Bücherwurmloch

„Er hofft, dass sie irgendwann zur Einsicht kommt. Dass sie erkennt, dass er viel besser zu ihr passt“
Julia arbeitet als Journalistin, ist aber mit ihren Aufträgen über Diätmittelchen und andere unwichtige Dinge nicht zufrieden. Sie träumt von der großen Story, die sie bekannt macht – doch als ihr Informationen zugespielt werden, dass an einem renommierten Forschungsinstitut Frauen sexuell belästigt werden, will sie den Betroffenen erst einmal nicht glauben. Stutzig macht sie die Verbindung zu ihrem Bruder, der dort gearbeitet hat und vor vielen Jahren verschwunden ist – Julia weiß bis heute nicht, wohin. So richtig steht sie nicht hinter den Mädchen aus China, die sich gegen die sexualisierte Gewalt wehren wollen, die Story veröffentlicht sie aber trotzdem. Und gerät dadurch selbst ins Visier der Männer, die nicht wollen, dass ihre Taten enthüllt werden.

Was klingt wie ein Thriller, ist in Wahrheit ein Buch, bei dem ich mich frage: Ist das noch Fiktion oder schon internalisierte Misogynie? War es die Absicht der Autorin, so viele Sexismen und Rassismus-Stereotypen zu versammeln wie möglich, oder war ihr nicht bewusst, was sie da tut? Protagonistin Julia ist eine dieser Frauen, von denen es viele gibt, die durch den Filter des Patriarchats schauen und es nicht merken. Sie schenkt den Frauen, die ihr von dem Missbrauch erzählen, keinen Glauben, wertet ihre Erlebnisse ab, findet das alles übertrieben, wird auch nicht hellhörig, als sie selbst vergewaltigt wird. Zudem sind die Frauen Chinesinnen, und der krasse Rassismus, der mir von diesen Seiten entgegenschlägt, lässt mich oft genug irritiert blinzeln. Natürlich darf ein fiktives Buch alles sagen und alles erzählen, natürlich darf Julia ein Arschloch sein – und ihr Bruder Robert genauso. Die Autorin ist nicht in der Pflicht, die Gesellschaft in ihrem Roman zu verbessern, sie kann sie einfach abbilden, wie sie nun einmal ist. Das beim Lesen auszuhalten, ist allerdings schwer, vor allem die Perspektive von Julias Bruder, der mit einer der Chinesinnen eine Beziehung hatte, macht mich unglaublich wütend:

„Die Chinesinnen sind anders als die deutschen Frauen. Sie sprechen die Dinge nicht so direkt an. Sie sagen manchmal ja, wenn sie eigentlich nein meinen. Sie geben nach, um Streit zu vermeiden. Robert mag diese Art, sie passt zu ihm.“

Ja, das glaub ich, dass er das mag. Schließlich versucht er auch, sich über das Nein seiner Freundin hinwegzusetzen und sich den Sex zu nehmen, der ihm seiner Meinung nach zusteht. Die Sache ist: Es ist einerseits wichtig, dass von diesen Dingen erzählt wird. Wir brauchen mehr Geschichten über #metoo und Missbrauch, damit Frauen auch im echten Leben mehr geglaubt und geholfen wird. Es ist aber andererseits so, dass dieser Roman exakt das Gegenteil erreicht. Er verfestigt patriarchalische Glaubenssätze, er diskreditiert die Opfer, gibt den Tätern eine Stimme und mehr Gewicht, zieht die Scham der Betroffenen, von denen eine sogar Selbstmord begeht, ins Lächerliche. Das ist krass und hart und in meinen Augen gefährlich: Dieses Buch ist wie ein „aber manchmal lügen Frauen auch! Unschuldsvermutung!!!1!“ Tweet, nur mit 500 Seiten.

Bücherwurmloch

„Doch wir von draußen werden nie drinnen sein, und so lässt man uns nie wirklich teilhaben“
Elisabetta ist fünfzig Jahre alt und unterrichtet Mathematik in Nisidia, das ist ein Jugendgefängnis bei Neapel. Über eine kleine Brücke ist es mit dem Festland verbunden, man kann von hier aus Capri sehen. Es wäre sehr schön hier, eigentlich. Elisabettas Mann ist sehr plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben, seither sind die Jugendlichen ihr gesamter Lebensinhalt.

„Ein von zahllosen Spuren gefurchter Stein, eine Falte für jeden Schüler, jede gehobene oder gesenkte Schranke, jede geöffnete oder geschlossene Sicherheitstür, jede Schlägerei, jede Zelle, dreißig dort drinnen verbrachte Jahre: Ganz Nisidia stand ihr ins Gesicht geschrieben.“

Dann taucht ein Mädchen auf, geflüchtet aus Rumänien, vergewaltigt und geschlagen vom Vater, ins Gefängnis gesperrt wegen eines Handydiebstahls, und diesmal ist alles anders. Manchmal passiert das, sagt Elisabetta, manchmal ist die Beziehung zu einem der Kinder enger. Und das tut weh, denn obwohl Elisabetta nicht zu den Insassen gehört, ist sie diejenige, die bleiben wird, wenn die jugendlichen Straftäter:innen ihre Haftstrafe verbüßt haben und entlassen werden.

„Ihr, die ihr urteilt, seid bereit, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben, doch andere Arten unverhoffter Liebe machen euch misstrauisch.“

Valeria Parrella erzählt von einer ungewöhnlichen Verbindung, die an einem Ort entsteht, wo man sie nicht vermutet. Sie erzählt von Italien, von einem System, das Kinder einsperrt und ihnen die Hilfe verweigert, die sie benötigen. Von Jugendlichen, die so viel Scheiße erlebt haben, dass völlig klar ist: Die haben keine Chance auf ein „normales“ Leben. Die mit mehreren Preisen bedachte italienische Autorin, die selbst in einer Strafanstalt unterrichtet hat, findet kraftvolle und poetische Worte für diese Geschichte, die gerade mal 136 Seiten hat und trotzdem sehr eindringlich ist.

„Die Erinnerungen bleiben immer dort, wo wir sie zurückgelassen haben: Wir stehen auf und gehen, von den Müttern zu Tisch gerufen, und die Erinnerungen bleiben auf den Stufen liegen.“

Ich finde das Setting spannend und die Geschichte berührend. Dass Parrella auf derart wenigen Seiten so klare Gesellschaftskritik untergebracht hat, ist beachtlich. Allerdings hätte ich mir mehr Wow-Sätze gewünscht, auch habe ich nicht so richtig Zugang zu Elisabetta gefunden, habe sie als sperrig und rätselhaft empfunden, manche Passagen ein wenig wirr.

Versprechen kann ich nichts von Valeria Parrella ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

Bücherwurmloch

„Gott nahm die Form einer Brise an“
Ada ist am Leben, in verschiedenen Ebenen der Zeit: Viermal kommt sie vor in diesem Roman. Im Jahr 1459 verliert Ada im westafrikanischen Totope zum zweiten Mal ein Kind und wird von den Portugiesen überfallen. Im Jahr 1848 ist Ada eine begabte Mathematikerin, ihr Liebhaber ist Charles Dickens. Im Jahr 1945 wird Ada in einem KZ-Lager täglich mehrfach vergewaltigt. Und im Jahr 2019 ist sie schwanger und auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin. Erzählt wird von diesen Ebenen mit verschiedenen Stimmen: Da ist der Reisigbesen, mit dem Ada geschlagen wird, der Türklopfer, das KZ-Zimmer, die eine Ich-Perspektive bekommen, dann ist es Ada selbst und das Welt-Ei, eine Art Hauch, das Leben bringt. Verbunden werden die einzelnen Splitter von Ada zudem durch ein geheimnisvolles Armband, das in jedem ihrer Leben auftaucht.

Ich vergehe schon allein aus einem Grund vor Respekt für Sharon Dodua Otoo, die 2016 als erste Schwarze britische Frau den Bachmann-Preis gewonnen und 2020 mit ihrer Rede „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ in Klagenfurt für Aufruhr gesorgt hat: Es beeindruckt mich immer wieder massiv, wenn jemand Romane nicht in seiner Erstsprache schreibt, sondern in einer Sprache, die er oder sie sich später angeeignet hat. Otoo eröffnet Erzählebenen, die natürlich nicht neu sind, in der gehobenen Literatur aber selten zu finden: Seelenreisen, sprechende Dinge, Gott als Frau – das kennen wir eher aus Genre-Romanen. Zudem behandelt sie mit sprachlicher Unerschütterlichkeit die Kolonisierung Afrikas, den Holocaust, modernen Rassismus und die Rechtelosigkeit der Frauen im 19. Jahrhundert. Das ist freilich alles ein bisschen viel, und ich muss gestehen: Im letzten Drittel hat sie mich dann doch verloren, denn die „aktuellste“ Ada im heutigen Berlin hat mich am wenigsten interessiert.

Einerseits finde ich es erfrischend originell, dass aus der Sicht von Gegenständen erzählt wird, andererseits klingen sie leider sehr normal, sehr menschlich, so wie alle eben. Einerseits gefällt es mir, dass den Lesenden viel Denkleistung abverlangt wird, andererseits habe ich mich stellenweise nach Aufklärung gesehnt, vor allem in Hinblick auf das Armband. Geschickt fordert Otoo die Lesenden heraus: zu beobachten und mitzufühlen, die Beschränkung auf das katholische Leben-und-Tod-System zu durchbrechen, und ich habe sie mir beim Schreiben amüsiert schmunzelnd vorgestellt. Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Identitätspolitik und kulturelle Aneignung, ein Denkanstoß – und wie wunderbar ist es, wenn Literatur einen solchen zu geben vermag.

Adas Raum von Sharon Dodua Otoo ist erschienen bei Fischer.

Bücherwurmloch

„Egal, wo du bist. Egal, welcher gesellschaftlichen Schicht du angehörst. Egal, welchen Beruf du hast. Es ist gefährlich, eine Frau zu sein“
Als Amir ihr auf einer Party ins Gesicht schlägt, beendet die Protagonistin die Beziehung und flüchtet. Sie nimmt einen Job als Beobachterin am Gericht in Acre an, so weit wie möglich von Sao Paolo entfernt. Denn sie weiß, dass eine solche Ohrfeige der Beginn ist: Sie arbeitet als Anwältin im Bereich Femizide. Ihre eigene Mutter wurde von ihrem Ehemann ermordet, als die Protagonistin vier Jahre alt war. Zu lesen, was Frauen geschehen ist, wie sie getötet wurden, ist ihr Job. Sie hat alles, wirklich alles schon einmal gehört – und sie erlebt jeden Tag, wie die Täter freikommen. Das gilt vor allem dann, wenn es sich bei den Ermordeten um indigene Frauen handelt.

„Der Sport des Frauenmordes funktioniert wie ein Videospiel, bei dem ein Level auf das andere folgt. Nachdem sie ihre Frau verprügelt haben, wenn der Rausch vorüber und der Schaden angerichtet ist, verbringen die Mörder eine geraume Zeit damit, ihre Partnerinnen davon zu überzeugen, dass sie jene anbetungswürdige Wesen ihres ersten Rendezvous seien. Das leitet die darauffolgende Phase ein, in der die Prügel sich in Folter verwandeln, bei der Fisch- und sonstige Messer, Elektrokabel, Stiefel, Sägen, Feuerzeuge und andere Gegenstände zum Einsatz kommen, die dazu geeignet sind, auf das Opfer einzustechen, ihm Schnitte und Brüche zuzufügen oder es zu verbrennen.“

Patrícia Melo hat ein Buch geschrieben, das einen anzündet, wenn man es liest. Ich habe es inhaliert, immer wieder eine Pause gebraucht wegen der grausigen Details und trotzdem bei jeder Gelegenheit danach gegriffen. Es ist fiktiv und dennoch wahr. Es erzählt von Gewalt gegen Frauen, von Ungerechtigkeit, Sexismus und rape culture. Es erzählt, wie Mörder ihrer Verurteilung entgehen, weil sie weiß sind und reich. Wie die Wut in den Frauen wächst und sie dennoch machtlos sind. Es hat mich vor Zorn zittern lassen, es hat mir Tränen in die Augen getrieben, es hat mich resigniert und deprimiert zurückgelassen. Dieser Roman ist der helle Wahnsinn. Er ist mehr als eine Geschichte: ein Augenzeugenbericht, eine Anklage, eine Wutschrift, ein literarischer Aufschrei.

„Es hört nie auf. Es ist, als ob man den Fußboden bei aufgedrehtem Wasserhahn aufwischt.“

Gestapelte Frauen von Patrícia Melo ist erschienen im Unionsverlag.

Bücherwurmloch

„Wenn Sophie da war, stand die Vergangenheit im Raum wie verbrauchte Luft“
Es hätte so schön sein können: Sophie und Thies, Inga und Bodo sind seit Langem Freunde und haben sich nebeneinander auf einem großen Hof im Wendland niedergelassen. Doch die Idylle ist keine mehr, seit Aaron, der Sohn von Sophie und Thies, in der Elbe ertrunken ist. Alles ist in eine Schieflage geraten, denn die Kinder von Inga und Bodo sind wohlauf, sind am Leben, mehr noch: Sie sind perfekt, während Aaron ein Unruhestifter war, ein Fiesling, ein Schläger.

„Die einzigen Gefühle, die er ihr zeigte, waren Wut und Hass, Häme und Triumph.“

Sophie konzentriert sich auf ihre Arbeit, Thies hat seine aufgegeben, und so navigieren sie aneinander vorbei in ihrem Unglück, bis eine Fremde auf dem Hof auftaucht: Mara aus Dänemark. Auf sie konzentrieren sich die Gefühle, Sehnsüchte und Fragen aller – aber die Antworten, die Mara hat, sind nicht das, was die zwei Elternpaare erwartet haben.

Ich habe dieses Buch zu gleichen Teilen gemocht und nicht gemocht. Interessant fand ich die Ausgangssituation: Vier Erwachsene auf engem Raum, Freunde, die einen mit der intakten Familie, die anderen mit einem ertrunkenen Kind. Großartige Idee, viel Konfliktpotenzial. Noch interessanter fand ich im Lauf der Lektüre, dass dieses ertrunkene Kind kein Liebling war, sondern gemein und bösartig. Die Dynamik von Familien mit Kindern, die durch Bosheit auffallen, faszinieren mich – deshalb habe ich selbst einen Roman über ein solches Kind geschrieben. Kristina Hauff hat mich mit ihrer Themenwahl also durchaus abgeholt. Und es ist angenehm, dass „Unter Wasser Nacht“ gut lesbar ist, am Seichten entlangschifft, nur gar so viele Klischees hätte es dabei nicht streifen müssen, da habe ich mehrfach aufgestöhnt. Am meisten gestört hat mich, dass die Figuren so gut über ihr eigenes Gefühlsleben Bescheid wissen. Ständig erklären sie mir, was sie fühlen, nie ist ihnen das eigene Empfinden ein Rätsel.

„Was er empfand, war nicht Trauer. Trauer bedeutete, an den Menschen zu denken, den man verloren hatte. Er hingegen kreiste um sich. Er vermisste nicht Aaron, sondern das Leben, das er selbst gern geführt hätte.“

Da hätte in meinen Augen das Buch mehr Kraft gewonnen, wenn manches Ungesagt geblieben wäre und der/die Lesende es hätte erspüren können. Dafür gibt es ein schönes, kitschiges, rührendes Ende. Ich halte den Roman für sehr gut verkäuflich, so ein Allrounder mit Familiendrama, Geheimnissen und Nature Writing im Wendland.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff ist erschienen bei hanserblau.

 

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„Here we are, at the very beginning“
Rachel ist Urgroßmutter und als solche recht alt. Das denken zumindest ihre Kinder und Enkel. In Wahrheit ist Rachel nicht einfach nur alt. Sie lebt seit zweitausend Jahren. Sie ist unsterblich, und sie ist müde. Sie hat unzählige Kinder geboren, sie hat unzählige Enkel bekommen – und sie hat sie alle überlebt. Manche von ihnen hat sie sterben sehen, bei den anderen weiß sie nicht, was aus ihnen geworden ist. Ihr erstes, eigentliches Leben begann zu jener Zeit, als die Römer Jerusalem belagerten, damals hat die achtzehnjährige Rachel sich in Elazar verliebt. Und weil die beiden – aus Liebe zu ihrem Sohn – etwas getan haben, das ihnen nicht ernst erschien, das ihnen unmöglich erschien, können sie nicht sterben. Sie verbringen ihre Leben nicht gemeinsam, sie heiraten immer wieder jemand anderen, werden erneut Mutter oder Vater – und sind doch durch einen Verrat und ihre Liebe aneinander gebunden. Sie finden sich auch in der Jetztzeit, in der Rachel eine Enkelin namens Hannah hat, die in der Genforschung arbeitet. Hannah möchte herausfinden, wie man die DNA verändern muss, damit die Menschen ewig leben – und als sie an eine DNA-Probe von Rachel gelangt, nehmen die Ereignisse ihren Lauf …

Im Jahr 2008, also vor einer ganzen Weile, hat Dara Horn mich mit „Die kommende Welt“ beeindruckt. Und mit diesem Roman, 2018 auf Englisch erschienen, hat sie mich überwältigt. Was für eine großartige, originelle und eindrucksvolle Geschichte: Ich habe dieses Buch inhaliert. In Fantasy- und Vampire-Romanen sind Menschen ja gern mal unsterblich, in der restlichen Literatur kommt das seltener vor. Eternal life ist ein jüdisches, mit historischen Fakten untermauertes Buch, das vom Leben in Jerusalem vor zweitausend Jahren erzählt – und begreifbar macht, wie essenziell unsere Sterblichkeit ist. Dara Horn, die jüdische Literatur und israelische Geschichte in Harvard unterrichtet, zeigt an ihrer Protagonistin Rachel die Ambivalenz auf zwischen dem Wunsch nach ewigem Leben und der Bedeutungslosigkeit von Ereignissen, die sich endlos wiederholen. Wenn nichts zu Ende geht, wenn alles beliebig reproduzierbar ist, welche Rolle spielt es dann? Es ist ihr hervorragend gelungen, nie in Kitsch abzudriften, und sie beschäftigt sich auf interessante Weise mit Erinnerung. Kann man sich zweitausend Jahre lang alles einprägen, was man erlebt? Ab wann sind die Kinder, die man zur Welt bringt, nur noch Abbilder der Kinder, die man Hunderte Jahre zuvor geboren hat? Ich bin mit Rachel und Elazar durch die Seiten gejagt zu einem fulminanten Ende, das mir eine Ganzkörpergänsehaut beschert hat. Sehr, sehr lesenswert, schon jetzt ein Jahreshighlight für mich.

Bücherwurmloch

„Du hast zwei Seiten, eine indianische und eine finnische, und diese Seiten vermischen sich in deinem Blut zu einem starken Strudel, stoßen sich aber auch gegenseitig ab“

Die Sache ist: Ich liebe Wildauge, es gehört zu den einzigartigsten, heftigsten Büchern, die ich je gelesen habe. Und weil ich es so liebe, hätte ich mich wohl nie wieder an ein Werk von Katja Kettu gewagt. Aber dann kam der neue ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt, und mit ihm kam Die Unbezwingbare. Allein das Vorwort verspricht eine höchst ungewöhnliche Geschichte: Die finnische Schriftstellerin hat viel Zeit in Indianerreservaten verbracht und dort recherchiert, weil zahlreiche Finnen in die USA ausgewandert sind und sich in den Reservaten angesiedelt haben, man könnte auch sagen: den Native Americans noch mehr Land weggenommen haben.

„Ach, die Finnen, das sind doch bleiche Indianer. Genau solche Waldmenschen und Wilden wie wir.“

Lempi, eigentlich Kleine Tatze, Protagonistin des Romans, ist die Tochter einer Indianerin und eines Finnen, ihre Mutter ist vor 45 Jahren verschwunden. Sie hatte sich dafür eingesetzt, dass nach den indianischen Mädchen gesucht wird, die plötzlich – und das ist ja elendigerweise tatsächlich so, auch heute noch – nicht mehr nachhause kommen. Niemanden kümmert das, auch das Verschwinden von Rose selbst wurde nie aufgeklärt. Nun kehrt Lempi ins Reservat zurück, nun schreibt sie Briefe an Jim Graupelz, den sie in ihrer Jugend geliebt hat, nun erinnert sich ihr Vater Ettu – und alles kommt ans Licht.

Sprachmächtig, blumig und sehr bildreich erzählt Katja Kettu von Orten, die wir nicht kennen. Von Menschen, von deren Existenz wir nie gehört haben. Die Verflechtung der Finnen und Native Americans finde ich wahnsinnig interessant, freilich auch irre problematisch, denn die Indianer sind ein dermaßen gebeuteltes, von den Weißen zerstörtes Volk, dass ich mich jedes Mal vor Trauer übergeben möchte, wenn ich über sie lese. Viel habe ich bereits bei Louise Erdrich erfahren, die zu meinen Lieblingsautorinnen gehört, und Katja Kettu ist es gut gelungen, das Identitätslose, das Unzugehörige einzufangen, das Lempi belastet.

„… sodass mir zuletzt das Blut die Beine hinablief und mein Geist loderte wie ein Scheiterhaufen, denn ich erkannte, dass man uns herumkommandiert, uns, die wir nicht verstehen, dass wir Sklaven sind und unfähig, uns zu wehren.“

Es geht um Gewalt und Missbrauch in diesem intensiven Roman, den man mit großer Aufmerksamkeit lesen muss, um Femizid und Völkermord, um den Zusammenprall zweier Kulturen und die Kinder, die daraus entstanden sind. Stellenweise ist das Ausgeschmückte, Verschnörkelte verwirrend und anstrengend, aber der Sog, den das Buch entwickelt, wiegt das auf. Man kann sich hineinlegen in diese Sprache, sich von ihr umwickeln lassen, sie ist sanft und rau zugleich. Ein wichtiger, sehr aufwühlender Roman, der eine jener weiblichen Stimmen zum Leben erweckt, denen schon seit Jahrhunderten kein Gehör geschenkt wird.

„Wir hier im Reservat sind so daran gewöhnt, dass uns genommen wird, dass uns das gar nicht verwundert.“

Die Unbezwingbare von Katja Kettu ist erschienen bei ecco.

Bücherwurmloch

„Wir sind da, damit wir geschrieben werden. Damit wir verewigt sind“

„Später folgte ich ihnen mit wenigen Schritten Abstand durch die Straßen im Zentrum und dachte, dass es manchmal rein gar nichts auszusetzen gibt an der Welt, wo doch selbst die Schrulligsten einander lieben können.“

Camila ist eine trans Frau aus der Provinz. Von zuhause ist sie geflüchtet, die Eltern haben sie abgelehnt und misshandelt. In Córdoba stößt sie auf Gleichgesinnte: die Frauen der Nacht. Sie schlafen nicht, sie fangen an zu arbeiten, wenn es finster wird. Sie legen Parfum auf und Schmuck an, sie zwängen sich in hohe Hacken und wagen sich hinaus in die Gefahr.

„Ich bin eine Prostituierte, gehe nachts durch die Straßen, wenn Frauen meines Alters eigentlich im Bett liegen und schlafen. Auf meinem Weg durch die Straßen bin ich vorgesehen in Plänen, die von Gewalt, aber auch in solchen, die vom Begehren handeln.“

Im Haus von Tía Encarna finden sie Zuflucht, die Tía Encarna nimmt sie auf. Hier haben sie ein Bett, ein Zimmer, hier gibt es Essen und Gespräche und Verständnis. Die Frauen halten zusammen, trösten einander, retten sich aus der größten Scheiße. Denn niemand, wirklich niemand behandelt sie gut, die trans Frauen von Córdoba. Sie werden ausgeraubt und vergewaltigt, zusammengeschlagen und gewürgt, sie werden verspottet und beschimpft, von der Polizei verfolgt. Die Einzigen, die sie beschützen, sind sie selbst.

„Jede Unverschämtheit der Leute ist wie Kopfweh, das tagelang anhält. Eine starke, durch nichts zu lindernde Migräne. Den ganzen Tag Beleidigungen, Spott. Die ganze Zeit Herzlosigkeit, Mangel an Respekt.“

Und doch: Es geht eine unheimliche Faszination von ihnen aus. Männer liegen ihnen zu Füßen, Männer umgarnen sie, kaufen ihnen Dinge, können nicht von ihnen lassen. Betteln um Sex und Aufmerksamkeit, wollen mit ihnen zusammen sein, nur um sich selbst – und die trans Frauen –hinterher für dieses Begehren zu bestrafen.

„Das schaffen wir: dass die ganze Welt uns betrachtet. Niemand kann sich dem Zauber eines Mannes in Frauenkleidern entziehen, diesen Schwulen, die zu weit gehen, dieses Abschaums, der alles Schauen an sich reißt.“

Camila Sosa Villada hat ein prächtiges, farbenfrohes, sprachmächtiges Buch geschrieben, das von innen heraus erzählt, wie es ist, eine trans Frau unter trans Frauen zu sein. Wie sie einander lieben und hassen, wie sie einander retten und umbringen. Eine richtige Handlung hat dieser Roman nicht, vielmehr besteht er aus einer Aneinanderreihung von Gegebenheiten und Rückblenden. Er ist eine ebenso berechtigte wie laute Anklage und erzählt von Ausgrenzung, Gewalt, der ewigen Suche nach Liebe. Die Sprachbilder sind großartig, und auch wenn Klischees nicht ausgelassen werden, ist dies eine der vielen schönen diversen Stimmen, die einen ganz einzigartigen, bisher kaum gehörten Klang haben. Ich feiere es sehr, dass sie jetzt in all ihrem Glanz und ihrer Traurigkeit ertönen.

„Wer uns heute auf der Wiese liegen sieht, in der Sonne Mate trinkend, mit Coca-Cola eingerieben und gefärbt wie flüssiges Karamell, der wird träumen von unseren Körpern und unserem Lachen, unerträglich wird unser Anblick sein, als schaute man Gott.“

Im Park der prächtigen Schwestern von Carmen Sosa Villada ist erschienen bei Suhrkamp.

 

 

 

Bücherwurmloch

„Was nützte mir die Geschichte meiner Familie, wenn ich mit ihrer Tragik nicht alle erpressen konnte?“

„Behinderte – jedes Wort zu ihrer Bezeichnung ist unpassend, ungenügend – sind eine verborgene Mehrheit: Trotz all der Geräte und Prothesen, die beweisen wollen, dass es den Tod nicht gibt, wird fast allen von uns mit der Zeit eine Superkraft abhandenkommen, sei es das Sehvermögen, ein Arm oder das Gedächtnis. Fähigkeiten zu verlieren, die wir haben müssten, nicht mehr sehen, hören, sich erinnern oder gehen zu können, ist keine Ausnahme, sondern eine Bestimmung.“

Claudia Durastanti weiß, wovon sie spricht: Sie ist mit gehörlosen Eltern aufgewachsen. Davon erzählt sie in diesem Buch, bei dem es sich – wenn auch mit „Roman“ betitelt – um ein Memoir handelt (heutzutage Autofiktion genannt), das stellenweise einer Essay-Sammlung zu verschiedenen Themen gleicht. Eine Chronologie gibt es nicht, eine übergreifende Klammer sehr wohl: La straniera, so der Titel im Original, ist im Italienischen nicht nur die Fremde, sondern auch die Ausländerin, strano bedeutet zudem seltsam, merkwürdig. Alles davon passt, denn jede:r in dieser Geschichte ist seltsam, allen voran Durastantis Vater: Die Beziehung der Eltern ist geprägt von einer undurchsichtigen Hassliebe, der Vater ist ungestüm, unkontrolliert, gewalttätig, einmal entführt er seine Tochter, ein anderes Mal bedroht er seine Familie mit dem Messer. Die Mutter ist rebellisch und unangepasst, wandert stunden- und tagelang durch die Gegend, auch bei Regen, beide Eltern – die sich schon bei Durastantis Geburt scheiden lassen – weigern sich, Gebärdensprache zu benutzen. Zwar gelingt es ihnen dennoch, sich miteinander zu verständigen, doch die Kommunikation mit der Außenwelt und ihren Kindern ist schwierig.

„Wie die Hunde meiner Mutter, die erst fügsam waren und in den letzten Jahren durchdrehten, passt sich alles, was meine Eltern berühren, ihrem Verfall an. Sie sind ein König und eine Königin, beide sind Thaumaturgen, doch statt Kranke zu heilen oder Wunder zu wirken, verführen sie jedes Lebewesen in ihrer Nähe dazu, sich auszukugeln und dem eigenen Wahnsinn zu überlassen.“

Gewaltig und beeindruckend an diesem autofiktionalen Roman ist Claudia Durastantis Sprache. Manche Sätze legen exakt den Finger in die Wunde, sind wie ein Mikroskop, das Verborgenes offenbart. Und das ist doppelt faszinierend: Dass jemand, der im Bemühen um Verstehen, um Durchdringen, um Kommunizieren aufgewachsen ist, später mit Sprache arbeitet. Ich hätte mir mehr Struktur gewünscht, besonders im letzten Drittel franst es ein wenig aus. Generell aber merkt man, dass die Autorin zu jenen Menschen gehört, die durch eine traumatisierende Kindheit an Stärke gewonnen haben. Das soll Traumatisierung nicht seligsprechen, im Gegenteil: Man leidet beim Lesen mit diesem jungen Mädchen, das so auf sich selbst zurückgeworfen ist, mit. Ein Buch, das aus der Masse der Veröffentlichungen heraussticht, ein Buch, das von Migration und Gewalt, Sprachlosigkeit, Heimat und Fremdsein erzählt.

„Es gibt keine einzige Gewalttat in meinem Leben, an die ich mich erinnern kann, ohne zu lachen.“

Die Fremde von Claudia Durastanti ist erschienen bei Zsolnay.

 

 

Bücherwurmloch

„Ein Loch, ein Nichts, ein Ort, an dem ich noch nie gewesen war“

„Manchmal schien mir das das Schlimmste an der Ehe zu sein: Man wusste so genau, was jeder Tonfall, jede Geste, jede einzelne Bewegung bedeuteten. Schon bevor all das passierte, hatte ich mich gelegentlich nach einem Missverständnis gesehnt, danach, keine Ahnung zu haben, was er gerade meinte.“

Missverständnis gibt es zwischen Lucy und Jake keines, vielmehr einen klassischen Betrug: Jake hatte Sex mit seiner Kollegin. Als Lucy das herausfindet, reagiert sie abgeklärt, kümmert sich weiter um die zwei Söhne, als wäre nichts geschehen. Und doch: Jake bietet ihr an, dass sie ihn zum Ausgleich dreimal bestrafen darf. Sie akzeptiert das Angebot, und schnell zeigt sich, dass ihre Abgeklärtheit nur äußerlich ist, innerlich brodelt es. Eine tiefgehende Unzufriedenheit, sein Verrat, die eigene miserable Kindheit – Lucy ist wie ein Kessel, der mehr und mehr unter Druck gerät. Einerseits spielt sie die liebevolle Mutter, die Weihnachtsfeiern und Kindergeburtstage organisiert, andererseits ist sie getrieben von einem Wunsch nach Vergeltung, der über Jakes Betrug hinausgeht. Und Lucy war immer schon fasziniert von den Harpyien, den Rachegöttinnen mit Krallen und Flügeln.

Dieses Buch ist schlichtweg großartig. Es ist perfekt austariert zwischen Düsternis und Alltäglichkeit, und sein Erfolg bezeugt, dass viele sich darin wiederfinden. Megan Hunter ist es faszinierend gut gelungen, ihre Protagonistin fühlbar zu machen: Ich glaube ihr jede Bewegung, jede Regung. So nah ist man an Lucy, dass Jake zum Statisten verkommt – keine Ahnung, was er eigentlich denkt und will. Und egal ist es irgendwie auch, wichtig ist nur Lucy. Ein heftiger Sog entwickelt sich, ich habe das Buch an einem einzigen Abend weggesaugt. So gut die Geschichte ist, so schlecht ist ihr Ende: Ab der dritten Bestrafung rutscht es, man muss es so gnadenlos sagen, vollkommen ab, der Schluss ist verschwurbelt, unverständlich und vage, sodass hinterher mehr Fragen offen sind als beantwortet. Das ist schade, denn mit einem konsequenten Ende – das ich mir wegen der aufgebauten Spannung spektakulär ausgemalt habe – könnte dies ein wahres literarisches Gourmetstück sein. Bis kurz vor Schluss ist es das aber auch, weshalb ich es euch dennoch absolut empfehlen möchte. Es hat mich nachhaltig beschäftigt und beeindruckt.

Die Harpyie von Megan Hunter ist erschienen bei C. H. Beck.