Bücherwurmloch

Es hat sich so ergeben. Schon seit einer Weile stelle ich immer wieder Lieblingsbücher aus meinem sehr schmalen Regal vor, die alt sind, keine Neuerscheinungen, sondern Backlist-Titel, und nach Möglichkeit nicht so bekannt. Dabei hat sich herausgestellt, dass ihr das anscheinend mögt, dass ihr gern Romane entdeckt, die nicht mit dem Mainstream mitgeschwommen sind, und das freut mich natürlich, denn: Es handelt sich dabei ja stets um Herzensbücher meinerseits, sonst würden sie gar nicht im Regal stehen, sondern wären längst weitergereist. Deshalb hab ich mir überlegt, ich mache heute eine Art Special: 10 Bücher, die gut sind. 10 Bücher, die nicht die Aufmerksamkeit bekommen haben, die sie verdient hätten. 10 Bücher, bei denen ich davon ausgehe, dass ihr sie nicht gelesen habt.

Molly Antopol: Die Unamerikanischen
Amerika ist der rote Faden, von dem die unamerikanischen Figuren in Molly Antopols Geschichten zusammengebunden werden. Da ist der israelische Soldat, dem ein Bein abgenommen wird und dessen Freundin die geplante USA-Reise mit seinem Bruder antreten will, da ist der alternde Mann mit weißrussischen Wurzeln, der eine jüngere Frau heiratet und auf der Hochzeitsreise nach Kiew verliert, und da ist der nachlässige Vater, der mit Frau und Kind aus Prag geflohen ist und Jahre später Angst vor dem hat, was die Tochter in einem Theaterstück über ihn auf die Bühne bringen wird. Das ist übrigens meine Lieblingsgeschichte. Oder doch die Story von Talia und Tomer, die sich zum falschen Zeitpunkt ineinander verlieben? Oder die Geschichte von Alexi, der nach einem Jahr Gefängnis seinen Sohn zum ersten Mal wiedersieht … Ich kann es nicht sagen, ich mochte sie alle, jede Story, jede Seite, jeden Satz – ein ganzes Lieblingsbuch ist das, von vorn bis hinten. Molly Antopols Kurzgeschichtensammlung ist großartig, schön, wehmütig, intelligent und einzigartig.

Die Unamerikanischen von Molly Antopol ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-24771-0, 320 Seiten, 20,50 Euro).

Dorthe Nors: Handkantenschlag
Einer, der vorher im Außenministerium war, wird zum Buddhisten und zum Chef der Hilfsorganisation Informationen von Volk zu Volk. Nur ein guter Mensch wird er leider nicht. Ein Kind, dessen Eltern sich getrennt haben, zieht von der Mutter zum Vater, dessen neue Freundin auch einen Sohn hat. Eine Putzfrau öffnet dem Lieferanten die Tür, der eine viel zu große Tomate wieder abholen soll – und verbringt mit ihm den Rest des Tages. Ein Mann sitzt abends vor dem Computer und beschäftigt sich mit weiblichen Mörderinnen, während seine Freundin schläft. Und einer Frau, deren Mann sie verlassen hat, bleibt nichts außer den Plänen, die sie nie umsetzen wird. Dorthe Nors‘ Kurzgeschichtensammlung trägt den Titel Handkantenschlag. Und das passt. Denn die dänische Autorin, die in den USA Erfolge feiert, teilt mit ihren sprachlich präzisen Miniaturen tatsächlich Schläge aus. Sie haut dem Leben ins Gesicht, sie spuckt Kirschkerne, lächelt sardonisch und hat es faustdick hinter den Ohren. Das merkt man aber nur, wenn man genau hineinliest in diese Short Short Storys, die ultrakurz sind. Am Ende jeder Geschichte bin ich verblüfft darüber, dass sie schon aus ist. Ich sitze sprachlos da und lasse das Gelesene nachwirken. Nicht immer verstehe ich es. In diesen kleinen Momentaufnahmen gibt es keine Pointen. Auch ist das Inhaltliche nicht unbedingt eine gewichtige, wertvolle Botschaft. Vielmehr geht es um Alltagsbeobachtungen, winzige Ausschnitte, die man weiterdenken kann und muss.

Handkantenschlag von Dorthe Nors ist erschienen im Osburg Verlag (ISBN 9783955100704, 170 Seiten, 17,99 Euro). #indie

Greg Ames: Der bisher beste Tag meines Lebens
„Was für ein Leben erwartet einen, der seine Mutter getötet hat?“ Das fragt sich der 28-jährige James, der darüber nachdenkt, seine demenzkranke Mutter von ihrem Leid zu erlösen. Der Standpunkt der Krankenschwester war stets klar: Sie wollte lieber sterben als vor sich hin zu vegetieren. Jetzt ist sie 56, lebt im Heim und hat vergessen, wie das geht: sprechen, eine Toilette benutzen, leben. Und James fühlt sich schuldig, weil er sie vom Gedanken, Selbstmord zu begehen, abgebracht hat. Kann er, muss er seine Mutter nun töten? Er fliegt von New York, wo er als Grußkartentexter arbeitet, in seine Heimatstadt Buffalo und versucht einen klaren Entschluss zu fassen in Bezug auf Euthanasie. Mit Der bisher beste Tag meines Lebens hat Greg Ames einen lebensklugen, witzigen und überzeugenden Roman geschrieben, der geprägt ist vom Gefühl des Verlusts. Protagonist James hat es seiner Mutter nicht leicht gemacht, hat getrunken und rebelliert, ihren Rat ignoriert. Jetzt, wo er sich seiner Liebe für sie erinnert, ist es zu spät – sie weiß nicht mehr, wer er ist. Und James steht vor der Frage, ob ein Mord aus Liebe dennoch ein Mord ist. In starken und einprägsamen Bildern beschreibt Greg Ames das Leben eines Demenzkranken, macht es durch Worte erlebbar: „Ohne Gedächtnis hätte ich nichts. Ich wüsste nicht, wie ich von diesem Stuhl aufstehen sollte. Ich könnte keine Zusammenhänge erkennen. Wie bin ich hierher gekommen? Warum bin ich hier? Wie funktionieren meine Hände und mein Mund?“ Dies ist ein Roman über Würde, Menschlichkeit und Loslassen, über Erinnerungen und den quälenden Schmerz derer, die diese Erinnerungen bewahren. Trotz dieser schwergewichtigen Themen drückt das Buch nicht auf die Tränendrüse, im Gegenteil, es punktet mit einer trotzigen Heiterkeit.

Der bisher beste Tag meines Lebens ist erschienen im Steidl Verlag (ISBN 978-3-86930-178-5, 18 Euro). #indie

Giuliano Musio: Scheinwerfen
Die Weingarts haben eine sehr spezielle Gabe: Wenn sie jemanden berühren, können sie seine verdrängten Erinnerungen sehen. Jeder aus der Familie, der seine Initiation hatte, spürt dadurch jene Erlebnisse auf, an die die Menschen selbst nicht mehr herankommen. Die Brüder Julius und Toni haben dieses Talent von ihrem Vater geerbt, ihre Mutter hat daraus ein florierendes Geschäft gemacht: Die Kunden geben sich die Klinke in die Hand, um mithilfe der Weingarts verlorene Schlüssel, den Namen eines Vergewaltigers oder ein Gefühl aus der Kindheit wiederzufinden. Was für ein Debüt! Was für eine Story! Was für ein Vergnügen! Der Schweizer Autor Giuliano Musio erzählt in Scheinwerfen eine abstruse, spannende und gefühlvolle Geschichte, die völlig unglaubwürdig ist und dabei doch absolut realistisch erscheint. Vier Menschen stehen im Mittelpunkt und tragen ihre jeweilige Perspektive zur Geschichte bei: Julius, Sonja, Res und Toni. Einer von ihnen liebt den falschen Mann. Einer kann überhaupt nicht scheinwerfen, sondern tut nur so. Und alle verbindet nicht nur dasselbe Erbmaterial, sondern auch ein schreckliches Geschehnis in der Vergangenheit, an das sie sich selbst nicht mehr erinnern können. Behutsam löst Giuliano Musio Schicht um Schicht das Vergessen und hantiert dabei gekonnt mit den Fäden eines fesselnden Verwirrspiels: Was ist damals wirklich passiert? Wer sagt die Wahrheit? Und was weiß ein jeder wirklich über die Menschen, die er liebt?

Scheinwerfen von Giuliano Musio ist erschienen im Luftschacht Verlag (ISBN 978-3-902844-51-4, 404 Seiten, 25,20 Euro). #indie

Edward Carey: Alva & Irva
Alva und Irva sind Zwillinge, die einander gleichen innen und außen. Sie sind so eng miteinander verbunden, dass sie sich nicht trennen können, nicht einmal für einen Augenblick, und dass sie keinen Zugang finden zu den anderen Menschen. Als sie heranwachsen, stellt sich allerdings heraus, dass das Bedürfnis, am Geschehen in der Außenwelt teilzunehmen, ungleich zwischen den Zwillingsschwestern verteilt ist: Die extrovertierte Alva hat alles abbekommen, die introvertierte Irva nichts. Als sie beginnen, die Stadt Entralla, in der sie leben, aus Plastilin nachzubauen, ist das von Vorteil: Alva erkundet die Stadt, Irva bildet sie zu Hause ab. „Alvairvalla ist eine Stadt aus Plastilin und daher sehr geduldig.“ Doch um sich von Irva zu unterscheiden, greift Alva zu radikalen Methoden. Und die Risse zwischen den beiden gehen einher mit noch viel größeren Rissen in der Stadt … Als Leser wandert man durch dieses Buch wie ein Tourist durch eine Stadt. Zu jedem Kapitelanfang gibt es eine Einführung mit Foto zu einem Gebäude von Entralla, Hinweise auf Öffnungszeiten und Rabatte vervollständigen den Eindruck eines Reiseführers. Dann folgt die Erzählung aus Alvas Sicht. Alva & Irva ist ein ungewöhnliches, ein böses, witziges, unterhaltsames und völlig absurdes Buch. Wenn es sich irgendwo auftreiben lässt, unbedingt zugreifen!

Alva & Irva von Edward Carey ist erschienen bei liebeskind (ISBN 978-3935890168, 252 Seiten), die englische Ausgabe ist noch lieferbar.

Brittani Sonnenberg: Heimflug
Eine Familie: Elise, Chris, Leah und Sophie. Elise, die der Erinnerung an die sexuellen Übergriffe ihres Großvaters entkommen will und sich einen Mann aussucht, der die ganze Welt bereist, um so weit wie möglich wegzukommen. Chris, der Schulsportler, der beruflich erfolgreich ist, ein stolzer, zurückhaltender Mann. Leah, die in Deutschland geboren wird, in London, Amerika, China und Singapur aufwächst, voller Neid auf die kleine Schwester davor und voll unendlicher Trauer danach. Denn Sophie stirbt im Alter von 13 Jahren überraschend. Die anderen drei Familienmitglieder versuchen in Folge, mit ihrem Fehlen zurechtzukommen – an verschiedenen Orten, mit einer Therapie, mit all ihrer Kraft. Doch auch nach vielen Jahren ist ihnen klar, dass es ihnen niemals gelingen wird. Brittani Sonnenberg hat wie ihre Figuren in Asien, Europa und den USA gelebt, vermutlich kennt sie sich deshalb so gut aus mit dem Gefühl der Heimatlosigkeit und dem Vagabundendasein. Gleich zu Beginn fesselt sie mich mit ihrer trittsicheren, stimmigen Sprache und der einzigartigen Perspektive: Im ersten Kapitel erzählt ein Haus. Die Perspektiven wechseln oft, von Ich-Einblicken über fast theaterstückartige Szenen bis hin zu klassisch auktorialen Teilen, und das macht den Roman sehr facettenreich, wenn auch ein wenig unrund. Heimflug ist ein Buch, das funkelt. Es ist liebevoll, zärtlich, brutal und abgeklärt, es duftet nach exotischen Pflanzen, schwitzt vor Hitze, fühlt sich manchmal fremd und manchmal vertraut an. Hier ist eine Autorin am Werk, die es glänzend versteht, das Fremde einzufangen und zu beschreiben, und die genau weiß, was sie mit ihrer Geschichte sagen will. Es geht um die Suche nach der Möglichkeit, sich heimisch zu fühlen, wenn man keine Heimat hat, und um die Frage, was einen auffangen kann, wenn es keinen Boden unter den Füßen gibt.

Heimflug von Brittani Sonnenberg ist erschienen im Arche Verlag (ISBN 978-3-7160-2709-7, 336 Seiten, 19,95 Euro).

Blandine le Callet: Die Ballade der Lila K
Ein Mädchen, das sich später Lila K nennen wird, findet sich in nicht allzu ferner Zukunft in einer Art Waisenhaus wieder. Es hat keinen Vater und wurde der Mutter weggenommen, an die es unablässig denkt und von der es nicht einmal den Namen erfährt. Lila ist klug und seltsam, erträgt keine Berührungen und kein Licht, wäre am liebsten allein, muss sich aber sozial zeigen und integrieren, um wieder frei sein zu dürfen. Der Mensch in dieser nicht näher bestimmten Zukunft ist überaus gläsern, er wird ununterbrochen von Kameras beobachtet, seine Fäkalien werden von der Kloschüssel analysiert, und ob er Kinder bekommen darf, entscheidet er nicht selbst. Nicht so streng sind die Regeln draußen in der „Zone“, wo Gewalt, Armut und Zügellosigkeit herrschen, wo es noch echte Bücher gibt und keine Videoaufzeichnung. Dort, so findet Lila nach jahrelanger, vorsichtiger, geheimer Recherche heraus, kommt sie her, dort muss ihre Mutter sein. Doch um sie zu finden, braucht Lila Hilfe – von Milo, einem undurchsichtigen, faszinierenden Mann, in den Lila sich, so sehr sie es zu verhindern versucht, verliebt. Dieses Buch und ich, wir haben eine Hassliebe. Denn  die Geschichte von Kindesmisshandlung, absoluter Kontrolle durch den Staat und purer Einsamkeit in einer reglementierten Gesellschaft ist so eindringlich erzählt, dass einem beim Lesen manchmal schlecht wird. Blandine le Callet schildert behutsam und klar ein fiktives Schicksal, das trotz der merkwürdigen, wie Sci-Fi anmutenden Umstände erschreckend real wirkt. Spannend, klug, bewegend und extrem verstörend. Ein Buch, das einen noch lange verfolgt.

Die Ballade der Lila K von Blandine le Callet ist erschienen bei Ullstein (ISBN 978-3550088711, 368 Seiten).

Riikka Pulkkinen: Wahr
Ich habe mich nicht auf den ersten Blick in Wahr von Riikka Pulkkinen verliebt. Vielmehr habe ich nach der digitalen Leseprobe entschieden, das Buch nicht zu lesen. Dann aber hat es mir ein aufmerksamer Mensch geschenkt, und wir haben einander über das Regalbrett hinweg immer wieder angeschaut. Eines Tages habe ich ihm spontan doch eine Chance gegeben – und es war um mich geschehen. Plötzlich hat die junge finnische Autorin ihre sperrige, hölzerne und doch so klare Sprache um mich gelegt wie Arme und hat mich so festgehalten, dass ich nicht mehr gehen wollte. Die Geschichte ist denkbar klischeehaft: Eine Frau liegt im Sterben, sie hat eine Karriere gehabt und eine Familie, und ihr Mann hat sie einst betrogen, er war verliebt in eine andere. Aber es ist ebendiese ausgezeichnete, kluge Sprache, die mal hart werden und dann wieder weich sein kann, die dafür sorgt, dass ich mich trotzdem für diese Geschichte interessiere. Alle Sätze sind eingebettet in ein großes Gewebe, das in seiner Gesamtheit funktioniert und keine einzige Lücke aufweist. Eevas Geschichte ist die Geschichte jeder Frau, die einmal unverhältnismäßig geliebt hat: „Aber sie ist der Überzeugung, dass niemand es sich leisten kann, die Liebe vorbeiziehen zu lassen. So reich kann niemand sein. Und deshalb macht sie ihm die Tür auf.“ Wahr ist kraftvoll und zynisch, elegant und melodisch, ein Buch voller Sätze, mit denen ich mich zudecken möchte, um zu schlafen darin.

Wahr von Riikka Pulkkinen ist erschienen bei List (ISBN 978-3548611624, 457 Seiten), als Taschenbuch erhältlich.

Priya Basil: The obscure logic of the heart
„You’re always making plans“, sagt Lina zu Anil. „Because plans are how you tame the future“, antwortet er. Lina und Anil, deren Namen gegengleich sind wie ihre Seelen, lernen sich kennen, als sie beide Studenten in London sind und jung. Anil stammt aus einer reichen kenianischen Familie und will Architekt werden, Linas Eltern leben bescheiden, sie selbst steht unter der Obhut ihrer Tante und studiert Jura im letzten Jahr. Während Anil in Liebe auf den ersten Blick entbrennt, gibt Lina sich zurückhaltend – kann seinem Charme aber nicht allzu lange widerstehen. Und so entspinnt sich nicht nur eine sinnliche, wahnwitzige Liebesgeschichte, sondern auch ein dichtes Lügengespinst, in dem die beiden Verliebten sich immer mehr verfangen. The obscure logic of the heart ist eine moderne Romeo-und-Julia-Geschichte mit religiösem Hintergrund. Die Autorin, die in Kenia aufgewachsen ist, lässt abwechselnd Lina und Anil erzählen, gibt ihren Zweifeln und seiner Verzweiflung eine authentische Stimme. Sie porträtiert eine Liebe, die wie eine zarte Pflanze durch die Ritzen im Beton wächst, die sich nicht niedertrampeln lässt, die mühsam gehegt wird, während andere, die sie als Unkraut betrachten, sie auszurupfen suchen. Freilich ist eine Liebesgeschichte umso romantischer, je mehr die Liebenden gegen Widerstände kämpfen müssen und je größer die Zahl ihrer Feinde ist. Priya Basil zeigt aber auch, dass – getreu nach Shakespeare’schem Vorbild, wenn auch weniger tragisch – die Liebe gegen so viel Feindseligkeit oft nicht bestehen kann, dass die Pflanze manchmal schlussendlich verdorrt. Ein Wunderwerk sind die Briefe, die im Roman auftauchen und von denen ich zuerst nicht weiß, wer sie an wen geschrieben hat. Als es mir schlussendlich klar wird, bin ich regelrecht erschüttert. Diese feinsinnigen, klugen, traurigen Briefe sind das Seil, das mich in dieses Buch zieht und mich an die vielen einzelnen Sätzen bindet, die unendlich schön sind: „If it was your intention to vanish without a trace, you neglected to consider the most incriminating article: me.”

Auf Deutsch ist das Buch unter dem Titel Die Logik des Herzens erschienen.

Irene Ruttmann: Adèle
„Immer habe ich gedacht, es kann nicht so schnell gehen zwischen Mann und Frau. Es braucht Zeit und Übereinstimmung und Abwägen und auch Mut.“ Aber als der junge Soldat Max im Dezember 1916 auf die schöne Adèle trifft, braucht es davon gar nichts – und es geht sehr schnell. Der 23-jährige Deutsche, der zuhaus als Drogist arbeitet, ist „Krankenträger des 177. Sächsischen Infanterieregiments in einer kurzen Ruhepause von der Hölle in der Etappe“ in einem besetzten Gebiet in Frankreich. In dieser Funktion sucht er nach Salbei für seine erkrankten Kameraden und sieht Adèle auf einer Holzbank sitzen in einer leuchtend roten Jacke. Es ist sofort um ihn geschehen. Sie hilft ihm, lacht ihn an, und obwohl sie sich kaum verständigen können, herrscht gleich ein tiefes Einverständnis zwischen ihnen. Irene Ruttmann hat sich mit Kinder- und Jugendbüchern einen Namen gemacht. In ihrem zweiten Roman Adèle beschwört sie den Ersten Weltkrieg herauf, und zwar durch das Tagebuch eines jungen deutschen Soldaten, das nach seinem Tod gefunden wird und Aufschluss gibt über seine Liebe zu einer Französin. Ungestüm ist er und naiv, überwältigt von all diesen Empfindungen, die er zum ersten Mal spürt. In Adèle geht es um einen Moment. Um eine Begegnung, einen Kuss, eine rote Jacke, um die Erinnerung und die Wehmut, um das Was wäre gewesen, wenn. Sehr schön.

Adèle von Irene Ruttmann ist erschienen bei Zsolnay (ISBN 978-3-552-05738-8, 160 Seiten, 18,40 Euro).

Bücherwurmloch

Worunter ich aktuell leide, das ist keine Leseflaute, denn ich lese unvermindert viel, es ist eine Begeisterungsflaute. Das überrascht euch jetzt sicher nicht, gell, ihr kennt mich ja. Im Moment ist es allerdings wieder besonders schlimm: Gestern Nachmittag habe ich neun (!) Bücher angelesen, zehn, zwanzig, dreißig Seiten, einmal sogar siebzig, was ja mehr ist als anlesen, eine echte Chance geben ist das, und bis auf eins hab ich alle entweder entnervt in die Ecke gepfeffert oder enttäuscht fallengelassen. Für das eine, das ich letztlich gelesen habe, hab ich mich aus purer Verzweiflung entschieden, besser als nichts, hab ich gedacht, und es hat ja nur 155 Seiten.

Als ich beschlossen habe, das Herbstprogramm zu boykottieren, bin ich voller Elan zum Bücherregal gegangen. Endlich Zeit, in Ruhe all diese Titel zu lesen, die hier zum Teil schon recht lange stehen, endlich kein innerer Stress mehr, mich beeilen zu müssen, weil bereits die nächsten Leseexemplare eintrudeln. Dieser Elan hat aber schnell einen Dämpfer bekommen, denn in den darauffolgenden Tagen und Wochen hab ich festgestellt, dass mich eigentlich nichts aus meinem Bücherregal interessiert. Über 100 Romane stehen bereit und ich kann mich für keinen erwärmen, was ist das für ein krankes Luxusproblem? Ich finde alles abgelutscht, zu oft gelesen, zu unoriginell und vor allem: unfassbar langweilig. Womit wir mal wieder bei meiner Übersättigung wären, nicht wahr, bei meinen zu hohen Ansprüchen, bei meinem Grundgrant. Ich hasse ja prinzipiell einfach mal alles und jeden, bis er/sie/es, ob Mensch oder Buch, mich vom Gegenteil überzeugt. Und das gelingt halt nur selten.

Das ist auch der Grund, warum hier seit einer Weile keine Besprechung erschienen ist, ich werfe Bücher von mir wie ein Baum fauliges Obst, schüttle den Kopf und murmle Flüche in meinen imaginären Bart. Ich habe nicht viel mehr zu sagen als: stumpfsinnig, ermüdend, fad. Und das erspar ich euch aus Nächstenliebe.

Also, lesende Menschen dieser Welt, vereinigt euch, grabt tief in euren Köpfen nach guten Büchern: Was soll ich lesen? Welchen Roman werde ich ziemlich sicher nicht hassen, welcher wird mich nicht dermaßen anöden, dass mein Herzschlag so langsam wird wie von einem See-Elefant beim Tauchen (nur vier Schläge pro Minute, und ja, das ist die einzige Ähnlichkeit zwischen einem See-Elefanten und mir)?

Lieblingsfutter

Es ist mal wieder Zeit für #5aus300! Ich besitze nur ein Bücherregal. Und behalte ausschließlich Bücher, die so besonders sind, dass ihnen ein Platz in diesem Regal gebührt. Aber welche sind das? Seht selbst.

Der Grund ist ein Roman über einen tiefen, unergründlichen Schmerz und über die Schönheit der Musik, die beruhigen, aber letztlich nicht heilen kann. Feinsinnig, poetisch und klug.

Owen Meany gehört zu meinen All-time-favourites, und solltet ihr dieses Buch nicht kennen (es wäre unfassbar), MÜSST ihr das ändern! Es ist eins von Irvings besten: gewitzt, schlau, voller Emotionen.

Der Regen in deinem Zimmer handelt von zwei zerbrochenen Jugendlichen, die einander finden, es ist bittersüß und schwer und schön, mit einer einzigartig melodischen Sprache.

Über die Liebe und den Hass enthält Geschichten von Rachida Lamrabet, die als Juristin im Zentrum für Chancengleichheit und Rassismus arbeitet, Geschichten über Menschen, die fliehen müssen, die ein neues Leben und ein bisschen Glück suchen und denen es verwehrt bleibt. Sehr, sehr gut und (leider) immer hochaktuell!

Ein Pakt fürs Leben erzählt von Charlie Chaplin, von der Erfindung des Films, von der Liebe, vermutlich ist kein Wort davon wahr, und doch bzw. vielleicht deshalb ist dieser Roman ein Meisterwerk. Interessant, kurios und großartig!

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.24.46Letztens ist etwas geschehen, das noch nie geschehen ist, und es hat mich erst zum Nachdenken und dann zu einer recht radikalen Entscheidung gebracht. Ich habe auf dem Handy mein Mailprogramm geöffnet, und es kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Normalerweise werde ich dann hibbelig und notiere mir so bald wie möglich die Titel, die mich interessieren, voller Vorfreude. Diesmal jedoch habe ich entsetzt aufgestöhnt und die Mail mit einer einzigen, unbewussten, schnellen Bewegung gelöscht. Ungelesen. Erst dann dachte ich: Mareike, was hast du getan? Und warum?

Wenig später hab ich erneut eine Mail bekommen, nicht mit einem neuen Programm, sondern mit einer Nachfrage: ob ich jenes Buch erhalten und schon gelesen hätte, wann mit einer Besprechung dazu zu rechnen sei? Ich hatte das Buch bekommen, ja, und zwar zwei Tage zuvor. Nicht nur, dass es unmöglich ist, so schnell und stets aktuell zu lesen und zu rezensieren, es ist auch unangenehm, auf solche Mails zu antworten. Die Verlage hinzuhalten, weil die Stapel, die man hat, zu groß sind, sich dabei schlecht zu fühlen und das alles eigentlich nicht zu wollen, nicht so.

Deshalb habe ich beschlossen: Ich lasse das Herbstprogramm 2018 aus. Ich fordere kein einziges Leseexemplar an, ich blättere durch keine Vorschau, ich ignoriere das Neue, das kommt, ich mache nicht mit. Ich klinke mich aus.

Denn:

  1. Ich lese nur noch Neuerscheinungen. Das ist nichts Schlechtes, es hat sich so entwickelt, ich bekomme viele Bücher (auch unangefordert) und freu mich über jedes einzelne, aber ich kann dieser Flut an Neuerscheinungen nicht Herr werden, und während ich es versuche, bleibt niemals Zeit für all die älteren Bücher, die ich so lange schon lesen will.
  2. Ich lese keine dicken Bücher mehr. Dicke Bücher stressen mich, weil sie mich für lange Zeit blockieren, und das kann ich mir nicht leisten: Zu viel Ungelesenes wartet auf mich. Und dann kommen da ja schon wieder die Neuen daher, während ich noch mit denen beschäftigt bin, die soeben noch neu waren, aber halt leider zu dick, und es ist ein Teufelskreis. Seit 2014 warte ich beispielsweise auf den Moment, in dem ich frei genug bin für Brilka von Nino Haratischwili, 1200 Seiten lesen, während fast jeden Tag Neuerscheinungen eintrudeln? Ich hab es bisher nicht geschafft. Und das muss sich endlich ändern.
  3. Zurzeit liegen 60 Rezensionsexemplare auf meinem SuB und nochmal 60 ältere Bücher. Viele von euch denken jetzt vermutlich: Das ist doch nicht viel, ich habe wesentlich mehr. Für mich ist das aber durchaus eine große Zahl, für gewöhnlich habe ich nicht mal halb so viele ungelesene Bücher. Da ich ja noch dazu nicht mal genug Bücherregale habe, weiß ich nicht, wohin damit. Es ist alles ein wenig außer Kontrolle geraten.
  4. Das stresst mich. Alles davon stresst mich. Ich werde unruhig und will mich ständig nur noch beeilen, um irgendwie Schritt zu halten. Dass mir das nicht gelingt, stresst mich noch mehr. Ich will aber nicht gestresst sein. Ich will, dass das Lesen mir Spaß macht und das Bloggen auch.
  5. Dieser Blog ist ein unbezahltes Hobby. Ich verbringe damit das bisschen Freizeit, das ich in meinem chaotischen Leben habe. Und ich sehe bei immer mehr Bloggern, wie ihnen die Freude abhandenkommt. Wie sie eine Blogpause einlegen oder ihre Blogs schließen. So weit will ich es nicht kommen lassen.
  6. Ich werde vor lauter Hast immer NOCH ungeduldiger und kritischer. Ich möchte mir aber für ein Buch Zeit nehmen können, es in Ruhe lesen, nicht in Gedanken schon beim nächsten sein.
  7. Das ist der Geist unserer Zeit, das Tinder-Syndrom: Die Auswahl ist so groß. Wenn ein Buch mich nicht in kürzester Zeit fesselt, wische ich es weg und rufe: Next! Das nervt mich und strengt mich an. Wie kann denn da, um beim Vergleich zu bleiben, die große Liebe entstehen?
  8. Ich bin zu einer Gegenleistung verpflichtet: Ich bekomme Leseexemplare, und der Deal ist, dass ich darüber schreibe. Das tue ich nach Möglichkeit immer, und ich versuche, jedem Buch gerecht zu werden. Ein wirklich freies, unbedarftes Lesen ist das aber nun mal nicht, egal, wie man es dreht und wendet.
  9. Es geht zu schnell, es ist zu viel. Ich habe noch Titel vom Herbst 2017 hier. Ich lese wie eine Verrückte, bisher 48 Bücher in diesem Jahr, wie soll ich jemals nachkommen?Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.23.47
  10. Immer mehr, immer hektischer: Es reißt uns mit. Wir konsumieren und konsumieren, hetzen den Trends hinterher und jammern, dass wir Entschleunigung brauchen. Wir können nichts dagegen tun, denken wir, so ist das eben heutzutage. Das stimmt aber nicht. Wir können sehr wohl etwas tun. Ich kann. Einfach mal nicht mitmachen nämlich.
  11. Der Stress ist selbstinduziert. Ich muss nicht. Nicht lesen, nicht schreiben, nicht dem hinterherhechten, was man angeblich gelesen haben muss. Niemand zwingt mich dazu. Deswegen hab ich es selbst in der Hand.
  12. Ich bin kein Buchhändler, ich bin kein Journalist. Es ist egal, ob ich die neuesten Bücher lese oder nicht. Niemanden wird das kümmern. Ich muss nicht bei den Hypes mitmachen und auch nicht das lesen, was alle lesen. Und das gibt mir Freiheit.
  13. Ich will mich freuen, wenn ich ein Buch bekomme, nicht denken: Oh Gott, was tue ich nur, wo stelle ich es hin, und wann zur Hölle soll ich es lesen?
  14. Ich habe mir schon sehr lange keine Bücher mehr gekauft. Ich gehe in Buchhandlungen und stehe vor den Neuerscheinungen mit den Gedanken im Kopf: Hab ich im Regal, achja, das hab ich auch schon, oh Gott, das wollte ich noch lesen. Ich kaufe nichts, weil mich das Wissen, dass zuhause so viel Ungelesenes wartet, völlig niederdrückt. Und das finde ich schade. Ich möchte mir das wieder erlauben, ich möchte stöbern und entdecken und später dann auch wirklich lesen können.
  15. Radikale Schritte sind besser, als zu jammern. Deswegen werde ich einfach nichts vom Herbstprogramm lesen, nicht in die Vorschauen schielen, keine Listen anlegen, nichts bestellen. Ich werde mich um die ungelesenen Bücher kümmern, die ich schon habe. Ich werde mir Zeit nehmen, ihnen Zeit geben. Ich werde nicht nach dem nächsten schreien, sondern einfach mal die Pausetaste drücken, um aufzuholen. Das soll aber keine Challenge werden, bei der ich nichts Aktuelles mehr lesen DARF oder erst meinen SuB abbauen MUSS, ich mag solche Challenges nicht und halte nichts davon, mich dadurch auf neue Art wieder unter Druck zu setzen. Ich wünsche mir ja mehr Freiheit, nicht einen anderen Zwang.
  16. Ich verpasse nichts. Sicher werden gute Bücher erscheinen im Herbst 2018. Aber gute Bücher hab ich ja auch schon hier.
  17. Die Bücher laufen nicht weg. Ich kann sie auch später noch lesen. Wenn ich das wirklich will. 2019 zum Beispiel.

P. S.: Während ich diesen Post geschrieben habe, kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Ich hab sie ungelesen gelöscht.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9699„Erzählen durfte ich es keinem, das musste ich bei meinem Leben schwören, und ich schwor so oft auf mein Leben, als hätte ich endlos viele zur Verfügung“

„Ich muss über meine Schwester erzählen, sonst machen das andere, und dabei kann nichts Gutes rauskommen.“

Das sagt Adam, denn seine Schwester Barbara ist tot. Sie ist in den Fluss gegangen, in diesen Fluss, der sie fast nicht mehr ausgespuckt hat, und da hat sie dann schon ausgesehen wie etwas, das man nicht vergessen kann. Deshalb muss Adam sich erinnern, an die Schwester, an früher, an die Schulzeit. Und an die Freundschaften zu Nora, Hans, Annemarie und Yann, diese Freundschaften, die so alltäglich waren und doch so zutiefst traumatisierend.

Schon lange habe ich mir nicht mehr so viele Sätze markiert in einem Buch. Schon lange habe ich nicht mehr derart mit der Stirn gerunzelt beim Lesen, mich gewundert und mich gefreut. Über dieses Seltsame, von dem Yael Inokais Buch durchdrungen ist, über die klare, biegsame Sprache, die alles zu tun scheint, was die Autorin will. Sie gibt verschiedenen Figuren eine Stimme – Nora, Yann und Adam – und lässt sie erzählen von Barbaras Selbstmord, vom Leben im Dorf, von dem, was sie getan haben, als sie Kinder waren. Ein großes Geheimnis gibt es da nicht zu enthüllen, und klassischer könnte das Vergehen der Kinder kaum sein, doch: Die Art, wie Yael Inokai darüber schreibt, die ist besonders.

Ich kann mich diesem Buch nicht entziehen. Es hat diese Stimme, die mich lockt, diesen Singsang, dieses Nüchterne, das so lakonisch klingt und gleichzeitig entwaffnend. Die verschiedenen Stimmen verweben miteinander, reden aneinander vorbei und sagen doch dasselbe, mit anderen Worten, mit anderen Beweggründen. Diese Kindheit auf dem Land, sie könnte das Paradies sein. Und doch wird es kaum jemanden überraschen, dass sie das eben nicht ist, nicht im Geringsten. Dass auch das Erwachsensein dort nicht paradiesisch ist, sondern ungut, schwierig, geprägt von dem, was die anderen reden – und da kann nichts Gutes dabei rauskommen. Bis auf dieses Buch, das sehr wohl gut ist, sehr gut sogar.

Mahlstrom von Yael Inokai ist erschienen im Rotpunktverlag (ISBN 978-3-85869-760-8, 180 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9697„Ich fing an, sie zu hassen. Ich fing an, sie zu lieben“

Aber was ist mit seinen Töchtern?, fragte ich mich. Was hat Gott mit seinen Töchtern gemacht?

August ist in Brooklyn, mit ihrem Vater, mit ihrem Bruder, einzig die Mutter fehlt, und August wartet. Überzeugt davon, dass die Mutter wiederkommen wird, morgen und morgen, überzeugt, dass alles sich ändern wird. Die Hitze, das Fremdsein, die aufkeimende Pubertät, die so verwirrend ist. Doch in Wahrheit ändert sich nichts, nur der Vater hat neue Frauen, nur die Kinder werden größer. Angela, Sylvia und Gigi werden Augusts Freundinnen, jede auf ihre Art angeknackst, noch nicht zerbrochen, und doch sind die Risse in ihren Fassaden schon erkennbar.

Wir trugen Rasierklingen in unseren Kniestrümpfen und ließen uns lange Fingernägel wachsen. Mit der Zeit bewegten wir uns auf den Straßen Brooklyns, als wären wir nie woanders gewesen – mit lauten Stimmen und noch lauterem Lachen. Doch Brooklyn hatte längere Nägel und schärfere Klingen. Jeder zugedröhnte Soldat, jedes hungrige Kind mit aschfahlen Knien hätte uns das sagen können.

Ein anderes Brooklyn ist viel weniger ein Buch und viel mehr ein Büchlein, schmal, mit Leerzeilen zwischen den Blöcken, kaum eine Geschichte. Und dennoch. Ich habe es nicht gelesen, sondern ratzfatz atemlos auf einer eineinhalbstündigen Zugfahrt aufgefressen. Es kribbelt auf der Haut während der Lektüre, es rumort im Magen und im Herzen auch. Man kann nicht genau festmachen, woran das Unwohlsein liegt, warum es so sticht und schmerzt. Idealerweise klingt in Büchern wie diesem, die so viel ungesagt lassen, genau das Ungesagte noch viel lauter. Das ist hier der Fall, und es ist sehr gut.

Jacqueline Woodson, selbst in Brooklyn aufgewachsen, schreibt seit zwanzig Jahren preisgekrönte Bücher für Jugendliche – und hat nun ihren ersten Roman für Erwachsene vorgelegt. Liegt es vielleicht daran, dass ihr diese jungen Mädchen so gut gelungen sind, diese vier Dreizehnjährigen, die aus dem Kindsein kippen, die das aufregend finden und doch gleichzeitig die Gefahr erkennen, in der sie sich plötzlich befinden? Es geht um Freundschaft in diesem Buch, um Entwurzelung und Verlust. Es geht um Einsamkeit und Neuanfänge, um das Zurückblicken auf eine Zeit im eigenen Leben, die prägend war. Ein merkwürdiges, verwirrendes und tatsächlich unglaublich intensives Buch.

Ein anderes Brooklyn von Jacqueline Woodson ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3-492-05865-0, 160 Seiten, 20 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Platzgumer„Nur vergessen will sie, schnell, alles“

Niemandem kann ein Mensch mehr als seiner eigenen Mutter vertrauen, und meine ist im gleißenden Tageslicht verschwunden, das der spröde Asphalt und die Wellen spiegeln, die immerfort an die Küsten Marseilles schlagen.

François ist ein Findelkind, ausgesetzt in einem Einkaufswagen. Er wächst bei Adoptiveltern auf, bei denen er sich nie zuhause fühlt, und haut ab, als er gerade mal alt genug dazu ist. Eine Freundin findet er in Lucy, die wie er adoptiert wurde. Was soll er aus seinem Leben machen, wohin kann er gehen, was kann er werden? François findet überraschend schnell einen Platz in einem dubiosen Hotel, das ein ehemaliger Schulkollege von ihm führt. Dort hockt er dann und bewegt sich nicht mehr fort, und man hat das Gefühl: dass er ausgesetzt wurde und seither wartet, das hört irgendwie nicht mehr auf.

Hans Platzgumer hat mich mit Am Rand, das 2016 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, nachhaltig beeindruckt. Umso mehr hab ich mir von seinem neuen Werk erwartet. Und es beginnt auch diesen Erwartungen entsprechend: Wunderschöne erste Seiten, sehr tiefsinnig, über das Dasein als Findelkind, über das Gefundenwerden, den Beginn des Lebens als einer, der nicht gewollt wurde. Die Szene, in der François und Lucy einander kennenlernen, ist großartig, sie sprüht vor Ideenreichtum und macht Versprechungen. Bloß habe ich dann während der Lektüre mehr und mehr das Gefühl, dass diese Versprechungen nicht eingehalten werden. François und Lucy werden nicht so gute Freunde, wie dieser Anfang verheißt – und auch der gesamte Roman ist nicht so, wie ich es mir erhofft habe.

Sprachlich ist der Musiker Hans Platzgumer auch in seinem sechsten Buch virtuos und sicher, das ist völlig klar. Nur die Geschichte versandet, und ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Warum all diese Fäden lockerlassen, warum sie nicht zusammenführen, zu einer Story spinnen? Wieso ist Protagonist François derart passiv und antriebslos, derart hineingesetzt in ein Leben, das er vorbeistreichen lässt, ohne es zu führen? Weshalb geht seine Suche nach dieser Frau, die ihm einen Zettel hinterlassen hat, so ins Leere? Ist die Botschaft des Buchs, dass nichts aus einem werden kann, wenn man als Kind ausgesetzt wurde, dass man es nie überwinden kann, so behandelt worden zu sein? Dass man stets darauf warten wird, gefunden zu werden, ohne ein einziges Abenteuer wahrzunehmen, das man erleben könnte? Ich weiß es nicht, und in den Rezensionen, die ich zu diesem Buch gelesen hab, kam es mir vor: Die anderen wissen es auch nicht.

Drei Sekunden Jetzt von Hans Platzgumer ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-552-05885-9, 256 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_9415„Denn manchmal sind Worte Brot, Wasser, Fleisch“
Ada Maria lebt in einem Dorf im Appenin, gemeinsam mit ihrem Bruder und ihren Eltern, es geschieht nicht viel in diesem Dorf, und Ada Maria hat keine Möglichkeit, der Enge zu entkommen. Nach dem Tod der Mutter rückt der Vater von ihnen ab und zieht bei seiner Geliebten ein, Ada Maria bildet mit ihrem Bruder ein verschworenes Zweiergespann. Er arbeitet auf dem Friedhof, sie kümmert sich um den Haushalt. Bis sie eines Tages feststellt, dass da jemand im Wald ist, ein Soldat vielleicht, mehr als zehn Jahre nach dem Krieg, dass da jemand in einer Höhle lebt, der ihr Angst macht – und sie zugleich fasziniert. Tag für Tag geht Ada Maria nun in den Wald, bringt Nahrungsmittel und Kleidung hin, nähert sich diesem Geheimnis an, das ihr Leben verändern wird.

Auf den ersten Seiten bin ich von Magnifica völlig überrumpelt, es ist ein derart sprachgewaltiges Buch. Mit seltsamen Metaphern und einer von Anfang an düsteren Stimmung zieht es mich in seinen Bann. Wie das klingt? Zum Beispiel so:

Magnifica sammelt die Sätze der Mutter, bindet sie sich um wie einen Schal, trinkt sie wie Wasser, lauscht ihnen als Schuldnerin und versucht, während sie sich in die Vergangenheit stürzt, sich nicht heillos darin zu verfangen.

Ihre Haut war jetzt wie diese Waben, ein Gebiet voller Sechsecke, mit neuen geometrischen Formen, Zellen voller Klang. Mit der Zungenspitzt kostete sie vorsichtig. Honig.

Zwischen ihnen war jetzt nur noch – fest und unzertrennlich – eine Girlande mit Schmetterlingen.

Nun ist es so, dass ich derart originelle, poetische Sprachbilder sehr mag, und so bin ich mit dem ersten Drittel des Romans mehr als zufrieden. Doch dann geschehen zwei Dinge, die das ändern: Zum einen gerät die Handlung aus dem Tritt, zieht und zieht sich, die Sequenzen, in denen Ada Maria wieder und wieder in den Wald geht, sich aber nicht viel bewegt, sind mir zu lang. Zum anderen geschieht etwas, das ich euch nicht verraten kann, ohne zu spoilern, es sei nur so viel gesagt: Dieses Ereignis entzieht in meinen Augen der Geschichte jegliche Seriosität, macht sie schrecklich banal, wie einen Sat1-Film, und das kann ich ihr nicht vergeben. Ab diesem Moment sehe ich den Roman an wie jemanden, der mich schwer enttäuscht hat.

Zu guter Letzt lässt mich der Aufbau des Buchs ratlos zurück. Die Rahmengeschichte handelt von Magnifica, selbst schon recht alt, die von ihrem Sohn Andrea einen Stift bekommt, mit dem sie ihre Geschichte aufschreibt. Allein: Es ist gar nicht ihre Geschichte, sondern die ihrer Großmutter bzw. ihrer Mutter Ada Maria. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn Magnifica selbst dann auch noch ihren Anteil bekäme oder das zumindest von Anfang an klar wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. Nachdem Maria Rosaria Valentini sich sehr, sehr viel Zeit für Ada Maria genommen hat, behandelt sie Magnifica quasi stiefmütterlich: Ihr gesamtes Leben wird in wenigen Sätzen abgehandelt. Das liest sich, als habe sie einfach keine Lust mehr gehabt, weiterzuschreiben, und bremst den gesamten Roman am Ende unangenehm aus. Was wegen der schönen Sprache und der tollen Bilder ein umso größerer Verlust ist.

Magnifica von Maria Rosaria Valentini ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9874-9, 304 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9103 2„Ich möchte Geschichten schreiben und Geschichten erleben, nicht immer nur Anekdoten“

„So wurde der Penis zum Spog. Spog steht für Sportgerät. Prispog steht für primäres Sportgerät. Man durfte nicht mehr ficken oder vögeln sagen, es hieß koitieren bis Ende des Jahres, nächste Saison soll ein neues Verb kommen: interkursieren.“

Leon ist ein Sportstar, und sein Sport ist Sex. Er nimmt als professioneller Vögler – oder besser gesagt: Interkursierer? – an der elften Sex-Weltmeisterschaft teil, die in Kopenhagen stattfindet. Wir schreiben das Jahr 2028, kein anderes Land wollte diese Weltmeisterschaft austragen, und auch im vermeintlich noch liberalen Dänemark geht sie nicht ohne Proteste, Polizeischutz und Gefahr über die Bühne. Leon hadert mit seinem Dasein, und es ist ein Hadern auf hohem Niveau: Er ist berühmt, er ist reich, er hat Neider, er hat Sex – alles davon ohne Ende. Täglich trainiert er mit den Frauen im Team, von denen Sally seine bevorzugte Partnerin ist, weil er sich einbildet, verliebt in sie zu sein. Dabei kennt er sie, obwohl er bereits jede Stelle ihres Körpers tausendmal berührt hat, kaum, weil die Teammitglieder nicht privat miteinander verkehren. Immer mehr steigert er sich in gewisse Fantasien hinein – während sich auch die politische Lage zuspitzt. Auf dem Weg zum möglichen Weltmeistertitel stellen sich mehr und mehr Hindernisse in Leons Weg, und am Ende sieht er nur eine Lösung, die gelinde gesagt überraschend ist.

Helmut Krausser ist eine geile Sau. Das weiß jeder, der schon ein Buch von ihm gelesen hat – und mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Während der Lektüre hatte ich ständig den sexistischen Gedanken im Kopf: Was, wenn eine Frau so etwas geschrieben hätte? Was, wenn eine Frau vom Ficken und Blasen und Morden erzählen würde, in einer so vulgären und dabei gleichzeitig unaufgeregten Sprache? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kritiker das so wohlwollend aufnehmen würden, wie sie es bei Krausser tun. Doch spielt eine derart müßige Überlegung keine Rolle: So oder so ist Geschehnisse während der Weltmeisterschaft ein hochgradig originelles, kurioses, unterhaltsames Buch, das ich vor allem aus dem Grund geliebt habe, weil es sich nicht um gängige Regeln schert. Endlich mal was Neues, endlich mal Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Das ist großartig.

Die Geschichte an sich erzählt auf überzeichnete und überdrehte Weise von etwas, das wir auch heute schon kennen: Leistungsdruck bis ins Extreme, eine Perfektion der Körperlichkeit, wie sie nicht existieren kann, eine Bewertung mit Jurypunkten von etwas, das „natürlich“ sein sollte und nicht an die Möglichkeit gekoppelt, überhaupt bewertet zu werden. Sex als satirisches Mittel für eine solche Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt in seinem neuesten Roman über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Er tut das auf souveräne und konsequente Weise, führt uns zu dem offenbar einzig möglichen Ende, das ich dennoch nicht habe kommen sehen. Gutes Buch.

Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 78-3-8270-1203-6, 240 Seiten, 20 Euro).