Bücherwurmloch

„In dem Kammerspiel mit Namen Familie wird das Kind nicht selten zum Blitzableiter der Kräfte, denen die Frau im Patriarchat unterworfen ist“

Wir schreiben die 1980er und sehen eine sogenannte ganz normale Familie, bestehend aus Vater, Mutter, Kind. Die Tochter erzählt, wie sie aufwächst, in einem Mehrgenerationenhaus mit den Großeltern väterlicherseits und mit der gleichaltrigen Nachbarin, die ihre Großcousine ist und aufgrund von Familienstreitigkeiten im Haus nur geduldet wird, und sie berichtet von der Dynamik, der die Ehe ihrer Eltern unterworfen ist und die in erster Linie aus dem Blick des Vaters auf die Mutter besteht, denn er findet sie zu dick. Das Gewicht, das Aussehen der Mutter bestimmt alles: In den Augen des Vaters ist sie nicht vorzeigbar und deshalb schuld an allem, was ihm verwehrt bleibt, die Beförderung, die Anerkennung im Dorf, das gute Leben. Wie absurd diese Verknüpfung ist, fällt dem Mädchen lange nicht auf, weil es dem kleinen System Familie nicht entkommen kann. Doch das Buch hat auch essayistische Einschübe aus Erwachsenensicht, die der kindlichen Perspektive eine moderne Betrachtung aus dem Heute hinzufügen, die Geschehnisse von damals einordnen und Kritik am Patriarchat üben.

„Doch eine einzelne Frau kann sich nicht um unendlich viele Menschen kümmern. Empathie und Sorge sind begrenzte Ressourcen.“

Daniela Dröscher hat einen eindrucksvollen, runden Roman geschrieben über Körperlichkeit und die Objektifizierung des Weiblichen, über kindliche Scham und Care-Arbeit, über Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, die sich eins zu eins auf den Familienverband übertragen lassen. Der Vater in diesem Buch ist toxische Männlichkeit in Reinkultur, die Mutter versucht mit aller Kraft und über Jahrzehnte, sich gegen ihn und letztlich gegen das System zu stemmen – während sie von der Last, sich um die Kinder, die demente Mutter, den Haushalt und das Geldverdienen kümmern zu müssen, langsam in die Knie gezwungen wird.

„Man nennt die Krankheit auch eine in den Körper geweinte Depression.“

Ein feines, kluges, gar nicht mal so leises Buch, das nachdenklich und wütend macht – und zeigt, dass wir ins Sachen Fettphobie noch sehr, sehr viel zu tun haben. 

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„Die Abschaffung und Veränderung der patriarchalen Kultur ist eine Arbeit, die Männer und Frauen gemeinsam leisten müssen.“

Bücher von bell hooks lese ich immer mit ehrfürchtigem Staunen. Weil sie sanft sind und doch eisenhart, weil sie klug sind und entlarvend. So ging es mir auch mit diesem Titel, in dem die 2021 verstorbene weltbekannte Autorin und Professorin sich der männlichen Seite des Patriarchats widmet. Sie formuliert darin in ihrer gewohnt klaren Sprache aus, was mir unglaublich wichtig ist in allen Diskussionen um das Ende des Patriarchats: dass nämlich die Gesellschaft, in der wir leben und in der Frauen aus vielerlei Gründen unterdrückt werden, auch für Männer die schlechteste aller Welten bedeutet. Unlängst hatte ich dazu ein interessantes Gespräch mit einem Freund, der meinte, im Wort „Feminismus“ steckt automatisch das Weibliche, im Begriff „Patriarchat“ automatisch das Männliche, so entsteht per se ein Gegeneinander. Er hat vorgeschlagen, dass wir den Harmonismus begründen, und bitte sehr: Ich bin Harmonistin. Weil die Zahlen, Statistiken und generell die Biografien und Erlebnisse von Männern für das sprechen, was bell hooks in aller Deutlichkeit ausführt und erklärt: wie männlichen Kindern das Zärtliche, Neugierige, Offene nicht nur abgesprochen, sondern geraubt wird, und dass männliche Gewalt kein Nebenprodukt der Sozialisierung von Jungs ist, sondern dass männliche Gewalt die Sozialisierung von Jungs IST. Und zwar gegen deren Willen. Sehr anschaulich belegt sie, wie sich eine gefühlezerstörende Spirale von Vätern zu Söhnen windet, und dass auch Mütter mitmachen, ohne die Dynamik zu hinterfragen. Das ist oft schmerzhaft zu lesen. Noch öfter habe ich heftig genickt. Und mir gewünscht, ich könnte meinen eigenen Sohn vor den Mechanismen bewahren, denen er jeden Tag ausgesetzt ist. Es ist gut und vollkommen logisch, dass Feministinnen die Gewalt, die von Männern in Richtung Frauen geht, benennen. Aber ich bin, wie bell hooks so schön sagt, der Meinung, dass wir „Männer als Kameraden und Mitreisende in diesem Leben“ erkennen müssen, nicht als Feinde oder Gegner. Sie hat mir das Herz gebrochen mit ihrer Beschreibung von Jungen, denen das Lieben abtrainiert wird, die zu emotionaler Taubheit erzogen werden – und später als erwachsene Männer nicht erkennen, wie sehr das System auch ihnen schadet. Das ist die Frage, die sich am Ende stellt: Wie schaffen wir es, Männern bewusst zu machen, dass sie gemeinsam mit uns gegen das Patriarchat aufstehen müssen – und dass sie dabei nichts verlieren, sondern dass wir alle gewinnen? „Who will cry for the little boy?“

Männer, Männlichkeit und Liebe von bell hooks ist erschienen bei Suhrkamp.

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„Das ist die Welt, in der wir leben“

Asha Ray ist Doktorandin am MIT und hat Ideen für die Weiterentwicklung künstlicher Intelligenz, die zu fortschrittlich sind für die Uni. Sie möchte eine App entwickeln, die für Menschen, die nicht religiös sind, einen Religionsersatz bietet, indem sie individuell zugeschnittene Rituale erstellt. Als sie Cyrus wiedertrifft, in den sie zu Highschool-Zeiten verschossen war, ohne dass er sie je bemerkt hätte, wird aus der Begegnung eine in jeder Hinsicht gute Zusammenarbeit: Die beiden verlieben sich, heiraten auf der Stelle, Asha gibt ihr Doktorat auf und sie ziehen mit Cyrus‘ bestem Freund Jules nach New York. Dort haben sie einen Platz in einem begehrten Coworking Space bekommen, in dem junge Start-ups gefördert werden. Während Asha die App programmiert, kümmert sich Jules, der aus einer reichen Familie stammt, um die Finanzierung, und Cyrus stellt sein Wissen über Weltreligionen, Zeremonien und den menschlichen Geist zur Verfügung. Die Idee hat Erfolg, doch je mehr Cyrus zu einer Art modernem Messias wird, desto heftiger werden die Konflikte innerhalb des Trios, das ursprünglich geschworen hatte, niemals ihre Seelen zu verkaufen.

Vordergründig ist „Unser Plan für die Welt“ ein heiter-klamaukiges Buch über das Internet und seine Dynamik, im Kern ist es eine harsche Kritik am Umgang mit Frauen in der Tech Industry. Ich-Erzählerin Asha ist das Herz des Romans und das Hirn der Erfindung, aber sie wird von allen an den Rand gedrängt und lässt das mit sich geschehen. Es dauert lange, bis sie aufbegehrt, und als sie es tut, bricht das Kartenhaus, das sie mit ihrem Mann und seinem Freund aufgebaut hat, zusammen, weil es darauf beruht hat, dass sie weiterhin lächeln und schweigen würde. Vieles an der Handlung wirkt überspitzt und aufgesetzt, ich kann mir allerdings gut vorstellen, dass es hinter den Kulissen erfolgreicher Start-ups exakt so abläuft, und ich kenne genug Digitalagenturen von innen, um zu sehen, dass Tahmima Anam, die zudem die Mikroaggressionen gegen nicht-weiße Menschen thematisiert, die Wirklichkeit gut getroffen hat. Ein Roman, der an der Oberfläche unterhalten kann und soll, dabei aber Denkanstöße gibt, denen zu folgen sich lohnt.

Unser Plan für die Welt von Tahmima Anam ist erschienen bei Hoffmann und Campe.

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„Und sie zieht ihm tatsächlich die Schuhe an, während er das gemeinsame Kind würgt“
Juli ist siebzehn Jahre alt und „auf Kur“. Außer ihr sind da nur ältere Leute, und in den Therapiestunden hat Juli nichts zu sagen, sie macht lieber Krawall. Ganz sicher wird sie nicht erzählen, wie sie hier gelandet ist und warum – und was bei ihr zuhause los ist. Dort wütet nämlich hinter geschlossenen Türen der Vater, der in der kleinen Stadt, wie seine Frau, ein angesehener Anwalt ist. Er verprügelt Julis Mutter und ihre drei Geschwister, macht sie verbal runter, er intrigiert und manipuliert, wie eine wandelnde Granate ist dieser Mann, nie weiß man, was ihn als Nächstes zum Explodieren bringt. Schließlich wird Juli von der „Kur“ rausgeschmissen und abgeholt – zuhause geht der Terror weiter. Über Jahre verfolgen wir aus der Ich-Perspektive ihre Geschichte: wie sie schließlich zwar dem Elternhaus entkommt, nicht aber der Spirale aus Gewalt, die sich längst in ihrem Inneren festgesetzt hat und sie immer weiter nach unten zieht.

Auf den ersten Seiten hat mich der flapsige Ton völlig überrascht – den hatte ich bei dem Titel und dem Cover absolut nicht erwartet. Schon bald wurde mir aber klar, dass er die Erzählung glaubwürdig macht, weil wir von dem, was uns verletzt, oft möglichst ruppig und rotzig berichten, als könnte es uns dadurch weniger anhaben. Durch die Augen ihrer Protagonistin Juli lässt uns Claudia Schumacher die tiefe Traurigkeit misshandelter Kinder und ihre Unfähigkeit, mental und emotional stabile Erwachsene zu werden, aus nächster Nähe erleben. Sie schildert brutale Gewalt hinter schönem Schein, die Mittäterschaft der Mutter, die Mechanismen dieser Familie, die Juli auch viele Jahre später nicht loslassen, als sie ihre große Liebe kennenlernt. Das ist hart, heftig, grausig und triggernd. Es ist aber auch sprachmächtig, intelligent und kraftvoll – wie gut, wenn Literatur so etwas vermag: sich einem Schmerz anzunehmen und ihn sichtbar zu machen, wo er doch in unserer Gesellschaft stets im Verborgenen gehalten wird. Ein psychologisch ausbalanciertes Buch, bei dem man oft schlucken muss und das man nicht vergessen kann.

Liebe ist gewaltig von Claudia Schumacher ist erschienen bei dtv.

Bücherwurmloch

„Ich passe mich den Ängsten der anderen an, wenn sie nützlich sind“
Gaias Mutter hat rote Haare und keine Lust mehr, sich vom Staat Italien wegignorieren und verarschen zu lassen. Gaias Mutter setzt durch, dass die Familie – der Vater, der nach einem Arbeitsunfall im Rollstuhl sitzt, der große Bruder Mariano und die kleinen Zwillinge – eine Sozialwohnung bekommt. Von Rom ziehen sie an den Lago di Bracciano, und Gaias Leben ist geprägt von dem Wissen, nichts zu besitzen, von dem Versuch, das vor den anderen zu verbergen, und von dem unbeugsamen Willen der Mutter, dass Gaia es einmal besser haben – und deshalb so viel wie möglich lernen soll. Doch ist das in einem Land, in dem es auch für fertig studierte Akademiker kaum Jobs gibt, sodass viele junge Italiener:innen nicht von zuhause ausziehen können, wirklich so sinnvoll? Und wie kann Gaia sich selbst finden in einer Gesellschaft, die ihr ständig vorgibt, wer sie zu sein hat?

„Ich bin die zerbrochene, undurchsichtige Frau, die, die sich an der Oberfläche spiegelt und die du immer nur zur Hälfte siehst.“

Giulia Caminito hat ein Buch geschrieben über Klasse und gesellschaftliche Unterschiede, das den renommierten Premio Campiello gewonnen hat und in zwanzig Sprachen übersetzt wird, ein Buch über Erwachsenwerden und Scham, über Armut, Bildung und Geschäftemacherei auf den Schultern jener, die benachteiligt sind. Es ist ein intensiver, sehr lebensnaher Roman, der sich sprachgenau und klug mit den Ungerechtigkeiten im heutigen Italien – die sich eins zu eins auf jedes andere Land übertragen lassen – auseinandersetzt. Protagonistin Gaia ist schonungslos mit sich selbst und so ehrlich, sie zeigt auch ihre hässlichen Seiten, wie sie zu Gewalt neigt, wie sie andere verrät, wie sie Freundschaften zerbrechen lässt aus Eifersucht und Missgunst. Nichts daran ist schön, alles daran ist menschlich – und authentisch. Wir sind ganz nah bei ihr, der Ich-Erzählerin. Stiller Zuseher ist der See, auf dessen Grund sich eine Weihnachtskrippe befinden soll, die die Autorin selbst, wie sie im Nachwort erzählt, nie gesehen hat. Nicht nur das Cover ist großartig, auch der Inhalt: Dieses Buch ist melancholisch, roh und bitter. Es hat mich nachhaltig beeindruckt, ich möchte es euch unbedingt empfehlen.

Das Wasser des Sees ist niemals süß von Giulia Caminito ist erschienen bei Wagenbach.

Bücherwurmloch

„She never wanted us to talk about it“
Sie heißen Iris, Vivi und Grey. Sie sind vor zehn Jahren auf offener Straße Schlag Mitternacht vor den Augen ihrer Eltern verschwunden – für einen ganzen Monat. Als sie zurückkamen, hatten sie schwarze Augen, weiße Haare und einen geradezu unstillbaren Hunger. Inzwischen ist Iris, die Jüngste, siebzehn Jahre alt, ihre Schwestern sind längst ausgezogen und draußen in der Welt sehr erfolgreich – die eine mit ihrer Band, die andere mit ihrer Modelinie. Doch dann ist Grey, die Älteste, plötzlich erneut nicht mehr aufzufinden. Sie hat eine versteckte Nachricht hinterlassen, die Rätsel aufgibt. Und während Iris und Vivi nach ihr suchen, stellen sie fest, dass sie nicht die Einzigen sind, die der Spur ihrer Schwester folgen. Und dass alles damit zu tun hat, was damals geschehen ist …

Wie nennt man dieses Genre, Teenage Horror? Ich habe keine Ahnung, aber: Ich hab es gern gelesen. Ich greife nur selten zu Young Adult, in dem Fall hat mich das Cover angesprochen, und ich hab das Buch mit in den Urlaub genommen. Krystal Sutherland ist offenbar keine Unbekannte, ihr erstes Buch „Our chemical hearts“ war ein internationaler Bestseller und wurde von Amazon verfilmt. Das Großartige daran, genre-übergreifend zu lesen, ist das Neue, das es zu entdecken gibt: Alles, was die „ernste Literatur“ (ich halte wenig von der Unterscheidung in E und U, but here we are) sich verwehrt, ist hier möglich – Gestalten aus einer Zwischenwelt, die mit blutigen Runen auf den Körpern aus Wänden auftauchen, Blumen, die auf Leichen wachsen und nach Verwesung riechen, mystische Ansätze und kitschige Szenen, ein wilder Mix, der nicht viel auf die Regeln gibt, die wir aus der „gehobenen Belletristik“ (lol) kennen. Und das hat mir, vor allem im Urlaub, richtig gut gefallen, das Buch ist creepy und gruselig, spannend und voller überraschender Wendungen (zumindest für mich, weil ich die Muster des Genres nicht kenne). Viel Düsternis, Zusammenhalt und Grabenkämpfe unter Schwestern und ein schön grausiges Ende: Ich bin froh, mal wieder über den Tellerrand gelesen zu haben. Und: Kein Roman ist mehr „wert“ als ein anderer, kein pleasure ist guilty. Lest, was immer ihr lesen mögt, Punkt.

Bücherwurmloch

„We will never be emancipated from the stupidity of men“
Es ist wohl eines der aufsehenerregendsten Cover ever – und der Inhalt steht dem in nichts nach. Gwen Kirby hat Geschichten geschrieben, die wild sind und anders und originell, auch wenn oder gerade weil sie teilweise nicht wirklich Sinn ergeben. Die meisten Storys haben einen feministischen, kämpferischen Kern und großartige Titel wie „Midwestern Girl Is Tired of Appearing in Your Short Stories“ oder „Shit Cassandra Saw That She Didn’t Tell th Trojans Because at That Point Fuck Them Anyway“. Frauen werden von radioaktiven Kakerlaken gebissen oder entwickeln Fangzähne, eine Frau wird von einem Geist aus dem 18. Jahrhundert beschimpft, weil sie eine Affäre mit einem Arbeitskollegen hat, Mary Read sticht im Jahr 1720 als „crossdressing pirate“ in See, eine Frau bekommt ständig Anrufe von Typen, die ihre Handynummer bekommen haben, weil eine gewisse Gail eine falsche Nummer hergibt, und datet einen von ihnen: Alle in diesem Band versammelten Geschichten sind hochgradig seltsam. Gut finde ich, dass man beim Lesen nie weiß, was einen erwartet – und dass Gwen Kirby eine mutige Autorin ist, die sich nicht an vermeintliche Regeln hält, sondern Risiken eingeht. Szenen wie jene, in der ein Mann eine Frau auf der Straße auffordert, zu lächeln, und sie ihm daraufhin die Hand abbeißt, wobei sie unabsichtlich seinen Ehering verschluckt und davon Verdauungsbeschwerden kommt, sind ebenso bizarr wie amüsant. Und definitiv einzigartig. Es geht um Geschlechterrollen und Gewalt, um Restaurantkritiken und verlorene Koffer. Wer also Bock auf kreatives Storytelling hat, hier entlang!

„A woman walks down the street and absolutely no one bothers her.“

 

 

 

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„Wenn du nicht alt sein willst, musst du dich aufhängen, solange du jung bist“
Surie ist ein angesehenes Mitglied der chassidischen Gemeinschaft in Brooklyn. Sie ist 57 Jahre alt, hat zehn Kinder, Dutzende Enkelkinder – und sieht sich plötzlich mit der Information konfrontiert, dass sie mit Zwillingen schwanger ist. Völlig überfordert, ist sie nicht in der Lage, ihrem Mann Yidel davon zu erzählen, obwohl sie eng mit ihm verbunden ist. Aber da gibt es einen alten Kummer in ihrem Leben, über den sie nicht sprechen darf und der es ihr verunmöglicht, über die Babys in ihrem Bauch, der immer dicker wird, zu reden. Als gläubige Jüdin kann sie an Abtreibung nicht einmal denken. Sie hat Angst, dass ihre Söhne keine gute Frau finden werden, wenn ihre Schwangerschaft bekannt wird, dass die Familie weiter an Ansehen verliert, dass sie verspottet und verachtet wird. Was also tun in dieser Situation, in der sie nur falsch handeln kann?

Goldie Goldbloom ist in Australien geboren und hat sich bewusst für den Chassidismus entschieden. Das ist ungewöhnlich (und ich hielt es auch für unmöglich, weil ich dachte, dass man zum ultraorthodoxen Judentum nicht konvertieren kann), und ihre Lebensgeschichte hat mich so fasziniert, dass ich mir mehrere Interviews mit ihr angesehen habe. Sie hat acht Kinder und lebt selbst in Brooklyn. Da chassidische Juden nur von dieser Gemeinschaft erzählen, wenn sie ihr den Rücken gekehrt haben, wollte sie ein Buch aus der Mitte dieses strengen Glaubens schreiben – mit einer, wie ich finde, sehr spannenden Ausgangssituation. Misogyne und homophobe Regeln verhindern, dass Surie einen Beruf ergreifen kann, dass ihre Töchter und Enkelinnen studieren dürfen, dass ihr Sohn am Leben bleiben konnte. „Eine ganze Welt“ ist ein kraftvolles, intelligentes und den Horizont erweiterndes Buch, zu dem das angekitschte deutsche Cover nicht im Geringsten passt, zumal es für chassidische Jüdinnen ein Unding ist, auch nur einen Zentimeter Bein an den Knöcheln zu zeigen. Wir haben ein massives Problem mit diesen Bild- und Farbmarkern, die Romane als „Frauenliteratur“ kennzeichnen und dadurch als seicht und weniger wichtig darstellen sollen. In anderen Ländern hat Goldie Goldbloom für viel mehr Furore gesorgt – absolut zu Recht. Sehr gutes Buch!

Bücherwurmloch

„Despite their numbers, brutal women catch us by surprise. We expect random acts of violence from men“
Wer von verstörenden Ereignissen getriggert wird, liest bitte nicht weiter, denn verstörend ist dieser Roman tatsächlich: Ich möchte die Stichworte Hannibal Lecter, Sex und weibliche Psychopathin in den Raum werfen. Dorothy liebt gutes Essen und hat es zu ihrem Beruf gemacht, darüber zu schreiben. Außerdem liebt sie attraktive Männer, die gern auch jünger sein dürfen, sie selbst ist ungefähr fünfzig. Die Sache ist nur: Ihre Geschichte erzählt Dorothy aus dem Gefängnis. Und keiner der Männer, mit denen sie sich vergnügt hat, ist noch am Leben.

„We talk about love like it’s an involuntary act. We fall into love, like a hole, a puddle, an elevator shaft. We never step mindfully into love. Love, we seem to think, requires a loss of control.“

Ich hatte Lust auf dieses Buch, weil Akiz mit „Der Hund“ und Melissa Broder mit „Muttermilch“ so hervorragende, wilde Romane über kulinarische Genüsse geschrieben haben, die ich sehr mochte – aber ich hatte keine Ahnung, dass Chelsea G. Summers so viel weiter gehen und mich mehrmals dazu bringen würde, heftig zu schlucken. Gleichzeitig fasziniert mich aber (aus Gründen, die euch nicht überraschen dürften) der Bruch mit dem Narrativ, dass Gewalt von Männern ausgeht, und die sehr bildreiche, detailgenaue Schilderung einer mordenden Frau, die strategisch und kühl vorgeht, die sich verhält, wie wir es Männern zuschreiben. Sie ist egogetrieben und eitel, sie nimmt sich, was sie will, auch und vor allem dann, wenn sie es nicht bekommt. Sie bricht mit den moralischen Vorstellungen, die wir haben, und das Buchcover gibt einen deutlichen Hinweis auf den Inhalt. Wer sich davon nicht abschrecken lässt, findet in „A certain hunger“ eine ungewöhnliche, raffinierte und lüstern-düstere Story, die zum Nachdenken über Stereotype in der Spannungsliteratur sowie im echten Leben anregt. Sehr grausig, aber auch sehr gut.

Bücherwurmloch

„You must be changing the way you’re talking to me“
Welche ist die „most homophobic town in the US“? Nach einer Umfrage ist klar: Big Burr in Kansas. Also schickt die LGBTQ Nonprofit-Organisation Acceptance Across America eine „queer task force“ dorthin. Teenager Avery und ihr Bruder müssen mit, weil ihre Mutter Karen diese task force leitet – während ihre zweite Mutter nach der Trennung in LA bleibt. Avery ist über den Schulwechsel überhaupt nicht glücklich, und auch alle anderen in der miefigen Kleinstadt reagieren mehr als säuerlich auf den Zuzug der queer people: Karens Haus wird mit Eiern beworfen, ein Plakat, auf dem zwei Frauen sich küssen, wird angezündet, und im einzigen Restaurant im Ort bekommen gay couples nicht einmal einen Tisch. Kann der Plan, den die LGBTQ-Aktivist:innen verfolgen, funktionieren? Ist es möglich, in der homophobsten Stadt Amerikas für mehr Toleranz zu sorgen – oder ist Hopfen und Malz verloren?

Celia Laskey hatte für dieses Buch eine richtig gute Idee, die darauf basiert, dass Menschen fürchten und ablehnen, was sie nicht kennen. Wenn sie jedoch persönlich mit queer people zu tun haben, so die Theorie, wächst ihre Toleranz. Die Autorin erzählt in zehn Kapiteln von dieser Mission, in jedem Kapitel kommt eine andere Person zu Wort: zum Beispiel die religiöse Christine, ihre Nachbarin Linda, die ihren Sohn bei einem Unfall verloren hat, oder Familienvater Gabe, der sich nicht traut, zu leben, wie er möchte. Gut an dieser Umsetzung finde ich, dass die Autorin von Vielfalt erzählt und gleichzeitig vielfältigen Stimmen Raum gibt. Manches ist – ich möchte sagen „typisch amerikanisch“ – ein wenig überdramatisiert, vielleicht auch zu stereotyp, andererseits thematisiert das Buch nun einmal die Vorurteile, mit denen alle zu kämpfen haben, die die Heteronormativität aufbrechen. Die Geschichte ist gefühlvoll und kitschig – und ich finde: es ist sowas von an der Zeit für queer Kitsch! –, hat überraschende Wendungen und eine wichtige Botschaft, der ich mich unbedingt anschließen möchte: Love is love is love.