Bücherwurmloch

„Gib mir, was ich will, ich flehe dich an, damit ich dir danach ins Gesicht spucken kann“
Es hat nur 150 Seiten, doch jede davon explodiert regelrecht vor Wut: In King Kong Theorie schreibt die bedeutende französische Autorin Virginie Despentes über Vergewaltigung und Prostitution, über das Patriarchat und die vielfältige Ungerechtigkeit, die damit einhergeht. Sie schleudert dem Leser entgegen, was sie über Rollenklischees und Männlichkeitswahn denkt, über sexuelle Identität und Pornografie. Sie tut es so, wie man es von Frauen nicht will und nicht erwartet: schonungslos, direkt, ohne ein Blatt vor dem Mund. In ihren Sätzen steckt so viel Wahrheit. Und das zu lesen, ist wie mit allen Wahrheiten: schmerzhaft und eine Erleichterung zugleich.

Wir wollen anständige Frauen sein. Wenn die Fantasie als störend, unrein oder verachtenswert gilt, verdrängen wir sie. Brave kleine Mädchen, Engel im Haus und gute Mütter. Wir sind so formatiert, dass wir den Kontakt zu unserer eigenen Wildheit meiden.

Als Frau kommt irgendwann der Tag, da hat man keine Lust mehr. Da ist man nur noch erschöpft. Weil man kämpft, an allen Fronten kämpft – und nirgends auch nur ansatzweise gewinnen kann. Stattdessen verliert man an Energie, so viele Streuverluste hat man, man verliert die Motivation und die Lust und die Geduld. Die Karriere ist ein Kampf, die ungleiche Bezahlung, die Frage nach der Kinderbetreuung, nach denselben Chancen, wie Männer sie haben. Innerhalb der Familie herrscht ein Kampf, gegen das Klischee vom lieben, fürsorglichen Muttchen, das keine eigenen Wünsche haben darf, das sich aufopfern muss für die Kinder. Nichts ist selbstverständlich für uns, nichts ist fair. Wir reiben uns auf. Wir stoßen in allen Richtungen nur auf Beschränkungen und Grenzen. Die es für Männer nicht gibt. Und daher rührt der Zorn, daher rührt die Wut.

Virginie Despentes spürt das genauso wie wir alle. Sie hat sich schon mit ihrem Debütroman Baise-moi – Fick mich, den sie später selbst verfilmt hat, in die Nesseln gesetzt. Und ist der Ruf erst ruiniert, schreibt es sich ganz ungeniert: Mittlerweile ist die französische Schriftstellerin preisgekrönt und Mitglied der Académie Goncourt.

Nein, man beschreibt einen männlichen Autor nicht so, wie man es bei einer Frau macht. Niemand hat je das Bedürfnis gehabt zu schreiben, Houellebecq sei schön. Wenn er eine Frau wäre und ebenso viele Männer seine Bücher mögen würden, hätten sie geschrieben, er sei schön. Oder nicht schön. Und man hätte in neun von zehn Artikeln versucht, ihn fertigzumachen und ausführlich zu erklären, warum dieser Mann sexuell so unglücklich sei. Man hätte ihm zu verstehen gegeben, dass es seine Schuld sei, dass er es nicht richtig anpacke, dass er sich über nichts und niemanden beklagen dürfe. Und nebenbei hätte man sich über ihn lustig gemacht: Sag mal, hast du deine Fresse gesehen?

Das ist nur einer der vielen Aspekte, die Virginie Despentes in ihren 150 wütenden Seiten unter dem Teppich hervorkehrt. Die ungleiche Behandlung, die beide Geschlechter erfahren, quer durch die Bank, beleuchtet sie in aller Deutlichkeit. Sie plädiert für Selbstbestimmung, für die gesellschaftliche Absicherung von Prostituierten, für mehr Rechte von Vergewaltigungsopfern. Sie selbst wurde mit 17 Opfer einer solchen Straftat, und auch so viele Jahre danach kann sie nicht damit abschließen. Das muss sie auch nicht. Niemand darf das verlangen, niemand hat das Recht, Vergewaltigungsopfer ständig zu bevormunden, ihnen keinen Glauben zu schenken, sie zu bestrafen für das, was ihnen zugefügt wurde.

Virginie Despentes ist ein kleines Pulverfass, das spürt man deutlich. Wir alle sind es. Wir haben kein Verständnis mehr. Wir wollen nicht mehr brav sein, nicht mehr zurückstecken. Wir wollen nicht mehr unterdrückt und verlacht werden. Damit muss endlich Schluss sein. Spätestens für unsere Töchter.

Komplexe haben, das ist weiblich. Unauffällig sein. Gut zuhören. Nicht mit dem Verstand brillieren. Gerade gebildet genug sein, um zu begreifen, was der Schönling zu erzählen hat.

King Kong Theorie von Virginie Despentes ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-31910-1, 160 Seiten, 9,99 Euro).

Bücherwurmloch

„Mella hatte ein Schicksal, und wer in ihrer Nähe war, bekam auch eines: Besser konnte es Marie nicht erklären“

Es ist das Wie. Der Tonfall, das Dazwischen. Wenn du genau hinhörst, spürst du das Ungesagte.

Und Ungesagtes gibt es viel zwischen Mella und Marie. Weil so viele Jahre vergangen sind, seit sie Kinder waren. Seit sie befreundet waren. Einst war alles zwischen ihnen leicht, obwohl die Umstände schwer waren, obwohl Mellas Mutter erst nur abwesend war, nur verrückt war, nur in einer Klinik war – dann aber tot. Obwohl Marie Mellas Vater immer schon interessant fand, ein bisschen zu interessant. Obwohl sie Außenseiter waren in der Schule, jede auf ihre Art. Zwischen Mella und Marie gab es dieses Band, das vor allem Marie enger und enger knüpfte, weil sie fasziniert war von der Freundin und deren angeschlagener Familie. Jetzt, so viele Jahre später, begegnen sie einander wieder, sind gemeinsam beruflich unterwegs in Japan. Und da spüren sie es, das Ungesagte. Da sorgen sie dann doch dafür, dass es nicht länger ungesagt bleibt.

Es ist seltsam, aber wahr: Ich konnte dieses Buch nicht losgelöst von meinem eigenen lesen. Ein Roman über eine enge Freundschaft, die einen Bruch erleidet, von dem man als Leser erst nicht weiß, was ihn ausgelöst hat. Ein Roman über zwei Menschen, die sich wiedersehen nach Jahrzehnten, die sich einmal kannten und nun doch nicht mehr, zwischen denen so viel simmert. Es ist dasselbe Konstrukt, dieselbe Ausgangssituation. Und ich war sehr neugierig. Denn oft wurde ich bei all meinen Lesungen gefragt: Hätten Moritz und Raffael auch zwei Mädchen sein können? Ich habe immer geantwortet: Ja, natürlich – aber dann hätten sie einander andere Dinge angetan. Gudrun Seidenauer – die ich wegen ihres großartigen Buchs Aufgetrennte Tage kenne, das ich sehr liebe und euch ans Herz legen möchte – hat mir bewiesen, dass das stimmt. Die Story funktioniert. Die Ausgangssituation ermöglicht viele Wege. Wir sind beide am selben Punkt losgegangen – und woanders angekommen. Aber: Der Grundton ist der gleiche. Die Wehmut, die man spürt, wenn man einer Freundschaft hinterhertrauert. Die Verletzungen, die nur wahre Freunde uns auf diese Art zufügen können. Und das Loslassen, das manchmal gelingt – manchmal nicht.

Gudrun Seidenauer hat ein feines Ohr für die Zwischentöne. Und ein gutes Händchen, sie einzufangen, sie niederzuschreiben. So vieles gerät in eine Schieflage zwischen Marie und Mella, als Leser sieht man besorgt zu und weiß genau – gut ausgehen wird das nicht, das kann es nicht. Ich habe diesmal anders gelesen als sonst, mit einem tieferen Blick für die Konstruktion, für die Schichten, aus denen der Roman besteht. Ich war sehr gespannt darauf, wie sie ihre Figuren entlassen wird, mit welchen Schlussworten sie sie gehen lässt. Weil ich mich nun selbst sehr lange Zeit mit einer ganz bestimmten fiktiven toxischen Freundschaft beschäftigt habe. Weil ich viel diskutiert habe über das Ende meines Buchs. Und ich verrate euch den letzten Satz von Was wir einander nicht erzählten natürlich nicht, aber so viel kann ich euch sagen: Es ist ein guter letzter Satz.

Was wir einander nicht erzählten von Gudrun Seidenauer ist erschienen bei Milena (ISBN 978-3-903184-24-4, 264 Seiten, 24 Euro).

Bücherwurmloch

„Eigentlich ist es überhaupt nicht seltsam, dass die Menschen sich umbringen. Viel seltsamer ist doch, wenn sie es nicht tun“
Ellinor ist eine jener Frauen, die gerade verschroben genug sind, um noch als interessant zu gelten: Von ihrem ersten Freund hat sie sich beibringen lassen, wie man sich prügelt. Über eine Dating-Seite lernt sie Calisto kennen, der wirklich dick ist – und wirklich besessen von Houellebecq. Obwohl sie nichts füreinander empfinden, obwohl der Sex schlecht ist und sie einander nicht mal mögen, bleibt sie in seinem Haus – wo sich auch das Manuskript von Max Lamas befindet, „Die polyglotten Liebhaber“. Er hat es in Italien geschrieben, als er sich einquartiert hat bei Lucrezia und ihrer Familie. Einst reiche Adelige, bröckelt inzwischen der Putz von ihren Wänden – und was da zwischen Max Lamas und Lucrezias Großmutter gelaufen ist, ist mehr als rätselhaft.

Es geht um Sex in diesem Buch, um Macht und Erniedrigung, um Ekel, Neid und Geld. Es ist ein wilder Ritt, auf den die schwedische Autorin Lina Wolff den Leser mitnimmt. Auf den ersten 30 Seiten denkt man mehr als einmal: What the fuck?, und wenn man weiterliest, hört das nicht auf. Die Figuren sind fertig mit der Welt, mit dem Leben, mit sich selbst. Sie sind kaputt und irgendwie unangenehm. Lina Wolff erzählt absolut unbarmherzig. Sie stülpt das Innere ihrer Charaktere nach außen, und man hat fast das Gefühl: Sie macht sich lustig über sie, lacht sie aus wie eine fiese Mutter, die ihnen danach doch wieder über die Wange streicht. Weirder Vergleich? Ich sag’s euch, das Buch ist noch viel weirder.

Manche Szenen sind ziemlich bizarr. Mancher Handlungsstrang ebenfalls. Drei große Teile hat der Roman, sie hängen eher lose zusammen. Verbunden werden sie vom schwarzen Humor, von der bitteren, melancholischen und zugleich resignierten Sichtweise auf die Welt. Wie ein Kabinett der Kuriositäten präsentieren sich die Figuren, sie tanzen auf der Bühne, tanzen nach der Pfeife von Lina Wolff, die gekonnt die Fäden zieht – und nie das tut, was man erwartet. Ich bin nur so durchgerauscht durch dieses Buch, habe es im Zug innerhalb von zwei, drei Stunden inhaliert – und mich dabei ebenso gegraust wie diebisch gefreut. Über so manche Wendung, über so manche großartige Formulierung. Und vor allem: über so viel schonungslose Bosheit.

Sie sagen, dass Sie Liebeskummer haben. Ich dagegen bin ja nicht mal verliebt. Schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Mein Herz hat die Fähigkeit verloren, es ist zu schlau, um sich zu verlieben. Es durchschaut alles sofort, und dann denkt es sich: Warum soll ich aus meinem sicheren Schlupfwinkel hervorkriechen, nur um mich plagen zu lassen?

Die polyglotten Liebhaber von Lina Wolff ist erschienen bei Hoffmann und Campe (ISBN 978-3-455-00143-3, 288 Seiten, 22 Euro).

 

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„Die schlimmen Erinnerungen brennen sich immer viel tiefer ein“
Peter Manyweathers hat kein aufregendes Leben, aber er hat eine Mission: Er möchte die Blumen finden, von denen er in einem geheimnisvollen Brief gelesen hat. Es sind seltene Blumen, manche von ihnen wurden kaum jemals gesichtet, andere blühen ungefähr so oft, wie ein Meteorit auf der Erde einschlägt. Und jetzt wäre Peter eigentlich nicht der Typ für Abenteuer, doch als er den – angenehmerweise recht reichen – Hens kennenlernt, stellt sich bald heraus: Auch Hens ist interessiert an den schönen Pflanzen. Und an den schönen Frauen, die er kennenzulernen plant. Er treibt Peter an, gemeinsam zu jenen weit entfernten Orten zu reisen, an denen die Blüten, für die er sich begeistert, vielleicht zu finden sind. Doch nicht nur die beiden erleben dabei allerlei Merkwürdiges: Dreißig Jahre später hat Dove, dessen Leben ähnlich unspektakulär ist wie das von Peter, plötzlich seltsame Visionen. Von Blumen halluziniert er. Und von einem Mann, den er nie gesehen hat – und der ihm doch so bekannt vorkommt …

Unterhaltung auf hohem Niveau: Das ist Der Blumensammler von David Whitehouse. Ein feines, stringent erzähltes und vor allem wunderbar originelles Buch, das einen interessanten Einblick in die Flora dieser Welt gibt – und das Ganze mit einem Hauch Magie würzt. Wer hat je von der mysteriösen Udambara gehört? Oder von der bezaubernden Lichtnelke? Wer weiß, wo sie wachsen? Manche Blumen recken sich in unwegsamem Gelände der Sonne entgegen, andere blühen nur für einen winzig kurzen Moment. David Whitehouse hat ihnen eine Ode gewidmet, hat ihnen eine kleine Hymne geschrieben, und das ist schön. Es ist verträumt, ein bisschen romantisch, minimal kitschig und maximal gut zu lesen. Um mitzuschwimmen in dem Sog, den der junge englische Autor erzeugt, muss man sich einlassen auf die Verrücktheiten dieses Buchs. Auf die Ideen, die so einzigartig sind wie die beschriebenen Blumen. Auf die Erklärungen am Ende, die – näher betrachtet – vielleicht gar nicht so viel Sinn machen, die aber – wenn man wohlwollend bleibt – zum Schmunzeln anregen und einen Kreis ergeben. Dieses Buch ist genau das, was man in die Hand nehmen sollte, wenn man sich etwas Durchdachtes, Neues, Spannendes und Unterhaltsames wünscht. Es erzählt von Erinnerungen und magischen Verbindungen, von duftenden Blüten und dem Schönsten, was es auf dieser Welt zu finden gibt: der Liebe.

Das ist ja das Problem bei Erinnerungen. Man kann sie sich nicht aussuchen. Wenn man sich nur an das erinnern würde, an das man sich auch erinnern möchte, dann gäbe es keine gebrochenen Herzen.

Der Blumensammlervon David Whitehouse ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-50373-9, 346 Seiten, 20 Euro).

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„In North Carolina gab es die schwarze Rasse nur an den Enden von Stricken“

Bevor ich nach North Carolina zurückgekommen bin, hatte ich auch noch nie gesehen, wie ein Mob einen Menschen in Stücke reißt. Wenn man das gesehen hat, sagt man nicht mehr, was Menschen tun werden und was sie nicht tun werden.

Und etwas, das Menschen nicht tun, das gibt es nicht, sie tun alles, was einem einfallen kann, wie grausam und vermeintlich unmenschlich es auch sein mag. Und grausame Taten gibt es zur Genüge in diesem Buch, es besteht aus solchen Taten, es ist aus ihnen gebaut, denn es geht in Underground Railroadvon Colson Whitehead, ausgezeichnet mit dem National Book Award und mit dem Pulitzerpreis, um die Sklaverei. Schon seit langer Zeit beschäftigt mich die Tatsache, dass der Mensch jemals auf die Idee gekommen ist, einer sei mehr wert als der andere, die Farbe der Haut habe eine Bedeutung, und egal, wie viele Erklärungen ich dafür im Lauf meines Lebens gelesen habe, wirklich begriffen habe ich das nie. Dieses Erhöhen der einen über die anderen, obwohl wir alle dasselbe Blut haben und Knochen und ein Herz, obwohl wir alle dasselbe empfinden und sehen und wollen, obwohl wir eine Einheit sein könnten und sollten, das leuchtet mir nicht ein – und das wird es auch nie tun.

Wenn ich ein Buch wie dieses lese, das aufbereitet, was Menschen über Jahrhunderte weg anderen angetan haben, wie sie sie verprügelt und verstümmelt, ausgebeutet und ausgepeitscht, entwertet und bei lebendigem Leib verbrannt haben, bestätigt mich das nur immer wieder in meinem Glauben, dass die Menschheit der widerwärtigste Parasit ist, den die Erde sich je eingefangen hat. Und ich hoffe wieder aufs Neue, dass er bald ausstirbt und verschwindet von diesem Planeten, damit der sich erholen kann von der Krankheit Mensch. Lange wird das nicht mehr dauern, natürlich nicht, wir sind auf dem besten Weg, uns selbst und uns gegenseitig auszulöschen und auszuradieren. Colson Whitehead erzählt durch seine Protagonistin Cora, die von einer Sklavenplantage entkommt, von den Gräueln der damaligen Zeit – doch, nein, so viel besser ist es heute nicht, da brauchen wir uns nichts vorzumachen – und von dem Kampf für die Freiheit. Einem Kampf, der auch nach dem Ende der Sklaverei noch lange nicht gewonnen ist, denn #blacklivesmatter zeigt jeden Tag, wie sehr die Menschen mit der helleren Haut sich immer noch erhöhen über jene mit dunklerer. Obwohl das doch sowas von scheißegal sein sollte.

Coras Unglück war nicht an ihre Person oder ihr Handeln gekettet. Ihre Haut war schwarz, und so ging die Welt mit schwarzen Menschen um. Nicht mehr, nicht weniger.

Sie entkommt über ein System an Untergrundeisenbahnen, das es so – man muss sagen: leider – nie gegeben hat. Der Autor selbst hat erklärt, das Buch sei kein historischer Roman, er habe es nach dem Motto geschrieben „Halte dich nicht an Tatsachen, sondern an die Wahrheit“. Die Lektüre von Underground Railroad ist schwer auszuhalten, auch wenn man kein Misanthrop ist wie ich. Denn es erzählt nun mal die Wahrheit.

Underground Railroad von Colson Whitehead ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-25655-2, 352 Seiten, 24 Euro).

 

 

Snacks für zwischendurch

Für gewöhnlich bekommt ihr hier nur das zu sehen, worüber ich mehr als ein, zwei Sätze zu sagen habe – doch das soll sich ändern. In Wahrheit lese ich nämlich viel mehr. Ab sofort möchte ich euch meine monatliche Lektüre mit kurzen Kommentaren dazu zeigen. Keine neue Idee, ich weiß, das macht ihr ja fast alle so – neu aber immerhin für mich. Ich freu mich natürlich, wenn wir darüber diskutieren und uns austauschen!

Franziska Wilhelm: Meine Mutter schwebt im Weltall und Großmutter zieht Furchen
Großartig verrücktes Buch über eine junge Frau, die ein Verhältnis mit ihrem Onkel hat (ja, es ist so schräg, wie es klingt) und mit einem Fremden in einem Bulli quer durchs Land fährt. Roadtrips ergeben einfach immer die besten Geschichten. Darüber werdet ihr auf jeden Fall bald noch mehr lesen können.

Eve Harris: Die Hochzeit der Chani Kaufman
Hat mich wahnsinnig aufgeregt, dieses Buch. Da habe ich gemerkt: Ich habe kein Verständnis mehr für das, was im Namen der Religion Menschen angetan wird. Und vor allem den Frauen. Es macht mich einfach nur noch wütend. Ich konnte das nicht als schrullige jüdische Geschichte lesen, für mich war es in erster Linie eine Geschichte von Unterdrückung und Frauenverachtung.

Lukas Lindner: Der Letzte meiner Art
Beginnt irgendwie lustig, bleibt es aber nicht unbedingt – die Satire ist in meinen Augen nicht ganz gelungen. Manchmal hab ich geschmunzelt, viel öfter aber hab ich mich gewunden und fremdgeschämt. Es ist wie mit einem Witz, der nicht so richtig zündet. Eigentlich ist es eher traurig, aber nicht mal darüber kann man sich erfolgreich lustig machen.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall
Ich vergöttere Daniela Krien wegen ihrer großartigen Bücher „Irgendwann werden wir uns alles erzählen“ und „Muldental“. Als sie zu meiner Wohnzimmerlesung in Leipzig kam, war ich ein aufgeregtes Fangirl. Über ihren neuen Roman, der so herrlich anders ist als die Vorgänger, erzähle ich euch nach dem Erscheinungstermin mehr.

Siri Hustvedt: Die unsichtbare Frau
Eine herbe Enttäuschung, ich weiß nicht, was dieses Buch mir sagen will. Ich habe versucht, es zu ergründen, aber es ist wirr, unzusammenhängend, mit seltsam bedeutungslosen Botschaften. Und das, wo Siri Hustvedt eine so überragende Autorin ist. Irgendwann hab ich nur noch quergelesen.Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit
Im ersten Drittel war ich begeistert. Diese langsame, detailverliebte Sprache, dieser Rhythmus, diese landschaftliche Fremdartigkeit! Dann habe ich, wie es oft passiert, mehr und mehr das Interesse verloren. Es war immer noch schön und melodisch, aber ein bisschen pointless.

Thomas Hettche: Pfaueninsel
Ein tolles Setting: Ein zwergwüchsiges Mädchen namens Marie, das im Jahr 1810 auf die Pfaueninsel in der Havel bei Potsdam kommt und dort Schloßfräulein wird. Manchmal lustwandeln die Preußenkönige in dem künstlich angelegten Paradies mit Palmen und exotischen Tieren. Thomas Hettche beeindruckt durch eine formvollendete Sprache, er lässt die damalige Zeit aufleben, bleibt sehr nah bei seiner Figur. Gut zu lesen, interessant, bisschen langweilig.

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat
Es gibt einen Grad an Verrücktheit bei Figuren, der ist charmant, der ist kurios. Ist er überschritten, kann man nicht mehr folgen – den Handlungen nicht, dem Innenleben auch nicht. Das ist hier der Fall: Der Protagonist ist wirr im Kopf, und derart wirr sind seine Erzählungen, dass man als Leser Verständnis und Geduld verliert. „Tauben fliegen auf“ habe ich gefeiert, das hier war mir zu gewollt, ich habe keinen Zugang gefunden.

Nana Ekvtimishvili: Das Birnenfeld
Sie wachsen in einem Waisenhaus auf: Die inzwischen volljährige Lela und zahlreiche andere Kinder. Von deren Leben am Rand der Gesellschaft erzählt die georgische Autorin, die auch Filme dreht, in schnellen Schnitten und harten Szenen. Nicht hart genug aber, um wirklich zu erschüttern. Es sind Momentaufnahmen, Freundschaftsmomente, Streitmomente. Auch gut zu lesen, aber nicht sehr aufregend.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen
Ich weiß nicht, ich weiß nicht. Stellenweise hab ich dieses Buch gefeiert und seine Autorin für ihre kluge Ausdrucksweise. Dann wieder war ich extrem genervt, habe Seiten überblättert, auf denen die Handlung keinen Schritt voranging. Die nicht nachvollziehbaren Perspektivenwechsel haben mich gestört, mehr noch aber dass die Grundidee – eine Frau gesteht einen Mord, den sie nicht begangen hat – so seltsam lieblos umgesetzt wurde. Alles ist bereits zu Beginn bekannt, nichts ist spannend.

Harald Jöllinger: Marillen & Sauerkraut
Da hab ich mir viel erwartet, das klang richtig gut: Gschupfte und grantige Geschichten – perfekt für meine österreichische Seele! Noch an dem Tag, an dem das Buch bei mir ankam, hab ich angefangen, es zu lesen, und: Naja. Oder um es auf Österreichisch zu sagen: Ja, eh. Manche Storys sind herrlich böse, gschissen, grantig, mit anderen konnte ich genau gar nix anfangen. Sehr viel innerer Monolog, sehr viele Beobachtungen, die noch viel spitzer hätten sein dürfen – siehe Verlagskollegin Petra Piuk.

Eva Menasse: Tiere für Fortgeschrittene
2017 hat Eva Menasse für dieses Buch den Österreichischen Buchpreis bekommen. Es enthält Geschichten, gebündelt unter dem großen Nenner „Tiere“. Manche Sätze sind unglaublich treffend, großartige Alltagsbeobachtungen, die möchte man sich einrahmen. Die Storys selbst sind manchmal eigenartig zerfranst, ohne harten Kern, ohne Wumms.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören
Das ist einer dieser Romane, bei denen man denkt: Oh, ja, das hätte was werden können. Das ist nur ganz knapp vorbei. Da spüre ich das Herz, da spüre ich das Talent – allein, es berührt mich (noch) nicht. Viele schöne Szenen, im Großen und Ganzen aber ein bisschen blutleer, zerstückelt, eine Nuance zu distanziert.

Das also in aller Kürze zu meinen literarischen Ausflügen im ersten Monat des Jahres 2019 – Blogbeiträge werden daraus wohl nur zwei, vielleicht drei entstehen. Alle anderen Bücher, ihr wisst ja, ich lebe in der Hinsicht minimalistisch, dürfen ihr neues Zuhause in der Bücherei beziehen. Habt ihr einen der Titel gelesen und seid ihr der gleichen Meinung wie ich? Oder seht ihr das ganz anders?

 

 

 

 

 

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„Die Menschen, von denen wir lernen, nehmen einen besonderen Platz in unserer Erinnerung ein“

Fast gestorben zu sein ist nichts Einmaliges oder Besonderes. Der Tod begegnet uns ständig; wohl jeder, wage ich zu vermuten, war ihm schon einmal nahe, vielleicht ohne es zu merken.

Es sind diese Situationen, von denen Maggie O’Farrell erzählt: Momente, in denen der Tod nah war. So nah, dass sie es sehr wohl gemerkt hat. Sie, die bekannt ist für ihre bisher sieben Romane, hat sich der eigenen Geschichte angenommen, hat eine Art bruchstückhafte Autobiografie geschrieben, hat sich mit ihrem Leben beschäftigt und nur jene Augenblicke behandelt, in denen ebenjenes Leben beinahe zu Ende gewesen wäre.

Maggie O’Farrell wäre beinahe ertrunken und einer Infektion erlegen, sie wurde mit einer Waffe bedroht und war bei der Geburt ihres Kindes in Lebensgefahr. Das beschreibt sie jedes Mal mit einer Detailverliebtheit, dass ich mich frage, wie viel Wahrheit darin steckt, wie viel Fiktion, was sind unsere Erinnerungen denn anderes als Gedanken, die wir uns heute über das Damals machen? Erstaunlich finde ich die Tatsache, wie oft Maggie O’Farrell – von Kindesbeinen an – offenbar dem Tod ins Auge geblickt hat. 17 solcher Geschichten umfasst das Buch. Ich kann von keinen solchen gefährlichen Dem-Himmel-so-nah-Momenten in meinem Leben berichten, oder vielleicht: Mir war nie bewusst, dass dieser Hauch mich beinahe gestreift hätte. Die wild durcheinandergewürfelten Kapitel sind spannend und kurzweilig zu lesen, im Ganzen ergeben sie einen Bericht über Nahtoderfahrungen, eine Mahnung, das Leben zu nutzen mit dem Wissen, dass es vorbei sein kann jederzeit. So gesehen: Carpe Diem in Buchform.

Ich bin ich bin ich bin von Maggie O’Farrell ist erschienen bei Piper (ISBN 978-3-492-05889-6, 256 Seiten, 22 Euro).

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„Nur weil zwei Leute heiraten, heißt das noch lange nicht, dass sie einander alles sagen“
Drei Buben, ein Mädchen: Das ist der Sommer in Apulien, das ist jeder Sommer in Apulien, wo Teresa ihre Ferien verbringt. Sie stammt aus Turin und kommt mit dem Vater, jedes Jahr, und sie ist fasziniert von Bern, Tommaso und Nicola, die auf einem Hof aufwachsen, eigentlich keine Brüder sind, aber irgendwie doch, sie leben streng religiös und arbeiten hart. Besonders für Bern interessiert Teresa sich, und aus diesem Interesse wird eine erste große Liebe, wird die vielleicht einzige große Liebe. Doch die beiden werden es nicht leicht miteinander haben in den Jahren, die folgen, sie werden sich, bei aller Liebe, wieder und wieder verletzen, verlieren, erneut finden, bis es nichts mehr zu finden gibt.

Das klingt nach einer guten Geschichte, nicht wahr? Ist es nur leider nicht. Paolo Giordano kann schreiben, keine Frage, sehr gut kann er das, und es gibt Szenen in Den Himmel stürmen, die sind getragen von seinem typischen Ton, die sind ausgezeichnet formuliert. Nur die Story, die Handlung, ist derart unstimmig, zerfasert, unglaubwürdig, dass ich mich ständig frage: Paolo, warum? Was hast du getan? Die Richtung, in die das Buch sich entwickelt, die die gesamte Geschichte einnimmt, ist dröge und unromantisch, sehr seltsam auch: Das Paar verstrickt sich in eine Obsession, plagt sich, müht sich ab, die Liebe geht in kürzester Zeit verloren und ja – das mag so sein im Alltag. Ich verstehe das, ich mache mir keine Illusionen. Aber dadurch wird es ein ganz anderes Buch, als die Rahmenhandlung glauben machen will, als Titel und Aufmachung und Klappentext sagen, ein nüchternes, schwieriges Buch. Es ist keine Lovestory. Es ist kein Roman von zweien, die sich als Jugendliche kennenlernen und über Widrigkeiten hinweg abstoßen und anziehen. Es ist vielmehr ein Roman darüber, dass Menschen sich manchmal einbilden, sie müssten etwas haben, etwas bekommen – und dann, wenn sie es nicht erreichen können, alles hinwerfen, das ihnen etwas bedeutet.

Am wenigsten mag ich die Zeitsprünge, die mir zu abrupt sind und deren Sinn sich mir nicht erschließt. Weshalb erzählt Hauptfigur Teresa ab und zu – völlig aus dem Zusammenhang und ohne erkennbare Dramaturgie – von einem Zeitpunkt fünfzehn Jahre später, warum zerstört Paolo Giordano durch diese Einschübe jegliche Spannung, jegliches Rätselraten, was geschehen wird mit Teresa und Bern? Wieso ist Teresa so erschreckend passiv, blass, unzugänglich? Manchmal habe ich den Eindruck, und das ist vielleicht das Schlimmste, dass es sich so anhört, wenn ein Mann sich vorstellt, wie eine Frau sich fühlt. Und ich mich beim Lesen winde, laut rufen möchte: So nicht, so ist es nicht! Alle Figuren im Buch sind ständig genervt. Diese jungen Menschen, die den Hof später besetzen und selbst bewirtschaften, die unabhängig sein wollen und revolutionär, sind allesamt unglücklich mit ihrem eigenen Lebensentwurf. Sie scheinen zu denken: Das hätte was werden können, das haben wir uns so gut vorgestellt, warum klappt es nicht? Und genau so geht es mir mit diesem Buch.

Den Himmel stürmen von Paolo Giordano ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-02533-5, 528 Seiten, 22 Euro).

 

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„Es gibt kein Gesetz, das den Menschen verbietet, einander zu hassen“
Lawrence Newman fühlt sich sicher. Er hat ein ganz gutes Leben, er ist Personalchef in einer großen Firma und überwacht die Stenotypistinnen. Er ist kein empathischer Mensch, als nachts eine Frau vor seiner Wohnung attackiert wird, kümmert er sich nicht weiter darum und kommt gar nicht auf den Gedanken, ihr zu helfen. Doch mit dieser Sicherheit, auf der richtigen Seite zu stehen, niemals in Gefahr geraten zu können, ist es plötzlich vorbei, als Lawrence immer stärkere Sehprobleme hat und deshalb eine Brille braucht. Mit dieser Brille sieht er nämlich auf einmal aus wie ein Jude. Zumindest empfinden das die Leute so, und Lawrence gerät aufgrund dieser vermeintlichen Kleinigkeit, aufgrund dieses Eindrucks, den er nun erweckt, mit einem Mal in größte Bedrängnis. Man begegnet ihm mit Abscheu und Verachtung, er verliert seine Stellung und sein Ansehen – und man trachtet ihm sogar nach dem Leben.

Nun gut, dachte er, ich könnte ihn überzeugen, dass ich kein Jude bin. Ich könnte sogar so weit gehen, ihm meinen Taufschein zu bringen. Nun gut. (…) Doch er wusste, dass er selber damals in seinem gläsernen Büro keinerlei Beweise, keinerlei Dokumente, keinerlei Worte als Argument gegen des Aussehen eines Gesichts akzeptiert hätte.

Antisemitismus in Amerika: Das ist für uns Europäer ein eher unbeschriebenes Blatt. Wir wissen Bescheid, wir sollten Bescheid wissen über den Zweiten Weltkrieg, über die Ausgangssituation in Österreich und Deutschland, und die Geschichten, die wir hören, enden meist, im Glücksfall, damit, dass jüdischen Menschen die Flucht in die USA gelungen ist. Doch was uns nicht klar ist: Diese Geschichten, die waren damit ja gar nicht zu Ende. Und: In Amerika wollte diese Menschen eigentlich auch niemand haben. Davon erzählt der Dramatiker Arthur Miller – einst Ehemann von Marilyn Monroe und 2005 verstorben – in diesem seinem einzigen Roman, der 1945 erschienen ist. Für sein Stück Tod eines Handlungsreisendenbekam er 1949 den Pulitzerpreis, auch Die Hexen von Salemstammt aus seiner Feder. In Fokussetzt er einen beliebigen Mann, einen 08/15-Protagonisten einer seltsamen Situation aus: Durch etwas so Banales wie eine Brille bekommt er ein vermeintlich jüdisches Aussehen, und dadurch kann der Schriftsteller bestens analysieren, was das macht mit einem Menschen, wie stark optisch geprägte Vorurteile sind, wie hilflos jemand ist, der sich diesen Vorurteilen ausgesetzt sieht, wie schnell er sämtliche Privilegien verliert und letztlich auch, wie stark ausgeprägt ebenjener Antisemitismus in Amerika war. Das zu lesen, ist erschütternd.

Sein Leben lang hatte er diese Abneigung gegen das Judentum mit sich herumgetragen, ohne sie allzu ernst zu nehmen. Es war nicht wichtiger als ein Widerwillen gegen gewisse Nahrungsmittel.

Das ist eine sehr bezeichnende Aussage, die auf den Punkt bringt, wie stark der Antisemitismus in den Menschen verankert ist – ohne dass sie dem jedoch Beachtung schenken. Lawrence Newman muss sich erst damit auseinandersetzen, als er sich persönlich damit konfrontiert sieht. Und genau darin liegt die Stärke des Romans: Einer wird vom Mitläufer zum Ziel, einer wird vom Teil der Masse zum Exponierten. „Heute fragt man sich unweigerlich, ob es je wieder zu einer Situation kommen könnte, wie sie im Roman beschrieben wird, und die Antwort kennt niemand“, heißt es im Vorwort. Und ich wünschte, sagen zu können, die Antwort lautet Nein, aber wir wissen alle, dass das leider eine Lüge wäre.

Fokus von Arthur Miller ist in dieser wunderschönen Ausgabe mit Holzschnitten von Franziska Neubert erschienen bei der Büchergilde.

 

 

 

Bücherwurmloch

Mehr als 120 Bücher hab ich in diesem Jahr gelesen. Kranker Scheiß, ey, ich weiß nicht genau, wie ich das geschafft habe, es muss an den vielen Zugfahrten für meine Lesereisen gelegen haben. So oder so: Derart viele waren es noch nie (zum Vergleich: Letztes Jahr waren es 83). Dabei habe ich aber nur jene gezählt, die ich wirklich gelesen habe, ich sortiere ja sehr schnell aus und breche ab, was mich nicht fesselt. Um die Quantität soll es aber heute gar nicht gehen, sondern, das ist ja immer wichtiger, um die Qualität: Bedeuten mehr Bücher auch mehr GUTE Bücher? Offenbar nicht unbedingt, zu den absoluten Highlights, die ich 2018 gelesen habe, gehören trotzdem nur sieben Titel. Und das sind sie:

Mariana Leky hat mich mit ihrem hochgelobten Bestseller Was man von hier aus sehen kann erst sehr spät überzeugt, dafür aber umso mehr: Es ist ein fein ausbalanciertes, melodisch komponiertes Buch mit einer großen Portion Verrücktheit, es ist nicht alltäglich, und das macht es originell. Es ist bittersüß und zart, es hat liebenswerte, kauzige Charaktere, Handlung hat es nicht viel, aber eine meisterhafte, verspielte Sprache, die durchgängig bis zum Schluss den Ton hält. Am Ende ergibt alles einen Sinn, und das ist vielleicht das Beste, was man über einen Roman sagen kann.

Jacqueline Woodson hat mit Ein anderes Brooklyn ein intensives Buch geschrieben, das ich auf einer eineinhalbstündigen Zugfahrt inhaliert habe. Es kribbelt auf der Haut während der Lektüre, es rumort im Magen und im Herzen auch. Man kann nicht genau festmachen, woran das Unwohlsein liegt, warum es so sticht und schmerzt. Idealerweise klingt in Büchern wie diesem, die so viel ungesagt lassen, genau das Ungesagte noch viel lauter. Das ist hier der Fall, und es ist sehr gut.

Mit The Power hat Naomi Alderman mich total geflasht, weil die Idee hinter dem Buch sehr gut, sehr originell und sehr konsequent umgesetzt ist. In dieser Geschichte sind die Frauen den Männern überlegen. Es dauert nicht lange, bis sie ihre neue Gabe nutzen, bis sie sich auflehnen und aufbegehren, sich wehren und die Ketten sprengen, in die das Patriarchat sie gelegt hat. Weltweit bricht eine nie dagewesene Revolution los. Unbedingte Leseempfehlung!

Jennifer Clement hat mit Gun Love einmal mehr bewiesen, was für eine herausragende Schriftstellerin sie ist: Sie sticht einem mit dieser Geschichte mitten ins Herz. Ich hab geweint, unter Tränen gelacht, ich war schon von der ersten Seite an ergriffen, ich hab diesen Roman seither sogar bei meinen eigenen Lesungen empfohlen, und ich hab ihn zu Weihnachten mehrmals verschenkt. Weil er einfach so gut ist. Weil er viele Leser finden muss. Weil er mein Jahreshighlight ist.

Wie großartig Sibylle Berg ist, lässt sich kaum in Worte fassen. Sie ist eine Meisterin, ein Genie. Im Frühsommer habe ich ihren Roman Vielen Dank für das Leben gelesen und mich bei so vielen Sätzen im Innersten erkannt gefühlt. Nur sie kann mit einem derart nüchternen, klaren Blick auf die Menschheit schauen und beschreiben, wie sie funktioniert, wie sie ausgrenzt und verlacht, wie sie tötet, manchmal schnell, mit gezielten Hieben, manchmal langsam, mit Liebesentzug und Ignoranz. Dieses Buch ist grausam und authentisch und echt, es ist traurig, unfassbar traurig, es ist schwarz und scharf und klug und pointiert. Es ist, wie die Menschen sind: gnadenlos. Und es tut weh.

Der Trafikant von Robert Seethaler ist ein Roman, den ich ausnahmslos jedem in die Hand drücken würde. Weil er so gut ist. Weil er dringend gelesen werden muss. Weil er vielleicht etwas bewirken, etwas verändern kann. Robert Seethaler kann etwas, das nicht viele können: Er erzählt mit einer beneidenswerten Leichtigkeit. So easy hört sich das an, so fließend, dass man gar nicht merkt, dass es da um die großen, um die größten Themen überhaupt geht, um die Liebe, um den Tod, um den beginnenden Holocaust. Alles kann er erzählen, alles, ohne dass es schwer zu sein scheint, und deswegen mag ich ihn so. Ein richtig, richtig gutes Buch, das auch ihr lesen und jedem in die Hand drücken solltet.

Überrascht hat mich Sina Pousset mit ihrem Debüt SchwimmenEs ist ein Buch über die Freundschaft und jene Grenzen, an denen Freundschaft ausfranst, sich verwandelt, wenn man es zulässt, an denen sie aber auch zugrunde gehen kann, wenn man nicht aufpasst, wenn man den Zeitpunkt verpasst, immer wieder. Es ist außerdem ein Buch über die Unfähigkeit weiterzumachen nach einem Verlust, der so umfassend ist, dass man sich wie ausgehebelt fühlt danach, als sei oben unten und unten oben, als habe man kein Ziel mehr und keinen Anker. Und es erzählt in einer hervorragenden Sprache.

Und nun, meine Damen und Herren, folgen in zufälliger Reihung ebenfalls außerordentlich gute Bücher, die ich 2018 gelesen habe:

Chris Kraus: Sommerfrauen Winterfrauen
Andrea Gerk: Lob der schlechten Laune
E. Lockhart: We were liars
Sabrina Janesch: Die goldene Stadt
Willi Achten: Nichts bleibt
Karosh Taha: Beschreibung einer Krabbenwanderung
Ruth Cerha: Traumrakete
Garth Greenwell: Was zu dir gehört
Helmut Krausser: Geschehnisse während der Weltmeisterschaft
Lucy Fricke: Töchter
Arno Frank: So, und jetzt kommst du
Matthew Heiner: Alles über Heather
Juli Zeh: Unterleuten
Ian McGuire: Nordwasser
Yael Inokai: Mahlstrom
Marie Gamillscheg: Alles was glänzt
Andrew Sean Greer: Less
Kirsten Fuchs: Signalstörung
Kathrin Weßling: Super, und dir?
Paulus Hochgatterer: Der Tag, an dem mein Großvater ein Held war
Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen
Brit Bennett: Die Mütter
Leila Slimani: Dann schlaf auch du
Torsten Seifert: Wer ist B. Traven?
Davit Gabunia: Farben der Nacht
James Baldwin: Von dieser Welt
Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
Gerhard Jäger: All die Nacht über uns
Nell Leyshon: Die Farbe von Milch
Wolf Haas: Junger Mann
Bret Anthony Johnston: Remember me like this
David Whitehouse: Der Blumensammler
Lina Wolff: Die polyglotten Liebhaber
Virginie Despentes: King Kong Theorie
Chloe Benjamin: The Immortalists
Karoline Menge: Warten auf Schnee
María Hesse: Frida Kahlo
Kai Wieland: Amerika

Es war, wie ihr sehen könnt, ein sehr abwechslungsreiches, literarisch ausgefülltes Jahr. Habt ihr manche dieser Titel auch gelesen? Und freut ihr euch, wie ich, schon auf das Frühjahrsprogramm?