Für Gourmets: 5 Sterne

Robert Seethaler: Der Trafikant

„Es gibt so viele Sorten Traurigkeit, wie es Lebensstunden gibt“

Du fragst mich, ob ich irgendetwas über die Liebe weiß. Die Wahrheit ist: Ich weiß nichts darüber. Obwohl ich sie kennengelernt habe. Keiner weiß etwas über die Liebe. Und doch haben sie die allermeisten schon erlebt. Die Liebe kommt und geht, und man kennt sich vorher nicht aus, und man kennt sich nachher nicht aus, und am allerwenigsten kennt man sich aus, wenn sie da ist.

Das schreibt die Mutter ihrem Sohn Franz, der achtzehnjährig von zuhause, einem kleinen Ort am Attersee, nach Wien geht, um eine Lehre zu machen in einer Trafik. Über die Liebe will Franz wissen, was es zu wissen gibt, weil er sich verliebt hat zum ersten Mal und fast eingeht daran. Hinterrücks überfallen hat sie ihn, die Liebe, mitten im Prater war das, und jetzt kann Franz an nichts anderes mehr denken als an ein rundes böhmisches Mädel. Nicht nur die Mutter fragt er um Rat, sondern auch den Professor, niemand Geringeren als Sigmund Freud, den er in der Trafik kennenlernt. Auch der kann ihm nicht weiterhelfen, weil man die Liebe ganz allein aushalten muss. Bald schon gibt es ohnehin andere Nöte, weitaus gewichtigere Nöte, die den Professor, den Trafikanten und Franz selbst beschäftigen: Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, die Stadt ist in Aufruhr, das ganze Land ist in Aufruhr, und noch ahnen sie nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden.

Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ich hab schon einiges gelesen von diesem Autor, der zu Recht von Kritikern wie Lesern geliebt und mit Preisen bedacht wird, dieser Titel hat mir bislang noch gefehlt. Und vielleicht, ich kann mich nicht entscheiden, vielleicht ist es sein bester. Weil meine österreichische Seele schon auf den ersten Seiten gelächelt und sich aufgehoben gefühlt hat. Weil Sigmund Freud lebendig wird und man denkt: Ja, doch, das könnte so passiert sein, warum denn auch nicht. Weil die Briefe zwischen Franz und seiner Mutter so bodenständig und simpel, dabei jedoch so tiefgehend sind, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass ein Autor eine solche Kunst beherrscht. Weil Robert Seethaler so wenig Worte braucht, um so viel zu sagen. Weil es ein Buch ist, von dem ich mir wünsche, ich hätte es selbst geschrieben.

Und am Ende hatte ich Tränen in den Augen.

Vielleicht könne man da und dort ein Zeichen setzen, hatte der Professor gesagt, ein kleines Licht in der Dunkelheit, mehr könne man nicht erwarten.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist als Taschenbuch erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5645-9, 256 Seiten).

 

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