es ins Meer. Und im Zuge des wirbelnden Tsunami landet es an einem weit entfernten Strand, wo die Schriftstellerin Ruth es findet, auf einer abgelegenen Insel, im kleinen Ort Whaletown. Sie ist fasziniert von Naos Geschichte, recherchiert und sucht und sorgt sich: Ist Nao noch am Leben? Was ist mit ihr geschehen? Ist von ihr nur noch die Erinnerung geblieben?

„Memories are time beings, too, like cherry blossoms or gingko leaves, for a while they are beautiful, and then they fade and die.“

Schon von den ersten Seiten an war ich ganz verrückt nach diesem Buch. Es hat mich sofort umwickelt, umgarnt, an sich gezogen und mitgenommen auf eine Reise an einen Sehnsuchtsort: Japan. Seit ich vor vielen Jahren an der Uni versucht habe, Japanisch zu lernen, übt dieses Land eine große Faszination auf mich aus. Ruth Ozeki hat selbst eine japanische Mutter – und sie hat sich auch selbst in dieses Buch eingebracht, zumindest vermute ich das. Ob die Kapitel aus Sicht von Ruth authentisch und autobiografisch sind, kann ich nicht beurteilen, aber die Parallelen und Ähnlichkeiten sind groß. Ihr Stil, mit dem sie die Nöte und Ängste des Teenagermädchens Nao einfängt, ist sicher und elegant. Keinen Augenblick lang habe ich das Gefühl, dass hier nicht tatsächlich eine Sechzehnjährige mit mir spricht. Nao ist ehrlich und direkt, sie sehnt sich und leidet und sucht. Was sie erlebt, zeigt erneut, was für ein Scheißhaufen diese Welt ist. Welchen Sinn gibt es für sie? Wie kann sie ihren Vater retten? Und wie wird man so gelassen wie eine 104-jährige buddhistische Nonne? A tale for the time being ist ein trauriges Buch und dennoch überraschend heiter. Es zieht mich nicht runter, es ist lebensklug und gewitzt und voller wunderschöner Botschaften. Sie treffen mich, überall im Buch, ich schreibe sie mir auf, möchte sie nicht vergessen. Genau wie diesen ganz besonderen Roman.

Auf Deutsch ist A tale for the time being unter dem Titel Geschichte für einen Augenblick bei den S. Fischer Verlagen erschienen.

Für Gourmets: 5 Sterne

thumb_IMG_9179_1024.jpgWenn man verbrennt, tief innen drin
Einer packt ein Mädchen, tritt es in den Keller, missbraucht es und donnert es an die Wand, bis es sich nicht mehr rührt. Ein anderer ist alt geworden während der Arbeit in der Fabrik, tagein, tagaus, und jetzt, wo seine Arbeitskraft nichts mehr wert ist, bleibt ihm nur die Kneipe, wo die Kumpel sitzen und es nach Bier riecht, nach Kotze, Tschick und Wut. Resignation, Frust, Gewalt: Das ist die Mischung, die das Blut der Männer zum Kochen bringt, der Alkohol und die Perspektivenlosigkeit tun ihr Übriges. Manch einer will ausbrechen aus dem Trott der Generationen, will studieren und ein besseres Leben haben, aber wenn er es nicht schafft, muss er zurück in die Welt der Verlierer. Und er muss prügeln, er muss Knochen krachen lassen, damit er überhaupt noch was hört in seinem tiefen, gedämpften Sumpf aus abgestorbenen Träumen.

Milieustudie ist ein wirklich abgeschmackter Begriff. Trotzdem trifft er zu auf Sven Heucherts schonungslose Geschichten: Der junge deutsche Autor bildet in seinen Debütstorys eine Gesellschaftsschicht ab, die Arbeiterschicht, greift sich eine Handvoll Figuren aus der Masse der Hunderttausenden und zeigt, wie sie leben. Das tut er auf ebenso eindringliche wie authentische Weise: So knallhart und verdichtet ist seine Sprache, dass sie wirkt, als käme sie direkt aus den Mündern dieser Menschen. Wie Ohrfeigen sind die Worte, wie Schläge in den Magen, und wuchtiger noch sind ihre Inhalte: Von Einsamkeit erzählen sie und von Schmerz, von Alkoholismus und Brutalität. Hackler heißen diese Arbeiter auf Österreichisch, doch egal, wie man sie nennt: Ihr Leben ist hart. Ihre Hände sind rau und vernarbt, ihre Herzen sind es auch.

Sven Heucherts Figuren sind Männer. Auf Frauen treten sie drauf, wenn sie ihnen unterkommen, Frauen suchen sie, um abzuladen, was sich aufgestaut hat, Frauen sind anwesend. Aber die eigentlichen Figuren sind Männer. Wenn sie ein Kind zeugen, behalten sie die Frau dazu, versorgen sie, fühlen sich ihr verpflichtet, füllen die Leere im Inneren mit Bier. Liebe gibt es nicht, nur in kleinen Dosen vielleicht, als ein Aufeinander-angewiesen-Sein, als ein Mittel gegen das Alleinsein oder in der Form von Sex. Frauen werden gejagt, vergewaltigt, blutig geschlagen und liegengelassen. Sie sind Objekte der Begierde, sie sind das, was man sich nimmt, oder das, was zuhause sitzt und einem auf die Nerven geht. Dazwischen gibt es wenig, einen heimlichen Blick vielleicht, eine einzige zärtliche Geste.

Sven Heucherts Storys sind selbst wie Männer: Sie benutzen nicht viele Worte. Er ist ein Meister der Verknappung, sparsam geht er um mit seinem Werkzeug Sprache – und schafft es trotzdem, viel zu sagen. Deshalb ist sein Buch Asche, auf das Tobias vom Buchrevier aufmerksam gemacht hat, so hervorragend. Auch wenn ich oft vom Dialekt in den Dialogen wenig verstehe, ist die Botschaft klar: Da suchen Menschen nach dem Glück, wühlen danach, graben, bis ihnen die Fingernägel brechen, und finden nichts weiter als ein schwaches Schimmern. Ein desillusionierendes, lebensnahes, starkes Buch.

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Asche von Sven Heuchert ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-13-5, 184 Seiten, 12,80 Euro). Eine weitere Besprechung findet ihr auch bei Sophie von Literaturen.