Für Gourmets: 5 Sterne

„Das Traurigsein, Marili, wird erst aufhören, wenn ich sterbe“
Marili ist vier Jahre alt, sie wächst auf dem Bergbauernhof ihrer Großeltern auf, eine Mutter hat sie nicht. Sie beobachtet den Schnee, den Schlaf des Opas, die Traurigkeit der Oma durch kindliche Augen, sie weiß noch nicht, was all das bedeutet – und sieht doch schon so viel. Vor allem auch: dass nicht alles gut ist, ganz im Gegenteil. Wenig Gutes hat auch die Ehefrau in der Novelle Wir töten Stella zu erzählen: In einem schonungslosen Bericht macht sie deutlich, wie viel Schuld sie am Niedergang von Stella trägt. Das neunzehnjährige Mädchen kommt ins Haus der Familie, und vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder nutzt der Ehemann dessen Jugend aus, dessen Unschuld, dessen Schwärmerei. Die Gattin weiß, was er tut, sie sieht erst Stellas rote Wangen und glückliche Augen, sieht später ihr bleiches Gesicht und die Verzweiflung. Sie ist kalt und distanziert.

„In der Tat war ja nichts mehr gutzumachen. Stella würde eine Zeitlang heftig leiden und dann anfangen, sich zu beruhigen, wie wir uns alle beruhigen müssen, wenn wir am Leben bleiben wollen.“

Doch Stella will nicht am Leben bleiben, und als sie tot ist, da kann die Ehefrau nicht anders, als abzurechnen mit der eigenen Untätigkeit.

„Einmal war alles gut und in Ordnung, und dann hat jemand die Fäden verwirrt. Ich kann den Anfang nicht mehr finden, und das Gespinst unter meinen Händen verwirrt sich von Tag zu Tag mehr, es wächst und wuchert, und eines Tages wird es mich begraben und ersticken.“

Man kennt Marlen Haushofer für ihr großartiges Werk Die Wand. Ihre scharfen Novellen sind jedoch nicht minder großartig: Als Erzählerin war sie furchtlos. Sie ging Themen an, über die sonst kaum geschrieben wurde, nicht aus Frauensicht zumindest, sie schrieb pointierte Sätze, sie beobachtete so klar und unverstellt, und sie konnte, was sie sah, auch in Worte fassen. Ich lese diese kleine Sammlung zwei ihrer Geschichten, ich lese sie in dieser engen Schrift, in der Bücher früher gesetzt wurden, in dieser Sprache, die noch nicht antiquiert anmutet, aber auch längst nicht mehr modern ist, einer anderen Zeit entsprungen, einem anderen Stil verhaftet, und denke nur, wie gut das alles ist. Wie gut es geschrieben ist und auf den Punkt gebracht. Wie sehr Marlen Haushofer es verdient hätte, noch zu Lebzeiten berühmt zu werden. Wie sie heute einen festeren Platz im Literaturkanon haben sollte, einen Platz von denen, die nur den männlichen Schriftstellern gehören. Es ist faszinierend, dass so kleine Geschichten offenbaren, was für eine große Autorin sie war. Lest alles von ihr, es ist hervorragend.

Wir töten Stella / Das fünfte Jahr von Marlen Haushofer wurden 1958 und 1953 zuerst veröffentlicht und sind in der Neuauflage bei Ullstein erschienen (List Taschenbuch).

 

 

 

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Wenn das Grauen an dich glaubt, kannst du nichts dagegen tun“
Alles beginnt mit einer Aufnahme, die Seth eines Tages in New York macht, er fängt eine Stimme ein, einen Sänger, den er gar nicht gesehen hat, und gemeinsam mit seinem Freund Carter filtert er den Gesang heraus. Die beiden sind in der Branche bekannt für ihren einzigartigen Sound, sie können alles so klingen lassen, als sei es alt, sehr alt – der schwerreiche Carter sammelt wertvolle Bluesplatten, Seth ist ein Computerfreak, sie kennen sich vom College.

„Klar, ich hörte die ganze Zeit Bluesmusik, aber dass ich diese alten Songs so mochte, diese geisterhaften Stimmen, die aus der Vergangenheit zu mir sprachen, lag unter anderem daran, dass ich in ihnen Zuflucht vor der Welt suchte.“

Doch als sie den geheimnisvollen Bluesgesang veröffentlichen, geraten sie plötzlich in einen Strudel höchst seltsamer Ereignisse: Carter verschwindet, und für Seth, der ihn sucht, verschwimmen Gegenwart und Vergangenheit immer mehr, er weiß nicht mehr, was real ist und was nicht. Wird er verfolgt? Ist ihm ein rachsüchtiger Geist auf den Fersen? Blutrünstige Morde, Rassismus und ein New York, das es auf diese Weise schon sehr lange nicht mehr gibt: Davon handelt dieser unglaublich spannende Roman von Hari Kunzru.

„Ich habe das Gefühl, nicht mehr Herr über mein Leben zu sein. Nichts von dem, was ich tue, kann mich in meinem Innersten berühren. Meine Erinnerungen sind ein Geflecht aus verschwörerischen Verbindungen. Alles ist schon passiert.“

Über JEDEN Thriller wird gesagt, dass man ihn „atemlos“ lese und er „eine Sogwirkung“ besitze, deshalb sind diese Formulierungen extrem abgelutscht, aber Leute: Ich hab dieses Buch inhaliert, ich war sowas von gefesselt, ich war ernsthaft angefixt, und das passiert mir fast nie. Ich wollte lesen, lesen, lesen. Was für eine abstruse, gespenstische, großartige Geschichte! Zuerst denkt man, es gehe um diese beiden Freunde, die ein Tonstudio betreiben, obwohl sie so unterschiedlich sind, dann merkt man: Es geht um Musik, um Klänge, um Sound. Und plötzlich ist da diese Wut. Eine alte, tiefe, begründete Wut – die die beiden Jungs unabsichtlich entfesseln. Auf einmal tun sich Schichten auf, mit denen man nicht gerechnet hat, Abgründe, die nach Blut und Moder riechen: Rassismus, Sklaverei, Ausbeutung, Gewalt. Hari Kunzru erzählt nicht mehr linear, lässt alles zerfließen und vermischt irreale mit realen Elementen – es ist unmöglich, dieses Buch einzuordnen. Es ist kein Krimi, kein Thriller, kein reiner Roadmovie, es ist alles davon und doch viel mehr, das macht es so unglaublich bemerkenswert. Und so gut!

White Tears von Hari Kunzru ist erschienen bei Liebeskind (ISBN 978-3-95438-078-7, 352 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

„Diese Auffassung hatte etwas Verführerisches für mich: schnell lieben, heftig und flüchtig. Ich war nicht in dem Alter, dem Treue etwas bedeutet. Rendezvous, Küsse, schließlich der Überdruss, das war alles, was ich von der Liebe wusste“
Denn Cécile ist erst siebzehn in jenem Sommer, den sie mit ihrem Vater an der Küste verbringt, in einem Haus am Meer. Dass sie durch die Prüfungen gefallen ist, kümmert sie nicht weiter, lieber geht sie segeln mit Cyril und vertreibt sich die Zeit mit allerlei Amüsements.

„Und wir sagten uns Liebesworte, die am Abend so süß klangen und die ich am nächsten Morgen vergessen hatte.“

Vater Raymond ist ein charmanter Casanova, seine Freundin, die er mitgebracht hat in den Urlaub, kaum älter als seine Tochter. Doch dann stößt die schöne Anne, eine Freundin von Céciles verstorbener Mutter, zu der heiteren kleinen Gesellschaft an der Côte d’Azur.

„Anne war nicht boshaft. Ich spürte, dass sie ganz und gar gleichgültig war, ihre Urteile besaßen nicht die Präzision, die Schärfe der Bosheit. Umso niederschmetternder waren sie.“

Plötzlich hat es ein Ende mit dem leichten Leben, es drohen Ernsthaftigkeit, Lernen und Sesshaftbleiben, denn Raymond trennt sich von dem Mädchen und wendet sich der Frau zu: Er möchte Anne heiraten.

„Um innerlich ruhig zu sein, brauchten mein Vater und ich äußerlichen Trubel. Und das würde Anne nicht zulassen können.“

Cécile mag Anne. Sie bewundert sie, sie hatte nie eine Mutter. Und doch geht es ihr gegen den Strich, dass sie umgemodelt werden soll, dass der Vater ihr entzogen wird, und sie beschließt, dass sie dagegen vorgehen muss. Sie beschließt es mit der Naivität und Grausamkeit jener, die jung sind – und setzt einen perfiden Plan in die Tat um.

Ein Buch, das so bekannt ist, dass sein Titel ein geflügeltes Wort geworden ist. Eine Geschichte, von der man wieder und wieder hört. Und die ich dennoch bisher nicht gelesen hatte. Als Bonjour tristesse mir letztens in einer Buchhandlung in die Hände fiel, habe ich sofort zugegriffen und gewusst: Jetzt aber. Dieser Klassiker ist mein. Und dann habe ich ihn innerhalb von zwei Tagen weggelesen mit vor Erstaunen aufgerissenen Augen, großem Interesse und dem vorherrschenden Gedanken: Verdammt, ist das gut. Es ist wirklich so gut, wie der Erfolg glauben macht. Und es hat sogar heute noch eine enorme Wirkung, obwohl es seinem zeitlichen Kontext, in dem es wie eine Bombe hochgegangen sein muss, enthoben ist. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang das kluge Nachwort von Sibylle Berg, das in dieser Ausgabe enthalten ist – sie zeigt, wie und warum Sagan damals Staub aufgewirbelt hat und auch, wie es der Autorin später erging. Ein kluges Buch mit mehr Lebensweisheit, als man einer Neunzehnjährigen zutraut, mit Sätzen und Einsichten für die Ewigkeit – Chapeau.

Bonjour Tristesse von Françoise Sagan ist als Taschenbuch erschienen bei Ullstein (ISBN 9783548290836, 176 Seiten, 12 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

„Unter der glatten Oberfläche des Vertrauten wartet etwas anderes darauf, die Welt in Stücke zu reißen“

„Das Zusammenleben mit ihm war, als betrachte man das Meer. Jeden Tag hatte es eine andere Farbe, waren die schaumbedeckten Wellen unterschiedlich hoch, aber es zog mit der immer gleichen rastlosen Stärke in Richtung Horizont.“

Das sagt Circe über Odysseus, und damit sind wir gleich bei der Stärke dieses Buchs: Es erzählt die Sagen, die wir kennen, aus der Sicht einer Frau. Endlich hat jemand diesen Stoff, diesen mythischen, uralten, in Tausenden Unterrichtsstunden durchgekauten Stoff genommen, umgedreht, von der anderen Seite beleuchtet – und dadurch so zum Strahlen gebracht, dass das golden glänzende Cover mehr als nur passend ist. Ich bin durch dieses Buch geflogen wie im Rausch, denn ich konnte – und obwohl ich so viel lese, geschieht das nur selten – nicht aufhören, mich nicht lösen, ich wollte wissen, wie es weitergeht. Und das ist umso kurioser, weil ich es ja eigentlich sowieso WUSSTE, weil ich sie kenne, die Geschichten von Odysseus und Athene, von Hermes und Poseidon und Zeus und Medea, ich kenne sie alle und gut: In der Schule waren es mir die liebsten Stunden, in denen uns die Lateinlehrerin einfach nur die alten Mythen vorlas. Umso großartiger war es jetzt, dank Madeline Miller zu ihnen zurückzukehren, und mehr als das: Sie besser kennenzulernen, sie klarer zu sehen – durch die Augen einer Frau. Denn alle diese Heldensagen handeln von Männern, erheben Männer, lobpreisen Männer, und sämtliche Ehefrauen und Nymphen sind nichts als Ablenkung, Spieleinsatz, Beute.

„Als Bräute wurden Nymphen bezeichnet, aber das war es nicht, was die Welt in uns sah. Wir waren ein nie enden wollendes Festmahl, dargeboten auf einem Tisch, wunderschön und sich ständig erneuernd. Und so furchtbar schlecht im Weglaufen.“

Female empowerment ist ein Schlagwort der Stunde, und das hat einen Grund: Es fehlen die Heldinnensagen. Es fehlen die Gefühle von Penelope, als Odysseus nach zwanzig Jahren zurückkam und ein anderer war. Es fehlt der Blick auf die Beweggründe der weiblichen Figuren, der Fokus liegt stets nur auf den Kerlen. Strophen über Strophen wird gesungen über ihren Mut und ihre Muskeln, Kampf und Krieg. Aber ganz ehrlich? Ich bin Circeist viel interessanter. Es nimmt all die Mythen und fügt Emotionen dazu, die endlich einmal nicht von Testosteron durchzogen sind. Sondern von Mitgefühl und Voraussicht, von Ehrlichkeit, Angst und Weisheit. Female empowerment plus griechische Mythologie – das ist eine großartige, wahnsinnig schlaue Kombination, und deshalb MÜSST IHR DIESES BUCH LESEN. Lasst euch becircen!

„Wir sind hier. So fühlt es sich an, wenn man in der Flut schwimmt, wenn man auf dem Antlitz der Erde wandert und spürt, wie sie unsere Füße berührt. So fühlt es sich an, wenn man lebt.“

Ich bin Circe von Madeline Miller ist erschienen im Eisele Verlag (ISBN 9783961610686, 528 Seiten, 24 Euro), hervorragend übersetzt von Frauke Brodd.

Für Gourmets: 5 Sterne

„Unser Dorf hat tausend Augen, die sehen alles, alles, alles“

„Unser Dorf hat Nasen, die riechen sich bis in deine Seele, schnuppern das letzte Geheimnis aus dir heraus. Und was die Augen nicht sehen und die Nasen nicht riechen, das hören die Ohren.“

Und deshalb wissen sie alles von ihr, der Namenlosen, der Eselshure, der Ausgesetzten, deren Schritte verfolgt werden mit Spott und Spucke und Tritten – sie wohnt beim Bethaus-Vater, der sie aufgenommen hat als Baby, und ein Entkommen gibt es nicht, denn das Dorf ist auf einer Insel. Wohin könnte sie gehen überhaupt, sie, die nicht lesen kann, die nichts weiß vom Leben, weil das Lernen den Männern vorbehalten ist, die die Gesetze machen und über alles bestimmen, alles, sie, die nicht einmal weiß, woher sie kommt? Ihr Leben ist beschwerlich, schöne Momente gibt es kaum.

„Es gibt keinen Augenblick am Tag, der nicht ausgefüllt ist, keinen Augenblick, der nicht der Arbeit und der Angst vor dem Hunger gewidmet ist. Schmerz und Dreck schreiben sich mit jedem Lebensjahr tiefer in unsere Körper, so dass man uns leicht lesen kann. Wir belohnen uns mit unserem Glauben, unseren Festen und dem Wissen um die Erlösung nach dem Tod.“

Bis sie Yael kennenlernt. Bis sie Fragen stellt und Antworten sucht. Langsam wächst etwas in ihr. Wächst ein Zweifel und ein Wille und eine Wut. Weil man, wenn man immer nur unterdrückt wird, resigniert, und aus dieser Resignation entsteht Zorn, der zum Handeln zwingt. Weil man sich als Frau in einer männerregierten Welt nur nach einem sehnt: Freiheit.

„Ich möchte auch nur mir selbst gehören. Wenn du dir nicht selbst gehörst, bist du nicht frei.“

Karen Köhler hat ein Buch geschrieben, das wehtut. Sie hat so klare, dichte, schöne Worte gefunden für einen Freiheitskampf, für eine Emanzipation, dass ich viele Sätze zweimal, dreimal lese, einfach, weil sie perfekt austariert sind. Ich kann sehen, wie sie es gemacht hat, ich kann all die Mechanismen sehen, und ich ziehe meinen Hut vor ihr. Das ist ein Roman, er ist fiktiv und gleichzeitig nicht, eine Religion hat sie erfunden und ein Dorf und eine Frau, und gleichzeitig nicht: Alles davon ist wahr, ist so geschehen tausendfach auf dieser Welt. Es ist ein Buch, das Männer nie auf dieselbe Art lesen werden wie wir Frauen, nie auf dieselbe Art verstehen werden. Es rührt an einen tiefen, alten Urschmerz, den wir von unseren Müttern erben und in jeder Gesellschaft sehen und am eigenen Leib spüren. Es ist nur logisch, dass die alten weißen Männer sich jetzt ereifern, dass sie wettern und toben, denn Karen Köhler hat ihnen ihr geliebtes Patriarchat angezündet, und das macht ihnen Angst. Weil es ihnen zeigt, was noch kommen wird.

Miroloi von Karen Köhler ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-26171-6, 464 Seiten, 24 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

„Ich bin aus Luft gemacht, sagt er. Mir passiert nichts“

Allmählich begreift er, wie man es machen kann. Seine Knie verstehen, die Schultern halten sich anders. Man muss dem Schwanken nachgeben, muss weich werden in den Knien und Hüften, muss dem Sturz einen Schritt zuvorkommen. Die Schwere greift nach einem, aber schon ist man weiter. Seiltanz: dem Fallen davonlaufen.

Und so lernt er diese Kunst, er, Tyll, dessen Vater, der Müller, nicht hierhergehört, an diesen Ort, in diese Zeit, weil er zu viel hinterfragt und deshalb in die Fängen der Inquisition gerät. Tyll lernt und hört zu, er beobachtet und weiß: Ich muss hier fort. Und so beginnt die Reise von Tyll, die zugleich die Reise des Lesers ist: durch Düsternis und mittelalterliches Unwissen, durch Krieg und Pest und Politik. Und was für eine unglaubliche, abenteuerliche, erlebnisreiche Reise das ist! Ausschließlich jeder, mit dem ich online und offline über dieses Buch gesprochen habe, hat nur Gutes darüber gesagt: weil es nun mal gut ist. Punkt. Das spürt man sofort auf den ersten Seiten, da wird nicht nur die Kunst Tylls erkennbar, sondern die Kunst Daniel Kehlmanns, der mit den Worten jongliert wie sein Protagonist mit den Bällen, der kichert und trällert und seinen Schabernack treibt mit dem Leser, der auf seiner Sprache tanzt wie auf einem Seil. Und keinen einzigen falschen Schritt macht dabei.

Aber ich hab zwei Füße, und ein Richter mit Robe oder ein Wächter mit Hellebarden, die haben auch nur zwei. Jeder von ihnen hat so viele Füße wie ich. Keiner hat mehr. Die können zusammen nicht schneller laufen als wir.

Er ist gewitzt: Tyll genauso wie Daniel. Das Buch umtänzelt den Leser, umgarnt ihn, zieht mal hier, mal da – und am Ende erkennt man das ganze Bild. Und möchte anerkennend klatschen. Es ist großartig geschrieben, es ist klug strukturiert. Man kann ganz ehrlich sagen, dass es Spaß macht, diesen Roman zu lesen, weil er die Freude am Lesen zurückgibt: Diese spielerische Leichtigkeit findet man selten in der Literatur. Und dabei handelt er von so Gewichtigem, von Tod und Verrat und nagendem Hunger, von Berge aus Kriegsleichen und Folter, ein bisschen von der Liebe, ohne sie geht es nicht.

Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Baches sehen. Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben, wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein.

Es ist ein Schelmenstück, dieses Buch, ein in sich geschlossener Beweis, es bietet sich selbst eine Bühne und unterhält jeden, der Platz nimmt vor dem Gauklerwagen. Es ist voller Anspielungen auf historische Ereignisse, die schmunzeln lassen, voller tiefgründigem Humor und grandiosen Formulierungen. Ich habe das Gefühl, dass es ohnehin schon jeder kennt, doch wer Tyll noch nicht gelesen hat, der möge es tun – sofort.

Zweifelnd blickte der König den Narren an. Die spitzen Lippen, das dünne Kinn, das gescheckte Wams, die Kappe aus Kälberfell; einmal hatte er ihn gefragt, warum er diesen Aufzug trage, ob er sich wohl als Tier verkleiden wolle, worauf der Narr geantwortet hatte: „O nein, als Mensch!“

Tyll von Daniel Kehlmann ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-03567-9, 480 Seiten, 22,95 Euro).

 

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Maybe that’s what the world needed. A bit of shaking up“

These things are happening all at once. These things are one thing. They are the inevitable result of all that went before. The power seeks its outlet. These things have happened before, they will happen again.

Bei den jungen Frauen beginnt es zuerst, es beginnt plötzlich und überall auf der Welt: Sie können Impulse aus ihren Körpern senden, wie Elektrizität, sie können Funken sprühen lassen und Schmerzen zufügen. Sie können töten. Und diese Macht, die die jüngeren in den älteren erwecken, lässt das jahrtausendealte Gefüge kippen: Mit einem Mal sind die Frauen den Männern überlegen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre neue Gabe nutzen, bis sie sich auflehnen und aufbegehren, sich wehren und die Ketten sprengen, in die das Patriarchat sie gelegt hat. Weltweit bricht eine nie dagewesene Revolution los, Frauen vereinen sich, befreien sich, stürzen Regierungen, beseitigen Diktatoren, zerstören Sexsklaven- und Menschenhandelringe, helfen einander. Aber sie tun, und das macht diesen Roman so clever, nicht nur Gutes, bei Weitem nicht, sie betreiben Missbrauch mit ihrer neuen Macht, setzen sie gegeneinander und gegen Männer ein, sie quälen aus Spaß, sie morden, sie vergewaltigen. Und die Frage ist: Ist es nicht letztlich egal, wer wem überlegen ist, verleitet eine Machtposition nicht automatisch dazu, die Schwächeren zu unterdrücken, kann es denn jemals Frieden geben zwischen den Geschlechtern?

Chapeau, Naomi Alderman, für dieses unglaublich schlaue Buch, das mich massiv beeindruckt hat. Ich habe es weggesuchtet, hatte mehrfach – trotz 30 Grad am Strand – Gänsehaut und fand es unglaublich spannend. Ich liebe Bücher, die nicht das gewöhnliche 08/15-Setting haben, das mich als Vielleserin anödet, sondern die etwas Neues wagen, hinter denen eine echte Überlegung steckt, eine Idee. Und in diesem Fall wird diese Idee auch noch ebenso intelligent wie konsequent umgesetzt. Das beginnt mit E-Mails, die man sich zuerst nicht erklären kann und die erst am Ende des Buchs Sinn ergeben – und war für ein smartes, geniales Ende das ist! –, es geht weiter mit Zeichnungen und Abbildungen zwischen den Kapiteln, die aus einem Buch über Archäologie stammen könnten, auch das erklärt sich erst am Schluss, und ach, es ist einfach wunderbar. Ich mag es, wenn etwas derart durchdacht ist. Nicht nur wegen der Einschübe und des Endes, sondern wegen der gesamten Umsetzung: Da kommen Frauen vor, deren Gabe nicht so funktioniert, wie sie sollte, Menschen, die sowohl Männer als auch Frauen sind, da bedient sich die Werbeindustrie sofort der neuen Ordnung, da entstehen neue Sexspielarten und ein neuer Sprachduktus, der mit der Machtverschiebung einhergeht. Das sind kleine, aber wichtige Details, die dafür sorgen, dass alles rund und glaubwürdig wird. Naomi Alderman erzählt aus verschiedenen Perspektiven und über mehrere Jahre, nicht nur Frauen kommen zu Wort, auch ein Mann, aus ihren Sichtweisen wird die Veränderung beleuchtet, die die Welt verändert, dieser Erdrutsch, der alles ins Wanken bringt.

Teilweise finde ich das Ganze etwas zu gott- und religionslastig, aber gut, so waren die Menschen immer schon, sobald sie sich etwas nicht erklären konnten, haben sie einen Gott bemüht, einen Gott kreiert:

It is a gift. Who is to say it does not come from God?

Und ich habe mich gefragt: Wo will sie hin mit dieser Geschichte, wie kommt sie aus dieser Sache wieder raus? Der Schluss ist auf den ersten Blick merkwürdig, gewöhnungsbedürftig, auf den zweiten jedoch die einzig logische Möglichkeit. Und das macht das Buch umso besser für mich: Naomi Alderman behauptet nicht, dass alles gut wird, sobald die Frauen an die Macht kommen. Ganz im Gegenteil. Unbedingte Leseempfehlung!

The Power ist auf Deutsch unter dem Titel Die Gabe erschienen bei Heyne (ISBN 978-3-453-31911-0, 480 Seiten, 16,99 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Es gibt so viele Sorten Traurigkeit, wie es Lebensstunden gibt“

Du fragst mich, ob ich irgendetwas über die Liebe weiß. Die Wahrheit ist: Ich weiß nichts darüber. Obwohl ich sie kennengelernt habe. Keiner weiß etwas über die Liebe. Und doch haben sie die allermeisten schon erlebt. Die Liebe kommt und geht, und man kennt sich vorher nicht aus, und man kennt sich nachher nicht aus, und am allerwenigsten kennt man sich aus, wenn sie da ist.

Das schreibt die Mutter ihrem Sohn Franz, der achtzehnjährig von zuhause, einem kleinen Ort am Attersee, nach Wien geht, um eine Lehre zu machen in einer Trafik. Über die Liebe will Franz wissen, was es zu wissen gibt, weil er sich verliebt hat zum ersten Mal und fast eingeht daran. Hinterrücks überfallen hat sie ihn, die Liebe, mitten im Prater war das, und jetzt kann Franz an nichts anderes mehr denken als an ein rundes böhmisches Mädel. Nicht nur die Mutter fragt er um Rat, sondern auch den Professor, niemand Geringeren als Sigmund Freud, den er in der Trafik kennenlernt. Auch der kann ihm nicht weiterhelfen, weil man die Liebe ganz allein aushalten muss. Bald schon gibt es ohnehin andere Nöte, weitaus gewichtigere Nöte, die den Professor, den Trafikanten und Franz selbst beschäftigen: Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, die Stadt ist in Aufruhr, das ganze Land ist in Aufruhr, und noch ahnen sie nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden.

Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ich hab schon einiges gelesen von diesem Autor, der zu Recht von Kritikern wie Lesern geliebt und mit Preisen bedacht wird, dieser Titel hat mir bislang noch gefehlt. Und vielleicht, ich kann mich nicht entscheiden, vielleicht ist es sein bester. Weil meine österreichische Seele schon auf den ersten Seiten gelächelt und sich aufgehoben gefühlt hat. Weil Sigmund Freud lebendig wird und man denkt: Ja, doch, das könnte so passiert sein, warum denn auch nicht. Weil die Briefe zwischen Franz und seiner Mutter so bodenständig und simpel, dabei jedoch so tiefgehend sind, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass ein Autor eine solche Kunst beherrscht. Weil Robert Seethaler so wenig Worte braucht, um so viel zu sagen. Weil es ein Buch ist, von dem ich mir wünsche, ich hätte es selbst geschrieben.

Und am Ende hatte ich Tränen in den Augen.

Vielleicht könne man da und dort ein Zeichen setzen, hatte der Professor gesagt, ein kleines Licht in der Dunkelheit, mehr könne man nicht erwarten.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist als Taschenbuch erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5645-9, 256 Seiten).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Der Welt, der war das egal“
Ihr müsst wissen, ich glaube nicht an die Menschheit. Ihr müsst wissen, ich hasse die Menschen, ich bin zutiefst enttäuscht von ihnen, jeden Tag aufs Neue enttäuschen sie mich, ich bin voller Wut und Traurigkeit und Resignation. Und das ist kein Misanthropie-Statement als trendige Modeerscheinung, ganz im Gegenteil, so geht es mir, seit ich ungefähr vierzehn bin, und es ist nicht schön. Es ist schrecklich, es tut weh. Nur sehr selten begegne ich jemandem, der mich versteht. Meistens bekomme ich zu hören: „Jetzt tu doch nicht so“, oder: „Es gibt ja auch Gutes“, und: „Das meinst du doch nicht ernst.“ Ich wünschte, es wäre so, ich würde gern glauben, dass es Gutes gibt, ich würde das gern nicht ernst meinen, aber wie, ich frage euch, wie soll das gehen, wenn die Menschen gierig sind und grausam, wenn sie einander abschlachten und verhungern und ertrinken lassen, wenn sie einander ausbeuten und verraten und keine Gnade kennen, niemals. Es gibt keine Selbstlosigkeit auf dieser Welt, kein Teilen, keinen Zusammenhalt, es gibt keine Hoffnung.

Dann hat mir jemand etwas geschenkt mit einem Zitat aus diesem Buch darin, und ich kann kaum ausdrücken, wie sich das angefühlt hat. Es war, als hätte derjenige gesehen, wie ich bin und warum, hätte mir ins Innerste geschaut und mich erkannt. Aber ohne darüber zu urteilen, ohne mir zu sagen, wie ich doch eigentlich zu denken habe. Ich habe mich zutiefst erschrocken. Und ich wollte dieses Buch lesen, unbedingt. Jetzt, im Nachhinein, bereue ich das ein wenig, weil es meinen Menschheitshass so sehr befeuert hat. Weil es mich zum Weinen gebracht hat, aber nicht, wie ihr vielleicht denkt, zwei, drei stille Tränen der Rührung, nein. Ich habe geschluchzt und richtig geheult, ich habe gedacht: Ich ertrage das nicht, nie im Leben ertrage ich das.

Und doch bin ich froh, dass ich es gelesen habe, weil Sibylle Berg eine Meisterin ist, ein Genie, ich verneige mich tief vor ihr. Nur sie kann mit einem derart nüchternen, klaren Blick auf die Menschheit schauen und beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie ausgrenzt und verlacht, wie sie tötet, manchmal schnell, mit gezielten Hieben, manchmal langsam, mit Liebesentzug und Ignoranz. Sie kann das mit Worten, die treffend sind und die einzig richtigen, sie kann das mit Sätzen und Bildern, die die Welt zeigen in all ihrer Düsternis und Lieblosigkeit.

Du blödes kleines Leben, mit deinem Geruch nach allem möglichen, nach Erde und Holunder, oder nach Wasser auf sonnenheißen Steinen, und das ist nun bald alles weg, und unschuldig ist doch keiner gewesen. Du kurzes kleines Leben, in dem es keinem gelingt herauszufinden, wie man dich ohne Schaden übersteht, du einzige Kränkung, du einziges Vorführen der eigenen Unwichtigkeit, da empfindet doch keiner Respekt für all die Anstrengungen und die Schläge und die Krankheiten und die Ängste.

Es geht um einen Menschen in diesem Buch, der Toto heißt, der nicht Mann ist und nicht Frau, der dick ist und vielleicht nicht schön, wenn man denn Schönheit überhaupt definieren kann, der singen kann oder womöglich auch nicht, und ist das wichtig? Ist es bedeutsam, wie Toto aussieht, was Toto kann, sollte Toto nicht einfach geliebt werden, so, wie Toto ist? Niemand, wirklich niemand liebt Toto, ein ganzes Leben lang nicht, nirgends, sie finden Toto abstoßend, lachhaft, es gibt kein Licht für Toto, keinen einzigen leuchtenden Augenblick.

Vielen Dank für das Leben ist grausam und authentisch und echt, es ist traurig, unfassbar traurig, es ist schwarz und scharf und klug und pointiert. Es ist, wie die Menschen sind: gnadenlos. Und es tut weh.

Vielen Dank für das Leben von Sibylle Berg ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-14341-7, 400 Seiten, als Taschenbuch 9,90 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Zuneigung ist etwas Vergängliches“
Ein Schiff läuft aus, ein Walfangschiff, und an Bord sind Männer, die hart und rau sind wie die See, zu der sie fahren. Und wenn jemand keine Skrupel hat, Tiere zu töten, Robben zu erschlagen, dass das Blut nur so spritzt, einen Wal zu jagen, dieses große, sanfte, wunderschöne Wesen, wie ist es dann in Bezug auf Menschen? Hält ihn dann etwas davon ab, auch einen Menschen umzubringen, ist da noch eine Hemmschwelle? Henry Drax ist Harpunierer, ein undurchsichtiger Mann, der nicht viel redet. Patrick Sumner ist Arzt, und die Geschichten, die er über seine Vergangenheit erzählt, sind wohl nicht wahr. Zwischen diesen beiden Männern entspinnt sich ein Konflikt, der seinen Höhepunkt in einem Verbrechen findet, das auf dem Schiff geschieht. Auf dem Schiff, das sich mitten in der Kälte befindet, in einer unwirtlichen Gegend, auf Expedition zum Töten von Tieren – aber auch ein Mensch kommt dort schnell um.

„Dieses Buch ist so krass“, haben sie gesagt, „fast schon grenzwertig.“ Und ich hab mir gedacht: Aha, aha, mal sehen, da bin ich ja gespannt. Und dann les ich es und es ist wirklich krass und es ist wirklich grenzwertig, aber es ist auch so gut. In Nordwasser bedient Ian McGuire sich einer Sprache, die so ist wie seine Männer: schonungslos, rau, direkt, ohne Poesie. Er beschreibt die Ereignisse so nüchtern, so klar, dass ich das Gefühl habe, ich stehe daneben, ich bekomme das unmittelbar mit, ich sehe das vor mir. Und es ist nichts Schönes, was ich da sehe, im Gegenteil, es sind schreiende, verendende Tiere, es sind Menschen, die einander hintergehen und verraten, es ist Dreck und Blut und das unerbittliche Meer. Es riecht nach Schweiß und Kotze, nach ungewaschenen Körpern, nach Angst.

Natürlich kommen ihm die Lügen mühelos über die Lippen. Worte sind nur Geräusche in einer bestimmten Reihenfolge, und er kann sie gebrauchen, wie es ihm gefällt. Schweine grunzen, Enten quaken, Menschen lügen, so läuft das für gewöhnlich.

Ich mag Bücher, die am Meer und auf dem Meer spielen. Ich mag es wild und schnörkellos, am liebsten mitten ins Gesicht. So ist dieses Buch. Es erinnert mich in seiner Ausweglosigkeit an Ins Westeis von Tor Even Svanes, über das ich geschrieben habe: Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? Dasselbe könnte man über Nordwasser sagen, weil man ja schon weiß, dass da nichts Gutes kommen kann, dass die Ausgangssituation – Männer ohne Gewissen zusammengepfercht auf einem Schiff, von dem niemand flüchten kann – geradezu danach schreit, dass etwas Grausames geschieht, weil das alles beklemmend ist, und dann ist man trotzdem überrascht. Was da geschieht. Und wie grausam es ist. „Dieses Buch ist so krass“, möchte ich euch sagen, „fast schon grenzwertig.“ Lest es, lest es unbedingt!

Nordwasser von Ian McGuire ist erschienen im mare Verlag (ISBN 978-3-86648-267-8, 304 Seiten, 22 Euro).