Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

E. Lockhart: We were liars

IMG_7911„Always do what you are afraid to do“

„Welcome to the beautiful Sinclair family. No one is a criminal. No one is an addict. No one is a failure. The Sinclairs are athletic, tall, and handsome.“

Dass das so nicht ganz stimmen kann, ist gleich zu Beginn dieses Romans klar. Wie es aber wirklich ist, verrät E. Lockart erst ganz am Ende, als alle Stränge zusammenkommen. Das ist das Großartige an diesem Buch: Ich habe es sehr lange nicht durchschaut. Eigentlich überhaupt nicht. Seine Wendung hat mich völlig überrascht. Aber erst mal der Reihe nach: Die Ich-Erzählerin ist ein junges Mädchen namens Cadence, das aus einer reichen Familie stammt. Jeden Sommer verbringt sie auf einer Privatinsel, auf der vier Villen stehen, die ihrer Großeltern, die ihrer Mutter und die ihrer zwei Schwestern, man schwimmt im Geld, streitet aber in erster Linie darum. Alle Cousins und Cousinen treffen dort aufeinander, Cadence verbringt am meisten Zeit mit Johnny und Mirren. Außerdem gibt es noch Gat, mit dem sie nicht verwandt ist, der aber auch jeden Sommer hier ist – und in den Cadence sich verliebt. Doch dann geschieht ein Unfall, Cadence verliert ihre Erinnerung, und es dauert zwei Sommer, bis sie herausfindet, was geschehen ist.

Wenn ihr jetzt denkt, aha, das hab ich doch irgendwo schon mal gelesen, kann ich euch nur sagen: sicher nicht. Denn E. Lockhart schreibt derart ungewöhnlich, dass man das Buch nicht einmal einem Genre zuordnen kann. Young adult, ja, natürlich, weil die Protagonistin erst siebzehn ist, ein Thriller irgendwie auch, aber eigentlich nicht, einem Geheimnis muss sie auf die Spur kommen, ihre Erinnerung wiederfinden – aber da ist diese Sprache. Eine Sprache mit einer fantastischen Sogwirkung, nicht jugendlich-kindisch, dennoch simpel, schnörkellos, schon nach wenigen Seiten war ich absolut gefesselt und mit dem Buch in wenigen Stunden durch. Es hat mich, und das will was heißen, aus meiner Lese-Lethargie gerissen, ich habe es in einem Happs verschlungen. Gut, es hat nur 220 Seiten, okay, aber die haben es in sich: Cadence ist eine schonungslose, sarkastische Erzählerin, ihre Stimme ist geheimnisvoll, mysteriös, dennoch offen, ehrlich – sie sagt dem Leser alles, was sie weiß, das Problem ist nur, sie weiß nicht viel. Das ändert sich, und man mag das Ende ein wenig zu dramatisch finden. Dennoch ist dieses Buch in meinen Augen sehr gut gemacht und deshalb auf jeden Fall lesenswert. Man sollte einfach viel öfter über den Tellerrand schauen – auch über den literarischen.

We were liars von E. Lockhart ist auf Deutsch unter dem Titel Solange wir lügen bei Ravensburger erschienen (mit einem absurd hässlichen Cover, mit dem ich es niemals gekauft hätte, ähem).

7 Comments

  1. Das Buch habe ich auch noch ungelesen im Regal stehen. Weiß auch ehrlich gesagt gar nicht mehr wann und warum ich es gekauft habe, aber ich sollte demnächst wohl doch einen Blick rein werfen. Danke schön 🙂

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