Für Gourmets: 5 Sterne

Daniel Kehlmann: Tyll

„Ich bin aus Luft gemacht, sagt er. Mir passiert nichts“

Allmählich begreift er, wie man es machen kann. Seine Knie verstehen, die Schultern halten sich anders. Man muss dem Schwanken nachgeben, muss weich werden in den Knien und Hüften, muss dem Sturz einen Schritt zuvorkommen. Die Schwere greift nach einem, aber schon ist man weiter. Seiltanz: dem Fallen davonlaufen.

Und so lernt er diese Kunst, er, Tyll, dessen Vater, der Müller, nicht hierhergehört, an diesen Ort, in diese Zeit, weil er zu viel hinterfragt und deshalb in die Fängen der Inquisition gerät. Tyll lernt und hört zu, er beobachtet und weiß: Ich muss hier fort. Und so beginnt die Reise von Tyll, die zugleich die Reise des Lesers ist: durch Düsternis und mittelalterliches Unwissen, durch Krieg und Pest und Politik. Und was für eine unglaubliche, abenteuerliche, erlebnisreiche Reise das ist! Ausschließlich jeder, mit dem ich online und offline über dieses Buch gesprochen habe, hat nur Gutes darüber gesagt: weil es nun mal gut ist. Punkt. Das spürt man sofort auf den ersten Seiten, da wird nicht nur die Kunst Tylls erkennbar, sondern die Kunst Daniel Kehlmanns, der mit den Worten jongliert wie sein Protagonist mit den Bällen, der kichert und trällert und seinen Schabernack treibt mit dem Leser, der auf seiner Sprache tanzt wie auf einem Seil. Und keinen einzigen falschen Schritt macht dabei.

Aber ich hab zwei Füße, und ein Richter mit Robe oder ein Wächter mit Hellebarden, die haben auch nur zwei. Jeder von ihnen hat so viele Füße wie ich. Keiner hat mehr. Die können zusammen nicht schneller laufen als wir.

Er ist gewitzt: Tyll genauso wie Daniel. Das Buch umtänzelt den Leser, umgarnt ihn, zieht mal hier, mal da – und am Ende erkennt man das ganze Bild. Und möchte anerkennend klatschen. Es ist großartig geschrieben, es ist klug strukturiert. Man kann ganz ehrlich sagen, dass es Spaß macht, diesen Roman zu lesen, weil er die Freude am Lesen zurückgibt: Diese spielerische Leichtigkeit findet man selten in der Literatur. Und dabei handelt er von so Gewichtigem, von Tod und Verrat und nagendem Hunger, von Berge aus Kriegsleichen und Folter, ein bisschen von der Liebe, ohne sie geht es nicht.

Uns andere aber hört man dort, wo wir einst lebten, manchmal in den Bäumen. Man hört uns im Gras und im Grillenzirpen, man hört uns, wenn man den Kopf gegen das Astloch der alten Ulme legt, und zuweilen kommt es Kindern vor, als könnten sie unsere Gesichter im Wasser des Baches sehen. Unsere Kirche steht nicht mehr, aber die Kiesel, die das Wasser rund und weiß geschliffen hat, sind noch dieselben, wie auch die Bäume dieselben sind. Wir aber erinnern uns, auch wenn keiner sich an uns erinnert, denn wir haben uns noch nicht damit abgefunden, nicht zu sein.

Es ist ein Schelmenstück, dieses Buch, ein in sich geschlossener Beweis, es bietet sich selbst eine Bühne und unterhält jeden, der Platz nimmt vor dem Gauklerwagen. Es ist voller Anspielungen auf historische Ereignisse, die schmunzeln lassen, voller tiefgründigem Humor und grandiosen Formulierungen. Ich habe das Gefühl, dass es ohnehin schon jeder kennt, doch wer Tyll noch nicht gelesen hat, der möge es tun – sofort.

Zweifelnd blickte der König den Narren an. Die spitzen Lippen, das dünne Kinn, das gescheckte Wams, die Kappe aus Kälberfell; einmal hatte er ihn gefragt, warum er diesen Aufzug trage, ob er sich wohl als Tier verkleiden wolle, worauf der Narr geantwortet hatte: „O nein, als Mensch!“

Tyll von Daniel Kehlmann ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-03567-9, 480 Seiten, 22,95 Euro).

 

 

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