Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ein grandioser Roman über Fremdheit und Einsamkeit
Eine namenlose Fremde lebt illegal in Berlin und versucht, sich Tag für Tag am Leben zu erhalten. Sie hat keinen Besitz, keine Papiere und keine Wohnung. Sie ist intelligent und gebildet, sie nimmt verschiedene Jobs an – als Pianistin, Übersetzerin oder Stripperin – und findet immer wieder Unterschlupf. Es treibt sie durch diese große, bevölkerte Stadt, in der sie stets untertauchen und verschwinden muss, sie ist eine Fremde, eine Isolierte, abgeschnitten von der Gesellschaft. Zu ihrem Glück hat sie ein paar Freunde, Außenseiter wie sie, die ihr in der größten Not helfen. Sie trifft auch zwei, drei Menschen mit dem Herz am richtigen Fleck, die sie mehr als einmal vor dem Abgrund retten.

Die Fremde ist ein fesselndes Buch über eine Frau, die am Rand des genormten Gesellschaftslebens steht. Sie entspricht nicht dem Bild, das man von illegalen Einwanderern und Obdachlosen hat, sie trinkt nicht, sie arbeitet (wenn sie darf), sie ist jung, hübsch und klug, spricht mehrere Sprachen und ist teilweise in der Schweiz aufgewachsen. Aber die Mischung aus innerer Ruhelosigkeit und äußerer Gefahr führt dazu, dass sie keinen Platz findet, an dem sie bleiben könnte. Gekonnt entwickelt Magdalena Felixa in einer sehr schönen, metaphernreichen Sprache einen faszinierenden Sog, ich konnte das Buch kaum zur Seite legen. Auf den Spuren der Protagonistin sieht man als Leser Vor- und Nachteile eines geregelten Lebens mit anderen Augen. „Die Dunkelheit gibt mir Geborgenheit, sie ist meine Verbündete, sie versteckt mich vor dem Unheil. Sie wird die Zeit eine Weile aufhalten, falls ich im nächsten Augenblick fliehen muss“, sagt die Fremde, und: „Meine Freunde sind Neger, Kanaken, Schwule, Fliehende, Fremde. So wie ich.“ Sie lebt eine große Freiheit und kann tun, was sie will – doch als sie zum Beispiel an einer Lungenentzündung erkrankt, bedeutet das beinahe ihren Tod.

Inhaltlich wie stilistisch ist dieser Roman ein Highlight. Die Autorin versteht es, ein Gefühl für diese verlorene Frau zu vermitteln, die sich nicht festlegen kann und die jedes Angebot, sich lieben zu lassen, ausschlägt. „Mein Herz ist aus Eis“, sagt sie, „mein Verlangen gilt der Flucht.“ Magdalena Felixa fällt kein Urteil über eine solche Lebensweise, sie schildert sie nur – in einer sehr eindrucksvollen Sprache. Einziger Wermutstropfen: Natürlich gerät die Protagonistin auf ihrem Weg durch die sumpfartigen Schichten Berlins an Leute, die ihr Böses wollen. In diesem Fall sind es Russen (eh klar), die sie jagen – das war mir dann doch zu platt. Davon abgesehen, ist Die Fremde originell, sehr gut geschrieben, rasant, spannend und unbedingt lesenswert. 

Lieblingszitat: Mein Herz trägt tausend Wunden, und sie bluten immer noch. Eines Tages wird aus ihm kaltes, klares Wasser fließen.

Prost Mahlzeit: 1 Stern

Von verbalen und literarischen Missverständnissen
Professor Desmond Bates hat an der Universität Linguistik unterrichtet. Jetzt ist er in Frühpension und praktisch taub. Der tägliche Kampf mit dem Hörgerät zehrt an seinen Nerven, seine Frau Winifred ist ob der vielen sprachlichen Missverständnisse am Ende ihrer Geduld. So besteht Desmonds Leben aus Alleinsein, Lesen, Fernsehen mit Kopfhörern und Schlafen. Ein soziales Leben ist ihm kaum noch möglich: Im Theater verpasst er die Pointen, auf Partys versteht er seine Gesprächspartner nicht. So geschieht es auch mit der jungen Dissertantin Alex, der er auf einer Veranstaltung unabsichtlich verspricht, ihr bei ihrer Doktorarbeit zu helfen. Schnell stellt sich heraus, dass Alex massive psychische Probleme hat. Sie verfasst eine Dissertation über Abschiedsbriefe von Selbstmördern und verhält sich außerordentlich verrückt. Als dann auch noch Desmonds Vater zusehends der Demenz verfällt, ist ihm wenigstens nicht mehr so langweilig in seinem Ruhestand.

Der Inhalt von Deaf Sentence klingt nach einer witzigen Geschichte. Diese Erwartung wird aber leider enttäuscht. Die vielen Missverständnisse, die angeblich so „hilarious“ sein sollen, sind nur mäßig amüsant. Im Endeffekt ist dieses Buch leider so langweilig wie Desmonds Leben als tauber pensionierter Professor: Es passiert einfach viel zu wenig. Als die psychotische Alex auf den Plan tritt, die sich vom Professor wünscht, er würde ihr den nackten Hintern versohlen, scheint zunächst ein bisschen Pfeffer in den Roman zu kommen. Er verpufft aber sehr schnell wieder, denn Alex gerät in den Hintergrund und verschwindet schließlich ganz, ohne dass diese Geschichte eine Art Höhepunkt erlebt hätte. Überhaupt plätschert die Handlung recht ruhig und harmlos vor sich hin, Aufreger oder Spannungsmomente gibt es keine. Interessant war für mich stellenweise der Einblick in den früheren Linguistikunterricht des Professors, aber auch nur aus Sentimentalitätsgründen in Erinnerung an mein eigenes Linguistikstudium. Alle Handlungsstränge in Deaf Sentence, die ein wenig Pepp versprechen würden, verlaufen schließlich im Sand. Es gibt keine Auflösung am Ende, vielmehr scheint die Geschichte einfach ein Auszug aus dem Leben eines Mannes zu sein, der langsam taub wird. Das ist eher deprimierend als witzig. Dabei wurde dieser Roman mir empfohlen – das muss ein Missverständnis gewesen sein. Leider ein unfassbar uninteressantes Buch.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ein Mann, ein Bein, zwei Frauen
Bei einem Unfall mit dem Fahrrad wird der Pensionist Paul Rayment so schwer verletzt, dass ihm ein Bein amputiert werden muss. Nun beginnt eine Zeit der Hilflosigkeit und Einsamkeit: Weil Paul keine Familie hat, ist er auf eine fremde Person angewiesen, die ihn wäscht, mit ihm Übungen macht und für ihn einkauft. Er stellt die Krankenschwester Marijana ein, die gemeinsam mit ihrem Mann und ihren drei Kindern aus Kroatien nach Australien geflüchtet ist. Sie ist eine Frau aus dem alten Europa, die zupackt, nicht jammert und Paul mit Achtung behandelt. Er merkt, dass er sich immer mehr zu ihr hingezogen fühlt. Er mischt sich in ihr Leben ein – und bekommt ganz unvermittelt jemanden vor die Nase gesetzt, der sich in sein Leben einmischt: Elizabeth Costello, siebzigjährig, aufdringlich und rätselhaft.

Laut Kritikern gehört J. M. Coetzee zu den „besten Schriftstellern der Welt“, 2003 hat er den Nobelpreis für Literatur bekommen. In Zeitlupe erzählt er von einem Mann, der am Ende seines Lebens erkennt, was er alles versäumt hat – und der in seiner Verzweiflung versucht, Zugang zu einer fremden Familie zu bekommen, um nicht so allein zu sein. Doch mit der Familie Jokic hat er sich nicht unbedingt die Richtigen ausgesucht: Die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander sind kompliziert, Paul hat keinen guten Stand. Und dass die merkwürdige und lästige Elizabeth Costello ihn auf Schritt und Tritt verfolgt, erleichtert sein Leben auch nicht gerade. Gekonnt gibt Coetzee Einblick in das Seelenleben eines Mannes, der mit seinem Bein auch die Zufriedenheit mit seinem Lebensentwurf verliert.

Während ich in der ersten Hälfte des Buchs sehr angetan bin von Inhalt, Stil und Ausrichtung, taucht dann der Schwachpunkt des Romans auf: Elizabeth Costello. Sie geht nicht nur Paul auf die Nerven, sondern auch mir. Ihre Rolle bleibt leider bis zum Schluss unklar – und das ist wirklich schade. Im Gegensatz zu anderen Lesern, die vielleicht gern Rätsel mögen, kann ich es einfach nicht leiden, wenn Verwicklungen am Ende ungelöst bleiben. Zeitlupe ist eine eher schwache Erzählung, die sich zwar rasant entwickelt und einen schönen Spannungsbogen enthält, die aber kein klares Ende findet, was mir nicht behagt. Von der Schreibweise her jedoch ausgezeichnet, Coetzee versteht auf jeden Fall etwas von seinem Fach.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ist gemeinsamer Selbstmord der Gipfel der Liebe?
Johanna Adorjáns Großeltern waren ungarische Juden, die den Holocaust überlebten – und sich gemeinsam im hohen Alter das Leben nahmen. Über ihre Erlebnisse im Krieg haben sie nie gesprochen. Jahrzehnte später macht sich die Enkelin auf die Suche nach Spuren ihrer Großeltern, um Einblick zu gewinnen in das Leben der beiden Menschen, die ihre Vorfahren sind und von denen sie so wenig weiß: Dass die Großmutter Kette geraucht hat und ausgesprochen elegant war, daran erinnert sie sich, dass der Großvater in Mauthausen gefangen war, das hat sie erzählt bekommen. Bei dem Versuch, die Geschichte ihrer Großeltern zu rekonstruieren, reist Johanna Adorján nach Paris und Israel, nach München und Kopenhagen, wo die beiden am Ende gelebt haben und wo sie gestorben sind. Sie spricht mit Weggefährten ihrer Großeltern und fragt sich: Was bedeutet es, die Enkelin jüdischer Holocaust-Überlebender zu sein? Und: Ist es wirklich der Beweis einer großen Liebe, wenn man sich zusammen umbringt? Sie findet vielleicht keine allgemeingültigen Antworten. Aber das, was sie findet, ist zumindest lesenswert.

Ich bin überrascht, wie gut in Eine exklusive Liebe Fiktion und Realität miteinander harmonieren. Für gewöhnlich sind mir echte Ich-Erzähler mit ihren Ansichten ja ziemlich wurscht. Aber Johanna Adorján schafft es, mich zu faszinieren: weil sie es gar nicht versucht. Sie erzählt völlig ohne Pathos davon, was die Tat ihrer Großeltern in ihr selbst und in den anderen Familienmitgliedern ausgelöst hat. Sie ist ehrlich und beschönigt nichts. Die Beziehung ihrer Großeltern, die sie fiktiv beschreibt, ist nicht im Übermaß liebevoll, die beiden siezen einander ihr ganzes Leben lang, sie sind genervt voneinander und streiten sich. Und doch gehen sie gemeinsam in den Tod. Sehr klar zeigt die Autorin auf, dass es dazu nicht unbedingt (nur) Liebe braucht, sondern auch eine gehörige Portion Egoismus. Ich mag das Buch wegen seines unaufgeregten Tons und auch deshalb, weil hier auf das große Drama verzichtet wird. Die kleinen Dramen sind im Endeffekt schon groß genug.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Ein wilder Mix aus Charakteren und Geschichten
Zum einen wäre da mal der kleine Ismael, ein Flüchtling aus Afrika, der aus einem Flugzeug fällt. Dann gibt es Paul Mahlow, einen Studenten, der ihn findet. Und Gonzo, den Demonstranten und Querulanten. Sowie Alp, der ins Koma fällt. Er ist der Ich-Erzähler. So weit zu den Charakteren (oder einigen davon). Nun zu den Zeitebenen: Wichtig ist das Jahr 1985, weil zu dieser Zeit Alp bei einer Westberliner Demonstration verletzt wird und sein Koma beginnt. Ebenfalls eine große Rolle spielt der Zweite Weltkrieg, als einem grausamen KZ-Arzt die Flucht gelingt und ein gewisser Joseph Hutzinger, Koch der deutschen Armee, nach Amerika gelangt. Was das alles miteinander zu tun hat? Gute Frage.

Norbert Zähringer schert sich nicht um herkömmliche Erzählperspektiven. Zwar lässt er einen Ich-Erzähler auftreten, von allen anderen Ereignissen und Personen berichtet er aber auf auktoriale Art und Weise – eigentlich besteht das Buch fast ausschließlich aus Geschichten, von denen Ich-Person Alp gar keine Ahnung haben kann. Sie spielen an verschiedenen Orten und zu unterschiedlichen Zeiten. Und Alp liegt ja noch dazu im Koma. Wir springen also gemeinsam mit dem Autor wild hin und her, werden von unvorhersehbaren Wendungen überrascht und genießen die Spannung.

Jetzt kommt das Aber. Die Protagonisten bleiben mir herzlich egal, weil sie wenig Tiefe entwickeln. Durch die schiere Flut an Hauptpersonen kann ich mich auf niemanden konzentrieren – und auch Zähringer hat scheinbar nicht das Bedürfnis gehabt, dem Leser einen oder zwei Charaktere näher zu bringen. Von Anfang an wird suggeriert, dass die einzelnen Plots in einem größeren Zusammenhang stehen werden. Eine Verbindung gibt es am Ende zwar, sie erscheint mir jedoch recht lose. Nichtsdestotrotz ein rasantes und originelles Buch. Wer sich also auf jede Menge Verwirrung einstellt, wird durchaus zufrieden sein.

Lieblingszitat: Damals brach die Welt auf wie backendes Brot, aber niemand merkte es.

Bücherwurmloch, Für Gourmets: 5 Sterne

41HwsZHEMWL__SL500_AA240_Meine sprachwissenschaftliche Diplomarbeit wurde soeben im VDM Verlag veröffentlicht.

Der Witz als Tabubruch. Eine linguistische Untersuchung im Sinnbezirk der Sexualität gibt es ab sofort in allen Onlineshops zu kaufen! Zum Beispiel bei Amazon.

Worum es geht? Um dreckige Witze, Tabus, Euphemismen, Humor und Sigmund Freud. Oder genauer gesagt:

Mummy, Mummy, the dog is fucking! Then look away! But it hurts!
Schockierend oder witzig? Es gibt Witze, die gehen unter die Gürtellinie und unter die Haut. Sie sind grausam, provokant, ekelhaft und abstoßend. Sie brechen Tabus. Nichts, aber auch wirklich gar nichts ist heilig, tabuisiert oder eklig genug, dass niemand sich darüber lustig macht. Es ist das Andere, das Extreme, das der Witz sucht: Im Bereich der Sexualität thematisiert er das Abartige wie Inzest, Pädophilie oder Nekrophilie. Wie aber ist das möglich? Wie kann es sein, dass der Witz zur Sprache bringt, was man nicht sagt ? Es erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, dass der Witz Themen verlachen darf, über die wir nicht einmal sprechen. Was hinter dem dreckigen Lachen steckt, versucht dieses Buch aufzudecken: durch Einblicke in die Funktionsweise von Tabus und Euphemismen, die Erkenntnis, dass Humor und Lachen für den Menschen überlebensnotwendig sind, und schließlich durch die sprachwissenschaftliche Analyse tabubrechender Witze. Eine interessante Reise durch die Abgründe des menschlichen Humors.

Netter Versuch: 2 Sterne

ClarkeEs brennt, es brennt – ein Buch!
Sam Pulsifer hat im Alter von 18 Jahren unabsichtlich das Haus von Emily Dickinson niedergebrannt – und zwei Menschen dabei umgebracht. 10 Jahre verbringt er dafür im Gefängnis. Als er entlassen wird, geht er aufs College, heiratet, findet einen Job und bekommt zwei Kinder. Aber so ganz lässt ihn das, was er getan hat, freilich nicht los. Es verfolgt ihn – in personifizierter Form sozusagen. Denn natürlich gibt es jemanden, der sich rächen will. Und dann brennen noch ein paar Schriftstellerhäuser. So weit zum Inhalt (Klappentext-beschreibung, wie immer, ich verrate nicht mehr). Kommen wir jetzt dazu, warum dieses Buch so schlecht ist.

Zum einen ist der Titel schon mal das Originellste am ganzen Roman. Als „unglaublich lustig“ wird dieses Buch beschrieben. Dass ich nicht lache! Gut, der Idee an sich – dass jemand unbeabsichtigt das berühmteste Haus der Gegend abfackelt – kann ich durchaus etwas abgewinnen. Aber selten habe ich etwas Öderes gelesen. Auf diesen Seiten gibt es genau null Spannung. Wieder einmal erfährt man vom U4-Text alles, was man wissen muss – in diesem Fall ist der Klappentext sogar noch besser geschrieben als das Buch selbst. Ich bin keine Minute lang gefesselt. Die Umsetzung dieser grandiosen Idee ist absolut lahmarschig. Ich muss mich immer wieder aufs Neue zum Weiterlesen zwingen. Sam Pulsifer ist unsagbar dumm und unsympathisch. Nicht einmal seine Eltern können ihn leiden. Er setzt eben auch alles daran, sein eigenes Leben und das seiner Mitmenschen gründlich zu ruinieren. Was witzig sein könnte. Aber die Dialoge lassen Humor und Schlagfertigkeit vermissen, die Ereignisse folgen einer allzu vorhersehbaren Spur, die Charaktere bleiben flach und hohl.

Ganz am Ende wartet der Autor mit einer originellen Wendung auf, die ihn noch mal aus dem Sumpf rausreißt. Allerdings auch nur bis zu den Schultern. Tragisch ist, dass Brock Clarke angeblich kreatives Schreiben unterrichtet. Hoffentlich nur an der Volkshochschule.

Prost Mahlzeit: 1 Stern

ModickAlles, was daran gut ist, ist die Idee
Klaus Modick wollte sich in sarkastischer Weise über den Literaturbetrieb und seine Versessenheit auf seelenlose Bestseller echauffieren. Das ist an und für sich eine gute Idee. Auch die Struktur hinter der Idee ist völlig in Ordnung: Der Ich-Erzähler, ein mäßig erfolgreicher Schriftsteller namens Lukas Domcik, gerät an das Erbe von Tante Thea, einer ehemals glühenden Nationalsozialistin. In einem Koffer befinden sich ihre führerverehrenden Memoiren, die unser Autor zunächst entsorgen will. Doch dann – sehr vorhersehbar in Bahn gebracht von seinem Lektor und seiner Libido – fällt ihm ein, dass er doch aus diesen Aufzeichnungen einen Roman basteln könnte. Gemeinsam mit der jungen Rachel, schön und hohl, gräbt er eine Grube und fällt – Überraschung! – selbst hinein.

So viel verrät uns schon der Klappentext. Und dann kommt auch nicht mehr viel. Da der U2-Text nämlich alles andere als ein Teaser ist, sondern im Prinzip schon das Ende erzählt, müsste das Buch an sich zumindest sprachlich überzeugen bzw. doch noch mit ein, zwei verblüffenden Wendungen aufwarten. Tut es aber leider nicht. Der Stil  ist zum Davonrennen, der unsympathische Mittvierziger Domcik wirft mit Kalauern und abgelutschten Metaphern nur so um sich: Wer will schon zum 178. Mal den Schmäh um die Konifere/Koryphäe hören? Der ist so alt wie schlecht. Lukas Domcik ist notgeil, gierig und wirkt auf mich auch nicht gerade intelligent. Und das Buch ist einfach beschissen geschrieben.

Wie gesagt, ist die Idee einer Persiflage auf die Literaturwelt und ihren Wahn nach Nazi-Geschichten, ob wahr oder nicht, nach wie vor glänzend. Das war es dann aber auch. Weder Umsetzung noch Stil überzeugen mich. Was den Verdacht nahe legt, dass es mit Klaus Modicks Buch dasselbe auf sich hat wie mit dem Roman im Roman: Hört sich gut an, enthält aber nur heiße Luft. Immerhin ein Trostpunkt für die Mühe.

Gut und sättigend: 3 Sterne

WinklerLiteratur aus Österreich
Der Georg-Büchner-Preisträger Josef Winkler stammt aus einem Dorf in Kärnten, das aus nicht viel mehr als ein paar Misthaufen besteht. Er ist ein Bauernkind, und von seiner Kindheit handelt dieser dünne Erzählband ebenso wie von seiner Leidenschaft für das Kino, von seinen Reisen nach Indien und von  den Büchern, die er liest. Immer wieder funken dabei Todesfälle dazwischen, Kinder, die überfahren werden, Menschen, die sich umbringen. Dieses Buch hat keinen Anfang und kein Ende, es kennt keinen roten Faden oder eine Handlung, vielmehr besteht es aus herausgerissenen Erlebnissen und Gedanken von Josef Winkler. Er zitiert andere Schriftsteller, die ihn auf seinen Reisen begleiten, Terezia Mora ist dabei, Annemarie Schwarzenbach, Joseph Conrad, Alfred Döblin.

Fantasievoll sind die Metaphern, die Bilder, die Josef Winkler findet, sie wirken auf mich oft wie Insider, die nur er selbst verstehen kann. Das ist es, was diese Literatur ausmacht: Sie will sich nur ausdrücken, ohne sich verständlich machen zu müssen. „Die Lufthoheit der Totenkissenschlacht“ und „Der Tod ist ein Schiff, und ich bin sein Wrack“ heißen seine Kapitel, oder „Knochenstillleben auf dem Asphalt mit Ovomaltine“. Das ist schräg und verwirrend, hat aber seinen ganz eigenen – und in diesen Erzählungen recht morbiden – Reiz. Über allem schwebt der Herrgott, verbunden mit der streng katholischen Erziehung. „Jeden Tag einmal hat Mutter gesagt, daß ich den Herrgott nicht bei den Füßen herunterziehen und ihm auch nicht die Fersen abschneiden soll. Und jeden Tag einmal habe ich zur Mutter gesagt, daß ich mir eine Wimper ausreißen und ihr meine Wimper ins Herz stechen werde.“

Dieser schmale Surhkamp-Band gibt Einblick in das Innenleben eines österreichischen Schriftstellers. Man liest, was ihn beschäftigt – seien es Unfalltod und Selbstmord, seien es Kinofilme oder Bücher – und gewinnt dabei auch Wissen über die österreichische Seele. Ein Roman von Josef Winkler würde mir unter Umständen besser gefallen, da ich ja immer sehr auf eine sinnvolle und zusammenhängende Handlung aus bin. Dennoch hat Ich reiß mir eine Wimper aus und stech dich damit tot mich interessiert und fasziniert.

Gut und sättigend: 3 Sterne

HagenaEine kleine, leichte Geschichte
Die junge Iris erbt das Haus ihrer Großmutter, das für sie mit vielen Kindheitserinnerungen verbunden ist. Während ihre Mutter und ihre Tanten nach der Beerdigung wieder abreisen, bleibt Iris allein in dem alten Haus zurück. Sie weiß noch nicht, ob sie es behalten soll, und ist auch nicht für einen längeren Aufenthalt ausgerüstet. Sie zieht die alten Kleider vom Dachboden an, geht schwimmen und denkt nach. Dabei trifft sie immer öfter Max, Anwalt und Bruder von Mira, der ehemals besten Freundin von Iris – und ihrer Cousine Rosmarie. Dass Rosmarie nicht mehr am Leben ist, weiß man als Leser von Anfang an. Doch was damals, als die Mädchen in der Pubertät waren, genau passiert ist, erfährt man natürlich erst nach und nach.

Der Geschmack von Apfelkernen ist ein netter, leichter Roman über Erinnerungen an die Kindheit, über Familientragödien, Schmerz und das Wissen, dass es mit einer neuen Generation stets wieder weitergeht. Katharina Hagena schreibt in der Ich-Form und recht detailverliebt, man erfährt immer genau, was Iris tut, denkt, anzieht, isst und fühlt. Die Protagonistin selbst ist ungelenk, hölzern und schüchtern, nicht unbedingt immer sympathisch – und sie wirkt auf mich wie ein typisch deutsches Mädchen, teilweise zu kontrolliert und penibel, dann wieder überraschend patzig. Ein wenig erzähtechnische Freiheit hat sich die Autorin bei den Rückblenden erlaubt, in denen sie von Iris‘ Großeltern und Tanten berichtet – Ereignisse, von denen die Ich-Erzählerin nichts bzw. nicht so viel wissen kann.

Schön ist, dass man selbst ein bisschen in seine Kindheit zurückkehrt, während man dieses Buch liest. Zwar hätte Katharina Hagena aus den Geschichten von Iris‘ Vorfahren noch durchaus mehr herausholen können, der Roman ist aber immerhin ein gut lesbares, unterhaltsames Büchlein geworden, das man schnell in einem Rutsch durch hat – das aber auch nicht großartig zum Nachdenken anregt. Vielleicht hält es sich gerade deshalb beharrlich auf den Bestsellerlisten.