Bücherwurmloch

Brit Bennett: Die verschwindende Hälfte

„Meinst du, man kann jemandem, den man liebt, nicht wehtun?“

„Wir Negroes lieben unsere Heimat. Obwohl wir immer aus schrecklichen Orten stammen. Nur Weiße haben die Freiheit, ihre Heimat zu hassen.“

Mallard, eine winzige Stadt im ländlichen Louisiana, ist ein eigenartiger Ort: Hier leben Schwarze Menschen, die so hellhäutig sind, dass sie als Weiße durchgehen können. Jeder, der dunklere Haut hat, wird von ihnen arg rassistisch behandelt. Hier werden in den 1950er-Jahren die Zwillingsschwestern Stella und Desiree geboren. Sie beschließen bald, dass ihre Zukunft woanders liegt, und verlassen Mallard in jungen Jahren – lassen die Mutter einfach ohne ein Wort zurück. In der Fremde trennen sich die Wege der Schwestern unerwartet schnell, Stella verschwindet. Sie gibt sich als Weiße aus und baut sich ein neues Leben in Reichtum auf – aber immer mit der Angst im Herzen, sie könnte enttarnt werden. Desiree dagegen heiratet den Falschen und bekommt eine Tochter, die so Schwarz ist wie nur irgendwie möglich. Die Jahre, die Jahrzehnte vergehen, beide versuchen, wenigstens ein bisschen Glück zu finden, doch die Tatsache, dass sie keinen Kontakt haben, ist wie eine Wunde, die nicht vernarbt.

Brit Bennett hat mich bereits mit Die Mütter abgeholt, einem großartigen Roman über Liebe, Verlust und Verrat. In ihrem neuen Werk widmet sie sich erneut dem Leben Schwarzer Menschen, und sie setzt sich dabei ganz bewusst intensiv mit der Farbe der Haut an sich auseinander: Wie „Schwarz“ muss man sein, um als weiß durchzugehen? Und wie verhält man sich dann, wenn beispielsweise die gesamte Nachbarschaft aufgebracht ist, weil Schwarze gegenüber einziehen, wenn sie verachtet und schließlich verjagt werden, stellt man sich einfach blind? Interessant finde ich zudem ihre Beschäftigung mit der Verbindung zwischen Zwillingsschwestern, die ja meist als besonders eng bezeichnet wird. Brit Bennett hat Stella und Desiree einander gegenübergestellt, hat sie fast schon das jeweils andere Ende einer Skala als Position einnehmen lassen – das ist natürlich, in Sachen Konfliktpotenzial, eine sehr gute Idee für eine Geschichte. Zudem enthält das Buch recht große Zeitsprünge, auch die Töchter der beiden Frauen spielen eine Rolle, die nächste Generation ist eingebunden. An ihr zeigt sich, welche Konsequenzen die Entscheidungen der Schwestern haben. Ein sehr wichtiges, politisches, richtig gut lesbares und wirklich kluges Buch. Das ist eine Autorin, die etwas zu sagen hat – und von der wir hoffentlich noch viel hören werden.

Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt.

 

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