Für Gourmets: 5 Sterne

„Maybe that’s what the world needed. A bit of shaking up“

These things are happening all at once. These things are one thing. They are the inevitable result of all that went before. The power seeks its outlet. These things have happened before, they will happen again.

Bei den jungen Frauen beginnt es zuerst, es beginnt plötzlich und überall auf der Welt: Sie können Impulse aus ihren Körpern senden, wie Elektrizität, sie können Funken sprühen lassen und Schmerzen zufügen. Sie können töten. Und diese Macht, die die jüngeren in den älteren erwecken, lässt das jahrtausendealte Gefüge kippen: Mit einem Mal sind die Frauen den Männern überlegen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre neue Gabe nutzen, bis sie sich auflehnen und aufbegehren, sich wehren und die Ketten sprengen, in die das Patriarchat sie gelegt hat. Weltweit bricht eine nie dagewesene Revolution los, Frauen vereinen sich, befreien sich, stürzen Regierungen, beseitigen Diktatoren, zerstören Sexsklaven- und Menschenhandelringe, helfen einander. Aber sie tun, und das macht diesen Roman so clever, nicht nur Gutes, bei Weitem nicht, sie betreiben Missbrauch mit ihrer neuen Macht, setzen sie gegeneinander und gegen Männer ein, sie quälen aus Spaß, sie morden, sie vergewaltigen. Und die Frage ist: Ist es nicht letztlich egal, wer wem überlegen ist, verleitet eine Machtposition nicht automatisch dazu, die Schwächeren zu unterdrücken, kann es denn jemals Frieden geben zwischen den Geschlechtern?

Chapeau, Naomi Alderman, für dieses unglaublich schlaue Buch, das mich massiv beeindruckt hat. Ich habe es weggesuchtet, hatte mehrfach – trotz 30 Grad am Strand – Gänsehaut und fand es unglaublich spannend. Ich liebe Bücher, die nicht das gewöhnliche 08/15-Setting haben, das mich als Vielleserin anödet, sondern die etwas Neues wagen, hinter denen eine echte Überlegung steckt, eine Idee. Und in diesem Fall wird diese Idee auch noch ebenso intelligent wie konsequent umgesetzt. Das beginnt mit E-Mails, die man sich zuerst nicht erklären kann und die erst am Ende des Buchs Sinn ergeben – und war für ein smartes, geniales Ende das ist! –, es geht weiter mit Zeichnungen und Abbildungen zwischen den Kapiteln, die aus einem Buch über Archäologie stammen könnten, auch das erklärt sich erst am Schluss, und ach, es ist einfach wunderbar. Ich mag es, wenn etwas derart durchdacht ist. Nicht nur wegen der Einschübe und des Endes, sondern wegen der gesamten Umsetzung: Da kommen Frauen vor, deren Gabe nicht so funktioniert, wie sie sollte, Menschen, die sowohl Männer als auch Frauen sind, da bedient sich die Werbeindustrie sofort der neuen Ordnung, da entstehen neue Sexspielarten und ein neuer Sprachduktus, der mit der Machtverschiebung einhergeht. Das sind kleine, aber wichtige Details, die dafür sorgen, dass alles rund und glaubwürdig wird. Naomi Alderman erzählt aus verschiedenen Perspektiven und über mehrere Jahre, nicht nur Frauen kommen zu Wort, auch ein Mann, aus ihren Sichtweisen wird die Veränderung beleuchtet, die die Welt verändert, dieser Erdrutsch, der alles ins Wanken bringt.

Teilweise finde ich das Ganze etwas zu gott- und religionslastig, aber gut, so waren die Menschen immer schon, sobald sie sich etwas nicht erklären konnten, haben sie einen Gott bemüht, einen Gott kreiert:

It is a gift. Who is to say it does not come from God?

Und ich habe mich gefragt: Wo will sie hin mit dieser Geschichte, wie kommt sie aus dieser Sache wieder raus? Der Schluss ist auf den ersten Blick merkwürdig, gewöhnungsbedürftig, auf den zweiten jedoch die einzig logische Möglichkeit. Und das macht das Buch umso besser für mich: Naomi Alderman behauptet nicht, dass alles gut wird, sobald die Frauen an die Macht kommen. Ganz im Gegenteil. Unbedingte Leseempfehlung!

The Power ist auf Deutsch unter dem Titel Die Gabe erschienen bei Heyne (ISBN 978-3-453-31911-0, 480 Seiten, 16,99 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Es gibt so viele Sorten Traurigkeit, wie es Lebensstunden gibt“

Du fragst mich, ob ich irgendetwas über die Liebe weiß. Die Wahrheit ist: Ich weiß nichts darüber. Obwohl ich sie kennengelernt habe. Keiner weiß etwas über die Liebe. Und doch haben sie die allermeisten schon erlebt. Die Liebe kommt und geht, und man kennt sich vorher nicht aus, und man kennt sich nachher nicht aus, und am allerwenigsten kennt man sich aus, wenn sie da ist.

Das schreibt die Mutter ihrem Sohn Franz, der achtzehnjährig von zuhause, einem kleinen Ort am Attersee, nach Wien geht, um eine Lehre zu machen in einer Trafik. Über die Liebe will Franz wissen, was es zu wissen gibt, weil er sich verliebt hat zum ersten Mal und fast eingeht daran. Hinterrücks überfallen hat sie ihn, die Liebe, mitten im Prater war das, und jetzt kann Franz an nichts anderes mehr denken als an ein rundes böhmisches Mädel. Nicht nur die Mutter fragt er um Rat, sondern auch den Professor, niemand Geringeren als Sigmund Freud, den er in der Trafik kennenlernt. Auch der kann ihm nicht weiterhelfen, weil man die Liebe ganz allein aushalten muss. Bald schon gibt es ohnehin andere Nöte, weitaus gewichtigere Nöte, die den Professor, den Trafikanten und Franz selbst beschäftigen: Die Nationalsozialisten kommen an die Macht, die Stadt ist in Aufruhr, das ganze Land ist in Aufruhr, und noch ahnen sie nicht, in welcher Gefahr sie sich befinden.

Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ich hab schon einiges gelesen von diesem Autor, der zu Recht von Kritikern wie Lesern geliebt und mit Preisen bedacht wird, dieser Titel hat mir bislang noch gefehlt. Und vielleicht, ich kann mich nicht entscheiden, vielleicht ist es sein bester. Weil meine österreichische Seele schon auf den ersten Seiten gelächelt und sich aufgehoben gefühlt hat. Weil Sigmund Freud lebendig wird und man denkt: Ja, doch, das könnte so passiert sein, warum denn auch nicht. Weil die Briefe zwischen Franz und seiner Mutter so bodenständig und simpel, dabei jedoch so tiefgehend sind, dass ich mich frage, wie es möglich ist, dass ein Autor eine solche Kunst beherrscht. Weil Robert Seethaler so wenig Worte braucht, um so viel zu sagen. Weil es ein Buch ist, von dem ich mir wünsche, ich hätte es selbst geschrieben.

Und am Ende hatte ich Tränen in den Augen.

Vielleicht könne man da und dort ein Zeichen setzen, hatte der Professor gesagt, ein kleines Licht in der Dunkelheit, mehr könne man nicht erwarten.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist als Taschenbuch erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5645-9, 256 Seiten).

 

Bücherwurmloch

Vor einer Weile habe ich spontan dazu aufgerufen, unter dem Hashtag #büchermeer Bücher mit dem Wort MEER im Titel zu posten, und ich hatte nicht gedacht, dass das schwierig sein könnte, ganz im Gegenteil: Ich war gerade am Meer, im Urlaub, am Strand, am Wasser, mir war das alles so präsent, Bücher sind mir auch gleich ein paar eingefallen, und dann haben die Leute geschrieben: Ich grüble und suche und finde nichts. Viele haben dennoch mitgemacht, haben schöne, kuriose, traurige Bücher gezeigt, die am Meer spielen, da waren wunderbare Titel dabei und auch solche, die ich noch nicht kannte.

Das Thema hat mich nicht ganz losgelassen. Bücher, die das Wasser zum Inhalt haben, vielleicht auch im Titel haben, wie viele besitze ich selbst davon eigentlich? Ist das Meer wirklich nicht so stark vertreten in Romanen? Wieder zuhause aus dem Urlaub, hab ich mich ebenfalls daran gemacht, mein Regal zu durchforsten: 35 Titel habe ich gefunden, die mit Schwimmen zu tun haben, die das Meer als Kulisse haben oder im Titel, immerhin mehr als ein Zehntel all meiner Bücher, vielleicht ja doch nicht so wenig. Und hier sind sie. Sie sind alle gut, sonst hätte ich sie nicht mehr hier. Sie sind, wenn ihr noch eine Reise ans Meer vor euch habt, vielleicht empfehlenswert als Urlaubslektüre, sie sind aber auch lesenswert, wenn ihr zuhause bleibt, im Garten, auf dem Balkon, mit den Füßen im Wasser oder mit einem Glas in der Hand.

Herman Koch: Sommerhaus mit Swimmingpool
Yann Martel: Life of Pi
Dina Nayeri: A teaspoon of earth and sea
Albert Sánchez Pinol: Im Rausch der Stille
Kerstin Ekman: Geschehnisse am Wasser
Tojne Heimans: Irrfahrt
Juli Zeh: Nullzeit
Nicola Keegan: Swimming
Margaret Mazzantini: Das Meer am Morgen
Sina Pousset: Schwimmen
Roy Jacobsen: Der Sommer, in dem Linda schwimmen lernte
Neil Gaiman: Der Ozean am Ende der Straße
Mathias Jügler: Raubfischen
Ernest Hemingway: The old man and the sea
Roy Jacobsen: Weißes Meer
Silvia Overath: Robbe schwimmt rückwärts
Ruth Cerha: Bora. Eine Geschichte vom Wind
Carla Guelfenbein: Nackt schwimmen
Marco Balzano: Damals, am Meer
Tor Even Svanes: Ins Westeis
John von Düffel: Wassererzählungen
Alessandro Baricco: Oceano mare
John Irving: Die wilde Geschichte vom Wassertrinker
John Griesemer: Rausch
Nicol Ljubic: Meeresstille
Katharina Hartwell: Das fremde Meer
Yoko Ogawa: Schwimmen mit Elefanten
Zsuzsa Bánk: Der Schwimmer
Francesca Melandri: Über Meereshöhe
Ian McGuire: Nordwasser
Sarah Kuttner: 180° Meer (nicht im Bild)
Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen (nicht im Bild)
Carmine Abate: Zwischen zwei Meeren (nicht im Bild)
Annika Reich: 34 Meter über dem Meer (nicht im Bild)
Favel Parrett: Der Himmel über uns (nicht im Bild)

Und hier sind noch 9 Titel, die ebenfalls mit dem Meer oder Wasser zu tun haben, die ich gelesen habe, die allerdings nicht mehr in meinem Regal stehen:
Kathrin Gross-Striffler: Ans Meer
Josh Weil: Das gläserne Meer
Catherine Poulaine: Die Seefahrerin
Edgar Rai: Etwas bleibt immer
Matt Bondurant: The Night Swimmer
Claudie Gallay: Die Brandungswelle
Natasa Dragnic: Jeden Tag, jede Stunde
Caterina Bonvicini: Das Gleichgewicht der Haie
Majgull Axelsson: Eis und Wasser, Wasser und Eis

Bücherwurmloch

9 Tage, 10 Bücher: Das ist die Bilanz meines Sommerurlaubs 2018. In den Urlaub nehme ich seit vielen Jahren ausschließlich Taschenbücher und dadurch automatisch Backlist-Titel mit, wegen des Gewichts natürlich, aber auch, weil ich da oft die Zeit nutzen möchte, um endlich mal wegzulesen, was sich im Regal angesammelt hat. Auch englische Titel packe ich ein, ebenfalls im Taschenbuchformat, weil ich die nicht so schnell lesen kann und mich sozusagen selbst austricksen will. Diesmal waren nur vier der zehn Titel von Autoren, die ich nicht kannte, die anderen sechs sozusagen Wiederholungstäter. Das ist ungewöhnlich für mich, die ich ja eigentlich eine Ein-Buch-pro-Autor-Politik verfolge. Und habe ich das bereut? Aber ja. Sehr sogar.

10 Bücher also, und wie viele davon mochte ich? Zwei. Nur zwei! Aber immerhin zwei. Typisch Mariki, denkt ihr wohl, die Alte motzt ja immer, die ist nie zufriedenzustellen, und da habt ihr Recht. Die gelesenen Urlaubstitel sind von unten nach oben in ihrer Reihenfolge geordnet:

Applaus für Bronikowski von Kai Weyand hat mich positiv überrascht, das ist eine nette, kuriose kleine Geschichte. Nicht viel Tiefgang, aber auch nicht zu oberflächlich, mit einem Protagonisten, der seltsam genug ist, um interessant zu sein. Er arbeitet in einem Bestattungsinstitut, und was ihm da so zustößt bzw. einfällt, ist kurzweilig zu lesen.

The Power von Naomi Alderman ist GROSSARTIG! Ein originelles, smartes, durchdachtes Buch, das mich absolut gefesselt hat, ich konnte es nicht weglegen. Was für eine Story und vor allem: was für ein Ende! Dazu wird es demnächst einen eigenen Beitrag geben.

Der Hals der Giraffe von Judith Schalansky fand ich gut, aber gar nicht so gut, wie alle gesagt haben. Ich mochte das Zynische, das Nüchterne daran, diese ausgebrannte Abgeklärtheit einer alternden Lehrerin, diesen endlosen Monolog über die Dummheit der Schüler, über ihre Grenzen und auch die eigenen. Generell ist mir nur einfach zu wenig passiert in diesem Buch, ich hab gewartet, dass die Handlung in die Gänge kommt, und das tut sie nicht, dass Gefühle entwickelt werden, wie der Klappentext ankündigt, dass es es gewisse Einfälle gibt, die es aber eben nicht gibt. Ja, ein kluges, sehr lesenswertes Buch, wenn auch nicht so sensationell wie erwartet.

Hausaufgaben von Jakob Arjouni hat mich regelrecht geärgert: Was für ein erstaunlich dummes und vor allem widerwärtiges Buch! Ich finde ja generell Romane über Inzest ein bisserl grauslich, eh klar, wer nicht, aber wenn dieser Missbrauch derart abgeschmackt und entschuldigend dargestellt wird wie in diesem Buch, macht mich das wütend. Eine dämliche, sinnlose, eklige Geschichte ohne jegliche Entwicklung. Und das ist nach Cherryman jagt Mr. White und Chez Max, die beide gut waren, nur umso unverständlicher.

Der Trafikant von Robert Seethaler war ein Buch, das ich lange schon lesen wollte, weil ich Seethaler sehr mag und dieses eine noch nicht kannte. Es geht um einen jungen Kerl darin, der ins Wien des beginnenden Nationalsozialismus kommt, es geht um seine erste Liebe und um seine Freundschaft zu Sigmund Freud, um Mut geht es und darum, ein Zeichen zu setzen, sei es auch noch so klein. Ein grandioses, stilles und dabei so berührendes Buch, auch dazu werde ich noch gesondert etwas schreiben.

The English teacher von Lily King hat mich außerordentlich fadisiert. Und das ist ein Drama, weil ich Vater des Regens sowie Euphoria von dieser Autorin genial fand, zwei gefühlvolle, unkitschige, ausgezeichnete Bücher. Ich sollte es endlich mal lernen und dabei belassen, ich sollte nicht noch was vom selben Autor lesen, wenn ich schon was mochte. Dieser Roman, den sie davor geschrieben hat, ist einfach nur langweilig: Eine Mutter lebt mit ihrem fünfzehnjährigen Sohn auf dem Campus der Schule, an der sie unterrichtet, einen Vater gibt es nicht, und als sie heiratet, geschieht das nicht aus Liebe und auch aus keinem anderen Grund. Das ist alles recht merkwürdig und unverständlich, es geschieht auch sehr wenig, und die Erklärung für ihr Verhalten, die am Ende noch schnell serviert wird, ist derart vorhersehbar und klischeehaft, ich war wirklich enttäuscht.

Wo drei Flüsse sich kreuzen von Hannah Kent war okay. Nicht besonders herausragend, aber schlecht auch nicht, kann man schon lesen, wenn man möchte. Die Autorin, die sich mit dem historischen Irland bestens auskennt, erzählt darin von einem Kind mit Behinderung, das die unwissenden, abergläubischen Menschen für ein Feenkind halten und dem sie die Fee austreiben wollen. Das ist gut geschrieben, allerdings frei von Überraschungen und interessanten Wendungen. Burial Rites derselben Autorin fand ich um Welten besser.

They both die at the end von Adam Silvera war ein Spontankauf, ich habe es mitgenommen, weil ich den Titel so originell fand. Es ist ein Jugendbuch mit folgender Story: Zwei Achtzehnjährige bekommen eines Nachts den Anruf, den jeder fürchtet, sie werden darüber informiert, dass sie innerhalb der nächsten 24 Stunden unweigerlich sterben. Über eine App namens Last Friend finden sie zusammen und versuchen, so viel Leben wie möglich in die Zeit zu stopfen, die ihnen noch bleibt. Das ist eine coole Idee, finde ich, gut geschrieben ist es auch, wenn natürlich eher leicht und nicht gerade raffiniert. Die Botschaft, sein Leben zu leben, weil man nie weiß, wann es zu Ende ist, ist mir zu aufdringlich, aber das liegt freilich in der Natur der Sache.

Das Museum der Stille von Yoko Ogawa ist ebenfalls ein Buch, bei dem ich dachte: Das hättest du dir sparen können, Mareike, du hast schon drei wirklich gute Titel von Ogawa gelesen, war das nicht genug? Offenbar nicht, und dann kam dieses hier, und ich fand es blöd. Richtig blöd, nicht so poetisch, schön und entspannend wie die anderen, wie etwa Der Herr der kleinen Vögel und Das Geheimnis der Eulerschen Formel. Die Idee mit dem Museum voller Erinnerungsstücke von Verstorbenen, die gefällt mir sehr, doch die alte Protagonistin ist immer nur am Schimpfen und zerstört den Zauber, die Morde erscheinen mir absolut unglaubwürdig und vor allem sinnlos, der Ich-Erzähler ist kaum greifbar und bis zum Ende blass. Schade!

Der Klang der Trommel von Louise Erdrich hat mir ebenfalls wieder mal vor Augen geführt, dass nicht jeder Roman einer Autorin, die ich vergöttere, mir gefällt. Wie sehr habe ich Das Haus des Windes und Ein Lied für die Geister geliebt! Dann beginne ich diesen Backlist-Titel und denke schon nach wenigen Seiten: Ich kotz gleich. Emotionslos, langweilig, ohne den einmaligen Zauber, den die anderen Bücher haben, erstaunlich belanglos. Nein, einfach nur nein.

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Der Welt, der war das egal“
Ihr müsst wissen, ich glaube nicht an die Menschheit. Ihr müsst wissen, ich hasse die Menschen, ich bin zutiefst enttäuscht von ihnen, jeden Tag aufs Neue enttäuschen sie mich, ich bin voller Wut und Traurigkeit und Resignation. Und das ist kein Misanthropie-Statement als trendige Modeerscheinung, ganz im Gegenteil, so geht es mir, seit ich ungefähr vierzehn bin, und es ist nicht schön. Es ist schrecklich, es tut weh. Nur sehr selten begegne ich jemandem, der mich versteht. Meistens bekomme ich zu hören: „Jetzt tu doch nicht so“, oder: „Es gibt ja auch Gutes“, und: „Das meinst du doch nicht ernst.“ Ich wünschte, es wäre so, ich würde gern glauben, dass es Gutes gibt, ich würde das gern nicht ernst meinen, aber wie, ich frage euch, wie soll das gehen, wenn die Menschen gierig sind und grausam, wenn sie einander abschlachten und verhungern und ertrinken lassen, wenn sie einander ausbeuten und verraten und keine Gnade kennen, niemals. Es gibt keine Selbstlosigkeit auf dieser Welt, kein Teilen, keinen Zusammenhalt, es gibt keine Hoffnung.

Dann hat mir jemand etwas geschenkt mit einem Zitat aus diesem Buch darin, und ich kann kaum ausdrücken, wie sich das angefühlt hat. Es war, als hätte derjenige gesehen, wie ich bin und warum, hätte mir ins Innerste geschaut und mich erkannt. Aber ohne darüber zu urteilen, ohne mir zu sagen, wie ich doch eigentlich zu denken habe. Ich habe mich zutiefst erschrocken. Und ich wollte dieses Buch lesen, unbedingt. Jetzt, im Nachhinein, bereue ich das ein wenig, weil es meinen Menschheitshass so sehr befeuert hat. Weil es mich zum Weinen gebracht hat, aber nicht, wie ihr vielleicht denkt, zwei, drei stille Tränen der Rührung, nein. Ich habe geschluchzt und richtig geheult, ich habe gedacht: Ich ertrage das nicht, nie im Leben ertrage ich das.

Und doch bin ich froh, dass ich es gelesen habe, weil Sibylle Berg eine Meisterin ist, ein Genie, ich verneige mich tief vor ihr. Nur sie kann mit einem derart nüchternen, klaren Blick auf die Menschheit schauen und beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie ausgrenzt und verlacht, wie sie tötet, manchmal schnell, mit gezielten Hieben, manchmal langsam, mit Liebesentzug und Ignoranz. Sie kann das mit Worten, die treffend sind und die einzig richtigen, sie kann das mit Sätzen und Bildern, die die Welt zeigen in all ihrer Düsternis und Lieblosigkeit.

Du blödes kleines Leben, mit deinem Geruch nach allem möglichen, nach Erde und Holunder, oder nach Wasser auf sonnenheißen Steinen, und das ist nun bald alles weg, und unschuldig ist doch keiner gewesen. Du kurzes kleines Leben, in dem es keinem gelingt herauszufinden, wie man dich ohne Schaden übersteht, du einzige Kränkung, du einziges Vorführen der eigenen Unwichtigkeit, da empfindet doch keiner Respekt für all die Anstrengungen und die Schläge und die Krankheiten und die Ängste.

Es geht um einen Menschen in diesem Buch, der Toto heißt, der nicht Mann ist und nicht Frau, der dick ist und vielleicht nicht schön, wenn man denn Schönheit überhaupt definieren kann, der singen kann oder womöglich auch nicht, und ist das wichtig? Ist es bedeutsam, wie Toto aussieht, was Toto kann, sollte Toto nicht einfach geliebt werden, so, wie Toto ist? Niemand, wirklich niemand liebt Toto, ein ganzes Leben lang nicht, nirgends, sie finden Toto abstoßend, lachhaft, es gibt kein Licht für Toto, keinen einzigen leuchtenden Augenblick.

Vielen Dank für das Leben ist grausam und authentisch und echt, es ist traurig, unfassbar traurig, es ist schwarz und scharf und klug und pointiert. Es ist, wie die Menschen sind: gnadenlos. Und es tut weh.

Vielen Dank für das Leben von Sibylle Berg ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-14341-7, 400 Seiten, als Taschenbuch 9,90 Euro).

 

Außer Konkurrenz

„Stell dir vor, wir würden da leben. Dann könnten wir alles sehen. Die ganze Wahrheit“
Mit diesem Buch ist mir etwas passiert, das ich nicht erwartet habe und nur schwer erklären kann. Ich hab mir Zitate darin markiert, überraschend viele Zitate, wundervolle, tiefgehende Sätze, die ich mir aufgeschrieben habe, um sie zu behalten, in die ich mich einwickeln möchte wie in einen selbstgestrickten, wärmenden Schal, Sätze wie Goldnuggets in einem Fluss. Aber wenn ihr mich fragtet: „Mareike, das Buch der Wunder, hat dir das gefallen?“, würde ich sagen: Nein. Und das ist ein bisschen absurd, nicht wahr, wie ist das möglich?

Es war mir zu verwirrend, zu gewollt, zu viel – gut gedacht, aber unsauber ausgeführt. Ich habe mich in die Sprache verliebt, ich habe mich in die erwähnten goldenen Sätze verliebt, doch die Geschichte selbst, der Inhalt, hat mich den Kopf schütteln und die Augen rollen lassen. Zuerst sind da die Kinder, mit ihren Eigenheiten, mit ihrem Vater, der Selbstmord begeht, und ja, da bin ich noch dabei, da nicke ich noch, das ist voll kindlicher Poesie, märchenhaft. Doch dann wird es merkwürdig und immer merkwürdiger, einen Ort namens Rachel gibt es, eine Art Wohnwagensiedlung, einen See, der ein Spiegel ist oder vielleicht auch nicht, in dem man sich selbst sieht und eventuell verliert. Die Sprünge zwischen den Zeiten kann ich nicht nachvollziehen, die zwischen den Figuren auch nicht, und während ich noch verstehe, dass man jemanden, der stirbt, in einer anderen Welt sucht, bleibt mir ein Rätsel, warum das nicht gelingt.

Sie werden erwachsen, natürlich, und die Wunder von damals sind nur Erinnerungen. Nebenfiguren treten auf, die wenig ausgearbeitet sind, alle Kapitel schmal, sparsam, und ich hoffe weiterhin, ich denke: Vielleicht wird das Ruder noch herumgerissen. Aber nein, am Ende falle ich hinaus aus dem Buch, finde die Entwicklung klischeehaft und abgeschmackt. Die Werbewelt, in der ich mich seit vielen Jahren bewege, in der ich arbeite, wird derart oberflächlich dargestellt, dass ich mich frage, ob das eine Persiflage sein soll. Pudding? Ein gläsernes Haus voll Licht, im Ernst?

Und doch. Diese Sätze! Ich weiß nicht, wie das zusammengeht. Dass ein Buch solche Zitate enthalten kann, die mich zutiefst berühren, und mich trotzdem derart enttäuscht zurücklässt. Aber nicht alles im Leben muss erklärt werden können, manchmal sind die Dinge einfach so, wie sie sind.

Ich bin zum Mond geflogen, zusammen mit den Träumen und Hoffnungen der gesamten Menschheit. Und alles, was ich dort gefunden habe, waren kalte Felsen. Können Sie sich vorstellen, was das für ein Gefühl ist?

Das Buch der Wunder von Stefan Beuse ist erschienen im mairisch Verlag (ISBN 978-3-938539-44-6, 224 Seiten, 18 Euro).

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Zuneigung ist etwas Vergängliches“
Ein Schiff läuft aus, ein Walfangschiff, und an Bord sind Männer, die hart und rau sind wie die See, zu der sie fahren. Und wenn jemand keine Skrupel hat, Tiere zu töten, Robben zu erschlagen, dass das Blut nur so spritzt, einen Wal zu jagen, dieses große, sanfte, wunderschöne Wesen, wie ist es dann in Bezug auf Menschen? Hält ihn dann etwas davon ab, auch einen Menschen umzubringen, ist da noch eine Hemmschwelle? Henry Drax ist Harpunierer, ein undurchsichtiger Mann, der nicht viel redet. Patrick Sumner ist Arzt, und die Geschichten, die er über seine Vergangenheit erzählt, sind wohl nicht wahr. Zwischen diesen beiden Männern entspinnt sich ein Konflikt, der seinen Höhepunkt in einem Verbrechen findet, das auf dem Schiff geschieht. Auf dem Schiff, das sich mitten in der Kälte befindet, in einer unwirtlichen Gegend, auf Expedition zum Töten von Tieren – aber auch ein Mensch kommt dort schnell um.

„Dieses Buch ist so krass“, haben sie gesagt, „fast schon grenzwertig.“ Und ich hab mir gedacht: Aha, aha, mal sehen, da bin ich ja gespannt. Und dann les ich es und es ist wirklich krass und es ist wirklich grenzwertig, aber es ist auch so gut. In Nordwasser bedient Ian McGuire sich einer Sprache, die so ist wie seine Männer: schonungslos, rau, direkt, ohne Poesie. Er beschreibt die Ereignisse so nüchtern, so klar, dass ich das Gefühl habe, ich stehe daneben, ich bekomme das unmittelbar mit, ich sehe das vor mir. Und es ist nichts Schönes, was ich da sehe, im Gegenteil, es sind schreiende, verendende Tiere, es sind Menschen, die einander hintergehen und verraten, es ist Dreck und Blut und das unerbittliche Meer. Es riecht nach Schweiß und Kotze, nach ungewaschenen Körpern, nach Angst.

Natürlich kommen ihm die Lügen mühelos über die Lippen. Worte sind nur Geräusche in einer bestimmten Reihenfolge, und er kann sie gebrauchen, wie es ihm gefällt. Schweine grunzen, Enten quaken, Menschen lügen, so läuft das für gewöhnlich.

Ich mag Bücher, die am Meer und auf dem Meer spielen. Ich mag es wild und schnörkellos, am liebsten mitten ins Gesicht. So ist dieses Buch. Es erinnert mich in seiner Ausweglosigkeit an Ins Westeis von Tor Even Svanes, über das ich geschrieben habe: Habt ihr schon mal ein Buch gelesen, das von der ersten bis zur letzten Seite aus Beklemmung bestand – in Worte gegossen? Dasselbe könnte man über Nordwasser sagen, weil man ja schon weiß, dass da nichts Gutes kommen kann, dass die Ausgangssituation – Männer ohne Gewissen zusammengepfercht auf einem Schiff, von dem niemand flüchten kann – geradezu danach schreit, dass etwas Grausames geschieht, weil das alles beklemmend ist, und dann ist man trotzdem überrascht. Was da geschieht. Und wie grausam es ist. „Dieses Buch ist so krass“, möchte ich euch sagen, „fast schon grenzwertig.“ Lest es, lest es unbedingt!

Nordwasser von Ian McGuire ist erschienen im mare Verlag (ISBN 978-3-86648-267-8, 304 Seiten, 22 Euro).

 

 

 

Bücherwurmloch

Es hat sich so ergeben. Schon seit einer Weile stelle ich immer wieder Lieblingsbücher aus meinem sehr schmalen Regal vor, die alt sind, keine Neuerscheinungen, sondern Backlist-Titel, und nach Möglichkeit nicht so bekannt. Dabei hat sich herausgestellt, dass ihr das anscheinend mögt, dass ihr gern Romane entdeckt, die nicht mit dem Mainstream mitgeschwommen sind, und das freut mich natürlich, denn: Es handelt sich dabei ja stets um Herzensbücher meinerseits, sonst würden sie gar nicht im Regal stehen, sondern wären längst weitergereist. Deshalb hab ich mir überlegt, ich mache heute eine Art Special: 10 Bücher, die gut sind. 10 Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten. 10 Bücher, bei denen ich davon ausgehe, dass ihr sie nicht gelesen habt.

Molly Antopol: Die Unamerikanischen
Amerika ist der rote Faden, von dem die unamerikanischen Figuren in Molly Antopols Geschichten zusammengebunden werden. Da ist der israelische Soldat, dem ein Bein abgenommen wird und dessen Freundin die geplante USA-Reise mit seinem Bruder antreten will, da ist der alternde Mann mit weißrussischen Wurzeln, der eine jüngere Frau heiratet und auf der Hochzeitsreise nach Kiew verliert, und da ist der nachlässige Vater, der mit Frau und Kind aus Prag geflohen ist und Jahre später Angst vor dem hat, was die Tochter in einem Theaterstück über ihn auf die Bühne bringen wird. Das ist übrigens meine Lieblingsgeschichte. Oder doch die Story von Talia und Tomer, die sich zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben? Oder die Geschichte von Alexi, der nach einem Jahr Gefängnis seinen Sohn zum ersten Mal wiedersieht … Ich kann es nicht sagen, ich mochte sie alle, jede Story, jede Seite, jeden Satz – ein ganzes Lieblingsbuch ist das, von vorn bis hinten. Molly Antopols Kurzgeschichtensammlung ist großartig, schön, wehmütig, intelligent und einzigartig.

Die Unamerikanischen von Molly Antopol ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-24771-0, 320 Seiten, 20,50 Euro).

Dorthe Nors: Handkantenschlag
Einer, der vorher im Außenministerium war, wird zum Buddhisten und zum Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk. Nur ein guter Mensch wird er leider nicht. Ein Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, zieht von der Mutter zum Vater, dessen neue Freundin auch einen Sohn hat. Eine Putzfrau öffnet dem Lieferanten die Tür, der eine viel zu große Tomate wieder abholen soll – und verbringt mit ihm den Rest des Tages. Ein Mann sitzt abends vor dem Computer und beschäftigt sich mit weiblichen Mörderinnen, während seine Freundin schläft. Und einer Frau, deren Mann sie verlassen hat, bleibt nichts außer den Plänen, die sie nie umsetzen wird. Dorthe Nors‘ Kurzgeschichtensammlung trägt den Titel Handkantenschlag. Und das passt. Denn die dänische Autorin, die in den USA Erfolge feiert, teilt mit ihren sprachlich präzisen Miniaturen tatsächlich Schläge aus. Sie haut dem Leben ins Gesicht, sie spuckt Kirschkerne, lächelt sardonisch und hat es faustdick hinter den Ohren. Das merkt man aber nur, wenn man genau hineinliest in diese Short Short Storys, die ultrakurz sind. Am Ende jeder Geschichte bin ich verblüfft darüber, dass sie schon aus ist. Ich sitze sprachlos da und lasse das Gelesene nachwirken. Nicht immer verstehe ich es. In diesen kleinen Momentaufnahmen gibt es keine Pointen. Auch ist das Inhaltliche nicht unbedingt eine gewichtige, wertvolle Botschaft. Vielmehr geht es um Alltagsbeobachtungen, winzige Ausschnitte, die man weiterdenken kann und muss.

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100704, 170 Seiten, 17,99 Euro). #indie

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro). #indie

Giuliano Musio: Scheinwerfen
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Vier Menschen stehen im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt?

Scheinwerfen von Giuliano Musio ist erschienen im Luftschacht Verlag (ISBN 978-3-902844-51-4, 404 Seiten, 25,20 Euro). #indie

Edward Carey: Alva & Irva
Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt … Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt, unbedingt zugreifen!

Alva & Irva von Edward Carey ist erschienen bei liebeskind (ISBN 978-3935890168, 252 Seiten), die englische Ausgabe ist noch lieferbar.

Brittani Sonnenberg: Heimflug
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird. Brittani Sonnenberg hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt, vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt.

Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Blandine le Callet: Die Ballade der Lila K
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt. Dieses Buch und ich, wir haben eine Hassliebe. Denn  die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft ist so eindringlich erzählt, dass einem beim Lesen manchmal schlecht wird. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Die Ballade der Lila K von Blandine le Callet ist erschienen bei Ullstein (ISBN 978-3550088711, 368 Seiten).

Riikka Pulkkinen: Wahr
Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist. Eevas Geschichte ist die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“ Wahr ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, ein Buch voller Sätze, mit denen ich mich zudecken möchte, um zu schlafen darin.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist erschienen bei List (ISBN 978-3548611624, 457 Seiten), als Taschenbuch erhältlich.

Priya Basil: The obscure logic of the heart
„You’re always making plans“, sagt Lina zu Anil. „Because plans are how you tame the future“, antwortet er. Lina und Anil, deren Namen gegengleich sind wie ihre Seelen, lernen sich kennen, als sie beide Studenten in London sind und jung. Anil stammt aus einer reichen kenianischen Familie und will Architekt werden, Linas Eltern leben bescheiden, sie selbst steht unter der Obhut ihrer Tante und studiert Jura im letzten Jahr. Während Anil in Liebe auf den ersten Blick entbrennt, gibt Lina sich zurückhaltend – kann seinem Charme aber nicht allzu lange widerstehen. Und so entspinnt sich nicht nur eine sinnliche, wahnwitzige Liebesgeschichte, sondern auch ein dichtes Lügengespinst, in dem die beiden Verliebten sich immer mehr verfangen. The obscure logic of the heart ist eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund. Die Autorin, die in Kenia aufgewachsen ist, lässt abwechselnd Lina und Anil erzählen, gibt ihren Zweifeln und seiner Verzweiflung eine authentische Stimme. Sie porträtiert eine Liebe, die wie eine zarte Pflanze durch die Ritzen im Beton wächst, die sich nicht niedertrampeln lässt, die mühsam gehegt wird, während andere, die sie als Unkraut betrachten, sie auszurupfen suchen. Freilich ist eine Liebesgeschichte umso romantischer, je mehr die Liebenden gegen Widerstände kämpfen müssen und je größer die Zahl ihrer Feinde ist. Priya Basil zeigt aber auch, dass – getreu nach Shakespeare’schem Vorbild, wenn auch weniger tragisch – die Liebe gegen so viel Feindseligkeit oft nicht bestehen kann, dass die Pflanze manchmal schlussendlich verdorrt. Ein Wunderwerk sind die Briefe, die im Roman auftauchen und von denen ich zuerst nicht weiß, wer sie an wen geschrieben hat. Als es mir schlussendlich klar wird, bin ich regelrecht erschüttert. Diese feinsinnigen, klugen, traurigen Briefe sind das Seil, das mich in dieses Buch zieht und mich an die vielen einzelnen Sätzen bindet, die unendlich schön sind: „If it was your intention to vanish without a trace, you neglected to consider the most incriminating article: me.”

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die Logik des Herzens erschienen.

Irene Ruttmann: Adèle
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Irene Ruttmann hat sich mit Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. In Adèle geht es um einen Moment. Um eine Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke, um die Erinnerung und die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Sehr schön.

Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen bei Zsolnay (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Bücherwurmloch

Worunter ich aktuell leide, das ist keine Leseflaute, denn ich lese unvermindert viel, es ist eine Begeisterungsflaute. Das überrascht euch jetzt sicher nicht, gell, ihr kennt mich ja. Im Moment ist es allerdings wieder besonders schlimm: Gestern Nachmittag habe ich neun (!) Bücher angelesen, zehn, zwanzig, dreißig Seiten, einmal sogar siebzig, was ja mehr ist als anlesen, eine echte Chance geben ist das, und bis auf eins hab ich alle entweder entnervt in die Ecke gepfeffert oder enttäuscht fallengelassen. Für das eine, das ich letztlich gelesen habe, hab ich mich aus purer Verzweiflung entschieden, besser als nichts, hab ich gedacht, und es hat ja nur 155 Seiten.

Als ich beschlossen habe, das Herbstprogramm zu boykottieren, bin ich voller Elan zum Bücherregal gegangen. Endlich Zeit, in Ruhe all diese Titel zu lesen, die hier zum Teil schon recht lange stehen, endlich kein innerer Stress mehr, mich beeilen zu müssen, weil bereits die nächsten Leseexemplare eintrudeln. Dieser Elan hat aber schnell einen Dämpfer bekommen, denn in den darauffolgenden Tagen und Wochen hab ich festgestellt, dass mich eigentlich nichts aus meinem Bücherregal interessiert. Über 100 Romane stehen bereit und ich kann mich für keinen erwärmen, was ist das für ein krankes Luxusproblem? Ich finde alles abgelutscht, zu oft gelesen, zu unoriginell und vor allem: unfassbar langweilig. Womit wir mal wieder bei meiner Übersättigung wären, nicht wahr, bei meinen zu hohen Ansprüchen, bei meinem Grundgrant. Ich hasse ja prinzipiell einfach mal alles und jeden, bis er/sie/es, ob Mensch oder Buch, mich vom Gegenteil überzeugt. Und das gelingt halt nur selten.

Das ist auch der Grund, warum hier seit einer Weile keine Besprechung erschienen ist, ich werfe Bücher von mir wie ein Baum fauliges Obst, schüttle den Kopf und murmle Flüche in meinen imaginären Bart. Ich habe nicht viel mehr zu sagen als: stumpfsinnig, ermüdend, fad. Und das erspar ich euch aus Nächstenliebe.

Also, lesende Menschen dieser Welt, vereinigt euch, grabt tief in euren Köpfen nach guten Büchern: Was soll ich lesen? Welchen Roman werde ich ziemlich sicher nicht hassen, welcher wird mich nicht dermaßen anöden, dass mein Herzschlag so langsam wird wie von einem See-Elefant beim Tauchen (nur vier Schläge pro Minute, und ja, das ist die einzige Ähnlichkeit zwischen einem See-Elefanten und mir)?

Lieblingsfutter

Es ist mal wieder Zeit für #5aus300! Ich besitze nur ein Bücherregal. Und behalte ausschließlich Bücher, die so besonders sind, dass ihnen ein Platz in diesem Regal gebührt. Aber welche sind das? Seht selbst.

Der Grund ist ein Roman über einen tiefen, unergründlichen Schmerz und über die Schönheit der Musik, die beruhigen, aber letztlich nicht heilen kann. Feinsinnig, poetisch und klug.

Owen Meany gehört zu meinen All-time-favourites, und solltet ihr dieses Buch nicht kennen (es wäre unfassbar), MÜSST ihr das ändern! Es ist eins von Irvings besten: gewitzt, schlau, voller Emotionen.

Der Regen in deinem Zimmer handelt von zwei zerbrochenen Jugendlichen, die einander finden, es ist bittersüß und schwer und schön, mit einer einzigartig melodischen Sprache.

Über die Liebe und den Hass enthält Geschichten von Rachida Lamrabet, die als Juristin im Zentrum für Chancengleichheit und Rassismus arbeitet, Geschichten über Menschen, die fliehen müssen, die ein neues Leben und ein bisschen Glück suchen und denen es verwehrt bleibt. Sehr, sehr gut und (leider) immer hochaktuell!

Ein Pakt fürs Leben erzählt von Charlie Chaplin, von der Erfindung des Films, von der Liebe, vermutlich ist kein Wort davon wahr, und doch bzw. vielleicht deshalb ist dieser Roman ein Meisterwerk. Interessant, kurios und großartig!