Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9699„Erzählen durfte ich es keinem, das musste ich bei meinem Leben schwören, und ich schwor so oft auf mein Leben, als hätte ich endlos viele zur Verfügung“

„Ich muss über meine Schwester erzählen, sonst machen das andere, und dabei kann nichts Gutes rauskommen.“

Das sagt Adam, denn seine Schwester Barbara ist tot. Sie ist in den Fluss gegangen, in diesen Fluss, der sie fast nicht mehr ausgespuckt hat, und da hat sie dann schon ausgesehen wie etwas, das man nicht vergessen kann. Deshalb muss Adam sich erinnern, an die Schwester, an früher, an die Schulzeit. Und an die Freundschaften zu Nora, Hans, Annemarie und Yann, diese Freundschaften, die so alltäglich waren und doch so zutiefst traumatisierend.

Schon lange habe ich mir nicht mehr so viele Sätze markiert in einem Buch. Schon lange habe ich nicht mehr derart mit der Stirn gerunzelt beim Lesen, mich gewundert und mich gefreut. Über dieses Seltsame, von dem Yael Inokais Buch durchdrungen ist, über die klare, biegsame Sprache, die alles zu tun scheint, was die Autorin will. Sie gibt verschiedenen Figuren eine Stimme – Nora, Yann und Adam – und lässt sie erzählen von Barbaras Selbstmord, vom Leben im Dorf, von dem, was sie getan haben, als sie Kinder waren. Ein großes Geheimnis gibt es da nicht zu enthüllen, und klassischer könnte das Vergehen der Kinder kaum sein, doch: Die Art, wie Yael Inokai darüber schreibt, die ist besonders.

Ich kann mich diesem Buch nicht entziehen. Es hat diese Stimme, die mich lockt, diesen Singsang, dieses Nüchterne, das so lakonisch klingt und gleichzeitig entwaffnend. Die verschiedenen Stimmen verweben miteinander, reden aneinander vorbei und sagen doch dasselbe, mit anderen Worten, mit anderen Beweggründen. Diese Kindheit auf dem Land, sie könnte das Paradies sein. Und doch wird es kaum jemanden überraschen, dass sie das eben nicht ist, nicht im Geringsten. Dass auch das Erwachsensein dort nicht paradiesisch ist, sondern ungut, schwierig, geprägt von dem, was die anderen reden – und da kann nichts Gutes dabei rauskommen. Bis auf dieses Buch, das sehr wohl gut ist, sehr gut sogar.

Mahlstrom von Yael Inokai ist erschienen im Rotpunktverlag (ISBN 978-3-85869-760-8, 180 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9103 2„Ich möchte Geschichten schreiben und Geschichten erleben, nicht immer nur Anekdoten“

„So wurde der Penis zum Spog. Spog steht für Sportgerät. Prispog steht für primäres Sportgerät. Man durfte nicht mehr ficken oder vögeln sagen, es hieß koitieren bis Ende des Jahres, nächste Saison soll ein neues Verb kommen: interkursieren.“

Leon ist ein Sportstar, und sein Sport ist Sex. Er nimmt als professioneller Vögler – oder besser gesagt: Interkursierer? – an der elften Sex-Weltmeisterschaft teil, die in Kopenhagen stattfindet. Wir schreiben das Jahr 2028, kein anderes Land wollte diese Weltmeisterschaft austragen, und auch im vermeintlich noch liberalen Dänemark geht sie nicht ohne Proteste, Polizeischutz und Gefahr über die Bühne. Leon hadert mit seinem Dasein, und es ist ein Hadern auf hohem Niveau: Er ist berühmt, er ist reich, er hat Neider, er hat Sex – alles davon ohne Ende. Täglich trainiert er mit den Frauen im Team, von denen Sally seine bevorzugte Partnerin ist, weil er sich einbildet, verliebt in sie zu sein. Dabei kennt er sie, obwohl er bereits jede Stelle ihres Körpers tausendmal berührt hat, kaum, weil die Teammitglieder nicht privat miteinander verkehren. Immer mehr steigert er sich in gewisse Fantasien hinein – während sich auch die politische Lage zuspitzt. Auf dem Weg zum möglichen Weltmeistertitel stellen sich mehr und mehr Hindernisse in Leons Weg, und am Ende sieht er nur eine Lösung, die gelinde gesagt überraschend ist.

Helmut Krausser ist eine geile Sau. Das weiß jeder, der schon ein Buch von ihm gelesen hat – und mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Während der Lektüre hatte ich ständig den sexistischen Gedanken im Kopf: Was, wenn eine Frau so etwas geschrieben hätte? Was, wenn eine Frau vom Ficken und Blasen und Morden erzählen würde, in einer so vulgären und dabei gleichzeitig unaufgeregten Sprache? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kritiker das so wohlwollend aufnehmen würden, wie sie es bei Krausser tun. Doch spielt eine derart müßige Überlegung keine Rolle: So oder so ist Geschehnisse während der Weltmeisterschaft ein hochgradig originelles, kurioses, unterhaltsames Buch, das ich vor allem aus dem Grund geliebt habe, weil es sich nicht um gängige Regeln schert. Endlich mal was Neues, endlich mal Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Das ist großartig.

Die Geschichte an sich erzählt auf überzeichnete und überdrehte Weise von etwas, das wir auch heute schon kennen: Leistungsdruck bis ins Extreme, eine Perfektion der Körperlichkeit, wie sie nicht existieren kann, eine Bewertung mit Jurypunkten von etwas, das „natürlich“ sein sollte und nicht an die Möglichkeit gekoppelt, überhaupt bewertet zu werden. Sex als satirisches Mittel für eine solche Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt in seinem neuesten Roman über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Er tut das auf souveräne und konsequente Weise, führt uns zu dem offenbar einzig möglichen Ende, das ich dennoch nicht habe kommen sehen. Gutes Buch.

Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 78-3-8270-1203-6, 240 Seiten, 20 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7902„Vielleicht wurden meine Eltern mit Traurigkeit im Herzen geboren“
Sanaa ist im Dazwischen gefangen. Sie könnte hinausgehen in die Welt, sie ist 22 und studiert an der Uni, sie hat einen Freund und einen Liebhaber, sie könnte die Verbindungen kappen, die sich noch halten. Doch das wagt Sinaa nicht, im Gegenteil, sie bleibt zuhause wohnen, im Hochhaus, in der Siedlung, sie passt auf. Asija, ihre Mutter, könnte sonst vom Balkon fallen, von dem sie nachts den Mond anschaut, Nasser, ihr Vater, könnte sonst für immer fernbleiben, und Helin, ihre Schwester, könnte sonst völlig verlorengehen. Jeden Tag hocken die Tante und ihre fette Freundin auf dem Sofa in der Wohnung und qualmen alles voll, jede Nacht geistert die Mutter herum. Was ist geschehen mit dieser Familie, die den Irak verlassen hat im Glauben, in Europa würde das goldene Leben auf sie warten? Sanaa versucht, die Vergangenheit zu ergründen, den Ursprung all der Traurigkeit zu finden, und muss doch erkennen, dass es einen solchen Ursprung nicht gibt. Die Traurigkeit sitzt im Menschen, egal, in welchem Land er sich befindet.

Karosh Taha, selbst im Irak geboren, erzählt in ihrem Debüt eine Geschichte über Fremdheit und Angst, über Aussichtslosigkeit und die Sehnsucht nach einer heilen Familie. Ihre Ich-Erzählerin Sanaa ist ehrlich und direkt, sie hat Wünsche und Pläne, sie hat Sex, sie hat Gefühle, verwirrende, sich überlagernde Gefühle, die vor allem von einem dominiert werden: Angst. Sie muss alles unter Kontrolle halten, muss die Familie zusammenhalten – eine Familie, die ohnehin längst zerbrochen ist. Ich fühle mit ihr, leide mit ihr, möchte ihr helfen und kann es nicht. Sanaa dreht sich im Kreis und ich mich ebenfalls, ein wenig zu oft treten für mich die wiederkehrenden Motive auf, die Krabbe, die in die Wade kneift, der Mond, der angebetet wird, das ist gut gemacht und schlüssig, hätte aber sparsamer gesetzt sein dürfen.

Ich mag Karosh Tahas Sprache und es gibt viele Sätze, die ich zweimal lese, weil sie klingen, weil sie grandios sind, es gibt auch Gedanken in diesem Buch, bei denen ich nicke, weil sie perfekt auf den Punkt gebracht sind. Wunderbar gelungen ist die Kombination der blumigen, orientalischen Erzähltradition mit der harten, manchmal vulgären deutschen Sprache, die Autorin hat auch stilistisch jene Elemente vereint, die für ihre Figuren zusammenkommen: das Heimatliche, das inzwischen in der Fremde liegt, und das Deutsche, das inzwischen Heimat ist. Das ist richtig gut, Chapeau! Ein wenig vermisst habe ich ein großes Highlight, einen Höhepunkt. Der Konflikt spitzt sich nicht zu, fadet eher aus, und wenn man erst einmal im letzten Drittel angekommen ist, ohne dass dieser Höhepunkt eingetreten ist, weiß man: Von nun an steuern wir nur gemächlich dem Ende zu. Das ist aber von der Erzählstruktur her völlig in Ordnung, die Fäden finden dennoch zusammen – und die Autorin wartet auch noch mit einer feinen Überraschung auf. Insgesamt ein sehr starkes Debüt zu einem Thema, das wichtig ist und viel Aufmerksamkeit verdient: das Leben woanders, Migration nach Europa, Integration, der Verlust der Heimat und das Loch, das im Herzen zurückbleibt für immer.

Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9880-0, 250 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7910„Wir erkennen den Moment nicht, in dem der Verlust beginnt“

„Alles ist geschenkt auf Zeit. Wenn man glücklich ist, wenn das Glück einen blendet, meint man zu spüren, dass alles bleibt. Hinter dem Glück wohnt die Zeit.“

Zwei Männer töten ein Reh und schlagen Franz’ Vater brutal zusammen. So brutal, dass im Krankenhaus klar wird: Der alte Mann wird das nicht überleben. Franz, der als Kriegsfotograf in aller Welt unterwegs war und die schlimmsten Gräueltaten gesehen hat, weiß, dass er den Vater wird rächen müssen. Dass er mit seinem Freund Noeten wird herausfinden müssen, wer dafür verantwortlich ist, um die Täter zu finden und zu bestrafen. Darüber zerwirft er sich mit seiner Freundin Karen, der Frau, die er liebt. Und über allem liegt sein größter Verlust: Er vermisst seinen Sohn, der nicht mehr bei ihm ist. Und dann kommt Franz an einen Punkt, an dem es gefährlich wird: Er hat nichts mehr zu verlieren.

Willi Achten hat eine Höllenfahrt von einem Roman geschrieben. Man braucht gute Nerven und auch einen starken Magen, um Nichts bleibt aushalten zu können. Das liegt zum einen an den Ausflügen in die Vergangenheit des Protagonisten, der als Kriegsfotograf viele Jahre lang das Grausamste, zu dem die Menschheit in der Lage ist, auf Bildern festgehalten hat. Es liegt aber auch an der Gegenwart, in der es um Tierquälerei geht und Rache, blutige Rache. Willi Achten spricht dabei eine sparsame Sprache, die mich an Sven Heuchert erinnert. Starke, schnörkellose Sätze, die ihre eigene Wucht entfalten, sehr straight und gnadenlos. Viele Sätze bohren sich in die Haut des Lesers, ob man will oder nicht. Unaufhaltsam marschiert Franz auf das Ende zu, das man so oder ähnlich natürlich kommen sieht, und man möchte eigentlich nicht mitgehen, hat jedoch keine Wahl.

Nichts bleibt ist ein sehr eindrucksvolles, hartes Buch, das von Bosheit und Sadismus handelt, von Liebe und Verlust, von Tod und Trauer. Die großen Themen sind das, die hier ihren Platz finden, und doch fühlt es sich an wie eine kleine, feine Geschichte in einem Wald, an einem See, mit einem Vater, der sich um seinen Jungen sorgt. Das ist eine geschickte Täuschung, die mich tatsächlich beeindruckt hat. Ein Buch wie ein Faustschlag.

Nichts bleibt von Willi Achten ist erschienen bei Pendragon (ISBN 978-3-86532-568-6, 367 Seiten, 17 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7909„Alles Gute, das einem widerfuhr, war nichts als eine Leihgabe, nur das Schlechte war einem auf ewig sicher“

„Der Dschungel, notierte Berns in seinem Tagebuch, ist eine Bestandsaufnahme, eine Prüfung, eine Wägung. Was man an Ausrüstung und Charakter nicht mit hineinnimmt, kann man dort nicht erwerben.“

Als er noch ein Junge war, hat Rudolph August Berns am Rhein Gold gewaschen und davon geträumt, ein großer Forscher zu werden. Es dauert lange, bis dieser Traum sich erfüllt, sein Weg ist verschlungen und fordert viel Kraft, doch Rudolph – der sich später Augusto Berns nennt – gibt nicht auf. Geradezu besessen ist er von der Vorstellung, die verlorene Stadt der Inka zu entdecken, Peru ist sein Ziel. Im Jahr 1887 scheint es ihm endlich gelungen zu sein: Alle reden von seinem großen Fund. Doch warum ist Berns aus den Geschichtsbüchern verschwunden, warum gilt Hiram Bingham als Entdecker von Macchu Picchu? Davon erzählt Sabrina Janesch in diesem bemerkenswerten Buch.

Ich kenne die Autorin von ihrem grandiosen Debüt Katzenberge, für das sie zu Recht von der Kritik bejubelt wurde. Mit ihrem neuen Werk hat sie eine Wandlungsfähigkeit bewiesen, für die ich sie zutiefst bewundere. Im Vorwort berichtet sie, wie sie auf die Idee gekommen ist, über Berns zu schreiben, wie schwierig es war, an Informationen zu kommen, wie lange sie recherchiert hat und wie getrieben sie war. Umso mehr hat mich dieser Roman fasziniert, weil ich es immer beeindruckend finde, wenn sich jemand einer Figur, die tatsächlich existiert hat, mit fiktiven Mitteln nähert. Die Kombination aus Realität und Fantasie ist ihr ausgezeichnet gelungen. Das Buch erinnert an jene Abenteuerromane, die man als Kind geliebt hat, mit mutigen Männern und undurchdringbaren Dschungeln, an diesen Rauschzustand, den man dann manchmal hatte beim Lesen, als man noch jung und naiv war und sich so herrlich schnell für etwas begeistern konnte.

Die goldene Stadt ist notgedrungen ein historischer Roman, der – ich möchte fast sagen: auch notgedrungen – durchaus seine Längen hat, aber das machen die gut platzierten Wendungen und das fantastische Ende wieder wett. Perfekt getroffen hat Sabrina Janesch auch den Ton, heiter und jovial, wie man sich die Stimmung dieser damaligen Entdecker vorstellt, die ein Leben voller Entbehrungen führten, ein Leben der Obsession, aber mit Optimismus und unerschütterlicher Zuversicht. Ein wahrer Schmöker von einem Buch, das es mir sehr angetan hat, weil ich es liebe, wenn ich beim Lesen etwas Neues lerne – und von Augusto Berns hatte ich tatsächlich noch nie gehört. Falls es euch ebenso geht, solltet ihr das dringend ändern!

Die goldene Stadt von Sabrina Janesch ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-87134-838-9, 528 Seiten, 22,95) und hat ja, das muss ich noch kurz erwähnen, ein wirklich schönes Cover.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7911„Always do what you are afraid to do“

„Welcome to the beautiful Sinclair family. No one is a criminal. No one is an addict. No one is a failure. The Sinclairs are athletic, tall, and handsome.“

Dass das so nicht ganz stimmen kann, ist gleich zu Beginn dieses Romans klar. Wie es aber wirklich ist, verrät E. Lockart erst ganz am Ende, als alle Stränge zusammenkommen. Das ist das Großartige an diesem Buch: Ich habe es sehr lange nicht durchschaut. Eigentlich überhaupt nicht. Seine Wendung hat mich völlig überrascht. Aber erst mal der Reihe nach: Die Ich-Erzählerin ist ein junges Mädchen namens Cadence, das aus einer reichen Familie stammt. Jeden Sommer verbringt sie auf einer Privatinsel, auf der vier Villen stehen, die ihrer Großeltern, die ihrer Mutter und die ihrer zwei Schwestern, man schwimmt im Geld, streitet aber in erster Linie darum. Alle Cousins und Cousinen treffen dort aufeinander, Cadence verbringt am meisten Zeit mit Johnny und Mirren. Außerdem gibt es noch Gat, mit dem sie nicht verwandt ist, der aber auch jeden Sommer hier ist – und in den Cadence sich verliebt. Doch dann geschieht ein Unfall, Cadence verliert ihre Erinnerung, und es dauert zwei Sommer, bis sie herausfindet, was geschehen ist.

Wenn ihr jetzt denkt, aha, das hab ich doch irgendwo schon mal gelesen, kann ich euch nur sagen: sicher nicht. Denn E. Lockhart schreibt derart ungewöhnlich, dass man das Buch nicht einmal einem Genre zuordnen kann. Young adult, ja, natürlich, weil die Protagonistin erst siebzehn ist, ein Thriller irgendwie auch, aber eigentlich nicht, einem Geheimnis muss sie auf die Spur kommen, ihre Erinnerung wiederfinden – aber da ist diese Sprache. Eine Sprache mit einer fantastischen Sogwirkung, nicht jugendlich-kindisch, dennoch simpel, schnörkellos, schon nach wenigen Seiten war ich absolut gefesselt und mit dem Buch in wenigen Stunden durch. Es hat mich, und das will was heißen, aus meiner Lese-Lethargie gerissen, ich habe es in einem Happs verschlungen. Gut, es hat nur 220 Seiten, okay, aber die haben es in sich: Cadence ist eine schonungslose, sarkastische Erzählerin, ihre Stimme ist geheimnisvoll, mysteriös, dennoch offen, ehrlich – sie sagt dem Leser alles, was sie weiß, das Problem ist nur, sie weiß nicht viel. Das ändert sich, und man mag das Ende ein wenig zu dramatisch finden. Dennoch ist dieses Buch in meinen Augen sehr gut gemacht und deshalb auf jeden Fall lesenswert. Man sollte einfach viel öfter über den Tellerrand schauen – auch über den literarischen.

We were liars von E. Lockhart ist auf Deutsch unter dem Titel Solange wir lügen bei Ravensburger erschienen (mit einem absurd hässlichen Cover, mit dem ich es niemals gekauft hätte, ähem).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gerk

  1. Es macht so großen Spaß, dieses Buch zu lesen!
  2. Andrea Gerk ist die Beste, wenn es darum geht, Wissen mit Unterhaltung zu vereinen, ihre Bücher sind hervorragendes Infotainment. Sie schreibt flüssig, amüsant, serviert einem die Informationen auf so elegante Art, dass man sie versteht, sich das Meiste merkt und sich nicht, wie bei manch anderen Sachbüchern, von dem vielen Wissen erschlagen fühlt.
  3. Uns Österreichern ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Kein Wunder, unser Grant ist auch wirklich legendär. Kulturgut sozusagen.
  4. Sie bringt alle großen Dichter, Denker, Theaterschreiber, Autoren, Schauspieler zusammen, die eines eint: ihre berühmt gewordene schlechte Laune. „Schreibende Kotzbrocken, singende Ekelpakete“ nennt sie das entsprechende Kapitel. Mit dabei sind Namen wie Schopenhauer und Jarosinski, Reed und Kinski, Jelinek und Doderer. Ein absolutes Vergnügen!
  5. Weil darin Zitate wie „Alles hat zwei Seiten, eine schlechtere und eine noch schlechtere“ stehen und: „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.“
  6. Weil wir neuerdings alle nur noch gut gelaunt sein sollen. Selbstoptimiert, selbstliebend, motiviert, optimistisch. Da ist es eine Wohltat, dass Andrea Gerk der schlechten Laune ein solches Loblied schreibt.
  7. Sie nimmt das Thema sehr gründlich durch, zeigt, was im Gehirn geschieht, wenn man missmutig ist, und wie Unmut als Schutzschild funktioniert, geht auf die Kunst des Schimpfens ein, widmet sich grantigen Kommissaren und kreativen Cholerikern, außerdem dem Dienstleistungssektor und der Gastronomie, wo man schlechte Laune am besten beobachten kann.
  8. Es ist das perfekte Buch nach einem langen Arbeitstag, der einen wirklich grantig gemacht hat. Man muss bei dieser Lektüre nämlich garantiert früher oder später schmunzeln.

Lob der schlechten Laune von Andrea Gerk ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5770-8, 304 Seiten, 24,70 Euro). Sehr angetan davon war auch Sophie von Literaturen.

 

 

 

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ceci„Ist nicht alles im Leben nur Vorwand?“

„Washi bedeutet: Papier des Friedens und der Harmonie.“

Mit Papier kennt er sich aus, denn seit Jahrzehnten widmet er sich seiner Herstellung: Kurogiku, den alle Herr Origami nennen, lebt in der Toskana, in einer Ruine, allein. Eigentlich kam er von Japan nach Italien auf der Suche nach einer Frau, jener Frau, in die er verliebt war. Das ist lange her. Jetzt ist er alt, doch das macht nichts, denn er lebt im Jetzt, jeden Augenblick. Und das Jetzt besteht daraus, Papier zu machen, schönes, edles, wertvolles Papier, das für Origami verwendet werden kann. Als der junge Uhrmacher Caspari zu Kurogiku geschickt wird, weil er einen Unterschlupf braucht, reden sie nicht viel miteinander und erzählen einander doch das Wichtigste. Das, worauf es im Leben ankommt.

Mach mal langsam, sagt dieses Buch, ich mach es ja auch. Jean-Marc Ceci, ein Autor, der interessanterweise gar kein Japaner ist, sondern Italiener und Belgier, hat einen Roman aus lauter Miniaturen geschrieben. Mut zum Weißraum sagt man bei uns in der Werbung, in der Grafik, und daran hat auch er sich gehalten: Sehr viel von dem Papier, das dieses Buch enthält, ist nicht beschrieben. Manchmal stehen nur wenige Zeilen auf einer Seite. Das kommt einem als Leser dann freilich auch Japanisch vor, sieht es doch irgendwie aus wie ein Haiku, stilvoll, schlicht. Garniert wird das Ganze von japanischen Schriftzeichen. Und die wecken eine alte Sehnsucht in mir: Als ich Anfang zwanzig war, hab ich versucht, Japanisch zu lernen – und bin grandios gescheitert. Ich hab an der Uni einen Sprachkurs besucht und zuhause stundenlang die Schriftzeichen geübt. Doch der Kurs, eineinhalb Stunden die Woche, war zu wenig, am Ende konnte ich nur ein paar Sätze, meinen Namen schreiben und eine Handvoll Zeichen lesen, meine Pflichtveranstaltungen kamen mir in die Quere, und ich trauere bis heute, weil ich diese faszinierende Sprache nicht beherrsche.

Umso schöner war es für mich, mit diesem Buch mal wieder einen Ausflug ins Japanische zu machen. Noch dazu einen so entspannten: Wenn ihr relaxed ins neue Jahr starten möchtet, ist Herr Origami genau das Richtige für euch. Denn die Entschleunigung stellt sich beim Lesen ganz automatisch ein. Mit seiner Art, sich auf das Essenzielle zu beschränken, gibt Jean-Marc Ceci den wenigen Worten, die er verwendet, mehr Gewicht. Alles wirkt bedeutsam. Das ist natürlich einerseits fast schon ein billiger Trick, andererseits sehr angenehm, weil man nicht so viel ablenkendes Blabla ertragen muss. Qualität vor Quantität? Ja, absolut. Handlung gibt es, das versteht sich von selbst, dadurch auch nicht viel. Und das fand ich in diesem Fall regelrecht erholsam und wohltuend: Das ist ein Buch, das sich und anderen nichts beweisen muss. Nicht mit langen, anstrengenden Sätzen, nicht mit bemühten Wortspielen, nicht mit ach so kreativen Metaphern. Mut zum Weißraum hat der Autor, Mut zu einer ungewöhnlichen Herangehensweise auch. Sehr schön, sehr empfehlenswert.

Herr Origami von Jean-Marc Ceci ist erschienen bei Hoffmann & Campe (ISBN 978-3-455-00151-8, 18 Euro, 160 Seiten).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Leidenfrost„Jetzt suche ich noch einmal, ob ich etwas finden könnte auf dieser Welt, das mir Zuflucht gibt“

„Hör zu, ich erzähle dir eine Geschichte, damit du sie aufhebst. Für diese Geschichte brauch ich eine Zunge und einen Mund, um damit Laute zu formen, Hände, um die Geschichte mit Gesten zu schmücken, ein Gesicht, um Gefühle zu zeigen. Du brauchst Ohren und Augen, um mir zu folgen.“

Denn die Figuren, die in diesen Geschichten zu Wort kommen, haben lange nicht gesprochen – oft sogar ein Leben lang. Die müssen jetzt noch was sagen, jetzt, bevor es zu Ende geht, jetzt, bevor sie verstummen für immer. Sie erzählen von Geheimnissen und der Liebe, von Verrat und vom Leben, das viel zu schnell vergangen ist. Und vor allem von dem, über das nie geredet wurde: den Geschehnissen im Krieg. Nazis waren doch alle, aber herrje, wir wussten ja nichts. Was verschwiegen wurde, kommt nun ans Licht – was auch immer es gewesen sein mag.

„Geschichten sind wie Vögel, es gibt tausend Arten und die meisten kennen die halbe Welt.“

In ihrem ersten Buch gibt die österreichische Autorin Lucia Leidenfrost jenen eine Stimme, die ihre Stimme ein Leben lang nicht genutzt haben. Frauen sind das genauso wie Männer, die merken: Da gibt es noch etwas, das nicht gesagt wurde. Das mich belastet. Das ich noch loswerden muss. Wie Sterbebeichten wirken diese Geschichten, wie letzte Momentaufnahmen, denn die meisten – nicht alle – tauchen am Ende eines Lebens aus dem Morast der Erinnerung auf. Der drohende Tod ist es, der die Menschen dazu bringt, nicht länger zu schweigen. Lucia Leidenfrost verleiht jenen, die noch etwas erzählen müssen, nicht nur eine Stimme, sondern gibt ihnen auch die Worte als Handwerkszeug, gibt ihnen eine feine, kluge Sprache.

Mir ist die Zunge so schwer ist traurig, melancholisch und tiefgründig. Ein Buch voll Bedauern, voll Schwermut und später Erkenntnis. Ein Buch über die letzte Weltkriegsgeneration, wobei, eigentlich nicht ÜBER sie, sondern von ihr, mit ihr, durch ihre Augen, ihre Münder. Es ist nämlich nicht nur so, dass das alles endlich einmal ausgesprochen werden muss, es muss auch gehört werden. Aufgeschrieben werden, bewahrt werden, bevor es niemanden mehr gibt, der davon erzählen könnte. Wertfrei wird das aufbewahrt, ohne ein Urteil, und fast könnte man meinen, dass das nicht fiktive Stimmen sind, die da erklingen, sondern echte, dass Lucia Leidenfrost ein Aufnahmegerät in dunklen Stuben an faltige Gesichter gehalten hat. So authentisch und berührend sind ihre Geschichten. Ein sehr schönes, gefühlvolles, feinsinniges Buch, das den Gedanken in sich trägt, dass wir alle nicht so viel Zeit haben, wie wir immer glauben. Ich kann es euch nur ans Herz legen.

Mir ist die Zunge so schwer von Lucia Leidenfrost ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01069-6, 192 Seiten, 19,90 Euro). Und hier findet ihr den Leseeindruck von Frank O. Rudkoffsky.

 

 

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gowdy„Ja, ich bin noch immer traurig“

„Beim ersten Donnergrollen wurden die Buchstaben scharf. Die Flecken erschienen, die Festungen bauten sich auf und lösten die Übelkeit aus, die wiederum das Gefühl auslöste, als kristallisiere sich Harriets Knochengerüst aus dem Gerüst von Roses eigenem heraus.“

Denn Rose findet sich plötzlich bei Gewitter im Körper von Harriet wieder – einer Frau, die sie nicht kennt, von der sie jedoch bald regelrecht besessen ist. Warum verlässt sie auf einmal ihren eigenen Körper? Wer ist diese Harriet, die eine Affäre mit einem verheirateten Mann hat? Und was hat das alles mit Roses Schwester Ava zu tun, die gestorben ist, als sie beide noch Kinder waren? Hört sich gespenstisch an und wie ein Thriller, ist es aber nicht: Ruhig, gesittet, lakonisch erzählt Barbara Gowdy eine sehr ungewöhnliche Geschichte.

Kleine Schwester ist ein literarisches Buch, kein Genre. Das muss ich betonen, weil die Story, die die kanadische Autorin zu Papier gebracht hat, so nach Parallelwelten und Übernatürlichem klingt. Die „Episoden“, wie Hauptfigur Rose sie selbst nennt, werden im Roman einfach als gegeben hingenommen, sie können und sollen nicht erklärt werden. Vielmehr geht es in diesem Buch um unsere Sehnsucht, ein anderes Leben zu führen, um die Frage, wie es sich anfühlen würde, ein anderer zu sein. „Durch die Augen eines anderen sehen“ – das hat Barbara Gowdy, deren Kurzgeschichten bereits verfilmt wurden, zum Ausgangspunkt genommen und für ihre Figur möglich gemacht. Die wird durch den Kontakt mit einem fremden Leben zurückgeworfen auf ihr eigenes: Wo steht sie? Wollte sie dorthin, ist sie glücklich? Und werden die Wunden der Vergangenheit jemals heilen?

Die Themen, mit denen die Autorin sich in Kleine Schwester beschäftigt, sind also gar nicht so ungewöhnlich. Nur die Art, wie sie es tut, ist es. Und genau das macht dieses Buch so besonders. Für mich persönlich ist alles, was den Tod eines Kindes beinhaltet, schwer erträglich, seit ich selbst Kinder habe. Sehr spannend finde ich jedoch die Idee dieser außerkörperlichen Erfahrungen, um die sich alles dreht: Das ist unheimlich und faszinierend zugleich. Ich war sehr neugierig, wie die Autorin diese Situation am Ende lösen würde, und hm, ja, es ist ihr auf akzeptable Weise gelungen. Wenn ihr mal was Interessantes abseits vom Mainstream lesen wollt, kann ich euch Kleine Schwester auf jeden Fall empfehlen.

Kleine Schwester von Barbara Gowdy ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann (ISBN ISBN: 978-3-95614-196-6, 240 Seiten, 22 Euro).