Bücherwurmloch

Ich glaube ich sage einfach nur die Wahrheit“

„Es gefällt mir wie du redest.
Na, das ist eine Erleichterung, denn ändern werd ich mich sicher nicht.
Ich muss sagen du kommst mir auch nicht vor wie die Sorte Mädchen die sich ändert.“

Mary ist ein eigenwilliges Mädchen, das sich nicht zurückhält. Und dabei wäre Zurückhaltung gefragt in ihrer Zeit, in ihrem Land und ihrer Stellung, sie ist eine einfache Bauerstochter ohne Bildung. Von den Eltern und den Schwestern geächtet, weil sie ein Bein nachzieht, schuftet Mary Tag und Nacht auf dem Hof – bis der Vater beschließt, dass sie ins Dorf in den Pfarrhof ziehen soll, um der kranken Gattin des Pfarrers zu helfen. Das tut Mary äußerst widerwillig, doch die Kranke schenkt ihr Aufmerksamkeit und liebe Worte – etwas, das das Mädchen nicht kennt. Und noch etwas lernt Mary im Pfarrhaus: lesen und schreiben. Deshalb ist es ihr möglich, ihre Geschichte zu erzählen. Deshalb kann sie berichten von all dem, was dann noch geschehen ist.

Und dieser Bericht klingt, wie er klingen müsste, hätte Mary ihn tatsächlich geschrieben: simpel, fast ohne Satzzeichen, sprachlich karg, sehr authentisch. Auf den ersten zwei Seiten ist das gewöhnungsbedürftig, dann ist man drin in Marys sehr mündlicher Erzählung, dann hat man das Gefühl, neben ihr zu sitzen und ihr wirklich zuzuhören. Das hat Nell Leyshon wirklich glänzend geschafft, sich hineinzuversetzen in diese Fünfzehnjährige mit dem einfachen Gemüt und dem dennoch gewitzten Verstand, in dieses Mädchen, mit dem umgesprungen wird, als habe es keinen eigenen Willen – und das letztlich, darin liegt der Akt der Rebellion, darin liegt der Höhepunkt des Buchs, aufbegehrt. Dass Mary den Befreiungsschlag wagt, den man ihr als Leser wünscht, ist logisch und aus der Dramaturgie des Romans ersichtlich, es ist notwendig, es ist aber auch, wie in allen Fällen, in denen der Schwache sich gegen die Starken auflehnt, Marys Untergang.

Ich war ganz frisch auf Instagram, als dieses Buch gehyped wurde und Florian Valerius #teammary ins Leben gerufen hat. Wohl aus Trotz habe ich es erst so viel später gelesen, ich wollte meine Ruhe mit diesem Buch haben und nicht jedes Mal, wenn ich Social Media öffne, eine Meinung dazu hören. Jetzt hatte ich Mary für mich allein – und das Buch in kürzester Zeit inhaliert. Eine starke, herausragende Stimme, eine vermeintlich banale Geschichte, die so schüchtern an die Hintertür klopft und dann, kaum hat man geöffnet, mit umso mehr Präsenz eintritt, sich entfaltet, den Platz einnimmt im Kopf und im Herzen. Gutes Buch, Hype berechtigt.

Die Farbe von Milch von Nell Leyshon ist erschienen im Eisele Verlag (ISBN 978-3-96161-000-6, 208 Seiten, 18 Euro).

Bücherwurmloch

„Sterben Menschen, sterben ihre Nächsten für einen kurzen Moment mit ihnen“

„Im Dorf, zwischen seinen leeren Häusern, hängen die Tage wie weiße Laken, die man auf der Wäscheleine vergessen hat.“

Weil einfach nicht viel passiert im Dorf, weil eigentlich weniger und weniger passiert, seit die Menschen verschwinden, seit sie in der Nacht das Dorf verlassen. Pauli und Karine wissen nicht, wohin die anderen gegangen sind, auch nicht, wohin ihre Mutter gegangen ist. Sie wissen nur, dass niemand zurückkehrt. Und was können sie tun? Sie haben keine Ahnung, was hinter dem Wald liegt, was überhaupt außerhalb des Dorfs liegt, und nachzusehen, dazu fehlt ihnen der Mut. Außerdem besteht ja noch die Hoffnung, dass die Mutter sie nicht für immer im Stich gelassen hat, und dann sollten sie anwesend sein zuhause. Doch die Tage sind eintönig, Schule gibt es schon lange keine mehr, die Lebensmittel gehen zur Neige. Was wird geschehen, wenn sie zu Ende sind? Was wird passieren, wenn der Winter kommt? Pauli und Karine sammeln Holz, sie versuchen, sich vorzubereiten auf das Unausweichliche: auf den Schnee.

„Alles ist still, aber wenn man genau hinhört, machen die Flocken ein Geräusch, wenn sie auf dem Boden aufkommen. Es macht dann ganz leise Srrt, ja srrt. Und das ist das schönste Geräusch, das je ein Mensch vernommen hat, und deshalb schläft die ganze Welt besser, wenn es schneit.“

Warten auf Schnee, das Debüt von Karoline Menge, für das sie mit dem Ulla-von-Hahn-Preis ausgezeichnet wurde, ist ein sehr ruhiges Buch. Es verzichtet auf jegliche Effektheischerei, es erzählt bedächtig, als habe es alle Zeit der Welt. Als Leser stellt man sich darauf ein, fährt runter, entschleunigt. Und nimmt Platz in diesem namenlosen Dorf, an diesem sich auflösenden Ort, der exemplarisch für all die ruinierten Dörfer steht, in denen niemand mehr leben will, die so viel Vergangenheit haben und keine Zukunft. Ich-Erzählerin Pauli ist fast volljährig, ihre Ziehschwester Karine, die eines Tages von der Mutter aufgenommen wurde, ohne Fragen, ohne Erklärungen, ein paar Jahre jünger.

„Karine ist mir nach sieben Jahren noch immer fremd. Ich weiß nicht, was sie denkt oder fühlt, wenn sie mich mit ihren nackten grünen Augen ansieht.“

Die Beziehung zwischen den beiden ist erst durch die Not eng geworden, davor waren sie verfeindet. Damals, als es noch andere Kinder gab im Dorf, darunter Powel, den Jungen mit dem verschobenen Gesicht, den Pauli vielleicht geliebt und ganz sicher geküsst hat. Doch das spielt alles keine Rolle mehr, seit nur noch das Warten auf den Schnee zählt, ein Warten, dessen Ziel, der Winter, alles noch schwieriger machen wird, womöglich sogar beenden wird. Mit zarten, behutsamen Worten entspinnt Karoline Menge, die in Hildesheim studiert hat, eine intensive Geschichte von Leere und Verlust, ein Psychogramm der Einsamkeit, eine Analyse des Aufgebens. Ein schönes, leises und in seiner Stille umso eindringlicheres Buch.

Warten auf Schnee von Karoline Menge ist erschienen bei der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002589, 200 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

Das Geilste an Weihnachten sind ja die Geschenke, Geschenke, Geschenke! Und zwar nicht nur die, die man bekommt, sondern auch die, die man gibt, nicht wahr. Da wir Lesefreunde sind, haben diese Geschenke gern mal vier Ecken und einen Rücken. Nur: Welches Leseabenteuer soll in diesem Jahr unterm Weihnachtsbaum liegen? Ich hab da was für euch. Einen (höchst subjektiven, aber äußerst effektiven) Leitfaden zur Beschenkung von Freunden, Verwandten, Bekannten. Wie immer ohne bibliografische Angaben, weil ich zu faul bin, die rauszusuchen, aber ihr könnt ja beim Buchhändler eures Vertrauens bestellen #buylocal, der weiß Bescheid. Oder ihr klickt auf den Link im Buchtitel, da steht es. Alle Bücher hab ich 2018 selbst gelesen, sie wurden also am eigenen Leib getestet. Viel Vergnügen beim Verschenken! Sich die Bücher einfach selbst zu wünschen, ist freilich auch ein heißer Tipp. Gut sind sie alle, sonst stünden sie nicht hier. 😉

Für Sehnsüchtige: Less von Andrew Sean Greer
Ein Schriftsteller, der sich auf Reisen begibt, um sich abzulenken von der nahenden Hochzeit seines jüngeren Lovers: Das ist die Story in diesem Buch, das mit dem diesjährigen Pulitzer Preis ausgezeichnet wurde. Dahinter steckt aber viel mehr: eine Suche nach sich selbst, ein Kämpfen mit den inneren Dämonen, ein Auseinandersetzen mit dem letzten Lebensabschnitt, dem Altern. Es ist ergreifend und kitschig und sarkastisch und schön, es ist auch auf Deutsch erschienen, und ihr könnt es allen schenken, die noch an die Liebe glauben.

Für Workaholics: Super, und dir? von Kathrin Weßling
Marlene ist 31 Jahre alt, sie hat studiert, sie hat einen Freund, einen lieben, sie hat 532 Freunde auf Facebook und außerdem einen Trainee-Platz in einem bedeutsamen Unternehmen. Marlene hat alles richtig gemacht. Die Frage ist nur: Warum fühlt es sich dann nicht richtig an? Kathrin Weßling schreibt über eine, die gedacht hat, dass alles gut wird, wenn sie nur fleißig ist und motiviert und den Erwartungen gerecht wird, und die, als sie merkt, dass das nicht eintritt, nicht weiß, wohin mit dieser ganzen Enttäuschung. Ein rasantes, kluges, hochaktuelles Buch, das zu Recht viel Aufmerksamkeit bekommen hat – und genau das Richtige ist für alle, die glauben, ihr Job sei der Sinn ihres Lebens.

Für Grantler: Lob der schlechten Laune von Andrea Gerk
Andrea Gerk ist die Beste, wenn es darum geht, Wissen mit Unterhaltung zu vereinen, ihre Bücher sind hervorragendes Infotainment. Sie nimmt das Thema schlechte Laune gründlich durch, zeigt, was im Gehirn geschieht, wenn man missmutig ist, wie Unmut als Schutzschild funktioniert, geht auf die Kunst des Schimpfens ein, widmet sich grantigen Kommissaren und kreativen Cholerikern, außerdem dem Dienstleistungssektor und der Gastronomie, wo man schlechte Laune am besten beobachten kann. Sie bringt alle großen Dichter, Denker, Theaterschreiber, Autoren, Schauspieler zusammen, die eines eint: ihre berühmt gewordene schlechte Laune. Und widmet dem Grant der Österreicher ein eigenes Kapitel. Großartig!

Für Abenteurer: Die goldene Stadt von Sabrina Janesch
Dieses Buch erinnert an jene Abenteuerromane, die man als Kind geliebt hat, mit mutigen Männern und undurchdringbaren Dschungeln, an diesen Rauschzustand, den man dann manchmal hatte beim Lesen, als man noch jung und naiv war und sich so herrlich schnell für etwas begeistern konnte. Perfekt getroffen hat Sabrina Janesch den Ton, heiter und jovial, wie man sich die Stimmung dieser damaligen Entdecker vorstellt, die ein Leben voller Entbehrungen führten, ein Leben der Obsession, aber mit Optimismus und unerschütterlicher Zuversicht. Ein Schmöker, der all jene begeistern wird, die gern etwas Neues lernen beim Lesen.

Für Schüchterne: Was man von hier aus sehen kann von Mariana Leky
Wenn Oma Selma von einem Okapi träumt, stirbt jemand im Dorf, so heißt es, und deswegen sind die Dorfbewohner dann nervös. Zu Recht, denn die Legende ist tatsächlich wahr. Der Hype, die überschwänglichen Lobeshymnen, die begeisterten Kritiken zu diesem Roman sind berechtigt. Dies ist ein melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann. Schenkt es allen, die mehr Bewegung in ihrem Leben bräuchten.

Für Extrovertierte: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser
Helmut Krausser ist eine geile Sau – mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Endlich mal was Neues, endlich Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Es geht um eine Sexweltmeisterschaft im Jahr 2028, um Leon, den Sex-Superstar, der ein Problem hat: Er ist in seine Teampartnerin Sally verliebt. Sie, mit der er täglich mehrmals vögelt, ist unerreichbar für ihn. Das ist absurd, unterhaltsam, großartig. Sex als satirisches Mittel für Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Das richtige Buch für alle, die genug Mut haben.

Für Menschen, die keine Menschen mögen: Alleine ist man weniger zusammen von Paul Bokowski
Ich stelle mir vor, dass Paul Bokowski eines dieser Kinder war, die unfreiwillig komisch sind. Dass er damals schon eine nerdige Brille trug, sich dumme Polenwitze anhören musste und irgendwann aus der Not eine Tugend machte, indem er sein Leben der Satire verschrieb. Ich stelle mir außerdem vor, dass Paul Bokowski im alltäglichen Umgang ein eher grantiges Kerlchen mit einem feinen Sinn für Humor ist, das nur wenig von dem, was die Welt bietet, lustig findet. Nichts davon weiß ich, das sind nur Vermutungen. Sicher ist aber, dass Paul Bokowskis Witz intelligent ist, herrlich böse seine Darstellungsweise und wunderbar raffiniert die vielen kleinen fiesen Pointen. Das werden alle mögen, deren Humor genauso ist.

Für Politikverdrossene: All die Nacht über uns von Gerhard Jäger
Unerwartet und sehr traurig war kürzlich die Nachricht, dass der talentierte und ungemein sympathische Schriftsteller Gerhard Jäger verstorben ist. In seinem neuen Roman, der für den Österreichischen Buchpreis nominiert war, stellt er einen namenlosen Soldaten auf einen Wachposten an der Grenze und lässt ihn durch eine Nacht voller Angst, Unruhe, Erinnerungen und Schmerz gehen. Wie gehen wir um mit den Menschen, die unsere Hilfe brauchen? Lehrt unsere Geschichte uns nicht eigentlich, dass jeder plötzlich zum Flüchtenden werden kann? Und: Wie viel Leid kann ein einzelner Mensch ertragen? Dieser Roman enthält viele absolut treffende Sätze und ist das richtige Geschenk für alle, die nicht zu feig zum Nachdenken sind. Der Nachlass eines klugen Mannes, der leider viel zu früh gegangen ist.

Für egal wen: Auster und Klinge von Lilian Loke
Dieses Buch ist die sichere Bank, das könnt ihr eurem Cousin genauso schenken wie eurer Schwiegermutter. Es ist unterhaltsam, aber niveauvoll, es hat eine originelle, spannende Story, die Männer wie Frauen, Jüngere wie Ältere anspricht. A g’mahde Wiesn, wie wir in Österreich sagen. Es ist ebenso Gaunerkomödie wie Kunstsatire. Lilian Loke erzählt darin von zwei Männern, zusammengebracht vom Zufall, der eine ist ein Dieb und ein Koch, der andere ein Künstler. Der eine braucht Geld, der andere hat es – und will lernen, wie man einen Einbruch begeht. Man kann dieses Buch mit der Absicht lesen, sich unterhalten zu lassen, und wird dennoch Gedanken begegnen, die einen aufwühlen. Die bestmögliche Kombination also. Dieser Roman hat richtig Drive, eine ganz eigene Dynamik, er steht niemals still. Das ist rasant, witzig, gut gelungen und das perfekte Lesegeschenk.

Für Eltern: Man bekommt ja so viel zurück von Marlene Hellene
Auf Twitter ist Marlene Hellene ein kleiner Star, und zwar zu Recht. Weil sie witzig ist und dieses Medium, bei dem man am Punkt sein muss mit seinem Humor, perfekt beherrscht. Sie kann aber auch dann gut schreiben, wenn sie mehr Platz hat: Das hat sie in ihrem ersten Buch bewiesen, das ihr allen Eltern unter den Weihnachtsbaum legen solltet. Weil es herrlich amüsant ist, weil Eltern sich darin wiedererkennen werden, weil von kranken Kindern über Urlaub mit Kindern bis hin zum Kindergeburtstag, dem Vorhof zur Hölle, alles vorkommt, was einen halt so beschäftigt, wenn man Nachwuchs hat. Dabei ist dieses Buch aber weit entfernt von all den dämlichen Besserwisser-Ratgebern, Marlene Hellene weiß es nämlich auch nicht besser. Deshalb ist sie eine von uns. Und deshalb lieben wir sie und ihr Buch.

Für Leute mit Fernweh: Farben der Nacht von Davit Gabunia
Surab bleibt nachts wach, er steht auf dem Balkon, er hat ein Kamera in der Hand, und zu beobachten gibt es allerhand: Ein junger Mann, der gegenüber wohnt, bekommt regelmäßig Besuch. Nicht nur, dass dieser Besuch ebenfalls männlich ist, nein, es handelt sich dabei auch noch um einen bekannten Politiker. Das ist heiß im Georgien des Jahres 2012, in dem der Milliardär Iwanischwili an die Macht kommt, das ist gefährlich, und vielleicht ist es kein Wunder, dass es – kaum brechen die Unruhen los, kaum entgleitet Surabs Frau Tina ihm immer mehr – plötzlich einen Toten gibt. Ein fiebriges, ruheloses, spannendes Buch, das in Georgien spielt und einem Flächenbrand gleicht. Schenkt es allen, die in fremde Länder reisen möchten – wenigstens im Kopf.

Das Buch für ALLE: Der Trafikant von Robert Seethaler
Falls ihr jemanden kennt, der diesen Roman noch nicht gelesen hat, seid ihr fast schon verpflichtet, ihn ihm zu schenken. Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint. So schön ist dieses Buch und so traurig. Es greift einem direkt ins Herz, man muss es einfach lieben, und wenn man sich einlässt darauf, dann hat man am Ende unweigerlich Tränen in den Augen. Dies ist eines jener Bücher, die wirklich etwas zu sagen haben, die etwas bewirken können. Verschenkt es hundertfach!

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„Er glaubte nicht an Liebe an den ersten Blick, und falls doch, dann wäre er dafür zu langsam“
Ingwer Feddersen, fast fünfzig, ist „Fensterputzer, promovierter Steinesammler, Gastwirt, Altenpfleger“ und nimmt ein Sabbatical, um zuhause seine alten Eltern zu pflegen, für die es bald zu Ende gehen wird. Zuhause, das ist Brinkebüll, das ist der Norden, das ist dieses Dorf, das ihn nie losgelassen hat, obwohl er in der Stadt lebt, in einer ungewöhnlichen WG-Konstellation mit Ragnhild und Claudius, zu zweit und zu dritt, eine Alterskommune, eine Dreiecksbeziehung mit Eifersucht und Liebe und ekligen Teebeuteln in der Küche.

„Seltsam kreisten die Kartoffelkinder lebenslang um ihre Dörfer, blieben auf den Umlaufbahnen, die sie hielten, nicht zu nah und nicht zu fern. Treue Mondgesichter, die an ihrer alten Erde hingen.“

Sie verstehen nicht, warum er zurückmuss, Ragnhild und Claudius, was ihn dort hinzieht, wo es doch eigentlich nichts mehr gibt für ihn. Die Mutter versinkt in der Demenz, der Vater hat blaue Flecken von ihren Misshandlungen, er war der Wirt in Brinkebüll, der Magnet für alle, die etwas zu feiern oder etwas zu vergessen hatten.

„Das Parkett im Saal war grau geworden, wundgetanzt. Ein alter Boden wie ein Dorfchronist, man hatte hundert Jahre Brinkebüll in dieses Holz gestampft, die ganzen Lebensläufe: Kinderfest und Konfirmandenfeier, Abtanzball, Verlobung, Hochzeit. Richtfest, Silberhochzeit, sechzigster Geburtstag. Goldene Hochzeit, achtzigster Geburtstag. Ein paar letzte, wackelige Tänze am Seniorennachmittag. Beerdigungskaffee.“

Und Ingwer war dieses Kind, das es nicht hätte geben sollen, das Kind, das verlorengehen sollte bei einem Sprung vom viel zu hohen Dach, das sich aber festgeklammert hat im Bauch der Mutter. Jener Mutter, von der niemand redet, die man Ingwer jahrelang als Schwester verkauft hat, obwohl alle es wussten, natürlich, das ganze Dorf: dass Ingwers Eltern nicht seine Eltern sind.

„Es gab in Brinkebüll viel Ungesagtes, manches schwebte schon jahrzehntelang durchs Dorf, von Haus zu Haus, von Hof zu Hof. Mal landete es kurz, wenn jemand ein paar Worte fallen ließ, betrunken meistens, nichts sehr treffsicher. Dann trieb es weiter, Angehauchtes und Vermutetes und Unaussprechliches und halb Vergessenes. Das Schweigen war wie eine zweite Muttersprache, man lernte es, wie man das Sprechen lernte. Schon die Kinder wussten, was man sagen durfte und was nicht.“

Dörte Hansen ist eine Meisterin der Sprache. Ruhig ist diese Sprache, einen langen Atem hat sie, und sie nimmt sich der Atmosphäre an, die da herrscht im Norden, sie nimmt sich der Menschen an, die dort leben. Sie entwickelt kauzige, liebenswerte Charaktere, die sich quälen in ihrer Stummheit, die ein bisschen ersticken an allem, was sie nicht sagen können. So einer ist auch Protagonist Ingwer, der ein gutes Leben hat, der es aber auch verpasst hat, ein noch besseres Leben daraus zu machen. Weil er sich immer zufriedengegeben hat mit dem Halben, weil er nicht aufbegehrt hat, weil er nie gesagt hat: Ich will das, und dich will ich auch. Er erkennt das jetzt, und man weiß nicht genau, ob es vielleicht zu spät ist für ihn oder ob er noch die Möglichkeit haben wird, neu anzufangen.

Ich mag Dörte Hansens Sätze. Ihren Roman Altes Land habe ich gefeiert, weil er spitz und böse, zugleich zutiefst ergreifend und melancholisch schön war. Mittagsstunde mit dem, Entschuldigung, absurd hässlichen Cover ist wesentlich nüchterner, passt dadurch aber wohl zu den Menschen, von denen es erzählt. Lakonisch ist der Stil, schlicht und trocken, dabei trotzdem durchwirkt von Gefühl, von Sehnsucht, von Wehmut. Und grandios sind die Sprachbilder, die Dörte Hansen findet für ihre Figuren, die man so schnell ins Herz schließt, obwohl man sie nicht kennt, obwohl sie nicht einmal existieren.

„Marret war verdreiht, schon vor der Klapperlatschenzeit und vor den Untergängen, sie war noch nie normal gewesen. Auch nicht verrückt, sie lag wohl irgendwo dazwischen. Ein Knäuel Mensch, verfilzt, schief aufgerollt.“

Ein genügsames, pathosfreies, sehr gutes Buch, das mich zwar nicht mit so viel Begeisterung erfüllt hat wie Altes Land, aber mich doch oft hat lächeln lassen, und das ist doch schon viel.

Mittagsstunde von Dörte Hansen ist erschienen im Penguin Verlag (ISBN 978-3-328-60003-9, 320 Seiten, 22 Euro).

 

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„Keine Frau hat jemals eine solche mit dem Tod ringende Poesie auf die Leinwand gebracht“

„Ich habe aber immer gern behauptet, ich sei 1910 geboren. Nicht um mich aus Eitelkeit jünger zu machen, sondern weil in dem Jahr die mexikanische Revolution begann, und ich bin eine Revolution.“

Wer war Frida Kahlo? Was für ein Mensch steckt hinter ihren weltberühmten, intensiven, einzigartigen Bildern? Die Spanieren María Hesse, die ihren Künstlernamen aus Verehrung für Hermann Hesse gewählt hat, nimmt sich dieser geheimnisvollen Frau an und erzählt ihre Geschichte durch ihre eigene Interpretation von Fridas Bildern. Geradezu herausragend gelungen ist die Kombination von Illustrationen und Worten – Fridas eigenen Worten, Marías Worten – zu einer unglaublich schönen, sehr berührenden Hommage an die 1954 verstorbene Künstlerin.

„Anscheinend kennen alle Frida Kahlo“, steht in der Einleitung, und als ich das gelesen habe, dachte ich: Nein, nein, eigentlich nicht. Ich weiß nichts über Frida, ich kenne ihre Bilder, ich kenne ihr Gesicht, die signifikanten Augenbrauen, ihren Stil. Aber das ist auch schon alles. Umso neugieriger war ich darauf, mehr über diese leidenschaftliche Frau zu erfahren, die nur 47 Jahre alt geworden ist. Und dann war ich überrascht von dem Schmerz. Dass Frida Kahlos Leben derart von Schmerz geprägt war – von körperlichem wie seelischem – hatte mit Sicherheit Einfluss auf ihre Kunst. Sie wurde mit Spina bifida geboren und erlitt mit achtzehn Jahren einen derart tragischen Unfall, dass sie fast gestorben wäre. Sie wurde von einer Eisenstange durchbohrt, und obwohl sie gerettet werden konnte, war der Schmerz von da an ununterbrochen bei ihr. Später mussten ihr sogar Gliedmaßen abgenommen werden. Doch auch das Herz Frida Kahlos wurde gebrochen, mehrfach gebrochen – in erster Linie von ihrer großen Liebe Diego, dem Mann, den sie gleich zweimal heiratete. Selten war der berühmte Spruch „sie liebten und sie hassten sich“ wohl so treffend.

Derart fasziniert war ich von diesem wunderschönen, liebevoll gestalteten Buch, dass ich mir, kaum hatte ich es gelesen, auch den Film mit Salma Hayek aus dem Jahr 2007 angesehen habe. Und dabei habe ich etwas Erstaunliches festgestellt: Obwohl María Hesses Biografie schmal ist, obwohl sie wenige Zeilen enthält und ein Film ja viele Bilder bietet, intensive, zusammenhängende Bilder, obwohl Salma Hayek eine gute, überzeugende Schauspielerin ist, hat mir dieses Buch viel mehr gegeben und viel mehr bedeutet als der Film. Am besten daran finde ich, dass man Frida Kahlos Stil so deutlich erkennt, dass das wirklich ihre Bilder sind – und zugleich nicht, zugleich liegt María Hesses Filter darüber, ihre Handschrift. Hier hat eine Frau eine andere Frau geehrt – auf kreative, eigenwillige, fantasievolle und vor allem völlig unkitschige Weise. Absolut großartig!

Frida Kahlo — Eine Biografie ist erschienen bei Suhrkamp Insel (ISBN 978-3-458-36347-7, 143 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Aber nach der Malve benannt war ich jedenfalls. So schön diese Blume ist, so hässlich war ich“

„Das Semikolon ist vom Aussterben bedroht, da heute fast niemand mehr weiß, wo er es setzen muss, und daher ist es gegenüber den anderen Satzzeichen im Nachteil, genau wie ich als Mensch gegenüber meinen Mitmenschen benachteiligt war.“

Malva erzählt aus dem Jenseits, Malva ist lange schon tot. Sie starb als kleines Mädchen, sie war bereits bei ihrer Geburt schwer krank. Und ihrem Vater ein Dorn im Auge, ihrem berühmten Vater Pablo Neruda. Als er erkannte, dass sie einen Wasserkopf hatte, dass sie missgebildet war und nicht seinen Vorstellungen entsprach, ließ er sie fallen, von einer fremden Familie betreuen, kümmerte sich Zeit ihres sehr kurzen Lebens nicht um sie. Jetzt erzählt Malva, die allwissend ist und in jedermanns Vergangenheit schauen kann, von Pablo und seinen Liebschaften, von ihrer Geburt – und von ihren neuen Freunden:

„Jetzt, wo ich tot bin, habe ich ein paar Freunde hier, darunter Oskar Matzerath, du weißt schon, dieser witzige Zwerg mit seiner Blechtrommel aus dem Roman von Günter Grass. Außerdem: Lucia (Tochter von James Joyce und angeblich schizophren) und Daniel (Sohn von Arthur Miller, Downsyndrom).“

Das ist witzig, das ist kurios, geheimnisvoll, absurd und unterhaltsam. Auf zynische, schmerzliche Art unterhaltsam, denn dieses Buch ist eine Abrechnung und eine Anklage. Die niederländische Autorin Hagar Peetersen, die unter anderem für Lyrik bekannt ist, gibt einem Mädchen eine Stimme, das in der Geschichtsschreibung nicht vorkommt.

„Ich will mir eine Hand leihen, die ausdrücken kann, aufschreiben kann, was ich denke. Mein Vater tut es nicht. Die Hand meines Vaters hat sich mir schon längst entzogen. Ich suche eine andere Hand, eine Hand ohne Abscheu vor mir. Komm, Hagar, tust du es?“

Malva wurde unterschlagen, Malva wurde verborgen. Für Malva hat man sich geschämt, und deshalb haben die Biografien über Pablo Neruda, die von seinen revolutionären Ideen und Gedichten, von seinem Leben und seinen Lieben erzählen, über Malva kein Wort verloren. Dieser Roman ist ein Sprachrohr für ein Mädchen, über das nie gesprochen wurde. Aus dem Jenseits begehrt es dagegen auf, rückt die Tatsachen zurecht. Das ist in meinen Augen eine sehr originelle Idee – und ein ebenso originelles, fantasievolles Buch, das besonders bibliophilen, recht belesenen Menschen gefallen wird. Weil es zahlreiche Anspielungen auf literarische Figuren enthält und Parallelen zieht zu anderen Größen der Literatur, die sich schöner dargestellt haben, als sie waren. Nicht körperlich, sondern charakterlich. Malva ist die Ungewollte, die Ausgestoßene. Die Gefühle dieses Mädchens, das hier eine fiktive Figur ist und doch real existiert hat, hat Hagar Peetersen meisterhaft eingefangen. Sie hat jemanden porträtiert, der keine Beachtung gefunden hat, und es ist nur logisch, dass Malva erbost ist, aber auch voller Selbsthass. Besonders schön finde ich an diesem Roman, dass er etwas Bekanntes beleuchtet aus einer völlig neuen Perspektive. Pablo Neruda, der gefeierte Dichter, wird gezeigt als egozentrischer Mann, als treulose Seele, als liebloser Vater und somit letztlich: als Mensch.

Malva von Hagar Peeters ist erschienen im Wallstein Verlag (ISBN 978-3-8353-3341-3, 245 Seiten, 20 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Sprache ist überbewertet, ein fehlerhaftes, schmutziges Werkzeug“

Kunst ist nicht da, um den Alltag zu dekorieren, Kunst muss ein Messer sein, das du reichst, mit der Klinge voran, die Leute greifen zu, weil es so magisch funkelt, obwohl es ihnen tief ins Fleisch schneidet. Diejenigen, die nicht loslassen und dich verfluchen, haben etwas verstanden.

Das sagt Georg. Und der muss es wissen, denn er ist Künstler. Ein Künstler, der nicht mehr malt und nicht mehr ausstellt, obwohl die Galerien und die Leute sich reißen würden um seine Bilder. Stattdessen plant Georg eine Aktion, eine irrwitzige, aufsehenerregende Aktion, und dafür braucht er die Hilfe von Viktor. Der wiederum ist kein Künstler, sondern Einbrecher. Und Koch. Und frisch aus dem Gefängnis entlassen, in dem er nach einem verpfuschten Einbruch gelandet ist. Er hat eine Frau und ein Kind, und er muss jetzt sauber werden, damit er die beiden zurückgewinnen kann. Deshalb möchte er ein Restaurant eröffnen, endlich ein eigenes Restaurant, und da kommt wiederum Georg ins Spiel: Er hat Geld. So besitzen beide das, was der andere braucht, und sie schließen einen Deal, der, man ahnt es bereits, mehr Schwierigkeiten bringt als Lösungen.

Lilian Loke, preisgewürdigt und mit vielen Stipendien bedacht, hat mit Auster und Klinge ihren zweiten Roman vorgelegt, der außerordentlich gut lesbar ist. Durchzogen mit klugen Gedanken und auf einem durchaus hohen Niveau angesiedelt, wartet dieser Unterhaltungsroman mit einer originellen Story auf. Zwei Männer als Protagonisten, sehr unterschiedlich, aber beide angetrieben von dem, was sie haben, was sie erreichen wollen – und beide bereit, dafür über Grenzen zu gehen. Wo kann dieses Setting hinführen, das Lilian Loke kreiert hat? Kann es für diese beiden Kerle, von denen der eine sich exponieren und der andere sich retten will, ein gutes Ende geben? Was so leicht und locker klingt, enthält in seinem Inneren viel Reibung, viel Tiefgang: Um Kapitalismus geht es in diesem Buch, um schmutziges Geld, um das Habenwollen, auch um Gewalt und die Wege, mit denen wir sie rechtfertigen.

Am schönsten finde ich die misanthropischen, schwarzhumorigen Einschübe, die besonders aus Evelyns – Georgs Freundin – Mund kommen:

Der Mensch glaubt, er könne die Natur überwinden, erfindet Pflanzengifte, das Unkraut wird resistent, erfindet die Moral immer wieder neu und bleibt resistent. Der Mensch ist Natur, und Natur ist hässlich.

Diese Liebe zwischen Georg und Evelyn, die seit Kindheitstagen besteht, ist ein zart gesetzter, sehr schöner Lichtblick im Buch:

Über die Jahre haben sie sich gegenseitig wieder und wieder ein Stück Herz herausgeschnitten und ins eigene eingesetzt, Herzen, zusammengeflickt wie Frankensteins Monster, manchmal schlagen sie im Takt, mal nicht.

Kunstsatire oder Gangsterkomödie: Auster und Klinge ist definitiv beides. Man kann dieses Buch mit der Absicht lesen, sich unterhalten zu lassen, und wird dennoch Gedanken begegnen, die einen aufwühlen. Die bestmögliche Kombination also. Eine Zufallsbegegnung wird Ausgangspunkt für vielschichtige Veränderungen im Leben der beiden Protagonisten, und dieser Roman hat richtig Drive, eine ganz eigene Dynamik, er steht niemals still. Das ist rasant, witzig, gut gelungen und auf jeden Fall lesenswert.

Auster und Klinge von Lilian Loke ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-70059-0, 313 Seiten, 19,95 Euro).

Bücherwurmloch

„Aber die Dunkelheit gibt dir alle Möglichkeiten“

Es gibt einen Punkt, so denkt er sich, an dem es gar keine andere Möglichkeit gibt, als die Menschen zu verlassen, mit denen man eine gemeinsame Geschichte hat, weil diese gemeinsame Geschichte zu einem Albtraum geworden ist und nur zurückgelassen werden kann, wenn man auch die Menschen, die etwas damit zu tun haben, zurücklässt.

Was hat der Soldat zurückgelassen, er, der nachts auf diesem Wachturm steht, er, der nicht einschlafen darf, weil es da angeblich eine Bedrohung gibt, die jedoch, wenn wir ehrlich sind, keine Gefahr im eigentlichen Sinn ist. Nur Menschen sind das auf der Flucht, Menschen, die kein Zuhause mehr haben – und die aber nicht ins Land gelassen werden sollen.

Zudem haben sie einen klaren Auftrag, einen sehr klaren Auftrag: die Grenzen, das Land, die Gemeinschaft, die Werte, all das muss geschützt werden, geschützt nicht nur mit der Waffe in der Hand, sondern auch mit der Waffe im Anschlag, mit dem Finger am Abzug, der sich seit einigen Wochen ganz offiziell krümmen darf, wenn es die Gemeinschaft, die Sicherheit verlangt.

Der Soldat selbst ist sich nicht ganz sicher, was richtig ist. Freilich führt er die Befehle aus, die er erhält, aber er denkt auch darüber nach, dass da vielleicht ein Vater mit einem Kind vor dem Haus steht, jemand, der im Leben einfach mal Bäcker war oder Mechaniker, er fragt sich, wie es ihm ergehen würde da draußen, müsste er plötzlich fliehen.

Wenn irgendwo Menschen ankommen, stellen die einen Teller auf die Tische und die anderen marschieren mit Transparenten.

So eine Nacht kann lang sein, wenn man wachbleiben muss, und in der Dunkelheit hat man keinen Schutz, schon gar nicht vor den Erinnerungen. Und so wird unser Soldat, der keinen Namen hat in diesem Buch, bestürmt von ihnen, den eigenen und jenen seiner Großmutter, die sie aufgeschrieben hat für ihn, in einem Heft.

„Nicht jeder hat das Glück, dass ihm die Heimat bleibt“, steht darin, und so ist es eigentlich bittere Ironie, dass die Geschichte sich wiederholt, dass der Soldat, Nachfahre einer Vertriebenen, nun selbst Menschen vertreiben soll. Aber das ist nicht das Einzige, was ihn an seine inneren Grenzen bringt in dieser Nacht, denn ihm selbst ist die Zukunft gestorben, das Glück ist ihm davongelaufen, erfüllt ist er von einem großen Verlust und einer ebenso großen Traurigkeit.

2016 hat Gerhard Jäger mich mit seinem Roman Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod rausgerissen, das kann man nur so sagen. Ich bin ein riesiger Fan von Buch und Autor – und hab mich deshalb umso mehr gefreut, als Gerhard mich im Oktober kontaktiert hat, um mir zu berichten, dass er ein dunkelgrünes Buch gelesen hat. Ich war im Zug, unterwegs zu einer Lesung in Graz, und im Gepäck hatte ich, wie der Zufall es wollte, seinen neuen Roman. Zu dem Zeitpunkt standen wir beide auf der Longlist für den Österreichischen Buchpreis. Einer von uns kam weiter auf die Shortlist – nämlich er – und ein anderer – nämlich ich – las daraufhin dieses nominierte Buch, All die Nacht über uns. Ich saß in Graz beim Frühstück im Hotel und fing unvermittelt und beobachtet von verwunderten Gästen an zu weinen. Das ist es, was dieser Roman mit mir gemacht hat: Ich habe mitgelitten. Du gehst aber nicht gerade zimperlich mit deinem Soldaten um, habe ich Gerhard geschrieben, im Wortlaut: „Dem hast du aber ordentlich zugesetzt, deinem Soldaten, den hast du ja komplett zerlegt.“ Und er hat geantwortet: „Ist das nicht das Schicksal eines Schriftstellers? Man erfindet eine Person und tut ihr all das an, was man selber nie erleben möchte …“ Und ja, vielleicht ist das so, aber eins kann ich euch sagen: Lesen möchte man das, und ihr solltet es auch unbedingt tun. Weil das Buch klug und intensiv ist, voll mit den großen Fragen, voll mit den großen Gefühlen. Und mit wirklich klingenden Sätzen, denn die hatte er einfach drauf, der liebe Gerhard. Beweise dafür hab ich zur Genüge:

Die Zukunft ist scheu, man muss leise sein, um sie nicht zu verscheuchen, leise, sehr leise.

Es gibt Worte, die uns manchmal anfallen, unser Denken in Haft nehmen und nicht mehr freigeben. Man kann diese Worte nicht rechtzeitig erkennen, sie mischen sich in eine lange Reihe von anderen Worten, unauffällig. Ihre Bedeutung wird erst klar, wenn man sie gelesen hat, und dann ist es zu spät, dann wird man sie nicht mehr los.

Er kann sich sogar erinnern, ihr einmal von so einem Bild erzählt zu haben, dass es ihm manchmal vorkomme, als ob jeder Mensch auf einem Turm lebe und es keine Chance gäbe, wirklich nahe an einen anderen Menschen zu kommen.

Das waren diese Augenblicke, in denen sie es schaffte, ihn zu überzeugen, dass es so etwas tatsächlich geben konnte, so etwas wie Miteinander, ein wirkliches Miteinander, so etwas wie Ineinander, so etwas wie Verstehen ohne Worte, Sprechen ohne Sätze, eine Situation, in der das Wir wirklicher war als das Du und das Ich.

Wie sinnlos ist ein Gewehr, das nur Menschen töten kann, wo die Ziele doch ganz andere sein müssten: Gerüchte, Hass, flüsternde Stimmen, die alles vergiften, das wären lohnenswerte Ziele.

Viele Mails sind geflogen zwischen Gerhard und mir, er hat von seinem neuen Manuskript erzählt und wir hatten vereinbart, demnächst einen Tausch zu machen, seinen Roman gegen meinen. Er war lustig und selbstironisch, sehr wortgewandt und ungemein sympathisch. Als ich erfahren habe, dass er diese Woche überraschend gestorben ist, hat mich das tief getroffen. Ich hab ihn nur ein bisschen gekannt und nicht einmal persönlich, aber dieser kleine Einblick hat ausgereicht, um mit Überzeugung sagen zu können: Er war ein wunderbarer Mensch, und dieser Verlust ist ein großer. Nicht zuletzt für die Literatur, der seine einzigartige Stimme fehlen wird, sondern vor allem für seine Familie. Von ganzem Herzen mein Beileid. Vielen Dank, Gerhard, dass du mich teilhaben hast lassen, dass du mich zum Lachen gebracht und mir Mut gemacht hast. Ich wollte noch so viel mit dir besprechen, noch so viel von dir lesen.

Bücherwurmloch

„Die Literatur ist einfach nichts Handfestes. Du kannst dich nicht auf sie verlassen“
Im schwäbischen Rillingsbach gibt es kaum etwas, und bald gibt es vielleicht auch den Schippen nicht mehr, das einzige Gasthaus. Aber noch schenkt Martha aus, noch sitzen hier jeden Abend dieselben Gestalten, noch werden ihre Geschichten erzählt. Deshalb bekommt er etwas zu hören, der Chronist, der nach Rillingsbach reist und Fragen stellt. Wobei, so viel muss er nicht fragen, denn das Erzählen fließt ohnehin aus ihnen heraus, aus Hilde und Alfred und Frieder, weil da so viel ist, das sie schon oft gesagt haben, und so viel, das sie noch nie gesagt haben, weil es ein wenig Glanz in ihr Leben bringt, dass jemand plötzlich etwas wissen will. Da landet alles auf dem Bartresen, was sie wieder und wieder durchgekaut haben in all den Jahren, da wird jedoch auf einmal auch serviert, was sie stets verschwiegen haben.

Es gibt viele Metaphern für das Leben. Einen Boxring, eine Achterbahn, ein Spiel – einig ist man sich, dass das Leben nicht immer gleich verläuft, und manchmal ist eine Spanne von zehn Jahren so schnell erzählt wie ein einziger Nachmittag.

Kai Wieland geht erstaunlich sanft mit seinen Figuren um. Er gruppiert sie dort im Schippen, er widmet ihnen Zeit, er hört ihnen zu. Nie stößt er sie zu fest, er stupst sie höchstens, es ist auch kaum notwendig, so bereitwillig machen sie ihre Münder auf. „Du bist so nett zu deinen Figuren“, hab ich ihm geschrieben, da hatte ich den Roman gerade erst begonnen, „als würdest du sie mögen.“ „Das tu ich auch“, war seine Antwort, und das merkt man. Das gibt dem Roman eine eigene Ruhe, eine Gesetztheit, und das ist erstaunlich, denn dramafrei ist er nicht. Er kommt so beschaulich daher und berichtet dann doch von einem Mord, von Verlassenwerden und Missbrauch, von Wünschen, die sich nie erfüllt haben, von Resignation und Kummer.

Man kann sein Leben jederzeit ändern, wenn man zu einem Kurswechsel wirklich bereit ist und keine Angst hat. Oder, besser noch: Wenn man getrieben ist von der Angst, alles könne für immer bleiben, wie es ist.

Kai Wieland hat beim Blogbuster 2017 für Aufsehen gesorgt – und darüber den wohlverdienten Buchvertrag generiert. Sehr gespannt war ich auf dieses Debüt, von dem ich viel Gutes im Vorfeld gehört hatte, zumal Kai dieselbe beste Agentin der Welt hat wie ich. Und, was soll ich sagen, diese Agentin hat nun mal ein gutes Händchen für Talente, auch Denis Scheck war von Amerika begeistert. Es ist ein Buch, das sich Zeit lässt, das verlangt, dass man sich anpasst als Leser, dass man sich in den Schippen setzt und alles andere vergisst, das einen sonst stresst und die Aufmerksamkeit besetzt.

„Ein Buch ist wie ein Mensch. Wenn du es immer fleißig fütterst, setzt es den Speck irgendwann von ganz alleine an. Jeder, der es wirklich möchte, kann ein Buch schreiben“, lässt Kai Wieland eine seiner Figuren, die er so mag, sagen, und nun ja – Speck hat sein eigenes Buch gar nicht so viel angesetzt, und ich bin mir außerdem sicher: Nicht jeder hätte es schreiben können, sondern nur er.

Geschichten wie diese tragen ein systematisches Risiko in sich, nämlich peinlich zu werden, wenn man sie den falschen Leuten erzählt.

Das ist zum Glück nicht geschehen, denn Kai Wieland hat diese Geschichte den richtigen Leuten erzählt – und auf die richtige Weise.

Lieblingszitat:

Wissen Sie, Gottlob, das Wichtigste ist, nicht auf Teufel komm raus etwas Tiefsinniges schreiben zu wollen. Man kann die Welt ja doch nicht neu erfinden, man kann sie nur neu ordnen. Alles wurde schon einmal gedacht. Stattdessen lasse ich die Worte einfach fließen, und der Rest ergibt sich von allein. Nur ganz selten, wenn ich ausnahmsweise einmal nicht auf der Hut bin, rutscht selbst mir ein tiefsinniger Gedanke heraus.

Amerika von Kai Wieland ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-96261-1, 240 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Das Leben ist der allergrößte Lehrmeister und es wird ihnen früher oder später schon die passende Lektion erteilen“
Rita ist verliebt in ihre Nachbarin Ulla. Die wiederum lässt sich von ihrem Ehemann verprügeln, während ihre halbwüchsigen Töchter dabei zusehen. Die Männer gefallen sich in ihren Rollen als Versorger, wir schreiben die Achtzigerjahre, die Frauen bleiben brav zuhause. Um den Nachwuchs zu hüten, der gelangweilt ist von der schnurgeraden Kleinstadtsiedlung, in der sie alle leben: Rita und Ulla, Cotsch und Lexchen, Klara und Johannes. Sie könnten glücklich sein, sind sie aber nicht, keiner von ihnen. Die Gründe sind unterschiedlich, die Konsequenzen gleich: Sie beneiden einander, glauben, bei den Nachbarn sei alles besser, sehen nicht, dass die genauso im eigenen Alltagsmief ersticken. Und tun merkwürdige, eventuell gefährliche Dinge, um vielleicht doch auszubrechen, um vielleicht doch etwas zu ändern – und endlich etwas zu fühlen.

Überspitzt ist Alexa Hennig von Langes neuer Roman, sehr überspitzt. Jeden einzelnen ihrer Charaktere, ihrer wechselnden Ich-Erzähler hat sie derart überzeichnet, dass es ironisch wirkte, wäre es nicht so bitterernst: Da geht es um häusliche Gewalt und Neid unter Nachbarn, um das Vernachlässigen der Kinder und die Blindheit gegenüber ihren Bedürfnissen, da geht es um erste Verliebtheit und eine Vergewaltigung.  Das ist böse und am Punkt, und deshalb ist es unterhaltsam. Den Stimmen in diesem Roman verleiht die Autorin, die mit Relax berühmt geworden ist und zu den erfolgreichsten Schriftstellerinnen ihrer Generation gehört, Sarkasmus und Biss, lässt uns durch den geschärften, gefilterten Blick der vielen Protagonisten auf die vermeintliche Siedlungsidylle schauen. Und da fühlen wir uns natürlich alle angesprochen, die wir in den Achtzigerjahren vielleicht noch keine Erwachsenen, aber durchaus Kinder waren, so geht es zumindest mir: Ich erinnere mich. An das Draußensein, an die Fadesse, an diese zähen Nachmittage, die wir in den Häusern der anderen verbrachten, an die Handylosigkeit, an die merkwürdige Gleichgültigkeit unserer Eltern, die mir so typisch erscheint für die damalige Zeit. Wir waren keine behüteten, beschützten Kinder, mit denen die Eltern sich beschäftigt hätten, wir waren einfach nur da.

Stakkatoartig ist der Stil dieses Buchs, wie Wurfgeschosse zischen einem die Sätze um die Ohren, die kurzen, prägnanten Sätze. Gehässigkeit steckt darin, Bosheit, verborgenes Leid und Unglück. Alexa Hennig von Lange hat alles abgewatscht, was es  gab in den Achtzigern, hat kein gutes Haar gelassen an den Möbeln, der Kleidung, der Einstellung, der Art, die Kinder zu erziehen oder vielmehr: nicht zu erziehen. Aus der heutigen Sicht rückblickend geschrieben, wirkt das wie eine einzige große Abrechnung, ein Auskotzen, ein Verantwortlichmachen für das, was schiefgelaufen ist. Ich finde das lustig, mein Humor ist schwarz, ich finde es stellenweise aber auch too much, sehr einseitig, nicht ambivalent genug. Subtil ist was anderes. Aber das macht dieses Buch, diese Gesellschaftskritik, so heftig – und so kompromisslos gut.

Kampfsterne von Alexa Hennig von Lange ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9774-2, 224 Seiten, 20 Euro).