Bücherwurmloch

„Und dann hat er endlich gedacht: Der erwürgt mich“
Es ist Dezember, und Édouard ist auf dem Weg nachhause, es ist dunkel, es ist Nacht. Da begegnet er Reda, einem Mann, der ihn anspricht, der ihm folgt oder vielmehr neben ihm geht, und warum nicht, Édouard nimmt ihn mit nachhause. Er hat sich nicht viel dabei gedacht, wird er später sagen, und zunächst läuft auch alles so, wie es im Idealfall läuft mit einer solchen Zufallsbekanntschaft: Der Sex ist gut, die Gespräche sind es auch. Dann gibt es einen Moment, oder vielleicht waren es mehrere Momente, in denen gerät etwas außer Kontrolle, der Gast in Édouards Wohnung wird zur Bedrohung. So oft wird er diese Geschichte später wiedergeben, in all ihren Details, wird besessen davon sein, sie in Worte zu fassen, und doch wird er nie wissen, welcher Augenblick entscheidend war. Reda versucht, Édouard mit einem Schal zu erdrosseln, er vergewaltigt ihn, er bestiehlt ihn und verursacht in Édouard das schlimmste aller Gefühle: Todesangst.

Das Ende von Eddie ist ein großartiges Buch, mit dem der junge Édouard mich vor einer Weile massiv beeindruckt hat. In seinem neuen Werk schreibt er über die wohl schrecklichste Nacht seines Lebens, über ein Erlebnis, das ihn mit Sicherheit traumatisiert hat. Er bedient sich dafür eines kuriosen Stilmittels, das ihm einerseits vermutlich hilft, das Geschehen aufzuarbeiten, andererseits literarisch interessant ist: Er lässt seine Schwester wiedergeben, was er ihr zuvor erzählt hat. Dazwischen kommentiert er das, was sie sagt, und fügt eigene Gedanken hinzu. Das wirkt leicht schizophren, ist aber freilich ein schlauer Kunstgriff: So vermischen sich seine eigenen Ansichten mit denen der Schwester, die diese Nacht durch ihren Filter wahrnimmt.

Im Herzen der Gewalt ist ein intensives, ein gleichzeitig nüchternes und überaus emotionales Buch, das versucht, in Worte zu fassen, was man kaum auszudrücken vermag: dass einem ein anderer Mensch Gewalt antut. Unvermittelt, ohne Auslöser, ohne Vorahnung und vor allem: in einer vermeintlich sicheren Situation – in die man sich auch noch selbst gebracht hat. Es war außerordentlich mutig von Édouard Louis, von dieser Nacht zu erzählen, dabei nichts auszusparen, weil es eine so hohe Zahl von Opfern gibt, die schweigen, die sogenannte Dunkelziffer, weil alle diese Dinge nach wie vor mit Shaming und Schuld behängt sind, und das sollte aufhören. Wem Leid widerfahren ist, der sollte davon berichten können, ohne verurteilt zu werden, dem sollte geholfen werden in jeder Hinsicht. Und genau deshalb ist dies ein sehr wichtiges Buch, das vielleicht nicht nur Édouard bei der Aufarbeitung hilft, sondern der ganzen Gesellschaft.

Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis ist erschienen bei Fischer (ISBN 978-3-10-397242-9, 224 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Es gibt keine Frau, nirgendwo, die nicht von einem Mann in den Dreck gezogen wird und liegen gelassen“

„Wenn sie ihm ins Gesicht sah, kam ihr zuweilen der Gedanke, dass alle Frauen von der Wiege bis zum Tod verdammt waren; allen war auf die eine oder andere Weise dasselbe grausame Schicksal zugedacht: Sie waren auf der Welt, um die Last der Männer zu tragen.“

Und sie tragen schwer an dieser Last, Florence und Deborah und Elizabeth, allesamt schwarze Frauen im Amerika der Dreißiger- und Vierzigerjahre, sehr schwer. Ihre Leben sind verbunden mit denen der Männer, sie sind ihnen ausgeliefert in jeder Hinsicht. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum die Frauen thematisieren, ist das nicht ein Buch über einen Jungen, der dem Einfluss seines Priester-Vaters zu entkommen versucht, ist das nicht ein Roman über Rassismus und die Folgen der unmenschlichen Sklaverei? Natürlich. Aber nichts von dem, was geschieht, wäre geschehen, hätte es nicht diese Entwertung der Frauen gegeben. Sie werden geschwängert und im Stich gelassen, sie werden entehrt, entwürdigt, weil die Männer vorgeben, wie sie zu sein haben, genau dieselben Männer, die ihnen alles entziehen, die sie schlagen und für vermeintliche Sünden büßen lassen. Sünden, die niemand anderer begangen hat als diese Männer selbst.

James Baldwins großer, wiederentdeckter, hochgelobter Roman ist nicht nur ein Roman über Religion und Wahn, über Rassismus und Gewalt, sondern auch einer über Frauen. Die Frauen im Hintergrund, denen so viel Ungerechtigkeit angetan wird, von der Gesellschaft im Außen, von den Ehemännern im Innen, und hier gerät alles in Bewegung, hier liegt die Saat, die später aufgeht in den Kindern. Was kann Gutes kommen von Menschen, die nur die Ketten weitergeben, in denen sie selbst gefangen sind? Niemand handelt nach dem, was er predigt in diesem Buch, niemand lebt die Nächstenliebe, von der das Christentum so hochtrabend erzählt. Stattdessen gibt es Schläge und Lügen, Betrug, Verrat, Selbstgerechtigkeit und Verletzungen, die über Generationen hinweg schmerzen. James Baldwin hat dafür einen sehr eigenen Ton gefunden, der sich hineinschraubt in den Leser, einprägsam und schonungslos. Dies ist ein Buch, das seinen Inhalt ausschüttet über einem, es hat eine Wucht, die einen atemlos macht, beinahe beängstigend ist das, ein Sturm aus Ohrfeigen.

Die Menschen, sie zerfleischen sich selbst, sie zerfleischen einander. Und Religion ist ihnen dabei ein Antrieb, eine Rechtfertigung, Religion bildet Regeln aus, willkürlich von Menschen erdacht und von einem vermeintlichen Gott besiegelt: Du darfst keinen Sex haben vor der Ehe, und wenn du doch welchen hast, mögest du verdammt sein, du darfst nichts anderes wollen als Beten, du darfst der Versuchung nicht nachgeben, die überall lauert, und dem Teufel nicht. James Baldwin steigert das Religiöse, in das der Mensch gerät, zu einem Rausch, der wirrer und wirrer wird, zu einem Hurrikan, dem keine seiner Figuren entkommen kann. Das ist großartig und zermürbend und wichtig und klug, es ist wahr, und es ist vor allem eins: unendlich traurig.

Von dieser Welt von James Baldwin ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-28153-9, 320 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

Heute war ich im Wald, oben auf dem Berg, und als ich den Farn gesehen habe, habe ich mich daran erinnert, wie ich im Frühling darauf gewartet habe, dass der Schnee schmilzt, wie ich darauf gewartet habe, dass der Farn zum Vorschein kommt, grün wird, wie ich dann ein Foto gemacht habe von meinem Buch in all diesem Grün. Und jetzt ist nicht nur der Frühling vorbei, sondern auch der Sommer, der Farn ist dunkelgrün fast braun, ich stand davor und hab gelächelt. Es ist okay, es ist gut so, es ist ein Zeichen, dass etwas zu Ende geht – dieses Jahr, der Zyklus der Natur und meine wilde Reise.

An dem Tag, an dem mein Roman erschienen ist, habe ich geschrieben: Natürlich kann es sein, dass das Buch und ich nun einfach sang- und klanglos in der Masse der Neuerscheinungen untergehen. Wir wissen alle, wie kurzlebig Bücher heute sind, wie schnell sie von denen, die nachkommen, begraben werden. Aber vielleicht hab ich ja Glück, jenes Quäntchen Glück, das den Unterschied macht.

Heute, exakt sieben Monate später, kann ich ganz eindeutig sagen: Es ist nicht untergegangen. Und zwar dank euch. Dank euch Lesern, dank euch Bloggern, euch Buchhändlern und Instagrammern. Dank meinem Verlag und meiner Agentin und all diesen Menschen, die sich für Dunkelgrün fast schwarz eingesetzt haben, die es gelesen und ihre Begeisterung geteilt haben, die darüber geschrieben und es empfohlen haben, die es in ihrer Buchhandlung den Kunden in die Hand gedrückt und auf Social Media davon geschwärmt haben. Mich hat eine Welle des Wohlwollens überrollt, was sag ich, von den Beinen gerissen, ich habe so viele großartige, übersprudelnde Nachrichten und Mails bekommen, auf allen Kanälen, Menschen haben mich angeschrieben und mir erzählt, was das Buch mit ihnen gemacht hat und warum, und das ist ohne Scheiß das Beste, was passieren konnte. Weil ich nämlich so dringend ein Buch schreiben wollte, das niemanden kalt lässt, das die Leser aufwühlt und etwas in ihnen auslöst, daran habe ich so hart gearbeitet – und jede einzelne Rückmeldung hat mich sehr stolz und sehr glücklich gemacht.

Ich hatte bisher über 30 Lesungen, ich habe berichtet, wie es zu diesem Roman gekommen ist, ich habe Moritz, Raffael, Johanna und Marie aufleben lassen, wieder und wieder, an so vielen Abenden, bei so vielen schönen Gelegenheiten. Die Leute haben zugehört, sie haben gelacht, sich interessiert, gefragt, sie haben sich angestellt, um das Buch signieren zu lassen, und das hört sich banal an, ja mei, ist doch normal für einen Autor, aber nein – das ist es nicht. Es ist etwas Besonderes, viele Menschen nehmen sich Zeit, und ich halte das nicht für selbstverständlich, im Gegenteil. Ich habe mich über jeden Besucher und jedes liebevolle Feedback gefreut, ich habe jede Nachricht beantwortet, von allen Lesern, von allen Buchhändlern. Ich war in Magazinen und Zeitungen, ich hatte Interviews und Fotoshootings, ich wurde von allen Seiten mit Aufmerksamkeit bedacht, und ich bin dafür sehr dankbar.

Das alles ist nicht immer nur eitel Sonnenschein, und ich bin zu ehrlich, das wisst ihr, euch das glauben zu lassen. So viele Lesungen zu machen, war brutal anstrengend – ich musste stets ein großes Drumherum an Organisation bewältigen und bin gar nicht die coole Rampensau, als die ich mich gebe. Wenn ich die Wahl habe, ob ich eine Bühne betrete oder nicht, dann möchte ich lieber nicht. Ich musste aber, und ich hab abgeliefert, weil es mir wichtig, dass die Leute, die kommen, einen richtig guten Abend haben, ich hab Hände geschüttelt und Fotos gemacht, ich war schlagfertig und souverän, und ich kann euch verraten: Man ist danach sehr ausgelaugt. Man ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional erschöpft.

Natürlich gab es nicht nur freundliche Rückmeldungen. Es gab Spott und Häme, es gab – und das ist völlig in Ordnung, das gehört dazu – negative Besprechungen, es gab das Feuilleton, das spüren hat lassen: „Ach, die kleine Bloggerin, was soll das schon werden?“ Es gab Moderatoren, die gesagt haben: „Ein Buch wie deins kommt natürlich nicht auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis – was meinst du, ist es zu trivial, um Literatur zu sein?“ Es gab Autoren, die die Augen verdreht haben mit Worten: „Ach, das ist dieses Buch, das auf Instagram so abging, na, da weiß man ja schon, auf welchem Niveau sich das bewegt.“ Nichts davon ist tragisch, ich halte das aus, ich bin bulletproof, doch man muss sich daran gewöhnen, dass man so in der Öffentlichkeit steht plötzlich, dass jeder, wirklich jeder, eine Meinung hat über einen – und die ungefragt überall hinrotzt, ohne dass man sich wehren und dazu Stellung nehmen kann. Und jetzt denkt ihr vermutlich: Ja, Mariki, dann darfst du halt kein Buch schreiben, wenn du damit nicht leben kannst, das stimmt auch – und ich kann es ja. Da ich wegen meines ständigen Gemotzes über Bücher kiloweise schlechtes Karma angehäuft hab, muss ich das allein ja schon deshalb wegstecken, damit das Universum im Gleichgewicht bleibt.

Und dann kam die Nominierung zum Österreichischen Buchpreis. Dunkelgrün fast schwarz ist auf derselben Longlist wie Robert Seethaler und Arno Geiger, DIE Literatur-Superstars des Landes, ich kann – ganz egal, was jetzt noch passiert – beruhigt sterben. Was sonst könnte ich noch erreichen? Oh, okay, ja, doch, da gibt es noch was: Der Roman ist auch nominiert für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler und wurde als eines von fünf Büchern am öftesten genannt. Eines von FÜNF! Das kommt von den Buchhändlern direkt, von den Menschen, die wohl am meisten im Jahr lesen, die die größte Auswahl an Büchern haben, die man überhaupt nur haben kann, und die gesagt haben: Dunkelgrün fast schwarz, geiles Buch! Was für eine wunderschöne Auszeichnung. Es spielt für mich keine Rolle, ob der Roman auf die österreichische Shortlist kommt oder ob er tatsächlich DAS Lieblingsbuch der Buchhändler wird, und ich poste das hier auch absichtlich schon heute, da beides noch nicht feststeht. Denn diese Geschichte und ich, wir sind weiter gekommen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Wir haben Menschen dazu gebracht, nachzudenken über Freundschaften, die toxisch sind, über Grenzen, die nicht gesetzt werden, über Momente im Leben, in denen man Nein sagen sollte. Wir haben so viel Schönes und Verrücktes und Erinnernswertes erlebt, dieses Buch und ich, und jetzt ist es Zeit, weiterzugehen.

Der Farn wird bald wieder bedeckt sein von Schnee. Ich habe ein neues Buch geschrieben. Und alles beginnt von vorn.

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„Liebe ist für alles die beste Motivation“
Am Set zum Film „Der Schatz der Sierra Madre“ soll der Journalist Leon herausfinden, wer der Schriftsteller ist, der sich hinter dem Pseudonym B. Traven versteckt. Er hat nicht nur den Roman geschrieben, auf dem der Film basiert, der dort mit Humphrey Bogart gedreht wird, sondern viele mehr, und seine Identität ist ein Rätsel. Es zu lösen, daran ist Leon bald nicht mehr so brennend interessiert, denn lieber spielt er Schach mit Humphrey und schläft mit der schönen Maria. Bliebe ihnen mehr Zeit, würde vielleicht sogar mehr werden aus dieser Bettgeschichte, die abrupt mit dem Verschwinden Marias endet. So ganz lässt die Frage nach B. Travens Herkunft Leon aber nicht los, und so reist er Jahre später nach Wien, wo er entscheidende Hinweise erhält. Doch die Suche ist noch lange nicht zu Ende – und sie wird ihn bis an seine Grenzen führen.

Im Jahr 2017 hat Torsten Seifert mit dem Manuskript zu diesem Roman den ersten Blogbuster-Preis gewonnen. Da ich Mitglied der Blogbuster-Riege war, musste ich dieses Buch natürlich lesen und hab es nun reichlich spät endlich getan. Torsten Seifert, ich sag dir eins: Du hast mich mächtig überrascht. Ich wusste ja, worum es geht in dem Roman mit dem – Entschuldigung – sehr blassen Cover, und habe eine eher wirre, vielleicht sogar dröge Story erwartet rund um einen mysteriösen Schriftsteller, eine Story, die am Ende nicht aufgelöst wird und mich genervt zurücklässt. Genau das Gegenteil war der Fall: Schon nach wenigen Seiten hatte ich mich festgelesen. Und ich hab das Flair genossen, das wir ganz automatisch mit den großen Gangsterfilmen und -geschichten verbinden. Spannend und noir-schwarz ist auch Wer ist B. Traven?, das mich wirklich glänzend unterhalten hat.

Großartig sind die Szenen, in denen Leon mit Humphrey Bogart Schach spielt, rasant und klug konstruiert ist die Suche nach diesem Schriftsteller, der nicht gefunden werden will. Was ich sehr mochte an diesem Buch, ist, dass es nicht vorgibt, etwas anderes zu sein, dass es nicht in die Irre führt mit möglichst hochtrabenden Sprachbildern, sondern dass es sich auf seine Stärken konzentriert: eine gute Geschichte zu erzählen, eine, die man gern lesen mag, weil sie mitzieht und zum Tüfteln anregt. Torsten Seifert hat die Stilmittel der alten Gangstergeschichten nicht ironisch verwendet, er hat sich nicht erhöht, sondern ist mit Genuss hineingesprungen in diese Art des Erzählens: schnelle Schnitte, undurchsichtige Typen, geheimnisvolle Frauen und die eine oder andere Zigarre erwecken die Vierzigerjahre literarisch zum Leben. Well done!

„Diese Welt mit all ihren Problemen, Enttäuschungen, Schmerzen und Hagelstürmen ist alles in allem immer noch zu schön, um sie zu verlassen. Sogar wenn du krank bist, des Lebens müde oder nahe an einem hoffnungslosen Ende. Die Sonne ist doch noch immer am Himmel, umgeben von Sternen.“

Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-50347-0, 269 Seiten, 20 Euro).

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„Alleinsein ist eine Kunst, die kaum einer beherrscht“
Blanca ist erst mal weg, denn Blanca hat die Nase voll. Von ihrer überdrehten Mutter und ihrem unsteten Leben, von diesem Alltag, der mehr einem Roadmovie gleicht als einem sicheren Hafen. Seit Blanca denken kann, ist sie mit ihrer Mutter unterwegs, denn die hält es nie lange an einem Ort aus. Von einer Schule zur anderen, von einem Kerl zum anderen, von einer Notlösung zur nächsten: Das macht Blanca seit fünfzehn Jahren mit, und nach einem letzten großen Streit mag sie nicht mehr. Sie will zu Toni, der in Italien wohnt, Toni, bei dem sie sich wohlgefühlt hat damals, bei dem sie dachte, sie könnten vielleicht doch eine Familie werden, sie und ihre Mutter und Toni und Karl. Also schlägt Blanca sich durch, der Weg nach Italien ist weit, das Geld ist knapp, ihr Erfindungsreichtum ist zum Glück groß, und Illusionen macht sie sich sowieso keine.

„Wenn ich irgendwas gelernt habe vom Leben an der Seite meiner Mutter, dann, dass auch der Mensch, der einem am nächsten ist, einem ein absolutes Rätsel bleiben kann.“

Blanca von Mercedes Lauenstein ist ein Buch über einen Roadtrip einer einzigen Person, und deshalb ist es notgedrungen auch ein einziger langer innerer Monolog. Im ersten Drittel mochte ich das noch, ich bin Blancas rotziger Stimme gern gefolgt, diesem – wenn auch durchaus klischeehaften – Lebensentwurf von jemandem, der nicht bleiben will, der stets zu neuen Ufern aufbricht und dabei sein Kind mitzerrt, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann habe ich angefangen, mir einen Gegenpart zu wünschen. Eine andere Sicht auf die Dinge, eine zweite Perspektive, die dieses Übergewicht von Blanca ausgleichen würde, das Buch wurde mir zunehmend zu einseitig. Denn Blanca dreht sich natürlich, wie könnte es anders sein, um sich selbst, der gesamte Roman dreht sich um sie, und schon nach kürzester Zeit sind die Zerwürfnisse mit der Mütter, die Verletzungen, die Gründe für den Bruch eigentlich auserzählt, etwas Neues kann es nicht geben und gibt es auch nicht.

Ich gestehe, ich habe mehrere Seiten nur überflogen. Die Gedankenwelt eines Teenagers, der von jemandem weggeht, zu dem er eigentlich am liebsten nur hin möchte, hat Mercedes Lauenstein wirklich großartig eingefangen, man glaubt Blanca jedes Wort und jedes Gefühl. 256 Seiten mit denselben Gedanken und denselben Gefühlen waren mir persönlich einfach nur 100 Seiten zu viel, auf denen ruhig jemand anderes noch hätte zu Wort kommen dürfen. Begeistert hat mich dafür das Ende, denn der letzte Satz gehört zu den besten letzten Sätzen, die je geschrieben wurden. Wer sich dem Werk von Mercedes Lauenstein nähern möchte, dem empfehle ich ihren Erstling Nachts, der wie kein anderes Buch diese eigenartige Stimmung beschreibt, die mit der Nacht einhergeht.

Blanca von Mercedes Lauenstein ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-03701-7, 256 Seiten, 20 Euro).

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„Mit diesem Lächeln begann es“
Surab hat keinen Job, und deshalb hat Surab viel Zeit. Er steht auf dem Balkon und raucht, immerzu steht er auf dem Balkon, die beiden Söhne, um die er sich für gewöhnlich kümmert, haben Ferien und sind bei der Oma. Heiß ist es auf dem Balkon, und dann zieht gegenüber jemand ein. Anfangs sieht Surab nur hin, weil ihm langweilig ist, aber dann sieht er nicht mehr nur hin, sondern beobachtet. Er bleibt nachts wach, er hat die Kamera in der Hand, und zu beobachten gibt es allerhand: Der junge Mann bekommt regelmäßig Besuch. Nicht nur, dass dieser Besuch ebenfalls männlich ist, nein, es handelt sich dabei auch noch um einen bekannten Politiker. Das ist heiß im Georgien des Jahres 2012, in dem der Milliardär Iwanischwili an die Macht kommt, das ist gefährlich, und vielleicht ist es kein Wunder, dass es – kaum brechen die Unruhen los, kaum entgleitet Surabs Frau Tina ihm immer mehr – plötzlich einen Toten gibt.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen, ich hab es gefressen. Inhaliert hab ich es, weggeatmet, so schnell ging das mit Davit Gabunia und mir. Und ich habe während der Lektüre vollkommen vergessen, dass es in Georgien spielt, nicht, weil ich – wie so oft – unaufmerksam war, sondern im Gegenteil, so sehr war ich gefangen in der Geschichte rund um Surab, Tina, Merab und Nuri, dass es für mich nicht einmal mehr wichtig war, wo sich dieser Balkon befindet, wo sich diese Wohnung befindet und dieses Bett, überall hätte es sein können. Ganz egal war mir das, weil ich ihren Berichten gelauscht hätte ohne Bezug zur Geografie, und erst, als das wichtig wurde im Buch, erst als die Bilder im Fernsehen auftauchten und die Demonstranten auf der Straße, dachte ich: Oh. Das müsste mir ja eigentlich alles fremd sein. Das war es jedoch nicht, und darin besteht Davit Gabunias große Kunst.

Fiebrig ist das Wort, das man automatisch mit diesem Buch verbindet: weil sie schwitzen, die Protagonisten, weil es drückend ist und schwül, weil etwas anfängt zu brennen, innen und außen. Und weil die Sprache keine Zeit hat, überhaupt keine Zeit hat sie, sie entzündet ein Feuer und treibt es an, auf gerade mal 186 Seiten entsteht unvermittelt ein Flächenbrand. Man sieht dabei zu, mit staunend großen Augen, fast wie Surab rüberschaut zur fremden Wohnung. Da wird Homosexualität thematisiert, obwohl Georgien sich in dieser Hinsicht nicht sehr fortschrittlich zeigt, um es euphemistisch auszudrücken, da verlieben Menschen sich gegen ihren Willen, da entgleitet ihnen alles mit einer Geschwindigkeit, gegen die sie machtlos sind. Vieles fand ich vorhersehbar an der Story, mehrfach dachte ich: Okay, okay, echt jetzt, das ist doch so offensichtlich, alles ist dermaßen offensichtlich, was soll denn das, aber dann lachte der Roman mir ins Gesicht, überraschte mich mit genau dem, was ich sowieso erwartet habe. Siehst du, sagte er, ich erzähle genau das, was du gedacht hast, aber ich erzähle es so gut! Und das stimmt. Er erzählt es so gut, deswegen, Leute: lest das.

Farben der Nacht von Davit Gabunia ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3-7371-0041-0, 192 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Man fühlt sich einsam mit Kindern“
Myriam und Paul leben in Paris, in einer kleinen Wohnung, weil die Wohnungen offenbar nun mal klein sind in Paris und kaum bezahlbar, sie haben zwei Kinder, und dann möchte Myriam wieder arbeiten gehen. Sie war bis dahin zuhause, natürlich, wer sonst. Ein Klassiker, tausendfach erprobt auf dieser Welt, immer braucht es jemanden, der die Kinder hütet. Das ist in diesem Fall Louise. Eine Nanny, wie man sie sich nur wünschen kann, gewissenhaft und sorgsam, in kürzester Zeit hat sie alles im Griff, den Nachwuchs, die Wohnung, die gesamte Organisation des Alltags dieser kleinen Familie. Man mag sich, man ist dankbar, vielleicht freundet man sich sogar ein wenig an. Und dann gerät alles ins Rutschen, in eine Schieflage, die so extrem ist, dass am Ende beide Kinder tot sind.

Und damit verrate ich euch nicht zu viel, denn das sagt Leïla Slimani dem Leser selbst gleich zu Beginn: Pass auf, hier hast du es mit doppeltem Mord zu tun. Was auch immer du zu erkennen glaubst auf den folgenden Seiten, in der folgenden Geschichte, wird auf den Tod zweier Kinder hinauslaufen. Und mich schreckt das ab, ich persönlich mag es nicht, wenn mir das Ende am Anfang verraten wird, weil ich mich dann frage, wozu ich es noch lesen soll, das ganze Buch, wenn ich doch keine neue Erkenntnis werde gewinnen können. Anmaßend? Ja, aber freilich. Die Sprache, könntet ihr sagen, und der Weg zu diesem Ende, könntet ihr auch sagen – stimmt natürlich alles, trotzdem: Das hätte nicht sein müssen. Das hat sämtliche Spannungsmomente zerstört, den Drive gestohlen.

Leïla Slimani macht diese in meinen Augen unglückliche Konstruktion ihres Bestseller-Romans, der auch verfilmt wird, tatsächlich wieder wett, und zwar durch die Art, wie sie erzählt. Merkwürdig kühl ist ihr Ton, distanziert, mancherorts seltsam spöttisch, als mache sie sich ein wenig lustig über ihre Figuren, über Myriam, die so gern Karriere machen möchte, die jetzt diese Kinder hat und sich fragt, was sie soll mit denen – und das ist ja so etwas, über das nur selten geredet wird, weil es stark tabuisiert ist, dass man seine Kinder vielleicht nicht immer so liebt, wie man das sollte, dass man sie vielleicht auch nicht immer haben möchte – und über Paul, den Mann, der eher im Schatten steht in der Geschichte, weil Männer das immer tun im Familiengewirr, weil sie nur denken, sie hätten die Hosen an und Einfluss, und über Louise, die Nanny, die in Wahrheit gar nichts im Griff hat, vor allem nicht ihr eigenes Leben. Die Autorin erzählt von Louises verstorbenem Mann, von ihrer verschwundenen Tochter, von ihren Geldsorgen. Und freilich bleibt die Frage: Rechtfertigt das ihre Tat? Lässt sich eine solche Tat überhaupt in irgendeiner Weise rechtfertigen, erklären?

Dann schlaf auch du ist kein Krimi oder Thriller im eigentlichen Sinn, vielleicht eher eine Art Berichterstattung mit gruseligem Ausgang, die Herleitung eines Verbrechens mit schönen Worten. Was Leïla Slimani ausgezeichnet gelingt, ist das Einfangen einer unheilvollen Stimmung, das Zeichnen kleiner, vermeintlich unwichtiger, alltäglicher Szenen, die zusammengefügt ein Zerrbild ergeben, ein Kippbild, das aus Myriams Sicht anders aussieht als aus Louises. Da ich selbst Kinder habe, lese ich ein Buch mit einer derartigen Geschichte natürlich mit größtmöglichem Unbehagen. Es hat mich positiv überrascht, das muss ich gestehen, ich hatte es mir sehr cheesy vorgestellt und effektheischend. Das ist es nicht. Dafür aber beklemmend, intensiv, gut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87554-5, 224 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Was die Welt zu bieten hat, das wissen wir. Wir haben Angst vor dem, was sie haben will“

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“

Das sagen die Mütter, die Kirchenmütter, sie sind die Tratschweiber, die jeder Ort hat, sie sind die, die alle Geheimnisse kennen – und herumreichen. Das Geheimnis in diesem Fall ist die beginnende Liebe zwischen Nadia und Luke. Sie ist siebzehn, er ein bisschen älter, und beide tragen Kummer mit sich: Nadias Mutter hat sich das Leben genommen, Luke hat bei einem Sportunfall jegliche Aussichten auf eine glorreiche Zukunft verloren. Sie treffen sich in dem Restaurant, in dem Luke kellnert, sie mögen sich, sie schlafen miteinander.

„Der Sex würde weh tun, und das wollte sie auch. Luke sollte ihr Schmerz von außen sein.“

Doch dann kommt ein noch viel größerer Schmerz auf Nadia zu, einer, den sie nicht mehr vergessen wird, nie mehr, einer, der ihr ganzes weiteres Leben prägen wird. Und das von Luke.

Was für ein großartiges Buch ist das! Schon auf der allerersten Seite hat der Satz über die Geheimnisse, den ich euch hier eingangs zitiert habe, mich hellhörig werden lassen. Besonders im ersten Teil gibt es viele richtig gute Abschnitte, sprachlich gewandt, inhaltlich voller Weisheit, voller Sehnsucht, und die Idee, „die Mütter“ sprechen zu lassen, in der dritten Person Plural, diese Mütter, die sich über den „Skandal“ in der engstirnigen kleinen Gemeinde in Oceanside echauffieren, eigentlich außerhalb der Geschichte stehen, aber alles wissen, ist ein raffinierter Schachzug. Eine befremdliche Perspektive, die zugleich zeigt, wie viel Außenwahrnehmung stets mitschwingt, wie viel Abschätzigkeit und Verurteilung.

„Und wie wir so gelebt haben, hat es auch Männer gegeben. O ja, Mädchen, da hat es auch ein kleines bisschen Liebe gegeben. Dieses kleine bisschen Liebe, das dir den Mund wässrig macht nach mehr, wie das letzte bisschen Honig im Topf, das ganz kurz den Hunger überdeckt. Wir haben uns mit der Zunge die Zähne abgeleckt, um dieses kleine bisschen so lange zu genießen, wie es nur ging, und wie wir so gelebt haben, hat nichts uns hungriger gemacht.“

Es geht um Verlust in diesem Roman, um eine alles verändernde Entscheidung, die vielleicht, wer kann das schon sagen, falsch war. Brit Bennett hat mit ihrem Debüt einen Überraschungserfolg gelandet, und ich finde ja nicht, dass man sagen muss, dass alle Protagonisten im Buch dunkle Haut haben, weil es doch schon wieder merkwürdig ist, dass man das überhaupt betonen muss, aber in allen Besprechungen des Buchs steht das, und vielleicht findet ihr diese Information ja wichtig, also gebe ich sie euch. Das afroamerikanische Leben im südlichen Kalifornien werde beschrieben, heißt es, und ich denke: Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe diese Menschen haben, wirklich nicht, denn die Liebe ist dieselbe, das Verlassenwerden tut weh und schneidet und es sticht, in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Wir wünschen uns, Halt zu finden irgendwo, wir tun Dinge, die wir bereuen, wir treffen Menschen, die wir nicht vergessen können.

Lieblingszitat:

„Langsam und wohlüberlegt gingen sie jetzt vor, wie verletzte Menschen einander liebten, und sie reckten sich vorsichtig, nur so weit, wie ihre beschädigten Muskeln es zuließen.

Die Mütter von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-00683-9, 320 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Hör auf, immer bloß an die Toten zu denken. Denk auch mal an die, die leben, kriegst du das gar nicht mehr hin?“

„Im Grunde ist Annik wie du. Sie wartet, ohne wissen zu wollen, worauf. Wüsste sie es, würde alles vor Unerreichbarkeit stillstehen.“

Dieses Du ist Ira, die Schwester von Markus, und sie ist tot. Sie hat sich das Leben genommen, und Markus vermisst sie sehr. Mit Iras Sohn Jesse, seinem 15-jährigen Neffen, fährt er nach Frankreich. Er soll dort Brücken zeichnen, während Jesse einen Freund besuchen will, der mit seiner Familie ein altes, verlassenes Hotel hütet. Dort, am Strand in Nordfrankreich, verbringen sie mehrere Wochen, in denen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Wahn langsam verschwimmen und sich vermischen. Wieso gelingt es Markus nicht, diese Brücken, über die die Alliierten im Sommer 1944 kamen, auf Papier zu bannen? Wer ist diese Frau, die genauso aussieht wie Ira? Und wird er über ihren Suizid je hinwegkommen?

Nie mehr Nacht ist ein Buch wie ein Sommerflirren. Manchmal kann man nicht alles richtig erkennen, und irgendwie hat man ständig ein leicht drückendes Gefühl. Da ist so viel Traurigkeit, so viel Reue, so viel Nacht. Ich mag den Ton des Romans, sehr melancholisch ist er und schwer, ich mag das Merkwürdige, das Unerklärliche. Was ich dagegen nicht mag, ich gestehe es, ist das Ende – bei solchen Erklärungen, die ich euch nicht spoilern kann, ist meine Tabuhemmung zu groß, anerzogener Ekel macht sich breit. Nachdem Bonné mich 2017 mit seinem Longlist-Kandidaten regelrecht abgeschreckt hat, musste ich mich zu dieser Lektüre – das Buch stand schon vorher im Regal – erst mal überwinden. Das hab ich nicht bereut, auch wenn die Geschichte mich eher ratlos zurückgelassen hat – aber immerhin mit formvollendeten (Sprach-)Bildern im Kopf.

Nie mehr Nacht von Mirko Bonné ist erschienen bei Schöffling (ISBN 978-3-89561-406-4, 360 Seiten, 19,95 Euro).

Bücherwurmloch

„Die Apokalypse Deutschlands nahte, wenn auch vorerst nur auf leisen Birkenstock-Sohlen“

Felix sitzt fest, er weiß gar nicht so genau, wo. Er wird von der Polizei gesucht, deshalb versteckt er sich – gemeinsam mit seinem Vater. Und hier wird es kurios: Mit seinem Vater hat Felix nämlich eigentlich gar nichts zu schaffen, seit der vor vielen Jahren die Familie verlassen hat. Warum also sind diese beiden, die sich kaum kennen, zusammen auf der Flucht? Davon erzählen sie uns abwechselnd und rekonstruieren eine Geschichte voller Missverständnisse und fragwürdiger Entscheidungen.

„Mein Vater hat immer nur einen winzigen Schritt neben den richtigen Weg gesetzt, und manchmal waren diese Fehltritte auch ein bisschen mehr als nur winzig, und die Summe dieser mehr oder weniger kleinen und falschen Schritte hat ihn in letzter Konsequenz auf die völlig falsche Spur gebracht“,

sagt Felix über diesen Mann, der es eigentlich stets gut gemeint, aber nie gut gemacht hat. Denn sein Vater ist ein klassischer Verlierertyp, mit dem man einfach nur Mitleid hat.

„Leuten wie mir ballten sich nicht etwa die Fäuste, uns ging nicht das Messer in der Tasche auf und wir entsicherten auch nicht unsere Browning, wenn es bedrohlich wurde. Unser typischer Überlebensinstinkt bestand vielmehr darin, im Angesicht jeglicher Gefahr Phrasen der Beschwichtigung abzusondern, womit man natürlich nur unter anderen Feiglingen durchkam. Im akademischen Diskurs zum Beispiel.“

Komm in den totgesagten Park und schau ist ein sehr weirdes, amüsantes und politisches Buch, das mich gut unterhalten hat. Es geht um die Lyrik der DDR darin, um eine erste Liebe und das Scheitern, um zwei kaputte Familien und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie unsere Gesellschaft organisiert sein sollte. Das Stilmittel, die beiden Protagonisten in Briefen erzählen zu lassen – Felix schreibt an eine Freundin, sein Vater schreibt an Felix –, wobei sie auch erste Versionen durchstreichen, ist schlau und raffiniert. Dies ist ein temporeicher, klug konstruierter Roman, der vollgepackt ist mit Gesellschaftskritik, dabei aber nicht belehrend daherkommt. Sehr originell und lesenswert!

Komm in den totgesagten Park und schau von André Kubiczek ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3-87134-179-3, 384 Seiten, 22 Euro). Der Buchtitel stammt übrigens von einer Gedichtzeile von Stefan George.