Bücherwurmloch

„Seither hatte er seine innere Persönlichkeit zunehmend im Vorwurfston sprechen gehört“
Tanja hat ein Buch geschrieben, das ihr zu ausreichend Ruhm verholfen hat, Jerome designt Websites. Sie lebt in Berlin, er wohnt im ehemaligen Bungalow seiner Eltern im Maintal. Die beiden sehen sich ab und an, schreiben sich zwischendrin Messages in einem unaufgeregten Rhythmus, denn:

„Jerome und Tanja hatten keine Policies der Informationsvergabe vereinbart.“

Tanja ist Ende zwanzig, Jerome ein wenig älter. Sie gehen gern aus, sie genießen mit einer aufgeräumten Selbstverständlichkeit Drogentrips, Restaurantbesuche, Sex. Sie gehören einer Generation an, die viel über sich nachdenkt, sie haben ein gutes Gefühl für sich selbst, sie wissen, was sie mögen und was nicht, darüber sprechen sie mit Vorliebe. Sie setzen sich in Beziehung zur Welt, vergleichen sich mit anderen und mit dem eigenen Ich von früher.

„Jerome mochte den Gedanken, dass er sich selbst gegebenenfalls unerträglich finden würde, könnte er sich hier in der U4 von außen sehen.“

Die große Liebe ist das zwischen Tanja und Jerome vermutlich nicht, oder sagen wir so: An die große Liebe glauben Tanja und Jerome vermutlich nicht. Es gibt viele mögliche Partner, viele mögliche Lebensentwürfe. Sie wollen sich nicht festlegen. Sie sind ungeduldig, intolerant, sie wollen es mühelos. In dem Moment, in dem etwas nicht reibungslos ist, geben sie den Kontakt auf. Sie verlieren einander, und im Verlieren liegt ein süßer Schmerz, der ebenso kuratiert wirkt wie alles andere. Sie agieren stets verhalten, als stammten alle ihre Gefühle aus der zweiten Reihe.

„Fair wäre gewesen, einfach zu tolerieren, dass andere Menschen andere Bedürfnisse hatten, Tanja hingegen unterstellte denjenigen, die verglichen mit ihr entweder mehr Lust hatten oder deutlich gehemmter waren, ein tiefer liegendes Problem. Als wäre sie, Tanja Arnheim, die einzig emotional gesunde Person auf der Welt.“

Tanja und Jerome sind arrogant. Man möchte ihnen, während man dieses Buch liest, ins Gesicht schlagen, weil sie so nerven. Sie sind zögerlich, weinerlich, von sich überzeugt, bindungsunfähig, weiß, privilegiert. Man hat den Eindruck, dass sie keine Ahnung haben, was wahre Probleme sind. Damit hat Leif Randt geradezu meisterhaft aufgezeigt, wie diese Generation (zum Teil, man kann natürlich nicht pauschalisieren) tickt, wie sie sich selbst sieht. Große Gesten der Liebe gibt es nicht mehr. Stattdessen viel Gleichgültigkeit. Das Leben, Freundschaften, Beziehungen, sind eher etwas, das ihnen zustößt, während sie damit beschäftigt sind, über Entscheidungen nachzudenken, die sie letztlich nicht treffen. In einem ganz eigenen Sound, jeder Satz durchkomponiert bis ins kleinste Detail, erzählt Leif Randt von Menschen, die so auf sich konzentriert sind, dass andere zu reinen Statisten verkommen. Was ihnen hinterher bleibt, ist Reue. Aber auch die ist ihnen letztlich gleichgültig.

„Es stimmte schon, sie war selten hingerissen von Werken bildender oder darstellender Kunst, und von Literatur schon gar nicht. Aber sie sah darin kein Problem, im Gegenteil, es beruhigte sie viel eher, dass nichts wirklich toll war. Das wirklich gelungene Artefakt – vielleicht ein Video, wahrscheinlich ein Buch –, das würde sie, Tanja, eines Tages selbst herstellen.“

Allegro Pastell von Leif Randt ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

Bücherwurmloch

„Paris war hässlich, verdorben und ungesund, wie eine syphilitische Nutte“

„Als Aurélie am Bahnsteig C der Gare de Lyon aus dem Zug stieg, hatte sie nicht die geringste Lust, Paris zu erobern.“

Und Paris würde sich sowieso nicht von ihr erobern lassen. Die junge Frau, knapp zwanzig Jahre alt, entflieht ihrem langweiligen Elternhaus in Grenoble, wo sie zwei Semester mehr als lustlos Jura studiert hat, um in Paris ihr Glück zu suchen. Allein: Dieses Glück lässt sich nicht finden. Aurélie nimmt einen Job als unterbezahlte Empfangsdame an, bei dem sie jeden Tag woanders hingeschickt wird, schläft in einem Mehrbettschlafsaal, sitzt Stunden über Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln. Sie hat keine Freunde, und Alejandro aus Kolumbien, in den sie in Grenoble verliebt war, ist weitergezogen. Aurélie ist einsam, zutiefst frustriert, am Beginn ihres beruflichen Lebens schon am Ende ihrer Kräfte.

„Sie hatte keine Angst vor geistiger Arbeit, auch nicht vor körperlicher Anstrengung. Sie wollte nur irgendwas erreichen und wartete darauf, dass etwas passierte. Aber es passierte nichts.“

Fehlstart ist ein Buch voller Hass. Es gibt kaum einen positiven Satz darin, kaum ein schönes Gefühl. Glückliche Menschen schon gar nicht. Es erzählt von Geldnot und Perspektivenlosigkeit, von Alleinsein und der Unmöglichkeit, Beziehungen aufzubauen. Marion Messina, selbst in Grenoble geboren, erzählt vom miesen Bildungssystem, der Langeweile an den Schulen und Universitäten, der Verzweiflung all jener, die versuchen, sich in einer völlig überteuerten Großstadt etwas aufzubauen. Von jeder Seite schreit einem die Wut entgegen, die irgendwann in Resignation kippt. Aurélie gelingt es nicht einmal, eine Wohnung zu finden, sie kommt bei einem fünfundzwanzig Jahre älteren Mann unter und schläft mit ihm, nur um ein Dach über dem Kopf zu haben. Man sieht sie und die anderen Figuren des Romans so deutlich vor sich. Wie ereignislos ihr Leben ist, wie müde sie sind. Wie anders sie sich das alles vorgestellt haben.

„Für Familien gab es keinen Platz mehr, die Lebensorte waren trostlos geworden, Paris zu verlassen, dauerte eine Stunde; Bahngleise, Postverteilzentren, Kläranlagen und Gewerbegebiete hatten die Parks und Felder von einst ersetzt, die Flüsse waren Kloaken, die Luft konnte man kaum atmen. Die Stadt hatte weder Charme noch Kultur.“

Stellenweise ist mir das zu überspitzt. Aurélie ist ein gar so graues Mäuschen, sie bemüht sich, tut alles, scheitert immer nur, die Männer nutzen sie aus, die Eltern verstehen sie nicht, jeder Charakter wirkt wie ein Abziehbild. Alles ist schlecht, alles ist elendig. Sie ist ein wenig puppenhaft, macht sich abhängig von einem Mann, hat ihm nichts entgegenzusetzen. Aurélie und die anderen haben in diesem Buch die Wahl zwischen dem Übel der Großstadt und dem Übel des Landlebens, was auch immer sie tun, ist falsch und macht sie unglücklich. Ein zutiefst deprimierender, vermutlich aber leider viel zu realistischer Roman über Glückssuchende, die nur eine große Leere finden.

Fehlstart von Marion Messina ist erschienen bei Hanser.

 

 

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„Als die Sonne hinter den Gipfeln verschwand, wurde sofort das ganze Gewicht der Berge spürbar“
Es sind Beobachtungen, die so oder ähnlich jeder von uns schon gemacht hat, von denen Andreas Bernard da berichtet. Der Unterschied ist nur: Während unsereins vermutlich nicht einmal innegehalten hat, um den Moment zu registrieren, hat er sogar die richtigen Worte dafür gefunden. Wer jemals versucht hat, etwas zu schreiben, der weiß: Je kürzer, desto schwieriger. Alles, was pointiert sein muss, alles, was komprimiert sein muss, ist ungleich schwerer zu formulieren als ausführliches Geschwafel. Andreas Bernard scheint der Meister seines Fachs zu sein: Seine Kurzbeschreibungen sind so treffend, dass sie Augenblicke lebhaft heraufbeschwören und uns verständnisvoll nicken lassen, oft mit einem Schmunzeln im Gesicht. Weil wir uns erkannt fühlen, weil wir eine Art Verbundenheit spüren, weil wir wissen, wovon er spricht.

Laufende Ermittlungen besteht aus lauter solchen Momentaufnahmen, die Andreas für das ZEITmagazin geschrieben und gesammelt hat. Man kann das Buch immer mal wieder in die Hand nehmen, ein paar Seiten lesen und es wieder weglegen, es spielt keine Rolle, an welcher Stelle man es öffnet, die „Notizen aus dem Alltag“ haben eine angenehme Allgemeingültigkeit. Sie schaffen außerdem etwas Schönes: dass man selbst auch wieder aufmerksamer wird für das, was einem begegnet, die Geräusche, Gesichter, das Verhalten der Menschen, die vermeintlichen Zufälle, die kleinen Zwischenmomente. Dies ist ein Buch, das wie eine freundliche Aufforderung wirkt, die Augen zu öffnen und all das, wovon Andreas Bernard erzählt, zu bemerken. Auch wenn wir es garantiert nicht so treffend formulieren können wie er.

Lieblingsnotiz:
„Der Schriftsteller, der in Depressionen verfiel, als er einmal beim Gang durch ein Möbelhaus seinen Roman im Regal eines Musterzimmers fand.“

Laufende Ermittlungen von Andreas Bernard ist erschienen bei Klett-Cotta/Tropen.

Bücherwurmloch

„Werde ich jemals die Sprache der Liebe kennen. Werde ich je wieder irgendwo zu Hause sein“
Maryam ist noch ein junges Mädchen, als sie von Boko Haram aus der Schule entführt und an einen entlegenen Ort gebracht wird, an dem sie die Hölle auf Erden erwartet. Zwischen Schlägen, Gebeten und systematischen Vergewaltigungen versucht Maryam, irgendwie zu überleben, auch wenn sie nach einer Weile nicht mehr weiß, wozu es sich noch lohnen sollte zu leben. Viele Frauen sind mit ihr eingesperrt und gefangen, manchmal gibt es ein wenig Zusammenhalt unter ihnen, meist jedoch nicht. Gegen ihren Willen wird Maryam verheiratet und bekommt ein Kind. Als ihr die Flucht gelingt, nimmt sie dieses Kind, das sie Babby genannt hat, mit und schlägt sich mit ihm gemeinsam durch bis nachhause. Doch als sie dort ankommt, wird sie alles andere als herzlich empfangen.

Edna O’Brien ist einerseits eine Schriftstellerin von Weltruhm, andererseits eine betagte Dame: Sie ist 90 Jahre alt. Das hat sie aber nicht davon abgehalten, nach Nigeria zu reisen, zu recherchieren, Fragen zu stellen, Spuren zu verfolgen. Sie hat sich von betroffenen Mädchen und Frauen erzählen lassen, was ihnen geschehen ist, und sie gibt deren Geschichten in diesem Buch wieder. Vielleicht hat sie die Berichte in literarische Form gegossen, ja, aber ansonsten hat sie nichts daran verändert, und das gibt diesem Buch so viel Wahrheit, macht es ehrlich, authentisch und unglaublich schmerzhaft. So viel Hass, so viel Leid und Schmerz liegen darin, dass man immer nur wenige Seiten am Stück lesen kann. Das Mädchen ist ungemein intensiv, heftig, unverstellt, es ist wahnsinnig traurig und bedrückend. Zugleich ist es aber auch ein Zeugnis, ein Sprachrohr. Es verleiht jenen eine Stimme, die keine haben, weil ihnen niemand zuhört. Ich bin schwer beeindruckt von Edna O’Brien und ihrem Mut.

„Es liegt nicht in unserer Macht, etwas zu ändern“, sagte sie.
„Warum nicht?“, fragte ich.
„Weil wir Frauen sind.“

Das Mädchen von Edna O’Brien ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

Bücherwurmloch

„Manchmal kann ich ein Kitzeln ganz unten am Steiß spüren: das Alte Wissen“
Wir sind im Norden Kanadas, am Rand des Eismeers. Es ist nicht nur kalt, vielmehr herrschen Temperaturen, bei denen man sich fragt, wie Menschen überhaupt überleben können. Und warum sie sich ausgerechnet hier angesiedelt haben. Die Ich-Erzählerin ist elf, später ein Teenager, eine junge Frau. Im Frühling ist sie mit ihren Freunden in der Tundra unterwegs, auf der Suche nach Abenteuern. Nicht selten begeben sie sich dabei in Lebensgefahr, auf dem Eis, auf dem Wasser. Sie schnüffeln Kleber und andere Stoffe, die high machen, Hauptsache dem kargen Leben entfliehen. Die Erwachsenen nutzen dazu andere Möglichkeiten, sie saufen.

„In diesem Haus herrschen die Kinder. In einer kalten Sommernacht rotten wir uns zusammen. Aluminiumfolie gegen die Sonne vor den Fenstern, eine Socke im Loch, in dem einmal ein Türknauf war, damit die Kleinen nicht spionieren können. Es ist unser Schutzhaus, in dem niemand trinkt. Keine Erwachsenen, keine Vorschriften.“

Tanya Tagaq, selbst in Kanada geboren, hat sich als Sängerin einen Namen gemacht. Für uns mutet ihr Gesang vielleicht seltsam an, und ihr Buch tut es auch. Das macht es aber so faszinierend. Es ist unergründlich, mystisch, verwirrend, es ist poetisch und schwarz und bitter. Prosa wechselt sich ab mit lyrischen Passagen, manche Metaphern scheinen für etwas Großes zu stehen, das man nicht so recht fassen kann. Beim Lesen hat man das Gefühl, nichts zu verstehen und doch gleichzeitig alles. Auch wenn es nie konkret gesagt wird, behandelt der – angeblich teilweise autobiografisch unterlegte Roman – sexuellen Missbrauch. Es geht ums Aufwachsen und ums Entkommen, um die Hilflosigkeit von Kindern angesichts Erwachsener und um die Hilflosigkeit der Menschen angesichts der so viel mächtigeren Natur.

„Fuchs ist schöner als der schönste Mensch, den ich je gesehen habe. Ich kann ihn spüren. Stark und rein, für ihn geht es nur ums Überleben, er ist unbeschwert von all den Lügen, die Menschen sich unbewusst aufbürden. Klarheit. Würde. Was wir Menschen verloren haben, ist für den, der in der Natur lebt, offensichtlich.“

Eisfuchs von Tanya Tagaq ist erschienen im Verlag Antje Kunstmann.

 

 

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„I was young then, it was a wonderful time“
Er ist ein Lehrer aus Amerika und lebt lange genug in Bulgarien, um die Sprache zu verstehen, um sich den Menschen nah zu fühlen. Nah kommt er vor allem den Männern, mit denen er Sex hat, sie unterscheiden sich stark voneinander, die Spielarten tun es auch. Er verabredet sich online, trifft sich mit ihnen, bereut das hinterher manchmal und manchmal nicht. Bulgarien ist ein Land der Hoffnung, in dem man sich gefreut hat über den Aufbruch, der letztlich doch nicht kam. Wie sieht so ein Land aus, betrachtet durch die Augen von einem, der hier nicht geboren ist? Freunde hat der Lehrer in Sofia kaum, und wenn er an Demonstrationen teilnimmt, wenn er politisch wird, dann eher unabsichtlich. In einen der Männer, die er hier kennengelernt hat, hat er sich verliebt, das Ende dieser Liebe hat er nie überwunden.

Garth Greenwell, der mit seinem vielgelobten Roman Was zu dir gehört geglänzt hat, hat einen ganz eigenen Stil: Er schreibt introvertierte Männer, er schreibt Melancholie und tiefgehende Ausgegrenztheit, er schildert Distanz, Nachdenklichkeit, Traurigkeit. Sein Protagonist, der versucht hat, in Sofia eine zweite Heimat zu finden, zumindest eine Heimat auf Zeit, ist ein sensibler Mann, der sich mit den Begegnungen und Dates auseinandersetzt, die seinen Aufenthalt in Sofia geprägt haben. Dabei geht es um Sex und Politik, in erster Linie um heftigen, intensiven, schmerzhaften Sex, der meist keinen Spaß macht, der zumindest einem der Beteiligten ernsthaft wehtut, es geht um Befriedigung und die Suche danach, um den Sex von Fremden und den Sex von Liebenden. Greenwell lässt kein Detail, keine Körperstelle, keine Regung aus, und trotzdem: Dieses Buch ist kein heiterer Mitmachporno, dazu ist es viel zu bedrückend. Im Gegensatz zu Greenwells Erstling hat es keine zusammenhängende Romanhandlung, die Kapitel sind vielmehr einzelne Geschichten, deren Klammer Sofia als gemeinsamer Ort ist. Interessant finde ich, dass ein Mann, der auf diese Weise Sex hat wie der amerikanische Lehrer im Buch, frei bleibt von den Urteilen, mit denen eine Frau sich konfrontiert sähe, dass er zu keiner Zeit einer Wertung ausgesetzt ist, nicht einmal im inneren Monolog. Ein gut geschriebenes, stellenweise verstörendes, insgesamt seltsames Buch, bei dem ich auf eure Meinungen gespannt bin, sobald es auf Deutsch erscheint.

Bücherwurmloch

„Wie absurd das eigentlich war, dachte ich: zu leben, während andere tot waren“
Inas Mutter war eine sehr bekannte Schauspielerin, dann eine weniger bekannte Schauspielerin, und jetzt ist sie tot. Ina ist nicht sicher, ob ihre Mutter absichtlich gegen den Baum gefahren ist oder ob es ein Unfall war, und jetzt hat Ina nur noch Falk. Mit ihm wohnt sie zusammen in einer WG in Hamburg, die beiden verbindet eine Freundschaft, aus der vielleicht Liebe hätte werden können und die deshalb seltsam schief ist. Die Fächer, die Ina studiert hat, haben sie geradewegs in die Arbeitslosigkeit geführt, und so beginnt Ina am Theater in der Kantine zu arbeiten. Dort haben ihre Eltern sich kennengelernt. Dort wird ihr Vater, der vermutlich gar nicht weiß, dass es Ina gibt, in Kürze den Sommernachtstraum inszenieren. Und dort trifft Ina auf Paula.

Zuerst hab ich gedacht, das ist wieder so ein Buch, in dem ein junger Mensch einen Elternteil verliert und sich selber sucht. Ein bisschen ist das auch so, aber Janna Stennfatt hat genug unerwartete Wendungen eingebaut, um mit ihrem Roman einigermaßen sicher die Klischees zu umschiffen. Vor allem mag ich ihre Protagonistin Ina, die kratzbürstig und distanziert ist und Menschen nicht leiden kann:

„Ich schlief schlecht, wenn ein Mensch in der Nähe war, der atmete und sich bewegte und am Morgen einen unfrischen Geruch verströmte.“

Und ich mag den Ton, der angenehm melancholisch ist, stellenweise fast poetisch, dann wieder hanseatisch kühl. Die Überflüssigkeit der Dinge ist ein leises Buch, das von Begegnungen erzählt, von Gefühlen, die nicht ausgesprochen werden, von Menschen, die aneinander vorbei lieben. Es enthält klug formulierte Sätze, die mich lächeln lassen, zum Beispiel:

„Die Mutter meiner Mutter war früh gestorben, und wenn ich fragte woran, erhielt ich immer die gleiche Antwort: am Leben.“

„Die Selbstsicherheit in die Jahre gekommener Männer müsste man haben, dachte ich.“

Das Gute an diesem Roman liegt in seiner Unaufgeregtheit und seiner Unberechenbarkeit. Ein wenig zu unzugänglich sind mir die Menschen, von denen ich mir dann doch ab und zu gewünscht hätte, sie würden sich mehr mitteilen. Aber genau das macht natürlich das Karge, Schweigsame, Traurige aus. Ein leicht lesbares, schönes Buch.

Die Überflüssigkeit der Dinge von Janna Stennfatt ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

Bücherwurmloch

„Sie sind nur Löcher. Riesige Lücken aus weichem Fleisch. Sündhafte, feuchte Wüsten, durch die sich der Mann wie Gott seinen Weg bahnt“
Ich habe lange überlegt, ob ich zu diesem Buch etwas sagen soll, und vor allem: was. Denn einerseits finde ich es gut, wenn über sexualisierte Gewalt gesprochen wird, ich finde es wichtig, von Vergewaltigung und Missbrauch zu erzählen, das Tabu aufzubrechen. Andererseits hatte ich mit diesem Roman so meine Probleme, die vor allem darin gründen, dass er arg schwarz-weiß gezeichnet ist. Überspitzt gesagt: die Frau das arme Opfer, die Männer die bösen Schweine. Das ist mir zu simpel, und schade finde ich auch, dass Inès Bayard ihre Charaktere nicht tiefer ausgelotet hat. Maries Leben ist angeblich perfekt, in Wahrheit ist sie schon vor der Vergewaltigung durch ihren Chef unglücklich, alles ist fad. Ihr Mann Laurent, von dem immer wieder gesagt wird, er liebe sie so sehr, nimmt sie nicht wahr. Auch nicht, als sie verletzt und zerschunden ist. Auch nicht, als sie dem Abgrund nah ist und schließlich hineinfällt, eher: hineinspringt.

„Manchmal fragt sie sich, wann ihrem Mann wohl auffallen wird, dass es ein Problem gibt. Vielleicht nie. Er verschließt die Augen vor den Tatsachen, liebt seine Frau von ganzem Herzen, ahnt nichts von ihrer Verzweiflung.“

Ja eh. Der ach so blinde Mann, und da hat es sich Inès Bayard in meinen Augen ein wenig zu einfach gemacht: Die Frau schweigt, nimmt ihre Opferrolle an, kuschelt sich richtig hinein in diese Opferrolle, richtet ihren Hass erst nach außen, dann nach innen, niemand hilft ihr, alle sind’s blind und bös. Da hätte ich mir mehr Differenzierung gewünscht, mehr Ambivalenz. Es ist zudem bei französischen Autor*innen oft so, dass sie kühl bleiben, ihre Figuren aus der Distanz beschreiben, wie in einem Bericht. Ich habe dann Schwierigkeiten, mich hineinzufühlen, und Marie hat mir das gaz besonders schwer gemacht. Ich weiß, dass es Frauen wie sie gibt. Ich kann sie verstehen. Ich kann alles an den Geschehnissen nachvollziehen. Und trotzdem haben die Klischees und Stereotype mich zum Teil wahnsinnig gemacht. Am besten zeigt das dieses Zitat:

„Während sie brav neben ihrem Mann sitzt, denkt sie plötzlich, dass sie das perfekte Beispiel für das ist, was die Gesellschaft missbilligt: eine schwache, dicke, feige Frau, die ihr Kind nicht liebt, ihre Familie im Stich lassen will, sexuell kaum aktiv ist, ineffizient und überfordert im Beruf, und schon zu alt.“

Das beschreibt diese Protagonistin perfekt, die sich selbst nur durch die Augen des Patriarchats wahrnimmt. Generell aber hoffe ich, dass Bücher wie dieses dazu beitragen, dass nicht mehr beschämt geschwiegen wird, sondern Geschichten über sexualisierte Gewalt ihren Platz finden. Dass darüber gesprochen wird und letztlich mehr dagegen getan wird. Das ist natürlich eine naive Hoffnung, doch was bleibt mir sonst? Scham ist laut Eigenbeschreibung ein Buch über eine Vergewaltigung und die „Frage, wie eine Frau damit umgeht“. Der Roman selbst als Antwort kann nur eins bedeuten: Nicht so. Bitte nicht so.

Scham von Inès Bayard ist erschienen bei Zsolnay/Hanser.

Bücherwurmloch

„Das war in diesem Leben nun mal der Deal: Sosehr man auch versuchte, es zu vermeiden, irgendwann musste man doch reden“

„Ich hatte gehofft, in dieser Lebensphase längst ein anderer Mensch zu sein, dabei wurde ich in Wirklichkeit immer weniger jemand anders und immer mehr ich selbst. Ich fand das beunruhigend.“ Kein Wunder, denn dieses „ich selbst“, das die Frauen in Nicole Flatterys Geschichten sind, ist unergründlich. Sie sind Mädchen, die sich zum ersten Mal verlieben. Sie sind Frauen, die längst nicht mehr an die Liebe glauben. Sie haben Affären, sie haben Beziehungen, aber sie fühlen sich darin nicht erkannt, nicht gesehen. Mit Männern treten sie durchaus in Kontakt, doch alles daran bleibt schal. Jede Short Story hat eine Frau als Protagonistin, sie sind alle unterschiedlich und vielleicht doch dieselbe. Sie sind nicht in ihrer Mitte, lassen sich seltsam passiv zu Dingen zwingen, die sie nicht tun wollen, wünschen sich, viel zu empfinden, und fühlen doch in den wichtigsten Momenten nichts.

Nicole Flattery begeistert mit großartigen Sätzen, die aus den Geschichten herausleuchten. Schöne Vergleiche, treffsichere Metaphern, fein austarierter Stil.

„Mit siebzig, nach mehreren schweren Enttäuschungen, von denen die erste meine Mutter war und die zweite ich, starb mein Vater.“

Etwas wirr sind die Storys zum Teil, nicht immer kann man den Erzählerinnen folgen, sie verstehen, nachvollziehen, was sie tun, und manchmal tun sie auch einfach herzlich wenig. Trotzdem ist da etwas an den Geschichten, das aufhorchen lässt, es liegt an der Atmosphäre, der Stimmung. Lange habe ich nach der Klammer gesucht, die alles zusammenhält, nach Gemeinsamkeiten, zuerst dachte ich, es sei die Passivität der Frauen, dann, dass sie nicht wissen, wer sie sind, was sie wollen, dass sie so verloren sind in sich selbst, letztlich habe ich es nicht gefunden, es lässt sich nicht greifen. Nachdem die Abtreibungsgeschichte in der Mitte des Buchs mich fast in den Wahnsinn getrieben hat, hätte ich beinahe aufgehört zu lesen – doch dann haben mir die Storys am Ende viel besser gefallen als jene zu Beginn. Vielleicht ist es so, dass man sich einlassen muss auf das Untergründliche, das die Geschichten, die Figuren ausmacht, dass man aufhören muss, zu versuchen, ihr Rätsel zu lösen. Es ist unlösbar.

Lieblingszitat:
„Ich lächelte. Ich wusste, mit diesem Lächeln war der Gipfel meiner Begeisterung für den Abend erreicht, und am nächsten Morgen würde ich weniger angenehm zugedröhnt aufwachen, dafür mit einem neuen Hass im Herzen.“

Zeig ihnen, wie man Spaß hat von Nicole Flattery ist erschienen bei Hanser Berlin.

Bücherwurmloch

„Im Kopf wird es flauschig, noch bevor man sich küsst, bitte schön!“

„Seit seinem neunzehnten Lebensjahr wollte er sich immer in einen Fluss stürzen.“ Dafür ist der Herr Rudi dann aber ganz schön alt geworden, mittlerweile ist er nämlich frisch pensioniert. Einen Plan für die Pension hat er auch gehabt, er wollte das Haus von der Livi kaufen und dort, in Grödig, gemütlich alt werden. Die Livi war die große Liebe vom Herrn Rudi, und sie ist gestorben, als er neunzehn war. Daher auch die Sache mit dem In-den-Fluss-Stürzen. Seit über vierzig Jahren sitzt die Livi dem Herrn Rudi jetzt schon als Geist auf der Schulter, und manchmal, das hat Anna Herzig bei ihrer Lesung im Literaturhaus Salzburg im Februar sehr schön geschildert, ist das sehr anstrengend, sich so viele Jahre lang mit einer Neunzehnjährigen zu unterhalten. Das hat jetzt aber eh bald ein Ende, der Herr Rudi hat nämlich eine Diagnose. Deswegen wird es nichts mit dem Livi-Haus und mit der gemütlichen Pension. Vielmehr kniet der Herr Rudi gerade nackt in einem Hotelbadezimmer, kann sich nicht mehr rühren, neben ihm eine Badewanne voller Heidelbeeren, die Flasche mit dem Alk ist davongerollt, und eigentlich möchte er nur den Fritz anrufen, seinen besten Freund, um ihm Lebwohl zu sagen.

„Manchmal hilft nichts anderes, als das gesamte Leben in eine mit Blaubeeren gefüllte Badewanne hineinzuweinen.“

Anna Herzig ist ein Spagat gelungen: Sie hat über einen alten, weinerlichen Mann geschrieben, ohne ihn dem Spott des Lesers preiszugeben. Traurig ist der Herr Rudi schon sein ganzes Leben lang, und die Erzählung, die zum Ende dieses Lebens einsetzt, zeigt, dass man manchmal das Beste in jungen Jahren geschenkt bekommt und danach nichts mehr folgt. Viel Zeit, ja, viel Langeweile, gutes Essen manchmal, kleine Glücksmomente, aber sonst eigentlich nichts. Für den Herrn Rudi war es eigentlich damals bereits vorbei. Um Verlust und Trauer geht es in Anna Herzigs Buch, um Schicksal, Einsamkeit und Orangenmarmelade. Die unglaublich sympathische Autorin, die ihr dringend live erleben solltet, weil sie so eine warme Stimme hat und so typisch österreichisch melodisch liest, hat viel Mitgefühl für ihre eigene Figur, das macht ihr Buch so warm und liebevoll.

Lieblingszitat:
„Es soll Menschen geben, die bereiten dir derart Kopfschmerzen, da hilft keine Tablette mehr. Und dann gibt’s Menschen – selten aber doch, so hört man –, die balancieren einem die Gehirnwindungen auf zärtlichste Weise aus.“

Herr Rudi von Anna Herzig ist erschienen bei Voland & Quist.