Bücherwurmloch

„In jener Zeit gehörte das, was einmal meins war, nicht mehr mir. Zuallererst mein Körper“

„Jedes Mal, wenn die Erinnerung wiederkam, und das passierte ständig, wiederholte ich dieses Mantra, ich bin am Leben.“

Eines Nachmittags joggt die Architektin Joana zum Vista Chinesa, als ein Mann sie mit vorgehaltener Waffe in den Dschungel zerrt und vergewaltigt. Dieses Buch ist ihr Bericht, ein langer Brief an ihre Kinder, die es, wenn sie schon jemals davon erfahren müssen, von ihr erfahren sollen. Oder wissen sie, die in ihrem Bauch, in ihrem Körper gewachsen sind, ohnehin Bescheid? Der von Marianne Gareis aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzte schmale Band beruht auf wahren Ereignissen, ist Erinnerung und Anklageschrift zugleich. Die Polizei bemüht sich, den Täter zu finden, hat aber eher die eigene Erfolgsstatistik im Auge als Joanas Befinden. Ohne Rücksicht auf ihr Trauma wird sie wieder und wieder befragt, das Phantombild verschwimmt, hatte er wirklich so eine Nase oder war sie breiter, waren seine Handschuhe schwarz oder blau, wie groß war er tatsächlich? Es wird deutlich, dass die Gesellschaft klare Vorstellungen von einem perfekten Opfer hat, die Joana nicht immer erfüllt. Besonders gut fand ich, wie ihr Verhalten ausgeleuchtet wird: dass man eben stillhält und sich nicht wehrt, weil man überleben will, dass man sich den Schmutz und den Schmerz abwäscht, obwohl das die Spuren zerstört, dass man sich an vieles deutlich erinnern kann und an anderes nicht.

Tatiana Salem Levy, die Joanas Geschichte aufschreiben durfte, hat sich ihr auf sensible Art genähert, gleichzeitig ist der Text gehetzt, atemlos, fast panisch, und das passt – als müsste man von etwas Traumatischem sehr schnell berichten, um es hinter sich zu bringen. Ich bewundere alle Frauen, die an diesem Buch mitgearbeitet haben, dass sie es in die Welt gebracht haben, dass sie ihre Stimmen erheben, dass sie sich nicht mundtot machen lassen. Es braucht mehr Tatsachenberichte wie diesen, denn durch die Opfer-Täter-Umkehr drängen wir Überlebende sexualisierter Gewalt stets in eine Rechtfertigungsposition. Sie sollen aber die Möglichkeit haben, so darüber zu sprechen, wie sie möchten und können, ohne dass ihnen Vorschreibungen und Vorhaltungen gemacht werden.

Vista Chinesa von Tatiana Salem Levy ist erschienen bei Secession.

Bücherwurmloch

Ich kenne sie alle, habe ihre Bücher gelesen und ihre Filme gesehen, ihre Posts und Storys tauchen täglich in meiner Timeline auf: die Frauen, mit denen Sandra Jungmann für dieses Buch gesprochen hat. Die Rede ist zum Beispiel von Christl Clear und Emilia Roig, von Jaqueline Schreiber und Katja Lewina, von Mithu Sanyal und Irina alias toxische pommes. Nicht in Interviewform, sondern in Sandra Jungmanns Nacherzählung berichten sie von ihrem Aufwachsen und den Herausforderungen, denen sie begegnet sind, von ihren Träumen und dem Weg, den sie gegangen sind. Um Ausländerfeindlichkeit geht es da und um Trauer, um ungleiche Chancen, offene Beziehungen, Klima-Aktivismus, den Körper als Kunst und das Abnabeln von den Eltern.

„Ich versuche seit Jahren, eins mit meinem Körper zu werden“, sagt zum Beispiel Sophia Süßmilch. „Stimmt schon, ich war ein bisschen ein Troublemaker“, gibt Sinah Edhofer zu. Und Antje Schomaker erzählt: „Ich habe schon mit zwölf angefangen, auf Demonstrationen gegen die Abholzung des Regenwaldes zu gehen.“ Und Katharina Rogenhofer macht klar: „Die Gesellschaft muss mir den Raum geben, alleine zu entscheiden, wie ich als Frau bin, wie ich aussehe oder wie ich mich gebe.“ Mich holen die Gespräche mit diesen fünfzehn Frauen total ab, zum einen eben, weil sie mir ein Begriff sind und ihre Gedanken – über das Patriarchat, die Dominanz der Männer, das Hinwenden zum Feminismus – meinen sehr ähnlich sind. Zum anderen, weil ich generell Biografien von interessanten Menschen mag und hier viele davon versammelt sind. Und der dritte Grund ist, weil es hier um Frauen geht, die eine Vorbildwirkung haben. Dies ist ein Buch, das andere Frauen und junge Mädchen inspirieren kann, das ihnen zeigt: Es ist möglich, gib nicht auf, auch wenn es mühsam ist, lass uns zusammenhalten und einander den Weg ebnen. Ich werde es auf jeden Fall aufheben, bis meine Tochter alt genug ist, um es zu lesen.

Laut und selbstbestimmt von Sandra Jungmann ist erschienen bei Leykam.

Bücherwurmloch

„Ich glaube, zuerst muss ich bekommen, was ich will, und dann kann ich erklären, warum ich es wollte und ob es gut ist“
Eve lebt mit ihrer Partnerin Romi in Brooklyn und stellt eines Tages Nacktfotos von sich auf eine Internetseite. Mit Olivia, die diese Fotos kommentiert, trifft sie sich in einem Café – und Olivia, die schüchtern herumstammelt, lädt Eve ein, sich mit ihr und einem Mann namens Nathan zu verabreden. Eve ist neugierig und willigt ein. Von da an kommt es zu regelmäßigen Sexdates, bei denen nur Eve und Nathan miteinander schlafen, oder besser: bei denen Nathan Eve zur völligen Glückseligkeit vögelt. Olivia sieht zu oder geht in ein anderes Zimmer, manchmal ist sie bei diesen Treffen gar nicht dabei. Sie arbeitet auch für Nathan und ist völlig besessen von ihm, auch Eve verfällt ihm zusehends:

„Sein Wissen und seine Instinkte waren in vollkommenem Einklang. War er ein Genie und unsere hart erkämpfte Vorstellung von weiblicher Genialität nur eine vorübergehende Erscheinung?“

Großartig an diesem Buch ist, dass Lillian Fishman, deren Debüt in den USA heiß ersehnt und hoch gehandelt wurde, unverblümt und frei von Sex und Begehren erzählt, durch die Augen einer queeren Frau. Weniger großartig ist die Figurenzeichnung des Mannes, der als Magnet dargestellt wird, als Dreh- und Angelpunkt der gesamten Geschichte, alles ist auf ihn und seine Aufmerksamkeit ausgerichtet. Er weiß, wie er mit Frauen reden muss, wie er sie zu berühren hat, er weiß mehr über sie als die Frauen selbst, und es hat mich überrascht, dass der Plot letztlich das – in meinen Augen eigentlich überholte – Narrativ reproduziert: dass Frauen nichts anderes wollen, als einen Mann anzubeten, zu vergöttern, ihm zu Gefallen zu sein, dass sie um ihn konkurrieren, eifersüchtig aufeinander sind. Ja, Eve kommt gegen Ende zur Einsicht, dass vielleicht nicht alles so rosig war, wie es aussah, aber selbst diese Wendung – die Frau erkennt das wahre Gesicht des Mannes – habe ich gefühlt schon tausendmal gelesen. In ihrer blinden Hingewandtheit zu Nathan hat Eve ab und zu lichte Momente mit Gedanken wie diesen:

„Man hatte uns Frauen eingeredet, Schönheit sei verdächtig, Eitelkeit eine Sünde und das Begehren räuberisch, und nun glaubten wir, wir wären am attraktivsten, wenn wir uns schüchtern und nachgiebig zeigten.“

Große Gefallen hat mich also beeindruckt und enttäuscht zugleich. Und es beschäftigt mich, dass auch junge weibliche Autorinnen sich an patriarchalen Denkmustern abarbeiten, statt Neues zu kreieren. Am besten lest ihr es selbst, um euch ein Bild zu machen.

Große Gefallen von Lillian Fishman ist erschienen bei Atlantik.

 

Bücherwurmloch

„Manchmal fragte ich mich, ob es Männern schwerer fiel, glücklich zu sein“
Allie ist alleinerziehende Mutter und arbeitet als Ghostwriterin. Nachdem sie einen Auftrag verliert, weil der Mann, für den sie hätte schreiben sollen, wegen sexueller Belästigung angeklagt wird, braucht sie dringend Geld. Sie ist also erleichtert, dass sie die Memoiren der aufstrebenden Politikerin Lana verfassen darf, die sich als Aktivistin für die Rechte der Frauen einsetzt und selbst einen dreizehnjährigen Sohn hat. Doch schnell stellt sich heraus, dass es mehr als mühsam sein wird, dieses Buch zu schreiben: Lana gibt absolut keine Informationen preis, meldet sich oft wochenlang nicht – und Allie sitzt zum einen der Verlag im Nacken, zum anderen ist die Betreuungssituation ihres Sohnes problematisch. Schließlich fordert Lana ihre Ghostwriterin auf, einfach selbst etwas zu finden bzw. aus ihrem eigenen Leben zu erzählen.

Interessanterweise habe ich selbst mehrere Bücher als Ghostwriterin verfasst und kenne das Problem, dass diejenigen, deren Name auf dem Cover stehen wird, keinerlei Input geben. Das war auch der einzige Grund, warum ich dieses Buch gelesen habe, weil ich wissen wollte, wie die Geschichte sich entwickelt – der Stil dagegen hat mich schon nach wenigen Seiten genervt. Er ist betont flapsig, unbekümmert, die Emotionen, von denen es genügend gäbe, kommen nicht rüber, Allie blieb für mich unzugänglich, obwohl sie aus der Ich-Perspektive erzählt. Die Themen sind durchaus relevant, es geht um die prekären Lebensumstände alleinerziehender Mütter, um fehlende Kinderbetreuung und Krankenversicherung, um die Ausbeutung von Freiberuflern und die Scheinheiligkeit der Politik. Wie Allie schlussendlich verraten wird, ist vermutlich logisch und deshalb auch vorhersehbar. So kämpferisch sie sich in ihren Gedanken gibt, so passiv bleibt sie am Ende. Die Heldin der Geschichte ist ein chaotisches Buch, das ein Augenmerk auf die gewaltigen Probleme legt, mit denen selbstständige Mütter konfrontiert sind – und damit konnte ich mich sehr identifizieren –, das mich aber weder durch die Schreibweise noch durch den Plot überzeugen konnte. Schade!

Die Heldin der Geschichte von Heidi Pitlor ist erschienen bei Eichborn.

Bücherwurmloch

„And she does it in dresses without pockets“
Nora ist Rechtsanwältin und Mutter einer kleinen Tochter, verheiratet mit Hayden. Auf der Suche nach einem neuen Zuhause kommen die beiden in eine sehr gepflegte Nachbarschaft und besichtigen dort ein Haus. Alles scheint perfekt, die Frauen, die dort leben, machen Karriere, während die Männer den Haushalt schupfen und auf die Kinder aufpassen. Einziger „Schandfleck“ in der idyllischen Gegend: Eines der Häuser ist abgebrannt. Nora wird mit dem Versicherungsfall beauftragt und soll herausfinden, wie es zu dem Brand kam, bei dem einer der Ehemänner gestorben ist. Doch was sie entdeckt, wirft ein ganz anderes Licht auf alles …

Ich wusste bei diesem Buch nicht, was mich erwartet, habe es wegen der Kurzbeschreibung gekauft und vor allem wegen der Formulierung „Stepford husbands“. Nach ungefähr einem Drittel war klar: Dies ist ein überraschend feministischer Roman, in dessen Kern es um nichts anderes geht als um Care-Arbeit und Mental Load. Protagonistin Nora ist völlig überlastet mit dem Spagat zwischen Anwaltskanzlei und Mutterschaft, ihre Chefs haben kein Verständnis für ihre Lage und verlangen Leistung, ihr Mann empfindet seine eigene Zeit als wichtiger und wirft ihr vor, zu nörgeln, wenn sie Beteiligung an der Kinderbetreuung einfordert, und schlussendlich sabotiert Nora sich selbst, weil sie das Gefühl hat, dass das doch zu schaffen sein muss und dass es allen anderen ja auch gelingt. Als sie die erfolgreichen Frauen von Dynasty Ranch kennenlernt, will sie unbedingt deren Geheimnis ergründen. Chandler Baker hat dieses Buch geschrieben, als sie selbst schwanger war und panisch angesichts ihrer Zukunft. Diese Angst, die Doppel- und Dreifachbelastung als Mutter nicht stemmen zu können, merkt man ihrem Roman an, und das macht ihn – bei aller amerikanischer Überzogenheit – sehr authentisch. Manche dramatische Zuspitzung hätte ich nicht gebraucht, insgesamt fand ich die Geschichte aber gut gemacht: sehr filmisch, mit originellen Ideen. In erster Linie, und das ist am wichtigsten, macht sie aufmerksam auf die unsichtbare Arbeit im Hintergrund, die zur völligen Erschöpfung der Frauen führt. Was könnte man tun, um das zu ändern? Chandler Baker zeigt eine sehr radikale Möglichkeit.

Bücherwurmloch

„Mit dem angedockten Sternfahrer im Leib“
Iris ist Sängerin und hat gerade ein Engagement an der Met in New York bekommen, außerdem winkt die Aussicht auf einen Part bei den Salzburger Festspielen. Sie steht auf großen Bühnen, ihre Agentin ist zufrieden, der endgültige Durchbruch zum Greifen nah – und Iris freut sich, denn sie ist schwanger. Von wem das Kind ist, weiß sie nicht: Da gibt es Sergio, ebenfalls Sänger, ebenfalls in der Welt unterwegs, mit dem sie seit Jahren eine Art Beziehung führt, und da gibt es Ludwig, der verheiratet ist und eine Familie hat, den Iris aber mit jeder Faser begehrt und liebt. Mit beiden hält sie Kontakt, mögliche Treffen zwacken sie den überfüllten Terminkalendern irgendwie ab. Ludwig weiß von Sergio, umgekehrt ist das nicht der Fall. Beiden Männern erzählt Iris von der Schwangerschaft, sie reagieren sehr unterschiedlich. Und so jettet Iris von New York nach Deutschland, Österreich, Ibiza, während neues Leben in ihr wächst.

Cherubino ist genau das: ein Roman, der eine Schwangerschaft nacherzählt. Sehr detailreich tut er das, aus der Innensicht der Frau, die dieses Kind bekommen wird. In einem schönen, opulenten Österreichisch widmet sich Andrea Grill einer Zeit, der in der Literatur bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt wurde, weil Muttersein und Mutterwerden als irrelevant galten: den knapp zehn Monaten, in denen ein Baby im Mutterleib getragen wird. Da geht es um Hoffnungen und Ängste, um Blutspuren in der Unterhose und um die Reaktionen des Umfelds. Auch wenn der Roman sich wegen seiner Handlungsarmut zwischendrin ein wenig zieht, finde ich es gut und wichtig, dass er sich so kompromisslos dieser Schwangerschaft verschrieben hat – und ihren Auswirkungen in struktureller Hinsicht: was es für Iris als selbstständige Künstlerin bedeutet, wenn dieser Körper, mit dem sie ihr Geld verdient, vorübergehend nicht für die Bühne zur Verfügung steht, sowie die Frage, wie sie in Zukunft ihre Erwerbstätigkeit mit der Betreuung dieses Kindes vereinbaren kann. Zudem ist dies ein sehr melodischer Roman, in dem Musik zum Lebensinhalt wird.

Cherubino von Andrea Grill ist als Taschenbuch erschienen bei btb.

Bücherwurmloch

„I’m afraid of men not because of any singular encounter with a man. I’m afraid of men because of the cumulative damage caused by the everyday experiences“
Vivek Shraya ist eine vielseitige Künstlerin, die die Wege von Literatur und Lyrik, Musik und Visual Art beschreitet. Sie hat diverse Bücher veröffentlicht und gehört zum Musikduo „Too Attached“. Ich liebe es, wie Vivek Shraya aussieht, ich könnte stundenlang Bilder von ihr anschauen. Mir gefällt die Kombination aus langem blondem Haar und dunklem Brusthaar, die Gesichtszüge, das Bindi, das sie trägt, um ihre Herkunft und ihre Kultur zu ehren. Und auch wenn ich weiß, wie der menschliche Verstand funktioniert und warum wir in binären Trennungen denken, kann ich nicht verstehen, wie diese massive Ablehnung und der Hass zustande kommen, die Vivek Shraya entgegenschlagen, wie man es schafft, so zu denken und zu fühlen. Da geht es – natürlich – nicht nur um das Äußerliche, um die gängigen Schönheitsstandards, die durch Menschen wie Vivek Shraya gesprengt werden, es geht um so viel mehr, Geschlechterzuschreibungen, Rollenbilder und religiös geprägte Vorstellungen, und das ist genau der Punkt: Es geht um alles. Für uns alle. Denn auch wenn dieses Buch schmal und dünn und klein ist, ist es erfüllt von einem tiefen, unsagbar heftigen Schmerz. Trans Menschen sind da, sie waren es immer schon. Ich muss hier nicht sagen, dass sie „normal“ oder „in Ordnung“ sind, es braucht keine solchen Erklärungen oder Rechtfertigungen. Allen gender nonconforming people ist mit Respekt und Liebe zu begegnen, es ist unerheblich, wer eine Gebärmutter oder einen Penis hat, wer gay, nonbinary, queer oder whatever ist. Und wenn ihr zu wenig darüber wisst, dann lest dieses oder andere Bücher. Bildet euch weiter, das ist eure Verantwortung. Es ist gut, dass es Schreibende wie Vivek Shraya gibt, die ihre Erfahrungen teilen – damit wir sie annehmen und etwas daraus lernen können. Denn von einer toleranten, offenen, diversen Gesellschaft profitieren wir alle.

„What would my body look like if I didn’t want affection from gay men and protection from straight men? What would my body look and feel like if I didn’t have to mould it into both a shield and an ornament? How do I love a body that was never fully my own?“

 

Bücherwurmloch

„Außerdem zahlt es sich aus, wenn Eltern ihren Kindern ein hohes Maß an Mitbestimmung zugestehen“
Was geben wir Mütter eigentlich unseren Töchtern mit? Wie können wir dafür sorgen, dass sie später selbstbestimmt auftreten und sich nicht von der Gesellschaft und von Männern unterbuttern lassen? Wer sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Feminismus beschäftigt, wer sieht, wie diskriminierend unser gesamtes Umfeld ist, hofft für die eigene Tochter, dass sie trotzdem ein gutes Leben führen kann. Ich merke immer wieder, dass ich als Mutter zwar eine laute Stimme bin, die dagegenhalten kann, dass aber alle anderen – die Freunde und Freundinnen, die Narrative in Filmen, Serien und Büchern, die Großeltern, die Erzieherinnen, die Lehrerinnen – so viele mehr sind, in der Überzahl. Man kann sein Kind generell und seine Tochter im Besonderen nicht vor der Welt da draußen beschützen, und so gern ich glauben würde, dass man ihr genügend entsprechendes Rüstzeug mitgeben kann, so sehr zweifle ich gleichzeitig daran. Weil ich jeden Tag mitbekomme, dass alles, womit ich versuche, meine Tochter zu stärken, von ihrem Umfeld sabotiert wird.

Susanne Mierau hat ein gut verständliches, ideal aufbereitetes und überaus hilfreiches Buch geschrieben für Mütter wie mich und euch, die sich nicht irgendwie durchwurschteln wollen, sondern das Aufwachsen ihrer Töchter bewusst begleiten möchten. Es geht um die Mutterbindung und Mental Load, um Selbstwertgefühl und Widerspruchsrecht, um Körperlichkeit, Liebeskummer und das Online-Leben. Wichtige Kapitel behandeln die Tatsache, dass wir auch New Dads brauchen, sowie das Aufarbeiten der eigenen Kindheit und der Beziehung zur eigenen Mutter. Das ist komplex und schwierig, Susanne Mierau hat es auf ihre zuversichtliche, annehmbare Art umgesetzt und holt jede Leserin dort ab, wo sie steht. Es ist natürlich, wie immer, ein Buch, das auch die Väter lesen sollten. Da sie das sehr wahrscheinlich nicht machen, ist es gut, wenn wenigstens wir es tun – weil wir eben als Mütter zwar nur einzelne Stimmen sind, aber auf jeden Fall etwas zu sagen haben und viel bewirken können. Das sollte nur Gutes sein.

New Moms for Rebel Girls von Susanne Mierau ist erschienen im Beltz Verlag.

Bücherwurmloch

„Ellen war Zigaretten holen gegangen und kam nicht wieder“
Eine Frau hat ein kleines Mädchen und macht zum ersten Mal einen Ausflug über Nacht mit dem Mann, für den sie ihren Partner verlassen hat. Ein Ehepaar will im Ausland ein Kind adoptieren, aber der Vater findet keinen Zugang zu dem Sohn, den er mit nach Norwegen nehmen soll. Eine Frau versteht erst viele Jahre später, dass etwas, das ihr passiert ist, eigentlich eine Vergewaltigung war. Und eine andere Frau kann nicht verwinden, dass ihre Mitbewohnerin eine Beziehung eingeht und aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Die Kurzgeschichten von Marie Aubert sind prägnant, seltsam und genau so, wie ich sie mag: nicht gefällig, ausgezeichnet beobachtet und einen Tick zu früh zu Ende. Ein paar der Ausgangsideen – wie der potenzielle Vater, der damit hadert, ausgerechnet dieses eine Kind adoptieren zu sollen – finde ich sehr originell, auch die verschiedenen Blicke auf Monogamie, Ehe und Affärensituationen haben mir gefallen. Beispielsweise erzählt eine Frau, wie verliebt sie ist in einen Mann, der sich gerade scheiden hat lassen und wie es sich für sie anfühlt, wenn er wegen der Kinder bei seiner Ex-Frau ist.

Marie Aubert hat mich mit ihrem Roman Erwachsene Menschen für sich gewonnen, weil er herrlich bitter und böse war. Diese Erzählungen gingen dem Roman eigentlich voraus und waren ihr literarisches Debüt, mit dem sie sehr erfolgreich war, was mich grübeln lässt, ob das hierzulande so ungeliebte Genre Short Storys, von dem man Debütant:innen in Verlagen ständig abrät, in Skandinavien auf mehr positive Resonanz stößt, wenn es sogar die Karriere einer Autorin begründen kann. Nichtsdestotrotz ist das Lob in meinen Augen verdient, die Kurzgeschichten von Marie Aubert sind überaus flüssig zu lesen, voller ungewöhnlicher Gedanken und kleiner Überraschungsmomente.

Kann ich mit zu dir? von Marie Aubert ist erschienen bei Rowohlt.

Bücherwurmloch

„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie eine Frau für ihre Unfruchtbarkeit gehängt wurde“
1894 befindet die junge Ada sich in großer Gefahr: Nachdem sie mit siebzehn verheiratet wurde, lebte sie ein Jahr lang halbwegs fröhlich mit ihrem Ehemann – doch sie wurde nicht schwanger. Und das wird im Wilden Westen als Vergehen der Frauen gewertet, sie seien verflucht, heißt es, und schuld daran, dass auch andere Frauen unfruchtbar bleiben oder ihre ungeborenen Babys verlieren. Adas Mutter ist die Hebamme im Ort, die mit jedem Mal, da sie jemandem hilft, das Risiko eingeht, als Hexe gebrandmarkt zu werden. Sie weiß, dass der Sheriff kurz davor steht, Ada zu holen und zum Tod zu verurteilen, deshalb schickt sie Ada ins Kloster. Doch dort bleibt die Achtzehnjährige nicht lang, sie schließt sich einer Gang gesetzloser Frauen rund um The Kid an, die im Geheimen in Hole-in-the-Wall leben. Es dauert, bis Ada das Vertrauen der anderen gewinnt – und dann planen sie alle gemeinsam den großen Coup …

Anna North ist eine kuriose Mischung aus realen historischen Fakten und wilder Fiktion gelungen: Vieles ist in diesem Buch, wie wir es aus alten Western kennen, da wird geschossen und geritten, da werden Banken ausgeraubt und Sheriffs gelinkt. Auch die grausame Verurteilung von Frauen als Hexen ist uns bekannt, nur aus einer anderen Epoche. Mit Ada hat die Autorin, die den renommierten Iowa’s Writer’s Workshop absolviert hat, eine klassische Heldin geschaffen: mutig und unabhängig, getrieben vom Wunsch, die Welt ein wenig besser zu machen, und man wünscht sich die ganze Zeit, sie möge es schaffen. Mit wenigen Abstrichen – beispielsweise wird The Kid als nichtbinär beschrieben, bekommt aber eindeutig binäre Pronomen, wobei ich nicht weiß, ob da einfach die Übersetzung schwächelt – gelingt es Anna North, die Spannung zu halten und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: den Menschen begreiflich zu machen, dass das Zustandekommen einer Schwangerschaft von vielen Faktoren abhängt und nicht das Leben der Frauen bedrohen darf. Ein radikales, schlaues und gut lesbares Buch, das ich mir auch sehr gut als Film vorstellen könnte – es hat Tempo, originelle Charaktere, Tragik, Drama und ein mehr als passendes Ende. Großartiges Buch!

Die Gesetzlose von Anna North ist erschienen bei Eichborn.