Bücherwurmloch

„Auch jemand, dachte sie, der der einzige Mensch auf der Welt für einen gewesen war, kann verschwinden, als hätte es ihn nie gegeben“

„Was meinst du mit einheimisch? Schwäbisch, slowakisch, ungarisch, rumänisch, tschechisch, jüdisch oder vielleicht serbisch?“

Iris Wolff erzählt von einer Familie aus dem Banat, von sieben Menschen, die miteinander verwandt sind oder auch nicht, sie webt ihren Roman über die Generationen hinweg – und mitten hinein in das Zusammenbrechen des Ostblocks.

„Es gab eine Zeit, die vorwärts eilte, und eine Zeit, die rückwärts lief. Eine Zeit, die im Kreis ging, und eine, die sich nicht bewegte, nie mehr war als ein einzelner Augenblick.“

Da ist Florentine, die beinahe ihr Baby verliert, eine eher in sich gekehrte, aber starke Frau. Da ist Hannes, ihr Mann, dessen Pfarrhaus allen offensteht, die Unterschlupf suchen, und der deshalb im Gefängnis verhört wird. Es gibt Stana, die sich in Samuel verliebt, mit dem sie aufgewachsen ist, und Bene, den homosexuellen Buchhändler aus Berlin. Und schließlich ist da noch Liv, die viele Jahre später lebt und zaubern kann.

„Die Erinnerung ist ein Raum mit wandernden Türen. Manchmal trifft dich der Schatten eines Berges, manchmal ein Wort.“

Es geht um Erinnerungen in diesem Buch, um ihr Verhaftetsein an Orten, um ihr Wandern mit den Menschen, die ihre Heimat verlassen (müssen). Es geht um Länder und ihre sich verschiebenden Grenzen, um die DDR, das Banat und Siebenbürgen. In einer zarten, aber kraftvollen Sprache erzählt Iris Wolff, die mit diesem Roman für den Deutschen Buchpreis nominiert war, von Aufbruch und Flucht, vom Ausharren, von Verlust und dem unerbittlichen Strom der Zeit. Sehr melodisch sind die Sätze, das ganze Buch ein einziger, getragener Wohlklang, wunderbar flüssig zu lesen. In einem Interview hat die Autorin gesagt, sie lese sich das Geschriebene oft selbst laut vor, das tue ich ebenso, weil man dann den Rhythmus der Worte ganz anders hört. Die Unschärfe der Welt ist ein sehr schönes, rundes, wirklich lesenswertes Buch über eine verlorene Zeit, die wir nur in der Erinnerung bewahren können.

„Es war möglich, dass jemand nach einem Buch fragte, dass jetzt, wo die Grenze offen war, nicht nur Menschen und Waren wandern mussten, sondern auch Geschichten.“

Die Unschärfe der Welt von Iris Wolff ist erschienen bei Klett-Cotta.

Bücherwurmloch

„Für ein Kind braucht man keine männliche Lust“
Es ist eines der meistdiskutierten Bücher in diesem Herbst: weil Mieko Kawakami vom Leben japanischer Frauen erzählt, ohne etwas zu beschönigen. Sie widmet sich Themen wie sexualisierte Gewalt, (Un)Gleichberechtigung, Schönheits-OPs, Kinderlosigkeit und finanzielle Abhängigkeit mit scharfem Blick. Nun ist es natürlich so, dass diesem Roman die japanische Gesellschaft als Basis dient, so weit entfernt davon sind wir aber hierzulande nicht: Alle diese Themen beschäftigen und bewegen uns ebenfalls. In vielen Rezensionen wird betont, dass die Japanerinnen ihre Männer mit „Meister“ ansprechen, als könnten wir aus einer erhöhten Position darüber urteilen, doch das ist nicht der Fall: Gleichberechtigung haben auch wir nicht. Sexismus dafür aber sehr wohl.

Das Großartige an Brüste und Eier ist, dass es sich kompromisslos den Frauen widmet. Besonders im ersten Teil kommt keine einzige männliche Figur vor, da wird höchstens einmal kurz über einen Ex-Mann gesprochen, im zweiten Teil werden die Männer auf ihre Funktion des Samenspendens reduziert. Und das feiere ich sehr. Mieko Kawakami erzählt, womit Frauen zu kämpfen haben, sei es der Beginn des Frauwerdens an sich (Natsukos Nichte Midoriko), der Wunsch, schön zu sein (Natsukos Schwester Makiko) oder die Frage, wie man sich eigentlich als Frau positioniert und definiert, wenn es ums Kinderkriegen geht (Natsuko selbst). Herrlich tabulos schreibt sie von Menstruation und Brüsten, von Schwangerschaft und Sexlosigkeit, alles ist sehr körperlich. Aber nicht nur, denn es geht auch um die gesellschaftlichen Normen dahinter, um alles, was den Frauen abverlangt wird. Schwierig zu lesen war dieses Buch dennoch, weil es stellenweise wirklich sehr, sehr langatmig ist. Die Erkenntnisse zu den oben genannten Themen muss man sich mühsam zusammenklauben, dazwischen gibt es sehr viele vermeintlich banale Gespräche, Hunderte eher ereignislose Seiten, besonders der zweite Teil ist arg zäh. Es kann aber natürlich sein, dass diese Gespräche nur mir banal erscheinen, weil ich zu wenig Einblick in die japanische Kultur habe – es ist mir nicht möglich, das zu beurteilen. Ich hätte aber mehr als einmal fast aufgehört zu lesen, nur der feministische Leitgedanke hat mich gehalten. Ich weiß aber von vielen Leser:innen, dass es ihnen ebenso ging, und finde das insgesamt schade: In einer verknappten, pointierteren Form hätte dieses Buch mit seinen wichtigen Themen vielleicht mehr Menschen erreicht.

Brüste und Eier von Mieko Kawakami ist erschienen bei Dumont.

Bücherwurmloch, Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

„Die Nacht ist innen hohl“

„Die Antwort auf Jims Frage, ob der Au-pair auch wie ein Krieger denkt. Tut er nicht. Er denkt wie ein Kind. Das ist eigentlich das Beste an ihm.“

Der Au-pair, das ist Viktor aus Ostdeutschland. Um die Stelle in Frankreich zu bekommen, hat er sich als Viktoria ausgegeben, und so sind die Überraschung und der Unwille der Familie groß, die plötzlich diesen Hünen mit der Glatze und den Springerstiefeln beherbergen muss. Doch Viktor beweist, dass er in der Lage ist, auf Lionel und Maud aufzupassen. Er freundet sich mit Julija aus der Ukraine an, er lernt Französisch. Und er merkt etwas, das die Familie zu verbergen versucht: dass nämlich Nacht für Nacht Monsieur zu Lionel ins Bett geht und ihn missbraucht, während Madame in die andere Richtung schaut. Das kann Viktor nicht zulassen, das kann Viktor nicht ertragen, denn ihm ist als Kind dasselbe passiert. Deshalb beschützt er Lionel, deshalb schlägt er zu. Die zweite Stimme dieses Romans gehört Ruth, einer Geigerin, die in Viktors Nähe aufgewachsen ist und sich an ihn richtet. Sie hat ihre Flucht vor der Gewalt ihrer Kindheit in der Musik gefunden.

Ich mochte dieses Buch, Begeisterung hat sich bei mir jedoch nicht eingestellt. Zum einen habe ich die beiden Stimmen, Viktor und Ruth, als zu getrennt empfunden, das Buch hätte mit Viktor alleine sehr gut – vielleicht sogar besser – funktioniert. Ihre Berührungspunkte waren mir zu wenig, Ruth richtet sich zudem mit einem direkten Du an Viktor, redet aber auch in der dritten Person über ihn. Viktors Mittelteil der Geschichte, die Zeit in Frankreich, ist flüssig und chronologisch erzählt, nur die kursiv gesetzten Innenansichten von Tochter Maud, die ganz nett, aber nicht notwendig sind, stellen kleine Ausreißer dar. Leider ist dieser Mittelteil aber auch klassisch und vorhersehbar. Einen aggressiven jungen Mann, der als Kind vergewaltigt wurde, in ein Haus zu bringen, in dem ein Kind vergewaltigt wird, nun, was soll schon geschehen? Damit möchte ich dem Buch nicht seine Bedeutung absprechen, denn ich halte es für absolut wichtig, dass über (sexualisierte) Gewalt (an Kindern) so oft und so deutlich wie möglich geschrieben wird, um das Tabu zu mindern und dadurch vielleicht auch die Dunkelziffer. Da Ulrike Almut Sandig Lyrikerin und eine „gefeierte Klangkünstlerin“ ist, habe ich mir mehr Poesie erwartet, eine melodische Sprache, nachhallende Sätze. Das habe ich nur zum Teil gefunden. Generell ist dies ein kluges, schmerzhaftes Buch, das erneut zeigt, welch weitreichende Folgen es hat, wenn Kindern Gewalt angetan wird – weil sie sich von dem Schmerz nie mehr befreien können.

Monster wie wir von Ulrike Almut Sandig ist erschienen bei Schöffling & Co.

Bücherwurmloch

„Unsere Herzen waren dicke Kinder, die auf dünnem Boden sprangen“
„Irgendein linkes Szenelokal schmiss eine Party, um die politische Situation zu feiern, wir trafen Lili und ihren existenzialistischen More-Night-Stand in der Schlange davor.“ Und dieser existenzialistische More-Night-Stand trägt einen Pullover, auf dem steht: Ronald Reagan sold more cocaine than your favourite rapper. Diese kurze Stelle zeigt schon recht deutlich den Sound von Mercedes Spannnagels schmalem Debütroman, dessen Ich-Erzählerin Luise die Tochter der rechtskonservativen Bundespräsidentin von Österreich ist, und dieser Sound ist auch das Besondere. Er ist modern, freilich, die Autorin ist 1995 geboren, er ist außerdem durchzogen von Anglizismen, Namedropping und jener Blasiertheit, wie nur reiche Jugendliche sie haben. Die „Kinder der Nazis“, wie sie sich selbst nennen, wohnen in Palais, sind in erster Linie Töchter und Söhne und erst dann eigenständige Menschen, um Geld müssen sie sich keine Sorgen machen, um die politische Zukunft des Landes schon. Da gibt es also die Bundespräsidentin, die reinrassige Wildhunde züchten will, wobei ihr ein Assistent mit Schmiss hilft, da gibt es Luise, die sich aus Protest einen Mops anschafft, den sie Karl Marx nennt, Freunderlwirtschaft und feministische Pornos, bi- und pansexuelle Beziehungen ohne monogame Exklusivität gibt es auch. Und einen Skandal, der – wo sonst! – auf dem Opernball ans Licht kommt.

Das ist alles sehr österreichisch und sehr authentisch. Die meisten Figuren hat Mercedes Spannnagel nicht erfinden müssen, die laufen eh in unserem Land herum, sie hat einfach genau hingeschaut. Und die richtigen Worte gefunden, um diese Figuren in die Literatur zu heben. Auch ein überraschend geleakte Video mit scharmützelnden Politikern existiert tatsächlich (und bestimmt nicht nur das eine). Scharfsinnig ist das alles auch, böse natürlich (eben weil österreichisch), rotzig, ziemlich angepisst, dabei aber auch resigniert. Einerseits wollen sie sich wehren, die Nazi-Kinder, wollen etwas verändern, andererseits kommen sie nicht in die Gänge, sie kiffen viel, sie reden viel, ohne etwas in die Tat umzusetzen. „Das Buch will revolutionär sein, bleibt aber letztlich nur ein aufsässiger Teenager“, habe ich zu jemandem gesagt, der es ebenfalls gelesen hat, und dessen Antwort war: „Aber genau das will es sein.“ Und so gesehen ist das eh der einzig mögliche Schluss für einen Roman wie diesen: dass alles bleibt, wie es ist, dass die Politiker die Bevölkerung verarschen und damit immer durchkommen, dass das rechtskonservative Gedankengut weiter verbreitet wird. Ich hätte mir aber mehr neue Erkenntnisse erwartet, mehr Spektakel, zumindest ein paar Flämmchen. Das Palais wird vielleicht ein wenig angekokelt, aber es brennt ganz sicher nicht.

Das Palais muss brennen von Mercedes Spannagel ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

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„Der Welt ist auch nicht geholfen, dass Sie sich allen moralisch überlegen fühlen“

„KD Pratz tat mir leid. Es war eine Gemeinheit von uns, ihn mit der Aussicht auf sein eigenes Museum aus seiner Isolation zu locken. Seinen Ruhm, seine Produktivität, seine besten Bilder verdankte er dieser Isolation, nun sollte er sie aufgeben, uns nett empfangen und gleichzeitig weiterhin den entrückten, genialischen Einsiedler geben. Dann hatte er diesen Spagat sogar versucht und fand sich dir nichts, mir nichts mitten in diesem Flohzirkus von Förderverein wieder, umringt von anspruchsvollen Kunstfreaks, wo man mit allem, mit dem man es der einen recht machte, einen anderen vergrätzte.“

Wegen seiner kunstbegeisterten Mutter Ingeborg ist Ich-Erzähler Constantin Mitglied im Förderverein eines Museums, das einen Anbau errichten und ihn einem einzigen Künstler widmen will: KD Pratz. Der polaristiert jedoch, nicht alle wollen nur seine Werke in dem neuen Anbau sehen. Um sie zu überzeugen, wird eine Busfahrt zur Burg von KD Pratz organisiert, der sich tatsächlich bereiterklärt, sie zu empfangen, obwohl er sich seit Jahrzehnten von der Öffentlichkeit abschottet. Der Förderverein trifft also dort ein, und dann läuft gar nichts rund und vor allem nicht wie geplant.

Kristof Magnusson hat einen Roman geschrieben über Eitelkeit und Geld, über den Kunstbetrieb und seine Mechanismen. Dazu hat er sich einen Reigen an Figuren erdacht, die man regelrecht vor sich sieht in aller stereotypischen Deutlichkeit: der reiche Kunstförderer mit Einstecktuch, das interessierte Ehepaar in Rente, der diplomatische Sohn, die Psychologenmutter, die mit jeder Frage, die sie stellt, auf etwas Tiefergehendes abzielt. Von KD Pratz als Charakter war ich überrascht, er ist erstaunlich weit in Richtung alter weißer Mann gelehnt, gibt sexistische Dinge von sich, die man mit „wir sind eben alte Schule“ rechtfertigen muss, hat für einen künstlerisch begabten Menschen verblüffend wenig Selbsteinsicht und ist insgesamt überaus unsympathisch. Na gut, das sind sie eigentlich alle, und sehr deutsch sind sie auch: korrekt, bieder, vermuschelt und schnell beleidigt, selbst in Auseinandersetzungen noch höflich. Als Österreicherin erkenne ich den Humor in diesem Buch durchaus und habe auch ab und zu geschmunzelt, aber der Biss hat mir gefehlt: Wann immer ich bei einer guten Gesprächseröffnung dachte „uh, jetzt geht’s los!“, war die Diskussion wieder zu Ende. Trotzdem macht dieser Roman Spaß, weil er entlarvend ist und schelmisch, weil er einen großartigen Schluss hat und die Doppelbödigkeit aufzeigt, die den Kunstbetrieb (wie wohl jeden anderen Betrieb) beherrscht.

Ein Mann der Kunst von Kristof Magnusson ist erschienen bei Kunstmann.

Bücherwurmloch

„My heart knows we’d never make it/A hope like you could break it”
Es geht um Musik in diesem Buch, um eine Band, um den Weg zum Ruhm, um Geld, Drogen, Alkohol und um die Liebe. Also sagen wir, wie es ist: Es geht um alles. Wir befinden uns in den 1970ern, das muss eine spezielle Zeit gewesen sein zum Plattenmachen, zum Berühmtwerden und Feiern. Daisy Jones wächst in einer reichen, lieblosen Familie auf, schon mit vierzehn geht sie rüber zum Strip und rein in die Clubs. Sie hat Talent, sie kann singen, sie möchte eigene Songs schreiben. Quasi zeitgleich gründen die Brüder Billy und Graham Dunne in Pittsburgh eine Band, die sie The Dunne Brothers nennen. Sie sind gut genug, um „entdeckt“ zu werden, sie tun sich mit anderen Musikern zusammen, benennen sich in The Six um und gehen mit einem ersten Album auf Tournee. Doch der richtige Durchbruch gelingt ihnen, als sie auf Daisy Jones treffen und sie, nach einem Duett von Daisy und Billy, in die Band aufnehmen. Ausverkaufte Stadien, Nummer-eins-Chart-Plätze, Unmengen von Geld, Alkohol und Koks: Das ist ihr neues Leben. Und weil man ein solches Leben nicht sehr lange führen kann, kommt es 1979 zum Bruch.

Alles an diesem Buch ist fiktiv, und zugleich nicht. Die Autorin, die selbst in LA lebt, hat die Geschichte einer erfundenen Band aufgeschrieben und zugleich die Geschichte fast jeder real existierenden Band: Es scheint, dass man nicht weltberühmt werden kann, ohne abzustürzen. Wie viele Sänger kennen wir, die drogensüchtig waren, ständig in Skandale verwickelt? Das ist unser Bild vom Rock’n’Roll. Die „Braven“, die gibt es auch, und manchmal werden sie trotzdem Stars, aber so richtig interessant sind nur die Kaputten. Daisy und Billy sind kaputt. Sie sind einander ähnlich, sie hassen sich und lieben sich. Was vielleicht nicht so problematisch wäre, wäre Daisy nicht tablettenabhängig und Billy ein verheirateter trockener Alkoholiker, der seine Frau und seine drei Töchter nicht verlieren will. Das klingt alles nicht neu und ist es auch nicht, aber Taylor Jenkins Reid hat sich etwas Geniales ausgedacht, das dieses Buch rettet: Es besteht zur Gänze aus mündlicher Rede, aus einem Interview, in dem alle Beteiligten abwechselnd zu Wort kommen. Einen auktorialen Erzähler gibt es nicht. Das ist klug gemacht und hat mich trotz Klischees bei der Stange gehalten. Auch das Ende ist rund, und so ist Daisy Jones & The Six ein lesenswerter Trip in die Welt der Musik und ihre Abgründe.

Daisy Jones & The Six von Taylor Jenkins Reid ist erschienen bei Ullstein.

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„I know what it’s like to be afraid“
Lydias gesamte Familie wird brutal hingerichtet: Als sie sich gerade mit ihrem Sohn Luca im Badezimmer befindet, erschießen die Handlanger des Drogenbarons Javier Crespo Fuentes ihren Mann, ihre Mutter und alle Verwandten. 16 tote Menschen. Lydia und Luca sind nicht nur plötzlich vollkommen allein, sie sind auch in Gefahr, denn natürlich sollten die beiden bei diesem Attentat ebenfalls sterben. Lydias Ehemann, der als Journalist gearbeitet hat, hat eine Enthüllungsstory über einen der gewalttätigsten Männer Mexikos geschrieben – ohne zu berücksichtigen, dass er damit sein eigenes Todesurteil und das seiner Familie unterzeichnet hat. Lydia muss sofort mit ihrem Sohn fliehen. Doch wo sollen sie hin? Sie haben ein wenig Geld, ja, und sie sollten die Stadt verlassen, am besten das Land. Können sie es über die Grenze schaffen, können sie in die USA einreisen und dort Zuflucht finden?

Jeanine Cummins hat einen Roman geschrieben, der a) sehr spannend b) sehr aufreibend c) sehr gehyped und d) vieldiskutiert ist. Aber der Reihe nach: Man folgt Lydia und Luca auf ihrer Flucht geradezu atemlos, und das Schlimme daran ist, all das geschieht wirklich. Jeden Tag, jede Nacht. Überall werden Menschen erschossen, ausgeraubt, vergewaltigt, grausam ermordet, ihnen wird Asyl verweigert und jede Hilfe. Sie sind arm, sie sehen keinen anderen Ausweg als „La Bestia“, die Fahrt mit den Güterzügen, und ja, das ist so gefährlich, wie es klingt. Die Autorin schildert die Route nach Norden, el norte, die Ausweglosigkeit, die Panik auf sehr eindringliche Art und Weise. Viele haben gesagt, der Roman sei zu sehr auf eine Verfilmung hin geschrieben, aber das ist eine verrückte, anmaßende Kritik, vielmehr macht das Szenische, Schnelle, Filmische das Leseerlebnis so eindrücklich. Die Diskussion hatte aber vielmehr zum Thema, dass Jeanine Cummins, die vier Jahre lang für diesen Roman recherchiert hat und auf das Schicksal der migrantes aufmerksam macht, das Leid der Migranten vermarktet. Kulturelle Aneignung wurde ihr vorgeworfen, und die Debatte ist in den USA derart eskaliert, dass es Morddrohungen gegen die Autorin gab und Lesungen abgesagt werden mussten. Ich kann verstehen, dass es Menschen aufregt, wenn eine erfolgreiche, gut situierte weiße Frau über das Schicksal von Flüchtenden schreibt – gleichzeitig aber nicht. Denn ich denke, es ist wichtig, dass eben über das Schicksal von Flüchtenden geschrieben wird, dass jemand mit dem Finger auf diese Probleme zeigt, dass sie erlebbar, lesbar, nachvollziehbar gemacht werden. Darum geht es doch: dass Literatur uns sensibilisiert für das, was in der Welt geschieht.

 

 

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„Dies ist ein letztes Hurra auf die Kirmes und die, die sie bevölkerten und lebendig machten“
Jahrmärkte, Kirmes, Rummelplätze: Sie waren einmal das Größte. Sie haben die Menschen fasziniert und begeistert, sie unterhalten, sie waren ihnen Vergnügen und Sehnsuchtsort. Wen hat es dorthin gezogen? Wer ist einen Tag lang geblieben und wer für immer? Was waren das für Leute, die dort gearbeitet haben? Philipp Winkler widmet ihnen diesen sehr schmalen kleinen Band von nicht ganz 120 sehr luftig gesetzten Seiten. „Wir“, das sind bei ihm die Kirmeser, die Schausteller, die Popcornverkäufer und Attraktionenaufbauer, „wir“, das sind alle, die auf dem Jahrmarkt geboren und aufgewachsen sind oder dort Zuflucht gefunden haben. Und „ihr“, das sind alle anderen. Die früher gern kamen, um sich das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen, um gebrannte Mandeln zu essen und mit dem Riesenrad zu fahren. „Ihr“, das sind die, die heute lieber Netflix schauen und im Internet sind oder andere Möglichkeiten nutzen, sich die Zeit zu vertreiben. Das wilde Leben auf der Kirmes, es ist mehr oder weniger vorbei.

Schön ist er, der Ausflug, den dieses Buch darstellt. Ein kurzer, etwa einstündiger Spaziergang, vorbei an den Wagen und Fahrgeschäften, an Goldie, dem Alten Kuut und dem kleinen Pit, zu all diesen Leuten, die versuchen, sich irgendwie durchzuschlagen, die ein Leben ohne feste Heimat gewöhnt sind, eh nett, wie wir Österreicher sagen würden. Das ist alles gut zu lesen, aber ich vermisse natürlich eine Geschichte, ich vermisse eine Handlung. Immer wieder werden kurz Figuren vorgestellt, mehr nicht, und mir ist aufgefallen, dass momentan viele solche dünnen Bücher erscheinen, die mir gefallen (siehe auch „Land in Sicht“ von Ilona Hartmann oder „Hitze“ von Victor Jestin), mich aber unbefriedigt zurücklassen, wie ein Appetithäppchen, das nicht satt macht. Warum nicht mehr in die Tiefe gehen, warum keine Story ausarbeiten? Ich hätte das gern von Philipp Winkler gelesen, und zugetraut hätte ich es ihm auch.

Bücherwurmloch

„Kein Volk darf ein anderes unterdrücken und selbst in Sicherheit und Frieden leben“
Wie weit kann ein Mensch zählen, wie viele Perspektiven hat ein und dieselbe Geschichte, beispielsweise der Konflikt zwischen Israel und Palästina? So viel ist geschehen. So viele sind gestorben. So unwahrscheinlich ist es, dass jemals Frieden herrschen wird. Ein Apeirogon ist eine mathematische Form mit einer zählbaren Anzahl unendlicher Seiten. Und zugleich der Titel von Colum McCanns neuem Roman, jenem irischen Schriftsteller, der sich in seinen Bestsellern bereits zuvor realer Figuren angenommen hat (in „Der Tänzer“ und „Die große Welt“ etwa, mein absolutes Lieblingsbuch von ihm ist „Zoli“). Rami Elhanan und Bassam Aramin gibt es wirklich, sie sind zwei Männer, die das Schicksal eint: Beide haben ihre Tochter verloren. Abir ist im Alter von zehn Jahren durch ein Gummigeschoss im Kopf gestorben, Smadar war dreizehn, als Selbstmordattentäter sie in den Tod gerissen haben. Rami ist Israeli, Bassam Palästinenser. Und sie sind Freunde. Sie suchen nicht Vergeltung, nicht Rache. Sie bemühen sich um Versöhnung.

Apeirogon ist ein Wahnsinn von einem Buch. Es ist messerscharf und bitter, traurig, verstörend, überfordernd, poetisch, schmerzhaft und großartig. Wie erzählt man eine Geschichte, die so oft schon erzählt wurde? Die so viele Seiten hat und so viele Wahrheiten, jede davon berechtigt? Colum McCann hat 1000 Mini-Kapitel geschrieben, er zählt bis 500 und dann wieder bis 1. Manche bestehen nur aus einem Satz, einem wiederkehrenden Gedanken, einer Beobachtung, andere sind gefüllt mit historischen Fakten oder Informationen über das Bauen von Bomben, Vögel, Seiltänzer, die Vergangenheit, den Krieg. Es fühlt sich an, als steckten tausend Bücher in diesem einen. Selten hat mich ein Roman in seiner unbestechlich klugen Machart derart fasziniert. Apeirogon ist so durchdacht, dass ich verblüfft und respektvoll meinen Hut ziehe. Und das, wo ich dicke Bücher sonst meide, weil sie mich träge machen und zermürben. Aber ich konnte nicht aufhören zu lesen, ich war regelrecht süchtig. Apeirogon ist für mich, und das erstaunt mich selbst, das beste Buch des Jahres. Ein Mosaik aus Worten, ein Kaleidoskop aus Reue, Sehnsucht und Gewalt. Ein Meisterwerk, das zu schreiben sehr mutig war. Eine Chronik dessen, was Menschen einander antun – und wie schwer es ist, der Spirale aus gegenseitigem Hass den Frieden entgegenzusetzen. Israel und Palästina sind eine Wunde, die nicht aufhört zu bluten. Der Schmerz ist zählbar unendlich.

 

 

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„Mit jemandem die Liebe zu einem Buch zu teilen, stiftet eine ganz eigene, beglückende Art der Verbundenheit“
Ich bin ein großer Fan von Lily King. Sie hat mich mit Euphoria begeistert und diese Begeisterung mit Vater des Regens gefestigt. Umso gespannter war ich auf ihr neues Werk, das sie, wie sie sagt, explizit aus einem Grund geschrieben hat: weil es so viele Bücher gibt über den Schaffensprozess männlicher Schriftsteller, aber kaum welche über schreibende Frauen. Ein solcher Roman hätte ihr als junger Frau geholfen, und deshalb hat sie nun beschlossen, ihn selbst zu verfassen. Ich konnte das spüren. Writers & Lovers richtet sich an schreibende Frauen, und während der Lektüre habe ich mich gefragt, wie man das wohl als Nichtschreibender liest. Mich hat dieser Roman – fast schon notgedrungen – angesprochen. Aber geärgert hat er mich auch.

Casey hat ihre Mutter verloren und den Mann, in den sie verliebt war. Sie hat horrende Schulden wegen ihres Studienkredits, den sie abzustottern versucht, indem sie kellnert. Und sie schreibt jeden Morgen, seit sechs Jahren, an ihrem ersten Roman. Wie Casey sich mit Kellnerschichten, Schreibblockaden und Dates herumschlägt, wie sie zweifelt und kämpft und hofft, wie sie trauert und sich neu verliebt, ist großartig geschrieben.

Als ich vor ein paar Jahren bei ihr war, nahm sie mich in den Arm und sagte: „Wenn du morgen abfährst, dann werde ich hier am Fenster stehen und mir sagen: Gestern war sie noch hier, ganz nah bei mir.“ Und jetzt ist sie tot, und ich sage mir das immerfort, ganz gleich, wo ich stehe.

Der Ton ist sehr eingängig, und vieles, was Casey erlebt, denkt, fühlt, konnte ich gut nachvollziehen. Es ist wichtig, dass Lily King dieses Buch dem kreativen Prozess einer schreibenden Frau gewidmet hat. Das Problem ist nur: All das, was Casey erlebt und denkt und fühlt, ist an Männern ausgerichtet. Die Bücher, die sie zitiert, sind von Männern geschrieben. Nur eine einzige Nebenfigur im Roman ist weiblich. Ansonsten geht es ausschließlich um Kerle, um ihren Blick auf Casey, um ihr Urteil, ihre Zuneigung. Und da würde ich Lily King gern fragen, warum sie ihre Idee nicht konsequent umgesetzt hat. Wieso nicht endlich den Fokus WIRKLICH auf das Weibliche legen? Ist unsere Misogynie dermaßen internalisiert, dass weder die Autorin noch jemand im Verlag das gemerkt hat? Wieso feiern alle dieses Buch, ohne das Ungleichgewicht zu spüren? Außer bei Kulturgeschwätz, die das sehr verständlich aufgezeigt und kritisiert hat, habe ich allerorts nur Lobeshymnen gelesen.

Der andere Grund, warum ich leicht genervt war, ist wesentlich persönlicher. Es ist ja gut und schön, dass es endlich einen Roman über eine Schreibende gibt, aber ich will mehr. Mehr Realität vor allem. Ich will ein Buch über eine Schreibende, die sich nicht jeden Morgen stundenlang in Ruhe an ihr Manuskript setzen kann, weil sie permanent von Kindern unterbrochen wird, weil sie sich kümmern muss um andere, weil nie Zeit für sie und ihre Gedanken bleibt. Ich wünsche mir eine schreibende Protagonistin, deren Kinder sie nicht schlafen lassen, die all die Hausarbeit machen muss, mit ihrem Partner über Care-Arbeit und Mental Load und Gleichberechtigung streitet, die ständig versucht, den Kopf oben zu behalten und irgendwie vielleicht doch noch den einen Moment zu erwischen, in dem sich ein paar Sätze zu Papier bringen lassen – sollten die Idee und die Inspiration nicht längst vom Familienalltag erstickt worden sein. Ich wünsche mir echte Bücher über Frauen, in denen dann nicht wieder nur die Männer im Vordergrund stehen. Aber vielleicht ist es wie bei Lily King: Vielleicht muss ich das einfach eines Tages selbst schreiben.

Writers & Lovers von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck.