Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Sabrina Janesch: Die goldene Stadt

IMG_7909„Alles Gute, das einem widerfuhr, war nichts als eine Leihgabe, nur das Schlechte war einem auf ewig sicher“

„Der Dschungel, notierte Berns in seinem Tagebuch, ist eine Bestandsaufnahme, eine Prüfung, eine Wägung. Was man an Ausrüstung und Charakter nicht mit hineinnimmt, kann man dort nicht erwerben.“

Als er noch ein Junge war, hat Rudolph August Berns am Rhein Gold gewaschen und davon geträumt, ein großer Forscher zu werden. Es dauert lange, bis dieser Traum sich erfüllt, sein Weg ist verschlungen und fordert viel Kraft, doch Rudolph – der sich später Augusto Berns nennt – gibt nicht auf. Geradezu besessen ist er von der Vorstellung, die verlorene Stadt der Inka zu entdecken, Peru ist sein Ziel. Im Jahr 1887 scheint es ihm endlich gelungen zu sein: Alle reden von seinem großen Fund. Doch warum ist Berns aus den Geschichtsbüchern verschwunden, warum gilt Hiram Bingham als Entdecker von Macchu Picchu? Davon erzählt Sabrina Janesch in diesem bemerkenswerten Buch.

Ich kenne die Autorin von ihrem grandiosen Debüt Katzenberge, für das sie zu Recht von der Kritik bejubelt wurde. Mit ihrem neuen Werk hat sie eine Wandlungsfähigkeit bewiesen, für die ich sie zutiefst bewundere. Im Vorwort berichtet sie, wie sie auf die Idee gekommen ist, über Berns zu schreiben, wie schwierig es war, an Informationen zu kommen, wie lange sie recherchiert hat und wie getrieben sie war. Umso mehr hat mich dieser Roman fasziniert, weil ich es immer beeindruckend finde, wenn sich jemand einer Figur, die tatsächlich existiert hat, mit fiktiven Mitteln nähert. Die Kombination aus Realität und Fantasie ist ihr ausgezeichnet gelungen. Das Buch erinnert an jene Abenteuerromane, die man als Kind geliebt hat, mit mutigen Männern und undurchdringbaren Dschungeln, an diesen Rauschzustand, den man dann manchmal hatte beim Lesen, als man noch jung und naiv war und sich so herrlich schnell für etwas begeistern konnte.

Die goldene Stadt ist notgedrungen ein historischer Roman, der – ich möchte fast sagen: auch notgedrungen – durchaus seine Längen hat, aber das machen die gut platzierten Wendungen und das fantastische Ende wieder wett. Perfekt getroffen hat Sabrina Janesch auch den Ton, heiter und jovial, wie man sich die Stimmung dieser damaligen Entdecker vorstellt, die ein Leben voller Entbehrungen führten, ein Leben der Obsession, aber mit Optimismus und unerschütterlicher Zuversicht. Ein wahrer Schmöker von einem Buch, das es mir sehr angetan hat, weil ich es liebe, wenn ich beim Lesen etwas Neues lerne – und von Augusto Berns hatte ich tatsächlich noch nie gehört. Falls es euch ebenso geht, solltet ihr das dringend ändern!

Die goldene Stadt von Sabrina Janesch ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-87134-838-9, 528 Seiten, 22,95) und hat ja, das muss ich noch kurz erwähnen, ein wirklich schönes Cover.

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