Bücherwurmloch

„Warum hatte sie sich nie beklagt?“
Jiyoung erlebt schon in ihrer Kindheit, wie Jungs von Geburt an bevorzugt werden, das bessere Essen bekommen, nicht im Haushalt helfen müssen, und so zieht sich dieses Ungleichgewicht durch ihr Leben: Cho Nam-Joo erzählt von einer Frau Ende dreißig, die in Südkorea aufwächst und mit den dort herrschenden Ungerechtigkeiten zu kämpfen hat. Die Zeiten haben sich verändert, ja: Sie kann in die Schule gehen, sie darf studieren. Aber sie bekommt nur Absagen auf ihre Bewerbungen nach dem Studium, und als sie endlich einen Arbeitsplatz findet, wird sie um einiges schlechter bezahlt als die männlichen Mitarbeiter, wird bei Beförderungen übergangen und bei Firmenfesten belästigt. All das ist normal. All das ist eigentlich nicht der Rede wert. Millionen Frauen vor und neben Jiyoung ergeht es so. Und doch: In ihr regt sich plötzlich ein zarter Widerstand. In ihr regt sich ein kleines Aufbegehren, das nicht in ein Handeln mündet, noch nicht, vielmehr in einem eigenartigen, psychotischen Zustand, der vor allem ihren Ehemann beunruhigt.

„Hat ein Gesetz oder ein System Einfluss auf die Wertvorstellungen eines Menschen? Oder richten sich die Gesetze und Institutionen nach den Werten der Menschen?“

Die koreanische Drehbuchautorin Cho Nam-Joo hat ein Buch geschrieben, das klarer und deutlicher nicht sein könnte: Sie zeigt, wie die Frauen in Südkorea sich aufopfern, wie sie hackeln und sich kümmern, schuften und schweigen, sie zeigt den Sexismus, die fehlende Gleichberechtigung. Das ist ihr ein solches Anliegen, dass sie sogar zu Zahlen und Statistiken greift, um zu belegen, was sie erzählt, was dem Roman – vor allem im letzten Drittel – fast etwas Sachbuchartiges gibt. Dieses schmale Büchlein hat mir wieder einmal vor Augen geführt, wie es Frauen in anderen Ländern der Welt ergeht – und dass wir, trotz allem, womit und wofür wir noch zu kämpfen haben, schon um einiges weiter sind. Deshalb kann ich zwar verstehen, was für einen Aufruhr Cho Nam-Joo in Asien ausgelöst haben muss, bin aber selbst nicht so aus dem Häuschen wegen der Geschichte. Vor allem auch, weil die Idee vom Anfang, dass Jiyoung verschiedene Persönlichkeiten übernimmt, nicht weitergeführt wird. Generell hätte ich mir mehr Konsequenzen gewünscht, einen Handlungsreiz, der aus dem Leidensdruck resultiert, in dieser Hinsicht war beispielsweise Han Kang radikaler. Ich feiere diesen Roman für seine Wichtigkeit und hoffe, dass er dazu beiträgt, dass sich für die Frauen in Korea etwas verändert.Wobei sich die Frage stellt, ob seine eigentliche Zielgruppe ihn liest: koreanische Männer.

Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam-Joo ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

 

Bücherwurmloch

„Als wir begannen, in großen Gruppen von Tausenden Fremden zusammenzuleben, änderte sich alles“
Ich verbringe ja einen Großteil meiner Zeit damit, über Bücher zu schreiben und über Bücher zu reden. Trotzdem überfällt mich manchmal eine regelrecht panikartige Starre. Dann nämlich, wenn mir ein Buch so wichtig ist, dass ich Angst bekomme, ich könnte euch nicht entsprechend vermitteln, WIE wichtig. So geht es mir mit diesem Titel von Rutger Bregman, der mit einigen Auftritte und Reden sowie mit seinem Buch „Utopien für Realisten“ sehr bekannt geworden ist. Ich kann euch nicht einmal sagen, warum ich mir „Im Grunde gut“, gekauft habe, wo ich doch recht selten Sachbücher lese. Es war einer der merkwürdigen Fälle von: Nicht ich habe das Buch gefunden, sondern das Buch hat mich gefunden. Und es war allerhöchste Zeit. Weil ich oft zu kämpfen habe mit meinem Menschheitshass, mit meinem Zynismus, mit dem Gedanken: Sterben wir doch bitte alle aus, dann hat diese Dummheit, diese Ignoranz, diese Grausamkeit ein Ende. Ich bin extrem geprägt von dem Glauben, dass der Mensch im Grunde schlecht ist. Dass da nichts Gutes in ihm schlummert, nur Gier, nur Egoismus, nur blindes Handeln zum eigenen Vorteil. In vielen, vielen Schulstunden habe ich gelernt, dass der Urzeitmensch seine Artgenossen erschlagen hat, um sein Überleben zu sichern, dass wir nie etwas anderes getan haben, als Krieg zu führen, dass wir Millionen getötet haben, dass wir die Religion als Vorwand nutzen, um Andersgläubige zu ermorden, dass wir an Geld interessiert sind, an Besitz, an Macht. Ich habe gelernt, dass Menschen, die auf einer einsamen Insel stranden, gewalttätig werden – siehe Herr der Fliegen –, dass Menschen, die zu Wärtern und Insassen gemacht werden, völlig außer Kontrolle geraten – siehe Stanford-Prison-Experiment. Ich habe gelernt, dass Leute, die mitbekommen, wie vor ihren Augen eine Frau vergewaltigt und ermordet wird, ihr nicht helfen – siehe Kitty Genovese –, und dass jede Gesellschaft auf Mord und Hass fußt.

Dann kam Rutger Bregman mit diesem Buch. Und hat mir gezeigt, dass alles, wirklich alles, was ich gelernt habe, nicht stimmt. Die Sache ist: Wenn er Recht hat, dann stellt das unsere gesamte Welt auf den Kopf. Wenn er Recht hat, dann ist das nicht einfach nur ein Sachbuch, sondern eine Revolution. Dann gehört es in jede Schulklasse, in jedes Bücherregal, in jedes Gehirn. Ich wünschte, ich hätte es schon vor Weihnachten gelesen – ich hätte es ungelogen jedem geschenkt, den ich kenne. Wenn er Recht hat, dann sind wir nicht die hasserfüllten, egogetriebenen Wesen, die wir zu sein glauben sollen, sondern voller Mitgefühl und Freundlichkeit, erfüllt vom Wunsch nach Zusammenhalt und Gemeinsamkeit. Ich habe dieses Buch verschlungen, oft noch bis Mitternacht gelesen, so sehr hat es mich erschüttert. Zweimal habe ich angefangen zu weinen. Zurückgelassen hat es mich in dem Bewusstsein, dass ich alles, was ich geglaubt habe zu wissen, überdenken muss. Dass vielleicht – und ich hätte nie gedacht, dass ich so etwas einmal sagen würde – doch noch Hoffnung für uns besteht. Ein kleines bisschen. Weil wir im Grunde gut sind.

Im Grunde gut. Eine neue Geschichte der Menschheit von Rutger Bregman ist erschienen bei Rowohlt, übersetzt aus dem Niederländischen von Ulrich Faure und Gerd Busse.

 

 

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„Die Kindheit ist lang und schmal wie ein Sarg, aus dem man sich nicht allein befreien kann“
1917 geboren, wächst Tove Ditlevsen in ärmlichen Verhältnissen im Kopenhagen der 1920er-Jahre auf. Ihr Vater ist arbeitslos, der große Bruder keine Hilfe in der täglichen Auseinandersetzung mit der sehr herrischen, manipulativen Mutter. Die ganze Familie arrangiert sich mit der Situation, kommt über die Runden – hat aber wenig Beachtung übrig für die Träume der kleinen Tove. Sie hat so viele Worte in sich, so viele Gedichte. Heimlich schreibt sie sie in ein Poesiealbum und stellt sich vor, eines Tages ein Buch zu veröffentlichen. Das erscheint ihr unmöglich, doch die Lebensgeschichte dieser dänischen Autorin, die gerade wiederentdeckt wird, zeigt, dass es ihr schließlich gelungen ist.

„Ich schwor mir, nie wieder jemand anderem meine Träume zu verraten, und hielt mich meine ganze Kindheit über daran.“

Drei schmale Bände fasst die Autobiografie von Tove Ditlevsen, die sich 1976 das Leben genommen hat. In diesem ersten Band berichtet sie vom Aufwachsen im Arbeitermilieu, von den Entscheidungen, die ein Mädchen damals nicht selbst treffen durfte, von Freundschaften, die auf der Straße entstehen und dort auch wieder zerbrechen, von gnadenlosen Lehrern und der tiefen Scham, die man fühlt, wenn man ausgelacht wird. Sie braucht nicht viele Worte, und das ist ihre Kunst, um diese Zeit, diese Kindheit, lebendig zu machen, und obwohl ihre Sätze klar und schnörkellos sind, enthalten sie leuchtende, perfekt sitzende Metaphern. Ich konnte mich sofort wiederfinden in diesem Kind, das eine unheimliche Faszination für die Welt des geschriebenen Worts empfindet, aber noch nicht weiß, in welche Richtung sie das führen könnte – und ob sich da Wege auftun werden und Möglichkeiten. Ein kleines, feines Stück Erinnerung, ein elegantes Buch, in dem – trotz aller Trostlosigkeit – eine große Liebe zwischen den Zeilen schwingt. Es ist nicht die Liebe für die Eltern, den Bruder oder die Freundinnen, es ist eine Liebe für das Schreiben.

Kindheit von Tove Ditlevsen ist erschienen bei Aufbau, übersetzt aus dem Dänischen von Ursel Allenstein.

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„Wir waren alle bloß Geschöpfe unserer niederen Natur“
Bambi hat ein Problem: Mitten im Lockdown setzt seine Freundin Mide ihn vor die Tür, weil er sie betrogen hat. Da fällt ihm der Bungalow seines Onkels ein, der an Covid verstorben ist – vielleicht kann er dort unterschlüpfen. Zu Bambis Überraschung findet er im Bungalow nicht nur seine Tante, Aunty Bidemi, vor, sondern auch Esohe, die Geliebte des Onkels – und ein Baby. Diese vier sind nun also gemeinsam eingesperrt, und die Stimmung kippt schnell: Beide Frauen behaupten, die Mutter des Kindes zu sein, wollen es an sich reißen, Blut wird an eine Wand geschmiert, Sand ist im Essen, und wer steht da nachts an Bambis Bett und beobachtet ihn?

Oyinkan Braithwaite zeigt nach ihrem Erfolgsbuch Meine Schwester, die Serienmörderin erneut, dass sie großartige Einfälle hat – aber auch, dass sie gegen Ende ihrer Bücher hin inkonsequent wird. Schon in ihrem ersten Roman war ich vom Schlusspunkt enttäuscht, er wurde allzu schnell abgehandelt, einiges widersprach komplett dem, was zuvor erzählt wurde. So ähnlich ist es auch in Das Baby ist meins: Die Ausgangslage ist interessant, ein spannendes Setting – zwei Frauen, die per se Konkurrentinnen sein müssen, ein Baby, ein junger Mann, der nicht so unschuldig ist, wie er sich gibt. Aber das, was die Autorin aufbaut, führt sie nicht zu Ende – sehr abrupt bekommen wir einen Schluss serviert, der vielleicht überraschen mag, bei genauerer Betrachtung aber so gar keinen Sinn ergibt, in mehrfacher Hinsicht. Zudem sehe ich in dieser Geschichte nicht, wie der Klappentext behauptet, „eine augenzwinkernde Ansage an das Patriarchat“ und auch nicht, wie Volker Weidermann schrieb, die „Emanzipation junger Afrikanerinnen“. Die Tante im Buch ist nicht jung, die beiden Frauen sind nur deshalb auf sich gestellt, weil der Mann, der Versorger und Ernährer, am Virus gestorben ist, sie unterwerfen sich komplett den patriarchalen Strukturen – sie sind, dem misogynen Klima der Unschwesterlichkeit folgend, verfeindet, der Protagonist, ebenfalls ein Mann, wird dargestellt als der Einzige, der die hysterischen Weiber beruhigen kann. Wo ist das bitte emanzipiert? Das bestätigt doch nur all die tausend Klischees über Frauen, mit denen wir sowieso ständig gefüttert werden. Und das, was dieser Mann ihnen am Ende antut, ist genau das, was Männer Frauen immer antun: Er entscheidet für sie und über ihre Köpfe hinweg. Für mich ist dieser Roman keine Ansage an das Patriarchat, er macht vielmehr eine tiefe Verbeugung vor dem Patriarchat. Um die Geschichte wirklich zu entfalten, müsste er länger sein und tiefer gehen, um wahre Emanzipation zu zeigen, müsste er anders enden.

Das Baby ist meins von Oyinkan Braithwaite ist erschienen bei Blumenbar.

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„Allzu oft widmen sich farbgeschichtliche Studien nur der jüngsten Vergangenheit und nur künstlerischen Belangen“
Kassia St Clair macht es anders. Als die Journalistin und Kolumnistin für ihre Dissertation über Kleidungsstücke recherchierte, entdeckte sie eine Art ersten Modekatalog und zahlreiche ausgefeilte Farbbeschreibungen. Sie war davon so begeistert, dass sie anfing, sich mehr und mehr mit der Welt der Farben zu beschäftigen. Das Ergebnis ist ein großartig aufbereitetes, umfassendes und sehr interessantes Werk. Von Isabellfarben und Russet über Fuchsrot und Ultramarin bis hin zu Auripigment und Neonpink: Zu jeder dieser Farben – manche kennen wir, manche nicht – erzählt die Autorin viel Wissenswertes. Woher kommt der Name? Wann wurde diese Farbe zum ersten Mal erwähnt? Hat man damit gemalt oder Kleidung gefärbt, wie wurde sie hergestellt? Existiert sie noch oder ist sie dem Zahn der Zeit zum Opfer gefallen?

Da gibt es Geschichten von Gift und Meeresschnecken, von Gefängniswänden, deren Farbe die Insassen schwächt, Geschichten über weltberühmte Maler, kleine und große Skandale und die Geheimnisse der Kunstwelt. Jeder Farbe sind etwa drei Seiten gewidmet, und man kann sie wunderbar immer mal wieder zwischendurch lesen. Es ist faszinierend, was die Menschen teilweise auf sich genommen haben, um sich in eine bestimmte Farbe zu kleiden, ihrer habhaft zu werden, sie zu besitzen. Da ging es oft um Macht und um viel Geld. Auf leichte, gut verständliche Art fasst Kassia St Clair zusammen, was sie herausgefunden hat, und versammelt Informationen, die mehr oder weniger verloren waren, setzt ihnen ein Denkmal, bringt sie noch einmal zum Glänzen – all diese wunderschönen Farben.

Bücherwurmloch

„It is only by bringing these women back to life that we can silence the Ripper and what he represents“
Was für eine Arbeit das gewesen sein muss, was für eine Mammutaufgabe: sich durch die Archive zu wühlen, die Bilder und Namensregister, die Polizeiberichte und alten Zeitungen. Um herauszufinden, was der Wahrheit entsprach – und was nur wegen der Sensationslust geschrieben wurde. Hallie Rubenhold hat das getan. Akribisch hat sie sich den Leben von fünf Frauen gewidmet, von denen jeder von uns bereits gehört hat – und von denen doch kaum jemand die Namen kennt. Weil immer nur die Rede von dem Mann ist, der diese Frauen aufgeschlitzt und ausgeweidet hat, weil Dutzende Filme, Bücher und Horrorgeschichten auf seiner Figur basieren, ihm Raum geben, ihm geradezu huldigen. Wer seine Opfer waren, danach hat nie jemand gefragt, dafür hat sich kaum jemand interessiert – bis Hallie Rubenhold kam. Und verblüffende Tatsachen ausgegraben hat.

„The cards were stacked against Polly, Annie, Elizabeth, Kate and Mary Jane from the day of their births. They began their lives in deficit. Not only were most of them born into working-class families, but they were born female.“

Dieses Buch ist unglaublich gut. Es ist wichtig und schlau und wahnsinnig informativ. Ich habe sehr lange daran gelesen, man muss diesen Frauen Zeit und Aufmerksamkeit widmen. Die Autorin hat nicht nur die Geburt, das Aufwachsen, die Ehen und das Mutterdasein der fünf nachverfolgt und aufgeschrieben, sie liefert auch ein sehr detailreiches, eindrückliches Bild jener Zeit. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts war – nicht nur in England, wo Polly, Annie, Elizabeth, Kate und Mary Jane gelebt haben – geprägt von Armut, Schinderei, Krankheit, Seuchen, Leid und Tod. Es mag dramatisch klingen, aber: Auch wenn ein unbekannter Mörder die fünf Frauen getötet hat, waren sie eigentlich schon bei ihrer Geburt verdammt. Sie waren in dem Moment, in dem sie als Frauen zur Welt kamen, so gut wie tot. Zwar sind sie nicht der extrem hohen Kindersterblichkeit zum Opfer gefallen, auch die Geburten ihrer eigenen Kinder haben sie überlebt, aber nicht die eisige Kälte der Gesellschaft, die ihnen jede Möglichkeit genommen hat, allein, unabhängig von einem Mann, zu überleben. Sie wurden verprügelt und vergewaltigt, unfassbar schlecht für ihre Schufterei bezahlt, sie wurden auf die Straße geworfen, der Armut überlassen. Sie waren Mütter, Ehefrauen, Trinkerinnen, sie waren krank und ausgestoßen, aber eines waren sie – obwohl das seit 130 Jahren behauptet wird – mit einer Ausnahme nicht: Prostituierte. Oft war der einzige Weg, der Frauen noch blieb, ihren Körper zu verkaufen, dennoch haben vier von ihnen es nicht getan. Ihnen wurde, weil man sie auf der Straße fand, dieser Stempel aufgedrückt. Und der Umgang mit ihnen zeigt, dass Sexarbeiterinnen als „ohnehin wertlos“ galten – es herrschte die Meinung: Im Endeffekt waren diese Frauen doch fast schon selber schuld.

„Today there is only one reason why we would continue to embrace the belief that Jack the Ripper was a killer of prostitutes: because it supports an industry that has grown in part out of this mythology.“

Hallie Rubenhold räumt damit auf. Sie erzählt die Wahrheit und vor allem legt sie zum ersten Mal den Fokus nicht auf den Täter – sondern auf die Opfer. Auf die Frauen. Auf ihre Geschichte.

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„It’s easier, being heartbroken in your thirties, because no matter how painful it is, you know it will pass”
Nina Dean ist Anfang dreißig und in ihrem Leben angekommen: Sie schreibt erfolgreiche Bücher über Genuss, hat sich eine eigene Wohnung in London gekauft und verfügt über einen großen Freundeskreis. Das Einzige, was sie nicht hat, ist ein Partner, aber die Frage ist: Fehlt ihr so jemand? Muss man in einer monogamen Beziehung sein, um sich glücklich nennen zu dürfen? Als sie Max in einer Dating-App kennenlernt, funkt es sofort zwischen den beiden, alles fühlt sich an, wie es sich anfühlen soll: Sie verstehen sich blendend, der Sex ist großartig, alles fügt sich und passt zusammen. Doch dann nehmen die Dinge eine unerwartete Wendung, und Nina steht erneut vor der Frage, wie sehr sich eine Frau in der heutigen Zeit darüber zu identifizieren hat, ob sie einen Mann an ihrer Seite hat.

„The first confirmation of desire. The first indication of intimacy. You only get that feeling with a person once.”

Dolly Alderton hat mich mit „Everything I know about love” so nachhaltig begeistert, dass ich ihren ersten fiktiven Roman sofort lesen musste. Sie hat es geschafft, eine Liebesgeschichte zu schreiben, die nicht so ist, wie uns eingeredet wurde, dass Liebesgeschichten zu sein haben: Prinz und Prinzessin finden sich und beginnen eine exklusive Beziehung, die das Ziel und das Maß aller Dinge ist. Stattdessen erzählt Dolly Alderton von Frauen, die eigentlich nicht suchen, aber irgendwie doch, und davon, dass dieser Widerspruch vollkommen okay ist. Es geht um Dating und Ghosting, um Freundinnen, die heiraten, Kinder bekommen und in die Vororte ziehen, um Freundschaften, die sich auseinanderentwickeln und solche, die ewig halten, um die Tatsache, dass Männer und Frauen sich bei Dates unterschiedlich verhalten und warum das so ist. Dies ist ein moderner Liebesroman, und natürlich gibt es trotzdem Herzschmerz und Verliebtheit, natürlich sind viele Situationen und Gespräche so, wie wir sie aus tausenden Romanen und Filmen kennen. Aber das Ende: Das Ende ist es nicht. Ein sehr schönes, lebensnahes, flüssig lesbares Buch, das ich euch auf jeden Fall ans Herz legen möchte.

Bücherwurmloch

„Wenn dir einer blöd kommt, dann kommst ihm eben noch blöder“
Drei Menschen erzählen von Georg: seine Mutter, sein Liebhaber und seine Ehefrau, drei Menschen erinnern sich an Georg, wie er war, als Kind, als junger Mann. Im ersten Teil berichtet seine Mutter von der beschwerlichen Arbeit auf dem Bauernhof, von Georgs Anderssein, das niemand verstehen und auch nicht annehmen konnte, von ihrer eigenen harten Geschichte. Der zweite Teil widmet sich dem schwulen Wien in den 70er- und 80er-Jahren, als man wissen musste, wo man hingehen konnte, um nicht in Gefahr zu geraten, als David Bowie in die Stadt kam und Gabriel bei Georg Unterschlupf fand. Vervollständig wird das „Portrait“ von Sara, einer gescheiterten Opernsängerin, die mehr wollte als sie konnte, und die Georg geheiratet hat, obwohl sie von seiner sexuellen Orientierung gewusst hat. Aus diesen drei Stimmen setzt sich das Bild eines Mannes zusammen, der selbst nicht zu Wort kommt, den man aber durch die Augen der drei anderen sehr deutlich vor sich sieht: wie er der Enge des Bauerndorfs entfliehen musste, wie er sich manche Dinge getraut hat und andere nicht, wie er – genau wie wir alle – nach Liebe und Zugehörigkeit gesucht hat.

„Und wie ich das denke, da will ich auch so sein: so traurig, aber vor allem so schön. Und wenn du dir anschaust, wie es mir heute so geht, da sag ich dir, pass auf, was du dir wünscht, weil es wird immer wahr, nur anders, als du es dir vorstellst.“

Jürgen Bauer hat seinen vierten Roman vorgelegt, und das Bemerkenswerte ist: Er ist ganz anders als seine bisherigen Bücher, und: Er ist richtig gut. Gleich auf den ersten Seiten hat er mich eingesaugt mit dem Österreichischen, mit meiner Sprache, den Worten und dem Satzbau, der mir zutiefst verinnerlicht ist, ich bin ebenfalls auf dem Land aufgewachsen, mich hat Georgs Mutter mit allem, worüber sie redet, abgeholt. Ich feiere Jürgen sehr dafür, dass er so kompromisslos im österreichischen Idiom geblieben ist, auch wenn manch deutsch*e Leser*in damit vielleicht Schwierigkeiten hat. Großartig ist zudem, wie sich die drei Erzählperspektiven sprachlich unterscheiden, Gabriel habe ich als sehr gehetzt empfunden, er hat Hunger auf das Leben in der Großstadt, auf Männer, auf Sex. Das ist wunderbar explizit, da wird nicht um den heißen Brei herumfabuliert, da kommt der heiße Brei direkt auf den Tisch. Sara dagegen drückt sich hochsprachlicher aus, ihr Teil ist melancholischer, durchzogen vom Gefühl des Scheiterns, des Älterwerdens, aber sie ist nicht wütend, mehr resigniert, milde.

„Mit meinem ersten Mann war ich nicht verheiratet, aber ich nenne ihn trotzdem bis heute meinen Mann, weil uns alles auszeichnete, was eine richtige Ehe auszeichnet: Vertrautheit, Abhängigkeit und Gewalt.“

Es geht um Identität in diesem Roman, um die Frage, woher wir kommen und wohin unser Weg uns führt. Sehr berührt hat mich, dass jede*r der drei – auch die vermeintlich „harte“ Mutter – Georg auf ihre/seine Weise geliebt hat, ohne dass, so wirkt es, ihm wohl je bewusst war oder er es annehmen konnte. Die Geschichte ist geprägt von Missverständnissen und jenen Momenten, in denen wir nicht aussprechen, was wir so dringend sagen sollten. Große Leseempfehlung!

 

Bücherwurmloch

„Erst jetzt merkt sie, dass sie einen braunen und einen schwarzen Schuh anhat“
Eine Witwe findet in dem zweiten, identischen Koffer ihres Mannes, der während einer Flugreise verstorben ist, sein zweites Leben. Ein geschiedener Mann rollt jeden Abend seinen Schlafsack in einer der Wohnungen aus, die er als Makler vermieten soll, weil er keine eigene Bleibe hat. Die Figuren in den Kurzgeschichten von Claudia Piñeiro sind ganz gewöhnliche Menschen, denen etwas ganz Gewöhnliches passiert. Und trotzdem schafft es die Autorin aus Buenos Aires – die im Klappentext „Shootingstar der argentinischen Literatur“ genannt wird, ihr kennt sie vielleicht wegen der Donnerstagswitwen aus dem Jahr 2005 –, dass man diesen Menschen trotzdem für einen Augenblick folgen, zuhören, zuschauen möchte. Es geht in diesen Short Storys um kleinere und größere Geheimnisse, um absonderliche Ideen und Nachrichten, auf die man sehnsüchtig wartet.

Ich mag Kurzgeschichten, die das Versprechen in ihrem Namen halten, indem sie tatsächlich sehr kurz sind. Momentaufnahmen, kleine Szenen, fünf Seiten, mehr nicht, und im Idealfall ein verblüffendes Ende, so sind sie mir am liebsten. Die Storys von Piñeiro sind nicht alle interessant, nicht alle spannend, aber im Großen und Ganzen bietet dieses Buch lauter Kurz- und Kürzestgeschichten, die sich sehr angenehm zwischendurch wegzischen lassen. Sie lassen uns lächeln und nicken, sind manchmal pfiffig, manchmal alltäglich. Eine nette, unterhaltsame Sammlung voller Lügen und Betrug, illegale Abtreibung und die Notwendigkeit von Freiraum, erzählt in präzisem Stil, und man denkt unweigerlich: Ich kenn das, natürlich, wer nicht?

Bücherwurmloch

„Ein Garten, den man nicht bestellt, ist wie ein Nachbar, für den man nicht stehenbleibt auf der Straße“
Doro und Rob wohnen in der Großstadt, haben aber trotzdem ein Stück Natur: eine Wohnung mit Gartenanteil nämlich. In ihrem Hinterhof können sie Kräuter und Zucchini ernten, zu viel Zucchini sogar, und sie leben nach dem Grundsatz „wachsen und wachsen lassen“. Es könnte also alles recht idyllisch sein in der Drübkestraße 13, wäre da nicht die lästige alte Dittrich, würde nicht eine Nachbarin sterben und hieße es nicht von der Cousine aus Berlin, der Garten sei für echtes Urban Gardening viel zu ordentlich. Zwischen Rosen und Ehekrach, Hobbygärtnerei und der Frage, ob man zwingend aufs Land ziehen muss, wenn man Kinder bekommt, beerdigen Doro und Rob ein Eichhörnchen und suchen nach ihrem ganz eigenen Plan fürs Leben.

In kurzen Kapiteln und mit schön schnippischem Ton erzählt Christine Zureich, die am Bodensee lebt, von Mittdreißigern, die ein bisschen Natur wollen, aber auch die Annehmlichkeiten der Stadt, die ein bisschen Stadt wollen, aber auch die Idylle der Natur. An diesem schmalen Grat lässt sie die Hausbewohner entlangtanzen, es gibt eine nörgelnde Alte und einen eifersüchtigen Ehemann, man erkennt so manche Leute im Romanpersonal wieder, eventuell auch sich selbst. Das ist ein wenig boshaft und ein wenig kabarettistisch, als Österreicherin hätte ich von beidem noch weitaus mehr vertragen, es hätte ruhig noch sarkastischer sein und tiefer schürfen dürfen. Trotzdem habe ich „Garten, Baby!“ gern gelesen, ein schmales, heiteres Bändchen, das sich auf zarte Weise lustig macht über Schneckengitter aus Plastik, Stiefmütterchen und neurotische Katzen. Könnt ihr allen schenken, die gern gärtnern (oder davon träumen).