Bücherwurmloch

„Sie erinnern sich nur wieder daran, wie es ist, ein Lebewesen zu lieben, das kein Mensch ist“

„Und wie kommst du wieder zurück?“
„Zurück wohin?“
„Nach Galway. In dein Leben. Ist das nicht dort?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Eigentlich hätte ich gedacht, mein Leben sei genau hier, bei mir.

Und so verhält sie sich auch: Franny ist eigenwillig, unabhängig, wie ein ungezähmter Fuchs. Sie hat schon als Kind stets den Drang verspürt, einfach loszugehen, weiterzuwandern, nie an einem Ort zu bleiben. Und am liebsten ist sie am Meer. Nein, nicht nur am Meer, sondern im Meer, im Wasser, in der Kälte. Das ist ihr Element. Umso passender, dass Franny sich auf dem Weg in die Antarktis befindet, sie folgt den letzten noch lebenden Küstenseeschwalben. Auf einem Schiff, das sie nicht mitnehmen wollte und das gar nicht mehr in diesen Gewässern fahren darf, hat sie nichts anderes im Kopf als diese wunderschönen Vögel, die ihrem eigenen Aussterben nicht entkommen können – denn der Mensch hat schon so gut wie alle Tiere ausgerottet. Franny ist auf der Reise, auch in die eigene Vergangenheit: Warum war sie im Gefängnis? Wo ist ihr Mann, dem sie Briefe schreibt, der sie und ihre Wanderfüße aber nicht halten konnte? Und was ist mit ihrem Kind geschehen?

Charlotte McConaghy hat den wohl berührendsten Roman dieses Bücherherbsts geschrieben: Ich habe geweint. Und zwar nicht nur ein bisschen. Am Ende der Lektüre war ich tränenüberströmt. Nicht nur wegen der traurigen Ereignisse im Leben der Protagonistin, sondern auch wegen der schrecklich trostlosen Lage der Tiere, die in diesem Buch bereits Realität ist – und es auch bald wirklich sein könnte. Es geht um Umweltschutz in Zugvögel, um die Schönheit der Natur und die Grausamkeit der Menschen, es geht um eine mutige, sture Frau und ihre Weigerung, so zu sein wie alle anderen, es geht um Zusammenhalt innerhalb einer Crew und vor allem geht es um die Liebe. Ich habe sogar jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, wieder eine Gänsehaut. Zugvögel hat mich richtig unerwartet erwischt, ich mochte alles daran: den Ton, das Raue, Kalte, die Cliffhanger, das perfekt gewebte Ende, die Sprache. Großartig und unbedingt lesenswert!

Zugvögel von Charlotte McConaghy ist erschienen bei S. Fischer.

Bücherwurmloch

„We spend money and energy to keep ourselves safe from men, and yet still – we are paid less than them“
Ich möchte euch dieses Buch aufs Nachtkästchen legen, ich möchte euch auf den Kopf hauen damit, ich möchte euch die Sätze ins Herz schreiben und auf die Haut tätowieren. Damit ihr sie an euren Körpern lesen könnt und versteht, dass ebendiese Körper eure Sache sind, und zwar eure allein. Florence Given ist erst 21 Jahre alt und hat schon so viel verstanden: Sie ist seit Jahren hier auf Instagram massiv erfolgreich, und ich habe ihr erstes Buch mit Spannung erwartet. Dann war es sogar noch besser als erhofft: Ich habe es in zwei Stunden durchgesuchtet und dachte ständig JA! Ja, das auch. Ja und das! Ja, verdammt! Sie schreibt so ehrlich, klug und authentisch, dass man niemals den Eindruck hat, sie belehre einen aus einer erhöhten Position heraus, ganz im Gegenteil: Sie erzählt von ihrem eigenen Wachstum, von ihrem Weg des Lernens, von den Fehlern, die sie macht und gemacht hat. Denn ihr geht es wie uns: Da ist dieses Gefühl, dass so viel verkehrt läuft mit unserer Wahrnehmung, der Schönheitsindustrie, dem Marketing, dem Patriarchat, das uns Standards aufzwingt, denen wir nicht entsprechen wollen. Dieses Gefühl wird immer stärker und schwerer, und wir haben, gelinde gesagt, langsam die Schnauze voll. Aber wie können wir aus einem System ausbrechen, das uns alle beinhaltet? Wie können wir uns gegen die Zwänge der Gesellschaft stellen?

Dieses Buch, liebe Leute, ist so großartig. Es ist augenöffnend, wahr und tröstlich, es zeigt auf, dass die größte Revolution, die wir anzetteln können, darin liegt, uns selbst zu lieben – so, wie wir sind. In der Akzeptanz des eigenen Körpers liegt eine überraschend große Kraft. Lassen wir uns nicht mehr kategorisieren, in Schubladen pressen, unterdrücken und gleichmachen. Feiern wir die Vielfalt, das Natürliche, das Schöne an uns allen. Ich hab nämlich keine Lust mehr, und ich glaube, viele von euch auch nicht. Wir sind Frauen, aber wir werden über den Blick der Männer definiert – unattraktiv zu sein, bringt uns Nachteile, doch sobald wir zu sexy sind, sind wir in Gefahr. Let’s stop that. Time is up. Lest dieses Buch und andere, informiert euch, weigert euch. Wir sind viele, und wir haben mehr Macht, als wir glauben.

„You don’t owe prettiness to anyone. Not to your boyfriend/spouse/partner, not to your co-workers, especially not to random men on the street. You don’t owe it to your mother, you don’t owe it to your children, you don’t owe it to civilization in general. Prettiness is not a rent you pay for occupying a space marked female.” Erin McKean

Bücherwurmloch

„I want to tell you something about myself. Something true, or nothing at all“
Oh, ich liebe, liebe, liebe dieses Buch! Es war für mich der bisher größte Überraschungshit in diesem Jahr. Ich hatte keinerlei Erwartung, war dann völlig verblüfft – und vor allem absolut fasziniert. Es ist klein und schmal, kommt so unaufgeregt daher, und hat für mich eine unglaubliche Poesie entwickelt. Ein sprachlich herausragendes Werk, das zwei Autor:innen gemeinsam verfasst haben, es sprüht nur geradezu vor originellen Einfällen, Fantasie und Einfallskraft. Man kriegt mich mit guten Ideen (sofern sie auch gut umgesetzt sind), und ich finde es großartig, dass hier sämtliche Regeln gesprengt und sämtliche Grenzen einfach ignoriert werden. Zeitreisen? Aber sicher. Wesen, die nicht schlafen und nicht essen müssen? Bring them on. Briefe, die in Stoff eingewebt sind, in Knoten, Briefe, die man erst lesen kann, nachdem man sie verbrannt hat, Worte, die in Samenkörnern sind und die man hinter seinen Augen speichern kann. Ja, ja, ja.

Red und Blue sind Agentinnen in einem seltsamen Krieg, der sich über alle Orte, alle Zeiten und alle Planeten erstreckt. Sie reisen in die Vergangenheit, um einzelne Menschen oder ganze Heerscharen zu töten, damit sich die Zukunft verändert, sie sind Gegnerinnen und als Einzige einander ebenbürtig. Eines Tages findet Red auf einem Schlachtfeld einen Brief mit der Aufschrift „burn before reading“. Das ist der Anfang eines Briefwechsels, der sich über die Jahrtausende erstreckt, der immer intensiver wird, emotionaler und vor allem: gefährlicher. Diese Zeilen, die die beiden Frauen einander schreiben, gehören wohl zu den schönsten Briefen, die ich je gelesen habe. Ich habe dermaßen mitgefiebert, dass ich manchmal den Eindruck hatte, ich vergesse gleich zu atmen. Wann immer ich nicht weiterlesen konnte, habe ich an diesen Roman gedacht. Ich wollte ewig weiterlesen – und doch gleichzeitig wissen, wie eine so ungewöhnliche Geschichte enden könnte. Sie tut es auf sehr passende, gut gelöste Art und Weise. Wer auf Englisch lesen kann und mag, möge zu diesem fabelhaften Pageturner greifen!

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„Ich vergesse, dass es uns in Wirklichkeit nicht gibt“
Mania und Tomek sind Freunde aus Kindertagen, beide stammen aus Polen. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Psychologin mit Gefängnisinsassen, während er in Wien zuhause ist. Als Mania von Zahit, einem Geflüchteten, der bei Tomek Unterschlupf gefunden hat, erfährt, dass Tomek verschwunden ist, verlässt sie Berlin und ihr gesamtes Leben, um ihn zu suchen. Gemeinsam mit Ruth, zu der sie eine unergründliche Beziehung hat, Zahit, der keine Aufenthaltserlaubnis hat und wegen Dealens gesucht wird, sowie Hündin Sue macht Mania sich auf den Weg nach Warschau. Dort haben sie Tomeks Handy geortet. Dorthin ist er angeblich mit seiner Freundin Marina gefahren – um ein Versprechen einzulösen, das er ihr gegeben hat.

„Die Dinge, die geschehen sind, sind geschehen, und wir tragen sie in unseren Körpern und Köpfen.“

Ich habe Kaśka Brylas Debütroman an einem verregneten, herbstlichen Sonntagnachmittag verschlungen. Es hat gut gepasst und meine Stimmung getroffen, dieses Flirrende, Melancholische, Geheimnisvolle. Ich war sofort gefangen von dieser ungewöhnlichen Geschichte, von diesem seltsamen Roadtrip. Ein paar kauzige, angeknackste Gestalten, ein Hund, überraschende Notizen – aus diesen Zutaten hat die Autorin, die Kurse in Kreativem Schreiben in Gefängnissen gibt, einen gut lesbaren Roman gewoben, der in meinen Augen viel leichter ist, als das düstere Cover vermuten lässt. Er ist spritzig, schnell, unverblümt, mit schrägen Auswüchsen, die aber gut in die Handlung passen. Roter Affe entspricht dem Profil jener Bücher, die eine unterhaltsame Geschichte enthalten und dabei auf literarischem Niveau agieren. Es sieht eher finster, schwer und kompliziert aus, lasst euch davon nicht abschrecken. Der mitreißende, fast schon brüske Ton macht aus dieser Road Novel ein überraschendes Leseerlebnis, und am Ende zeigt sich, dass es eine runde Sache ist. Ich hatte keinerlei Erwartungen und war letztlich erstaunt, wie gern ich es gelesen habe. Nice one!

„Was ist Glück anderes als Momente, die durch ihre Begrenztheit bestimmt sind?“

Roter Affe von Kaśka Bryla ist erschienen im Residenz Verlag.

Bücherwurmloch

Karen Thompson Walker ist die Frau mit den wilden Ideen: In „The age of miracles“ hört die Erde plötzlich auf, sich zu drehen, in „The dreamers“ schlafen Menschen ein und wachen nicht mehr auf. Leider ist es in dem Fall ein bisschen bei der guten Idee geblieben, die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

„Wie tötet man Billy Elliot?“ von Zura Abashidze ist eine Sammlung von Kurzgeschichten aus Georgien, die wild, absurd, vulgär, gefühlvoll und originell sind. Ich habe sicher nicht alle davon wirklich verstanden, mich vom Rest aber gut unterhalten gefühlt.

„Erinnerung an meine traurigen Huren“ von Gabriel García Márquez ist ein #metoo-Buch, an dem man den Wandel der Zeit festmachen kann: Ein 90-Jähriger „gönnt“ sich zum Geburtstag ein 13-jähriges Mädchen, das mit Schlafmitteln betäubt wird. Das ist unter heutigen Gesichtspunkten nicht nur extrem grenzwertig, sondern unerträglich. Man möchte ihn permanent anschreien, sich zu schämen – und zwar den Protagonisten sowie den Autor.

Helen Oyeyemi hat mit „What is not yours is not yours“ die wohl schrägsten Short Storys geschrieben, die ich dieses Jahr gelesen habe. Sehr fantasievoll, sehr stilsicher, aber auch sehr verwirrend. Es gibt geheime Rosengärten, lebende Marionettenfiguren, schöne Sätze und viele Fragezeichen.

Kurzgeschichten enthält auch „Heads of the colored people“ von Nafissa Thompson-Spires, das schon bevor der Blick vermehrt auf Schwarze Literatur gefallen ist, hochgelobt wurde. Die Storys sind witzig, direkt, sehr unverblümt und smart. Auch hier war ich nicht von allen begeistert, das geht mir bei Kurzgeschichten immer so, aber die meisten fand ich wirklich gut.

„This is how you lose the time war“ von Amal El-Mohtar und Max Gladstone hat mich vollkommen umgeworfen, davon erzähle ich euch bald mehr!

 

 

Bücherwurmloch

„I looked around the room at all these women and their proudly bared breasts – and it felt good”

Roberta ist eine von den Braven. Sie hat einen langweiligen Job bei einem Modemagazin, keine Ambitionen, kaum Freunde. Das Einzige, woran sie wirklich Spaß hat, ist Kochen. Sie kreiert für ihr Leben gern Gerichte. Dann lernt sie die Künstlerin Stevie kennen, die beiden gründen eine WG – und den Supper Club. Dabei treffen sich eine Handvoll Frauen, die einander anfangs fremd waren, regelmäßig an einem neuen Ort, um zu essen. Sie feiern wahre Festgelage, kochen, futtern, werfen abgenagte Knochen hinter sich, bemalen sich die Gesichter golden, ziehen sich nackt aus, tanzen. Es geht ihnen darum, sich zu wehren gegen die Restriktionen, denen Frauen in unserer Gesellschaft unterworfen sind. Statt sich permanent kleiner machen zu lassen, wollen sie bewusst mehr Raum einnehmen – auch, indem sie durch all das Essen langsam dicker und dicker werden.

„It’s about existing in spaces we’re told we shouldn’t exist in, or how we behave in spaces that expect us to behave a certain way, to be a certain thing – and what if we don’t want to be that thing? What if we don’t want to behave in that way? So what if you give up making yourself smaller all the time, and you make yourself bigger instead?”

Supper Club von Lara Williams liegt eine genial, sehr emanzipierte und feministische Idee zugrunde: als Frau zu genießen, statt zu hungern, als Frau Tabus zu brechen, den eigenen Körper und das Essen zu zelebrieren. Es geht in diesem Buch um Sexismus und toxische Beziehungen, um die Bevormundung durch Männer, um das Kleinhalten der Frauen. Immer wieder sind Kapitel eingebaut, die sich ganz der Zubereitung einer bestimmten Speise widmen. Die Erzählung wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, als Roberta eine Studentin war. Das ist gut gemacht und abwechslungsreich, ich fand es stellenweise aber auch ein wenig langatmig und mau, weil die Protagonistin ein sehr schüchterner, manipulierbarer Mensch ohne viel Innenleben ist. Ihre Erweckung kommt spät und geht mit dem Konzept der Supper Clubs einher. In meinen Augen hätte die Autorin da noch mehr zustechen können, hätte das schärfer herausarbeiten und am Ende zuspitzen können, leider versandet es ein wenig. Trotzdem ein herausragend gutes Leseerlebnis – und vielleicht eine Inspiration für die eine oder andere unter uns. (Sehr geiles Cover auch, by the way.)

 

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Men, on the whole, are not to be trusted“

„Love is a quiet, reassuring, relaxing, pottering, pedantic, harmonious hum of a thing; something you can easily forget is there, even though its palms are outstretched beneath you in case you fall.“

Ich muss gestehen: Ich hätte dieses Buch nicht gelesen. Ich hab es gesehen, ja, auf allen möglichen Kanälen, aber es hat mich nicht gereizt. Doch dann hab ich in Covid-Zeiten bei der großartigen Buchhandlung Lüders in Hamburg ein Solidaritätspackage bestellt und nur gesagt, dass sie mich mit englischen Titeln überraschen sollen. Das haben sie getan – und Dolly Alderton war dabei. Gott sei Dank! Denn jetzt bin ich regelrecht glücklich, diesen wunderbaren kleinen Schatz in die Hände bekommen zu haben. Ich hab bei Everything I know about love gegrinst, gelacht, genickt, mich extrem angesprochen gefühlt und an zwei Stellen sogar – jaha! – ein bisschen geweint. In sehr persönlichen kurzen Essays erzählt die Journalistin und Kolumnistin von ihrer Jugend und ihrem Erwachsenwerden – in Bezug auf Dating, Männer, Freundschaften und Liebe. Das ist ehrlich, witzig, gänsehautmachend und ebenso traurig wie schön. Jede Frau meiner Generation wird diesem Buch etwas abgewinnen, da bin ich mir sicher.

Das beginnt schon bei Dollys amüsanter Beschreibung der ersten Chaträume des Internets. Wie spannend das war, wie lange es gedauert hat, eine Verbindung herzustellen, wie wir alle gechattet, geflirtet, geschrieben haben, Stunden über Stunden. Und wie irgendwelche Treffen in der Realität nie so gut waren wie erhofft. Sie berichtet von ihrem ersten Rausch und wie normal es für sie und ihre Freundinnen wurde, sich jedes Wochenende – und nicht nur dann – zu besaufen, und während man das liest, erinnert man sich an die eigenen durchtanzten Nächte, an das Gefühl, jung zu sein und wild und so herrlich gedankenlos. Sie beschreibt die Freundschaften zu ihren Freundinnen als eine tiefgehende Verbindung, die Frauen haben (können), und man lächelt bei dem Gedanken an die eigenen Freundinnen. Und schließlich: die Männer. Dates, unverbindlicher Sex, Verliebtheiten und Beziehungen, die entstehen und zerbrechen, wie sich alles verändert, wenn man nicht mehr Anfang zwanzig, sondern Anfang dreißig ist. Dolly macht einen aufreibenden, gefühlsintensiven Weg der Selbstfindung durch und teilt ihre Erkenntnisse mit uns – aber nicht belehrend oder im Ratgeberton, sondern selbstironisch, nachvollziehbar und klug. Ich hab es sehr gern gelesen und bin den Lüders zu Dank verpflichtet für diese Lesestunden, in denen ich selbst ein Resümee darüber gezogen habe, was ich nach 37 Jahren alles über die Liebe weiß.

 

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Bis 1. September habe ich mich den Backlist-Titeln aus meinem Regal gewidmet (wobei ich wohl genauso viele aussortiert wie gelesen habe, ähem), hier stell ich euch kurz die neuesten (haha) vor:

„Everything I know about love“ von Dolly Alderton war ein absoluter Überraschungsglücksgriff für mich, ich hab diesen Essayband über rauschige Partynächte, Frauenfreundschaften und die Liebe sehr gefeiert (und erzähle euch bald mehr darüber).

„Jesolo“ von Tanja Raich ist ein heftiges und vermutlich recht authentisches Buch über #regrettingmotherhood. Eine Frau, die eigentlich nicht zu ihrem Freund ziehen, die eigentlich kein Kind bekommen wollte, wird schwanger – und fügt sich seinen Vorstellungen und denen der Schwiegereltern. Während ich das lese, kann ich (besonders, da ich zwei Kinder habe) vieles absolut nachvollziehen. Schade nur, dass das Ende wirr ist, das fand ich nicht gut gelöst.

„Erbsenzählen“ hat Gertraud Klemm mir geschenkt, als wir uns vor einer Weile persönlich kennengelernt, eine ganze Packung Eis gegessen und über die Hässlichkeit hängender Hoden gesprochen haben: Keine schreibt so bissig, schlau und österreichisch wie sie. In diesem Buch geht es um eine Frau, die einen wesentlich älteren Mann liebt, der im Kulturbereich arbeitet – sehr schön entlarvend, das alles.

„Lempi“ von Minna Rytisalo ist euch bestimmt schon untergekommen, weil so viele Leute Lobpreisungen darauf gesungen haben, und ich kann nur zusagen: zu Recht. Es ist eins dieser Bücher, in denen kein Wort zu viel ist. Finnland im Zweiten Weltkrieg, zwei rivalisierende Frauen, Gewalt, Angst und Tod – davon erzählt Rytisalo aus drei verschiedenen Perspektiven klar und schonungslos, aber trotzdem einfühlsam. Großartig!

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„Die Zeit vergeht, aber wann beginnt das Leben?“
Sie ist immer mit einer Kamera um den Hals herumgelaufen: Vivian Maier. Als sie am Leben war, hat niemand sie gekannt, und die meisten ihrer Bilder hat sie nie entwickelt. Nach ihrem Tod, als in ihrer Wohnung 200.000 Fotografien gefunden wurden, hat sie es zu überraschender posthumer Berühmtheit gebracht. Sie wird als geniale Straßenfotografin bezeichnet, und offenbar hat sie tatsächlich ausschließlich auf der Straße fotografiert: im Vorbeigehen, mit einem entwaffnenden Blick für ein gutes Bild. Ich stelle mir vor, dass diese 200.000 Fotos Momentaufnahmen sind von Menschen, Gebäuden, Situationen in Chicago und New York, viele davon, vielleicht sogar alle, unwiederbringlich verloren. Über das Leben dieser Dokumentarin Vivian Maier gibt es offenbar wenig Informationen, doch die dänische Autorin Christina Hesselholdt hat sich ihr trotzdem literarisch genähert – indem sie ein Kaleidoskop an Stimmen entworfen hat, manche fiktiv, andere nicht.

Ich muss gestehen, dass die Lektüre von Vivian für mich kurios war: Ich mochte das Buch nicht, viele darin enthaltene Sätze aber schon. Die Idee an sich ist großartig, in kurzen, aufeinander wechselnden Monologen berichten Vivian selbst, ihre Arbeitgeber, bei denen sie als Kindermädchen angestellt war, sowie die eine oder andere Randfigur von dieser rastlosen Frau, die schnell ging, Bilder schoss, ohne zu fragen, mit einer unglücklichen Mutter aufwuchs, die den Bruder einfach abgegeben hat, ein Gespräch ist das nicht, alle diese Figuren reden nicht miteinander, eher aneinander vorbei. Immer wieder mischt sich der Erzähler ein, den ich am interessantesten fand, weil er einfach random facts von sich gibt – aber auf fast schon poetische Weise. Und ja, die Poesie: Einige Sätze hab ich mir rausgeschrieben, die hab ich goutiert, obwohl ich das große Ganze unzugänglich fand, ich hatte nicht das Gefühl, Vivian kennenzulernen. Christina Hesselholdt hat viel erzählt, aber wenig gesagt oder vielmehr hat sie gezeigt, dass diese Frau eben eine Unbekannte war, die für sich geblieben ist.

Wir öffnen den Mund, und heraus kommen – wir selbst.

Wenn man alt wird, hat man nur seinen Stahlhelm aus grauen Haaren, seinen Alterspanzer; und das schlechte Gewissen der anderen, das Schuldgefühl, in dem man herumstochern kann.

Seit Jahren hat mich niemand mehr berührt, und vermutlich wird es auch niemand mehr tun. Nicht, ehe meine Leiche gewaschen wird, ich hoffe auf sanfte Hände.

Die Kamera macht einsam, weil sie beschneidet, weil sie etwas (das Motiv) aus seinem Zusammenhang reißt. Sie ist brutal. Sie lügt. Die Kamera lügt immer.

Früher dachte ich, Einsamkeit würde bedeuten, endlich meine Ruhe zu haben, jetzt weiß ich, es bedeutet, dass niemand mehr da ist, der auch nur ein kleines bisschen über mich weiß.

Die Leute lieben Rätsel, das Unabgeschlossene und das Unerklärliche sind wahnsinnig anziehend. Ich bin die geheimnisvolle Dame, die durchgesägte Dame, deren Vergangenheit abgetrennt wurde.

Der Erzähler ist der eigentliche Verbrecher.

Wann fällt mein Vater vom Himmel, wann schießt meine Mutter aus dem Boden, ich bin allein und wohne in einer Nische meiner selbst.

Jeder, den man lange genug anstarrt, wird einem irgendwann befremdlich erscheinen.

Vivian von Cristina Hesselholdt ist erschienen bei Hanser.

Bücherwurmloch

„Ich habe nie verstanden, warum immer nur die schlechten Erfahrungen uns prägen“
Als Antonia in den 1970er-Jahren ein kleines Mädchen ist, wird sie von einem Trainer „entdeckt“: Sie ist vielleicht dünn, biegsam und ehrgeizig genug, um als Turnerin Erfolg zu haben. Antonia, die zuhause bei den Eltern und den zwei Brüdern kaum Zuwendung bekommt, blüht unter der Aufmerksamkeit des Trainers auf. Sie übt, sie hungert, sie kasteit sich, sie bringt ihren Körper an jede nur erdenkliche Grenze. Antonia kämpft: um die Liebe ihrer Mutter Elsa, um die Anerkennung von Trainer Henz, um sportliche Triumphe, die beinahe unmenschlich scheinen. Vierzig Jahre später begleitet Antonia ihre Mutter in deren letzten Lebensmonaten in einem Altenheim. Die beiden führen Gespräche, reden endlich über alles, was damals geschehen ist, kommen einander nahe – und auch wenn sie vielleicht nicht zu einer Versöhnung in der Lage sind, erkennen sie doch zumindest die Muster, die ihrem Verhalten zugrunde lagen.

„Antonia wunderte sich immer wieder, dass diese Momente, die alles veränderten, so unscheinbar dahergeschlichen kamen. Man machte es sich gemütlich und merkte nicht, wie das Schicksal sich zusammenduckte und seine Krallen schärfte.“

Evi Simeoni ist eine mit Preisen bedachte Sportjournalistin und schreibt beeindruckende Bücher, die von Extremsport handeln. Ihr erster Roman Schlagmann hat mich begeistert, mit Rückwärtssalto hat sie mich erneut sehr beschäftigt: Ich musste viel über dieses Buch nachdenken. Über die Verrücktheit von uns Menschen, dass wir in sportlichen Bereichen Utopisches von Körpern verlangen, die dazu – wenn überhaupt – nur durch unverhältnismäßige Opfer oder Doping in der Lage sind. Die Spätfolgen sind heftig: Diese Körper, die solche sportlichen Ziele erreicht haben, sind hinterher kaputt. Heftig ist auch die Mutter-Tochter-Beziehung im Buch, getragen von alten patriarchalischen Vorstellungen, von Neid und der Unfähigkeit, es besser zu machen als die eigenen Eltern. Antonias Brüder werden bevorzugt, Antonia soll – wir schreiben die Siebziger – ihren Platz kennen, sie wird nicht gefördert, nicht unterstützt. Das zu lesen, ist schmerzhaft und bitter. Die Rahmenhandlung, in die die Erinnerungen an Antonias eingebettet sind, ist geprägt von einer Aussprache, von Vorwürfen, von Einsichten, die Jahrzehnte zu spät kommen – aber auch von Erlösung.

Rückwärtssalto von Evi Simeoni ist erschienen bei Klett-Cotta.