Bücherwurmloch

„Man fühlt sich einsam mit Kindern“
Myriam und Paul leben in Paris, in einer kleinen Wohnung, weil die Wohnungen offenbar nun mal klein sind in Paris und kaum bezahlbar, sie haben zwei Kinder, und dann möchte Myriam wieder arbeiten gehen. Sie war bis dahin zuhause, natürlich, wer sonst. Ein Klassiker, tausendfach erprobt auf dieser Welt, immer braucht es jemanden, der die Kinder hütet. Das ist in diesem Fall Louise. Eine Nanny, wie man sie sich nur wünschen kann, gewissenhaft und sorgsam, in kürzester Zeit hat sie alles im Griff, den Nachwuchs, die Wohnung, die gesamte Organisation des Alltags dieser kleinen Familie. Man mag sich, man ist dankbar, vielleicht freundet man sich sogar ein wenig an. Und dann gerät alles ins Rutschen, in eine Schieflage, die so extrem ist, dass am Ende beide Kinder tot sind.

Und damit verrate ich euch nicht zu viel, denn das sagt Leïla Slimani dem Leser selbst gleich zu Beginn: Pass auf, hier hast du es mit doppeltem Mord zu tun. Was auch immer du zu erkennen glaubst auf den folgenden Seiten, in der folgenden Geschichte, wird auf den Tod zweier Kinder hinauslaufen. Und mich schreckt das ab, ich persönlich mag es nicht, wenn mir das Ende am Anfang verraten wird, weil ich mich dann frage, wozu ich es noch lesen soll, das ganze Buch, wenn ich doch keine neue Erkenntnis werde gewinnen können. Anmaßend? Ja, aber freilich. Die Sprache, könntet ihr sagen, und der Weg zu diesem Ende, könntet ihr auch sagen – stimmt natürlich alles, trotzdem: Das hätte nicht sein müssen. Das hat sämtliche Spannungsmomente zerstört, den Drive gestohlen.

Leïla Slimani macht diese in meinen Augen unglückliche Konstruktion ihres Bestseller-Romans, der auch verfilmt wird, tatsächlich wieder wett, und zwar durch die Art, wie sie erzählt. Merkwürdig kühl ist ihr Ton, distanziert, mancherorts seltsam spöttisch, als mache sie sich ein wenig lustig über ihre Figuren, über Myriam, die so gern Karriere machen möchte, die jetzt diese Kinder hat und sich fragt, was sie soll mit denen – und das ist ja so etwas, über das nur selten geredet wird, weil es stark tabuisiert ist, dass man seine Kinder vielleicht nicht immer so liebt, wie man das sollte, dass man sie vielleicht auch nicht immer haben möchte – und über Paul, den Mann, der eher im Schatten steht in der Geschichte, weil Männer das immer tun im Familiengewirr, weil sie nur denken, sie hätten die Hosen an und Einfluss, und über Louise, die Nanny, die in Wahrheit gar nichts im Griff hat, vor allem nicht ihr eigenes Leben. Die Autorin erzählt von Louises verstorbenem Mann, von ihrer verschwundenen Tochter, von ihren Geldsorgen. Und freilich bleibt die Frage: Rechtfertigt das ihre Tat? Lässt sich eine solche Tat überhaupt in irgendeiner Weise rechtfertigen, erklären?

Dann schlaf auch du ist kein Krimi oder Thriller im eigentlichen Sinn, vielleicht eher eine Art Berichterstattung mit gruseligem Ausgang, die Herleitung eines Verbrechens mit schönen Worten. Was Leïla Slimani ausgezeichnet gelingt, ist das Einfangen einer unheilvollen Stimmung, das Zeichnen kleiner, vermeintlich unwichtiger, alltäglicher Szenen, die zusammengefügt ein Zerrbild ergeben, ein Kippbild, das aus Myriams Sicht anders aussieht als aus Louises. Da ich selbst Kinder habe, lese ich ein Buch mit einer derartigen Geschichte natürlich mit größtmöglichem Unbehagen. Es hat mich positiv überrascht, das muss ich gestehen, ich hatte es mir sehr cheesy vorgestellt und effektheischend. Das ist es nicht. Dafür aber beklemmend, intensiv, gut.

Dann schlaf auch du von Leïla Slimani ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87554-5, 224 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Was die Welt zu bieten hat, das wissen wir. Wir haben Angst vor dem, was sie haben will“

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“

Das sagen die Mütter, die Kirchenmütter, sie sind die Tratschweiber, die jeder Ort hat, sie sind die, die alle Geheimnisse kennen – und herumreichen. Das Geheimnis in diesem Fall ist die beginnende Liebe zwischen Nadia und Luke. Sie ist siebzehn, er ein bisschen älter, und beide tragen Kummer mit sich: Nadias Mutter hat sich das Leben genommen, Luke hat bei einem Sportunfall jegliche Aussichten auf eine glorreiche Zukunft verloren. Sie treffen sich in dem Restaurant, in dem Luke kellnert, sie mögen sich, sie schlafen miteinander.

„Der Sex würde weh tun, und das wollte sie auch. Luke sollte ihr Schmerz von außen sein.“

Doch dann kommt ein noch viel größerer Schmerz auf Nadia zu, einer, den sie nicht mehr vergessen wird, nie mehr, einer, der ihr ganzes weiteres Leben prägen wird. Und das von Luke.

Was für ein großartiges Buch ist das! Schon auf der allerersten Seite hat der Satz über die Geheimnisse, den ich euch hier eingangs zitiert habe, mich hellhörig werden lassen. Besonders im ersten Teil gibt es viele richtig gute Abschnitte, sprachlich gewandt, inhaltlich voller Weisheit, voller Sehnsucht, und die Idee, „die Mütter“ sprechen zu lassen, in der dritten Person Plural, diese Mütter, die sich über den „Skandal“ in der engstirnigen kleinen Gemeinde in Oceanside echauffieren, eigentlich außerhalb der Geschichte stehen, aber alles wissen, ist ein raffinierter Schachzug. Eine befremdliche Perspektive, die zugleich zeigt, wie viel Außenwahrnehmung stets mitschwingt, wie viel Abschätzigkeit und Verurteilung.

„Und wie wir so gelebt haben, hat es auch Männer gegeben. O ja, Mädchen, da hat es auch ein kleines bisschen Liebe gegeben. Dieses kleine bisschen Liebe, das dir den Mund wässrig macht nach mehr, wie das letzte bisschen Honig im Topf, das ganz kurz den Hunger überdeckt. Wir haben uns mit der Zunge die Zähne abgeleckt, um dieses kleine bisschen so lange zu genießen, wie es nur ging, und wie wir so gelebt haben, hat nichts uns hungriger gemacht.“

Es geht um Verlust in diesem Roman, um eine alles verändernde Entscheidung, die vielleicht, wer kann das schon sagen, falsch war. Brit Bennett hat mit ihrem Debüt einen Überraschungserfolg gelandet, und ich finde ja nicht, dass man sagen muss, dass alle Protagonisten im Buch dunkle Haut haben, weil es doch schon wieder merkwürdig ist, dass man das überhaupt betonen muss, aber in allen Besprechungen des Buchs steht das, und vielleicht findet ihr diese Information ja wichtig, also gebe ich sie euch. Das afroamerikanische Leben im südlichen Kalifornien werde beschrieben, heißt es, und ich denke: Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe diese Menschen haben, wirklich nicht, denn die Liebe ist dieselbe, das Verlassenwerden tut weh und schneidet und es sticht, in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Wir wünschen uns, Halt zu finden irgendwo, wir tun Dinge, die wir bereuen, wir treffen Menschen, die wir nicht vergessen können.

Lieblingszitat:

„Langsam und wohlüberlegt gingen sie jetzt vor, wie verletzte Menschen einander liebten, und sie reckten sich vorsichtig, nur so weit, wie ihre beschädigten Muskeln es zuließen.

Die Mütter von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-00683-9, 320 Seiten, 20 Euro).

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„Hör auf, immer bloß an die Toten zu denken. Denk auch mal an die, die leben, kriegst du das gar nicht mehr hin?“

„Im Grunde ist Annik wie du. Sie wartet, ohne wissen zu wollen, worauf. Wüsste sie es, würde alles vor Unerreichbarkeit stillstehen.“

Dieses Du ist Ira, die Schwester von Markus, und sie ist tot. Sie hat sich das Leben genommen, und Markus vermisst sie sehr. Mit Iras Sohn Jesse, seinem 15-jährigen Neffen, fährt er nach Frankreich. Er soll dort Brücken zeichnen, während Jesse einen Freund besuchen will, der mit seiner Familie ein altes, verlassenes Hotel hütet. Dort, am Strand in Nordfrankreich, verbringen sie mehrere Wochen, in denen Vergangenheit und Gegenwart, Realität und Wahn langsam verschwimmen und sich vermischen. Wieso gelingt es Markus nicht, diese Brücken, über die die Alliierten im Sommer 1944 kamen, auf Papier zu bannen? Wer ist diese Frau, die genauso aussieht wie Ira? Und wird er über ihren Suizid je hinwegkommen?

Nie mehr Nacht ist ein Buch wie ein Sommerflirren. Manchmal kann man nicht alles richtig erkennen, und irgendwie hat man ständig ein leicht drückendes Gefühl. Da ist so viel Traurigkeit, so viel Reue, so viel Nacht. Ich mag den Ton des Romans, sehr melancholisch ist er und schwer, ich mag das Merkwürdige, das Unerklärliche. Was ich dagegen nicht mag, ich gestehe es, ist das Ende – bei solchen Erklärungen, die ich euch nicht spoilern kann, ist meine Tabuhemmung zu groß, anerzogener Ekel macht sich breit. Nachdem Bonné mich 2017 mit seinem Longlist-Kandidaten regelrecht abgeschreckt hat, musste ich mich zu dieser Lektüre – das Buch stand schon vorher im Regal – erst mal überwinden. Das hab ich nicht bereut, auch wenn die Geschichte mich eher ratlos zurückgelassen hat – aber immerhin mit formvollendeten (Sprach-)Bildern im Kopf.

Nie mehr Nacht von Mirko Bonné ist erschienen bei Schöffling (ISBN 978-3-89561-406-4, 360 Seiten, 19,95 Euro).

Bücherwurmloch

„Die Apokalypse Deutschlands nahte, wenn auch vorerst nur auf leisen Birkenstock-Sohlen“

Felix sitzt fest, er weiß gar nicht so genau, wo. Er wird von der Polizei gesucht, deshalb versteckt er sich – gemeinsam mit seinem Vater. Und hier wird es kurios: Mit seinem Vater hat Felix nämlich eigentlich gar nichts zu schaffen, seit der vor vielen Jahren die Familie verlassen hat. Warum also sind diese beiden, die sich kaum kennen, zusammen auf der Flucht? Davon erzählen sie uns abwechselnd und rekonstruieren eine Geschichte voller Missverständnisse und fragwürdiger Entscheidungen.

„Mein Vater hat immer nur einen winzigen Schritt neben den richtigen Weg gesetzt, und manchmal waren diese Fehltritte auch ein bisschen mehr als nur winzig, und die Summe dieser mehr oder weniger kleinen und falschen Schritte hat ihn in letzter Konsequenz auf die völlig falsche Spur gebracht“,

sagt Felix über diesen Mann, der es eigentlich stets gut gemeint, aber nie gut gemacht hat. Denn sein Vater ist ein klassischer Verlierertyp, mit dem man einfach nur Mitleid hat.

„Leuten wie mir ballten sich nicht etwa die Fäuste, uns ging nicht das Messer in der Tasche auf und wir entsicherten auch nicht unsere Browning, wenn es bedrohlich wurde. Unser typischer Überlebensinstinkt bestand vielmehr darin, im Angesicht jeglicher Gefahr Phrasen der Beschwichtigung abzusondern, womit man natürlich nur unter anderen Feiglingen durchkam. Im akademischen Diskurs zum Beispiel.“

Komm in den totgesagten Park und schau ist ein sehr weirdes, amüsantes und politisches Buch, das mich gut unterhalten hat. Es geht um die Lyrik der DDR darin, um eine erste Liebe und das Scheitern, um zwei kaputte Familien und unterschiedliche Vorstellungen davon, wie unsere Gesellschaft organisiert sein sollte. Das Stilmittel, die beiden Protagonisten in Briefen erzählen zu lassen – Felix schreibt an eine Freundin, sein Vater schreibt an Felix –, wobei sie auch erste Versionen durchstreichen, ist schlau und raffiniert. Dies ist ein temporeicher, klug konstruierter Roman, der vollgepackt ist mit Gesellschaftskritik, dabei aber nicht belehrend daherkommt. Sehr originell und lesenswert!

Komm in den totgesagten Park und schau von André Kubiczek ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3-87134-179-3, 384 Seiten, 22 Euro). Der Buchtitel stammt übrigens von einer Gedichtzeile von Stefan George.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Es gibt Bücher, die wollen so viel. Sie sind überfrachtet und möchten gefallen, möchten glänzen und aufmerksam machen. Dann gibt es Bücher, die sind schmal, die brauchen nicht viele Worte – und sie können so viel. Ein solches ist Paulus Hochgatterers Erzählung aus Kriegstagen, die gerade mal 110 Seiten zählt und dennoch eine ihr eigene Wucht besitzt. Sie spielt im Oktober 1944, allzu lang wird er nicht mehr dauern, der Krieg, doch das weiß natürlich niemand, sie spielt auf dem Land, in Österreich, und sie berichtet von einem dreizehnjährigen Mädchen, das keine Eltern mehr hat, das überhaupt niemanden mehr hat. Es wird auf einem Hof aufgenommen und dort zumindest nicht schlecht behandelt. Als ein russisches Kriegsgefangener dort auftaucht, entsteht eine winzig zarte Verbindung, für die jedoch gar keine Zeit bleibt, die schon gleich erstickt wird. Und Paulus Hochgatterer schreibt das so, als wäre er dabei gewesen, er schreibt das, als hätte er gefühlt, wie Krieg ist, wie Angst ist und Verlust. Sein Stil ist schnörkellos und hält sich nicht auf mit langen Erklärungen, mit Wortexperimenten, mit Glanz und Gloria. Fast schon mündlich wirkt dieser Roman, ohne Umschweife und gerade deshalb so authentisch. Er ist eine Momentaufnahme aus einer lang vergangenen Zeit, aus einer schlimmen Zeit, die nicht vergessen werden soll und darf. Und doch, das fasziniert mich am meisten, gelingt es, kleine Schönheiten zu finden in diesem Alltag, in diesem Leben, das stets bedroht ist von seinem Ende.

Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war von Paulus Hochgatterer ist erschienen bei Deuticke (ISBN 978-3-552-06349-5, 110 Seiten, 18 Euro).

Bücherwurmloch

„Ein Mensch allein kann so zornig oder traurig werden, es reibt die Augen ganz stumpf“
Kennt ihr das, dass ein Buch wahnsinnig traurig ist, derart traurig, dass ihr gar nicht wisst, wohin damit, dass ihr regelrecht überladen seid mit Traurigkeit? Mir passiert das selten, denn traurige Bücher sind mir die liebsten, aber es passiert. Das muss nichts Schlechtes sein, manchmal brauche ich dann Pausen von einem Roman, der angefüllt ist mit dieser Schwere, mit diesem Gefühl des Verlusts. Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann ist so ein Buch, und ich hätte mehrere Pausen gebraucht, aber ich hab es im Zug gelesen, ich hatte sonst nichts, in einem Rutsch, und danach war ich am Ende meiner Kräfte, als hätte ich etwas Anstrengendes getan. Es geht in diesem Roman um einen Mann, der auf einer Bohrinsel arbeitet, weit draußen auf dem Meer, abgeschieden von der Welt, von den Menschen, einen Mann, der seinen Freund verliert. Und man weiß nicht, ob das ein Freund war oder mehr, ob die sich geliebt haben, die beiden Männer, man weiß nur, dass der Verlust groß ist und dass er schmerzt. Weiterarbeiten kann und will er nicht, stattdessen macht er sich auf den Weg nach Ungarn, zum Zuhause seines Freundes, nur was er dort sucht, kann er nicht sagen, und finden kann er es auch nicht. Anja Kampmann beherrscht das Instrument Sprache, sie spielt darauf eine langgezogene, tief vibrierende Melodie, ein Lied, das schwermütig ist und ja, genau, sehr traurig.

Als er sich schließlich aufsetzte, die knöchernen Schienbeine und der Rest der Nacht auf seiner Haut, musste er an einen Eisrand denken, der sich bis zu seinem Rippenbogen ausgebreitet hatte und ihn überdeckte. Eine Art Eis, das neu war, das aus ihm selbst kommen musste.

Ein poetisches Buch ist das, in dem viele Worte in die Umgebung fließen, in dem viel mit Licht geschieht und mit Dunkelheit, sehr versiert geschrieben und zu Recht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Wie hoch die Wasser steigen von Anja Kampmann ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-25815-0, 352 Seiten, 23 Euro).

Gut und sättigend: 3 Sterne

John Williams ist eine Wiederentdeckung. Sein Roman Stoner wurde erst posthum zum Welterfolg – Williams ist 1994 gestorben – und gehört heute zu den modernen Klassikern Amerikas. Es hat mich überrascht, dieses Buch über einen Farmerjungen, der an die Universität geschickt wird, um etwas über Landwirtschaft zu lernen, sich jedoch dann für die Literatur interessiert. Zu Arthur, dem Protagonisten in Nichts als die Nacht fand ich keinen so direkten Zugang, er ist ein irgendwie steifer Typ, gefangen in den eigenen Zwängen, vor allem im Konflikt mit dem übermächtigen Vater. Nun muss man wissen, dass John Williams Mitglied des Army Air Corps war und im Alter von 22 Jahren nach einem Flugzeugabsturz schwer verletzt im burmesischen Dschungel festsaß. Er hat dort wohl dem Tod ins Auge geblickt, und er hat dort dieses schmale Buch, sein erstes Buch, geschrieben über einen, der sich treiben lässt im Leben, der Konflikten ausweicht und sich doch eigentlich so viel wünscht. Das gibt der kurzen Erzählung eine intensive Kraft, und dennoch: Ich mochte Stoner lieber, viel lieber, wenn ihr also etwas von John Williams wiederentdecken möchtet, dann greift zu seinem Roman, der einem die Augen öffnet für das Gute im Alltag – und zwar auf völlig unesoterische Weise.

Als er sie ansah, wurde ihm wieder bewusst, wie offenkundig und grundlegend die Menschen voneinander getrennt sind. Hier saßen zwei Personen so nahe beisammen, dass ihre Körper sich berührten, und jeder war sich der Gegenwart des anderen bewusst, jeder war auf eigene Weise beflissen um den anderen bemüht, versuchten sie doch beide je für sich, die Schale des anderen zu einer inneren Wirklichkeit zu durchbrechen, versuchten zugleich dafür zu sorgen, dass der andere so leicht wie nur möglich in die jeweils eigene Schale vordringen konnte, und doch scheiterten sie elendiglich bei jedem Versuch.

Nichts als die Nacht von John Williams ist erschienen bei dtv (ISBN 978-3-423-28129-4, 156 Seiten, 18 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Ich weiß nicht so genau, was mit Heinrich Steinfest los ist, und ich frage mich das schon länger. Seine Bücher sind derart merkwürdig, man kann sie keiner Kategorie zuordnen. Früher hab ich  alte Krimis von ihm gelesen, dann Das grüne Rollo, und das war schon recht gewöhnungsbedürftig, aber mit Die Büglerin schießt er endgültig den Vogel ab. Während der Lektüre hab ich ungefähr alle Emotionen durchlebt, die man so haben kann bei einem Buch: Ich war begeistert, angerührt, ich hab mich geärgert, ich war genervt. Alles nacheinander, alles gleichzeitig. Da gibt es Sätze, die mochte ich sehr, da gibt es Sprachbilder, die bewundere ich. Fein erzählt, mit einer sehr eigenen Sprachmelodie, wirklich wunderbar. Der Inhalt allerdings gibt Rätsel auf: Tonia Schreiber verschenkt ihr gesamtes Vermögen und wird Büglerin, weil sie sich selbst bestrafen möchte für die Rolle, die sie beim Tod ihrer Nichte gespielt hat. Dieser Tod ist hochgradig seltsam, Tonia selbst ist es auch, die gesamte Story ebenfalls, eigentlich passt nichts zusammen, alles ist einfach nur abstrus und unglaubwürdig. Einerseits reizt mich das Kuriose, weil es anders ist und originell – und weil mich doch der übliche Einheitsbrei ohnehin so schrecklich fadisiert –, andererseits denke ich zu oft: Also, Heinrich, im Ernst jetzt? Was erzählst du mir da für einen Blödsinn? Und es scheint kaum möglich zu sein, doch es gelingt ihm, das bis zum Ende noch zu steigern, der Schluss ist der Gipfel des Absurden. Ein Buch, über das man euphemistisch sagen könnte: Es ist … interessant.

Die Büglerin von Heinrich Steinfest ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3-492-05663-2, 288 Seiten, 20 Euro).

Netter Versuch: 2 Sterne

Nadia und Saeed müssen fliehen aus dem Land, in dem sie zuhause sind, weil es auf einen Bürgerkrieg zusteuert, weil es nicht mehr sicher ist. Sie sind verliebt, vielleicht, oder zumindest empfinden sie Zuneigung füreinander, so genau weiß man das nicht beziehungsweise kann man sich da schon mal irren, wenn man sich ständig in Gefahr befindet und einem das Adrenalin durchs Blut schießt. So weit, so gut, die beiden machen sich also auf den Weg in eine andere Welt, in der es ihnen hoffentlich besser geht, und: Ein Buch über Flucht zu schreiben in einer Zeit wie dieser, sollte das nicht eigentlich eine sichere Bank sein? Also hab ich gedacht, Mohsin Hamid, der kann das bestimmt, wenn der sich schon so ein Thema vornimmt, dann hat er dazu auch was zu sagen, dann lässt er all die Emotionen hochkochen, die mit Migration und Heimatlosigkeit verbunden sind. Dann zeigt er, wie es wirklich ist. Stattdessen hat der liebe Mohsin mich schwer enttäuscht, weil er es eben nicht sagt und eben nicht zeigt: Nadia und Saeed fliehen durch eine Tür. Einfach so, sie gehen durch Türen und kommen woanders heraus, das ist alles, daraus besteht ihre Flucht, und ich finde das, Entschuldigung, ein bisschen schwammig, ein bisschen feig, denn wenn man schon die Chance hat, gehört zu werden, sollte man das nicht verharmlosen, nicht so tun, als sei es leicht, ein Durchschlüpfen bloß, haha, eine Tür, nichts sonst, unglaublich eigentlich, dass Menschen dabei sterben. Was ist das, Mohsin, ein Märchen, eine Verarschung, ein Witz? Lest dieses Buch nicht, lest lieber ein gutes, eines, das die Sorgen und Nöte, die Angst und den Kummer von Menschen auf der Flucht ernst nimmt.

Exit West von Mohsin Hamid ist erschienen bei Dumont (ISBN 9783832198688, 224 Seiten, 22,70 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ich glaube, Kirsten Fuchs ist ein bisschen verrückt. Und ich glaube, das ist ganz gut so. Ich mag sie schon lange, habe einiges von ihr gelesen und folge ihr auf Twitter, wo sie so unbedarft-lustig aus dem Chaos erzählt, das unser aller Leben ist. Auf ihr neues Buch hab ich mich sehr gefreut, und es hat mich in einer Zeit erreicht, in der ich das dringend nötig hatte: ein bisschen Schmunzeln, ein bisschen Unernsthaftigkeit, ein bisschen was Verrücktes. Ich weiß nicht, wie die Frau das macht, so großartige Vergleiche und Sprachbilder zu schaffen, die irgendwie verquer sind und dabei sehr originell, die im Kopf bleiben und in den Mundwinkeln, die es automatisch nach oben zieht.

Aus dem Schweißgeruch könnte man einen Möbelpacker kneten, aus dem Biergeruch einen zweiten.

Wir sind mit voller Absicht nichts geworden, und das hat ja auch geklappt.

Sagen wir mal, das ganze Jahr fühlte sich an, als wäre ich wie Obelix als Kind in einen Topf mit Zaubertrank gefallen, nur dass mein Zaubertrank nicht stark machte, sondern ab dem fünfunddreißigsten Jahr unglücklich.

Solche Sätze schreibt Kirsten Fuchs, und ich finde die so gut, dass ich sie umarmen möchte. Mit dem ganzen Buch möchte ich ins Bett gehen, ich glaube, es würde Spaß machen, wir würden uns was zu sagen haben, aber auch lachen können miteinander. Doch wenn ihr jetzt denkt, Kirsten Fuchs sei eine Ulknudel und Signalstörung eine Sammlung klamaukiger Erzählungen, dann habe ich euch in die Irre geführt, denn das ist nicht der Fall. Die Kurzgeschichten haben durchaus Tiefgang, sie erzählen von Alkoholismus und Arbeitslosigkeit, von erster Verliebtheit und Missverständnissen.

Sätze wie

Nermin hatte jedes Mal einen Stacheldraht im Bauch, wenn sie an diese Lager denkt, denn ihre Eltern kamen auch damals in ein Lager, als sie ankamen, und irgendwie sind sie dann nie ganz angekommen.

stehen da nämlich auch drin, und jetzt werdet ihr mir hoffentlich zustimmen, dass Kirsten Fuchs einfach großartig ist – und dieses Buch auch.

Signalstörung von Kirsten Fuchs ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3737100441, 224 Seiten, 18 Euro).