Bücherwurmloch

„Es ist nichts, ich habe nur das Gefühl, in eine gewaltige Leere zu fallen und dass diese Leere in mir drin ist“

„Ich wusste nicht, was ich wollte, wollte es dafür aber umso energischer.“

Das beschreibt den jungen Studenten ganz gut, der fasziniert ist von den Vögeln, die tot vom Himmel fallen. Es geschieht nahe seinem Heimatort, und so bricht er auf von Paris, wo er ein ereignisloses Leben führt, um mehr über das geheimnisvolle Vogelsterben herauszufinden. Damit er sich an der Küste entlangbewegen kann, reist er auf einem Schiff – und lernt dort die schöne Clarisse kennen. Die beiden kommen sich näher, irgendwie, zumindest kurz – doch es gibt eben Geheimnisse, die sich nicht lösen lassen.

Und eigentlich ist von Anfang an klar, dass wir das alles nicht erfahren werden, nichts davon, es gibt diese Bücher, bei denen weiß man schon am Beginn, dass man auch am Ende nichts wissen wird. Wenn die Reise trotzdem eine erkenntnisreiche ist, wenn die Sprache vielleicht herausragend ist oder die Bilder tragen, dann ist das in Ordnung. Wenn alles jedoch blass bleibt und seltsam inhaltslos, nun ja – dann nicht. Die Sache ist: Warum die Vögel sterben lässt sich gut lesen, man liest es so dahin, und schon kurze Zeit später hat man vergessen, was man da gelesen hat. Es hat mich verwundert, wie ein Protagonist so wenig Kern haben kann, so wenig Persönlichkeit. Er ist durchaus sympathisch, dabei aber unglaublich langweilig. Wie leider, Verzeihung, das gesamte Buch. Das Eingangszitat fasst es perfekt zusammen: eine große Leere, innen drin.

Warum die Vögel sterben von Victor Pouchet ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN  978-3-8270-1377-4, 192 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

„Wir sind wie niemand sonst, wir haben uns selbst erschaffen, wir sind einander unentbehrlich, unvergleichlich und unangepasst, die Einzigen unserer Art“

Was für ein wildes, wildes Buch! Jocelyne Saucier – die mich bereits mit Ein Leben mehr begeistert hat – hat einmal mehr gezeigt, was für originelle Geschichten sie erfindet. Ah, so wundervoll! Der Roman spielt in einer halb verfallenen Minenstadt, doch das allein ist nicht das Besondere: Die Familie im Buch hat 21 Kinder. Ganz recht – einundzwanzig. Es ist ein Getobe und Gerenne, Geschubse, Geprügle, Gestreite, in dem die Geschwister aufwachsen – eine ganz einzigartige Kindheit. Kann man sich vorstellen, mit so vielen Menschen zusammenzuleben? Der Vater ist kaum anwesend, er sucht nach Erz und beschäftigt sich mehr mit Steinen als mit seinen Kindern, die Mutter kocht ununterbrochen, den ganzen Tag, sie bringt Mahlzeiten auf den Tisch, um alle zu versorgen.

„Das Haus ist im selben Zustand wie die Familie. Verfallen, versehrt, aber zäh, es ist das einzige Gebäude in Norco, das noch steht.“

Nachts wandert sie durch alle Zimmer und betrachtet ihre Kinder, um sicherzugehen, dass keines fehlt. Viele Jahre später kommen die Geschwister wieder zusammen – doch schnell wird klar: Etwas stimmt nicht. Es gibt ein Geheimnis.

„Es ist, als würde ich Schatten hinterherjagen. Ich laufe von einem zum anderen, renne hin und her, suche nach irgendwas, aber die Schatten huschen davon, die Grüppchen lösen sich auf, und plötzlich hängt das Gespräch in der Luft, und ich stehe allein da, mein Herz in den Händen.“

Das ist der Auftakt, und von hier an entrollt Jocelyne Saucier diese höchst ungewöhnliche Story über eine Familie, in der die Kinder schon mit sieben Jahren lernen, wie man mit Dynamit umgeht, in der jeder schläft, wo er gerade Platz hat, in der es ein Zwillingspaar gibt und viele unerfüllte Träume. Nicht jedes der 21 Kinder kann Jocelyne Saucier detailliert beschreiben, das liegt in der Natur der Sache, allein die Namen würden wohl eine halbe Seite füllen, und doch bekommt man ein gutes Gefühl für ihre Charaktere:

„Er ist zäh, unser Geronimo, er würde selbst in einem Meer von Tränen nicht ertrinken.“

„So betrat ich die Welt meines Bruders Tim, eine merkwürdige Welt voller Kinderlachen und schmerzverzerrten Gesichtern, eine Welt, durch die er sich mühelos bewegt, geübt im Umgang mit dem kleinen Glück eines einfachen Lebens und den Unebenheiten einer gebrochenen Seele.“

Man rauscht nur so durch die Seiten, um zu ergründen, was diese große Familie derart erschüttert hat. Und Jocelyne Saucier schreibt herrlich rau, ungezähmt und sorglos, authentisch und glaubhaft. Ich mag alles, was sie macht, weil es erfrischend anders ist. Und gut.

„Die Familie ist eine Begegnung mit dem, was man am tiefsten in sich vergraben hat.“

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-458-17800-2, 225 Seiten, 20 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Für manche is’ das Leben wie eine Hühnerleiter. Kurz und beschissen“
„Du, dein Papa und i. Wir hab’n unersättliche Herz’n. Die hören von selber nit zum Schlagen auf“, sagt Urgroßvater Tat’ka zu Illy – und erklärt dadurch sein hohes Alter. Überhaupt erklärt er ihr viel, aber nicht auf eine belehrende, sondern auf eine großherzige Weise und indem er sie ihr vorlebt. Er ist ein großer, starker, sturer Mann, bekannt im Dorf als der alte Fassbinder, der mal beim Kartenspiel das Haus gewonnen hat, in dem er wohnt. Freundlich ist er nicht immer, nicht zu allen Leuten – außer zu Illy. Und manchmal gelingt das, dass eine Generation an eine andere weitergibt, was sie gelernt und erfahren hat, manchmal entsteht eine Verbindung, die stärker ist als alle anderen. Immer wieder im Mai stoßen wir zu Illy und ihrem Urgroßvater und bekommen erzählt, was in der Zwischenzeit geschehen ist – bis Illy erwachsen ist und sich lösen kann von allem, was sie gefangen hält im Innen und im Außen.

Fünf Tage im Mai geht so ans Herz! Es war mein Überraschungshighlight in diesem Frühling (und ich hab es daher auch für das Bücher-Battle für die Kategorie Österreich ausgewählt). Es hat mich beschäftigt, berührt und tatsächlich, am Ende, zum Weinen gebracht. Weil ich es mag, wenn Geschichten herzerwärmend sind, ohne dabei kitschig zu werden – und das ist der Österreicherin Elisabeth R. Hager ausgezeichnet gelungen. Überhaupt, das Österreichische, das ich jetzt schon mehrfach zur Sprache gebracht hab: Es macht diesen Roman besonders. Er ist melancholisch und witzig, er ist Tirolerisch, voller Dialekt und jenem Flair, das in den Bergen herrscht. Es ist einfach etwas anderes, ein solches Buch zu lesen, es geht auf direkterem Weg unter die Haut, es muss kaum Hürden überwinden, es bringt eine Seite in meiner Seele zum Klingen, die nur selten angerührt wird. Ein solches Buch ist, Verzeihung, ein Stückchen Heimat.

„Ich sah den baumlangen Kraftmenschen vor mir, der mich durch meine Kindheit begleitet hatte, den grauen Filzhut auf dem Kopf und ein spitzbübisches Lächeln im Gesicht. Es war möglich, den Schmerz zu bannen, indem man ihn mit anderen teilte. Es war möglich, zwischen den Menschen unsichtbare Brücken aus Wörtern zu bauen, auf denen die Gefühle von einem zum andern wandern konnten.“

Und das ist schön, genau wie dieses Buch. Lest es und lernt den alten Tat’ka kennen, ihr werdet es nicht bereuen.

Fünf Tage im Mai von Elisabeth R. Hager ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-96264-2, 221 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Boah, was stinkt das. Ist hier ’ne Douglas-Verkäuferin gestorben, oder was?“

Giulia Becker ist eine großartige Frau. Ich folge ihr schon lange auf Twitter und himmle sie an. Dazu muss man wissen: Twitter ist nicht wie Instagram, dort fliegen einem die Follower und die Herzen nicht so zu, man muss sie sich hart erarbeiten. Giulia Becker ist außerdem im Autorenteam von Jan Böhmermann, das Witzigsein ist also ihr Beruf. Sie steht auf Bühnen und singt, sie ist eine Präsenz. Und sie kann schreiben – das hat sie mit ihrem Debütroman bewiesen. Der ist nämlich eine Rarität: Er ist witzig – obwohl er von einer Deutschen stammt.

Tschuldigung, kleiner liebevoller Seitenhieb unter Nachbarn. So oder so hat mich schon die allererste Seite des Buchs überzeugt: Da stirbt ein Hund, okay, das ist vielleicht per se nicht so witzig, aber dieser Hund heißt Mandarine Schatzi (und erstickt in einer Punica-Flasche). Diese erste Seite ist am Punkt, ich hab sofort gelacht, ich hab Giulia geschrieben, wie gut ich den Namen finde, woraufhin sie mir geantwortet hat, dass es Mandarine Schatzi wirklich gibt und dieser Hund einen eigenen Facebook-Account hat. Sofern euch das allein noch nicht überzeugt, ich hab noch mehr zu bieten (und Giulia sowieso): Da wäre zum Beispiel noch Silke. Sie hat vor Jahren die Notbremse im Zug gezogen, ist seither wegen der Schadensersatzforderungen verschuldet und muss in der Bahnhofsmission Sozialstunden abarbeiten. Sie ist eine Frau mit Herz, die sich aufopfert für die anderen:

„Wenn Silke zuhörte, schien es, als fühlte sie sich in die Geschichten hinein, verschwand darin regelrecht, und war am Ende nicht selten aufgebrauchter als die erzählende Person selbst.“

Und Leute, denen sie zuhört, gibt es einige, und kennengelernt haben sie sich in der Selbsthilfegruppe der Caritas für durch Eigenverschulden in Not Geratene: Willy-Martin zum Beispiel, der sich um Tauben kümmert und beim Online-Kniffel die Knochenbrecherin Kerstin kennenlernt, die quirlige Renate, Frauchen von Mandarine Schatzi und TV-Shopping-süchtig, außerdem die alte Frau Goebel, die nur noch einen Wunsch hat: Sie will die Papageien im Badeparadies Tropical Island sehen. Und so brechen alle diese Gestalten zu einem Roadtrip auf. Das ist natürlich das Beste, was einem witzigen Roman passieren kann, nein, das ist es, was ein witziger Roman haben muss: leicht angeknackste, kauzige, schrullige Figuren, mit denen man fiebert und leidet und lacht.

„Frau Goebel schläft, wahrscheinlich. So ganz sicher kann man das bei ihr nie sagen. Sie wirkt wie jemand, der schon lange müde ist, aber permanent am Einschlafen gehindert wird.“

I feel so related.

Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-498-00689-1, 224 Seiten, 20 Euro.)

Bücherwurmloch

„Ist doch nicht normal, so etwas zu erfinden“
Können wir einen Moment innehalten und dieses Wort genießen? Es ist ein wirklich schönes Wort. Kaschmirgefühl. Taktil irgendwie. Geschmeidig. Es ist so weich wie dieses Buch. So weich wie die andere Seite von Bernhard Aichner, der sich mit Thrillern einen Namen erschrieben hat – von denen ich keinen gelesen habe, ich gestehe es. Aber den Bernhard hab ich kennengelernt, auf der Frankfurter Buchmesse, in einer Bar, deren Namen ich nicht mehr weiß, ich denke, es war ein Uhr morgens. Wir haben uns über pubertierende Kinder unterhalten und über Netflix, und als ich gesehen habe, dass Bernhard ein Buch rausbringt, in dem ausnahmsweise mal keiner stirbt, musste ich es natürlich lesen.

Und dann war ich überrascht, denn ich mag alles, was originell ist, und damit ihr diesen Überraschungsmoment auch habt, werde ich hier nicht spoilern. Es geht um zwei Menschen in diesem kurzen, witzigen Roman, die sich kennenlernen, ein Mann und eine Frau. Dass sie einsam sind, merkt man schnell, dass sie nicht die Wahrheit sagen, auch. Warum tun sie das? Was steckt dahinter? Die Auflösung präsentiert Bernhard Aichner freilich erst ganz am Ende – er ist ja ein Experte. Er hat eine schöne, fantasievolle, erheiternde Story geschrieben, die lächeln macht für einen Moment, und das ist doch schon viel, die einem ein gutes Gefühl gibt – ein Kaschmirgefühl.

Kaschmirgefühl von Bernhard Aichner ist erschienen im Haymon Verlag (ISBN 978-3-7099-3456-2, 188 Seiten, 17,90 Euro).

Bücherwurmloch

„Ich wandele Einsamkeit in Lust und entkomme auf diese Weise dem Schmerz“

„Ich bin Feministin, ich bin stolz, aber was nützt das, wenn ich Lust habe, einen Schwanz zu lutschen.“

Judith ist Zahnärztin auf einer sehr kleinen Insel in Norddeutschland, auf der es kaum Menschen, vor allem: kaum Männer gibt. Dieser Mangel lässt sich nur in der touristischen Hochsaison ausgleichen, wenn Horden von Urlaubern (vor allem: von Männern) auf die Insel strömen, in Judiths Praxis und in Judiths offene Arme. Ihr Motto dabei:

„Mein Körper hat drei Löcher, die ich mit einer größtmöglichen Zahl an Schwänzen stopfe, nach Möglichkeit kein zweites Mal mit demselben.“

Stets über ihre Eskapaden informiert ist Judiths Ehemann Hovard. Bereits vor 25 Jahren hat er beschlossen, dass er nicht mehr mit ihr – die mittlerweile 51 ist – schlafen will. Stattdessen haben die beiden eine andere Art der Intimität gefunden: Er therapiert sie. Er versucht zu ergründen, warum sie Nymphomanin ist, woher ihre Sexsucht rührt, und das ist ein Die-Katze-beißt-sich-in-den-Schwanz-Dilemma, weil vieles davon an ihm und ihrer beider Beziehung liegt. Judith sieht das alles jedoch recht rational: Es ist ein Spiel, das bestimmten Regeln folgt. Und sie beherrscht sie alle.

Corinna T. Sievers kann etwas, das mich fasziniert: Sie schreibt auf kühle Art über heißen Sex. Damit hat sie mich schon in Die Halbwertszeit der Liebe rumgekriegt, wobei die dortige Protagonistin quasi das Gegenteil von Judith war: die eine asexuell und chronisch trocken, die andere nymphomanisch veranlagt und dauerhorny. Wie überaus großartig, dass Corinna sich solcher Figuren annimmt, sie erschafft, sie erklärt, sie leben lässt – abseits vom grausig langweiligen Mainstreamporn, der uns umgibt.

Meine Faszination wird übrigens geteilt von der Jury des Bachmann-Preises, wo Corinna 2018 einen Auszug aus Vor der Flut gelesen hat. Es geht um das sexuell Extreme in ihren Büchern, um die Facetten der menschlichen Sexualität, und deshalb sind sie so interessant. Was für ein starker Motor sind unsere Triebe? Welche Entscheidungen treffen wir ihretwegen – gute wie schlechte? Wie funktioniert so ein Körper? Und wie hilflos ist unser Verstand ihm letztlich ausgeliefert? All dies untersucht Corinna T. Sievers auf fast schon wissenschaftliche, neugierig-informierte Weise und befeuert mit den Erkenntnissen die Handlung. Das ist tabulos und ungeschönt, das ist direkt, ehrlich, anders, ganz, ganz anders, und dadurch so hervorragend. Ich wünsche mir so sehr, dass wir als Gesellschaft endlich aufhören mit der unnötigen Tabuisierung all dessen, was nicht der vermeintlichen Norm entspricht. Es gibt keine Norm – wir leben, wir lieben, wir ficken, wir sind Menschen, wir sind alle die Norm. Ich liebe es außerdem, wenn Frauenfiguren sagen und zeigen, dass sie geil sind, wenn sie in der Literatur alle diese Dinge tun, die sie auch in Wirklichkeit tun – ohne die oktroyierte Scham. Das ist befreiend. Es macht Spaß. Genau wie guter Sex, im Idealfall.

Vor der Flut von Corinna T. Sievers ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002619, 224 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Unsere Angst ist weniger die Angst vor dem Tod als die Angst, nicht richtig zu leben“

„Siebenundvierzigeinhalb Jahre waren vergangen, und nun durchlebte Kaufman alles noch einmal.“

Das fasst diesen Roman am besten zusammen, denn Kaufmann erzählt. Von einer Zeit, die beinahe fünfzig Jahre zurückliegt und die ihn geprägt hat. Es war die Zeit, in der er der Schüler des großen Pianisten Horowitz war – und sein Geliebter. Über sich selbst sagt er:

„Alles war mir leicht gefallen und zugefallen, die Sympathien, die Liebhaber, die Liebhaberinnen und genügend Talent, um hübsch zu komponieren und Klavier zu spielen. Gekämpft hatte ich nie, um nichts und niemanden hatte ich gekämpft, nicht um den Klang eines Akkords, nicht um den Schmerz einer Melodie, nicht um einen Geliebten. An mir war nichts groß. Aber ich hatte durch Horowitz erlebt, was Größe ist.“

Nun muss man wissen, diese Geschichte ist real, das Buch ist fiktiv. Die Autorin Lea Singer hat Briefe des Jahrhundertmusikers Horowitz an den jungen Schweizer Nico Kaufman gefunden – und einen Roman daraus gemacht. Sie kennt also die Liebesgeschichte der beiden, die von mehreren Hindernissen umgeben war: Zum einen war Horowitz als Jude in den Jahren 1937 bis 1939, in denen die Affäre sich abspielte, in größter Bedrängnis, zum anderen war er verheiratet mit Toscaninis Tochter Wanda. Er hatte mit ihr ein Kind, und doch war es eine Scheinehe, denn Homosexualität war als Krankheit gebrandmarkt. Er konnte sich nicht outen, er konnte seine Orientierung nicht leben und seine Liebe zu Nico genauso wenig. Man weiß, dass Horowitz zeit seines Lebens an Depressionen litt – Lea Singer hat herausgearbeitet, dass das vermutlich damit zusammenhing. Weil alles, was er wollte, außer Reichweite für ihn lag. Nico Kaufman hatte mehr Mut, aber auch weniger zu verlieren, er war später in der Schwulenbewegung der Schweiz aktiv.

Etwas schwierig wird der Roman durch seine Rahmenhandlung: Kaufman erzählt einem Fremden namens Donati, dem er nie zuvor begegnet ist, von dieser heimlichen Liebe, die eben beinahe fünfzig Jahre her ist. Das ist leicht verkrampft und unglaubwürdig, wer würde das tun? Man merkt den Dialogen in ihrer Steifheit an, dass die Männer einander nicht kennen, man weiß auch nicht genau, ob dem einen unangenehm ist, was er vom anderen hört, und letztlich ist das alles freilich nur ein Alibi, um in Rückblenden erzählen zu können. Das finde ich bemüht und ein wenig schade, denn in seiner Essenz ist dies ein sehr gefühlvoller, durchdachter, behutsamer Roman, der sich einer ebenso talentierten wie letztlich tragischen Figur annimmt – und mit Fingerspitzengefühl eine bestimmte Zeit in ihrem Leben abbildet, die anhand der Briefe gut dokumentiert ist. Wozu wäre ein solches Genie fähig gewesen, hätte man es nicht gegängelt und erdrückt? Wie hätten diese Männer leben können, wären sie frei gewesen in ihren Entscheidungen? Der Klavierschüler ist ein nachdenklich stimmendes Buch, ein wichtiges, interessantes, klangvolles Buch.

„Ich frage mich, ob ich ein anderer geworden wäre, wenn ich ein Instrument gelernt hätte. Da kann einem die Welt nie so eng werden, dass der einzige Ausweg tödlich ist. Durch die Musik leuchten doch immer Möglichkeiten.“

Der Klavierschüler von Lea Singer ist erschienen im Kampa Verlag (ISBN 978-3311100096, 224 Seiten, 22 Euro).

 

 

 

Bücherwurmloch

„Sommerabende versöhnen mich immer mit dem Leben“

„Als gäbe es nicht genügend Arschlöcher auf der Welt, die einen fertigmachen, ohne dass sie einen auch nur anfassen.“

Mit solchen Arschlöchern kennt Eva sich aus, es ist sogar gut möglich, dass sie selber eins ist. Das weiß man anfangs nicht so genau, Tatsache ist aber, dass sie eingeliefert wird in eine Klinik in Wien. Eine ganze Kindergartengruppe will sie erschossen haben, davon ist freilich nichts wahr. Von den anderen Dingen, die Eva dem Therapeuten Korb erzählt, vermutlich genauso wenig. Oder doch? Hat der Vater sie und ihren Bruder Bernhard missbraucht? Kommen die katholisch-scheinheiligen Glaubenssätze von Evas Kärntner Heimat zum Tragen? Oder ist das alles nur ein geschicktes Spiel ihrerseits, weil sie Bernhard – der in derselben Klinik wegen Magersucht behandelt wird – retten will?

„Den ganzen Tag sind sie zu mir gekommen, meine Sorgen, und ich habe sie vor Bernhard versteckt. So ist das eben, wenn man das Alphatier ist. Es kann nicht zwei geben, die sich ängstigen und zweifeln. Da muss der eine das Ruder übernehmen, damit der andere eine Richtung hat, in die er seine Furcht konzentrieren kann.“

Angela Lehner, die übrigens lustige Insta-Storys macht, und wenn ich das sage, ist das nicht abwertend gemeint, spielt mit den Klischees und mit der Erwartungshaltung des Lesers. Der findet ihre Protagonistin Eva mit Sicherheit nervtötend, will ihrem Verhalten aber unbedingt auf den Grund gehen, sie durchschauen. Eine unzuverlässige Ich-Erzählerin ist freilich nichts Neues, in dieser Konstellation – dass sie sich in einer Klinik und in Therapie befindet, dass sie sich nicht verzetteln darf in ihren doppelbödigen Lügen – aber erfrischend originell. Evas Ausdrucksweise ist lakonisch, sie ist sarkastisch, die Liebe zum Bruder ist vielleicht vielmehr ein undefinierbares Pflichtgefühl, ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Großartig finde ich die Dialoge zwischen den beiden und der Mutter, die auch ins Buch reindarf, nein, muss.

Außerdem bin ich bisserl neidisch auf Angela Lehner. Weil ihr Buch so unverschämt österreichisch sein darf. Jetzt hab ich ja einen Verlag, der mir auch viele Austriazismen gestattet, aber was Angela da geschrieben hat, das ist in Sachen Österreichischsein schon nochmal ein anderes Kaliber. Da hör ich das „Seawas“ richtig, da geht mir das Herzerl auf, da fühl ich mich daheim. Wie es dem gemeinen deutschen Leser damit geht, weiß ich nicht, und wurscht ist es mir auch – ich hab das sehr genossen. Überhaupt das ganze Buch, weil es so schön bissig ist und originell und dann aber tragisch und traurig, wie das Leben halt. Das ist Satire, das ist Gefühl, das ist schwarzer Humor – oder anders gesagt: Das ist eben österreichisch. Und manchmal meint dieses Adjektiv ja durchaus was Positives.

Vater Unser von Angela Lehner ist erschienen im Hanser Verlag (ISBN 978-3-446-26259-1, 288 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

„Du wirst leicht wie eine Feder, alles ist rund und weich und schön“

„Aber wenn ihr Gesicht anschwillt, dann weiß ich doch, sie hat genug, sie hat’s verstanden. Nein, mein Alter musste noch mal reinlangen, und noch mal, und noch mal.“

So sind sie, die Typen in Sven Heucherts Geschichten: Zuhauer. Trinker. Gewalttätige, Abgesoffene, Arbeitslose, Einsame. Er schreibt nie über die, die glücklich sind. Oder nein, so ganz stimmt das nicht: Er schreibt über die, die vielleicht mal glücklich waren. Die das Glück sehen und riechen konnten und es jetzt umso mehr vermissen. Und über die, denen das Glück immer nur aus der Ferne zugewunken hat wie so eine hämische Fata Morgana. In Sven Heucherts Sprache, vor allem natürlich in den Dialogen, liegt, was man Lokalkolorit nennt. Er lässt seine Leute reden, wie ihnen das Maul gewachsen ist – und auf ebendieses Maul draufhauen lässt er sie auch.

In seinem großartigen Erzählband Asche hat er das Krasse, das Abgefuckte kultiviert. Sein neues Werk, die Story-Sammlung Könige von Nichts, ist sanfter. Da gibt es überraschend viele weiche Töne, da gibt es Wehmut und Verständnis und die Ahnung, wie schön alles sein könnte, eigentlich. Was es aber nicht gibt, ist Firlefanz. Weil Sven so reduziert und minimalistisch schreibt, wie er nur kann – das ist sein Ziel, das ist sein Ding. Und die Ironie liegt ja darin: Je weniger Worte, desto schwieriger. Blumig und ausschweifend, das kann fast jeder – am Punkt zu sein, gelingt nur wenigen. Ihm gelingt es, keine Frage. In den scharfen Alltagsbeobachtungen, in den kurzen Dialogen, die so voll sind mit Ungesagtem, in den Seufzern, die man seine Protagonisten ausstoßen hört. Sven Heuchert beschreibt nicht und erklärt nicht und rechtfertigt nicht. Er ist wie seine Figuren: Er haut direkt zu.

Und doch, die Wandlung ist da: Der Drive ist anders, der Ton auch. Könige von Nichts hat mehr Zärtlichkeit, mehr traurigen Charme des Scheiterns und – entschuldige, Sven, ich seh dich schon das Gesicht verziehen – es hat Herz. Well done.

„Der Tod kündigt sich nicht an. Ein Kuss, der sich schon lange nicht mehr so anfühlt. Ihre Körper werden unter der Decke wärmer. Füße berühren sich. Ein letzter Herzschlag. Ein letztes Mal atmen. Ein letztes Mal den Atem des anderen spüren. Wie er sanft über die Stirn hinwegstreicht. Es könnte jede Nacht geschehen, jetzt gleich, morgen.“

Könige von Nichts ist erschienen im Bernstein Verlag (ISBN 978-3-945426-39-5, 12,80 Euro).

Bücherwurmloch

„Nishinos Kuss schloss alles ein, was zu unseren vierzehn Jahren gehörte, und schloss zugleich alles aus. Wir küssten uns aus Leibeskräften“

„Warum hast du mit mir geschlafen?“, fragte ich.
„Weil du in mich verliebt bist, Tama“, antwortete er. Seine Stimme klang traurig. Anscheinend war er genauso traurig wie ich.

Das bringt wohl am besten auf den Punkt, wie Nishino ist: Die Frauen verlieben sich in ihn, ohne erkennbaren Grund, er verbringt Zeit mit ihnen, hat Sex mit ihnen, zieht dann weiter. Manche lieben ihn sehr, andere weniger, bei keiner bleibt er. Ein Kerl, den man Casanova nennen könnte, ist er nicht, dazu ist er zu wenig heißblütig, bricht die Herzen mit zu wenig Absicht und Spielerei. In zehn Geschichten beleuchtet die japanische Autorin Hiromi Kawakami, die in ihrer Heimat zu den Literaturstars gehört, eine Männerfigur, die von der Leichtigkeit der Liebe umgeben ist. Doch einer, der immer geliebt wird, aber niemals selbst liebt, kann die Tiefe dieses Gefühls gar nicht nachempfinden.

„Wir waren besorgt. Entrückt. Verzweifelt. Wir waren leicht. Drauf und dran, einander zu lieben. Dennoch verharrten wir an der Schwelle der Liebe, unfähig, sie zu überschreiten.“

Sie schreiben auf eine sehr eigene Art, die japanischen Schriftsteller und Schriftstellerinnen. Sie beobachten ihre Figuren auf durchaus zugeneigte, dennoch distanzierte Weise. Eine seltsame Kühle liegt in allen japanischen Büchern, die ich gelesen habe, und es waren einige. Sie erzählen von Einsamkeit und der Unfähigkeit, einem anderen Menschen nahe zu kommen, von Gefühlen, denen zwar nachgespürt wird, die jedoch unergründlich bleiben. Und über allem liegt stets eine Aura von Traurigkeit.

„Nishino zu küssen, war wunderschön. Schöner als alles, was ich bisher gekannt hatte. Und dennoch fühlte es sich einsam an. Es war der einsamste aller Momente von Einsamkeit, die ich je erlebt hatte.“

Man wird nicht schlau aus Nishino und auch nicht aus den zehn Frauen, die ihn in diesem Buch lieben. Das muss man aber auch gar nicht. Dies sind vielmehr kurze Beobachtungen, ein Angebot an Möglichkeiten, das Hiromi Kawakami dem Leser unterbreitet. Über ihr Buch Der Himmel ist weiß, die Erde ist blau habe ich geschrieben: Sie zeigt, dass die Liebe viele Gesichter hat. Auch ganz fremde.
Das macht sie immer noch. Und sie macht es gut.

Die zehn Lieben des Nishino von Hiromi Kawakami ist erschienen bei Hanser (ISBN 978-3-446-26169-3, 192 Seiten, 20 Euro).