Für Gourmets: 5 Sterne

„Maybe that’s what the world needed. A bit of shaking up“

These things are happening all at once. These things are one thing. They are the inevitable result of all that went before. The power seeks its outlet. These things have happened before, they will happen again.

Bei den jungen Frauen beginnt es zuerst, es beginnt plötzlich und überall auf der Welt: Sie können Impulse aus ihren Körpern senden, wie Elektrizität, sie können Funken sprühen lassen und Schmerzen zufügen. Sie können töten. Und diese Macht, die die jüngeren in den älteren erwecken, lässt das jahrtausendealte Gefüge kippen: Mit einem Mal sind die Frauen den Männern überlegen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre neue Gabe nutzen, bis sie sich auflehnen und aufbegehren, sich wehren und die Ketten sprengen, in die das Patriarchat sie gelegt hat. Weltweit bricht eine nie dagewesene Revolution los, Frauen vereinen sich, befreien sich, stürzen Regierungen, beseitigen Diktatoren, zerstören Sexsklaven- und Menschenhandelringe, helfen einander. Aber sie tun, und das macht diesen Roman so clever, nicht nur Gutes, bei Weitem nicht, sie betreiben Missbrauch mit ihrer neuen Macht, setzen sie gegeneinander und gegen Männer ein, sie quälen aus Spaß, sie morden, sie vergewaltigen. Und die Frage ist: Ist es nicht letztlich egal, wer wem überlegen ist, verleitet eine Machtposition nicht automatisch dazu, die Schwächeren zu unterdrücken, kann es denn jemals Frieden geben zwischen den Geschlechtern?

Chapeau, Naomi Alderman, für dieses unglaublich schlaue Buch, das mich massiv beeindruckt hat. Ich habe es weggesuchtet, hatte mehrfach – trotz 30 Grad am Strand – Gänsehaut und fand es unglaublich spannend. Ich liebe Bücher, die nicht das gewöhnliche 08/15-Setting haben, das mich als Vielleserin anödet, sondern die etwas Neues wagen, hinter denen eine echte Überlegung steckt, eine Idee. Und in diesem Fall wird diese Idee auch noch ebenso intelligent wie konsequent umgesetzt. Das beginnt mit E-Mails, die man sich zuerst nicht erklären kann und die erst am Ende des Buchs Sinn ergeben – und war für ein smartes, geniales Ende das ist! –, es geht weiter mit Zeichnungen und Abbildungen zwischen den Kapiteln, die aus einem Buch über Archäologie stammen könnten, auch das erklärt sich erst am Schluss, und ach, es ist einfach wunderbar. Ich mag es, wenn etwas derart durchdacht ist. Nicht nur wegen der Einschübe und des Endes, sondern wegen der gesamten Umsetzung: Da kommen Frauen vor, deren Gabe nicht so funktioniert, wie sie sollte, Menschen, die sowohl Männer als auch Frauen sind, da bedient sich die Werbeindustrie sofort der neuen Ordnung, da entstehen neue Sexspielarten und ein neuer Sprachduktus, der mit der Machtverschiebung einhergeht. Das sind kleine, aber wichtige Details, die dafür sorgen, dass alles rund und glaubwürdig wird. Naomi Alderman erzählt aus verschiedenen Perspektiven und über mehrere Jahre, nicht nur Frauen kommen zu Wort, auch ein Mann, aus ihren Sichtweisen wird die Veränderung beleuchtet, die die Welt verändert, dieser Erdrutsch, der alles ins Wanken bringt.

Teilweise finde ich das Ganze etwas zu gott- und religionslastig, aber gut, so waren die Menschen immer schon, sobald sie sich etwas nicht erklären konnten, haben sie einen Gott bemüht, einen Gott kreiert:

It is a gift. Who is to say it does not come from God?

Und ich habe mich gefragt: Wo will sie hin mit dieser Geschichte, wie kommt sie aus dieser Sache wieder raus? Der Schluss ist auf den ersten Blick merkwürdig, gewöhnungsbedürftig, auf den zweiten jedoch die einzig logische Möglichkeit. Und das macht das Buch umso besser für mich: Naomi Alderman behauptet nicht, dass alles gut wird, sobald die Frauen an die Macht kommen. Ganz im Gegenteil. Unbedingte Leseempfehlung!

The Power ist auf Deutsch unter dem Titel Die Gabe erschienen bei Heyne (ISBN 978-3-453-31911-0, 480 Seiten, 16,99 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Es gibt so viele Sorten Traurigkeit, wie es Lebensstunden gibt“

Du fragst mich, ob ich irgendetwas über die Liebe weiß. Die Wahrheit ist: Ich weiß nichts darüber. Obwohl ich sie kennengelernt habe. Keiner weiß etwas über die Liebe. Und doch haben sie die allermeisten schon erlebt. Die Liebe kommt und geht, und man kennt sich vorher nicht aus, und man kennt sich nachher nicht aus, und am allerwenigsten kennt man sich aus, wenn sie da ist.

Das schreibt die Mutter ihrem Sohn Franz, der achtzehnjährig von zuhause, einem kleinen Ort am Attersee, nach Wien geht, um eine Lehre zu machen in einer Trafik. Über die Liebe will Franz wissen, was es zu wissen gibt, weil er sich verliebt hat zum ersten Mal und fast eingeht daran. Hinterrücks überfallen hat sie ihn, die Liebe, mitten im Prater war das, und jetzt kann Franz an nichts anderes mehr denken als an ein rundes böhmisches Mädel. Nicht nur die Mutter fragt er um Rat, sondern auch den Professor, niemand Geringeren als Sigmund Freud, den er in der Trafik kennenlernt. Auch der kann ihm nicht weiterhelfen, weil man die Liebe ganz allein aushalten muss. Bald schon gibt es ohnehin andere Nöte, weitaus gewichtigere Nöte, die den Professor, den Trafikanten und Franz selbst beschäftigen: Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, die Stadt ist in Aufruhr, das ganze Land ist in Aufruhr, und noch ahnen sie nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden.

Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ich hab schon einiges gelesen von diesem Autor, der zu Recht von Kritikern wie Lesern geliebt und mit Preisen bedacht wird, dieser Titel hat mir bislang noch gefehlt. Und vielleicht, ich kann mich nicht entscheiden, vielleicht ist es sein bester. Weil meine österreichische Seele schon auf den ersten Seiten gelächelt und sich aufgehoben gefühlt hat. Weil Sigmund Freud lebendig wird und man denkt: Ja, doch, das könnte so passiert sein, warum denn auch nicht. Weil die Briefe zwischen Franz und seiner Mutter so bodenständig und simpel, dabei jedoch so tiefgehend sind, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass ein Autor eine solche Kunst beherrscht. Weil Robert Seethaler so wenig Worte braucht, um so viel zu sagen. Weil es ein Buch ist, von dem ich mir wünsche, ich hätte es selbst geschrieben.

Und am Ende hatte ich Tränen in den Augen.

Vielleicht könne man da und dort ein Zeichen setzen, hatte der Professor gesagt, ein kleines Licht in der Dunkelheit, mehr könne man nicht erwarten.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist als Taschenbuch erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5645-9, 256 Seiten).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Der Welt, der war das egal“
Ihr müsst wissen, ich glaube nicht an die Menschheit. Ihr müsst wissen, ich hasse die Menschen, ich bin zutiefst enttäuscht von ihnen, jeden Tag aufs Neue enttäuschen sie mich, ich bin voller Wut und Traurigkeit und Resignation. Und das ist kein Misanthropie-Statement als trendige Modeerscheinung, ganz im Gegenteil, so geht es mir, seit ich ungefähr vierzehn bin, und es ist nicht schön. Es ist schrecklich, es tut weh. Nur sehr selten begegne ich jemandem, der mich versteht. Meistens bekomme ich zu hören: „Jetzt tu doch nicht so“, oder: „Es gibt ja auch Gutes“, und: „Das meinst du doch nicht ernst.“ Ich wünschte, es wäre so, ich würde gern glauben, dass es Gutes gibt, ich würde das gern nicht ernst meinen, aber wie, ich frage euch, wie soll das gehen, wenn die Menschen gierig sind und grausam, wenn sie einander abschlachten und verhungern und ertrinken lassen, wenn sie einander ausbeuten und verraten und keine Gnade kennen, niemals. Es gibt keine Selbstlosigkeit auf dieser Welt, kein Teilen, keinen Zusammenhalt, es gibt keine Hoffnung.

Dann hat mir jemand etwas geschenkt mit einem Zitat aus diesem Buch darin, und ich kann kaum ausdrücken, wie sich das angefühlt hat. Es war, als hätte derjenige gesehen, wie ich bin und warum, hätte mir ins Innerste geschaut und mich erkannt. Aber ohne darüber zu urteilen, ohne mir zu sagen, wie ich doch eigentlich zu denken habe. Ich habe mich zutiefst erschrocken. Und ich wollte dieses Buch lesen, unbedingt. Jetzt, im Nachhinein, bereue ich das ein wenig, weil es meinen Menschheitshass so sehr befeuert hat. Weil es mich zum Weinen gebracht hat, aber nicht, wie ihr vielleicht denkt, zwei, drei stille Tränen der Rührung, nein. Ich habe geschluchzt und richtig geheult, ich habe gedacht: Ich ertrage das nicht, nie im Leben ertrage ich das.

Und doch bin ich froh, dass ich es gelesen habe, weil Sibylle Berg eine Meisterin ist, ein Genie, ich verneige mich tief vor ihr. Nur sie kann mit einem derart nüchternen, klaren Blick auf die Menschheit schauen und beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie ausgrenzt und verlacht, wie sie tötet, manchmal schnell, mit gezielten Hieben, manchmal langsam, mit Liebesentzug und Ignoranz. Sie kann das mit Worten, die treffend sind und die einzig richtigen, sie kann das mit Sätzen und Bildern, die die Welt zeigen in all ihrer Düsternis und Lieblosigkeit.

Du blödes kleines Leben, mit deinem Geruch nach allem möglichen, nach Erde und Holunder, oder nach Wasser auf sonnenheißen Steinen, und das ist nun bald alles weg, und unschuldig ist doch keiner gewesen. Du kurzes kleines Leben, in dem es keinem gelingt herauszufinden, wie man dich ohne Schaden übersteht, du einzige Kränkung, du einziges Vorführen der eigenen Unwichtigkeit, da empfindet doch keiner Respekt für all die Anstrengungen und die Schläge und die Krankheiten und die Ängste.

Es geht um einen Menschen in diesem Buch, der Toto heißt, der nicht Mann ist und nicht Frau, der dick ist und vielleicht nicht schön, wenn man denn Schönheit überhaupt definieren kann, der singen kann oder womöglich auch nicht, und ist das wichtig? Ist es bedeutsam, wie Toto aussieht, was Toto kann, sollte Toto nicht einfach geliebt werden, so, wie Toto ist? Niemand, wirklich niemand liebt Toto, ein ganzes Leben lang nicht, nirgends, sie finden Toto abstoßend, lachhaft, es gibt kein Licht für Toto, keinen einzigen leuchtenden Augenblick.

Vielen Dank für das Leben ist grausam und authentisch und echt, es ist traurig, unfassbar traurig, es ist schwarz und scharf und klug und pointiert. Es ist, wie die Menschen sind: gnadenlos. Und es tut weh.

Vielen Dank für das Leben von Sibylle Berg ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-14341-7, 400 Seiten, als Taschenbuch 9,90 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Zuneigung ist etwas Vergängliches“
Ein Schiff läuft aus, ein Walfangschiff, und an Bord sind Männer, die hart und rau sind wie die See, zu der sie fahren. Und wenn jemand keine Skrupel hat, Tiere zu töten, Robben zu erschlagen, dass das Blut nur so spritzt, einen Wal zu jagen, dieses große, sanfte, wunderschöne Wesen, wie ist es dann in Bezug auf Menschen? Hält ihn dann etwas davon ab, auch einen Menschen umzubringen, ist da noch eine Hemmschwelle? Henry Drax ist Harpunierer, ein undurchsichtiger Mann, der nicht viel redet. Patrick Sumner ist Arzt, und die Geschichten, die er über seine Vergangenheit erzählt, sind wohl nicht wahr. Zwischen diesen beiden Männern entspinnt sich ein Konflikt, der seinen Höhepunkt in einem Verbrechen findet, das auf dem Schiff geschieht. Auf dem Schiff, das sich mitten in der Kälte befindet, in einer unwirtlichen Gegend, auf Expedition zum Töten von Tieren – aber auch ein Mensch kommt dort schnell um.

„Dieses Buch ist so krass“, haben sie gesagt, „fast schon grenzwertig.“ Und ich hab mir gedacht: Aha, aha, mal sehen, da bin ich ja gespannt. Und dann les ich es und es ist wirklich krass und es ist wirklich grenzwertig, aber es ist auch so gut. In Nordwasser bedient Ian McGuire sich einer Sprache, die so ist wie seine Männer: schonungslos, rau, direkt, ohne Poesie. Er beschreibt die Ereignisse so nüchtern, so klar, dass ich das Gefühl habe, ich stehe daneben, ich bekomme das unmittelbar mit, ich sehe das vor mir. Und es ist nichts Schönes, was ich da sehe, im Gegenteil, es sind schreiende, verendende Tiere, es sind Menschen, die einander hintergehen und verraten, es ist Dreck und Blut und das unerbittliche Meer. Es riecht nach Schweiß und Kotze, nach ungewaschenen Körpern, nach Angst.

Natürlich kommen ihm die Lügen mühelos über die Lippen. Worte sind nur Geräusche in einer bestimmten Reihenfolge, und er kann sie gebrauchen, wie es ihm gefällt. Schweine grunzen, Enten quaken, Menschen lügen, so läuft das für gewöhnlich.

Ich mag Bücher, die am Meer und auf dem Meer spielen. Ich mag es wild und schnörkellos, am liebsten mitten ins Gesicht. So ist dieses Buch. Es erinnert mich in seiner Ausweglosigkeit an Ins Westeis von Tor Even Svanes, über das ich geschrieben habe: Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? Dasselbe könnte man über Nordwasser sagen, weil man ja schon weiß, dass da nichts Gutes kommen kann, dass die Ausgangssituation – Männer ohne Gewissen zusammengepfercht auf einem Schiff, von dem niemand flüchten kann – geradezu danach schreit, dass etwas Grausames geschieht, weil das alles beklemmend ist, und dann ist man trotzdem überrascht. Was da geschieht. Und wie grausam es ist. „Dieses Buch ist so krass“, möchte ich euch sagen, „fast schon grenzwertig.“ Lest es, lest es unbedingt!

Nordwasser von Ian McGuire ist erschienen im mare Verlag (ISBN 978-3-86648-267-8, 304 Seiten, 22 Euro).

 

 

 

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9697„Ich fing an, sie zu hassen. Ich fing an, sie zu lieben“

Aber was ist mit seinen Töchtern?, fragte ich mich. Was hat Gott mit seinen Töchtern gemacht?

August ist in Brooklyn, mit ihrem Vater, mit ihrem Bruder, einzig die Mutter fehlt, und August wartet. Überzeugt davon, dass die Mutter wiederkommen wird, morgen und morgen, überzeugt, dass alles sich ändern wird. Die Hitze, das Fremdsein, die aufkeimende Pubertät, die so verwirrend ist. Doch in Wahrheit ändert sich nichts, nur der Vater hat neue Frauen, nur die Kinder werden größer. Angela, Sylvia und Gigi werden Augusts Freundinnen, jede auf ihre Art angeknackst, noch nicht zerbrochen, und doch sind die Risse in ihren Fassaden schon erkennbar.

Wir trugen Rasierklingen in unseren Kniestrümpfen und ließen uns lange Fingernägel wachsen. Mit der Zeit bewegten wir uns auf den Straßen Brooklyns, als wären wir nie woanders gewesen – mit lauten Stimmen und noch lauterem Lachen. Doch Brooklyn hatte längere Nägel und schärfere Klingen. Jeder zugedröhnte Soldat, jedes hungrige Kind mit aschfahlen Knien hätte uns das sagen können.

Ein anderes Brooklyn ist viel weniger ein Buch und viel mehr ein Büchlein, schmal, mit Leerzeilen zwischen den Blöcken, kaum eine Geschichte. Und dennoch. Ich habe es nicht gelesen, sondern ratzfatz atemlos auf einer eineinhalbstündigen Zugfahrt aufgefressen. Es kribbelt auf der Haut während der Lektüre, es rumort im Magen und im Herzen auch. Man kann nicht genau festmachen, woran das Unwohlsein liegt, warum es so sticht und schmerzt. Idealerweise klingt in Büchern wie diesem, die so viel ungesagt lassen, genau das Ungesagte noch viel lauter. Das ist hier der Fall, und es ist sehr gut.

Jacqueline Woodson, selbst in Brooklyn aufgewachsen, schreibt seit zwanzig Jahren preisgekrönte Bücher für Jugendliche – und hat nun ihren ersten Roman für Erwachsene vorgelegt. Liegt es vielleicht daran, dass ihr diese jungen Mädchen so gut gelungen sind, diese vier Dreizehnjährigen, die aus dem Kindsein kippen, die das aufregend finden und doch gleichzeitig die Gefahr erkennen, in der sie sich plötzlich befinden? Es geht um Freundschaft in diesem Buch, um Entwurzelung und Verlust. Es geht um Einsamkeit und Neuanfänge, um das Zurückblicken auf eine Zeit im eigenen Leben, die prägend war. Ein merkwürdiges, verwirrendes und tatsächlich unglaublich intensives Buch.

Ein anderes Brooklyn von Jacqueline Woodson ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3-492-05865-0, 160 Seiten, 20 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9113„Ich mag dich zu sehr, sagte ich, ungeschickt, aber aufrichtig, und es tut mir nicht gut, dich so sehr zu mögen“

Er ist Amerikaner, unterrichtet jedoch in Sofia, wo er als Expat lebt, wo er die Sprache zwar spricht, aber nicht perfekt, wo er zuhause ist und doch sehr fremd. Auf der Suche nach Sex geht er zu einer öffentlichen Toilette, einem bekannten Treffpunkt für homosexuelle Männer, und dort lernt er Mitko kennen. Was dann beginnt, ist keine Liebesgeschichte, ein reiner Tausch von Geld gegen sexuelle Handlungen ist es aber auch nicht, vielmehr etwas dazwischen, das sich nur schwer oder gar nicht definieren lässt. Das ist in Ordnung, viele Beziehungen entziehen sich der gängigen Definition, und das macht sie anders, macht sie besonders. Die Frage bei der Beziehung in Was zu dir gehört ist nur, ob sie gut tut, ob sie gleichwertig ist und überhaupt sein kann, wo ihre Grenzen verlaufen und wer diese vielleicht längst überschritten hat. Dies ist ein Buch über Anziehungskraft und Abhängigkeit, über Scham und Sehnsucht und Leidenschaft und das, wonach wir alle suchen: diesen einen Moment, in dem wir uns verstanden und sicher und aufgehoben fühlen.

Was zu dir gehört hat mich gefordert. Ich habe es sehr aufmerksam gelesen, neugierig darauf, ob es anders ist zwischen Mann und Mann als zwischen Frau und Mann, wenn es um Macht geht und um Sex – und wenn ja, auf welche Art. Aber selbst nachdem ich es beendet hatte, konnte ich diese Frage für mich nicht beantworten. Ja. Und nein. Wer hat denn die Machtposition inne: der, der das Geld bezahlen kann, damit der andere ihm seinen Körper gibt, oder der, der über diesen Körper verfügt, den der andere so sehr begehrt? Vieles in der homosexuellen Welt ist mir fremd, nicht befremdlich, aber fremd, und vor allem hat der amerikanische Autor – der an der Harvard University und am bekannten Iowa Writers’ Workshop studiert hat – immer dann, wenn es brenzlig wurde und erotisch, ausgeblendet, wie man das eben so macht in Amerika. Dadurch bleibt eine aufgeladene, sehnsuchtsvolle Atmosphäre, ein dichter, schwerer Nebel, in dem ich den einzelnen Handlungen nicht immer ganz folgen konnte. Trotzdem hat die Sprache mich abgeholt, hat der Inhalt mich erschüttert, interessiert, beschäftigt.

Ich denke oft darüber nach, wie es wohl ist, nicht zu entsprechen – in Sachen sexueller Orientierung. Zu merken, dass man nicht heterosexuell ist, als Jugendlicher, als Kind vielleicht schon oder später als Erwachsener, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen, ausgegrenzt zu werden, sich zu schämen, sich zu verleugnen. Dazu gibt es in diesem Roman Szenen aus der Jugend des Protagonisten, mit seinem Vater, die sehr intensiv und eindringlich sind. Garth Greenwell hat ein wichtiges Buch geschrieben, das traurig ist und seltsam, verstörend und emotional, ein Buch über Menschen, die uns vorkommen wie die Richtigen und dabei doch die Falschen sind. Das Ende ist in meinen Augen zu dramatisch, ein wenig überzogen, doch nichtsdestotrotz hat Was zu dir gehört mich sehr berührt, mir Einblick gegeben in eine Welt, die gleich neben meiner existiert und vielleicht ja doch nicht so anders ist. Denn diese unstillbare Sehnsucht, die gibt es da wie dort.

Was zu dir gehört ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-25852-5, 240 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Cerha„Ich spüre mich nicht. Ich spüre meine Grenzen nicht. Ich weiß nicht, wo ich aufhöre“

„Der frühe Morgen war die einsamste Tageszeit. Der ganz frühe Morgen, wenn es im Sommer gerade hell wurde und die ersten Vögel vereinzelt gegen den Schlaf aufzwitscherten, wenn im Winter noch alles still war und er aus seinem intensiven Traum erwachte.“

Das Träumen wird für Dave zum Thema, als er immer seltsamere und intensivere Träume hat, die ihn auch am Tag beschäftigen. Er, der als Musiker gescheitert ist und sich sein Geld als frustrierter Lehrer verdient, er, der drei Kinder hat, von denen das Älteste nur noch vor dem Computer hängt und die Schule schwänzt, er, dessen Frau Karriere gemacht hat als Ärztin – und der nicht so genau weiß, wie es weitergehen soll mit ihm. War das alles? Was kann, was will er noch erreichen? Und wie viel von seiner Antriebslosigkeit liegt an seinen depressiven Schüben? Das sind Fragen, die in Daves Leben auftauchen, aber es gibt auch konkretere: Wer ist die Frau in seinen Träumen, was hat das alles mit seinem Vater zu tun, zu dem er kein gutes Verhältnis hat, und was ist damals in New York geschehen?

„Ich hasse es, mich nicht an meine Träume zu erinnern, sagte Dave mit Verve, es ist schrecklich, einzuschlafen und in dieses Nichts zu fallen, das nach dem Aufwachen nicht mehr ist als ein Loch im Bewusstsein.“

Deshalb versucht Dave, seinen Träumen auf die Spur zu kommen – und der Geschichte seiner Familie.

Ruth Cerha ist einfach großartig. Ich verehre sie schon lange, weil sie so wunderbare Bücher wie Kopf aus den Wolken und Bora. Eine Geschichte vom Wind geschrieben hat, und seit ich sie persönlich kenne, verehre ich sie noch mehr. Letztes Jahr im November, als ich zur ersten Vertreterkonferenz meines Lebens geladen war, um meinen Roman vorzustellen, hat Ruth mich unter ihre Fittiche genommen, und als wir diesen März in Leipzig waren, hatten wir trotz sibirischer Kälte und Zugausfall „a Gaudi“, wie wir in Österreich sagen, unsere Bücher haben wir auch getauscht, deswegen hat meine Ausgabe von Traumrakete eine sehr schöne Widmung – und ich konnte gleich auf der Heimreise anfangen zu lesen.

Träume sind, finde ich, schwer zu beschreiben, wenn man selbst einen Traum erzählen möchte, merkt man gleich, dass man das nicht so rüberbringen kann, wie es war, und wenn man einen Traum erzählt bekommt, kann man meistens nicht folgen, es nicht nachempfinden. Umso mehr Respekt habe ich davor, dass Ruth sich ausgerechnet an dieses Thema herangetraut – und es mit Bravour gemeistert hat. Daves Träume, die einen Großteil des Buchs ausmachen, sind tatsächlich surreal und der Realität enthoben, dabei aber nie zu wirr oder unverständlich. Sie sind wichtige Anhaltspunkte bei der Suche, auf die man sich als Leser gemeinsam mit Dave macht, der Suche nach Antworten. Ruth Cerha bleibt dabei stets sehr nah dran an ihrem Protagonisten, durchleuchtet ihn vollständig, macht ihn sicht- und greifbar, lässt ihn nie aus den Augen. Besonders gelungen finde ich ihre Beobachtungen, über den Alltag als Familienvater, als Lehrer, der sich etwas anderes vorgestellt hat im Leben, als Ehemann, als Träumender. Sie sind treffsicher und am Punkt.

„Dave sah ihr nach mit diesem auszehrenden Bedauern in der Brust, das man nur seinen eigenen Kindern gegenüber empfindet, eine ganz spezifische Kombination aus bedingungsloser Liebe, nagenden Schuldgefühlen und äußerster Hilflosigkeit.“

Ich weiß, wie sehr Ruth New York liebt, und man merkt es auch im Buch an den detaillierten Beschreibungen, die die Stadt lebendig machen – und noch mehr zu einem Sehnsuchtsort, den ich endlich besuchen will. Ich weiß auch, dass immer dann, wenn ein Roman sich sehr leicht und flüssig liest, sehr viel Arbeit dahintersteckt – was man aber, und das ist die Kunst, nicht merkt. Ich freue mich schon, und das ist wohl das Beste, was ich sagen kann, auf Ruths nächstes Werk.

„Aber es war so ein wunderbares Gefühl,  ohne Gewicht zu sein, sagte er schließlich. Diese Leichtigkeit.“

Traumrakete von Ruth Cerha ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002497, 480 Seiten, 24 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Leky
„Man kann nicht für immer mit jemandem zusammen sein, der sich ständig fragt, ob er einen verlassen soll“

Luise hat einen besten Freund, der heißt Martin, und eine Oma hat sie auch, die heißt Selma. Wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf, so heißt es, und deswegen sind die Dorfbewohner dann nervös. Zu Recht, denn die Legende ist tatsächlich wahr. Dabei ist ihnen – besonders der verträumten Luise – nicht klar, von welcher Seite der Tod zuschlagen wird. Verträumt ist Luise auch als Erwachsene noch, verstockt, schüchtern, sie würde die Heimat nie verlassen, bewegt sich nur auf den längst ausgetretenen Pfaden, wie ein Mäuschen, das hin und her huscht und keine Aufmerksamkeit erregen will. Was kein Problem wäre, wenn sie sich nicht verlieben würde in Frederik, der unglücklicherweise buddhistischer Mönch ist und in Japan lebt. Die Jahre vergehen langsam in Luises Leben und irgendwie auch schnell, bis es ihr endlich gelingt, Entscheidungen zu treffen, die etwas in Bewegung bringen.

Was man von hier aus sehen kann ist so ein Buch, das hat man eine Zeitlang überall gesehen, wirklich überall, wenn man sich, wie ich, in der Buchfilterblase bewegt, alle haben es gelesen, und viel wichtiger: Alle haben es geliebt. Wenn so etwas geschieht, dann bin ich manchmal zwar neugierig auf das Buch, will es aber partout nicht zur selben Zeit lesen, deshalb bin ich jetzt recht spät dran. Das macht aber nichts, denn sobald der Hype vorbei ist, haben das Buch und ich unsere Ruhe. So war es mit Mariana Lekys neuem Werk und mir. Diese Ruhe haben wir auch gebraucht, genau wie Zeit, denn obwohl ich, das sag ich gleich vorweg, diesen Roman sehr mochte, hat es ewig gedauert, bis ich damit durch war. Stellenweise habe ich das Verschrobene, Zarte, Seltsame gefeiert und geliebt, dann wieder hat es mich derart genervt, dass ich nicht weiterlesen konnte. Es war mir zu viel an Merkwürdigkeiten, es war mir alles zu langsam, zu ereignislos. Luise ist eine wahnsinnig passive Protagonistin, und da ich selbst so ein Hau-drauf-Typ bin, fällt es mir immer schwer, mit derart stummen, ängstlichen Figuren zu gehen. Mehr als einmal wollte ich Luise anschreien, schütteln, aufrütteln. Aber man braucht Geduld mit ihr, das hab ich eingesehen, mit ihr und mit diesem Buch.

Deshalb hat es lange gedauert und meine Geduld wurde strapaziert, aber auch das macht nichts, denn es hat sich gelohnt. Der Hype, die überschwänglichen Lobeshymnen, die begeisterten Kritiken, all das ist in meinen Augen absolut berechtigt. Was man von hier aus sehen kann ist ein fein ausbalanciertes, melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit, es ist nicht alltäglich, und das macht es originell. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann.

Was man von hier aus sehen kann ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9839-8, 320 Seiten, 20 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_8865„Es ist das Einzige, das sie nicht verhandeln können: die Realität. Sie leben, er ist tot“

„Mit seinem Tod zieht ein Gast ein. Wie ein Tier sieht das Wesen aus, sein Rücken mit Haaren, die Wirbel so krumm. Es hockt, seine Schienbeine gerade über dem Boden. So sitzt es da, bereit, nicht zum Sprung, auf der Lauer. Es ist hier, um zu bleiben.“

Milla hat ihren besten Freund Jan verloren. Jan, den sie schon als Kind kannte, Jan, mit dem sie einst zusammenwohnte und später nicht mehr, Jan, dem sie so viel nicht gesagt hat, was sie ihm hätte sagen müssen. Jan ist tot, seit bald fünf Jahren schon, und Milla hat jetzt ein Kind, auf das sie aufpasst, das sie versorgt und tröstet, dem sie vorliest und aufhilft. Ein Kind namens Emma, das bei Milla wohnt, aber nicht Mama zu ihr sagt, weil Emma nicht Millas Tochter ist. Und das ist der Punkt, an dem es nicht nur traurig wird, sondern auch kompliziert, so, wie es immer ist mit der Liebe und dem Tod.

Sina Pousset hat einen Debütroman geschrieben, der einem den Kopf unter Wasser drückt. Die Welt ist dann weg, außen vor, die Geräusche sind gedämpft, die Farben auch, der Blick ist trüb und vielleicht hat man ein bisschen Angst. Angst, dass dieses Buch einem wehtun wird, und dazu kann ich nur sagen: Das ist begründet. Schwimmen lässt garantiert niemanden kalt. Es ist ein Buch über die Freundschaft und jene Grenzen, an denen Freundschaft ausfranst, sich verwandelt, wenn man es zulässt, an denen sie aber auch zugrunde gehen kann, wenn man nicht aufpasst, wenn man den Zeitpunkt verpasst, immer wieder. Es ist außerdem ein Buch über die Unfähigkeit weiterzumachen nach einem Verlust, der so umfassend ist, dass man sich wie ausgehebelt fühlt danach, als sei oben unten und unten oben, als habe man kein Ziel mehr und keinen Anker.

„Das Problem haben die, die zurückbleiben und versuchen, einen Sinn darin zu finden.“

Bemerkenswert ist Sina Poussets Sprache. Sie holt mich ab, da, wo ich stehe, keine Minute dauert das, ich lese die erste Seite und weiß: Ja. Dir reiche ich die Hand, mit dir gehe ich mit, es macht nichts, wenn wir ins Wasser müssen, wenn wir tauchen müssen. Wenn du diese Sprache hast, dann folge ich dir. An den Strand und in das Haus, in dem Jan und Milla so eine gute Zeit hatten, dort in Frankreich. Zur Spurensuche nach dem Warum. Und zu jenem Menschen, der die Antworten kennt. Ich höre zu, ich nicke, und einmal weine ich vielleicht kurz, aber das kann man unter Wasser zum Glück ja nicht sehen.

„Alles ist hier. Nichts geht zu Ende.“

Schwimmen von Sina Pousset ist erschienen bei Ullstein fünf (ISBN  9783961010073, 224 Seiten, 18 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Faye„Der Krieg findet für uns Feinde, ohne dass wir ihn darum gebeten haben“
Das lernt der kleine Gabriel, als plötzlich die Hölle über ihn und alle seine Landsleute hereinbricht. Bis zu dem Zeitpunkt, da der Krieg beginnt, hat er eine wilde, unkontrollierte, schöne Kindheit. Er klaut Mangos mit seinen Freunden, hört mit ihnen Musik, spielt draußen auf der Straße und ist in erster Linie eins: frei.

„In der Zeit davor, bevor das alles passierte, vor dem, was ich erzählen werde, und dem ganzen Rest, war es das Glück, das Leben, das man nicht erklären muss. (…) In der Zeit des Glücks antwortete ich auf die Frage „Wie geht’s?“ immer mit „Gut!“. Einfach so, zack.“

Später wird er das nicht mehr tun. Nie mehr. Denn später, das ist im Bürgerkrieg. Später, das ist während des Abschlachtens von Hutu und Tutsi, während der Massaker, während der Angst. Später weiß Gabriel nicht mehr, wie er jemals unbefangen und glücklich sein konnte. Und er weiß auch nicht, wie er diesem Schlachtfeld von einem Land entkommen soll.

„Wir wussten es noch nicht, aber die Zeit des Infernos war gekommen, und die Nacht ließ das Rudel der Hyänen und Wildhunde los.“

Gabriel hat keine Möglichkeit, zu verstehen, was in Burundi los ist. Warum töten Menschen einander, die gerade noch friedlich miteinander lebten? Was haben Leute wie sein Vater, der aus Frankreich stammt, damit zu tun? Und wie kann er sich fernhalten, sich in Sicherheit bringen?

„Obwohl ich neutral bleiben wollte, gelang es mir nicht. Ich war mit dieser Geschichte geboren. Sie lag mir im Blut. Ich gehörte ihr.“

Das zeigt sich auch, als der erst in der Ferne tobende Krieg näher kommt: Plötzlich ist Gabriels eigene Familie betroffen. Plötzlich werden Menschen ermordet, die ihm etwas bedeuten, und seine Mutter gerät zwischen die Fronten. Plötzlich ist von der Freundschaft, die ihn mit den Nachbarsjungen verband, nichts mehr übrig.

Gaël Faye ist nicht der Erste, der auf die Idee gekommen ist, aus der Sicht eines Kindes vom Krieg zu erzählen, natürlich nicht. Bestimmt fallen jedem von euch auf Anhieb mehrere Romane ein, die so funktionieren. Aber das ist unerheblich. Denn Kleines Land ist trotzdem anders und neu. Und es ist trotzdem sehr, sehr gut. Außerdem hat jede Geschichte, jedes Buch, jeder Roman über den Krieg eine Berechtigung, denn vom Krieg soll und muss erzählt werden, wieder und wieder. Gaël Faye findet dafür einen ganz eigenen Ton, einen leichten, melodischen Ton, durchbrochen von der Tiefsinnigkeit der Retrospektive. Denn er lässt seinen Protagonisten Gabriel, der wohl autobiografisch für den Autor selbst steht, aus der Ferne des Erwachsenenlebens von damals berichten. Dadurch sind wir zwar mit Gabriel in seiner Kindheit, sehen aber alles durch den Filter desjenigen, der viele Jahre später das nötige Wissen hat, das dem Kind einst fehlte. Und wir sehen durch den Filter Europas auf Afrika, aber mit jemandem, dessen Wurzeln dort liegen.

Es gibt keine Worte, um einen Krieg begreiflich zu machen. Aber Gaël Faye findet Worte, die beschreiben, wie zerstörerisch die Kräfte sind, die Menschen entfesseln. Wie schnell das Glück verschwinden kann, als hätte es nie existiert. Er berührt mich sehr mit diesem Roman, mit dieser großen Geschichte über sein kleines Land.

Kleines Land von Gaël Faye ist erschienen im Piper Verlag (ISBN 978-3-492-05838-4, 224 Seiten, 20 Euro).