Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.24.46Letztens ist etwas geschehen, das noch nie geschehen ist, und es hat mich erst zum Nachdenken und dann zu einer recht radikalen Entscheidung gebracht. Ich habe auf dem Handy mein Mailprogramm geöffnet, und es kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Normalerweise werde ich dann hibbelig und notiere mir so bald wie möglich die Titel, die mich interessieren, voller Vorfreude. Diesmal jedoch habe ich entsetzt aufgestöhnt und die Mail mit einer einzigen, unbewussten, schnellen Bewegung gelöscht. Ungelesen. Erst dann dachte ich: Mareike, was hast du getan? Und warum?

Wenig später hab ich erneut eine Mail bekommen, nicht mit einem neuen Programm, sondern mit einer Nachfrage: ob ich jenes Buch erhalten und schon gelesen hätte, wann mit einer Besprechung dazu zu rechnen sei? Ich hatte das Buch bekommen, ja, und zwar zwei Tage zuvor. Nicht nur, dass es unmöglich ist, so schnell und stets aktuell zu lesen und zu rezensieren, es ist auch unangenehm, auf solche Mails zu antworten. Die Verlage hinzuhalten, weil die Stapel, die man hat, zu groß sind, sich dabei schlecht zu fühlen und das alles eigentlich nicht zu wollen, nicht so.

Deshalb habe ich beschlossen: Ich lasse das Herbstprogramm 2018 aus. Ich fordere kein einziges Leseexemplar an, ich blättere durch keine Vorschau, ich ignoriere das Neue, das kommt, ich mache nicht mit. Ich klinke mich aus.

Denn:

  1. Ich lese nur noch Neuerscheinungen. Das ist nichts Schlechtes, es hat sich so entwickelt, ich bekomme viele Bücher (auch unangefordert) und freu mich über jedes einzelne, aber ich kann dieser Flut an Neuerscheinungen nicht Herr werden, und während ich es versuche, bleibt niemals Zeit für all die älteren Bücher, die ich so lange schon lesen will.
  2. Ich lese keine dicken Bücher mehr. Dicke Bücher stressen mich, weil sie mich für lange Zeit blockieren, und das kann ich mir nicht leisten: Zu viel Ungelesenes wartet auf mich. Und dann kommen da ja schon wieder die Neuen daher, während ich noch mit denen beschäftigt bin, die soeben noch neu waren, aber halt leider zu dick, und es ist ein Teufelskreis. Seit 2014 warte ich beispielsweise auf den Moment, in dem ich frei genug bin für Brilka von Nino Haratischwili, 1200 Seiten lesen, während fast jeden Tag Neuerscheinungen eintrudeln? Ich hab es bisher nicht geschafft. Und das muss sich endlich ändern.
  3. Zurzeit liegen 60 Rezensionsexemplare auf meinem SuB und nochmal 60 ältere Bücher. Viele von euch denken jetzt vermutlich: Das ist doch nicht viel, ich habe wesentlich mehr. Für mich ist das aber durchaus eine große Zahl, für gewöhnlich habe ich nicht mal halb so viele ungelesene Bücher. Da ich ja noch dazu nicht mal genug Bücherregale habe, weiß ich nicht, wohin damit. Es ist alles ein wenig außer Kontrolle geraten.
  4. Das stresst mich. Alles davon stresst mich. Ich werde unruhig und will mich ständig nur noch beeilen, um irgendwie Schritt zu halten. Dass mir das nicht gelingt, stresst mich noch mehr. Ich will aber nicht gestresst sein. Ich will, dass das Lesen mir Spaß macht und das Bloggen auch.
  5. Dieser Blog ist ein unbezahltes Hobby. Ich verbringe damit das bisschen Freizeit, das ich in meinem chaotischen Leben habe. Und ich sehe bei immer mehr Bloggern, wie ihnen die Freude abhandenkommt. Wie sie eine Blogpause einlegen oder ihre Blogs schließen. So weit will ich es nicht kommen lassen.
  6. Ich werde vor lauter Hast immer NOCH ungeduldiger und kritischer. Ich möchte mir aber für ein Buch Zeit nehmen können, es in Ruhe lesen, nicht in Gedanken schon beim nächsten sein.
  7. Das ist der Geist unserer Zeit, das Tinder-Syndrom: Die Auswahl ist so groß. Wenn ein Buch mich nicht in kürzester Zeit fesselt, wische ich es weg und rufe: Next! Das nervt mich und strengt mich an. Wie kann denn da, um beim Vergleich zu bleiben, die große Liebe entstehen?
  8. Ich bin zu einer Gegenleistung verpflichtet: Ich bekomme Leseexemplare, und der Deal ist, dass ich darüber schreibe. Das tue ich nach Möglichkeit immer, und ich versuche, jedem Buch gerecht zu werden. Ein wirklich freies, unbedarftes Lesen ist das aber nun mal nicht, egal, wie man es dreht und wendet.
  9. Es geht zu schnell, es ist zu viel. Ich habe noch Titel vom Herbst 2017 hier. Ich lese wie eine Verrückte, bisher 48 Bücher in diesem Jahr, wie soll ich jemals nachkommen?Bildschirmfoto 2018-05-21 um 17.23.47
  10. Immer mehr, immer hektischer: Es reißt uns mit. Wir konsumieren und konsumieren, hetzen den Trends hinterher und jammern, dass wir Entschleunigung brauchen. Wir können nichts dagegen tun, denken wir, so ist das eben heutzutage. Das stimmt aber nicht. Wir können sehr wohl etwas tun. Ich kann. Einfach mal nicht mitmachen nämlich.
  11. Der Stress ist selbstinduziert. Ich muss nicht. Nicht lesen, nicht schreiben, nicht dem hinterherhechten, was man angeblich gelesen haben muss. Niemand zwingt mich dazu. Deswegen hab ich es selbst in der Hand.
  12. Ich bin kein Buchhändler, ich bin kein Journalist. Es ist egal, ob ich die neuesten Bücher lese oder nicht. Niemanden wird das kümmern. Ich muss nicht bei den Hypes mitmachen und auch nicht das lesen, was alle lesen. Und das gibt mir Freiheit.
  13. Ich will mich freuen, wenn ich ein Buch bekomme, nicht denken: Oh Gott, was tue ich nur, wo stelle ich es hin, und wann zur Hölle soll ich es lesen?
  14. Ich habe mir schon sehr lange keine Bücher mehr gekauft. Ich gehe in Buchhandlungen und stehe vor den Neuerscheinungen mit den Gedanken im Kopf: Hab ich im Regal, achja, das hab ich auch schon, oh Gott, das wollte ich noch lesen. Ich kaufe nichts, weil mich das Wissen, dass zuhause so viel Ungelesenes wartet, völlig niederdrückt. Und das finde ich schade. Ich möchte mir das wieder erlauben, ich möchte stöbern und entdecken und später dann auch wirklich lesen können.
  15. Radikale Schritte sind besser, als zu jammern. Deswegen werde ich einfach nichts vom Herbstprogramm lesen, nicht in die Vorschauen schielen, keine Listen anlegen, nichts bestellen. Ich werde mich um die ungelesenen Bücher kümmern, die ich schon habe. Ich werde mir Zeit nehmen, ihnen Zeit geben. Ich werde nicht nach dem nächsten schreien, sondern einfach mal die Pausetaste drücken, um aufzuholen. Das soll aber keine Challenge werden, bei der ich nichts Aktuelles mehr lesen DARF oder erst meinen SuB abbauen MUSS, ich mag solche Challenges nicht und halte nichts davon, mich dadurch auf neue Art wieder unter Druck zu setzen. Ich wünsche mir ja mehr Freiheit, nicht einen anderen Zwang.
  16. Ich verpasse nichts. Sicher werden gute Bücher erscheinen im Herbst 2018. Aber gute Bücher hab ich ja auch schon hier.
  17. Die Bücher laufen nicht weg. Ich kann sie auch später noch lesen. Wenn ich das wirklich will. 2019 zum Beispiel.

P. S.: Während ich diesen Post geschrieben habe, kam eine Mail mit einer Herbstvorschau herein. Ich hab sie ungelesen gelöscht.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9699„Erzählen durfte ich es keinem, das musste ich bei meinem Leben schwören, und ich schwor so oft auf mein Leben, als hätte ich endlos viele zur Verfügung“

„Ich muss über meine Schwester erzählen, sonst machen das andere, und dabei kann nichts Gutes rauskommen.“

Das sagt Adam, denn seine Schwester Barbara ist tot. Sie ist in den Fluss gegangen, in diesen Fluss, der sie fast nicht mehr ausgespuckt hat, und da hat sie dann schon ausgesehen wie etwas, das man nicht vergessen kann. Deshalb muss Adam sich erinnern, an die Schwester, an früher, an die Schulzeit. Und an die Freundschaften zu Nora, Hans, Annemarie und Yann, diese Freundschaften, die so alltäglich waren und doch so zutiefst traumatisierend.

Schon lange habe ich mir nicht mehr so viele Sätze markiert in einem Buch. Schon lange habe ich nicht mehr derart mit der Stirn gerunzelt beim Lesen, mich gewundert und mich gefreut. Über dieses Seltsame, von dem Yael Inokais Buch durchdrungen ist, über die klare, biegsame Sprache, die alles zu tun scheint, was die Autorin will. Sie gibt verschiedenen Figuren eine Stimme – Nora, Yann und Adam – und lässt sie erzählen von Barbaras Selbstmord, vom Leben im Dorf, von dem, was sie getan haben, als sie Kinder waren. Ein großes Geheimnis gibt es da nicht zu enthüllen, und klassischer könnte das Vergehen der Kinder kaum sein, doch: Die Art, wie Yael Inokai darüber schreibt, die ist besonders.

Ich kann mich diesem Buch nicht entziehen. Es hat diese Stimme, die mich lockt, diesen Singsang, dieses Nüchterne, das so lakonisch klingt und gleichzeitig entwaffnend. Die verschiedenen Stimmen verweben miteinander, reden aneinander vorbei und sagen doch dasselbe, mit anderen Worten, mit anderen Beweggründen. Diese Kindheit auf dem Land, sie könnte das Paradies sein. Und doch wird es kaum jemanden überraschen, dass sie das eben nicht ist, nicht im Geringsten. Dass auch das Erwachsensein dort nicht paradiesisch ist, sondern ungut, schwierig, geprägt von dem, was die anderen reden – und da kann nichts Gutes dabei rauskommen. Bis auf dieses Buch, das sehr wohl gut ist, sehr gut sogar.

Mahlstrom von Yael Inokai ist erschienen im Rotpunktverlag (ISBN 978-3-85869-760-8, 180 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9697„Ich fing an, sie zu hassen. Ich fing an, sie zu lieben“

Aber was ist mit seinen Töchtern?, fragte ich mich. Was hat Gott mit seinen Töchtern gemacht?

August ist in Brooklyn, mit ihrem Vater, mit ihrem Bruder, einzig die Mutter fehlt, und August wartet. Überzeugt davon, dass die Mutter wiederkommen wird, morgen und morgen, überzeugt, dass alles sich ändern wird. Die Hitze, das Fremdsein, die aufkeimende Pubertät, die so verwirrend ist. Doch in Wahrheit ändert sich nichts, nur der Vater hat neue Frauen, nur die Kinder werden größer. Angela, Sylvia und Gigi werden Augusts Freundinnen, jede auf ihre Art angeknackst, noch nicht zerbrochen, und doch sind die Risse in ihren Fassaden schon erkennbar.

Wir trugen Rasierklingen in unseren Kniestrümpfen und ließen uns lange Fingernägel wachsen. Mit der Zeit bewegten wir uns auf den Straßen Brooklyns, als wären wir nie woanders gewesen – mit lauten Stimmen und noch lauterem Lachen. Doch Brooklyn hatte längere Nägel und schärfere Klingen. Jeder zugedröhnte Soldat, jedes hungrige Kind mit aschfahlen Knien hätte uns das sagen können.

Ein anderes Brooklyn ist viel weniger ein Buch und viel mehr ein Büchlein, schmal, mit Leerzeilen zwischen den Blöcken, kaum eine Geschichte. Und dennoch. Ich habe es nicht gelesen, sondern ratzfatz atemlos auf einer eineinhalbstündigen Zugfahrt aufgefressen. Es kribbelt auf der Haut während der Lektüre, es rumort im Magen und im Herzen auch. Man kann nicht genau festmachen, woran das Unwohlsein liegt, warum es so sticht und schmerzt. Idealerweise klingt in Büchern wie diesem, die so viel ungesagt lassen, genau das Ungesagte noch viel lauter. Das ist hier der Fall, und es ist sehr gut.

Jacqueline Woodson, selbst in Brooklyn aufgewachsen, schreibt seit zwanzig Jahren preisgekrönte Bücher für Jugendliche – und hat nun ihren ersten Roman für Erwachsene vorgelegt. Liegt es vielleicht daran, dass ihr diese jungen Mädchen so gut gelungen sind, diese vier Dreizehnjährigen, die aus dem Kindsein kippen, die das aufregend finden und doch gleichzeitig die Gefahr erkennen, in der sie sich plötzlich befinden? Es geht um Freundschaft in diesem Buch, um Entwurzelung und Verlust. Es geht um Einsamkeit und Neuanfänge, um das Zurückblicken auf eine Zeit im eigenen Leben, die prägend war. Ein merkwürdiges, verwirrendes und tatsächlich unglaublich intensives Buch.

Ein anderes Brooklyn von Jacqueline Woodson ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3-492-05865-0, 160 Seiten, 20 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

Platzgumer„Nur vergessen will sie, schnell, alles“

Niemandem kann ein Mensch mehr als seiner eigenen Mutter vertrauen, und meine ist im gleißenden Tageslicht verschwunden, das der spröde Asphalt und die Wellen spiegeln, die immerfort an die Küsten Marseilles schlagen.

François ist ein Findelkind, ausgesetzt in einem Einkaufswagen. Er wächst bei Adoptiveltern auf, bei denen er sich nie zuhause fühlt, und haut ab, als er gerade mal alt genug dazu ist. Eine Freundin findet er in Lucy, die wie er adoptiert wurde. Was soll er aus seinem Leben machen, wohin kann er gehen, was kann er werden? François findet überraschend schnell einen Platz in einem dubiosen Hotel, das ein ehemaliger Schulkollege von ihm führt. Dort hockt er dann und bewegt sich nicht mehr fort, und man hat das Gefühl: dass er ausgesetzt wurde und seither wartet, das hört irgendwie nicht mehr auf.

Hans Platzgumer hat mich mit Am Rand, das 2016 auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis stand, nachhaltig beeindruckt. Umso mehr hab ich mir von seinem neuen Werk erwartet. Und es beginnt auch diesen Erwartungen entsprechend: Wunderschöne erste Seiten, sehr tiefsinnig, über das Dasein als Findelkind, über das Gefundenwerden, den Beginn des Lebens als einer, der nicht gewollt wurde. Die Szene, in der François und Lucy einander kennenlernen, ist großartig, sie sprüht vor Ideenreichtum und macht Versprechungen. Bloß habe ich dann während der Lektüre mehr und mehr das Gefühl, dass diese Versprechungen nicht eingehalten werden. François und Lucy werden nicht so gute Freunde, wie dieser Anfang verheißt – und auch der gesamte Roman ist nicht so, wie ich es mir erhofft habe.

Sprachlich ist der Musiker Hans Platzgumer auch in seinem sechsten Buch virtuos und sicher, das ist völlig klar. Nur die Geschichte versandet, und ich kann das nicht ganz nachvollziehen. Warum all diese Fäden lockerlassen, warum sie nicht zusammenführen, zu einer Story spinnen? Wieso ist Protagonist François derart passiv und antriebslos, derart hineingesetzt in ein Leben, das er vorbeistreichen lässt, ohne es zu führen? Weshalb geht seine Suche nach dieser Frau, die ihm einen Zettel hinterlassen hat, so ins Leere? Ist die Botschaft des Buchs, dass nichts aus einem werden kann, wenn man als Kind ausgesetzt wurde, dass man es nie überwinden kann, so behandelt worden zu sein? Dass man stets darauf warten wird, gefunden zu werden, ohne ein einziges Abenteuer wahrzunehmen, das man erleben könnte? Ich weiß es nicht, und in den Rezensionen, die ich zu diesem Buch gelesen hab, kam es mir vor: Die anderen wissen es auch nicht.

Drei Sekunden Jetzt von Hans Platzgumer ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-552-05885-9, 256 Seiten, 22 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

IMG_9415„Denn manchmal sind Worte Brot, Wasser, Fleisch“
Ada Maria lebt in einem Dorf im Appenin, gemeinsam mit ihrem Bruder und ihren Eltern, es geschieht nicht viel in diesem Dorf, und Ada Maria hat keine Möglichkeit, der Enge zu entkommen. Nach dem Tod der Mutter rückt der Vater von ihnen ab und zieht bei seiner Geliebten ein, Ada Maria bildet mit ihrem Bruder ein verschworenes Zweiergespann. Er arbeitet auf dem Friedhof, sie kümmert sich um den Haushalt. Bis sie eines Tages feststellt, dass da jemand im Wald ist, ein Soldat vielleicht, mehr als zehn Jahre nach dem Krieg, dass da jemand in einer Höhle lebt, der ihr Angst macht – und sie zugleich fasziniert. Tag für Tag geht Ada Maria nun in den Wald, bringt Nahrungsmittel und Kleidung hin, nähert sich diesem Geheimnis an, das ihr Leben verändern wird.

Auf den ersten Seiten bin ich von Magnifica völlig überrumpelt, es ist ein derart sprachgewaltiges Buch. Mit seltsamen Metaphern und einer von Anfang an düsteren Stimmung zieht es mich in seinen Bann. Wie das klingt? Zum Beispiel so:

Magnifica sammelt die Sätze der Mutter, bindet sie sich um wie einen Schal, trinkt sie wie Wasser, lauscht ihnen als Schuldnerin und versucht, während sie sich in die Vergangenheit stürzt, sich nicht heillos darin zu verfangen.

Ihre Haut war jetzt wie diese Waben, ein Gebiet voller Sechsecke, mit neuen geometrischen Formen, Zellen voller Klang. Mit der Zungenspitzt kostete sie vorsichtig. Honig.

Zwischen ihnen war jetzt nur noch – fest und unzertrennlich – eine Girlande mit Schmetterlingen.

Nun ist es so, dass ich derart originelle, poetische Sprachbilder sehr mag, und so bin ich mit dem ersten Drittel des Romans mehr als zufrieden. Doch dann geschehen zwei Dinge, die das ändern: Zum einen gerät die Handlung aus dem Tritt, zieht und zieht sich, die Sequenzen, in denen Ada Maria wieder und wieder in den Wald geht, sich aber nicht viel bewegt, sind mir zu lang. Zum anderen geschieht etwas, das ich euch nicht verraten kann, ohne zu spoilern, es sei nur so viel gesagt: Dieses Ereignis entzieht in meinen Augen der Geschichte jegliche Seriosität, macht sie schrecklich banal, wie einen Sat1-Film, und das kann ich ihr nicht vergeben. Ab diesem Moment sehe ich den Roman an wie jemanden, der mich schwer enttäuscht hat.

Zu guter Letzt lässt mich der Aufbau des Buchs ratlos zurück. Die Rahmengeschichte handelt von Magnifica, selbst schon recht alt, die von ihrem Sohn Andrea einen Stift bekommt, mit dem sie ihre Geschichte aufschreibt. Allein: Es ist gar nicht ihre Geschichte, sondern die ihrer Großmutter bzw. ihrer Mutter Ada Maria. Das wäre ja völlig in Ordnung, wenn Magnifica selbst dann auch noch ihren Anteil bekäme oder das zumindest von Anfang an klar wäre. Das ist jedoch nicht der Fall. Nachdem Maria Rosaria Valentini sich sehr, sehr viel Zeit für Ada Maria genommen hat, behandelt sie Magnifica quasi stiefmütterlich: Ihr gesamtes Leben wird in wenigen Sätzen abgehandelt. Das liest sich, als habe sie einfach keine Lust mehr gehabt, weiterzuschreiben, und bremst den gesamten Roman am Ende unangenehm aus. Was wegen der schönen Sprache und der tollen Bilder ein umso größerer Verlust ist.

Magnifica von Maria Rosaria Valentini ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9874-9, 304 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_9103 2„Ich möchte Geschichten schreiben und Geschichten erleben, nicht immer nur Anekdoten“

„So wurde der Penis zum Spog. Spog steht für Sportgerät. Prispog steht für primäres Sportgerät. Man durfte nicht mehr ficken oder vögeln sagen, es hieß koitieren bis Ende des Jahres, nächste Saison soll ein neues Verb kommen: interkursieren.“

Leon ist ein Sportstar, und sein Sport ist Sex. Er nimmt als professioneller Vögler – oder besser gesagt: Interkursierer? – an der elften Sex-Weltmeisterschaft teil, die in Kopenhagen stattfindet. Wir schreiben das Jahr 2028, kein anderes Land wollte diese Weltmeisterschaft austragen, und auch im vermeintlich noch liberalen Dänemark geht sie nicht ohne Proteste, Polizeischutz und Gefahr über die Bühne. Leon hadert mit seinem Dasein, und es ist ein Hadern auf hohem Niveau: Er ist berühmt, er ist reich, er hat Neider, er hat Sex – alles davon ohne Ende. Täglich trainiert er mit den Frauen im Team, von denen Sally seine bevorzugte Partnerin ist, weil er sich einbildet, verliebt in sie zu sein. Dabei kennt er sie, obwohl er bereits jede Stelle ihres Körpers tausendmal berührt hat, kaum, weil die Teammitglieder nicht privat miteinander verkehren. Immer mehr steigert er sich in gewisse Fantasien hinein – während sich auch die politische Lage zuspitzt. Auf dem Weg zum möglichen Weltmeistertitel stellen sich mehr und mehr Hindernisse in Leons Weg, und am Ende sieht er nur eine Lösung, die gelinde gesagt überraschend ist.

Helmut Krausser ist eine geile Sau. Das weiß jeder, der schon ein Buch von ihm gelesen hat – und mit seinem neuen Werk beweist er es einmal mehr. Während der Lektüre hatte ich ständig den sexistischen Gedanken im Kopf: Was, wenn eine Frau so etwas geschrieben hätte? Was, wenn eine Frau vom Ficken und Blasen und Morden erzählen würde, in einer so vulgären und dabei gleichzeitig unaufgeregten Sprache? Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Kritiker das so wohlwollend aufnehmen würden, wie sie es bei Krausser tun. Doch spielt eine derart müßige Überlegung keine Rolle: So oder so ist Geschehnisse während der Weltmeisterschaft ein hochgradig originelles, kurioses, unterhaltsames Buch, das ich vor allem aus dem Grund geliebt habe, weil es sich nicht um gängige Regeln schert. Endlich mal was Neues, endlich mal Fantasie und Utopie und Gestörtheit! Das ist großartig.

Die Geschichte an sich erzählt auf überzeichnete und überdrehte Weise von etwas, das wir auch heute schon kennen: Leistungsdruck bis ins Extreme, eine Perfektion der Körperlichkeit, wie sie nicht existieren kann, eine Bewertung mit Jurypunkten von etwas, das „natürlich“ sein sollte und nicht an die Möglichkeit gekoppelt, überhaupt bewertet zu werden. Sex als satirisches Mittel für eine solche Gesellschaftskritik zu verwenden, ist freilich nicht neu und trotzdem genial. Helmut Krausser schreibt in seinem neuesten Roman über das Zusammenspiel und die Getrenntheit von Sex und Liebe, über eine Obsession, die außer Kontrolle gerät, über die Politik der Zukunft und die Rückkehr zu intoleranten Weltanschauungen. Er tut das auf souveräne und konsequente Weise, führt uns zu dem offenbar einzig möglichen Ende, das ich dennoch nicht habe kommen sehen. Gutes Buch.

Geschehnisse während der Weltmeisterschaft von Helmut Krausser ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 78-3-8270-1203-6, 240 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

  1. 102570701_d87263a591Es wird nicht mehr besser.
  2. Du verschwendest deine Lebenszeit.
  3. Du wirst dich am Ende ärgern, weil du deine Lebenszeit verschwendet hast.
  4. Halte es mit Elsa aus dem beliebten Disney-Film Frozen: Let it go. Manchmal muss man sich verabschieden und loslassen können. Einen Menschen, einen Traum oder eben die Vorstellung, dass das ein gutes Buch sein könnte.
  5. So many books, so little time! Wende dich lieber dem Nächsten zu. Das ist wie auf Tinder: angustieren, aussortieren, weitermachen.
  6. Ein schlechtes Buch quält. Es liegt herum und schaut vorwurfsvoll, wenn man vorbeigeht. Man weiß, man sollte weiterlesen, aber man will eigentlich nicht, und deswegen kriegt man schlechte Laune. Wie viel schöner wäre die Welt, wenn das vorwurfsvolle, schlechte Buch nicht mehr da wäre! Eben.
  7. Die Erfahrung hat Recht. Und die Erfahrung sagt: Wenn wir nichts miteinander anfangen können, das Buch und ich, dann ändert sich das nicht, auch wenn ich mehr und mehr Seiten lese. Das Bauchgefühl bleibt, und manchmal ist es halt einfach kein gutes.
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  8. Ein Gericht, das dir nicht schmeckt, würdest du ja auch nicht aufessen.
  9. Es ist kein Scheitern und kein Versagen deinerseits, wenn du ein Buch abbrichst. Es ist vielmehr das Buch, das gescheitert ist. Und wer will schon einen Loser im Haus haben?
  10. Du verpasst nichts. Dir entgeht nichts. Es ist nicht schlimm, wenn du nicht weißt, was sonst noch in diesem Buch geschieht. Vermutlich nichts, das ist ja das Problem.
  11. Schlechte Bücher kann man viel leichter loswerden als schlechte Menschen.
  12. Das ist wie beim Radio: Wenn ein Lied kommt, das du nicht magst, wechselst du ja auch den Sender.
  13. Jemand anderer findet das schlechte Buch vielleicht gut. Gib diesen beiden die Chance, zusammenzukommen, indem du dich von dem Buch trennst und es verschenkst. Oder im Park aussetzt. Auf der hintersten Bank. Im Schatten.
  14. Es wird nicht mehr besser!

*Diese Liste kann, wie immer, Spuren von Ironie enthalten.

Für Gourmets: 5 Sterne

IMG_9113„Ich mag dich zu sehr, sagte ich, ungeschickt, aber aufrichtig, und es tut mir nicht gut, dich so sehr zu mögen“

Er ist Amerikaner, unterrichtet jedoch in Sofia, wo er als Expat lebt, wo er die Sprache zwar spricht, aber nicht perfekt, wo er zuhause ist und doch sehr fremd. Auf der Suche nach Sex geht er zu einer öffentlichen Toilette, einem bekannten Treffpunkt für homosexuelle Männer, und dort lernt er Mitko kennen. Was dann beginnt, ist keine Liebesgeschichte, ein reiner Tausch von Geld gegen sexuelle Handlungen ist es aber auch nicht, vielmehr etwas dazwischen, das sich nur schwer oder gar nicht definieren lässt. Das ist in Ordnung, viele Beziehungen entziehen sich der gängigen Definition, und das macht sie anders, macht sie besonders. Die Frage bei der Beziehung in Was zu dir gehört ist nur, ob sie gut tut, ob sie gleichwertig ist und überhaupt sein kann, wo ihre Grenzen verlaufen und wer diese vielleicht längst überschritten hat. Dies ist ein Buch über Anziehungskraft und Abhängigkeit, über Scham und Sehnsucht und Leidenschaft und das, wonach wir alle suchen: diesen einen Moment, in dem wir uns verstanden und sicher und aufgehoben fühlen.

Was zu dir gehört hat mich gefordert. Ich habe es sehr aufmerksam gelesen, neugierig darauf, ob es anders ist zwischen Mann und Mann als zwischen Frau und Mann, wenn es um Macht geht und um Sex – und wenn ja, auf welche Art. Aber selbst nachdem ich es beendet hatte, konnte ich diese Frage für mich nicht beantworten. Ja. Und nein. Wer hat denn die Machtposition inne: der, der das Geld bezahlen kann, damit der andere ihm seinen Körper gibt, oder der, der über diesen Körper verfügt, den der andere so sehr begehrt? Vieles in der homosexuellen Welt ist mir fremd, nicht befremdlich, aber fremd, und vor allem hat der amerikanische Autor – der an der Harvard University und am bekannten Iowa Writers’ Workshop studiert hat – immer dann, wenn es brenzlig wurde und erotisch, ausgeblendet, wie man das eben so macht in Amerika. Dadurch bleibt eine aufgeladene, sehnsuchtsvolle Atmosphäre, ein dichter, schwerer Nebel, in dem ich den einzelnen Handlungen nicht immer ganz folgen konnte. Trotzdem hat die Sprache mich abgeholt, hat der Inhalt mich erschüttert, interessiert, beschäftigt.

Ich denke oft darüber nach, wie es wohl ist, nicht zu entsprechen – in Sachen sexueller Orientierung. Zu merken, dass man nicht heterosexuell ist, als Jugendlicher, als Kind vielleicht schon oder später als Erwachsener, den Erwartungen der Eltern nicht zu entsprechen, ausgegrenzt zu werden, sich zu schämen, sich zu verleugnen. Dazu gibt es in diesem Roman Szenen aus der Jugend des Protagonisten, mit seinem Vater, die sehr intensiv und eindringlich sind. Garth Greenwell hat ein wichtiges Buch geschrieben, das traurig ist und seltsam, verstörend und emotional, ein Buch über Menschen, die uns vorkommen wie die Richtigen und dabei doch die Falschen sind. Das Ende ist in meinen Augen zu dramatisch, ein wenig überzogen, doch nichtsdestotrotz hat Was zu dir gehört mich sehr berührt, mir Einblick gegeben in eine Welt, die gleich neben meiner existiert und vielleicht ja doch nicht so anders ist. Denn diese unstillbare Sehnsucht, die gibt es da wie dort.

Was zu dir gehört ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-25852-5, 240 Seiten, 22 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

Cerha„Ich spüre mich nicht. Ich spüre meine Grenzen nicht. Ich weiß nicht, wo ich aufhöre“

„Der frühe Morgen war die einsamste Tageszeit. Der ganz frühe Morgen, wenn es im Sommer gerade hell wurde und die ersten Vögel vereinzelt gegen den Schlaf aufzwitscherten, wenn im Winter noch alles still war und er aus seinem intensiven Traum erwachte.“

Das Träumen wird für Dave zum Thema, als er immer seltsamere und intensivere Träume hat, die ihn auch am Tag beschäftigen. Er, der als Musiker gescheitert ist und sich sein Geld als frustrierter Lehrer verdient, er, der drei Kinder hat, von denen das Älteste nur noch vor dem Computer hängt und die Schule schwänzt, er, dessen Frau Karriere gemacht hat als Ärztin – und der nicht so genau weiß, wie es weitergehen soll mit ihm. War das alles? Was kann, was will er noch erreichen? Und wie viel von seiner Antriebslosigkeit liegt an seinen depressiven Schüben? Das sind Fragen, die in Daves Leben auftauchen, aber es gibt auch konkretere: Wer ist die Frau in seinen Träumen, was hat das alles mit seinem Vater zu tun, zu dem er kein gutes Verhältnis hat, und was ist damals in New York geschehen?

„Ich hasse es, mich nicht an meine Träume zu erinnern, sagte Dave mit Verve, es ist schrecklich, einzuschlafen und in dieses Nichts zu fallen, das nach dem Aufwachen nicht mehr ist als ein Loch im Bewusstsein.“

Deshalb versucht Dave, seinen Träumen auf die Spur zu kommen – und der Geschichte seiner Familie.

Ruth Cerha ist einfach großartig. Ich verehre sie schon lange, weil sie so wunderbare Bücher wie Kopf aus den Wolken und Bora. Eine Geschichte vom Wind geschrieben hat, und seit ich sie persönlich kenne, verehre ich sie noch mehr. Letztes Jahr im November, als ich zur ersten Vertreterkonferenz meines Lebens geladen war, um meinen Roman vorzustellen, hat Ruth mich unter ihre Fittiche genommen, und als wir diesen März in Leipzig waren, hatten wir trotz sibirischer Kälte und Zugausfall „a Gaudi“, wie wir in Österreich sagen, unsere Bücher haben wir auch getauscht, deswegen hat meine Ausgabe von Traumrakete eine sehr schöne Widmung – und ich konnte gleich auf der Heimreise anfangen zu lesen.

Träume sind, finde ich, schwer zu beschreiben, wenn man selbst einen Traum erzählen möchte, merkt man gleich, dass man das nicht so rüberbringen kann, wie es war, und wenn man einen Traum erzählt bekommt, kann man meistens nicht folgen, es nicht nachempfinden. Umso mehr Respekt habe ich davor, dass Ruth sich ausgerechnet an dieses Thema herangetraut – und es mit Bravour gemeistert hat. Daves Träume, die einen Großteil des Buchs ausmachen, sind tatsächlich surreal und der Realität enthoben, dabei aber nie zu wirr oder unverständlich. Sie sind wichtige Anhaltspunkte bei der Suche, auf die man sich als Leser gemeinsam mit Dave macht, der Suche nach Antworten. Ruth Cerha bleibt dabei stets sehr nah dran an ihrem Protagonisten, durchleuchtet ihn vollständig, macht ihn sicht- und greifbar, lässt ihn nie aus den Augen. Besonders gelungen finde ich ihre Beobachtungen, über den Alltag als Familienvater, als Lehrer, der sich etwas anderes vorgestellt hat im Leben, als Ehemann, als Träumender. Sie sind treffsicher und am Punkt.

„Dave sah ihr nach mit diesem auszehrenden Bedauern in der Brust, das man nur seinen eigenen Kindern gegenüber empfindet, eine ganz spezifische Kombination aus bedingungsloser Liebe, nagenden Schuldgefühlen und äußerster Hilflosigkeit.“

Ich weiß, wie sehr Ruth New York liebt, und man merkt es auch im Buch an den detaillierten Beschreibungen, die die Stadt lebendig machen – und noch mehr zu einem Sehnsuchtsort, den ich endlich besuchen will. Ich weiß auch, dass immer dann, wenn ein Roman sich sehr leicht und flüssig liest, sehr viel Arbeit dahintersteckt – was man aber, und das ist die Kunst, nicht merkt. Ich freue mich schon, und das ist wohl das Beste, was ich sagen kann, auf Ruths nächstes Werk.

„Aber es war so ein wunderbares Gefühl,  ohne Gewicht zu sein, sagte er schließlich. Diese Leichtigkeit.“

Traumrakete von Ruth Cerha ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002497, 480 Seiten, 24 Euro).