Bücherwurmloch

#frauenlesen 2020

Ich habe so einen Hunger. Ich sehne mich nach queeren Geschichten, nach neuem Stoff, nach Büchern von weiblichen Autorinnen, nach all dem, was mir so viele Jahre lang vorenthalten wurde – auch, weil ich nicht wusste, dass ich danach hätte suchen müssen. Das habe ich nicht gelernt, weder an der Schule noch an der Uni. Wenn ich heute drüber nachdenke, wie viele Bücher von Männern ich gelesen habe, kann ich es kaum glauben, und doch: Das war ganz normal. Ich bin mit fünfzehn, sechzehn zur „literarischen“ Leserin geworden, die Verteilung von männlichen/weiblichen Schreibenden war kein Thema für mich, niemand hat mich jemals darauf aufmerksam gemacht. Das musste erst wachsen, in mir drin. Der Wunsch musste erst entstehen, meine Aufmerksamkeit musste sich neu ausrichten. Mittlerweile ist das passiert, und das Erstaunliche ist: Alles ist in sein Gegenteil gekippt. Während früher die Nabelschau der Autoren das war, was mir literarisch, niveauvoll, lesenswert erschien, ertrage ich sie heute kaum noch: Been there, read that. Ich bin damit durch, ich habe das wieder und wieder vorgekaut bekommen. Ich will die weiblichen Stimmen, und dieses Wollen wirkt wie eine unbewusste Kraft in mir. Sie treibt mich bei der Wahl meiner Lektüre viel mehr an, als ich gedacht habe. Das merke ich an der Zahl der gelesenen Bücher in diesem Jahr: 82 waren von Frauen, 38 von Männern. Dahinter steckt keine Absicht, kein einziges Buch habe ich ausgewählt, WEIL es von einer Frau war. Sondern weil es mich interessiert hat, vom Setting, von der Geschichte, von der Idee. Erst hinterher, erst jetzt, sehe ich, dass ich den Pfad, auf den Schule, Uni und Feuilleton mich gelockt, nein, geschubst haben, verlassen habe. Ich suche im Dickicht nach dem anderen. Ich suche nach dem, was ich nicht kenne. Und ich finde es bei den weiblichen Schreibenden. Das hatte ich nicht geplant, und es freut mich enorm. Ich feiere es, dass ich dieses Jahr so viele großartige Romane von Autorinnen entdeckt, gelesen und empfohlen habe. Ich teile sie mit euch, und dahinter steckt natürlich Aufwand, steckt natürlich Arbeit, die ich investiere, weil ich finde: Das Ungleichgewicht braucht ein Gegengewicht. Es ist mehr als an der Zeit, dass Autorinnen eine große Bühne bekommen. Nicht, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie gut schreiben. Ich bin stolz, dass so viele Titel von Autorinnen in meinem Regal stehen. Dass ich so viele Autorinnen kenne – hätte man mich vor zwanzig Jahren gefragt, ich hätte fast nur Männer nennen können. Das hat sich extrem stark geändert, und das ist gut so. Welche Bücher von Frauen habt ihr in diesem Jahr entdeckt? (Ein großes Dankeschön für das Bild geht an Evelyn (Instagram @bookbroker)
, die einen eigenen Account für Handlettering betreibt @zeitzumlettern, folgt ihr für Buchtipps, scharfe Mode und Lettering-Tutorials!) #frauenlesen

10 Comments

  1. Ich habe dieses Jahr sehr viele Bücher von Autorinnen gelesen, allen voran der grossartig Roman von Ann Petry „Die Straße“, Jhumpa Lahiri „Wo ich mich finde“, Daniela Krien „Muldental“ , Gusel Jachina „Wolgakinder“, Victoria Mas „Die Tanzenden“ oder Inès Bayard „Scham“. Dies geschah völlig unbewusst. Für mich muss der Stoff stimmen.
    Herzliche Grüße buechermaniac

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  2. Caroline

    Meine persönlichen Highlights von weiblichen Autorinnen waren definitiv „Ich bin Circe“ von Madeline Miller, „OREO“ von Fran Ross,
    „Miracle Creek“ von Angie Kim und „Mercy Seat“ von Elisabeth H. Winthrop.
    Insgesamt ging es mir dieses Jahr genauso wie dir, ich habe (unbewusst) so viele Bücher von Frauen und weniger Bücher von Männern gelesen.

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  3. hallo dort draussen, meine besten in 2020 waren: tanya tagaq: eisfuchs, shida bazyar: nachts ist es leise in teheran, deborah levy: heisse milch. allerliebste grüsse betty

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  4. Ich habe selbst dieses Jahr sehr wenig Belletristik gelesen, das erste Mal ernsthaft begonnen Ebooks zu lesen und zwar in Form von Sachbüchern. Hier aber auch viel feministisches, viele Frauen u.a. Mary Beard mit Frauen & Macht, Anna Mayr mit Die Elenden, Madeleine Albright mit Faschismus, Margarete Storkowski mit Untenrum frei, Laury Penny mit Fleischmarkt und Cybersexismus, Svenja Flaßpöhler mit Die potente Frau, Kübra Gümüsay mit Sprache und Sein … da fallen die Männer in der Belletristik kaum noch auf mit Auster, Coen und Rachman die ich dennoch gern las.

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