Bücherwurmloch

„Die Welt ändert sich zu schnell. Man lässt etwas, das immer da war, aus den Augen, und schon ist es nur noch eine Erinnerung“

Peter Leigh ist Missionar, und der Ort, an den er reist, um die Leute zu bekehren, ist nicht etwa, wie traditionell üblich, ein afrikanisches Land, nein, die gesamte Welt ist ja bereits missioniert. Also muss Peter eine weitere, gefährlichere Reise antreten, er wird zum Astronaut. Er lässt seine Frau Bea zurück, um mit einem Raumschiff zu einem fremden Planeten zu fliegen, sie darf aus abstrusen Gründen nicht mitkommen, obwohl sie es war, die den obdachlosen und drogensüchtigen Peter errettet und zum Glauben gebracht hat, aber hej, sie ist ja nur eine Frau. In der Raumstation angekommen, lernt Peter erst die Astronauten kennen und wird dann – nach einer Weile der Akklimatisierung – zu den Oasiern gebracht, den Bewohnern dieses Planeten. Sie haben eine merkwürdige Liebe zur Bibel, die sie „Das Buch der seltsamen Dinge nennen“, sie haben eine eigenartige Gestalt und scheinen ständig menschliche Medizin zu brauchen. Ihre Sprache „hörte sich an, als würde ein Feld aus trockenem Schilf und nassen Salatköpfen mit der Machete gemäht“, Peter macht sich nicht die Mühe, sie zu lernen. Mit seiner Frau hat Peter Kontakt über eine Art E-Mail-Programm, er kann Nachrichten senden und empfangen, und doch gelingt es ihnen immer weniger, die große Distanz zu überbrücken. Auf der Erde geschehen schreckliche Dinge, und wäre es nicht so pathetisch, würde ich sagen: Während Peter im All ist, geht die Welt unter.

Dieses Buch der seltsamen neuen Dinge ist sehr seltsam. Und vor allem ist es eins: viel zu lang. Auf fast 700 Seiten entblättert der bekannte niederländische Autor Michel Faber, der mit dem 1,5 Millionen Mal verkauften Roman Das karmesinrote Blütenblatt weltberühmt wurde, eine Geschichte, die gar nicht so viel Platz bräuchte, weil sie in ihrem Kern sehr klar ist: Einer zieht aus, um ein fremdes Volk zu missionieren, und dieses Volk befindet sich nicht auf der Erde. So weit, so gut, so weit, so möglicherweise spannend, aber: Enttäuschend finde ich die Umsetzung. Sprachlich gesehen solide und schlicht, ohne große Sprünge, ohne große Überraschungen, bietet der Roman zwar eine gute Idee, bleibt dann jedoch dem Klischee und den eh schon bekannten Vorstellungen verhaftet. Müssen denn wirklich Außerirdische aussehen wie „Außerirdische“? Ist es auch nur annähernd glaubwürdig, dass sie sich von allem, was es im Universum gibt, von allem, was unsere Fantasie übersteigt und sprengt und fordert, ausgerechnet für die Bibel interessieren? Warum sollten sie das tun, wie kleinlich, wie minimenschlich, wie egozentrisch ist eine derartige Vorstellung? Und weshalb, bitte weshalb, sollten sie derart abhängig sein von für menschliche Körper gemachte Medizin? Wie absurd ist das? Das gesamte Buch wirkt wie ein typischer Science-Fiction-Film-Verschnitt, keine einzige Idee ist neu, keine Beschreibung dieser fremden Welt, der Raumstation, der Umgebung geht über das hinaus, was wir bereits hundertmal gesehen und gelesen haben. Und dazu noch die Nachrichten zwischen Peter und Bea, die langatmig sind und überladen und kitschig, sehr religiös und vermeintlich liebevoll, dabei aber, in dieser Liebe, sehr flach. Das finde ich, zumal es sich über wie gesagt 700 Seiten dehnt, mehr als schade. Und es wundert mich, weil die Geschichte hinter diesem Roman sehr tragisch ist: Fabers Frau ist, während er ihn geschrieben hat, an Krebs erkrankt und gestorben. Um Liebe soll es gehen in diesem Buch, um Verlust. Und was hätte es da für Möglichkeiten gegeben! Zu entführen in etwas wirklich Fremdes, zum Nachdenken anzuregen über andere Weltanschauungen, den eigenen Kosmos einmal zu verlassen, endlich, und sei es nur für ein Buch. Stattdessen hält Michel Faber uns auch bei dieser Reise ins All fest auf der Erde mit all ihren Beschränkungen und ihrer offenbar nicht zu überwindenden Schwerkraft.

Das Buch der seltsamen neuen Dinge von Michel Faber ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5779-1, 688 Seiten, 25,70 Euro).

Bücherwurmloch

„Immer versteckst du dich hinter etwas“
Schon einmal waren Anna und ihr Mann in Taormina auf Sizilien: während ihrer Hochzeitsreise. Jetzt kehren sie dorthin zurück, sie haben inzwischen zwei Kinder, und nicht nur das hat sich verändert. Das Schweigen ist in ihre Ehe eingezogen, genau wie die Genervtheit, die immer einhergeht mit Monogamie. Der Ort, den Anna als zauberhaft in Erinnerung hat, erscheint ihr so viele Jahre später erstaunlich dröge und gewöhnlich. Sie ist enttäuscht. Auch Alexander, seine um einiges jüngere schwangere Frau und sein erwachsener Sohn sind gemeinsam in Taormina, und da gibt es noch mehr schwelende Geheimnisse als in Annas langweiliger Ehe. Auf sie, die Alexander an einem Cafétisch sitzen sieht, wirkt sein Leben interessanter und aufregender als ihres. Das mag auch so sein. Doch sich zu vergleichen, ist ja nie unbedingt sinnvoll.

Die Lichter unter uns von Verena Carl ist ein glänzend geschriebener Roman, der Momentaufnahmen sammelt und die Erwartungshaltung einer Handvoll Figuren analysiert. Die Handlung reicht nicht zurück in die Vergangenheit und nimmt keinen Raum in der Zukunft ein, vielmehr werden unterschiedliche Menschen porträtiert, hineingeworfen in diese Augenblicke auf Sizilien, in denen wir als Leser an ihrem fiktiven Leben teilhaben. Was also ist dieser Roman? Eine Figurenstudie, eine Skizze diverser Protagonisten, eine Überlegung, wie sie umeinander gruppiert funktionieren könnten und warum? Die Feststellung, dass man sich früher oder später in jeder Ehe fadisiert, dass das, was die anderen haben, stets verlockender erscheint, dass die klassischen Kirschen in Nachbars Garten gar so rot leuchten? Ich hätte erwartet, dass mehr hinter der Begegnung zwischen Anna und Alexander steckt, dass etwas ausgelöst wird dadurch, dass sich etwas verändert und das Buch einen Höhepunkt bekommt, ein dramatisches Element, einen Konflikt. Das ist nicht der Fall, und Auflösung folgt ebenso keine. Hat man das einmal akzeptiert, bleibt eine schöne, melancholische, sehr momentbezogene Kurzbeschreibung von Menschen, die sich gefangen fühlen in ihrem Leben, die jedoch in ihrer Passivität nicht einmal versuchen, auszubrechen. Wie sie sich mit sich selbst quälen, wie sie sich sehnen nach etwas anderem, das mehr Aufregung, mehr Erfüllung verspricht, ist auf bittere Weise wahr und entlarvend.

Die Lichter unter uns von Verena Carl ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397363-1, 320 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Du weißt, dass ich eine zu kleine Seele habe“
Im Sommer 1996 fliegt Jonas nach New York. Er soll alles vorbereiten für seine Studienkollegen, die anreisen werden, um einen Film zu drehen, soll ihnen eine Unterkunft besorgen, Locations checken, eine Idee finden. Der Film muss von Sex handeln, das ist die Forderung ihres Professors. Jonas hat eine Freundin, die Vietnamesin Mah, die zuhause in Deutschland bleibt. Sie ist ihrer eigenen Definition zufolge eine Winterfrau, und in New York trifft Jonas eine Sommerfrau: die eigensinnige Nele. Aber nicht nur die Begegnungen mit ihr sind verwirrend, denn eigentlich läuft nichts so, wie Jonas sich das vorgestellt hat. Er wohnt in einer versifften Bude in einer gefährlichen Gegend, muss durch das Mienenfeld der Gefühle seiner Freundin hüpfen, bekommt überall nur Absagen, denkt darüber nach, Ohrläppchen zu filmen, und drückt sich vor allem vor der Auseinandersetzung mit seiner Familiengeschichte: In New York lebt eine alte Dame, die ihm etwas erzählen möchte. Jonas will nichts zu tun haben mit der „Nazischeiße“ und kann letztlich doch nicht länger davor davonlaufen.

Was für ein Buch! Es ist wild und weird und böse und witzig. Chris Kraus hat mich richtig überrascht. Zwischendrin dachte ich: was für eine merkwürdige, merkwürdige Geschichte, und dennoch habe ich sie geliebt. Weil sie anders ist und originell. Weil es um Sex geht, ohne dass es awkward wird, weil so viel Sarkasmus und Menschenhass drinsteckt. Und sehr viele richtig kluge Gedanken.

Gewinnende Eigenschaften habe ich wenige, dazu sind mir Menschen entweder zu egal oder zu unheimlich. Im Allgemeinen wird mir von den üblichen geselligen Talenten höchstens Humor nachgesagt, ein viel strapaziertes Wort. Auf der Stufe der Nicht-vollkommen-Behämmerten, auf der ich mich einordne, entspringt mein Lachen aber absolut nicht dem Wunsch, zu heiterem Lebensgenuss beizutragen oder etwa die Welt lustig zu finden. Ich finde die Welt nicht lustig.

Die Leute wollen nicht, dass man zu viel Vergnügen hat. Sie glauben, das sei schlecht für einen, vor allem, wenn man das Gegenteil erdulden musste. Sie wollen auch dieses Gegenteil nicht, dass der Mensch also zu viel Leid erfährt, das will niemand. Beunruhigend ist sowohl das grenzenlose Verlangen als auch das grenzenlose Leid. Das Grenzenlose macht uns Angst.

Natürlich ist dieses Buch mit dem (Entschuldigung) reichlich uninspirierten Titel Sommerfrauen Winterfrauen eine Coming-of-age-Story, allerdings keine klassische. Keine Angst also vor einem 08/15-Setting! Euch erwartet alles andere als das. Wir folgen einem jungen Mann, der sich dem Beängstigendsten stellen muss, das es gibt: der Vergangenheit – und der Zukunft. Woher kommt er, was hat es mit der Nazivergangenheit seiner Familie auf sich? Muss er sich wirklich anhören, was sein Großvater getan hat, oder darf er im Ungewissen bleiben? Und welche ist die richtige Frau für ihn, was möchte er erreichen, wo könnte sein Weg an der Filmhochschule hinführen, soll er Vater werden oder nicht? Chris Kraus, der selbst Filmregisseur und Drehbuchautor ist, schreibt sehr szenenstark, sehr bildlich, mit guten Schnitten und Dialogen, die sitzen. Das ist ein herrlich lesenswerter Schlagabtausch, eine Suche, ein Sommerrausch – inklusive Wendungen, mit denen man nicht rechnet. Am Ende ist eigentlich nichts so, wie man es sich am Anfang ausgemalt hat, und das ist, abgesehen von vielen guten Sätzen, vielleicht das Beste.

Sommerfrauen Winterfrauen von Chris Kraus ist erschienen bei Diogenes (ISBN 978-3-257-07040-8, 416 Seiten, 24 Euro).

Bücherwurmloch

„Was bleibt von mir übrig, wenn ich immer nur für die anderen lebe?“

Ich kann mich ja an nahezu alles schnell gewöhnen, das ist das Schöne an jemandem wie mir. Ich bin niemals ich. Ich kann mich super anpassen. Das ist ja das Schöne an Frauen wie mir, wir haben diese vielgelobte Flexibilität. Heute noch Arbeiterin, morgen schon Hausfrau. Heute noch kultivierte Städterin und dann eben doch ein einfaches, ruhiges Leben in der Provinz. Das ist das Gute an Frauen wie mir, wir können alles sein, alles was wir wollen und vor allem aber alles, was andere von uns wollen. Mit Frauen wie mir wird man glücklich. Da hat mein Mann aber Glück gehabt, dass er mich erwischt hat. Ich bin formbar!

Da ist diese Frau, die eigentlich immer sehr gut funktioniert hat, doch jetzt ist sie ein bisschen kaputt. Ein Jahr Ruhe geben soll die Frau, einfach mal nichts tun, dann wird sie wieder gesund werden, dann kann sie wieder zurück in die Gesellschaft.

Die Frau im Spiegel leidet an keinem gebrochenen Herzen, sondern an einem angeknacksten Hirnkastel.

Die Frau hat einen Mann, der geht auf Geschäftsreise, eine Mutter hat die Frau auch, die stirbt. Deswegen ist die Frau ziemlich allein mit ihrem Nichtstun und ihrer Ruhe, und so zieht sie raus aufs Land, in die Natur, und dort gerät alles so richtig außer Kontrolle. Denn die Tiere und die Natur haben ihre eigenen Gesetze, und die Frau – die ist einfach so wütend.

Ihr habt keine Ahnung, wie großartig Jovana Reisinger ist! Ich habe sie bei den Wortspielen München, die sie gewonnen hat by the way, in Leipzig und bei unserer gemeinsamen Lesung in Göttingen gesehen und kann nur sagen: Chapeau. Sie ist witzig, intelligent, ungemein kreativ und hat den Kleidungsstil einer mittelalten Frau. Aber niemand trägt Hosenanzüge mit so viel Eleganz wie sie. Auf der Dachterrasse in Göttingen hat sie mir erzählt, dass manche Kritiker den Witz hinter ihrem Buch nicht verstehen und dass sie sich fragt, ob das daran liegt, dass es ein österreichischer Humor ist. Jetzt bin ich zufällig Österreicherin und kann die Frage nicht eindeutig beantworten – ich jedenfalls fand Still halten witzig, sehr sogar. Es hat eine unterschwellige, nein, eigentlich oberschwellige Bösartigkeit, eine Düsternis und so viel Zynismus, es ist ein Fest. Jovana hat bei dieser Lesung auch gesagt, dass sie, als sie das Buch geschrieben hat, sehr jung war und sehr wütend. Das merkt man, und es steht dem Roman ausgezeichnet: das Wütendsein. Dadurch bekommt er eine feministische, emanzipierte Lesart, ein Aufbegehren, das zugleich – und das ist ebenso paradox wie authentisch – einhergeht mit tiefer Resignation. Weil es uns nun mal so geht, uns Frauen: wir kämpfen, wir begehren auf, wir resignieren gleichzeitig, denn wir können nicht gewinnen. Am Ende können wir uns nur entweder unterordnen – oder draufgehen.

Ich bekomme oft Nachrichten von Lesern meines Romans, die mir schreiben, sie hätten, nachdem sie bei meiner Lesung waren, bei der Lektüre meine Stimme im Ohr gehabt. Bisher dachte ich dabei immer: Äh, ja, natürlich, sicher nicht. Jetzt allerdings, nachdem ich Still halten gelesen habe, ist mir klar, dass das vielleicht die Wahrheit ist. Denn ich hatte bei der Lektüre tatsächlich die Stimme von Jovana im Ohr. Und das war herrlich, weil Jovana nämlich unglaublich gut gelesen hat. Sie hat den Witz des Buchs, diesen verzweifelten, galgenhumorigen, absurden Witz so gut transportiert, ich hatte ihn die gesamte Zeit bei mir – und hab den Roman dadurch noch mehr gemocht. Er ist schräg und originell, er ist merkwürdig und abstrus, amüsant und traurig. Es ist vor allem sehr schlau, und ich möchte noch einmal betonen: Es ist wütend. Es ist so wütend wie wir. Und deswegen ist es so dermaßen gut.

Still halten von Jovana Reisinger ist erschienen im Verbrecher Verlag (ISBN 9783957322739, 200 Seiten, 19 Euro).

Bücherwurmloch

„Und dann hat er endlich gedacht: Der erwürgt mich“
Es ist Dezember, und Édouard ist auf dem Weg nachhause, es ist dunkel, es ist Nacht. Da begegnet er Reda, einem Mann, der ihn anspricht, der ihm folgt oder vielmehr neben ihm geht, und warum nicht, Édouard nimmt ihn mit nachhause. Er hat sich nicht viel dabei gedacht, wird er später sagen, und zunächst läuft auch alles so, wie es im Idealfall läuft mit einer solchen Zufallsbekanntschaft: Der Sex ist gut, die Gespräche sind es auch. Dann gibt es einen Moment, oder vielleicht waren es mehrere Momente, in denen gerät etwas außer Kontrolle, der Gast in Édouards Wohnung wird zur Bedrohung. So oft wird er diese Geschichte später wiedergeben, in all ihren Details, wird besessen davon sein, sie in Worte zu fassen, und doch wird er nie wissen, welcher Augenblick entscheidend war. Reda versucht, Édouard mit einem Schal zu erdrosseln, er vergewaltigt ihn, er bestiehlt ihn und verursacht in Édouard das schlimmste aller Gefühle: Todesangst.

Das Ende von Eddie ist ein großartiges Buch, mit dem der junge Édouard mich vor einer Weile massiv beeindruckt hat. In seinem neuen Werk schreibt er über die wohl schrecklichste Nacht seines Lebens, über ein Erlebnis, das ihn mit Sicherheit traumatisiert hat. Er bedient sich dafür eines kuriosen Stilmittels, das ihm einerseits vermutlich hilft, das Geschehen aufzuarbeiten, andererseits literarisch interessant ist: Er lässt seine Schwester wiedergeben, was er ihr zuvor erzählt hat. Dazwischen kommentiert er das, was sie sagt, und fügt eigene Gedanken hinzu. Das wirkt leicht schizophren, ist aber freilich ein schlauer Kunstgriff: So vermischen sich seine eigenen Ansichten mit denen der Schwester, die diese Nacht durch ihren Filter wahrnimmt.

Im Herzen der Gewalt ist ein intensives, ein gleichzeitig nüchternes und überaus emotionales Buch, das versucht, in Worte zu fassen, was man kaum auszudrücken vermag: dass einem ein anderer Mensch Gewalt antut. Unvermittelt, ohne Auslöser, ohne Vorahnung und vor allem: in einer vermeintlich sicheren Situation – in die man sich auch noch selbst gebracht hat. Es war außerordentlich mutig von Édouard Louis, von dieser Nacht zu erzählen, dabei nichts auszusparen, weil es eine so hohe Zahl von Opfern gibt, die schweigen, die sogenannte Dunkelziffer, weil alle diese Dinge nach wie vor mit Shaming und Schuld behängt sind, und das sollte aufhören. Wem Leid widerfahren ist, der sollte davon berichten können, ohne verurteilt zu werden, dem sollte geholfen werden in jeder Hinsicht. Und genau deshalb ist dies ein sehr wichtiges Buch, das vielleicht nicht nur Édouard bei der Aufarbeitung hilft, sondern der ganzen Gesellschaft.

Im Herzen der Gewalt von Édouard Louis ist erschienen bei Fischer (ISBN 978-3-10-397242-9, 224 Seiten, 20 Euro).

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„Es gibt keine Frau, nirgendwo, die nicht von einem Mann in den Dreck gezogen wird und liegen gelassen“

„Wenn sie ihm ins Gesicht sah, kam ihr zuweilen der Gedanke, dass alle Frauen von der Wiege bis zum Tod verdammt waren; allen war auf die eine oder andere Weise dasselbe grausame Schicksal zugedacht: Sie waren auf der Welt, um die Last der Männer zu tragen.“

Und sie tragen schwer an dieser Last, Florence und Deborah und Elizabeth, allesamt schwarze Frauen im Amerika der Dreißiger- und Vierzigerjahre, sehr schwer. Ihre Leben sind verbunden mit denen der Männer, sie sind ihnen ausgeliefert in jeder Hinsicht. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum die Frauen thematisieren, ist das nicht ein Buch über einen Jungen, der dem Einfluss seines Priester-Vaters zu entkommen versucht, ist das nicht ein Roman über Rassismus und die Folgen der unmenschlichen Sklaverei? Natürlich. Aber nichts von dem, was geschieht, wäre geschehen, hätte es nicht diese Entwertung der Frauen gegeben. Sie werden geschwängert und im Stich gelassen, sie werden entehrt, entwürdigt, weil die Männer vorgeben, wie sie zu sein haben, genau dieselben Männer, die ihnen alles entziehen, die sie schlagen und für vermeintliche Sünden büßen lassen. Sünden, die niemand anderer begangen hat als diese Männer selbst.

James Baldwins großer, wiederentdeckter, hochgelobter Roman ist nicht nur ein Roman über Religion und Wahn, über Rassismus und Gewalt, sondern auch einer über Frauen. Die Frauen im Hintergrund, denen so viel Ungerechtigkeit angetan wird, von der Gesellschaft im Außen, von den Ehemännern im Innen, und hier gerät alles in Bewegung, hier liegt die Saat, die später aufgeht in den Kindern. Was kann Gutes kommen von Menschen, die nur die Ketten weitergeben, in denen sie selbst gefangen sind? Niemand handelt nach dem, was er predigt in diesem Buch, niemand lebt die Nächstenliebe, von der das Christentum so hochtrabend erzählt. Stattdessen gibt es Schläge und Lügen, Betrug, Verrat, Selbstgerechtigkeit und Verletzungen, die über Generationen hinweg schmerzen. James Baldwin hat dafür einen sehr eigenen Ton gefunden, der sich hineinschraubt in den Leser, einprägsam und schonungslos. Dies ist ein Buch, das seinen Inhalt ausschüttet über einem, es hat eine Wucht, die einen atemlos macht, beinahe beängstigend ist das, ein Sturm aus Ohrfeigen.

Die Menschen, sie zerfleischen sich selbst, sie zerfleischen einander. Und Religion ist ihnen dabei ein Antrieb, eine Rechtfertigung, Religion bildet Regeln aus, willkürlich von Menschen erdacht und von einem vermeintlichen Gott besiegelt: Du darfst keinen Sex haben vor der Ehe, und wenn du doch welchen hast, mögest du verdammt sein, du darfst nichts anderes wollen als Beten, du darfst der Versuchung nicht nachgeben, die überall lauert, und dem Teufel nicht. James Baldwin steigert das Religiöse, in das der Mensch gerät, zu einem Rausch, der wirrer und wirrer wird, zu einem Hurrikan, dem keine seiner Figuren entkommen kann. Das ist großartig und zermürbend und wichtig und klug, es ist wahr, und es ist vor allem eins: unendlich traurig.

Von dieser Welt von James Baldwin ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-28153-9, 320 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

Heute war ich im Wald, oben auf dem Berg, und als ich den Farn gesehen habe, habe ich mich daran erinnert, wie ich im Frühling darauf gewartet habe, dass der Schnee schmilzt, wie ich darauf gewartet habe, dass der Farn zum Vorschein kommt, grün wird, wie ich dann ein Foto gemacht habe von meinem Buch in all diesem Grün. Und jetzt ist nicht nur der Frühling vorbei, sondern auch der Sommer, der Farn ist dunkelgrün fast braun, ich stand davor und hab gelächelt. Es ist okay, es ist gut so, es ist ein Zeichen, dass etwas zu Ende geht – dieses Jahr, der Zyklus der Natur und meine wilde Reise.

An dem Tag, an dem mein Roman erschienen ist, habe ich geschrieben: Natürlich kann es sein, dass das Buch und ich nun einfach sang- und klanglos in der Masse der Neuerscheinungen untergehen. Wir wissen alle, wie kurzlebig Bücher heute sind, wie schnell sie von denen, die nachkommen, begraben werden. Aber vielleicht hab ich ja Glück, jenes Quäntchen Glück, das den Unterschied macht.

Heute, exakt sieben Monate später, kann ich ganz eindeutig sagen: Es ist nicht untergegangen. Und zwar dank euch. Dank euch Lesern, dank euch Bloggern, euch Buchhändlern und Instagrammern. Dank meinem Verlag und meiner Agentin und all diesen Menschen, die sich für Dunkelgrün fast schwarz eingesetzt haben, die es gelesen und ihre Begeisterung geteilt haben, die darüber geschrieben und es empfohlen haben, die es in ihrer Buchhandlung den Kunden in die Hand gedrückt und auf Social Media davon geschwärmt haben. Mich hat eine Welle des Wohlwollens überrollt, was sag ich, von den Beinen gerissen, ich habe so viele großartige, übersprudelnde Nachrichten und Mails bekommen, auf allen Kanälen, Menschen haben mich angeschrieben und mir erzählt, was das Buch mit ihnen gemacht hat und warum, und das ist ohne Scheiß das Beste, was passieren konnte. Weil ich nämlich so dringend ein Buch schreiben wollte, das niemanden kalt lässt, das die Leser aufwühlt und etwas in ihnen auslöst, daran habe ich so hart gearbeitet – und jede einzelne Rückmeldung hat mich sehr stolz und sehr glücklich gemacht.

Ich hatte bisher über 30 Lesungen, ich habe berichtet, wie es zu diesem Roman gekommen ist, ich habe Moritz, Raffael, Johanna und Marie aufleben lassen, wieder und wieder, an so vielen Abenden, bei so vielen schönen Gelegenheiten. Die Leute haben zugehört, sie haben gelacht, sich interessiert, gefragt, sie haben sich angestellt, um das Buch signieren zu lassen, und das hört sich banal an, ja mei, ist doch normal für einen Autor, aber nein – das ist es nicht. Es ist etwas Besonderes, viele Menschen nehmen sich Zeit, und ich halte das nicht für selbstverständlich, im Gegenteil. Ich habe mich über jeden Besucher und jedes liebevolle Feedback gefreut, ich habe jede Nachricht beantwortet, von allen Lesern, von allen Buchhändlern. Ich war in Magazinen und Zeitungen, ich hatte Interviews und Fotoshootings, ich wurde von allen Seiten mit Aufmerksamkeit bedacht, und ich bin dafür sehr dankbar.

Das alles ist nicht immer nur eitel Sonnenschein, und ich bin zu ehrlich, das wisst ihr, euch das glauben zu lassen. So viele Lesungen zu machen, war brutal anstrengend – ich musste stets ein großes Drumherum an Organisation bewältigen und bin gar nicht die coole Rampensau, als die ich mich gebe. Wenn ich die Wahl habe, ob ich eine Bühne betrete oder nicht, dann möchte ich lieber nicht. Ich musste aber, und ich hab abgeliefert, weil es mir wichtig, dass die Leute, die kommen, einen richtig guten Abend haben, ich hab Hände geschüttelt und Fotos gemacht, ich war schlagfertig und souverän, und ich kann euch verraten: Man ist danach sehr ausgelaugt. Man ist nicht nur körperlich, sondern auch emotional erschöpft.

Natürlich gab es nicht nur freundliche Rückmeldungen. Es gab Spott und Häme, es gab – und das ist völlig in Ordnung, das gehört dazu – negative Besprechungen, es gab das Feuilleton, das spüren hat lassen: „Ach, die kleine Bloggerin, was soll das schon werden?“ Es gab Moderatoren, die gesagt haben: „Ein Buch wie deins kommt natürlich nicht auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis – was meinst du, ist es zu trivial, um Literatur zu sein?“ Es gab Autoren, die die Augen verdreht haben mit Worten: „Ach, das ist dieses Buch, das auf Instagram so abging, na, da weiß man ja schon, auf welchem Niveau sich das bewegt.“ Nichts davon ist tragisch, ich halte das aus, ich bin bulletproof, doch man muss sich daran gewöhnen, dass man so in der Öffentlichkeit steht plötzlich, dass jeder, wirklich jeder, eine Meinung hat über einen – und die ungefragt überall hinrotzt, ohne dass man sich wehren und dazu Stellung nehmen kann. Und jetzt denkt ihr vermutlich: Ja, Mariki, dann darfst du halt kein Buch schreiben, wenn du damit nicht leben kannst, das stimmt auch – und ich kann es ja. Da ich wegen meines ständigen Gemotzes über Bücher kiloweise schlechtes Karma angehäuft hab, muss ich das allein ja schon deshalb wegstecken, damit das Universum im Gleichgewicht bleibt.

Und dann kam die Nominierung zum Österreichischen Buchpreis. Dunkelgrün fast schwarz ist auf derselben Longlist wie Robert Seethaler und Arno Geiger, DIE Literatur-Superstars des Landes, ich kann – ganz egal, was jetzt noch passiert – beruhigt sterben. Was sonst könnte ich noch erreichen? Oh, okay, ja, doch, da gibt es noch was: Der Roman ist auch nominiert für das Lieblingsbuch der unabhängigen Buchhändler und wurde als eines von fünf Büchern am öftesten genannt. Eines von FÜNF! Das kommt von den Buchhändlern direkt, von den Menschen, die wohl am meisten im Jahr lesen, die die größte Auswahl an Büchern haben, die man überhaupt nur haben kann, und die gesagt haben: Dunkelgrün fast schwarz, geiles Buch! Was für eine wunderschöne Auszeichnung. Es spielt für mich keine Rolle, ob der Roman auf die österreichische Shortlist kommt oder ob er tatsächlich DAS Lieblingsbuch der Buchhändler wird, und ich poste das hier auch absichtlich schon heute, da beides noch nicht feststeht. Denn diese Geschichte und ich, wir sind weiter gekommen, als ich es je für möglich gehalten hätte. Wir haben Menschen dazu gebracht, nachzudenken über Freundschaften, die toxisch sind, über Grenzen, die nicht gesetzt werden, über Momente im Leben, in denen man Nein sagen sollte. Wir haben so viel Schönes und Verrücktes und Erinnernswertes erlebt, dieses Buch und ich, und jetzt ist es Zeit, weiterzugehen.

Der Farn wird bald wieder bedeckt sein von Schnee. Ich habe ein neues Buch geschrieben. Und alles beginnt von vorn.

Bücherwurmloch

„Liebe ist für alles die beste Motivation“
Am Set zum Film „Der Schatz der Sierra Madre“ soll der Journalist Leon herausfinden, wer der Schriftsteller ist, der sich hinter dem Pseudonym B. Traven versteckt. Er hat nicht nur den Roman geschrieben, auf dem der Film basiert, der dort mit Humphrey Bogart gedreht wird, sondern viele mehr, und seine Identität ist ein Rätsel. Es zu lösen, daran ist Leon bald nicht mehr so brennend interessiert, denn lieber spielt er Schach mit Humphrey und schläft mit der schönen Maria. Bliebe ihnen mehr Zeit, würde vielleicht sogar mehr werden aus dieser Bettgeschichte, die abrupt mit dem Verschwinden Marias endet. So ganz lässt die Frage nach B. Travens Herkunft Leon aber nicht los, und so reist er Jahre später nach Wien, wo er entscheidende Hinweise erhält. Doch die Suche ist noch lange nicht zu Ende – und sie wird ihn bis an seine Grenzen führen.

Im Jahr 2017 hat Torsten Seifert mit dem Manuskript zu diesem Roman den ersten Blogbuster-Preis gewonnen. Da ich Mitglied der Blogbuster-Riege war, musste ich dieses Buch natürlich lesen und hab es nun reichlich spät endlich getan. Torsten Seifert, ich sag dir eins: Du hast mich mächtig überrascht. Ich wusste ja, worum es geht in dem Roman mit dem – Entschuldigung – sehr blassen Cover, und habe eine eher wirre, vielleicht sogar dröge Story erwartet rund um einen mysteriösen Schriftsteller, eine Story, die am Ende nicht aufgelöst wird und mich genervt zurücklässt. Genau das Gegenteil war der Fall: Schon nach wenigen Seiten hatte ich mich festgelesen. Und ich hab das Flair genossen, das wir ganz automatisch mit den großen Gangsterfilmen und -geschichten verbinden. Spannend und noir-schwarz ist auch Wer ist B. Traven?, das mich wirklich glänzend unterhalten hat.

Großartig sind die Szenen, in denen Leon mit Humphrey Bogart Schach spielt, rasant und klug konstruiert ist die Suche nach diesem Schriftsteller, der nicht gefunden werden will. Was ich sehr mochte an diesem Buch, ist, dass es nicht vorgibt, etwas anderes zu sein, dass es nicht in die Irre führt mit möglichst hochtrabenden Sprachbildern, sondern dass es sich auf seine Stärken konzentriert: eine gute Geschichte zu erzählen, eine, die man gern lesen mag, weil sie mitzieht und zum Tüfteln anregt. Torsten Seifert hat die Stilmittel der alten Gangstergeschichten nicht ironisch verwendet, er hat sich nicht erhöht, sondern ist mit Genuss hineingesprungen in diese Art des Erzählens: schnelle Schnitte, undurchsichtige Typen, geheimnisvolle Frauen und die eine oder andere Zigarre erwecken die Vierzigerjahre literarisch zum Leben. Well done!

„Diese Welt mit all ihren Problemen, Enttäuschungen, Schmerzen und Hagelstürmen ist alles in allem immer noch zu schön, um sie zu verlassen. Sogar wenn du krank bist, des Lebens müde oder nahe an einem hoffnungslosen Ende. Die Sonne ist doch noch immer am Himmel, umgeben von Sternen.“

Wer ist B. Traven? von Torsten Seifert ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-50347-0, 269 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Alleinsein ist eine Kunst, die kaum einer beherrscht“
Blanca ist erst mal weg, denn Blanca hat die Nase voll. Von ihrer überdrehten Mutter und ihrem unsteten Leben, von diesem Alltag, der mehr einem Roadmovie gleicht als einem sicheren Hafen. Seit Blanca denken kann, ist sie mit ihrer Mutter unterwegs, denn die hält es nie lange an einem Ort aus. Von einer Schule zur anderen, von einem Kerl zum anderen, von einer Notlösung zur nächsten: Das macht Blanca seit fünfzehn Jahren mit, und nach einem letzten großen Streit mag sie nicht mehr. Sie will zu Toni, der in Italien wohnt, Toni, bei dem sie sich wohlgefühlt hat damals, bei dem sie dachte, sie könnten vielleicht doch eine Familie werden, sie und ihre Mutter und Toni und Karl. Also schlägt Blanca sich durch, der Weg nach Italien ist weit, das Geld ist knapp, ihr Erfindungsreichtum ist zum Glück groß, und Illusionen macht sie sich sowieso keine.

„Wenn ich irgendwas gelernt habe vom Leben an der Seite meiner Mutter, dann, dass auch der Mensch, der einem am nächsten ist, einem ein absolutes Rätsel bleiben kann.“

Blanca von Mercedes Lauenstein ist ein Buch über einen Roadtrip einer einzigen Person, und deshalb ist es notgedrungen auch ein einziger langer innerer Monolog. Im ersten Drittel mochte ich das noch, ich bin Blancas rotziger Stimme gern gefolgt, diesem – wenn auch durchaus klischeehaften – Lebensentwurf von jemandem, der nicht bleiben will, der stets zu neuen Ufern aufbricht und dabei sein Kind mitzerrt, ohne Rücksicht auf Verluste. Dann habe ich angefangen, mir einen Gegenpart zu wünschen. Eine andere Sicht auf die Dinge, eine zweite Perspektive, die dieses Übergewicht von Blanca ausgleichen würde, das Buch wurde mir zunehmend zu einseitig. Denn Blanca dreht sich natürlich, wie könnte es anders sein, um sich selbst, der gesamte Roman dreht sich um sie, und schon nach kürzester Zeit sind die Zerwürfnisse mit der Mütter, die Verletzungen, die Gründe für den Bruch eigentlich auserzählt, etwas Neues kann es nicht geben und gibt es auch nicht.

Ich gestehe, ich habe mehrere Seiten nur überflogen. Die Gedankenwelt eines Teenagers, der von jemandem weggeht, zu dem er eigentlich am liebsten nur hin möchte, hat Mercedes Lauenstein wirklich großartig eingefangen, man glaubt Blanca jedes Wort und jedes Gefühl. 256 Seiten mit denselben Gedanken und denselben Gefühlen waren mir persönlich einfach nur 100 Seiten zu viel, auf denen ruhig jemand anderes noch hätte zu Wort kommen dürfen. Begeistert hat mich dafür das Ende, denn der letzte Satz gehört zu den besten letzten Sätzen, die je geschrieben wurden. Wer sich dem Werk von Mercedes Lauenstein nähern möchte, dem empfehle ich ihren Erstling Nachts, der wie kein anderes Buch diese eigenartige Stimmung beschreibt, die mit der Nacht einhergeht.

Blanca von Mercedes Lauenstein ist erschienen bei Aufbau (ISBN 978-3-351-03701-7, 256 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Mit diesem Lächeln begann es“
Surab hat keinen Job, und deshalb hat Surab viel Zeit. Er steht auf dem Balkon und raucht, immerzu steht er auf dem Balkon, die beiden Söhne, um die er sich für gewöhnlich kümmert, haben Ferien und sind bei der Oma. Heiß ist es auf dem Balkon, und dann zieht gegenüber jemand ein. Anfangs sieht Surab nur hin, weil ihm langweilig ist, aber dann sieht er nicht mehr nur hin, sondern beobachtet. Er bleibt nachts wach, er hat die Kamera in der Hand, und zu beobachten gibt es allerhand: Der junge Mann bekommt regelmäßig Besuch. Nicht nur, dass dieser Besuch ebenfalls männlich ist, nein, es handelt sich dabei auch noch um einen bekannten Politiker. Das ist heiß im Georgien des Jahres 2012, in dem der Milliardär Iwanischwili an die Macht kommt, das ist gefährlich, und vielleicht ist es kein Wunder, dass es – kaum brechen die Unruhen los, kaum entgleitet Surabs Frau Tina ihm immer mehr – plötzlich einen Toten gibt.

Ich habe dieses Buch nicht gelesen, ich hab es gefressen. Inhaliert hab ich es, weggeatmet, so schnell ging das mit Davit Gabunia und mir. Und ich habe während der Lektüre vollkommen vergessen, dass es in Georgien spielt, nicht, weil ich – wie so oft – unaufmerksam war, sondern im Gegenteil, so sehr war ich gefangen in der Geschichte rund um Surab, Tina, Merab und Nuri, dass es für mich nicht einmal mehr wichtig war, wo sich dieser Balkon befindet, wo sich diese Wohnung befindet und dieses Bett, überall hätte es sein können. Ganz egal war mir das, weil ich ihren Berichten gelauscht hätte ohne Bezug zur Geografie, und erst, als das wichtig wurde im Buch, erst als die Bilder im Fernsehen auftauchten und die Demonstranten auf der Straße, dachte ich: Oh. Das müsste mir ja eigentlich alles fremd sein. Das war es jedoch nicht, und darin besteht Davit Gabunias große Kunst.

Fiebrig ist das Wort, das man automatisch mit diesem Buch verbindet: weil sie schwitzen, die Protagonisten, weil es drückend ist und schwül, weil etwas anfängt zu brennen, innen und außen. Und weil die Sprache keine Zeit hat, überhaupt keine Zeit hat sie, sie entzündet ein Feuer und treibt es an, auf gerade mal 186 Seiten entsteht unvermittelt ein Flächenbrand. Man sieht dabei zu, mit staunend großen Augen, fast wie Surab rüberschaut zur fremden Wohnung. Da wird Homosexualität thematisiert, obwohl Georgien sich in dieser Hinsicht nicht sehr fortschrittlich zeigt, um es euphemistisch auszudrücken, da verlieben Menschen sich gegen ihren Willen, da entgleitet ihnen alles mit einer Geschwindigkeit, gegen die sie machtlos sind. Vieles fand ich vorhersehbar an der Story, mehrfach dachte ich: Okay, okay, echt jetzt, das ist doch so offensichtlich, alles ist dermaßen offensichtlich, was soll denn das, aber dann lachte der Roman mir ins Gesicht, überraschte mich mit genau dem, was ich sowieso erwartet habe. Siehst du, sagte er, ich erzähle genau das, was du gedacht hast, aber ich erzähle es so gut! Und das stimmt. Er erzählt es so gut, deswegen, Leute: lest das.

Farben der Nacht von Davit Gabunia ist erschienen bei Rowohlt (ISBN 978-3-7371-0041-0, 192 Seiten, 20 Euro).