Bücherwurmloch

„When can I say your name and have it mean only your name and not what you left behind?“

Als Ocean Vuong diesen Roman schrieb, diesen Brief an seine Mutter, wurde er damit schlagartig über Nacht berühmt. Das liegt mit Sicherheit an der zarten Tragik, die dieses Stück autobiografisches Schweigen durchzieht, denn Ocean Vuongs Mutter kann nicht lesen.

„I only have the nerve to tell you what comes after because the chance this letter finds you is slim – the very impossibility of your reading this is all that makes my telling it possible.“

Es liegt aber auch an seiner poetischen, eingängigen Sprache. An seiner Art, zu teilen, was er gesehen und erlebt hat: die Liebe zur Mutter, die sich abgeschuftet hat in einem Maniküreladen, die streng zu ihm war und ihn oft geschlagen hat, die Fremdheit in Amerika, die Beziehung zur Großmutter, die ihn beschützt, aber auch beschimpft hat, die erste Verliebtheit, der erste Sex. Der Autor, der in Vietnam geboren ist, geht mit Worten um, wie es manchmal nur Menschen können, für die diese Worte nicht ihre Muttersprache sind: sanft und vorsichtig, liebevoll, sie bedeuten ihm alles. Er berichtet nicht chronologisch, springt hin und her, wechselt auch in die dritte Person, immer dann, wenn er sich emotional distanzieren muss von seinem Schmerz.

„In these moments, next to you, I envy words for doing what we can never do – how they can tell all of themselves simply by standing still, simply by being. Imagine I could lie down beside you and my whole body, every cell, radiates a clear, singular meaning.“

Ich habe dieses Buch nun endlich gelesen, und ich habe lange dafür gebraucht. Weil man es nicht inhalieren kann, weil man ihm Respekt schuldet, weil es einem etwas abverlangt. Manche Bücher geben nicht nur, sie nehmen auch: Dieses gehört dazu. Ich fand es eindrucksvoll und melancholisch, mutig und traurig, weil es den Finger in so viele Wunden legt. Weil Ocean Vuong es geschafft hat, seine Mutter im Kern zu erkennen und zu verstehen – und sich gleichzeitig von ihr zu lösen. Es ist gleichermaßen ein Liebesbrief sowie eine Anklage.

„I remember it. I remember it all because how can you forget anything about the day you first found yourself beautiful?“

 

 

Bücherwurmloch

Die Schönheit des entzauberten Alltags

„Auf jeden Mann, der Selbstmord begeht, kommt wahrscheinlich ein Dutzend Frauen, die sich einreden, sie allein hätten ihn retten können, hätten sie nur nicht versagt.“

Mary Miller erzählt aus der Sicht von Frauen, und die sind einigermaßen orientierungslos. Sie haben guten Sex und schlechten Sex, wollen den Männern gefallen und lassen sich scheiden, sie studieren wahllos irgendwelche Fächer, haben wenig Freunde und wenig Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen ein seltsames Grundgefühl der Enttäuschung, eine allumfassende Antriebslosigkeit. Sie fahren herum, sie schlafen, sie essen, sie machen keine allzu spannenden großen Dinge im Leben, sie vertreiben sich einfach die Zeit.

Bei Kurzgeschichten tritt immer ein eigenartiges Phänomen auf: Ich lese sie und vergesse quasi sofort, was in ihnen geschehen ist. Ich könnte, überspitzt gesagt, von der Story hochblicken und sie schon nicht mehr nacherzählen. Was aber bleibt, ist ein Gefühl. In diesem Fall ein schwer definierbares Gefühl von Langeweile und Verdruss, aber auch von Verbundenheit und Verständnis. Viele Gedankengänge konnte ich absolut nachvollziehen, viele Emotionen auch. Generell fand ich die Figuren weird, allerdings nicht weird genug. Ich hätte mir gewünscht, sie wären verrückter, eigensinniger, spannender – auch wenn mir klar ist, dass genau das der Punkt ist: aus dem Alltag herausgegriffen zu erzählen, das Banale aufzublättern und zu durchleuchten.

Schönster Satz:

„Ich hab ihn nach Hause geschickt, weil mir schon da klar war, dass ich ihn liebe und dass es die Art von Liebe ist, bei der man solche Angst hat, der andere könnte gehen, dass man ihm gar keine andere Wahl lässt.“

Always happy hour von Mary Miller ist erschienen bei Hanser Berlin.

Bücherwurmloch

„Der Geist war ich“

„Unsere Augen sind kurzsichtig vor Nostalgie geworden, sie starren auf den Computerbildschirm. Online zu sein bedeutet, in der Vergangenheit zu leben.“

Das sagt Bob. Er ist der Anführer einer kleinen Gruppe Überlebender, von denen niemand so genau weiß, warum sie sich nicht angesteckt haben mit dem Virus, dem Fieber, das sich von China ausgehend weltweit ausgebreitet hat. Wer sich infiziert, verfällt in Trance und erledigt dieselbe Tätigkeit – zum Beispiel Hosen falten oder einen Tisch decken – wieder und wieder und wieder, so lange, bis er verhungert und verdurstet und stirbt. Es sind grausige Tode, die Candace Chen mitangesehen hat – und wenn sie in einem der Häuser, die sie plündern, jemanden finden, der noch am Leben ist, geben sie ihm den Gnadenschuss. Wie es weitergehen soll, weiß Candace nicht, und auch nicht, ob sie überleben wird.

„Wenn du als Individuum von einem Konzern oder einer Institution angestellt wirst, dann sieht es schlecht für dich aus. Die Großen gewinnen immer. Sie können dich nicht sehen, aber sie können dich zermalmen.“

Das hat Jonathan gesagt. Jonathan war Cancace Chens Freund, in einem anderen Leben. Als sie in New York gewohnt hat und bei Spectra gearbeitet hat, als sie damit betraut war, den Druck von Bibeln irgendwo in Asien zu organisieren, möglichst billig. Als dort immer mehr Druckereien schließen mussten, waren die Kunden erbost, es ging ihnen um den Verdienst, um die Wirtschaft, nicht um die Menschenleben. Und wenn euch das bekannt vorkommt, fragt ihr euch vielleicht, wie ich, wie es Ling Ma gelingen konnte, im Jahr 2018 einen derart prophetischen Roman zu schreiben. Man liest, mit der Pandemie im Rücken, dieses Buch mit schreckensgeweiteten Augen. Schon zum Erscheinungstermin hat „Severance“ für Aufsehen gesorgt, und das zu Recht: Es ist großartig geschrieben, spannend und klug, wie ein Splatter-Movie, wie ein dystopischer Actionfilm, aber auch leise, zart, melancholisch und voller Einsamkeit, an anderen Stellen anklagend und gesellschaftskritisch, den Kapitalismus anprangernd. Eine hervorragende, beeindruckende und nachhallende Fiktion, die auf geradezu schockierende Weise wahr geworden ist.

„Das Gedränge am Times Square bedrängte mich. Die Stadt war so groß. Sie machten einem weis, es gäbe so viele Möglichkeiten, aber die meisten Möglichkeiten hatten damit zu tun, etwas zu kaufen.“

New York Ghost von Ling Ma ist erschienen bei culturbooks.

 

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„Warum sehen die Frauen hier nicht satt und zufrieden aus, sondern wie Opfer einer großen Müdigkeit?“

„Man kann ihm keinen Vorwurf machen, ihm nicht und den meisten Männern nicht, sie sehen die Angelegenheit mit den Wohnungen und Küchen und Kindern nur aus der Zuschauerperspektive, sie schaffen den Sprung auf die Bühne nicht, sie applaudieren gerne und sie zahlen den Eintritt, aber wenn die Bühne leer bleibt, sehen sie sich um und werden nervös, bis eine Mutter oder Schwiegermutter den Mama-Part übernimmt, man muss als Mutter schon sterben oder langfristig verschwinden, damit so ein Mann wahrhaftig an die Stelle einer Mutter tritt, mit hängenden Schultern und viel Empathie aus dem Publikum.“

Wenn jemand treffend über Mutterschaft und Frausein, über Emanzipation und die fehlende Gleichberechtigung schreiben kann, dann Gertraud Klemm. Sie ist die – zu Recht vielfach ausgezeichnete – Godmother of Austrian feminist literature, die Grande Dame der weiblichen Wutrede. Ich liebe alle ihre Bücher und habe das Gefühl: Sie ist eine der Wegbereiterinnen für Autorinnen wie mich. Alles, was ich mache, macht sie schon lange – und sie macht es sehr gut.

In Aberland erzählt Gertraud Klemm von Elisabeth und Franziska, Mutter und Tochter. Die eine ist fast sechzig, die andere Mitte dreißig, Elisabeths Kinder sind längst aus dem Haus, sie hält sich fit und achtet auf ihre Figur, weil es sehr wichtig ist, was andere denken, Franziskas Kind ist noch klein und sie will eigentlich kein zweites. Es geht in diesem Roman, herrlich bös und entlarvend und österreichisch, wie alles aus Gertrauds Feder, um das Gefühl, sich zufrieden gegeben zu haben und nicht mehr auszukönnen, obwohl man gar nicht da sein will, wo man ist. Es geht um Affären und Rollenbilder, um den leidigen Alltag als Mutter, die Reibereien zwischen Eltern. Mehr als einmal hab ich genickt und geschmunzelt, hab mich abgeholt gefühlt und bestätigt. Schlimm ist nur, dass Gertraud Klemms Werk eines deutlich macht: dass sich nichts verändert. Die Missstände, gegen die sie anschreibt, bessern sich nicht. Aber aufgeben ist auch keine Option. Deswegen hüpf ich zu ihr ins Boot und rudere mit. Gegen die Misogynie und die Ungerechtigkeit, gegen die Unterdrückung der Frauen und gegen den Hass.

Aberland von Gertraud Klemm ist erschienen bei Droschl.

Bücherwurmloch

„Dieser Text ist der Versuch, mich eine Nacht lang zusammenzureißen“
Dieses Buch spricht mit dir. Und zwar nicht sehr freundlich. Wenn du ein weißer Mensch bist, bist du automatisch ein rassistischer Mensch. Und da setzt Shida Bazyar, die sich mit ihrem Debütroman Nachts ist es leise in Teheran einen Namen gemacht hat, an. Sie packt dich an deiner Nase und drückt sie in alle deine Vorurteile, bis du nicht mehr schnaufen kannst.

„Ich habe eine Schreibpause eingelegt, für wenige Minuten. Ihr habt das nicht gemerkt, denn ohne mich und meine wohlwollende Informationsvergabe seid ihr nun mal aufgeschmissen, ohne mich checkt ihr hier gar nichts. Ihr braucht mich, aber ich kann euch auch verarschen, ohne dass ihr irgendwas davon merkt.“

Hani, Kasih und Saya sind Freundinnen seit ihrer Jugend, treffen sich nach Jahren wieder. Sie werden trinken und auf Bänken sitzen, sie werden über Nazis sprechen und sich im Jobcenter demütigen lassen, es wird eine Hochzeit geben und einen Brand. Shida Bazyar erzählt das nicht verblümt und poetisch, sondern schonungslos und direkt. Kein Erbarmen hat sie dabei mit dir: wie du alles besser weißt und die drei Freundinnen sofort abwertest. Wegen ihrer Namen. Wegen ihrer Eltern. Weil sie das Wort „Knast“ benutzen. Da denkst du, eh klar, sitzt wahrscheinlich die halbe Familie drin. Interessant finde ich, dass sie nicht nur anklagend und vorwurfsvoll schreibt, sondern auch ihre drei Protagonistinnen – von denen Kasih die Ich-Erzählerin ist – nicht am selben Strang ziehen lässt. Sie sind einander ähnlich, aber unterschiedlich sind sie auch.

„Wir sind drei Freundinnen, die sich zu lange kennen, um sich nicht zu verstehen, obwohl sie sich eigentlich nicht richtig verstehen.“

Dadurch zeigt sie: Es gibt keine Migrant:innenmasse, es gibt nicht DIE Ausländer. Jede:r ist individuell und hat eine eigene Geschichte, die es anzuhören gilt. Dieses Buch ist alles andere als subtil, das macht es streckenweise wahnsinnig anstrengend, als würde man sich stundenlang mit jemandem unterhalten, von dem man nur beschimpft wird. Andererseits sind diese Beschimpfungen ja berechtigt – und nicht einmal ansatzweise so schlimm wie das, was die von Rassismus betroffenen Menschen erdulden müssen.

„Was man zusammenfassen kann, ist, dass Saya mit Hani und mir nicht zufrieden war, weil ich zu weinerlich, Hani dagegen nicht weinerlich genug war. Dabei hatte Saya, als sie hierher geflogen war, eigentlich gedacht, sie besucht jetzt die beiden Ninja Turtles, mit denen sie die Welt retten kann.“

Drei Kameradinnen von Shida Bazyar ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

 

 

 

Bücherwurmloch

„Wer die Dinge versteht, der ist für immer dumm“

„Warum Beverly nun wollte, was sie wollte, die Quadriga stehlen und nie wieder rausrücken, ist schwer zu erklären. Genauso schwer, warum manche auf Marzipanhörnchen stehen, andere auf Fesselspiele und wieder andere auf konservative Volksparteien. Kann man nur spekulieren. Hat womöglich was mit schlechter Erziehung zu tun oder mit Zufällen, und in Beverlys Fall vielleicht auch mit Größenwahn und verweigerter Anerkennung und Rache und Blutwurst.“

Ich steh ja drauf, wenn Autor:innen ein bisschen spinnen. Wenn sie irgendwie einen Knall haben, zumindest einen fiktiven: der sich so äußert, dass sie schräg-skurrile Bücher schreiben. Michel Decar hat das getan, denn sein Roman „Die Kobra von Kreuzberg“ ist tatsächlich reichlich verrückt und dabei – für einen Deutschen – auch einigermaßen witzig. Er hat sich eine Protagonistin ausgedacht, die in Sachen Diebstahl ständig von ihren Brüdern übertrumpft wird und deshalb einen großen Coup landen muss. Die der Urknalltheorie nicht traut und den Menschen auch nicht.

„Es soll ja Leute geben, die werden als echte Sonnenscheinchen bezeichnet, als liebe Optimisten, Förderer der Wassermalfarbe, als Bürger erster Klasse, reiselustig, sozial, menschenfreundlich. Beverly nicht.“

So klingt das, wenn Michel Decar von seiner Meisterdiebin erzählt, die die Quadriga vom Brandenburger Tor stehlen will, das ganze Ding, Pferde und Wagen und alles, und da sind schon ein paar Schmunzler dabei. Schöne Metaphern, originelle Sprachbilder, ein heiterer, lockerer Ton – und die perfekte Ablenkung. Ein Buch, mit dem man sich rausziehen kann aus dem Alltag, das verblüfft und grinsen lässt. Erstaunlich schwach fand ich die Dialoge, da wäre in Sachen Sprachwitz und Pingpong noch Luft nach oben gewesen, sie wirken ein wenig bemüht und gekünstelt. Ansonsten aber ist dieser herrlich absurde Roman ein außerordentlich netter Zeitvertreib, ein lauwarm-süßes Lesevergnügen für alle, die nicht immer alles so ernstnehmen (wollen).

„Es ist total 80er, den Vatikan auszuräumen! Das macht wirklich niemand mehr!“

Die Kobra von Kreuzberg von Michel Decar ist erschienen bei Ullstein.

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„So etwas wissen Schwester, denke ich, wie sie einander verletzen können“
Und das tun sie, Ida und Marthe: einander verletzen. Die Situation ist aber auch tatsächlich mehr als heikel, denn während Ida mit knapp vierzig beschlossen hat, sich nun doch endlich Eizellen entnehmen und sie einfrieren zu lassen, erzählt Marthe beim gemeinsamen Ausflug mit Mann und Stieftochter ins Sommerhaus, dass sie schwanger ist. Was vielleicht noch gar nicht so dramatisch wäre, würde Ida nicht von der Klinik erfahren, dass es für ihre Eizellen zu spät ist – sie wird niemals Kinder bekommen können. Nach außen hin sieht es also sehr nett aus, wie die Familie gemeinsam kocht, den sechzigsten Geburtstag der Mutter feiert, mit dem Boot zum Angeln rausfährt, doch hinter der Fassade brodelt es: Zu der alten Eifersucht und Rivalität zwischen den Schwestern kommt dieser Graben, den die Frage nach Mutterschaft jetzt zwischen sie schlägt. Und Ida bemüht sich wirklich sehr, ihn stets noch weiter zu vertiefen.

Erwachsene Menschen von Marie Aubert ist ein herrlich böses, sehr schlaues Buch, das ich innerhalb weniger Stunden inhaliert habe. Die norwegische Autorin hat eine überaus interessante Ausgangssituation entworfen und schmeißt ihre Ich-Erzählerin mitten hinein in diesen kalten See aus Gefühlen. Sie hat zu lange gewartet, ihre Eierstöcke sind quasi vertrocknet, das vermeintliche Glück der Schwester sieht aber auch gar nicht so begehrenswert aus, im Grunde muss man sagen: Mit Ruhm bekleckert sich keine der Männerfiguren im Buch. Die Frauen sind auf sich gestellt und einander trotzdem die schärfsten Konkurrentinnen – ein Klima der Unschwesterlichkeit, das uns das Patriarchat so tief eingeprägt hat, dass wir ihm nicht entkommen können. Je fieser der Ton von Ida wird, umso mehr entlarvt sie sich selbst, und es ist Marie Aubert hervorragend gelungen, ein absolut lesenswertes Buch über eine Erzählerin zu schreiben, die zutiefst unsympathisch ist. Ich habe oft geschmunzelt und mich über ihren Mut gefreut, diese Geschichte so zu erzählen, wie sie erzählt werden musste: schonungslos, ehrlich, raffiniert, boshaft, aggressiv. Denn letztlich lehnt Ida sich nicht gegen ihre Schwester oder gegen ihren Uterus auf, sondern gegen die Gesellschaft, die Frauen so behandelt, wie sie es tut. Well done, große Empfehlung!

Erwachsene Menschen von Marie Aubert ist erschienen bei Rowohlt Hundert Augen.

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„Die Strukturen unserer Gesellschaft, die weder gemacht sind für Menschen mit Kindern noch für Kinder selbst“
Unlängst hat Mareice Kaiser auf Twitter den Screenshot einer Absage gepostet, die von einem der Verlage kam, an die sie dieses Manuskript geschickt hat: bei der Zielgruppe vermutete man zu wenig Zeit zum Lesen. Ha! Das ist nicht nur eine unglaubliche Anmaßung und eine Verkennung der Tatsachen, dass lesende Frauen den Großteil der Buchkäufe tätigen, es ist auch herrlich ironisch: Die Zielgruppe eines Buchs, das die prekäre Situation der Mütter anprangert, sind nicht die Mütter – sondern wir alle als Gesellschaft.

„Bei Müttern kommen mehrere Diskriminierungsformen zusammen: die Benachteiligung aufgrund des Geschlechts und die generelle Benachteiligung von Menschen, die mit Kindern leben und für sie sorgen.“

Mareice Kaiser, die als Autorin und Journalistin bekannt geworden ist für ihre Beiträge zu Inklusion, Gleichberechtigung, Feminismus und Bildung, schreibt in diesem sehr persönlich gehaltenen Sachbuch klar und augenöffnend über Gender Pay Gap und strukturelle Diskriminierung, über Körperlichkeit, Schönheitsideale, Überforderung und Geld. Sie beschäftigt sich mit allen Themen, die für Eltern und Familien wichtig sind – und bei denen ebendiese Eltern und Familien so rigoros übergangen werden. Wo bleiben die politischen Lösungen für Mütter, wo bleibt die Hilfe, die Aufmerksamkeit? Das ist Infotainment at its best: Mareice Kaiser beherrscht die große Kunst der Essays, die im Beispielhaften das Überpersönliche finden, sodass ihre Erzählungen, die stets eingebettet sind in ausführliche Recherche und belegbare Zahlen, gesellschaftliche Relevanz bekommen. Was sie da schreibt, das geht uns alle an.

„In einer Zeit, in der Mütter froh sind, wenn sie zwischen Lohn- und Care-Arbeit überhaupt noch Zeit finden, die grundlegenden Beziehungen zu Freund*innen und zu sich selbst zu pflegen, ist der Gedanke an kulturelle Teilhabe und Mitgestaltung weit entfernt – geschweige denn sind die Ressourcen vorhanden, sich öffentlichkeitswirksam über die gesellschaftlichen Bedingungen aufzuregen.“

Es ist also mehr als lächerlich, zu denken, Frauen und Mütter hätten keine Zeit zum Lesen (zumal in Wahrheit vielmehr der Inhalt ausschlaggebend ist, denn die Verlagswelt möchte ja sehr gerne, dass sie all die kleinen netten Unterhaltungsromane kaufen), es ist jedoch wahr, dass Frauen und Mütter keine Zeit haben, sich aufzulehnen gegen die Last, die auf ihnen abgeladen wird. Und trotzdem machen Bücher wie dieses mehr als deutlich: Sie werden es tun, es ist nur noch eine Frage der Zeit. Frauen werden sich weigern, das Spiel länger mitzuspielen – oder sie werden schlicht keine Kinder mehr bekommen. Wer sich also informieren möchte über Mutterschaft und Krisen jeglicher Art, sollte zu diesem Buch greifen – und dann gemeinsam mit uns allen laut werden.

Das Unwohlsein der modernen Mutter von Mareice Kaiser ist erschienen bei Rowohlt.

Bücherwurmloch

„Ein Jahr, seitdem ich dich gesehen habe, ein Jahr, das sich angefühlt hat wie die Vorhölle“
Im Polen des Jahres 1980 ist Ludwik als Erntehelfer im Einsatz und trifft auf Janusz. Er fühlt sich zu ihm hingezogen, ist erschrocken von den eigenen Gefühlen: Eine Liebe zwischen Männern ist in dem kommunistischen Land ein Ding der Unmöglichkeit – und gefährlich.

„Als Schwuchtel wirst du immer einsam sein. Und du wirst lernen, es auszuhalten.“

Doch als die beiden nach dem Ernteeinsatz Zeit zu zweit an einem See verbringen, kommen sie sich sehr nahe: Sie verlieben sich. Zurück in der Stadt, treffen sie sich heimlich. Und merken, wie sehr ihre Einstellung sich unterscheidet: Während Janusz nach Wegen sucht, die Mangelwirtschaft des Systems kreativ zu umgehen und sich mit der Situation zu arrangieren, begehrt Ludwik auf – und will weg.

„Du kannst Leute nicht dazu zwingen, dich so zu lieben, wie du es gerne hättest.“

Gefühlvoll und genau zeichnet Tomasz Jedrowski, der als Kind polnischer Eltern in Westdeutschland aufgewachsen ist, in Cambridge studiert hat und heute bei Paris lebt, eine Geschichte von Begehren und Verbot, von Widerstand und Flucht. Schon gleich zu Beginn schiebt er seinem Protagonisten Ludwik den Baldwin-Roman Giovannis Zimmer in die Tasche, der vielmehr ein Erkennungszeichen ist denn ein Buch, und damit ist die Sache klar: Hier geht es um die Liebe zwischen zwei Männern. Die gesellschaftlichen Umstände von Polen in den 1980er-Jahren legen den beiden so viele Steine in den Weg, dass sie nicht zueinanderfinden können. Das macht der Autor schon zu Beginn klar, denn er bettet die Nacherzählung in die Jetzt-Zeit ein, in der Ludwik sich in New York befindet. Es geht um Zensur und Emanzipation in diesem Roman, um Protest versus Anpassung, um das Unterdrücktwerden, das Beschnittenwerden der eigenen Rechte. Ein wenig schade fand ich, dass das Buch alle Punkte abhakt wie auf einer Checkliste, fast als wäre es am Reißbrett entworfen worden – Überraschung erwartet euch hier keine. Dafür viel Gefühl und ein Abriss einer Zeit, die vielleicht vierzig Jahre her sein mag, von der wir uns aber leider noch nicht allzu weit entfernt haben. Es bleibt zu wünschen, dass Romane wie dieser dazu beitragen, dass queere Menschen endlich unbehelligt leben können.

„Es war, als hätte uns jemand gepackt und auf das Podest der Welt gehoben.“

Im Wasser sind wir schwerelos von Tomasz Jedrowski ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

 

Bücherwurmloch

„Das Aufwachen war der schwierigste Teil des Tages, weil mir dann wieder einfiel, dass er tot war“
Nora, aufgewachsen in der heißen Mojave-Wüste, ist die Tochter von marokkanischen Einwanderern, die in den USA ein besseres Leben suchten. Sie hält sich als Komponistin mehr schlecht als recht über Wasser, und dann erreicht sie eine schockierende Nachricht: Ihr Vater wurde niedergefahren und sterbend zurückgelassen. Zuhause warten Noras Mutter sowie ihre Schwester, außerdem begegnet sie ihrem alten Schulfreund Jeremy. Ihre Trauer kämpft mit einem anderen Gefühl: Wut. Wer hat den alten Mann vor seinem Diner getötet – und warum? War es wirklich ein Unfall oder steckt etwas anderes dahinter?

Aus sehr vielen unterschiedlichen Perspektiven erzählt Laila Lalami, die in Rabat geboren ist und heute in Los Angeles lebt, wo sie Kreatives Schreiben unterrichtet, von einem Todesfall, seinen Folgen und dem Motiv dafür. Die Kapitel sind kurz, jede*r wird zum Ich-Erzähler: Nora, ihre Mutter, Jeremy, der tote Vater selbst, der Nachbar, der Nachbarssohn. Das ist gut gemacht und sehr vielseitig, mir persönlich waren die 400 Seiten mal wieder einen Tick zu lang. Manche Aspekte wie die außereheliche Affäre waren mir zu klischeehaft, da hätte ich mir ein wenig mehr Raffinesse gewünscht. Exzellent herausgearbeitet hat die Autorin, wie die Familie sich an dieser Fahrerflucht abarbeitet, an der Tatsache, dass der Vater aus Marokko geflohen ist – nur um so viele Jahre später in Amerika zu sterben. Dass ihm niemand hilft, dass er alleingelassen wird. Es geht um Geschwisterrivalität und Entwurzelung in diesem Roman, um den Irak-Krieg und prosttraumatische Belastungsstörungen, um das heutige Amerika und dadurch auch um Rassismus:

„Ich hatte in dieser Stadt früh gelernt, dass die Brutalität eines Mannes mit Namen Mohammed nur selten in Zweifel gezogen wurde, seine Menschlichkeit dagegen immer erst bewiesen werden musste.“

Ein wenig überladen, aber sehr gut lesbar – und auf jeden Fall ein eindrückliches, wichtiges Buch.

Die Anderen von Laila Lalami ist erschienen bei Kein & Aber.