Bücherwurmloch

„Man musste kein Psychologe sein, um zu wissen, dass so einer wie der Krutzler keine komplizierte Psyche hatte, weil er gar kein Interesse hatte, eine solche zu entwickeln“
Trotzdem ist rund um den Krutzler alles kompliziert: seine Karriere als Kleinkrimineller zum Beispiel, abrupt unterbrochen von den Nazis, die ihn ins KZ abtransportieren. Wo einer wie der Krutzler aber erst zu seiner wahren Form findet – die er später perfektioniert. Mit dem besonderen Talent für Notwehr etwa, das er hat: Ständig bringt er jemanden um und kommt damit davon. Zu viert wollen der Krutzler, der Wessely, der Sikora und der Praschak sich Wien aufteilen, schon vor dem Krieg, und nachher erst recht. Das gelingt ihnen auch, aber die Sache ist, siehe oben, kompliziert.

„Aber wie sollte man jemanden vor seinem Schicksal bewahren? Das war unnatürlich und fiel auch nicht in seine Zuständigkeit. Jeder musste seine eigene Geschichte fertig erzählen.“

David Schalko ist in Österreicher so etwas wie ein Nationalheld: Verehrt wird er für großartiges Fernsehen wie „Altes Geld“ und „Die Aufschneider“. Böse ist das, was er macht, makaber und schwarz – und göttlich. Das gilt auch für diesen Roman, bei dem ich mir mehr als einmal gedacht hab: Kann der/die Deutsche das überhaupt verstehen? Sprachlich ja, aber so von der Seele her? Es geht dabei nicht nur um die Austriazismen, es geht um den tiefschwingenden Humor, das verschmitzte Lächeln, in dem so viel Herz mitschwingt, dass sogar vom Konzentrationslager erzählt werden kann. Wenn einer das so ehrlich, so ergreifend und dabei so schonungslos darf, dann der Schalko. Das Buch kommt fast zur Gänze ohne direkte Rede aus, alles wird im Konjunktiv erzählt, dieses Fragende, Vage, nicht auf den Punkt zu Bringende hat wiederum selbst etwas arg Österreichisches. Und was dieser Roman auch hat: viel zu viele Seiten. Mit fast 600 ist er einfach zu dick. Das sag ich nicht, weil ich ungern schwere Schinken lese, sondern weil die Geschichte an mehr als einer Stelle ausfasert und verschlankt hätte werden müssen: 150 Seiten weniger hätten es auch getan. So aber gibt es einige Hänger, und das ist schade. Weil ich mich ganz unsterblich in „Schwere Knochen“ verliebt hab (sonst hätt ich die vielen Seiten ja auch nicht gelesen) und es ein wahres Highlight für mich ist. Nicht nur sprachlich, auch von der Seele her.

Schwere Knochen von David Schalko ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch.

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„Das war die geilste Zeit meines Lebens! Wenn ich mich nur an mehr erinnern könnte“

„Eigentlich hätte sich Punk ja nach einem Dreivierteljahr selbst zerstören und dabei alles mit ins Jenseits reißen sollen, was sich in der Nähe befand“, hat er aber nicht. Stattdessen sind die ehemaligen Bandmitglieder auseinandergegangen und haben mehr oder weniger ihr Glück gefunden: Sie arbeiten in einer Content-Marketingagentur oder produzieren Schlager, haben eine Familie gegründet oder verfolgen weiterhin eine steile Drogenkarriere. Fakt ist, da geht noch was. Da ist noch Luft nach oben. Und deshalb beschließen die vier, es erneut zu wagen: Sie gehen gemeinsam mit der viel berühmteren und vor allem bei der Jugend bekannten Band Superschnaps auf Tour.

Thomas Mulitzer, der selbst Musik macht und Teil der Mundart-Punkband Glue Crew ist, hat genau darüber geschrieben: Musik. Wie das ist, wenn einem der Beat ins Hirn wummert und der Text ans Herz geht. Wie es sich anfühlt, auf der Bühne zu stehen, im abgeranzten Bus über die Straßen zu brettern, im Hotel zu schlafen, jeden Abend woanders aufzutreten: wie geil das ist, aber auch wie verloren, ein Leben parallel zu dem, das die anderen führen. In einer zutiefst österreichischen Sprache und mit ebensolchem Humor ausgestattet, nimmt dieser Roman die Lesenden mit auf einen punkigen Roadtrip, auf dem vier alte Freunde mal schauen wollen, ob sie es noch draufhaben. Es wird gesungen und gestritten, gefurzt und auch was angezündet. Das ist erheiternd und amüsant, ich hab mich ganz besonders abgeholt gefühlt, weil ich Salzburg und alles, worüber Thomas sich lustig macht, bestens kenne. Ein von Kremayr & Scheriau außerordentlich schön gestaltetes Buch, das innen hält, was das Außen verspricht: eine Popgeschichte, die so viel Spaß macht wie ein guter Song.

„Ich habe eine Riesenangst davor zu sterben und wette, morgen geht es trotzdem wieder weiter.“

Pop ist tot von Thomas Mulitzer ist erschienen bei Kremayr & Scheriau.

 

 

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„Im Fernsehen berichten sie heute nicht, dass jemand gestorben wäre, aber ich bin mir sicher, dass es trotzdem so ist“
Die Julia Hofer wohnt im Tal und geht in die Restmüllklasse. Da werden in der Hauptschule jene versammelt, um die es nicht allzu gut steht, intelligenztechnisch. Gemeinsam mit ihrer Crew drückt die Julia aber jeden Schultag irgendwie durch, auch wenn so Arschloch-Lehrer wie der Brandstätter sie ganz besonders herzapfen. Der Brandstätter ist es auch, der eines Tages mit der Idee für ein Experiment daherkommt: Er will nämlich Direktor werden, und um Eindruck zu schinden, möchte er in der ganzen Klasse Rollen verteilen. Die Schüler:innen ziehen einen Zettel, jede:r von ihnen ist fortan ein Politiker oder die Presse, ein Augenzeuge oder – wie die Julia – die UNO. Sie sollen herausfinden, wie sie zu agieren haben. Eh nicht so blöd eigentlich, aber da der Brandstätter ein Arschloch ist und die Klasse Restmüll, haut das nicht so hin wie geplant. Überhaupt nichts haut so hin wie geplant, denn mit ihrer Musik kommt die Julia nicht weiter, ihr Bruder macht die Matura am Gymnasium und kann im Tal nicht studieren, weil es hier nichts gibt außer eine abgeranzte Bar, einen Lidl und Touristen. Das Jahr 2001 ist also für Julia ungefähr so wie ihr ganzes bisheriges Leben: ein einziger Scheiß.

Dieses Buch lebt von der Zeit, in der es spielt. Es lebt von der ausgefeilten Recherche seiner Autorin, die uns die Musik, die Begriffe, die Outfits und das Lebensgefühl des Jahres 20021 zurückbringt: Das ist ein ganz eigener Sound. Ich hab im Jahr 2001 maturiert, bin also ähnlich alt wie die Protagonistin und während der Lektüre ständig am Nicken. Das Geräusch eines Modems und der Satz „geil, in zehn Minuten geht’s los“: Ich kenn’s. Die Songs, die Zukunftsangst, das Schwärmen für irgendwen, der nicht mal rüberschaut: Alles meins. Großartig auch, dass der Roman alle seine Austriazismen behalten durfte, dass er sich anhört und liest, als würde man wirklich in so einem österreichischen Tal stehen. Oida, gemma, tu weiter, mein Herz freut sich bei jedem dieser Ausdrücke, die zu einer ganz eigenen Sprachmelodie beitragen. Zwar war es bei mir kein Tal, sondern ein Bergdorf, dort gab es aber nicht einmal einen Lidl. Eigentlich gab es überhaupt nichts, schön war es irgendwie trotzdem. So erlebt es auch die Julia: dass es dennoch Zusammenhalt gibt, Freundschaft, eine Perspektive. Wenn man aus Tal weggeht, eh klar.

2001 von Angela Lehner ist erschienen bei Hanser.

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„Als Frau und Gemahlin besaß ich keinerlei Macht und musste gleichwohl unser Schicksal irgendwie in die Hand nehmen“

Und dieses Schicksal ist ein herausforderndes, denn nach einem kurzen Techtelmechtel mit einem gewissen John McArthur passiert der jungen Elizabeth dasselbe, was vielen Frauen ihrer Zeit – wir schreiben das Jahr 1788 – geschehen ist: Sie muss ihn heiraten. Sie ist als Halbwaise ohne Mitgift keine gute Partie, hat ihre Unschuld an ihn verloren, und so findet sie sich plötzlich in einer ungewollten, lieblosen Ehe mit einem Mann wieder, der sich schnell als herrschsüchtig, eingebildet und leicht reizbar entpuppt.

„Wie viele Ehefrauen lernen wohl wie ich, das Klima im Raum zu prüfen? Darauf zu achten, wie der Ehemann den Kopf neigt, die Füße setzt, den Löffel hält, die Faust neben den Teller legt? In einem Wimpernschlag zu erfassen, ob Sonne oder Schatten die Oberhand hat?“

Als John beschließt, eine Stelle als Lieutnant in der Strafkolonie in New South Wales in Australien anzutreten, hat Elizabeth keine Wahl, sie muss mit ihm gehen. Sie hat kein Selbstbestimmungsrecht, nicht über ihr Leben, nicht über ihren Körper, den John sich nach Belieben zu eigen macht, nicht über die Kinder, die sie bekommt. Sie versucht zwar, mit gezielten, klug überlegten Strategien seine Eitelkeit zu beeinflussen, ist damit aber nicht immer erfolgreich.

Kate Grenville, die zu den wichtigsten Schriftstellerinnen Australiens gehört, hat einen Roman geschrieben, der beispielhaft ist für das Leben aller Frauen, die vor uns kamen: Sie erzählt, wie es ist, der Besitz eines Mannes zu sein, der sämtliche Entscheidungen trifft. Eingebettet in eine ausufernd altertümliche Sprache, die mich zwischendrin, ich gestehe es, auch ein wenig eingeschläfert hat, ist dies im Kern natürlich ein hart feministisches Buch, denn in der Umkehrwirkung zeigt es, wie viel sich seither verändert hat – und wie viel sich noch verändern muss. Sehr pfiffig geschrieben und raffiniert konstruiert, spannend auch der Einblick in die Geschichte Australiens: Ich finde es nach wie vor unfassbar, dass man gedacht hat, man könnte einfach alle unliebsamen Straftäter:innen dorthin verschicken (und den Eingeborenen das Land stehlen). Empfehlung!

Ein Raum aus Blättern von Kate Grenville ist erschienen bei Nagel & Kimche.

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„Es sah so aus, als ob diese Jungs wirklich in den Krieg ziehen wollten“
Toni, der Spanier, Germain, der Franzose, und Jürgen, der Alemán: Diese drei jungen Männer sind in den 1970er-Jahren in Barcelona Teil einer anarchistischen Gruppe, die gegen das faschistische Franco-Regime kämpft. Doch beim Anschlag auf ein Luxus-Kaufhaus geht so einiges schief, und Toni landet im Gefängnis. Jahrzehnte später meint er den Alemán auf der Hochzeit seiner Tochter zu sehen – ausgerechnet den Mann, den er für den Verräter hält. Ist er es wirklich? Und hat er ihn damals ans Messer geliefert?

Multiperspektivisch und herausfordernd ist Hannes Köhlers neuer Roman. Der deutsche Autor, der mich bereits mit „In Spuren“ und „Ein mögliches Leben“ beeindruckt hat, hat gewaltige Recherchearbeit geleistet: Er präsentiert in diesem Buch ein Stück spanischer und europäischer Geschichte, das bis heute seine Auswirkungen hat. Unglaublich viele Namen, Zeiten und Ortswechsel halten mich anfangs gewaltig auf Trab, aber Hannes schreibt so gut, dass ich ihm das verzeihe, viel mehr noch: dass ich es richtig gerne lese, immer wieder zurückblättere, um alles einordnen zu können, und trotz manchmal auftretender Verwirrung sofort Feuer und Flamme bin. Toni berichtet selbst, Jürgen wird durch seinen Sohn Jonas erzählt, der seine Frau verloren hat, und Germain durch seine Frau Catherine, die in den Revoluzzer-Zeiten bereits an seiner Seite war. Das finde ich klug gemacht und raffiniert konstruiert, mit ausreichend Geduld findet man in dieses Geflecht aus Figuren, Stimmungen, Unterstellungen und Ereignissen hinein, das sich wie ein Netz ausbreitet – und am Ende zeigt sich, wer durch welche Masche geschlüpft ist.

Dies ist ein Roman, den man sich durch seinen historischen und politischen Kontext erarbeiten muss, und diese Arbeit lohnt sich: nicht nur, weil man so einiges dabei lernt, sondern auch, weil das Buch ein großer Lesegenuss ist, stilistisch und formell absolut sicher. Nicht zuletzt ist das ein Titel, der in meinen Augen als Schullektüre taugen würde: Nicht viele Autor:innen sind in der Lage, belegbare Fakten derart lesenswert aufzubereiten und in eine fiktive Story zu verweben. Well done!

Götterfunken von Hannes Köhler ist erschienen bei Ullstein.

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„Solange man am Leben ist, ist es noch nicht vorbei“
Nach dem Erfolg von „Im Westen nichts Neues“ ist Erich Maria Remarque ein über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannter Schriftsteller: verheiratet mit einer Schönheit, der Liebhaber von Frauen wie Marlene Dietrich und Greta Garbo, ein Mann, der schnelle Autos, ein schnittiges Gesicht und eine Villa in der Schweiz besitzt. Dorthin flüchtet er, als Hitler die Macht ergreift, denn mit seinen pazifistischen Romanen, in denen er das Elend des Krieges zeigt, wie es ist, steht er bei den Nazis ganz oben auf der Liste: Seine Bücher werden 1933 öffentlich verbrannt.

„Angst ist ein Gefallen, den ich den Nazis nicht erweisen werde.“

Während sich in seiner Heimat die Lage zuspitzt, Österreich annektiert wird und die Deportationen beginnen, arbeitet Remarque in Ascona an seinem Roman „Drei Kameraden“, der 1938 erscheinen würde, trinkt zu viel und schläft zu wenig, macht sich Gedanken und kann sich nie sicher sein, ob er nicht doch in Gefahr ist: Auch in die Exilgemeinde im beschaulichen Ascona schleichen sich Nazi-Spitzel, und es gibt Tote.

„Mit der Dauerhaftigkeit ist das so eine Sache, sagte sie, man weiß es immer erst im Nachhinein.“

Edgar Rai hat sich für seinen Roman „Im Licht der Zeit“ mit Marlene Dietrich beschäftigt, ist über sie auf Erich Maria Remarque gestoßen und hat anschließend auch über diesen unvergessenen deutschen Schriftsteller geschrieben. Zuerst habe ich gedacht: Uff, Nazis und alte weiße Männer, halleluja, aber dann hat Edgar Rai mich schon nach wenigen Seiten völlig eingelullt. Überraschend begeistert hab ich diesen Auszug aus dem Leben eines Mannes gelesen, über den ich wenig wusste, denn abseits von der Lektüre von „Im Westen nichts Neues“ habe ich mich nie mit Remarque beschäftigt. Er war offenbar ein Weiberer, dem Statussymbole und Erfolg wichtig waren, der hitzige, mit viel Drama beladene Beziehungen zu Frauen führte. Dass er sich gegen die Nazis stellt, ist – zumindest im Buch – eher der Tatsache geschuldet, dass sie sich gegen ihn stellen, er ist nicht aus freien Stücken oder wegen seiner politischen Gesinnung in den Widerstand gegangen. Wild ist auch, wie gut es den Menschen in Ascona geht, wie sie baden und Erdbeeren essen, während in Deutschland der Terror um sich greift. Das macht das Buch so vielschichtig und gut. Zudem fasziniert es mich immer sehr, wenn sich jemand einer Person annimmt, die tatsächlich existiert hat – und ihr in einem Roman eine Stimme gibt. Edgar Rai hat das im vorliegenden Fall auf jeden Fall sehr gut gemacht.

„Dieses ewige Wissenmüssen war der Menschheit schon immer mehr Fluch als Segen gewesen.“

Ascona von Edgar Rai ist erschienen im Piper Verlag.

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„Die Rauchsäule stieg auf, biblisch, dunkel, lebendig und drohend“
Los Angeles 1991 und Los Angeles 2019: Nachdem Schwarze Menschen gewaltsam zu Tode gekommen sind, brechen Unruhen aus. Und zwei Familien sind auf komplexe Weise darin verwickelt. Grace, deren Eltern aus Korea eingewandert sind, erfährt, was ihre Mutter vor dreißig Jahren getan hat. Und Shawn, der in jungen Jahren seine Schwester verloren hat, versucht so sehr, ein straffreies, sicheres Leben zu führen, dass er in seiner Panik das Naheliegendste übersieht. Denn es ist klar, dass niemand, der Schwarz ist, in dieser Stadt, in diesem Land jemals sicher sein kann. Und dass es Wunden gibt, die nicht heilen, weil sie jeden Tag aufs Neue aufgerissen werden.

Steph Cha hat ein intensives, heftiges Buch geschrieben über Rassismus und Gewalt, über Othering und die Gefahr, in der sich Schwarze Menschen tagtäglich befinden. Sie werden erschossen mit einer Flasche Milch in der Hand, sie werden von der Polizei getötet im Hinterhof ihres eigenen Hauses, sie werden auf offener Straße und in ihren Betten ermordet, und niemand geht dafür ins Gefängnis. Die Autorin widmet sich den wahren Ereignissen von 1991 und 2019, nur kurze Zeit später ging mit #blacklivesmatter erneut derselbe Aufschrei um die Welt. Denn es ändert sich nichts, im Gegenteil: Der Graben zwischen Weiß und Schwarz in den USA scheint immer tiefer zu werden. Interessant ist, dass sie die Ebene der koreanischen Einwanderer einführt, die selbst nicht als „weiß“ gelten, und dadurch zeigt, wie vielschichtig Rassismus ist. In einem sehr leichten, gut lesbaren Stil geschrieben, erzählt Brandsätze von Mord, Schuld, Reue und der ständigen Verfügbarkeit von Waffen in einem völlig überhitzten Land, von Todesangst, Verlust und Ungerechtigkeit. Es ist ein authentisches, beschämendes Buch, eine literarische Anklage, von der man sich wünscht, sie hätte Wirkung. Ein Roman wie eine Brandbombe: wichtig, aktuell, zornig und traurig.

Brandsätze von Steph Cha ist erschienen bei Ars Vivendi.

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„Lachen oder weinen, die ewige Frage“
„Dreißig Jahre Wiedervereinigung und keiner der ehemaligen Nachbarn war zurückgekommen.“ Jan lebt mit seinem Vater dort, wo sonst kaum noch jemand lebt: am Rand der alten Plattenbauten, am Dänischen Bettenlager, und das Krankenhaus, in dem er arbeitet, wird geschlossen. Doch bevor es soweit ist, bekommt er von einem Patienten eine geheimnisvolle Kiste voller Dokumente und Briefe, die mit dem berühmten Maler Georg Baselitz zu tun haben. Und, so behauptet der alte Mann, mit Jans Familie. Ist das wahr? Welche Geheimnisse hat Jans verstorbene Mutter mit ins Grab genommen? Was weiß er nicht über die DDR-Vergangenheit seiner Eltern? Während Jan sich weigert, sich damit auseinanderzusetzen, entspinnt sich rückblickend die Geschichte von Georg Baselitz und seinem Bruder, von Bespitzelung und Verrat in einer längst vergangenen Zeit.

Als Österreicherin habe ich ein seltsames Verhältnis zur DDR: Sie kommt mir vor wie Fiktion. Weil ich so viel über sie gelesen habe, und immer nur in Büchern. Es fasziniert mich, dieses Eingesperrtsein hinter einer Mauer, dieses Getrenntwerden durch eine willkürliche Grenze – stets aufs Neue überlege ich mir das, male ich es mir aus. Und jetzt erneut ein DDR-Roman, ich muss schon fast schmunzeln, dass einer, der so jung ist wie Lukas Rietzschel, aber eben selbst in Ostsachsen geboren, ihn geschrieben hat, wo das doch als Ritterschlag gilt in der deutschen Literaturwelt. Einen melancholischen, getragenen, resignierten Ton hat er gefunden für sein Buch, in dem der Generationenwechsel mitschwingt: Ja, es betrifft uns noch. Aber es ist halt jetzt doch schon lange her. Nicht ganz erschlossen hat sich mir, wozu der Autor Jan als Figur einführt, wenn der sich gar nicht beschäftigen mag mit den Unterlagen, sodass seine Perspektive zur Rahmenhandlung verkommt, während sowieso auktorial von Georg Baselitz‘ Bruder und später von Jans Eltern erzählt wird. Jans Verweigerung steht vielleicht für die Einstellung der jungen Generation: Geht uns weg mit dem alten Kram, und die Eltern, die wollen nichts preisgeben. Die Geschichte ist gut, das Buch ist wohltemperiert, alle Infos sind da, die Mischung aus Fiktion und Realität gelungen. Und offenbar beschäftigt die DDR die Schreibenden auf lange Sicht, auch jene, die wie Lukas Ritzschel nach dem Mauerfall geboren sind, müssen sie aufarbeiten. Das hat er sehr gewissenhaft getan, und er hat Worte gefunden für das große deutsche Schweigen.

Raumfahrer von Lukas Rietzschel ist erschienen bei dtv.

 

 

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„Es war einer dieser Abende, die mich nachdenken ließen, ob es nicht besser wäre, wieder mit mir selbst zu sein“
Ruth hat vor vier Jahren ihren Mann verloren und herausgefunden, dass er eine Affäre hatte. Der Möglichkeit beraubt, ihn mit diesem Wissen zu konfrontieren, musste sie sich allein ihrer Wut und ihrer Trauer stellen. Ihr größerer Sohn ist aus dem Haus, der jüngere wird es bald sein, Ruth arbeitet als Drehbuchautorin, hat manchmal Dates und hat sich im Großen und Ganzen arrangiert. Doch dann kommen anonyme Nachrichten bei ihr an, die sie beschimpfen und verspotten, wer auch immer sie schreibt, kennt beängstigend viele Details aus Ruths Leben und schickt die vulgären Verleumdungen auch an alle Menschen in Ruths Umfeld: ihre Freundinnen, ihre Arbeitgeber, ihren Sohn. Am Anfang versucht sie, die Messages zu ignorieren, dann ist sie davon überzeugt, die Geliebte ihres verstorbenen Mannes müsse dahinterstecken. Doch als die Nachrichten immer bedrohlicher werden und Ruths Freundeskreis immer verständnisloser reagiert, wird klar, dass verbale Gewalt eben genau das ist: Gewalt.

Doris Knecht hat einen beklemmenden, fesselnden, sehr klugen Roman geschrieben, der daherkommt wie ein literarischer Thriller, in seinem Kern aber zutiefst feministisch ist. So gut wie jeden Tag sehe ich im Internet Screenshots von Chats, in denen Männer Frauen beleidigen, sie herabwürdigen, sie aufs Übelste beschimpfen – es geschieht so oft, es wirkt fast schon normal. Das macht es aber nicht weniger gewalttätig, das macht es nur umso schlimmer, denn diese misogyne Hatespeech zieht sich durch alle digitalen Bereiche – und Männer sind Verfasser solcher Nachrichten, niemals Empfänger. Was aber, wenn der betroffenen Frau nicht geglaubt wird? Wenn sie die Erfahrung macht, dass alle denken, sie sei selbst schuld? Hätte sie nicht dies oder jenes getan! Victim Shaming gibt es nicht nur bei körperlicher Gewalt, und Doris Knecht erzählt diese Geschichte so intelligent und überlegt, so raffiniert, ich konnte nicht aufhören zu lesen und habe das Buch an einem Abend bis in die Nacht hinein inhaliert. Ich finde es gut und wichtig, dass sie sich diesem Thema gewidmet hat, dass sie es aufbereitet und durchleuchtet und gezeigt hat: Das kann jede treffen, keine ist davor gefeit. Und keine ist selbst schuld. Es ist das System, das uns nicht schützt, es ist das System, das uns zu Freiwild macht, zum Abschuss freigibt – wer auch immer auf uns schießen will, kann das ungestraft tun. Und das muss sich dringend ändern. Ein absolut lesenswertes, richtig gutes Buch aus österreichischer Feder!

Die Nachricht von Doris Knecht ist erschienen bei Hanser Berlin.

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„Eine Familie ließ sich so leicht nicht loswerden“
Johannes ist geschwommen auf seiner Flucht nach Rumänien, durch die Donau, allein. So hätte es nicht sein sollen, David hätte mitkommen sollen, stattdessen hat Johannes sich ohne ihn auf den Weg gemacht, hat ohne ihn ein neues Leben begonnen. Es geht ihm gut jetzt, ein paar Jahre später, er hat eine beste Freundin und Arbeit, er ist Hörgeräteakustiker und immer noch erscheinen ihm viele Annehmlichkeiten im Westen wie kleine Wunder. Und dann muss er zurück. Dann kommt die unvermeidliche Nachricht, der Vater ist gestorben, und Johannes reist zum ersten Mal in die entgegengesetzte Richtung, in das Land, das er verlassen hat, zu der Familie, der er ausweichen wollte, zu der Frage, wo dieser Mann geblieben ist, den er nicht vergessen kann.

Nadine Schneider, die mit zahlreichen Preisen bedacht ist und dieses Jahr so mutig war, in Klagenfurt zu lesen, hat einen Roman geschrieben über einen, der geflohen ist und dabei mehr verloren hat als seine Heimat. Das Motiv ist altbekannt: der junge Mensch, der das Land verlässt, der junge Mensch, der in das Land zurückmuss. Wie immer ist es ein Todesfall, der das neu aufgebaute Leben durcheinanderwirft, der die Rückkehr erzwingt, und so gondelt der Protagonist mit dem ausgeliehenen Auto durch die Dörfer auf der Suche nach dem einen, aus dem er kommt. Schön finde ich die groß angelegte Metapher des Gehörverlusts, die sich durch das gesamte Buch zieht, einerseits weil Johannes schwerhörigen Menschen hilft, andererseits, weil der Vater durch den Hörverlust ins Stolpern kam, und letztlich, weil Johannes selbst Probleme hat, zu hören, was gesagt wird. Wie viel von dem, was wir wahrnehmen, möchten wir lieber nicht hören? Und was gab es unter Ceaușescu alles, was niemand hätte hören dürfen? Die Auflösung, was mit David geschehen ist, ist ebenso logisch wie brutal. Mit einem feinen Gespür für Zwischentöne und sehr sprachsicher erzählt Nadine Schneider eine Geschichte, die schon hundertfach erzählt ist, die aber an zeitloser Relevanz behält: weil unzählige Menschen Gewässer durchqueren auf der Suche nach einem besseren Leben, weil mein eigener Großvater einst durch die Mur geschwommen ist auf der Flucht vor Titos Regime, weil wir mehr Verständnis brauchen für diese Biografien. Und weil es irgendwann keine Liebe mehr geben soll, die „nicht sein darf“.