Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7902„Vielleicht wurden meine Eltern mit Traurigkeit im Herzen geboren“
Sanaa ist im Dazwischen gefangen. Sie könnte hinausgehen in die Welt, sie ist 22 und studiert an der Uni, sie hat einen Freund und einen Liebhaber, sie könnte die Verbindungen kappen, die sich noch halten. Doch das wagt Sinaa nicht, im Gegenteil, sie bleibt zuhause wohnen, im Hochhaus, in der Siedlung, sie passt auf. Asija, ihre Mutter, könnte sonst vom Balkon fallen, von dem sie nachts den Mond anschaut, Nasser, ihr Vater, könnte sonst für immer fernbleiben, und Helin, ihre Schwester, könnte sonst völlig verlorengehen. Jeden Tag hocken die Tante und ihre fette Freundin auf dem Sofa in der Wohnung und qualmen alles voll, jede Nacht geistert die Mutter herum. Was ist geschehen mit dieser Familie, die den Irak verlassen hat im Glauben, in Europa würde das goldene Leben auf sie warten? Sanaa versucht, die Vergangenheit zu ergründen, den Ursprung all der Traurigkeit zu finden, und muss doch erkennen, dass es einen solchen Ursprung nicht gibt. Die Traurigkeit sitzt im Menschen, egal, in welchem Land er sich befindet.

Karosh Taha, selbst im Irak geboren, erzählt in ihrem Debüt eine Geschichte über Fremdheit und Angst, über Aussichtslosigkeit und die Sehnsucht nach einer heilen Familie. Ihre Ich-Erzählerin Sanaa ist ehrlich und direkt, sie hat Wünsche und Pläne, sie hat Sex, sie hat Gefühle, verwirrende, sich überlagernde Gefühle, die vor allem von einem dominiert werden: Angst. Sie muss alles unter Kontrolle halten, muss die Familie zusammenhalten – eine Familie, die ohnehin längst zerbrochen ist. Ich fühle mit ihr, leide mit ihr, möchte ihr helfen und kann es nicht. Sanaa dreht sich im Kreis und ich mich ebenfalls, ein wenig zu oft treten für mich die wiederkehrenden Motive auf, die Krabbe, die in die Wade kneift, der Mond, der angebetet wird, das ist gut gemacht und schlüssig, hätte aber sparsamer gesetzt sein dürfen.

Ich mag Karosh Tahas Sprache und es gibt viele Sätze, die ich zweimal lese, weil sie klingen, weil sie grandios sind, es gibt auch Gedanken in diesem Buch, bei denen ich nicke, weil sie perfekt auf den Punkt gebracht sind. Wunderbar gelungen ist die Kombination der blumigen, orientalischen Erzähltradition mit der harten, manchmal vulgären deutschen Sprache, die Autorin hat auch stilistisch jene Elemente vereint, die für ihre Figuren zusammenkommen: das Heimatliche, das inzwischen in der Fremde liegt, und das Deutsche, das inzwischen Heimat ist. Das ist richtig gut, Chapeau! Ein wenig vermisst habe ich ein großes Highlight, einen Höhepunkt. Der Konflikt spitzt sich nicht zu, fadet eher aus, und wenn man erst einmal im letzten Drittel angekommen ist, ohne dass dieser Höhepunkt eingetreten ist, weiß man: Von nun an steuern wir nur gemächlich dem Ende zu. Das ist aber von der Erzählstruktur her völlig in Ordnung, die Fäden finden dennoch zusammen – und die Autorin wartet auch noch mit einer feinen Überraschung auf. Insgesamt ein sehr starkes Debüt zu einem Thema, das wichtig ist und viel Aufmerksamkeit verdient: das Leben woanders, Migration nach Europa, Integration, der Verlust der Heimat und das Loch, das im Herzen zurückbleibt für immer.

Beschreibung einer Krabbenwanderung von Karosh Taha ist erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9880-0, 250 Seiten, 22 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7910„Wir erkennen den Moment nicht, in dem der Verlust beginnt“

„Alles ist geschenkt auf Zeit. Wenn man glücklich ist, wenn das Glück einen blendet, meint man zu spüren, dass alles bleibt. Hinter dem Glück wohnt die Zeit.“

Zwei Männer töten ein Reh und schlagen Franz’ Vater brutal zusammen. So brutal, dass im Krankenhaus klar wird: Der alte Mann wird das nicht überleben. Franz, der als Kriegsfotograf in aller Welt unterwegs war und die schlimmsten Gräueltaten gesehen hat, weiß, dass er den Vater wird rächen müssen. Dass er mit seinem Freund Noeten wird herausfinden müssen, wer dafür verantwortlich ist, um die Täter zu finden und zu bestrafen. Darüber zerwirft er sich mit seiner Freundin Karen, der Frau, die er liebt. Und über allem liegt sein größter Verlust: Er vermisst seinen Sohn, der nicht mehr bei ihm ist. Und dann kommt Franz an einen Punkt, an dem es gefährlich wird: Er hat nichts mehr zu verlieren.

Willi Achten hat eine Höllenfahrt von einem Roman geschrieben. Man braucht gute Nerven und auch einen starken Magen, um Nichts bleibt aushalten zu können. Das liegt zum einen an den Ausflügen in die Vergangenheit des Protagonisten, der als Kriegsfotograf viele Jahre lang das Grausamste, zu dem die Menschheit in der Lage ist, auf Bildern festgehalten hat. Es liegt aber auch an der Gegenwart, in der es um Tierquälerei geht und Rache, blutige Rache. Willi Achten spricht dabei eine sparsame Sprache, die mich an Sven Heuchert erinnert. Starke, schnörkellose Sätze, die ihre eigene Wucht entfalten, sehr straight und gnadenlos. Viele Sätze bohren sich in die Haut des Lesers, ob man will oder nicht. Unaufhaltsam marschiert Franz auf das Ende zu, das man so oder ähnlich natürlich kommen sieht, und man möchte eigentlich nicht mitgehen, hat jedoch keine Wahl.

Nichts bleibt ist ein sehr eindrucksvolles, hartes Buch, das von Bosheit und Sadismus handelt, von Liebe und Verlust, von Tod und Trauer. Die großen Themen sind das, die hier ihren Platz finden, und doch fühlt es sich an wie eine kleine, feine Geschichte in einem Wald, an einem See, mit einem Vater, der sich um seinen Jungen sorgt. Das ist eine geschickte Täuschung, die mich tatsächlich beeindruckt hat. Ein Buch wie ein Faustschlag.

Nichts bleibt von Willi Achten ist erschienen bei Pendragon (ISBN 978-3-86532-568-6, 367 Seiten, 17 Euro).

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7909„Alles Gute, das einem widerfuhr, war nichts als eine Leihgabe, nur das Schlechte war einem auf ewig sicher“

„Der Dschungel, notierte Berns in seinem Tagebuch, ist eine Bestandsaufnahme, eine Prüfung, eine Wägung. Was man an Ausrüstung und Charakter nicht mit hineinnimmt, kann man dort nicht erwerben.“

Als er noch ein Junge war, hat Rudolph August Berns am Rhein Gold gewaschen und davon geträumt, ein großer Forscher zu werden. Es dauert lange, bis dieser Traum sich erfüllt, sein Weg ist verschlungen und fordert viel Kraft, doch Rudolph – der sich später Augusto Berns nennt – gibt nicht auf. Geradezu besessen ist er von der Vorstellung, die verlorene Stadt der Inka zu entdecken, Peru ist sein Ziel. Im Jahr 1887 scheint es ihm endlich gelungen zu sein: Alle reden von seinem großen Fund. Doch warum ist Berns aus den Geschichtsbüchern verschwunden, warum gilt Hiram Bingham als Entdecker von Macchu Picchu? Davon erzählt Sabrina Janesch in diesem bemerkenswerten Buch.

Ich kenne die Autorin von ihrem grandiosen Debüt Katzenberge, für das sie zu Recht von der Kritik bejubelt wurde. Mit ihrem neuen Werk hat sie eine Wandlungsfähigkeit bewiesen, für die ich sie zutiefst bewundere. Im Vorwort berichtet sie, wie sie auf die Idee gekommen ist, über Berns zu schreiben, wie schwierig es war, an Informationen zu kommen, wie lange sie recherchiert hat und wie getrieben sie war. Umso mehr hat mich dieser Roman fasziniert, weil ich es immer beeindruckend finde, wenn sich jemand einer Figur, die tatsächlich existiert hat, mit fiktiven Mitteln nähert. Die Kombination aus Realität und Fantasie ist ihr ausgezeichnet gelungen. Das Buch erinnert an jene Abenteuerromane, die man als Kind geliebt hat, mit mutigen Männern und undurchdringbaren Dschungeln, an diesen Rauschzustand, den man dann manchmal hatte beim Lesen, als man noch jung und naiv war und sich so herrlich schnell für etwas begeistern konnte.

Die goldene Stadt ist notgedrungen ein historischer Roman, der – ich möchte fast sagen: auch notgedrungen – durchaus seine Längen hat, aber das machen die gut platzierten Wendungen und das fantastische Ende wieder wett. Perfekt getroffen hat Sabrina Janesch auch den Ton, heiter und jovial, wie man sich die Stimmung dieser damaligen Entdecker vorstellt, die ein Leben voller Entbehrungen führten, ein Leben der Obsession, aber mit Optimismus und unerschütterlicher Zuversicht. Ein wahrer Schmöker von einem Buch, das es mir sehr angetan hat, weil ich es liebe, wenn ich beim Lesen etwas Neues lerne – und von Augusto Berns hatte ich tatsächlich noch nie gehört. Falls es euch ebenso geht, solltet ihr das dringend ändern!

Die goldene Stadt von Sabrina Janesch ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-87134-838-9, 528 Seiten, 22,95) und hat ja, das muss ich noch kurz erwähnen, ein wirklich schönes Cover.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

IMG_7911„Always do what you are afraid to do“

„Welcome to the beautiful Sinclair family. No one is a criminal. No one is an addict. No one is a failure. The Sinclairs are athletic, tall, and handsome.“

Dass das so nicht ganz stimmen kann, ist gleich zu Beginn dieses Romans klar. Wie es aber wirklich ist, verrät E. Lockart erst ganz am Ende, als alle Stränge zusammenkommen. Das ist das Großartige an diesem Buch: Ich habe es sehr lange nicht durchschaut. Eigentlich überhaupt nicht. Seine Wendung hat mich völlig überrascht. Aber erst mal der Reihe nach: Die Ich-Erzählerin ist ein junges Mädchen namens Cadence, das aus einer reichen Familie stammt. Jeden Sommer verbringt sie auf einer Privatinsel, auf der vier Villen stehen, die ihrer Großeltern, die ihrer Mutter und die ihrer zwei Schwestern, man schwimmt im Geld, streitet aber in erster Linie darum. Alle Cousins und Cousinen treffen dort aufeinander, Cadence verbringt am meisten Zeit mit Johnny und Mirren. Außerdem gibt es noch Gat, mit dem sie nicht verwandt ist, der aber auch jeden Sommer hier ist – und in den Cadence sich verliebt. Doch dann geschieht ein Unfall, Cadence verliert ihre Erinnerung, und es dauert zwei Sommer, bis sie herausfindet, was geschehen ist.

Wenn ihr jetzt denkt, aha, das hab ich doch irgendwo schon mal gelesen, kann ich euch nur sagen: sicher nicht. Denn E. Lockhart schreibt derart ungewöhnlich, dass man das Buch nicht einmal einem Genre zuordnen kann. Young adult, ja, natürlich, weil die Protagonistin erst siebzehn ist, ein Thriller irgendwie auch, aber eigentlich nicht, einem Geheimnis muss sie auf die Spur kommen, ihre Erinnerung wiederfinden – aber da ist diese Sprache. Eine Sprache mit einer fantastischen Sogwirkung, nicht jugendlich-kindisch, dennoch simpel, schnörkellos, schon nach wenigen Seiten war ich absolut gefesselt und mit dem Buch in wenigen Stunden durch. Es hat mich, und das will was heißen, aus meiner Lese-Lethargie gerissen, ich habe es in einem Happs verschlungen. Gut, es hat nur 220 Seiten, okay, aber die haben es in sich: Cadence ist eine schonungslose, sarkastische Erzählerin, ihre Stimme ist geheimnisvoll, mysteriös, dennoch offen, ehrlich – sie sagt dem Leser alles, was sie weiß, das Problem ist nur, sie weiß nicht viel. Das ändert sich, und man mag das Ende ein wenig zu dramatisch finden. Dennoch ist dieses Buch in meinen Augen sehr gut gemacht und deshalb auf jeden Fall lesenswert. Man sollte einfach viel öfter über den Tellerrand schauen – auch über den literarischen.

We were liars von E. Lockhart ist auf Deutsch unter dem Titel Solange wir lügen bei Ravensburger erschienen (mit einem absurd hässlichen Cover, mit dem ich es niemals gekauft hätte, ähem).

Bücherwurmloch

IMG_7892Wie Sie hier sehen, sehen Sie nichts. Das ist mein Nachttischerl, das neben meinem Bett steht, und es ist leer. Schaut nicht spektakulär aus, ich weiß, aber: Das bedeutet, dass ich alle Bücher, die da drauflagen, weggelesen habe. Seit ich vor Kurzem diesen Beitrag über mein momentanes Leseverhalten und meine Probleme damit geschrieben habe, habe ich ein bisschen was geändert. Weil ich nichts davon halte, nur rumzujammern, wenn es um Dinge geht, die man ändern KANN. Auf die äußeren Umstände habe ich keinen Einfluss, ich habe beruflich mit Lesen und Schreiben zu tun, ich habe zwei Kinder, die fordernde Zeitfresser sind, aber das mit der Ablenkung, das kann ich vielleicht in den Griff bekommen. Ich habe deshalb mit dem Parallellesen aufgehört, weil es mich anstrengt, unruhig macht, irgendwie auch verwirrt. Wenn da mehrere Bücher liegen, die ich alle angefangen habe, die alle meine Aufmerksamkeit wollen, führt es dazu, dass ich mich auf gar keins mehr richtig konzentrieren kann. Außerdem lasse ich keine Serien mehr auf dem Tablet laufen, während ich lese, was ich vorher in meinem Multitasking-Wahn durchaus gemacht habe (manchmal noch mit dem Handy in der Hand, imagine the madness). Eigentlich schaue ich im Moment überhaupt keine Serien mehr. Das werde ich bestimmt nicht beibehalten, ich will Netflix nicht verteufeln, ich finde viele Stoffe dort sehr interessant, neu und originell, aber: Das Lesen ist mir wichtig, so wichtig, dass ich ihm wieder mehr Platz einräumen muss bzw. möchte.

Auch der andere Zeitfresser, das Handy, bleibt in einem anderen Zimmer. Das fällt mir insofern schwer, weil ich am Abend meist endlich Zeit habe, um Nachrichten zu beantworten und Storys anzuschauen, aber auch hier gilt: Prioritäten setzen. Und ich bin nun mal in erster Linie ein Bücherwurm. Ich werde mit Sicherheit weiterhin extrem kritisch bleiben, das lässt sich nicht abstellen. Ich werde immer noch Bücher abbrechen, vielleicht sogar schneller als zuvor, weil ich ja kein zweites anfangen will, wenn mich das erste nicht packt, ich werde mich langweilen und nur querlesen. Das macht jedoch nichts, denn ich werde trotzdem noch jene Perlen finden, für die sich das Ganze lohnt.

Ein Buch hat es gegeben vor ein paar Tagen, das mich ganz unerwartet aus meiner Leselethargie gerissen hat, ein englisches Buch, von dem ich das gar nicht gedacht hätte. Ich habe danach gegriffen, weil es manchmal hilft, die ausgetretenen Pfade zu verlassen, ein fremdsprachiges Buch zu lesen oder was Seichtes, irgendwas, das man sonst nicht oft liest, und siehe da, es hat funktioniert. Ich war von den ersten Seiten an total gefesselt und nach wenigen Stunden mit dem Roman durch: We were liars von E. Lockhart. Auch noch ein Jugendbuch bzw. für young adults, was ich sonst nicht mal mit der Kneifzange angreife. Stattdessen fand ich das Buch großartig und dachte: Schau, Mariki, du kannst es noch!

Bücherwurmloch

IMG_7858Eigentlich, müsst ihr wissen, ist mein Buch schon sehr lange nicht mehr in meiner Hand, seit über einem Jahr, um genau zu sein. Das liegt daran, dass die Verlage ihre Programmplätze natürlich weit im Voraus besetzen, für Dunkelgrün fast schwarz war im Frühjahr 2018 einer frei. Das war weit weg damals, jetzt ist es das nicht mehr. Jetzt ist der Moment gekommen. Da das Manuskript bereits so lange fertig war, ist es uns gelungen, sehr früh ein Leseexemplar auf den Weg zu bringen, mit dem wir Ende Dezember den Buchhandel, die Presse und meine Blogger versorgt haben. Das ist der Grund, warum ihr es schon überall gesehen habt – und trotzdem noch zweieinhalb Monate warten musstet, bis es erscheint. Aber DAS WARTEN HAT EIN ENDE! Ab heute ist Dunkelgrün fast schwarz überall erhältlich (und ihr wisst ja, im lokalen Buchhandel kaufen, ist am besten, gell)!

IMG_7803Was ich heute sagen möchte und muss, ist: Danke. In den letzten Wochen hat mich eine derart besondere Welle der Wertschätzung überrollt, dass ich völlig überrascht bin. Ich habe mich Ende Oktober nach langem Überlegen doch bei Instagram angemeldet, obwohl ich viele Vorbehalte gegen diese Plattform hatte – und bin sehr froh darüber. Ich dachte, dort gebe es nur oberflächliches Influencer-Lifestyle-Food-Models-Getue (und das gibt es bestimmt auch, aber ich bekomme nichts davon mit, weil ich mich in einem illustren Kreis von Gleichgesinnten bewege), und war verblüfft vom freundlichen Umgang und dem motivierenden Feedback. Außerdem hätte ich sonst verpasst, wie schön viele Blogger #dunkelgrünfastschwarz inszeniert haben. Als absolute Bereicherung empfinde ich auch den direkten Kontakt und den Austausch über meinen Roman – dafür liebe ich das Internet. So viele Leute haben mir geschrieben, nicht nur Blogger auf Instagram, auch Buchhändler via Mail oder Facebook. Ich weiß es sehr zu schätzen, wenn jemand sich die Mühe macht,  mir seine Gedanken mitzuteilen, mir Rückmeldung zu geben. Wunderbare positive Kommentare habe ich erhalten, zu meinen Lesungsterminen, zu meinen Berichten über Neuigkeiten. Allein das hat mich sehr bestärkt und motiviert.

Meinem großartigen Verlag gebührt ebenfalls ein Danke, für all das Engagement, das Fingerspitzengefühl, das Herzblut. Ich fühle mich bei der Frankfurter Verlagsanstalt sehr gut aufgehoben, bin wahnsinnig stolz, dass ich mich zu ihren Autorinnen zählen darf, und freue mich auf alles, was da kommen mag. Natürlich kann es sein, dass das Buch und ich nun einfach sang- und klanglos in der Masse der Neuerscheinungen untergehen. Wir wissen alle, wie kurzlebig Bücher heute sind, wie schnell sie von denen, die nachkommen, begraben werden. Aber vielleicht hab ich ja Glück, jenes Quäntchen Glück, das den Unterschied macht.

IMG_7901Heute also gehen Dunkelgrün fast schwarz und ich auf die Reise. Das Buch erscheint, ich steige morgen in den Zug nach Berlin, zu meiner Premiere bei ocelot. Am Donnerstag lese ich in München bei den Wortspielen, nächste Woche im Literaturhaus Salzburg und bei der Leipziger Buchmesse. Uns beide erwarten spannende Zeiten mit vielen Erlebnissen, Begegnungen, neuen Erfahrungen. Wir setzen uns der Kritik von euch allen aus, das Buch und ich, und wagen uns sehr weit aus unserer Komfortzone heraus. Und das ist ja das Beste, was man im Leben tun kann. Auf geht’s!

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gerk

  1. Es macht so großen Spaß, dieses Buch zu lesen!
  2. Andrea Gerk ist die Beste, wenn es darum geht, Wissen mit Unterhaltung zu vereinen, ihre Bücher sind hervorragendes Infotainment. Sie schreibt flüssig, amüsant, serviert einem die Informationen auf so elegante Art, dass man sie versteht, sich das Meiste merkt und sich nicht, wie bei manch anderen Sachbüchern, von dem vielen Wissen erschlagen fühlt.
  3. Uns Österreichern ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Kein Wunder, unser Grant ist auch wirklich legendär. Kulturgut sozusagen.
  4. Sie bringt alle großen Dichter, Denker, Theaterschreiber, Autoren, Schauspieler zusammen, die eines eint: ihre berühmt gewordene schlechte Laune. „Schreibende Kotzbrocken, singende Ekelpakete“ nennt sie das entsprechende Kapitel. Mit dabei sind Namen wie Schopenhauer und Jarosinski, Reed und Kinski, Jelinek und Doderer. Ein absolutes Vergnügen!
  5. Weil darin Zitate wie „Alles hat zwei Seiten, eine schlechtere und eine noch schlechtere“ stehen und: „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.“
  6. Weil wir neuerdings alle nur noch gut gelaunt sein sollen. Selbstoptimiert, selbstliebend, motiviert, optimistisch. Da ist es eine Wohltat, dass Andrea Gerk der schlechten Laune ein solches Loblied schreibt.
  7. Sie nimmt das Thema sehr gründlich durch, zeigt, was im Gehirn geschieht, wenn man missmutig ist, und wie Unmut als Schutzschild funktioniert, geht auf die Kunst des Schimpfens ein, widmet sich grantigen Kommissaren und kreativen Cholerikern, außerdem dem Dienstleistungssektor und der Gastronomie, wo man schlechte Laune am besten beobachten kann.
  8. Es ist das perfekte Buch nach einem langen Arbeitstag, der einen wirklich grantig gemacht hat. Man muss bei dieser Lektüre nämlich garantiert früher oder später schmunzeln.

Lob der schlechten Laune von Andrea Gerk ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5770-8, 304 Seiten, 24,70 Euro). Sehr angetan davon war auch Sophie von Literaturen.

 

 

 

Bücherwurmloch

FlasarMilena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie
„Ohne Schmerz gibt es keine Erinnerung“
Herr Katō ist in Pension, und er kann sich noch so sehr einreden, dass er Pläne hat – das Radio reparieren, laufen gehen, vielleicht nach Paris fahren mit seiner Frau, vielleicht –, in Wahrheit ist ihm schrecklich langweilig. Das ändert sich, als er eines Tages die junge Mie trifft. Sie spielt gegen Geld das, was verlangt wird, zum Beispiel eine Tochter, eine Schwester, eine Cousine, lässt sich buchen für Hochzeiten und Beerdigungen, für kurze Treffen, die anderen aus verschiedenen Gründen wichtig sind. Sie erzählt Herrn Katō von ihrer Agentur und bietet ihm einen Job an, den er natürlich, eh klar, fad wie ihm ist, annimmt. Zu kurz währt jedoch dieses Glück, und richtig bereichernd ist es nicht, die allgemeine Langeweile überwiegt, das ewig gleiche Zusammenleben mit seiner Frau, die Abwesenheit seiner Kinder, die, längst erwachsen geworden, kaum noch Kontakt halten, die große Fadesse des Lebens. Genau so erging es mir mit diesem Buch. Es kann gut sein, dass es mich in der falschen Phase erwischt hat, in jener der Ablenkung und des Lese-Überdrusses, als ich etwas Mitreißendes gebraucht hätte. Dabei habe ich Sie nannten ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar geliebt! Und ich habe nichts gegen ruhige, zurückhaltende Bücher, im Gegenteil, ich fand Herr Origami großartig, genauso wie die Romane von Yoko Ogawa. Aber dieses hier? Ich weiß nicht. Ich habe mich gemeinsam mit Herrn Katō in seinem Leben sehr gelangweilt.

Herr Katō spielt Familie von Milena Michiko Flašar ist erschienen im Wagenbach Verlag (ISBN 978-3-8031-3292-5, 176 Seiten, 20 Euro).

IMG_7913Katie Kitamura: A separation
Christopher ist verschwunden, und seine Frau soll ihn suchen. Das wäre nicht so ungewöhnlich, wären die beiden nicht seit Längerem getrennt und fast schon geschieden, was nur niemand weiß. Christophers Mutter fordert die namenlose Protagonistin auf, nach Griechenland zu reisen, wo er sich aufhalten soll, und sie tut es. Sie lebt mit einem neuen Mann zusammen, hat ihren untreuen Gatten verlassen, alles ist noch unklar, keine Papiere unterschrieben. Sie kommt im Hotel an, und Christopher ist nicht da. Also tut sie erst einmal nichts, was sehr langweilig ist, und dann kommt des Rätsels Lösung eh schon ans Licht, ohne dass sie was tut, was auch langweilig ist. Ich habe mir viel von Katie Kitamura erwartet, deren Name seit einer Weile immer wieder dort auftaucht, wo von den Guten die Rede ist, die mit vielen Preisen bedacht wurde und deren Romane auch auf Deutsch erschienen sind. Letztlich war A separation aber eine herbe Enttäuschung, eine ganz und gar uninteressante Geschichte ohne einen einzigen Höhepunkt, ohne Konflikt, ohne Botschaft, die ich hätte hören können. Vielleicht habe ich mich für das falsche ihrer Bücher entschieden, die anderen werde ich jetzt jedoch sicher nicht mehr lesen.

Trennung von Katie Kitamura ist auf Deutsch erschienen bei Hanser (ISBN  978-3-446-25445-9, 256 Seiten, 22 Euro).

 

 

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57Ich habe in letzter Zeit viele Stunden damit zugebracht, Leseproben zu sichten, Manuskripte zu lesen, konstruktives Feedback zu geben, zu überlegen, mit welchem Roman ich ins Rennen gehen könnte, zu grübeln und noch mehr zu grübeln. Das Problem ist, dass ich in manchen Manuskripten Potenzial sehe, sie aber einfach noch nicht so weit sind. Sie sind wie Rohentwürfe, wie erste Skizzen, die noch viel Arbeit brauchen, nicht im Lektorat, nein, sondern in ihrer Konzeption, ihrem Aufbau, ihrer Balance. Da fehlen ganze Perspektiven, da sind Figuren in ihrer Gesamtheit in Frage zu stellen, weil sie nicht funktionieren, lauter Dinge, die man nicht in kurzer Zeit bereinigen kann. Genau das haben wir aber beim Blogbuster: wenig Zeit. Was schade ist, aber nicht zu ändern, und deshalb ist meine Entscheidung gefallen: Ich werde mit gar keinem Roman teilnehmen. Das Blogbuster-Finale findet 2018 ohne mich statt.

Ich weiß, dass meine Autoren enttäuscht sind, und ich bin es auch. Es ist frustrierend, wenn man so viel Arbeit und Zeit investiert und am Ende nichts dabei herauskommt, das gilt in dem Fall für uns alle. Ich kann es aber auch nicht vertreten, mit einem Manuskript ins Rennen zu gehen, wenn ich zu hundert Prozent sicher bin, dass es sofort wieder rausfliegt. Wie könnte ich dem Autor falsche Hoffnungen machen und uns beiden verlorene Liebesmüh bereiten? Wie könnte ich die Werbetrommel rühren für ein Buch, von dem ich nicht überzeugt bin? Wie soll ich etwas als gut verkaufen, wenn es nicht gut ist? Das mache ich nicht, dafür bin ich zu ehrlich und zu geradlinig, selbst wenn es nun bedeutet, dass für mich alles umsonst war.

Aber well, shit happens, das ist nicht das Ende der Welt, und ich bin sicher, dass auch ohne mich ein Spitzenbuch bei Kein & Aber erscheinen wird. Welches das sein wird, darauf bin ich schon sehr gespannt, und wünsche den anderen Kandidaten viel Glück!