Bücherwurmloch

Brit Bennett: Die Mütter

„Was die Welt zu bieten hat, das wissen wir. Wir haben Angst vor dem, was sie haben will“

„Alle guten Geheimnisse haben ihren Eigengeschmack, bevor sie verraten werden, und wenn wir dieses spezielle etwas länger abgeschmeckt hätten, wäre uns vielleicht aufgefallen, dass es sauer war, wie ein unreifes, zu früh gepflücktes Geheimnis, vom Baum gestohlen und vor der eigentlichen Erntezeit herumgereicht.“

Das sagen die Mütter, die Kirchenmütter, sie sind die Tratschweiber, die jeder Ort hat, sie sind die, die alle Geheimnisse kennen – und herumreichen. Das Geheimnis in diesem Fall ist die beginnende Liebe zwischen Nadia und Luke. Sie ist siebzehn, er ein bisschen älter, und beide tragen Kummer mit sich: Nadias Mutter hat sich das Leben genommen, Luke hat bei einem Sportunfall jegliche Aussichten auf eine glorreiche Zukunft verloren. Sie treffen sich in dem Restaurant, in dem Luke kellnert, sie mögen sich, sie schlafen miteinander.

„Der Sex würde weh tun, und das wollte sie auch. Luke sollte ihr Schmerz von außen sein.“

Doch dann kommt ein noch viel größerer Schmerz auf Nadia zu, einer, den sie nicht mehr vergessen wird, nie mehr, einer, der ihr ganzes weiteres Leben prägen wird. Und das von Luke.

Was für ein großartiges Buch ist das! Schon auf der allerersten Seite hat der Satz über die Geheimnisse, den ich euch hier eingangs zitiert habe, mich hellhörig werden lassen. Besonders im ersten Teil gibt es viele richtig gute Abschnitte, sprachlich gewandt, inhaltlich voller Weisheit, voller Sehnsucht, und die Idee, „die Mütter“ sprechen zu lassen, in der dritten Person Plural, diese Mütter, die sich über den „Skandal“ in der engstirnigen kleinen Gemeinde in Oceanside echauffieren, eigentlich außerhalb der Geschichte stehen, aber alles wissen, ist ein raffinierter Schachzug. Eine befremdliche Perspektive, die zugleich zeigt, wie viel Außenwahrnehmung stets mitschwingt, wie viel Abschätzigkeit und Verurteilung.

„Und wie wir so gelebt haben, hat es auch Männer gegeben. O ja, Mädchen, da hat es auch ein kleines bisschen Liebe gegeben. Dieses kleine bisschen Liebe, das dir den Mund wässrig macht nach mehr, wie das letzte bisschen Honig im Topf, das ganz kurz den Hunger überdeckt. Wir haben uns mit der Zunge die Zähne abgeleckt, um dieses kleine bisschen so lange zu genießen, wie es nur ging, und wie wir so gelebt haben, hat nichts uns hungriger gemacht.“

Es geht um Verlust in diesem Roman, um eine alles verändernde Entscheidung, die vielleicht, wer kann das schon sagen, falsch war. Brit Bennett hat mit ihrem Debüt einen Überraschungserfolg gelandet, und ich finde ja nicht, dass man sagen muss, dass alle Protagonisten im Buch dunkle Haut haben, weil es doch schon wieder merkwürdig ist, dass man das überhaupt betonen muss, aber in allen Besprechungen des Buchs steht das, und vielleicht findet ihr diese Information ja wichtig, also gebe ich sie euch. Das afroamerikanische Leben im südlichen Kalifornien werde beschrieben, heißt es, und ich denke: Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe diese Menschen haben, wirklich nicht, denn die Liebe ist dieselbe, das Verlassenwerden tut weh und schneidet und es sticht, in dieser Hinsicht sind wir alle gleich. Wir wünschen uns, Halt zu finden irgendwo, wir tun Dinge, die wir bereuen, wir treffen Menschen, die wir nicht vergessen können.

Lieblingszitat:

„Langsam und wohlüberlegt gingen sie jetzt vor, wie verletzte Menschen einander liebten, und sie reckten sich vorsichtig, nur so weit, wie ihre beschädigten Muskeln es zuließen.

Die Mütter von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt (ISBN  978-3-498-00683-9, 320 Seiten, 20 Euro).

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