Bücherwurmloch

„Bleiben Sie zuhause“, murmelte der Holländer, „Österreicher sind für die große Welt nicht gemacht“

„Dieser Roman enthält das Leben eines Mannes, der es auch selbst aufgeschrieben hat: Joseph Freiherr Hammer von Purgstall.“ Das verrät Dirk Stermann erst im Nachwort, ich verrate es euch schon jetzt. Der deutsche Kabarettist, den wir in Österreich – und das ist das größte Kompliment, das wir einem Deutschen machen können – als einen von uns ansehen, hat einen von Joseph Hammers Autobiografie inspirierten Roman geschrieben, also eine halbfiktionale Biografie. Diesen Hammer hat es wirklich gegeben, gelebt hat er von 1774 bis 1856, und noch heute trägt die Österreichischen Orient-Gesellschaft Hammer-Purgstall seinen Namen. Ich frag mich, wie lange Stermann recherchiert hat für dieses Buch, ich stell mir vor, es waren Stunden, Monate, Jahre. Er hat die Zeit der Türkenkriege akribisch aufbereitet, lässt die Stadt Wien vor allem olfaktorisch lebendig werden, beschreibt sehr anschaulich den Gestank, die Krankheiten, die mangelnde Hygiene. Sein Joseph ist ein Sprachknabe, der viel Talent für die Sprachen des Orients zeigt und keines für die Kunst der Diplomatie. So gut er auch Türkisch, Persisch und viele andere Sprachen spricht, zeit seines Lebens steht er sich mit seiner Überheblichkeit selbst im Weg.

„Und Joseph sah vor sich die Leiter des Erfolgs, viele Sprossen, die bis ganz nach oben zu erklimmen er mehr als bereit war.“

Joseph Hammer ist ein Ehrgeizling, getrieben von Arroganz und einer verblendeten Sicht auf sich selbst. Bei jeder Beförderung wird er übergangen, nie bekommt er die Stelle, die ihm seiner Meinung nach zusteht. Während man als Leser zuerst noch Mitgefühl empfindet, dämmert einem allmählich, dass Joseph ein Ungustl ist.

„Bin einer der wichtigsten Beteiligten, weil sprachlich, historisch und kulturell den handelnden Personen nicht nur ebenbürtig, sondern oft überlegen, schrieb er. Nur damit man in Konstantinopel, aber auch Wien nicht vergaß, welches Juwel man da in den eigenen Reihen hatte.“

Nun habe ich kein Problem mit unsympathischen Protagonisten, im Gegenteil, ich hab selbst einen geschrieben, und die historischen Bezüge in Stermanns Buch finde ich tatsächlich mehr als interessant. Ich habe seinen Roman gelesen wie ein Geschichtsbuch. Dabei ging mir allerdings irgendwann, nach 300 Seiten etwa, ein bisschen die Luft aus. Auf den letzten 150 Seiten hab ich mir sehnsüchtig eine Wendung gewünscht, einen Knaller, eine Watschn. Aber: Was soll da noch kommen, der Stermann kann natürlich seiner realen Figur nichts andichten, was diese Figur nicht getan hat. Und so führt die Handlung ins Leere, endet logischerweise mit Hammers Tod. Ich rechne es Stermann aber erstens hoch an, dass er sich als Autor so variantenreich zeigt, zweitens, dass er diesen schönen ironischen Ton gefunden hat, und drittens, dass er sich an dieses Mammutprojekt herangetraut hat: Von einem Mann zu erzählen, der tatsächlich gelebt hat, in einer Zeit, über die man viel recherchieren muss, und der noch dazu ein Arschloch war, das erfordert Mut.

„Führt ihr Österreicher keine Kriege?“
„Nur wenn die anderen uns dazu zwingen“, sagte Joseph.
„Und zwingen sie euch oft?“
„Leider ja“, antwortete Joseph.

Der Hammer von Dirk Stermann ist erschienen bei Rowohlt.

 

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„Was ist die Liebe denn, Puri?“, fragte Savita. „Was ist die Liebe, wenn nicht ein Hunger?“
Als Purnima als Kind in den Fluss fällt, überlegt ihr Vater, sie einfach ertrinken zu lassen – sie ist ja nur ein Mädchen. Die Mutter rettet sie in letzter Sekunde. Als Purnima 16 ist, stirbt die Mutter, und der Vater holt die 17-jährige Savita ins Haus, damit sie ihm und Purnima beim Weben hilft. Tag und Nacht sitzen sie an den Webstühlen, um wenigstens ein paar Rupien zu verdienen. Savitas Familie ist noch ärmer als Purnimas, die Mädchen leiden Hunger. Zwischen ihnen entsteht eine tiefe Freundschaft, und als Savita, nachdem sie vergewaltigt wurde, in der Nacht, bevor sie an ihren Vergewaltiger verheiratet werden soll, verschwindet, leidet Purnima unter dem Verlust der Freundin fast mehr als unter dem gewalttätigen Ehemann, an den sie verschachert wird.

„Angst verlor in ihrem Leben langsam an Bedeutung – Angst hatte sie schon so lange, zuerst vor ihrem Vater, dann vor ihrer Schwiegermutter und Aruna und Kishore, dass Angst für Purnima ermüdend geworden war, alltäglich, und sie genauso langweilte wie Abwaschen oder Bügeln. Warum sollte sie Angst haben?“

Die Familie ihres Mannes wird sie umbringen, das weiß Purnima. Doch bevor es soweit kommt, beschließt sie, zu fliehen und Savita zu finden – zur Not am Ende der Welt, ohne zu wissen, dass sie tatsächlich so weit gehen muss.

Mädchen brennen heller ist ein Buch über Frauen, die keine Rechte haben. Frauen, die erst der Besitz ihrer Väter und dann der Besitz ihrer Ehemänner sind. Indische Mädchen, deren Väter sich wünschten, sie wären nie geboren. Weil sie irrsinnige Summen für ihre Mitgift aufbringen müssen. Weil Mädchen nichts wert sind, gar nichts.

„Nein, alt sind wir. Alte, uralte Frauen, verwüstet von der Zeit, und wir warten darauf zu sterben.“

Shobha Rao, selbst in Indien geboren und später in den USA aufgewachsen, hat sich als Rechtsanwältin für von häuslicher Gewalt betroffene Frauen mit Migrationshintergrund eingesetzt, bevor sie Autorin wurde. Sie erzählt eine eindringliche, tiefgehende Geschichte, die so wehtut, weil jedes Wort davon wahr sein könnte. So geht es Mädchen und Frauen in Indien wirklich, nichts an ihrem Schicksal ist erfunden. Sie werden vergewaltigt, mit Öl übergossen, verprügelt, unter Drogen gesetzt in Bordellen gehalten, als Putzsklavinnen verkauft. Ich habe die Geschichte von Purnima und Savita atemlos und mit heißer Wut im Bauch verfolgt. Am Ende, auf der letzten Seite, war ich so voller Gefühl, dass ich ernsthaft gedacht habe, ich ersticke gleich. Bücher wie dieses sind wichtig, Bücher wie dieses sind der Grund, warum alle Menschen lesen sollten. Sie öffnen den Blick für das Leid anderer, sie zeigen uns, warum wir – die wir weiß, privilegiert, europäisch sind – den Feminismus brauchen: für unsere Schwestern, die in dem Moment, in dem sie geboren wurden, bereits tot sind. Weil Männer sie Tag für Tag durch Worte, Taten und Gewalt umbringen.

„Was für Idiotinnen wir doch alle sind. Wir Mädchen. Angst vor den verkehrten Sachen, zur verkehrten Zeit. Angst vor einem verbrannten Gesicht, wenn doch draußen, dort draußen, Feuer auf dich warten, die du dir gar nicht vorstellen kannst. Männer, die ein Zündholz an deine benzingetränkten Kleider halten. Flammen, Flammen rings um dich, die deine eben erst entstandenen Brüste auffressen, deinen eben erst blutenden Körper. Und Flammenmeere, weit wie die Welt. Die darauf warten, dich zu vernichten, dich zu Asche zu machen – und selbst der Wind, sogar der Wind, meine Kleine, schaut dir beim Brennen zu, will es, weht über dich hinweg und durch dich hindurch. Verstreut dich, weil du ein Mädchen bist und weil du Asche bist.“

Mädchen brennen heller von Shobha Rao ist erschienen im Elster Verlag.

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„Manche Leute machen eine schwere Kindheit für ihr Unglück verantwortlich“
Mickey und Kacey haben allen Grund, das zu tun: Als sie sehr klein waren, ist ihre drogensüchtige Mutter an einer Überdosis gestorben. Sie sind bei ihrer Großmutter Gee aufgewachsen, die sie nicht haben wollte – und sie das jeden Tag spüren ließ. Anfangs gelingt es Mickey immerhin noch, den engen Zusammenhalt mit ihrer kleinen Schwester Kacey aufrechtzuhalten, doch als diese mit 16 ebenfalls drogenabhängig wird, entgleitet sie ihr immer mehr. Heute sind beide erwachsen, haben jedoch seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr. Mickey arbeitet als Streifenpolizistin in Kensington und weigert sich, die Prüfung zum Detective abzulegen, denn dann wäre sie weg von der Straße – jener Straße, auf der Kacey anschaffen geht – und könnte ihre Schwester nicht mehr wenigstens auf diese Art im Auge behalten. Doch dann verschwindet Kacey – und in Kensington werden Prostituierte umgebracht.

Long Bright River von Liz Moore ist Krimi und Sozialstudie in einem. Während ich den Anfang ein wenig träge fand, nahm das Buch plötzlich derart Fahrt auf, dass ich es nicht weglegen wollte und sogar im Auto (ja, auf dem Beifahrersitz) gelesen habe. Um endlich zu erfahren, wo Kacey ist. Wer der Mörder ist. Was zwischen den beiden Schwestern vorgefallen ist. Dabei hatte ich permanent Szenen aus der Serie Shades of Blue vor Augen, die von korrupten Polizisten handelt. Und auch wenn Mickey im Buch wohl nicht aussieht wie Jennifer Lopez, war sie für mich eine ebenso toughe, zeitweise auch skrupellose Frau, die sich von ihren eigenen Gefühlen abgetrennt hat, um sich zu schützen. Kensington ist eine Stadt, die mit großer sozialer Ungleichheit und massiven Drogenproblemen zu kämpfen hat. Dass das in vielen amerikanischen Städten der Fall ist, bekommen wir hier in Europa gar nicht so mit, von hier aus hat das Leben in den USA oft einen goldenen Glanz. Long Bright Riverist, was man einen Pageturner nennt: ein Buch, das so fesselnd ist, dass man durch die Seiten rauscht. Großartiges Finale auch, ich habe es nicht kommen sehen.

Long Bright River von Liz Moore ist erschienen bei C. H. Beck.

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„Irgendwo dazwischen – zwischen Sprache und Sein – sind Sie gefangen“

Kübra Gümüşay trägt ein Kopftuch. Sie ist Muslimin. Sie ist jeden Tag der Diskriminierung ausgesetzt, von der wir nur theoretisch wissen, die die meisten von uns nie persönlich erleben.

„Kaum ein Missstand ist plötzlich da. Meist bahnt er sich an, über Jahre. Nicht alle sehen Gräben, die er durch unsere Gesellschaft zieht, denn häufig geschieht das an Orten, die Privilegierte nicht erleben, so dass sie Probleme erst erkennen, wenn sie selbst betroffen sind. Die Erfahrungen der anderen, ihr Wissen, ist weniger wert.“

Jetzt hat Kübra Gümüşay, die sich mit Feminismus, Rassismus und Netzkultur auseinandersetzt, ein kluges, sinnvolles, wichtiges Buch über Sprache geschrieben. Über Sprache in Bezug auf Minderheiten, auf Frauen, auf Andersgläubige, auf Geflüchtete und all jene, die im Kreuzfeuer der Medien stehen.

„Menschen so zu bezeichnen, wie sie bezeichnet werden wollen, ist keine Frage von Höflichkeit, auch kein Symbol politischer Korrektheit oder einer progressiven Haltung – es ist einfach eine Frage des menschlichen Anstands.“

Mich hat Sprache und Sein in erster Linie daran erinnert, warum ich vor 18 Jahren Linguistik studiert habe. Wieso ich mich mit Sprache in der Politik und in der Werbung beschäftigt habe, weshalb mich Sprachwandel und Etymologie so fasziniert haben. Weil Sprache unendlich mächtig ist. Ich wollte alles lernen über dieses Mittel, uns auszudrücken, einander anzunähern und einander auszugrenzen.

„Sprache kann auch ein Werkzeug sein. Sie kann uns in der Dunkelheit der Nacht die helle Reflexion des Mondlichtes sehen lassen. Sprache kann unsere Welt begrenzen – aber auch unendlich weit öffnen.“

Überrascht hat mich an diesem Buch, dass es so freundlich und friedvoll ist. Kübra Gümüşay hat nicht zugelassen, dass der Hass, der ihr entgegenschlägt, in ihr wurzelt. Sie hat übersichtlich dargestellt, woher die Probleme rühren, sie argumentiert und entwaffnet und dann bietet sie Lösungen. Sie schreibt nicht wütend, nicht emotional, sie bleibt sachlich und hoffnungsvoll. Das hat mich beeindruckt, denn ich bin nicht hoffnungsvoll. Der Haken an der Sache ist jedoch: Dieses Buch werden nur Menschen lesen, die ohnehin sensibel sind. Menschen wie ich, die viel über Sprache wissen. Menschen, die schon auf einem guten Weg sind und es noch besser machen möchten. Es wird jene nicht erreichen, auf die es eigentlich ankäme: jene, die den Hass pflanzen und schüren, die schreiende Headlines schreiben, die anderen verbale Gewalt antun. Sie sind es, die Kübra Gümüşays Worte lesen sollten. Die ihren Verstand öffnen sollten und ihr Herz. Damit der Hass endlich nicht mehr Normalität ist.

Sprache und Sein von Kübra Gümüşay ist erschienen bei Hanser.

 

 

 

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„Außerdem sehen die Leute gut aus und benehmen sich schlecht“

„Gesten der Zuneigung gingen uns nicht leicht von der Hand; sie waren eine Sprache, die wir nicht beherrschten.“

Das sagt Ich-Erzählerin Lark, die zusammen mit ihrer Schwester Robin bei einer lieblosen, die Kinder vernachlässigenden Mutter aufwächst. Das Umfeld macht die Schwestern einerseits zu Verbündeten, gibt ihnen jedoch andererseits kein Werkzeug an die Hand, um miteinander zu reden, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen, sich mitzuteilen und anzuvertrauen. Das haben sie nie gelernt, und das wird ihnen später zum Verhängnis, als sie, erwachsen geworden, zeitweise gemeinsam in New York leben, wo Lark eine Filmschule besucht und Robin an der renommierten Juilliard Klavier studiert. Es kommt, wie es kommen muss: Die Schwestern verlieren einander. Doch als sie Jahre später getrennt voneinander in Schwierigkeiten geraten, zeigt sich, dass Blut oft doch dicker ist als Wasser – und Familienbande nicht so leicht zerreißen.

Die kanadische Autorin Alix Ohlin, deren Roman In einer anderen Haut ich 2013 ganz gern mochte, hat ein emotionales, schönes Buch über eine Schwesternbeziehung geschrieben, das mit einer schnörkellosen, ruhigen Sprache besticht – und einer Geschichte, in die man sich richtig hineinfühlen kann. Es geht um die Wunden, die Mütter ihren Kindern zufügen und die wohl nie verheilen, es geht um das Bedürfnis, einander zu helfen, und um das Scheitern dabei. In erster Linie geht es aber um Sprachlosigkeit. Denn das ist es, wovon der Umgang zwischen Robin und Lark getragen ist: Sie, die aus Platzmangel im selben Bett schlafen, finden keinen Weg, miteinander zu reden. Ich-Erzählerin Lark spürt oft, dass mit ihrer Schwester etwas nicht stimmt, hat allerdings keinen Zugang zu ihr, und Robin erzählt ihr nicht, was sie bewegt. Das gibt dem Roman den Ton der Verzweiflung und Resignation, der jedoch immer wieder aufbricht, wenn eine der Schwestern erneut versucht, sich der anderen anzunähern. Im letzten Drittel ist die Story in meinen Augen ein wenig ausgefranst und verliert zu sehr an Tempo, ansonsten aber ist Robin und Lark ein lesenswerter, gefühliger Roman, den man getrost jedem empfehlen kann.

Robin und Lark von Alix Ohlin ist erschienen bei C. H. Beck.

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„Mögen die Spiele beginnen!“
Es gibt diese Bücher, die fangen völlig verrückt an und lassen dann spürbar nach. Und es gibt dieses Buch. Es fängt völlig verrückt an und steigert sich mehr und mehr bis zum furiosen Finale. Sebastian Stuertz hat auf über 700 Seiten eine Geschichte entworfen, die so wild, fantasievoll, originell und crazy ist, dass sie sich mit nichts vergleichen lässt. Und das ist auch gut so, denn diese krasse Mischung aus geilem 90ies-Trash, Coming of Age, Liebesromanze, Familiengeschichte und Krimi ist wahrhaft einzigartig. Ein Buch, bei dem ich abwechselnd den Kopf geschüttelt und gelacht habe. Worum es geht? Tja nun. Da ist Charlie. Er hat ein schwaches Herz und eine starke Nase – mit der er sogar riechen kann, wer gerade mit wem Sex hatte, wo sich ein Lichtschalter befindet und wie weit ein Hirsch entfernt ist. So einen jagt er mit seinem Großvater, und das geht nicht gut aus, weder für den Hirsch noch für den Großvater. Dann gibt es Mayra, Charlies heimliche Heldin und große Liebe, die leider in Mexiko lebt, seinen Vater Dito, der nur kifft und Musik macht, seine autistische Schwester Fritzi sowie die hübsche Sera, mit der Charlie eine Nacht verbracht hat, die er lieber vergessen möchte. Und wenn ihr jetzt denkt: Oh, ganz schön viel, dann seid versichert, dass ich euch noch nicht mal einen Bruchteil dessen geschildert habe, was in dieser Story abgeht. Ihr solltet sie deshalb am besten einfach selbst lesen. Und euch so richtig drauf einlassen.

Man kriegt mich mit guten Ideen. Nichts langweilt mich mehr als die immergleichen Settings in der Literatur, und Sebastian Stuertz beweist mit seinem Debüt, wie viel Spaß Schreiben und Lesen machen können. Es hat mich daran erinnert, wie viel Vergnügen mir Lesen in meiner Kindheit bereitet hat, als nichts eine Rolle gespielt hat, als ich nicht mit Lektorinnenaugen Formulierungen seziert und überkritisch auf jede Wendung reagiert habe, sondern eingetaucht bin in die Zügellosigkeit der Fantasie. Natürlich ist das stellenweise zu viel. Natürlich hätten es nicht 700 Seiten und gar so viele tollkühne Überraschungen sein müssen. Aber who cares! Das eiserne Herz des Charlie Berg ist für alle, die noch nicht aufgegeben haben. Die noch an Geschichten glauben, an Musik, an die Liebe, an Gulasch und an die Kraft der Literatur. Dieses Buch ist wie ein Rausch, eine Partynacht, in der so wahnwitzige Dinge passieren, dass ihr am Morgen denkt: Niemand wird mir das jemals glauben. Und in diesem Wissen schlaft ihr ein – mit einem fetten Grinsen im Gesicht.

Das eiserne Herz des Charlie Berg von Sebastian Stuertz ist erschienen bei btb.

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„Ich bin kein Anhalter. Ich bin ein Wegweiser“

„Es ist merkwürdig, obwohl Isa so aufmerksam ist, kommt sie nicht auf die Idee, dass jemand, der etwas hinter seinen Rücken hält, womöglich etwas zu verbergen hat.“

So endet das erste Kapitel dieses Buchs, und das lässt den Leser aufhorchen und wachsam werden. Was soll hier verborgen werden, vor wem, von wem? Ist der Ich-Erzähler Tiddo, der mit seiner Frau Isa und dem gemeinsamen Sohn Jonathan Island bereist, verlässlich? Die drei wirken anfangs wie eine normale Familie. Ja, da gibt es die üblichen Reibereien, aber eigentlich scheint alles gut zu laufen. Doch dann nehmen sie einen Anhalter mit, den Isländer Svein, der ihnen ein paar schöne Plätze abseits der Touristenmassen zeigt – und den sie dann nicht mehr loswerden. Ist dieser tätowierte Hüne überhaupt, wer er vorgibt zu sein? Durch seine Anwesenheit zerbricht das ohnehin bereits fragile Gleichgewicht zwischen Tiddo und seiner Frau – und Tiddo sieht keinen anderen Ausweg, als etwas ebenso Verrücktes wie Lebensgefährliches zu tun.

„Es ist schön, dass ich meinen Gemütszustand so gut kontrollieren kann, selbst bei schlechtem Wetter und Problemen. Das ist gut für uns alle.“

Der niederländische Autor Gerwin van der Werf treibt in diesem Roman ein amüsantes Spiel mit dem Leser. Bei einem Ich-Erzähler hat man keinerlei Möglichkeit, anhand anderer Perspektiven zu überprüfen, ob er die Wahrheit sagt, man sieht nur durch seine Augen. Umso gefinkelter, wenn man langsam merkt, dass vielleicht nicht jede Darstellung der Realität entspricht. Ein spannendes Setting und dazu die wilde Landschaft Islands: Der Anhalter punktet mit einer originellen Story und zerlegt geradezu meisterhaft eine vermeintlich idyllische Familie. Es ist ebenso faszinierend wie erheiternd, dass der laut lachende, attraktive Anhalter innerhalb kürzester Zeit das Dreiergespann vollkommen sprengt – und dass Tiddo so typisch männlich reagiert: besitzergreifend, herrisch, unbedacht. Ich muss gestehen, dass mich das Cover überhaupt nicht anmacht und ich nie nach dem Buch gegriffen hätte, dann aber froh war, dieses Lesevergnügen nicht verpasst zu haben. Es hat mich gut unterhalten, ich bin ein großer Fan doppelbödiger Geschichten im Stil Herman Kochs, mit dem Gerwin van der Werf auf jeden Fall mithalten kann. Empfehlung!

Der Anhalter von Gerwin van der Werf ist erschienen bei Fischer.

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„Ist es nicht herrlich, ein Prolet zu sein?“
Theresa ist krank, sie übergibt sich, hat keine Kraft mehr. Dabei war die sechzigjährige Bäuerin immer stark. Ihr Mann Erich ist erst ratlos, dann verzweifelt. Wie soll er allein den Hof bewirtschaften? Wieso kann Theresa sich nicht zusammenreißen? Und warum spricht sie nicht mit ihm? Von den Kindern will niemand etwas von der Landwirtschaft wissen, sie sind der Enge des bäuerlichen Lebens längst entflohen. Familienzusammenhalt gibt es kaum, jeder ist sich selbst der Nächste.

„Selbst die Krankheit unserer Mutter hatte keinen vereinigenden Effekt, sondern trieb die Bruchstellen nur stärker zutage.“

Und so fällt alles zusammen wie ein Kartenhaus, dem der tragende Untergrund entzogen wird.

„Auch meine Mutter litt unter den Umständen. Auch sie hatte eine Seele, so wie ich und alle anderen Menschen. Sie sehnte sich nach diesem und jenem, und sie empfand, fühlte und verzweifelte bisweilen, wie wir alle. Doch weil mir mein eigenes Leid näher war, ließ ich sie liegen und fuhr davon.“

Dominik Barta füllt sein schmales Buch mit vielen Themen: Überforderung und Einsamkeit, Ausländerfeindlichkeit, Ehebruch, Familienzwist und Egoismus. Er skizziert ein österreichisches Dorf, wie es klassischer nicht sein könnte, die Stammtischmentalität, die Tristesse des einfachen Lebens. Es ist ein genialer Kniff, dass er seine Protagonistin Theresa ausbremst, sie aus dem Rennen nimmt, sie nicht mehr funktionieren lässt. Dadurch kommt das Getriebe, das so viele Jahrzehnte lang einwandfrei gelaufen ist, zum Stillstand. Überall knirscht es. Keiner will wahrhaben, welche Rolle er an Theresas Zustand spielt. Sie ist die Frau, die Mutter, sie darf nicht krank sein, nicht an sich denken. Die Geschichte schildert der junge österreichische Autor aus verschiedenen Perspektiven, und dadurch wird sie so gut. Weil jeder zu Wort kommt, denn auch das ist in der Realität so, dass keiner das Maul halten kann. Und dass bei allem Gerede am Ende niemand hilft. Ein Roman, der eindrücklicher ist, als das etwas öde Cover vermuten lässt, und der, da trau ich mich zu wetten, ein heißer Kandidat für eine Nominierung zum Österreichischen Buchpreis ist.

Vom Land von Dominik Barta ist erschienen bei Zsolnay.

 

 

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 „Seine Frömmigkeit war hart wie Stein und voller Reue und Schmerzen“

„Manch einer lebt hervorragend mit einer zurechtgezimmerten Wahrheit. Sie mag schief und krumm sein, hält aber doch. Für manche ein Leben lang.“

Als Edvards wortkarger Großvater Sverre stirbt, realisiert er, dass er nun nie die Wahrheit erfahren wird über den Unfalltod seiner Eltern und die vier Tage, in denen er selbst, damals drei Jahre alt, verschwunden war. Soweit er weiß, sind seine Mutter und sein Vater in einem Wald in Frankreich ums Leben gekommen, weil sie auf eine Gasmiene aus dem Zweiten Weltkrieg getreten sind. Doch was ist wirklich passiert? Wieso hat er nie erfahren, dass sein Großvater einen Bruder hatte? Und warum hat der sich einst als Franzose ausgegeben? Edvard kann die große Unwissenheit nicht mehr ertragen und macht sich auf, das Rätsel zu lösen. Dabei trifft er eine geheimnisvolle Frau, erfährt von einer seltenen Holzart und einem Erbe, das ihn reich machen würde, sollte er es finden.

Dies ist ein Buch, das ich schwer einordnen kann. Teilweise liest es sich wie ein mordloser Thriller, es ist spannend, sehr originell, mit vielen Wendungen – hat aber dieses komplett blutleere Cover. Und einen Titel, den ich nicht verstehe, denn im Roman geht es um Walnussbäume. Ich habe sehr lange gebraucht, um es zu Ende zu lesen, was kein Urteil sein soll. Es bedeutet vielmehr (abgesehen davon, dass es mit 515 Seiten nun mal einfach recht dick ist), dass es informationsintensiv ist, man muss sehr aufmerksam sein. Edvard erfährt viel über seine Vergangenheit, dann noch mehr und noch mehr, er puzzelt alles zusammen, und es ist kompliziert. Gleichzeitig aber auch interessant, weshalb ich trotzdem am Ball geblieben bin. Eine verrückte Geschichte über Familiengeheimnisse, Kriegswirren und lebenslangen Groll in einem recht nüchternen, typisch norwegisch abgeklärten Ton. Sehr lesenswert, wenn man den langen Atem mitbringt.

Die Birken wissen’s noch von Lars Mytting ist erschienen bei Suhrkamp Insel.

Bücherwurmloch

„Mit seiner Kochkunst hatte er uns süchtig gemacht“
Sie nennen ihn den Hund und erzählen sich über ihn, er habe in einem Erdloch im Kosovo gehaust, vergittert, ohne Tageslicht, habe dort seinen Geschmackssinn auf übermenschliche Art geschärft. Jetzt kocht er wie kein Zweiter, gesellschaftsfähig ist er nicht. Mit eisernem Willen verschafft der Hund sich eine Stelle in der Küche des El Cion, des teuersten und edelsten Lokals am Platz:

„Das eigentliche Geheimnis des El Cion war nie der reine Geschmack des Essens. Wenn man ehrlich war, schmeckten nur die Allerwenigsten den Unterschied zwischen einem Kobe- und einem Charolais-Rind, oder einem Vierzigeuro- und einem Vierhunderteurowein. Kaum einer erkannte den Unterschied am Geschmack, sondern nur an der zusätzlichen Null hinten, am Ende des Preises.“

Gemeinsam mit dem namenlosen Ich-Erzähler, der den Hund in einer Dönerbude kennengelernt hat, erkämpft er sich bei Chef Valentino einen Namen in dieser brüllend heißen, von Adrenalin und Panik erfüllten Küche, in der sich niemand auch nur den kleinsten Fehler leisten darf, wenn er seinen Job behalten will.

„Wenn es tatsächlich einen Gott des Geschmacks gäbe, einen bockfüßigen, dauergeilen, hakennasigen, nackten Gott, dem dralle Frauen mit dicken Titten ohne Unterbrechung Weintrauben in den Mund stopften, während sie auf seinem Gesicht ritten, dann würde er jetzt zu uns heruntergrinsen.“

Valentino ist ein aufbrausender Mann, ein Spitzenkoch, der bereits wegen Körperverletzung im Gefängnis war.

„Seine Augen waren müde und aggressiv und getrieben von einer rastlosen Suche nach tiefer Ruhe. Er hatte die Ausstrahlung eines Menschen, der mehr erlebt hat, als ihm noch Zeit bleibt, davon zu erzählen, und sein kalter Blick schien jedem in seiner Nähe die Schuld dafür zu geben, dass er keinen Frieden fand.“

Und als dieser Valentino erkennt, welches Ausnahmetalent der Hund ist, wie rettungslos verzaubert die Leute sind, wenn sie seine Gerichte kosten, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

„Es sei gefährlich, sagte sie, die Menschen würden sich selbst erkennen in ihrer Schönheit und ihrer Hässlichkeit, in ihrer Verzweiflung und ihrer Sehnsucht, und es würde süchtig machen, sie habe Menschen erlebt, die hätten an seinem Essen gehangen wie andere an der Nadel.“

Dieses Buch ist geil, und zwar im wahrsten Sinn des Wortes: Es ist vulgär, lüstern, sinnlich, triebhaft, ein wenig abstoßend, irgendwie erregend. Der Regisseur und Drehbuchautor Akiz erzählt darin von einem, der nicht zu dieser Welt zu gehören scheint, der sich allen Regeln des Miteinanders entzieht, der Gerichte kocht, die aussehen wie etwas, das auf der Straße überfahren wurde – und der damit die Menschen so erleuchtet, dass es sich anfühlt, als würde sich der Himmel über ihnen öffnen und sie mit Geschmack übergießen. Der Ton ist rau und krass, der Ich-Erzähler ist ein gnadenloser Schläger, die Sprache passt hervorragend zum hektischen Tempo in der Spitzengastronomie. Ein Buch, das mit Geruch und Geschmack spielt, muss sich freilich den Vergleich mit dem Alltime-Klassiker Das Parfum gefallen lassen, und natürlich erinnert Der Hund daran. Vor allem, weil auch Akiz eine Geschichte erdacht hat, in der Menschen etwas schmecken, das ihre Sinne sprengt und sie wahnsinnig werden lässt. Gier, Leidenschaft, Neid und die endlosen Möglichkeiten, die Gaumenknospen aufzugeilen, sind der Kern dieser verrückten, mitreißenden, überbordenden Story über einen, der am Rand der Gesellschaft steht und sie genau aus dieser Position heraus entlarven und zum Bersten bringen kann. Überspitzt, klug konstruiert, mit einem unausweichlichen Ende: ausgezeichnetes Buch!

Der Hund von Akiz ist erschienen bei hanserblau.