Bücherwurmloch

„Obwohl mein Mann Gynäkologe ist, versucht er ständig, sich als Künstler zu präsentieren. Und das ist nicht das Einzige, was mich an ihm nervt“
Zuerst einmal muss ich sagen: Ich liebe dieses Cover. Es passt perfekt zum Inhalt und zeigt auf humorige Weise, was wir gern tun mit Bildern von Menschen, die uns am Arsch gehen: ihnen das Gesicht zerkratzen. In elf Geschichten erzählt die mazedonische Schriftstellerin Rumena Bužarovska von Menschen, die nerven, und es sind allesamt Männer. Ehemänner. Da gibt es den Gynäkologen, der sich als Künstler sieht, aber nur malt, womit er sich auskennt, und seine Frau hasst die Mösengemälde. Da gibt es die Frau, die sich als Künstlerin sieht, und ihren Mann, der heimlich über sie spottet, weil sie malt wie ein Kindergartenkind. Dann sind da der betrügende Gatte, der an der Tankstelle Kondome kauft und seine Frau zum Äußersten treibt, und der Vater, der die fragwürdigen Charakterzüge seines Sohnes auf die Gene schiebt – ohne zu wissen, wie falsch er damit liegt, außerdem der Mann, der seiner Frau nicht gestattet, ihre Mutter zu besuchen, was böse Folgen hat.

Dieses Buch ist ein herrlicher Spaß, eine Sammlung superböser, ungeschönter Blicke auf Ehe und Zusammenleben, auf Machos und Lügner und alles, was schiefläuft in Partnerschaften. Am besten finde ich, wie gut Rumena Bužarovska herausgearbeitet hat, dass man sich nach Jahren des Zusammenseins einfach unglaublich ankotzt, dass man diejenigen, die man am meisten liebt, oft auch am meisten hasst. Ihre Stories sind kleine Wutreden, sind zornig und polemisch und letztlich auch politisch, sie sind, wenn man genau hinsieht, sehr feministisch. Denn sie rechnen ab mit einem Bild von klischeehafter (toxischer!) Männlichkeit, sie sind aus der Ich-Perspektive der Frauen geschrieben, die diese Männlichkeit seit langer Zeit durchschauen und entlarven. Die sich nichts mehr befehlen lassen wollen, die keinen Bock haben auf den ganzen Scheiß, den ihre Ehegesponse ihnen Tag für Tag erzählen, und darauf, wie wichtig sich die Kerle nehmen. „Du bist geistreich. Das ist selten bei einer Frau“, heißt es da von Männerseite, und es ist kein Wunder, dass man diesen Männern endlich das Gesicht zerkratzen möchte. Ein Buch mit feinem Humor und großer Sprengkraft.

 

Bücherwurmloch

„Als wären wir durch das Zurücklassen unserer Dinge leichter geworden“
Die Ich-Erzählerin hat einen Freund namens Emil und einen Geliebten namens Leon, und in manchen Nächten, in denen sie ausgeht, hat sie spontan Sex mit Fremden. Sie muss sich nicht rechtfertigen, denn Emil fragt nie, auch nicht, wenn sie erst am nächsten Tag zurück in die gemeinsame Wohnung kommt. Es könnte so bleiben, findet sie, es ist gut so, der Alltag mit Emil, der zärtliche Sex mit dem verheirateten Leon. Nur möchte Emil ein Haus bauen, er möchte ein Kind haben – und die Erzählerin fühlt sich dazu nicht bereit.

Unterwasserflimmern von Katharina Schaller ist ein aus mehreren Gründen interessantes Buch: Zum einen habe ich es geliebt, dass sie ihre Protagonistin einfach vögeln lässt, ohne moralische Beschränkungen, ohne dass das gleich als krank gilt, als irgendwie pathologisch, ohne dass das auf eine miese Kindheit zurückzuführen ist oder sonstigen Blödsinn. Frauen wollen Sex haben, Frauen genießen Sex – und das sollte endlich frei erzählt werden dürfen. Das Narrativ, dass der Mann „sich austobt“, Affären hat, Befriedigung sucht, ist für uns okay, aber wenn eine Frau das tut, schlägt unsere Misogynie zu. Das ist tabu. Das darf die nicht. Es ist daher kein Wunder, dass Lesende sagen, dieser Roman habe „zu viele Sexszenen“ und sei „unangenehm“. Das hat mich sehr amüsiert, und ich feiere Katharina Schaller für ihren Mut. Schade nur, dass die Rezipienten nicht verstehen, woher ihr Unmut rührt: So fühlt es sich an, wenn ein uns aufgedrücktes Tabu gebrochen wird.

Der zweite Teil des Romans hatte dann aber auch für mich seine Tücken, denn dieses Hadern und Zögern und Nichtwissenob und Nichtwissenmitwem, das zieht sich. Und während ich es großartig finde, dass wir als Lesende nah dran sind an der Erzählerin, an ihrem Körper, ihrem Innenleben, denke ich auch: Du verwöhntes Gör mit deinen first world problems, was ist los mit dir, check your privilege. Haha! Da ist sie wieder, die liebe Misogynie. Aber mich nerven generell Figuren, die endlos um sich selbst kreisen. Gut finde ich, dass nichts an diesem Roman vorhersehbar ist, auch nicht (und schon gar nicht) das Ende. In meinen Augen ein wichtiges Stück Literatur, das hoffentlich dazu beiträgt, dass offener von weiblichem Begehren erzählt wird und werden darf.

Bücherwurmloch

Da ist sie wieder: Chastity Riley
Ich habe vor vielen Jahren mal Simones ersten Band gelesen, Revolverherz, und dann sehr lange nichts aus dieser Reihe, bis mich Mexikoring völlig überraschend schwer begeistert hat. Da dachte ich: Moment, wenn das so ist, dann lese ich mich jetzt aber ordnungsgemäß von vorne durch. Das hab ich getan und bin mittlerweile bei Blaue Nacht angekommen, dem Band, in dem die Staatsanwältin vorübergehend nicht wirklich Staatsanwältin ist, sondern mehr Oferbeauftragte. Sie hat mit einem Typen zu tun, der im Krankenhaus liegt, weil er übel zusammengeschlagen wurde, und der ist passenderweise ein Österreicher. Um Drogen geht’s in diesem Krimi, um den Albaner natürlich, um den Faller und seine Midlife Crisis, außerdem sind sie alle wieder dabei: Klatsche und Carla und Rocco, die man tatsächlich schon sehr liebgewonnen hat bis hierher, es ist gar nicht anders möglich.

Wenn nichts mehr geht: Chastity Riley geht immer. Weil die Pandemie und die Lockdowns mich niederdrücken mit all der inneren und äußeren Belastung, habe sogar ich – und das will was heißen – zwischenzeitlich die Lust verloren, zu lesen, oder eher: die Kraft. Ich konnte mich nur schwer auf was Neues einlassen, alles war mir gleich zu viel, zu anstrengend, zu blöd. Aber die Blaue Nacht hat mich gerettet, denn es hat irre gutgetan, zurückzukehren zu diesen Figuren, die ich schon kenne, die ich schon mag, Simones geile, raue Sprache zu lesen, mit der sie so viel sagt und, viel schöner noch, so viel ungesagt lässt. Endlich habe ich auch verstanden, was es mit den Gartenzwergen an der tschechischen Grenze auf sich hat, die mich immer schon irritiert haben, das hat mich direkt zum Lachen gebracht, und für eine Sekunde wenigstens war alles nicht so schlimm. Was ein wenig paradox ist, weil freilich alles schlimm ist in diesem Roman, in dem mit Meth gehandelt wird und Menschen sterben, aber an dem Feedback, das mir jedes Mal entgegenschlägt, wenn ich ein Buch von Simone in eine Kamera halte, merke ich: Bei euch ist die Liebe für Chastity Riley auch so groß. Grade kam ja der letzte Band heraus, aber das Gute ist, ich hab noch ein paar vor mir.

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Von Hypatia bis Angela Davis
Es hat wohl jede Branche ihr eigenes #metoo, wirklich jede Branche, wohin man nur schaut, überall wird nach und nach aufgedeckt, wie die Männer die Frauen seit Jahrhunderten unterdrücken, kleinhalten, ausbeuten und missbrauchen. Nicht anders ist das im Bereich der Philosophie: Rebecca Buxton und Lisa Whiting sind vermutlich nicht die Ersten, denen aufgefallen ist, dass Frauen in dieser Disziplin extrem unterrepräsentiert sind, dass jede:r nur männliche Philosophen kennt, dass es weder eine Vielzahl von Professorinnen noch von Frauen verfassten Publikationen gibt. Sie sind jedoch die Ersten, die beschlossen haben, etwas dagegen zu unternehmen: Sie haben dieses Buch herausgegeben, in dem herausragende weibliche Persönlichkeiten auf dem Gebiet der Philosophie versammelt sind.

Dabei haben sie eine Herangehensweise gewählt, die ich zum einen als typisch weiblich, zum anderen als sehr klug empfinde: Ich unterstelle den männlichen Kollegen einfach mal, dass sie, um sich hervorzutun, selbst sämtliche Artikel verfasst hätten, und diese Unterstellung fußt auf unser aller Erfahrung im Umgang mit dem männlichen Ego. Buxton und Whiting haben das nicht getan. Vielmehr haben sie zahlreiche heutige Philosophinnen gebeten, über frühere Philosophinnen zu schreiben. Und das macht dieses Buch so großartig: die Diversität, die Vielfalt. Denn es bedeutet, dass man beim Lesen nicht nur erfährt, wie wichtig Frauen wie beispielsweise Edith Stein und George Eliot, Mary Astell und Sophie Bosede Oluwole für die Geschichte der Philosophie waren, man lernt auch viele Wissenschaftlerinnen kennen, die sich aktuell mit philosophischen Themen auseinandersetzen, und kann, wenn man möchte, weiter recherchieren und sich informieren.

Ich habe eine Weile lang jeden Abend ein Kapitel gelesen, die jeweils einer Philosophin gewidmet sind, und dabei viel gelernt. Es stimmt, dass ich in der Schule diese Namen nicht gehört habe, es stimmt, dass mir nur von den Männern erzählt wurde – die Leistungen ihrer Kolleginnen werden seit Jahrtausenden (!) ignoriert. Das ist nichts anderes als eine große Schande, und ich hoffe sehr, dass Bücher wie dieses uns endlich zu einem Umdenken bewegen. Es gehört an jede Höhere Schule, in jeden Philosophieunterricht und in jedes Bücherregal.

Bücherwurmloch

„Er hofft, dass sie irgendwann zur Einsicht kommt. Dass sie erkennt, dass er viel besser zu ihr passt“
Julia arbeitet als Journalistin, ist aber mit ihren Aufträgen über Diätmittelchen und andere unwichtige Dinge nicht zufrieden. Sie träumt von der großen Story, die sie bekannt macht – doch als ihr Informationen zugespielt werden, dass an einem renommierten Forschungsinstitut Frauen sexuell belästigt werden, will sie den Betroffenen erst einmal nicht glauben. Stutzig macht sie die Verbindung zu ihrem Bruder, der dort gearbeitet hat und vor vielen Jahren verschwunden ist – Julia weiß bis heute nicht, wohin. So richtig steht sie nicht hinter den Mädchen aus China, die sich gegen die sexualisierte Gewalt wehren wollen, die Story veröffentlicht sie aber trotzdem. Und gerät dadurch selbst ins Visier der Männer, die nicht wollen, dass ihre Taten enthüllt werden.

Was klingt wie ein Thriller, ist in Wahrheit ein Buch, bei dem ich mich frage: Ist das noch Fiktion oder schon internalisierte Misogynie? War es die Absicht der Autorin, so viele Sexismen und Rassismus-Stereotypen zu versammeln wie möglich, oder war ihr nicht bewusst, was sie da tut? Protagonistin Julia ist eine dieser Frauen, von denen es viele gibt, die durch den Filter des Patriarchats schauen und es nicht merken. Sie schenkt den Frauen, die ihr von dem Missbrauch erzählen, keinen Glauben, wertet ihre Erlebnisse ab, findet das alles übertrieben, wird auch nicht hellhörig, als sie selbst vergewaltigt wird. Zudem sind die Frauen Chinesinnen, und der krasse Rassismus, der mir von diesen Seiten entgegenschlägt, lässt mich oft genug irritiert blinzeln. Natürlich darf ein fiktives Buch alles sagen und alles erzählen, natürlich darf Julia ein Arschloch sein – und ihr Bruder Robert genauso. Die Autorin ist nicht in der Pflicht, die Gesellschaft in ihrem Roman zu verbessern, sie kann sie einfach abbilden, wie sie nun einmal ist. Das beim Lesen auszuhalten, ist allerdings schwer, vor allem die Perspektive von Julias Bruder, der mit einer der Chinesinnen eine Beziehung hatte, macht mich unglaublich wütend:

„Die Chinesinnen sind anders als die deutschen Frauen. Sie sprechen die Dinge nicht so direkt an. Sie sagen manchmal ja, wenn sie eigentlich nein meinen. Sie geben nach, um Streit zu vermeiden. Robert mag diese Art, sie passt zu ihm.“

Ja, das glaub ich, dass er das mag. Schließlich versucht er auch, sich über das Nein seiner Freundin hinwegzusetzen und sich den Sex zu nehmen, der ihm seiner Meinung nach zusteht. Die Sache ist: Es ist einerseits wichtig, dass von diesen Dingen erzählt wird. Wir brauchen mehr Geschichten über #metoo und Missbrauch, damit Frauen auch im echten Leben mehr geglaubt und geholfen wird. Es ist aber andererseits so, dass dieser Roman exakt das Gegenteil erreicht. Er verfestigt patriarchalische Glaubenssätze, er diskreditiert die Opfer, gibt den Tätern eine Stimme und mehr Gewicht, zieht die Scham der Betroffenen, von denen eine sogar Selbstmord begeht, ins Lächerliche. Das ist krass und hart und in meinen Augen gefährlich: Dieses Buch ist wie ein „aber manchmal lügen Frauen auch! Unschuldsvermutung!!!1!“ Tweet, nur mit 500 Seiten.

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„Doch wir von draußen werden nie drinnen sein, und so lässt man uns nie wirklich teilhaben“
Elisabetta ist fünfzig Jahre alt und unterrichtet Mathematik in Nisidia, das ist ein Jugendgefängnis bei Neapel. Über eine kleine Brücke ist es mit dem Festland verbunden, man kann von hier aus Capri sehen. Es wäre sehr schön hier, eigentlich. Elisabettas Mann ist sehr plötzlich an einem Herzinfarkt verstorben, seither sind die Jugendlichen ihr gesamter Lebensinhalt.

„Ein von zahllosen Spuren gefurchter Stein, eine Falte für jeden Schüler, jede gehobene oder gesenkte Schranke, jede geöffnete oder geschlossene Sicherheitstür, jede Schlägerei, jede Zelle, dreißig dort drinnen verbrachte Jahre: Ganz Nisidia stand ihr ins Gesicht geschrieben.“

Dann taucht ein Mädchen auf, geflüchtet aus Rumänien, vergewaltigt und geschlagen vom Vater, ins Gefängnis gesperrt wegen eines Handydiebstahls, und diesmal ist alles anders. Manchmal passiert das, sagt Elisabetta, manchmal ist die Beziehung zu einem der Kinder enger. Und das tut weh, denn obwohl Elisabetta nicht zu den Insassen gehört, ist sie diejenige, die bleiben wird, wenn die jugendlichen Straftäter:innen ihre Haftstrafe verbüßt haben und entlassen werden.

„Ihr, die ihr urteilt, seid bereit, an Liebe auf den ersten Blick zu glauben, doch andere Arten unverhoffter Liebe machen euch misstrauisch.“

Valeria Parrella erzählt von einer ungewöhnlichen Verbindung, die an einem Ort entsteht, wo man sie nicht vermutet. Sie erzählt von Italien, von einem System, das Kinder einsperrt und ihnen die Hilfe verweigert, die sie benötigen. Von Jugendlichen, die so viel Scheiße erlebt haben, dass völlig klar ist: Die haben keine Chance auf ein „normales“ Leben. Die mit mehreren Preisen bedachte italienische Autorin, die selbst in einer Strafanstalt unterrichtet hat, findet kraftvolle und poetische Worte für diese Geschichte, die gerade mal 136 Seiten hat und trotzdem sehr eindringlich ist.

„Die Erinnerungen bleiben immer dort, wo wir sie zurückgelassen haben: Wir stehen auf und gehen, von den Müttern zu Tisch gerufen, und die Erinnerungen bleiben auf den Stufen liegen.“

Ich finde das Setting spannend und die Geschichte berührend. Dass Parrella auf derart wenigen Seiten so klare Gesellschaftskritik untergebracht hat, ist beachtlich. Allerdings hätte ich mir mehr Wow-Sätze gewünscht, auch habe ich nicht so richtig Zugang zu Elisabetta gefunden, habe sie als sperrig und rätselhaft empfunden, manche Passagen ein wenig wirr.

Versprechen kann ich nichts von Valeria Parrella ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

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„Gott nahm die Form einer Brise an“
Ada ist am Leben, in verschiedenen Ebenen der Zeit: Viermal kommt sie vor in diesem Roman. Im Jahr 1459 verliert Ada im westafrikanischen Totope zum zweiten Mal ein Kind und wird von den Portugiesen überfallen. Im Jahr 1848 ist Ada eine begabte Mathematikerin, ihr Liebhaber ist Charles Dickens. Im Jahr 1945 wird Ada in einem KZ-Lager täglich mehrfach vergewaltigt. Und im Jahr 2019 ist sie schwanger und auf der Suche nach einer Wohnung in Berlin. Erzählt wird von diesen Ebenen mit verschiedenen Stimmen: Da ist der Reisigbesen, mit dem Ada geschlagen wird, der Türklopfer, das KZ-Zimmer, die eine Ich-Perspektive bekommen, dann ist es Ada selbst und das Welt-Ei, eine Art Hauch, das Leben bringt. Verbunden werden die einzelnen Splitter von Ada zudem durch ein geheimnisvolles Armband, das in jedem ihrer Leben auftaucht.

Ich vergehe schon allein aus einem Grund vor Respekt für Sharon Dodua Otoo, die 2016 als erste Schwarze britische Frau den Bachmann-Preis gewonnen und 2020 mit ihrer Rede „Dürfen Schwarze Blumen Malen?“ in Klagenfurt für Aufruhr gesorgt hat: Es beeindruckt mich immer wieder massiv, wenn jemand Romane nicht in seiner Erstsprache schreibt, sondern in einer Sprache, die er oder sie sich später angeeignet hat. Otoo eröffnet Erzählebenen, die natürlich nicht neu sind, in der gehobenen Literatur aber selten zu finden: Seelenreisen, sprechende Dinge, Gott als Frau – das kennen wir eher aus Genre-Romanen. Zudem behandelt sie mit sprachlicher Unerschütterlichkeit die Kolonisierung Afrikas, den Holocaust, modernen Rassismus und die Rechtelosigkeit der Frauen im 19. Jahrhundert. Das ist freilich alles ein bisschen viel, und ich muss gestehen: Im letzten Drittel hat sie mich dann doch verloren, denn die „aktuellste“ Ada im heutigen Berlin hat mich am wenigsten interessiert.

Einerseits finde ich es erfrischend originell, dass aus der Sicht von Gegenständen erzählt wird, andererseits klingen sie leider sehr normal, sehr menschlich, so wie alle eben. Einerseits gefällt es mir, dass den Lesenden viel Denkleistung abverlangt wird, andererseits habe ich mich stellenweise nach Aufklärung gesehnt, vor allem in Hinblick auf das Armband. Geschickt fordert Otoo die Lesenden heraus: zu beobachten und mitzufühlen, die Beschränkung auf das katholische Leben-und-Tod-System zu durchbrechen, und ich habe sie mir beim Schreiben amüsiert schmunzelnd vorgestellt. Dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zur Debatte über Identitätspolitik und kulturelle Aneignung, ein Denkanstoß – und wie wunderbar ist es, wenn Literatur einen solchen zu geben vermag.

Adas Raum von Sharon Dodua Otoo ist erschienen bei Fischer.

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„Egal, wo du bist. Egal, welcher gesellschaftlichen Schicht du angehörst. Egal, welchen Beruf du hast. Es ist gefährlich, eine Frau zu sein“
Als Amir ihr auf einer Party ins Gesicht schlägt, beendet die Protagonistin die Beziehung und flüchtet. Sie nimmt einen Job als Beobachterin am Gericht in Acre an, so weit wie möglich von Sao Paolo entfernt. Denn sie weiß, dass eine solche Ohrfeige der Beginn ist: Sie arbeitet als Anwältin im Bereich Femizide. Ihre eigene Mutter wurde von ihrem Ehemann ermordet, als die Protagonistin vier Jahre alt war. Zu lesen, was Frauen geschehen ist, wie sie getötet wurden, ist ihr Job. Sie hat alles, wirklich alles schon einmal gehört – und sie erlebt jeden Tag, wie die Täter freikommen. Das gilt vor allem dann, wenn es sich bei den Ermordeten um indigene Frauen handelt.

„Der Sport des Frauenmordes funktioniert wie ein Videospiel, bei dem ein Level auf das andere folgt. Nachdem sie ihre Frau verprügelt haben, wenn der Rausch vorüber und der Schaden angerichtet ist, verbringen die Mörder eine geraume Zeit damit, ihre Partnerinnen davon zu überzeugen, dass sie jene anbetungswürdige Wesen ihres ersten Rendezvous seien. Das leitet die darauffolgende Phase ein, in der die Prügel sich in Folter verwandeln, bei der Fisch- und sonstige Messer, Elektrokabel, Stiefel, Sägen, Feuerzeuge und andere Gegenstände zum Einsatz kommen, die dazu geeignet sind, auf das Opfer einzustechen, ihm Schnitte und Brüche zuzufügen oder es zu verbrennen.“

Patrícia Melo hat ein Buch geschrieben, das einen anzündet, wenn man es liest. Ich habe es inhaliert, immer wieder eine Pause gebraucht wegen der grausigen Details und trotzdem bei jeder Gelegenheit danach gegriffen. Es ist fiktiv und dennoch wahr. Es erzählt von Gewalt gegen Frauen, von Ungerechtigkeit, Sexismus und rape culture. Es erzählt, wie Mörder ihrer Verurteilung entgehen, weil sie weiß sind und reich. Wie die Wut in den Frauen wächst und sie dennoch machtlos sind. Es hat mich vor Zorn zittern lassen, es hat mir Tränen in die Augen getrieben, es hat mich resigniert und deprimiert zurückgelassen. Dieser Roman ist der helle Wahnsinn. Er ist mehr als eine Geschichte: ein Augenzeugenbericht, eine Anklage, eine Wutschrift, ein literarischer Aufschrei.

„Es hört nie auf. Es ist, als ob man den Fußboden bei aufgedrehtem Wasserhahn aufwischt.“

Gestapelte Frauen von Patrícia Melo ist erschienen im Unionsverlag.

Bücherwurmloch

„Wenn Sophie da war, stand die Vergangenheit im Raum wie verbrauchte Luft“
Es hätte so schön sein können: Sophie und Thies, Inga und Bodo sind seit Langem Freunde und haben sich nebeneinander auf einem großen Hof im Wendland niedergelassen. Doch die Idylle ist keine mehr, seit Aaron, der Sohn von Sophie und Thies, in der Elbe ertrunken ist. Alles ist in eine Schieflage geraten, denn die Kinder von Inga und Bodo sind wohlauf, sind am Leben, mehr noch: Sie sind perfekt, während Aaron ein Unruhestifter war, ein Fiesling, ein Schläger.

„Die einzigen Gefühle, die er ihr zeigte, waren Wut und Hass, Häme und Triumph.“

Sophie konzentriert sich auf ihre Arbeit, Thies hat seine aufgegeben, und so navigieren sie aneinander vorbei in ihrem Unglück, bis eine Fremde auf dem Hof auftaucht: Mara aus Dänemark. Auf sie konzentrieren sich die Gefühle, Sehnsüchte und Fragen aller – aber die Antworten, die Mara hat, sind nicht das, was die zwei Elternpaare erwartet haben.

Ich habe dieses Buch zu gleichen Teilen gemocht und nicht gemocht. Interessant fand ich die Ausgangssituation: Vier Erwachsene auf engem Raum, Freunde, die einen mit der intakten Familie, die anderen mit einem ertrunkenen Kind. Großartige Idee, viel Konfliktpotenzial. Noch interessanter fand ich im Lauf der Lektüre, dass dieses ertrunkene Kind kein Liebling war, sondern gemein und bösartig. Die Dynamik von Familien mit Kindern, die durch Bosheit auffallen, faszinieren mich – deshalb habe ich selbst einen Roman über ein solches Kind geschrieben. Kristina Hauff hat mich mit ihrer Themenwahl also durchaus abgeholt. Und es ist angenehm, dass „Unter Wasser Nacht“ gut lesbar ist, am Seichten entlangschifft, nur gar so viele Klischees hätte es dabei nicht streifen müssen, da habe ich mehrfach aufgestöhnt. Am meisten gestört hat mich, dass die Figuren so gut über ihr eigenes Gefühlsleben Bescheid wissen. Ständig erklären sie mir, was sie fühlen, nie ist ihnen das eigene Empfinden ein Rätsel.

„Was er empfand, war nicht Trauer. Trauer bedeutete, an den Menschen zu denken, den man verloren hatte. Er hingegen kreiste um sich. Er vermisste nicht Aaron, sondern das Leben, das er selbst gern geführt hätte.“

Da hätte in meinen Augen das Buch mehr Kraft gewonnen, wenn manches Ungesagt geblieben wäre und der/die Lesende es hätte erspüren können. Dafür gibt es ein schönes, kitschiges, rührendes Ende. Ich halte den Roman für sehr gut verkäuflich, so ein Allrounder mit Familiendrama, Geheimnissen und Nature Writing im Wendland.

Unter Wasser Nacht von Kristina Hauff ist erschienen bei hanserblau.

 

Bücherwurmloch

„Here we are, at the very beginning“
Rachel ist Urgroßmutter und als solche recht alt. Das denken zumindest ihre Kinder und Enkel. In Wahrheit ist Rachel nicht einfach nur alt. Sie lebt seit zweitausend Jahren. Sie ist unsterblich, und sie ist müde. Sie hat unzählige Kinder geboren, sie hat unzählige Enkel bekommen – und sie hat sie alle überlebt. Manche von ihnen hat sie sterben sehen, bei den anderen weiß sie nicht, was aus ihnen geworden ist. Ihr erstes, eigentliches Leben begann zu jener Zeit, als die Römer Jerusalem belagerten, damals hat die achtzehnjährige Rachel sich in Elazar verliebt. Und weil die beiden – aus Liebe zu ihrem Sohn – etwas getan haben, das ihnen nicht ernst erschien, das ihnen unmöglich erschien, können sie nicht sterben. Sie verbringen ihre Leben nicht gemeinsam, sie heiraten immer wieder jemand anderen, werden erneut Mutter oder Vater – und sind doch durch einen Verrat und ihre Liebe aneinander gebunden. Sie finden sich auch in der Jetztzeit, in der Rachel eine Enkelin namens Hannah hat, die in der Genforschung arbeitet. Hannah möchte herausfinden, wie man die DNA verändern muss, damit die Menschen ewig leben – und als sie an eine DNA-Probe von Rachel gelangt, nehmen die Ereignisse ihren Lauf …

Im Jahr 2008, also vor einer ganzen Weile, hat Dara Horn mich mit „Die kommende Welt“ beeindruckt. Und mit diesem Roman, 2018 auf Englisch erschienen, hat sie mich überwältigt. Was für eine großartige, originelle und eindrucksvolle Geschichte: Ich habe dieses Buch inhaliert. In Fantasy- und Vampire-Romanen sind Menschen ja gern mal unsterblich, in der restlichen Literatur kommt das seltener vor. Eternal life ist ein jüdisches, mit historischen Fakten untermauertes Buch, das vom Leben in Jerusalem vor zweitausend Jahren erzählt – und begreifbar macht, wie essenziell unsere Sterblichkeit ist. Dara Horn, die jüdische Literatur und israelische Geschichte in Harvard unterrichtet, zeigt an ihrer Protagonistin Rachel die Ambivalenz auf zwischen dem Wunsch nach ewigem Leben und der Bedeutungslosigkeit von Ereignissen, die sich endlos wiederholen. Wenn nichts zu Ende geht, wenn alles beliebig reproduzierbar ist, welche Rolle spielt es dann? Es ist ihr hervorragend gelungen, nie in Kitsch abzudriften, und sie beschäftigt sich auf interessante Weise mit Erinnerung. Kann man sich zweitausend Jahre lang alles einprägen, was man erlebt? Ab wann sind die Kinder, die man zur Welt bringt, nur noch Abbilder der Kinder, die man Hunderte Jahre zuvor geboren hat? Ich bin mit Rachel und Elazar durch die Seiten gejagt zu einem fulminanten Ende, das mir eine Ganzkörpergänsehaut beschert hat. Sehr, sehr lesenswert, schon jetzt ein Jahreshighlight für mich.