Bücherwurmloch

„I’m afraid of men not because of any singular encounter with a man. I’m afraid of men because of the cumulative damage caused by the everyday experiences“
Vivek Shraya ist eine vielseitige Künstlerin, die die Wege von Literatur und Lyrik, Musik und Visual Art beschreitet. Sie hat diverse Bücher veröffentlicht und gehört zum Musikduo „Too Attached“. Ich liebe es, wie Vivek Shraya aussieht, ich könnte stundenlang Bilder von ihr anschauen. Mir gefällt die Kombination aus langem blondem Haar und dunklem Brusthaar, die Gesichtszüge, das Bindi, das sie trägt, um ihre Herkunft und ihre Kultur zu ehren. Und auch wenn ich weiß, wie der menschliche Verstand funktioniert und warum wir in binären Trennungen denken, kann ich nicht verstehen, wie diese massive Ablehnung und der Hass zustande kommen, die Vivek Shraya entgegenschlagen, wie man es schafft, so zu denken und zu fühlen. Da geht es – natürlich – nicht nur um das Äußerliche, um die gängigen Schönheitsstandards, die durch Menschen wie Vivek Shraya gesprengt werden, es geht um so viel mehr, Geschlechterzuschreibungen, Rollenbilder und religiös geprägte Vorstellungen, und das ist genau der Punkt: Es geht um alles. Für uns alle. Denn auch wenn dieses Buch schmal und dünn und klein ist, ist es erfüllt von einem tiefen, unsagbar heftigen Schmerz. Trans Menschen sind da, sie waren es immer schon. Ich muss hier nicht sagen, dass sie „normal“ oder „in Ordnung“ sind, es braucht keine solchen Erklärungen oder Rechtfertigungen. Allen gender nonconforming people ist mit Respekt und Liebe zu begegnen, es ist unerheblich, wer eine Gebärmutter oder einen Penis hat, wer gay, nonbinary, queer oder whatever ist. Und wenn ihr zu wenig darüber wisst, dann lest dieses oder andere Bücher. Bildet euch weiter, das ist eure Verantwortung. Es ist gut, dass es Schreibende wie Vivek Shraya gibt, die ihre Erfahrungen teilen – damit wir sie annehmen und etwas daraus lernen können. Denn von einer toleranten, offenen, diversen Gesellschaft profitieren wir alle.

„What would my body look like if I didn’t want affection from gay men and protection from straight men? What would my body look and feel like if I didn’t have to mould it into both a shield and an ornament? How do I love a body that was never fully my own?“

 

Bücherwurmloch

„Außerdem zahlt es sich aus, wenn Eltern ihren Kindern ein hohes Maß an Mitbestimmung zugestehen“
Was geben wir Mütter eigentlich unseren Töchtern mit? Wie können wir dafür sorgen, dass sie später selbstbestimmt auftreten und sich nicht von der Gesellschaft und von Männern unterbuttern lassen? Wer sich auch nur ansatzweise mit dem Thema Feminismus beschäftigt, wer sieht, wie diskriminierend unser gesamtes Umfeld ist, hofft für die eigene Tochter, dass sie trotzdem ein gutes Leben führen kann. Ich merke immer wieder, dass ich als Mutter zwar eine laute Stimme bin, die dagegenhalten kann, dass aber alle anderen – die Freunde und Freundinnen, die Narrative in Filmen, Serien und Büchern, die Großeltern, die Erzieherinnen, die Lehrerinnen – so viele mehr sind, in der Überzahl. Man kann sein Kind generell und seine Tochter im Besonderen nicht vor der Welt da draußen beschützen, und so gern ich glauben würde, dass man ihr genügend entsprechendes Rüstzeug mitgeben kann, so sehr zweifle ich gleichzeitig daran. Weil ich jeden Tag mitbekomme, dass alles, womit ich versuche, meine Tochter zu stärken, von ihrem Umfeld sabotiert wird.

Susanne Mierau hat ein gut verständliches, ideal aufbereitetes und überaus hilfreiches Buch geschrieben für Mütter wie mich und euch, die sich nicht irgendwie durchwurschteln wollen, sondern das Aufwachsen ihrer Töchter bewusst begleiten möchten. Es geht um die Mutterbindung und Mental Load, um Selbstwertgefühl und Widerspruchsrecht, um Körperlichkeit, Liebeskummer und das Online-Leben. Wichtige Kapitel behandeln die Tatsache, dass wir auch New Dads brauchen, sowie das Aufarbeiten der eigenen Kindheit und der Beziehung zur eigenen Mutter. Das ist komplex und schwierig, Susanne Mierau hat es auf ihre zuversichtliche, annehmbare Art umgesetzt und holt jede Leserin dort ab, wo sie steht. Es ist natürlich, wie immer, ein Buch, das auch die Väter lesen sollten. Da sie das sehr wahrscheinlich nicht machen, ist es gut, wenn wenigstens wir es tun – weil wir eben als Mütter zwar nur einzelne Stimmen sind, aber auf jeden Fall etwas zu sagen haben und viel bewirken können. Das sollte nur Gutes sein.

New Moms for Rebel Girls von Susanne Mierau ist erschienen im Beltz Verlag.

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„Ellen war Zigaretten holen gegangen und kam nicht wieder“
Eine Frau hat ein kleines Mädchen und macht zum ersten Mal einen Ausflug über Nacht mit dem Mann, für den sie ihren Partner verlassen hat. Ein Ehepaar will im Ausland ein Kind adoptieren, aber der Vater findet keinen Zugang zu dem Sohn, den er mit nach Norwegen nehmen soll. Eine Frau versteht erst viele Jahre später, dass etwas, das ihr passiert ist, eigentlich eine Vergewaltigung war. Und eine andere Frau kann nicht verwinden, dass ihre Mitbewohnerin eine Beziehung eingeht und aus der gemeinsamen Wohnung auszieht. Die Kurzgeschichten von Marie Aubert sind prägnant, seltsam und genau so, wie ich sie mag: nicht gefällig, ausgezeichnet beobachtet und einen Tick zu früh zu Ende. Ein paar der Ausgangsideen – wie der potenzielle Vater, der damit hadert, ausgerechnet dieses eine Kind adoptieren zu sollen – finde ich sehr originell, auch die verschiedenen Blicke auf Monogamie, Ehe und Affärensituationen haben mir gefallen. Beispielsweise erzählt eine Frau, wie verliebt sie ist in einen Mann, der sich gerade scheiden hat lassen und wie es sich für sie anfühlt, wenn er wegen der Kinder bei seiner Ex-Frau ist.

Marie Aubert hat mich mit ihrem Roman Erwachsene Menschen für sich gewonnen, weil er herrlich bitter und böse war. Diese Erzählungen gingen dem Roman eigentlich voraus und waren ihr literarisches Debüt, mit dem sie sehr erfolgreich war, was mich grübeln lässt, ob das hierzulande so ungeliebte Genre Short Storys, von dem man Debütant:innen in Verlagen ständig abrät, in Skandinavien auf mehr positive Resonanz stößt, wenn es sogar die Karriere einer Autorin begründen kann. Nichtsdestotrotz ist das Lob in meinen Augen verdient, die Kurzgeschichten von Marie Aubert sind überaus flüssig zu lesen, voller ungewöhnlicher Gedanken und kleiner Überraschungsmomente.

Kann ich mit zu dir? von Marie Aubert ist erschienen bei Rowohlt.

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„Ich habe mit eigenen Augen gesehen, wie eine Frau für ihre Unfruchtbarkeit gehängt wurde“
1894 befindet die junge Ada sich in großer Gefahr: Nachdem sie mit siebzehn verheiratet wurde, lebte sie ein Jahr lang halbwegs fröhlich mit ihrem Ehemann – doch sie wurde nicht schwanger. Und das wird im Wilden Westen als Vergehen der Frauen gewertet, sie seien verflucht, heißt es, und schuld daran, dass auch andere Frauen unfruchtbar bleiben oder ihre ungeborenen Babys verlieren. Adas Mutter ist die Hebamme im Ort, die mit jedem Mal, da sie jemandem hilft, das Risiko eingeht, als Hexe gebrandmarkt zu werden. Sie weiß, dass der Sheriff kurz davor steht, Ada zu holen und zum Tod zu verurteilen, deshalb schickt sie Ada ins Kloster. Doch dort bleibt die Achtzehnjährige nicht lang, sie schließt sich einer Gang gesetzloser Frauen rund um The Kid an, die im Geheimen in Hole-in-the-Wall leben. Es dauert, bis Ada das Vertrauen der anderen gewinnt – und dann planen sie alle gemeinsam den großen Coup …

Anna North ist eine kuriose Mischung aus realen historischen Fakten und wilder Fiktion gelungen: Vieles ist in diesem Buch, wie wir es aus alten Western kennen, da wird geschossen und geritten, da werden Banken ausgeraubt und Sheriffs gelinkt. Auch die grausame Verurteilung von Frauen als Hexen ist uns bekannt, nur aus einer anderen Epoche. Mit Ada hat die Autorin, die den renommierten Iowa’s Writer’s Workshop absolviert hat, eine klassische Heldin geschaffen: mutig und unabhängig, getrieben vom Wunsch, die Welt ein wenig besser zu machen, und man wünscht sich die ganze Zeit, sie möge es schaffen. Mit wenigen Abstrichen – beispielsweise wird The Kid als nichtbinär beschrieben, bekommt aber eindeutig binäre Pronomen, wobei ich nicht weiß, ob da einfach die Übersetzung schwächelt – gelingt es Anna North, die Spannung zu halten und das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: den Menschen begreiflich zu machen, dass das Zustandekommen einer Schwangerschaft von vielen Faktoren abhängt und nicht das Leben der Frauen bedrohen darf. Ein radikales, schlaues und gut lesbares Buch, das ich mir auch sehr gut als Film vorstellen könnte – es hat Tempo, originelle Charaktere, Tragik, Drama und ein mehr als passendes Ende. Großartiges Buch!

Die Gesetzlose von Anna North ist erschienen bei Eichborn.

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„Eine Mutter ist etwas Schmerzliches. Sie ist Wunde und Narbe“
„Wir sind eine Gemeinschaft von Fischen, wir leben mit dem Klang des Wassers.“ Auf dem Fluss sind sie unterwegs: die Ich-Erzählerin und der Junge. Sie ist weiß und er ist schwarz, sie hat ihn nicht geboren und ist dennoch seine Mutter. Er wurde ihr gebracht, sie hat ihr Leben auf den Kopf gestellt, um für ihn zu sorgen. Nun sind sie unterwegs, weil seine schwarze Mutter ihn sehen will. Es wird viele Tage dauern, auf dem Fluss zu reisen, sie werden zu einer Gemeinschaft dabei, sie sehen Gefahr und den Tod, sie erleben Zusammenhalt und Zuneigung.

„Die Zöpfe verbinden die Frau, die die Haare trägt, mit der, die sie ihr flicht, auf eine intime, komplizenhafte Weise.“

Dies ist ein poetisches, sprachmächtiges Buch über Mutterschaft und die Kraft der Natur, über Verlust und Trauer, über langsames Reisen und Wasser.

„Der Fluss ist Zeuge von Klagen und Blut, Geburten und Toden, Fortgehen und Ankommen. Die Flüsse von Chocó, eine andere Form, Erde zu bewohnen: die Kanus sind auch Häuser, Arbeitsplätze und Verstecke.“

Lorena Salazar erzählt eindringlich von Zufallsbegegnungen und Verbindungen, sie beschwört eine Welt herauf, die mir in all ihren Einzelheiten – wie gesprochen wird, was gegessen wird, wie miteinander umgegangen wird – fremd ist. Heiß und stickig ist es, schwül, nass vom Regen, und über allem schwebt die Angst der Ich-Erzählerin, den Jungen, den ihr das Schicksal geschenkt hat, zu verlieren. Die Autorin, 1992 in Kolumbien geboren, findet dabei bestechend schöne Bilder für die widersprüchlichen Gefühle, die Mutterschaft mit sich bringt.

„Mama sein – so tun, als ob du die Angst besiegst und bei den Spielen verlierst.“

Ich habe den schmalen Roman mit dem mystischen Titel wie berauscht gelesen, fand ihn elegant, exotisch und interessant. Lange habe ich nicht mehr so viele Sätze markiert. Das Ende hat mich geschockt, und doch lag vermutlich auch die Brutalität die ganze Zeit über bereits in der Luft.

„Wir werden nie wiedergutmachen können, was das schwarze Volk erlitten hat.“

Ein wunderbares, sehr besonderes Buch.

„Ma, tut es dir nicht weh, so weiß zu sein? Du siehst aus wie ein Fisch von innen.“

Bücherwurmloch

„Ich bin einfach nur alt. Ich hatte genug Zeit, die richtigen Sachen anzuschaffen und die falschen auszusortieren“
Ende fünfzig ist die Ich-Erzählerin, eine renommierte Literaturprofessorin an einem kleinen College an der amerikanischen Ostküste, und dass ihr Mann John, mit dem sie seit Jahrzehnten zusammen ist, Affären mit Studentinnen hat, hat sie immer gewusst. Doch als er jetzt von einigen dieser ehemaligen Untergebenen angeklagt wird, das Machtgefälle ausgenutzt zu haben, stellt ihr Mitwissen seine Frau in kein gutes Licht, und sie kämpft um ihr Ansehen – am College einerseits, vor ihrer erwachsenen Tochter andererseits. Dann kommt Vladimir in die Stadt, der einen grandiosen Roman geschrieben hat, der ein kleines Kind hat und eine psychisch labile Frau. Die Professorin verknallt sich heftig in ihn, schämt sich für ihr Begehren und kann dennoch an nichts anderes denken als an den zehn Jahre jüngeren Mann – er wird für sie zur Obsession.

„So lief das immer, ein Mann konnte mich mehr verletzen als alles, was eine Frau je zu mir sagen könnte. Ein Mann konnte mich dazu bringen, mich selbst zu verachten, mich schuldig zu fühlen wegen meiner idiotischen Weiblichkeit und meiner albernen Launen, und einzusehen, dass ich gegen seine – die wahre – Macht nichts ausrichten konnte.“

Vladimir von Julia May Jonas ist ein sehr moralisches und politisches Buch, das ein breites Spektrum an Themen aufgreift: Es geht um die Frage, wo Consent aufhört und sexualisierte Gewalt beginnt, um Monogamie und das Leben in einer halb zerrütteten Ehe, in der man sich ein bisschen hasst, aber auch aneinander gewöhnt ist. Neben Age-Shaming und Bodyshaming wird das weibliche Begehren aufgefächert, das wir oft genug als unanständig und mit Scham behaftet darstellen. Herrlich sarkastisch ist die Ich-Erzählerin, was mir viele Schmunzelmomente beschert hat. Was sie später tut, ist hochgradig befremdlich, und über das Ende sowie über die Frage, ob es sich um ein im Kern feministisches Buch handelt oder nicht, habe ich lange nachgedacht, die ganze Geschichte ist ein nicht gerade subtiles Sinnbild für die Bestrafung einer gewissen „Sündhaftigkeit“. (Wer es liest, schreibt mir gerne, es gibt Redebedarf!) Insgesamt hat der Roman mich positiv überrascht und ich lege ihn euch unbedingt ans Herz.

Vladimir von Julia May Jonas ist erschienen bei Blessing.

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„Er habe den Witz an der Sache nicht verstanden, hatte sie Juri sagen wollen, nämlich dass der Mensch sich im Laufe der Zeit ganz und gar unnötig im Kreislauf der Natur gemacht hatte und dennoch glaubte, unersetzbar zu sein“

Luise ist Meeresbiologin und fasziniert von der Meerwalnuss, einer Quallenart, mit der sie sich intensiv beschäftigt. Warum kann die Meerwalnuss in Gewässern überleben, in denen es sie gar nicht geben sollte? Wieso leuchtet sie? Weshalb gelingt es Luise nicht, sich diesem Geschöpf, das fast nur aus Wasser besteht, zu nähern, sie in Gefangenschaft zu halten, um mehr über sie herauszufinden?

„Die Meerwalnuss machte die ganze Welt zu ihrem Körper.“

Als sie in ihre Heimatstadt Graz muss, zu einer Besprechung im dortigen Tierpark, kommt sie in der Wohnung ihres Vaters unter, zu dem sie kaum eine Beziehung hat. Sie weiß nicht, dass er sie angelogen hat: In Wahrheit ist er nicht bei einer Tagung in Wien, sondern sehr krank und bei ihrem Bruder in Nürnberg. Den Tierpark von Doktor Schilling fand Luise schon als Kind faszinierend, vor allem auch wegen des Unfalls mit einem Raubtier, der dort geschehen ist. Während sie in Graz ist, verschwimmen die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart, irgendwie auch zwischen Mensch und Natur, Luise ist selbst wie die Meerwalnuss: Es ist, als bestünde sie aus nichts, als gäbe es sie gar nicht.

„Jede Geschichte lässt sich auf mehrere Arten erzählen. Als Entdeckung oder als Eroberung, als Siegeszug oder als Untergang. Es hat nicht einmal jede den gleichen Anfang, es gibt auf jeden Fall nie ein Ende.“

Dies ist ein Buch über Umweltschutz und die Klimakatastrophe, eingebettet in die Geschichte einer jungen Frau, die nicht in der Lage ist, stabile Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen – auch nicht zu sich selbst. Sie kasteit sich, isst zu wenig und dann plötzlich sehr viel, unterdrückt ihre Gefühle und leidet zugleich an ihrer Gleichgültigkeit. Marie Gamillscheg, die mit ihrem Debüt „Alles was glänzt“ für Aufsehen gesorgt hat, hat ein Buch geschrieben, das sich stilistisch an seine Hauptfigur anpasst: eine Qualle. Es wabert, schwimmt, fasert aus, lässt sich nicht greifen, sieht wunderschön aus und faszinierend, manchmal leuchtet es. Es ergibt überhaupt keinen Sinn und ist gleichzeitig vollkommen logisch. Es ist seltsam und ruhig und beeindruckend, ich habe es richtig gern gelesen.

„Ist das nicht merkwürdig, wir verschwinden und glauben es uns selber nicht?“

Aufruhr der Meerestiere von Marie Gamillscheg ist erschienen bei Luchterhand.

 

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„Sie hätte gern etwas gesagt. Aber der bloße Gedanke, vielleicht reichte der auch“
Ich liebe ja Kurzgeschichten, wenn sie es schaffen, das Aufblitzen eines Gedankens, eines Gefühls einzufangen, von dem wir nicht wussten, wie wir es in Worte fassen sollten. Wenn sie ein bisschen weird und nicht ganz auserklärt sind, dabei sprachlich zugespitzt und im Idealfall erbarmungslos. Sie sollen mich verblüfft zurücklassen, sie sollen mich treffen. Und dann, wenn ich solche Kurzgeschichten finde, frage ich mich jedes Mal, wie ich sie euch nacherzählen, wie ich sie euch näherbringen kann. Denn das fällt mir unheimlich schwer: das Inhaltliche von Short Storys zu erklären. In den Geschichten von Sarah Raich geht es auf jeden Fall um vordergründig kleine Alltagsmomente, in denen aber etwas Größeres steckt. Es geht um Frauen, die nicht so wollen, wie sie zu wollen hätten, wenn man die Gesellschaft fragt. Um eine vermisste Katze geht es und um seltsame Begegnungen, aber auch um Verzweiflung und Einsamkeit und ein bisschen sogar um Leben und Tod.

„Menschen tranken. Menschen lagen auf Straßen und wurden überfahren. Männer trafen Frauen auf Partys und verstanden nicht. Vielleicht gab es nicht mehr Sinn als das.“

Ich habe Sarah Raich im März zufällig in einer Hotelbar in Leipzig kennengelernt, und ich bin sehr froh darüber. Weil ich jetzt in Kontakt bin mit dieser klugen, feinsichtigen Autorin, die so viel Herzblut und Eigensinn in ihre Figurenzeichnung legt. Die mir gleich auf Seite 11 dieses kleinen Büchleins mit einem Catperson-Moment gezeigt hat, dass wir irgendwo, auf irgendeiner Ebene, ähnlich ticken. Dies ist meine erste Kurzgeschichtensammlung von mikrotext, und auch über diese Entdeckung freue ich mich. Es lohnt sich, hinzuschauen: auf diese besonderen Bücher einerseits, auf die Menschen andererseits. Denn dank ihrer hervorragenden Beobachtungsgabe sind Sarah Raich zutiefst menschliche Geschichten gelungen, die mir richtig gut gefallen haben. Sie sind schlau, gewitzt, feministisch und überraschend. Ich weiß außerdem, dass Sarah Raich einen Roman geschrieben hat, der gerade bei einigen Verlagen auf dem Tisch liegt. Veröffentlicht ihn, denn ich will ihn lesen!

Dieses makellose Blau von Sarah Raich ist erschienen bei mikrotext.

 

 

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„Weiße Frauen wollten um jeden Preis mit weißen Männern gleichziehen, auch indem sie die Vorherrschaft über BiPoC an sich rissen“

Ich weiß gar nicht, wie man Mensch sein kann, ohne sich zu schämen. Ich schäme mich schon so lange für das, was wir als Menschheit sind, wie wir uns verhalten, wie grausam, blind und selbstsüchtig wir sind. Die Lektüre von Rafia Zakarias Buch hat dieses Gefühl noch weiter befeuert. Frauen sind nicht die besseren Menschen. Feministinnen sind keine besseren Menschen. Schon gar nicht, wenn sie weiß sind. Warum ein Feminismus, dem man sich anschließen könnte, unbedingt und zwingend intersektional sein muss, erklärt die Anwältin und Aktivistin Rafia Zakaria, selbst in Pakistan geboren und durch eine Ehe mit einem gewalttätigen Mann in die USA gekommen, schlüssig und nachvollziehbar anhand von Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart. Und gerade jetzt habe ich es getan: eine Verknüpfung hergestellt zwischen ihrer pakistanischen Herkunft und ihrer Biografie als Frau, die häusliche Gewalt überlebt hat. Das ist das Bild, das wir im Kopf haben von Frauen überall auf der Welt, solange sie nicht in Europa sind: dass sie sich in einer prekären Lage befinden, dass sie unsere Hilfe brauchen, unsere Belehrungen, unsere Expertise, unser Geld.

„… wird der weiße Feminismus immer noch als der Feminismus schlechthin präsentiert. Wenn Frauen of Color im weißen Feminismus eine Rolle spielen, dann sind sie Nebendarstellerinnen oder Bemitleidenswerte. Sie kämpfen um ihr Überleben oder um eine Schule oder ein Krankenhaus, und nicht um die Wahrnehmung als ganzheitliche und komplexe Menschen.“

Tatsache ist: Femismus ist in Wahrheit eine globale Bewegung, hat überall ihren Ursprung, nur sehen wir das in unserem Eurozentrismus nicht. Wir ignorieren die Folgen der Kolonialisierung und dass wir es waren, die vielerorts die Emanzipation der Frauen ausgebremst haben. Wir sind zutiefst rassistisch und unsolidarisch, geprägt von unserem White Savior Complex.

„Der Trickle-down-Feminismus, bei dem eine Lösung von oben heruntergereicht wird, ist kein intersektionaler Feminismus, sondern ein diktatorischer Feminismus.“

Rafia Zakarias Buch ist eine Herausforderung in jeder Hinsicht, und das ist gut so. Vielleicht hilft das Buch dabei, uns wachzurütteln und uns zu zeigen, dass wir niemals über Frauen anderer Herkunft stehen. Dass es, wenn überhaupt, nur gemeinsam möglich ist, etwas zu verändern.

„Es geht nicht darum, weiße Frauen aus dem Feminismus zu verdrängen, es geht darum, das Weißsein aus dem Feminismus zu verdrängen, in dem Sinne, dass Weißsein gleichbedeutend mit Herrschaft und Ausbeutung ist.“

Lest das.

Against white feminism von Rafia Zakaria ist erschienen bei hanserblau.

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„Nachts, wenn alle schlafen, komme ich gut zum Weinen“

„Wir spüren den Hunger unserer Großeltern, wir sprechen die Sprache unserer Urgroßeltern, wir kochen die Gerichte der Menschen, die Nachtbeeren pflückten und sie mit nach Russland nahmen, und trotzdem dachte Kornelius, dass sein Leben trennbar sei von dem der Bauern, auf die er herabsah.“

Nelli hat Kornelius geheiratet, weil er verfügbar war und weil ihre Aussichten nach ihrer Metzgerlehre ohnehin nicht rosig waren. Nelli ist zum Glauben übergetreten, weil es sich angeboten hat und sie nach dem Tod ihrer Öma diese große Leere gespürt hat, die mit nichts zu füllen war. Nelli hat sich mit ihrem Sohn Jakob eingeigelt, weil sie zu ihm eine enge Verbindung hat und keine weiteren Kinder mehr bekommen konnte. Jetzt ist Jakob schon fünfzehn, die Öma fehlt Nelli immer noch arg, und Kornelius ist verschwunden. In Rückblenden erzählen Jakob, Nelli und ihr Bruder Eugen vom Aufwachsen als Russlanddeutsche, von der plautdietschen Sprache und der mennonitischen Familie, von Heimat und Entwurzelung. Was auch immer im Angebot ist, wird palettenweise gekauft, der Alkohol fließt in Strömen, Frauen und Männer fügen sich in die traditionellen Rollenbilder, was vor allem bei Nelli für depressive Zustände gesorgt hat, und über allem liegt das Gemeinschaftsgefühl von Menschen, die sich aneinander festhalten.

„Unsere Leute, also ohnse, haben sich nie versteckt, es konnte sie nur keiner finden, weil sie nie jemand gesucht hat.“

Elina Penner ist selbst in der ehemaligen Sowjetunion geboren und 1991 nach Deutschland gekommen. Ihrem Debütroman merkt man an, dass sie weiß, wovon sie spricht, und das macht ihn so gut: dass er Einblick gibt in eine Lebenswelt, über die wir Außenstehende – die Hiesigen – wenig bis nichts gelernt haben. Sie schildert die Bräuche und Gerichte, verwendet die entsprechenden Begriffe und beschreibt ein Familiengefüge, das an den Umständen zerbrechen könnte, irgendwie aber trotzdem hält. Gleichzeitig ist dies ein Buch über die Last eines Frauenlebens und seine Zwänge, über tiefe Trauer und hohe Erwartungen. Es ist schön ironisch, ein bisschen böse, gefühlvoll und originell. Ihr solltet es unbedingt alle lesen. Well done, Elina! Ich feiere dich besonders für deine spitzfindigen Sätze wie diesen:

„Kornelius bewies in dem Moment einmal mehr, dass er kein Ehemann, sondern ein Mann in einer Ehe war.“

Nachtbeeren von Elina Penner ist erschienen bei Aufbau.