Bücherwurmloch

„Ich habe das Gefühl, mich nie wieder in meinem Leben vor irgendetwas fürchten zu müssen“
Die Ich-Erzählerin und ihre Freundin Bea fahren gemeinsam für zwei Wochen auf Urlaub. Sie kennen sich schon lange, seit ihrer Kindheit, haben gute und schlechte Zeiten durchlebt und immer zusammengehalten. Seit sie erwachsen sind, studiert haben und arbeiten, sehen sie einander nicht mehr so oft, sie reisen auch aus verschiedenen Städten an. Es ist eine ungleiche, aber zähe Freundschaft, Bea ist der weiche, nachgiebige, verständnisvolle Part, die Ich-Erzählerin ist, um es rundheraus zu sagen, eine richtig beschissene Freundin. Sie kümmert sich wenig, sie hört nicht zu – und es scheint auch schwierig zu sein, ein sinnvolles Gespräch mit ihr zu führen. Im Urlaub ist das nicht anders, sie lernt den sehr jungen Julien und seine Schwester Marianne kennen, verbringt die Nächte mit ihnen, haut einfach ab, ohne Bea Bescheid zu geben – und ohne sie mitzunehmen.

Sehr besonders an diesem Buch, das als nette, sommerliche Urlaubsgeschichte daherkommt, ist der Ton. Wir haben eine verpeilte, unzugängliche Erzählerin, die so anders ist und über den Dingen steht, die sich nicht amüsieren will am Strand und bei den nächtlichen Partys eigentlich auch nicht, die keine Verantwortung übernimmt – und offenbar einen großen Kummer mit sich trägt, den sie nicht mit uns teilt. Sie ist eine dieser typisch depressiven Heldinnen, privilegiert bis zum Geht-nicht-mehr und trotzdem unglücklich, seltsam verloren im eigenen Leben, schwer einzuordnen, weil sie sich im letzten Moment dann doch wieder entzieht. Das ist nervig, macht den Roman aber vom seichten Strandhappen zum literarischen Erlebnis: gut zu lesen, mit viel Identifikationspotenzial in Sachen Frauenfreundschaft und dem Gefühl, dreißig zu werden. Geheimnisvoll, nachdenklich und nicht so ein feel good read, wie das Cover glauben lässt, sondern ein Buch, das eher unangenehme Fragen stellt, auf die wir die Antworten kennen.

Krokodile von Angie Volk ist erschienen bei Atlantik.

Bücherwurmloch

„Ich musste es ihm nie sagen, und daher wusste ich, dass ich ihn liebte“
Jonny ist ein NDN, ein Indianer, aufgewachsen im Reservat mit seiner Mutter und seiner Großmutter. Als er alt genug ist, zieht er nach Winnipeg und verdient sich sein Geld als Sexarbeiter. Er trifft sich mit Männern oder befriedigt sie über Webcam, benötigt dringend jeden Dollar, um sich Zigaretten und etwas zu essen kaufen zu können. Er kann jede gewünschte Rolle einnehmen, ist Frau und Mann zugleich, ist Indianer und Catwoman und alles, was der Kund will.

„Wenn sie mich als Freudenhaus bezeichnen, bestätigt mir das nur, dass ich ein Heim in mir selbst gefunden habe.“

Sein bester Freund, sein Geliebter, sein Seelenverwandter ist Tias, mit dem er bereits seit der gemeinsamen Kindheit im Reservat immer wieder Sex hat – der aber auch mit der starken, schönen Jordan zusammen ist. Die drei bilden ein seltsames Dreieck, tun sich gut und tun einander weh.

„Es ist schon komisch, dass sich „Ich liebe dich“ bei einem NDN immer eher wie „Du bereitest mir Schmerzen“ anhört.“

Als Jonny erfährt, dass sein Stiefvater gestorben ist, muss er dringend innerhalb von zwei Tagen genug Geld einnehmen, um sich eine Fahrt ins Reservat leisten zu können und seiner Mutter beizustehen. In dieser Zeit erzählt er uns von früher, vom Leben unter Alkoholikern, von Ausgrenzung, Verachtung und Verrat, von den Wunden eines Volkes, das getötet und vertrieben wurde – und davon, was es heute im modernen Kanada bedeutet, indianische Wurzeln zu haben. Er tut dies unverblümt und in einem ganz eigenen, richtig guten Sound, er tut es mit einem lachenden Auge und Wut im Bauch. Dieses Buch zu lesen, schmerzt extrem – und das macht es umso wichtiger. Es ist zornig und sentimental, es ist abgebrüht und offen bis auf die Knochen, es ist neu und anders und eigentlich nicht: Wir kennen diese Geschichte, wir verdrängen sie gern. Und deshalb muss sie uns wieder und wieder erzählt werden, denn dieser Völkermord hat tiefgreifende Folgen. Ein eindringlicher, stolzer, schöner, sehr berührender Roman, der definitiv zum Besten gehört, das ich bisher in diesem Jahr gelesen habe.

Jonny Appleseed ist erschienen bei Albino.

 

 

Bücherwurmloch

„Ich überlegte, ob es einen Stichtag gab, ab wann eine Person endlich aufhören musste, ihrer Mutter die Schuld für die eigenen Gedanken zu geben“
Rachels gesamter Tag ist durchgetaktet und mit Essenseinheiten verplant: Was darf sie zum Frühstück essen, wie viele Stunden Pause muss sie machen, wie viele Kalorien hat welcher Bissen, was geht sich abends noch aus? Sie isst jeden Tag dasselbe, Salat und fettfreie Eiscreme, aber nur einen halben Becher. Sie liebt Nahrungsmittel, sie denkt unablässig darüber nach, und sie spürt diesen inneren Zwang, dünn zu bleiben, den ihre Mutter ihr eingeimpft hat.

„Liebe ist, wenn du Essen im Mund hast, von dem du weißt, dass es dich nicht fett machen wird. Lust ist, wenn du Essen im Mund hast, das dich fett machen wird. Angst ist der Tag, nachdem du Essen im Mund hattest, das dich fett machen wird.“

Doch dann trifft Rachel auf Miriam, die den üblichen Eiscreme-Verkäufer vertritt und Rachel den Becher nicht nur halb, sondern zur Gänze füllt. Und damit beginnt für Rachel eine wilde, aufregende, sinnlich-abenteuerliche Reise zu sich selbst.

„Es war, als würde ich mir den Kopf abhacken, weil ich Kopfschmerzen hatte. Aber ich war meinen Kopf so leid.“

Melissa Broder hat mich mit ihrem Roman Fische derart nachhaltig verstört, dass ich mir von ihrem neuen Werk nicht allzu viel versprochen habe, ich dachte, es wäre erneut wirr, seltsam und abstoßend. Aber das ist nicht der Fall, ganz im Gegenteil: Dieses Mal hat sie mich nachhaltig begeistert. Rachel ist eine Protagonistin, der ich so viel abgewinnen kann: Ich kenne Frauen, die jeden Gabelbissen zählen, ich weiß selbst um die Schwierigkeiten mit Bodyshaming und der Sucht nach einem dünnen Körper. Großartig finde ich, wie Melissa Broder die Geschmacksexplosionen beschreibt, wie sie Worte findet für Essen, Genießen, für Sex und Leidenschaft, man bekommt Hunger, man wird horny, es ist ein wunderbarer Schmaus. Zugleich thematisiert das Buch Queerness und Religion, die Unmöglichkeit, sich zu outen oder zusammen zu sein, Aufbegehren gegen sexuelle und körperliche Unterdrückung. Ein Buch voller Gelüste und voller Lust, für mich definitiv ein Jahreshighlight.

Muttermilch von Melissa Broder ist erschienen bei Claassen.

Bücherwurmloch

„Aber Wissen und Wissenwollen sind sehr verschiedene Sachen“

„Entweder nämlich ist man hier in der Gegend redselig, sehr sogar. Oder man schweigt. Ein Dazwischen gibt es nicht.“

Die Männer, die sagen meistens nur Mhm. Sonst nichts, aber die Frauen können die unterschiedlichen Mhms deuten. Zwei Weißbärtige gibt es im Dorf, der eine ist Ilja, er sagt das Wetter aufgrund des Röhrchens voraus, der andere ist Pjotr, er sagt das Wetter aufgrund des Flusses voraus. Die Leute glauben entweder dem einen oder dem anderen, lesen und schreiben kann hier niemand. Das Dorf ist irgendwo in der Einöde Russlands, so abgeschieden, dass 1918 noch nicht einmal die Kunde vom Ende des Krieges dort angekommen ist. Was jedoch sehr wohl ankommt, ist ein junger Mann, und der entscheidet sich offenbar auch noch dazu, zu bleiben.

„Auch Annuschka hat ihre Geheimnisse, und es kommen täglich neue dazu. Mindestens ein Geheimnis pro Tag, darunter macht sie es neuerdings nicht.“

Iljas Enkelin Annuschka freundet sich mit dem geheimnisvollen Fremden an, und dann hat das Dorf nicht mehr viel Zeit, bis die Realität den Weg über den Fluss findet.

Yulia Marfutova, selbst in Moskau geboren, hat ein zartes, lieblich-schönes Buch geschrieben über das Ende einer Zeit. Der Himmel vor hundert Jahren erzählt von Aberglauben und Patriarchat, von harter Arbeit und längst vergangenen Ritualen, vom Widerstand gegen Veränderungen, es ist exakt an der Grenze zwischen Fiktion und Mystik, Realität und Fortschritt angesiedelt. Der poetische, fast schon kindlich-poetische Ton ist schön und besonders, macht das Buch zu einer erstaunlich leichtfüßigen Lektüre. An manchen Stellen hätte ich mir mehr Aussagekraft und weniger hochartifizielle Märchenhaftigkeit gewünscht, der Zauber hat bei mir nicht durchgehend gewirkt. Magische Elemente, politische Metaphern, Geheimnisvolles und Unheilvolles, dazu viel atmosphärisch angedeutete Befindlichkeiten: Das erwartet euch in diesem irgendwie aus der Zeit gefallenen Roman.

Das Wetter vor hundert Jahren von Yulia Marfutova ist erschienen bei Rowohlt.

 

 

Bücherwurmloch

Commissario Brunettis dreißigster Fall
Es ist lange her, dass ich Krimis gelesen habe, es ist auch lange her, dass ich Italienisch an der Uni gelernt habe: Damals habe ich Donna Leon und Andrea Camilleri geliebt. Brunetti und Montalbano waren DIE italienischen Kommissare, immer nur am Essen und Trinken interessiert, immer halbgrantig und trotzdem auf Zack, immer typisch südländisch leicht überemotional. Irgendwann war ich übersättigt, von Krimis generell, und von meinen beiden italienischen Pantoffelhelden auch, es gab ja noch so viel anderes zu lesen.

Umso schöner war es jetzt, mit Brunettis dreißigstem Fall, doch mal wieder nach Venedig zurückzukehren: Was für ein Fest! Er ist älter geworden, die Kinder sind inzwischen fast erwachsen, die Ehe zu Paola nach wie vor stabil und sein Chef Patta immer noch unerträglich, und die kriminellen Fälle und Morde häufen sich wie eh und je in der Laguna. Donna Leon, die mittlerweile nicht mehr in Venedig lebt, hat meine Hochachtung: Seit so vielen Jahren liefert sie einen Bestseller nach dem anderen, mittlerweile ist sie beinahe 80 Jahre alt. Und sie gibt sich Mühe, sie versucht, ihren Brunetti auszubalancieren zwischen dem alten Chauvinismus, dem er ein wenig anhängt, und der Moderne, sie bringt queere Figuren in die Geschichte und behandelt den Menschen- bzw. Mädchenhandel, der auf den Gewässern vor Venedig stattfindet. Es war richtig nett, erneut kurz zu Brunetti ins Wohnzimmer und ins Büro zu schauen, und ihren Humor hat seine Schöpferin nicht verloren.

Flüchtiges Begehren von Donna Leon ist erschienen bei Diogenes.

Bücherwurmloch

„Wir wachsen mit einem Mutterbild auf, bei dem die Frau an ein Stück Würfelzucker erinnert: immer zur Hand und zur Selbstauflösung bereit“
LASTESIS ist ein chilenisches Kollektiv, das mit der viral gegangenen Performance „Un violador en tu camino“ (Ein Vergewaltiger auf deinem Weg) bekannt geworden ist. Dieses kleine, aber umso wuchtigere Buch ist ihr Manifest. Sie erzählen darin, wie und warum sie diese Performance organisiert haben, welche Katharsis Kunst bedeuten kann – und wieso jede Aufmerksamkeit für diese Themen so wichtig ist. Die Frauen schreiben in Kapiteln wie „Sie rauben uns alles, außer der Wut“ oder „Patriachat und Kapital, dieses Bündnis ist fatal“ gleichermaßen zornig wie nüchtern über Femizid und sexualisierte Gewalt, über die Notwendigkeit, die Ketten des Patriarchats zu sprengen.

„Dem Feminismus begegnest du nicht, weil er einfach des Weges kommt, in der Schule steht er für gewöhnlich nicht auf dem Lehrplan. Er ist das Ergebnis einer Suche, eines Verdachts, dass das, was du kennst und was dir Unbehagen bereitet, tatsächlich nicht in Ordnung ist. Was dir Unbehagen bereitet, was dir keine Ruhe lässt, ist das bestehende System, in dem alles zum Konsumgut wird: Körper, Tiere, Natur, Erfahrungen.“

Verbrennt eure Angst gibt einen guten Überblick über den Ist-Stand der (chilenischen) Gesellschaft und beantwortet ganz klar die Frage, ob wir Feminismus brauchen – und wofür. Es ist ein hilfreicher Einstieg in das Thema, und es macht Hoffnung: dass da viele junge Frauen heranwachsen, die etwas verändern werden. Für eine freie, gewaltfreie, gleichberechtigte Zukunft.

„Zur historischen Misogynie gesellt sich die historische Homo- und Transfeindlichkeit, eine Engstirnigkeit, die außerstande ist, im Anderen eine lebbare Option zu sehen.“

Verbrennt eure Angst! Ein feministisches Manifest von LASTESIS ist erschienen bei S. Fischer.

 

Bücherwurmloch

„When can I say your name and have it mean only your name and not what you left behind?“

Als Ocean Vuong diesen Roman schrieb, diesen Brief an seine Mutter, wurde er damit schlagartig über Nacht berühmt. Das liegt mit Sicherheit an der zarten Tragik, die dieses Stück autobiografisches Schweigen durchzieht, denn Ocean Vuongs Mutter kann nicht lesen.

„I only have the nerve to tell you what comes after because the chance this letter finds you is slim – the very impossibility of your reading this is all that makes my telling it possible.“

Es liegt aber auch an seiner poetischen, eingängigen Sprache. An seiner Art, zu teilen, was er gesehen und erlebt hat: die Liebe zur Mutter, die sich abgeschuftet hat in einem Maniküreladen, die streng zu ihm war und ihn oft geschlagen hat, die Fremdheit in Amerika, die Beziehung zur Großmutter, die ihn beschützt, aber auch beschimpft hat, die erste Verliebtheit, der erste Sex. Der Autor, der in Vietnam geboren ist, geht mit Worten um, wie es manchmal nur Menschen können, für die diese Worte nicht ihre Muttersprache sind: sanft und vorsichtig, liebevoll, sie bedeuten ihm alles. Er berichtet nicht chronologisch, springt hin und her, wechselt auch in die dritte Person, immer dann, wenn er sich emotional distanzieren muss von seinem Schmerz.

„In these moments, next to you, I envy words for doing what we can never do – how they can tell all of themselves simply by standing still, simply by being. Imagine I could lie down beside you and my whole body, every cell, radiates a clear, singular meaning.“

Ich habe dieses Buch nun endlich gelesen, und ich habe lange dafür gebraucht. Weil man es nicht inhalieren kann, weil man ihm Respekt schuldet, weil es einem etwas abverlangt. Manche Bücher geben nicht nur, sie nehmen auch: Dieses gehört dazu. Ich fand es eindrucksvoll und melancholisch, mutig und traurig, weil es den Finger in so viele Wunden legt. Weil Ocean Vuong es geschafft hat, seine Mutter im Kern zu erkennen und zu verstehen – und sich gleichzeitig von ihr zu lösen. Es ist gleichermaßen ein Liebesbrief sowie eine Anklage.

„I remember it. I remember it all because how can you forget anything about the day you first found yourself beautiful?“

 

 

Bücherwurmloch

Die Schönheit des entzauberten Alltags

„Auf jeden Mann, der Selbstmord begeht, kommt wahrscheinlich ein Dutzend Frauen, die sich einreden, sie allein hätten ihn retten können, hätten sie nur nicht versagt.“

Mary Miller erzählt aus der Sicht von Frauen, und die sind einigermaßen orientierungslos. Sie haben guten Sex und schlechten Sex, wollen den Männern gefallen und lassen sich scheiden, sie studieren wahllos irgendwelche Fächer, haben wenig Freunde und wenig Perspektiven. Gemeinsam ist ihnen ein seltsames Grundgefühl der Enttäuschung, eine allumfassende Antriebslosigkeit. Sie fahren herum, sie schlafen, sie essen, sie machen keine allzu spannenden großen Dinge im Leben, sie vertreiben sich einfach die Zeit.

Bei Kurzgeschichten tritt immer ein eigenartiges Phänomen auf: Ich lese sie und vergesse quasi sofort, was in ihnen geschehen ist. Ich könnte, überspitzt gesagt, von der Story hochblicken und sie schon nicht mehr nacherzählen. Was aber bleibt, ist ein Gefühl. In diesem Fall ein schwer definierbares Gefühl von Langeweile und Verdruss, aber auch von Verbundenheit und Verständnis. Viele Gedankengänge konnte ich absolut nachvollziehen, viele Emotionen auch. Generell fand ich die Figuren weird, allerdings nicht weird genug. Ich hätte mir gewünscht, sie wären verrückter, eigensinniger, spannender – auch wenn mir klar ist, dass genau das der Punkt ist: aus dem Alltag herausgegriffen zu erzählen, das Banale aufzublättern und zu durchleuchten.

Schönster Satz:

„Ich hab ihn nach Hause geschickt, weil mir schon da klar war, dass ich ihn liebe und dass es die Art von Liebe ist, bei der man solche Angst hat, der andere könnte gehen, dass man ihm gar keine andere Wahl lässt.“

Always happy hour von Mary Miller ist erschienen bei Hanser Berlin.

Bücherwurmloch

„Der Geist war ich“

„Unsere Augen sind kurzsichtig vor Nostalgie geworden, sie starren auf den Computerbildschirm. Online zu sein bedeutet, in der Vergangenheit zu leben.“

Das sagt Bob. Er ist der Anführer einer kleinen Gruppe Überlebender, von denen niemand so genau weiß, warum sie sich nicht angesteckt haben mit dem Virus, dem Fieber, das sich von China ausgehend weltweit ausgebreitet hat. Wer sich infiziert, verfällt in Trance und erledigt dieselbe Tätigkeit – zum Beispiel Hosen falten oder einen Tisch decken – wieder und wieder und wieder, so lange, bis er verhungert und verdurstet und stirbt. Es sind grausige Tode, die Candace Chen mitangesehen hat – und wenn sie in einem der Häuser, die sie plündern, jemanden finden, der noch am Leben ist, geben sie ihm den Gnadenschuss. Wie es weitergehen soll, weiß Candace nicht, und auch nicht, ob sie überleben wird.

„Wenn du als Individuum von einem Konzern oder einer Institution angestellt wirst, dann sieht es schlecht für dich aus. Die Großen gewinnen immer. Sie können dich nicht sehen, aber sie können dich zermalmen.“

Das hat Jonathan gesagt. Jonathan war Cancace Chens Freund, in einem anderen Leben. Als sie in New York gewohnt hat und bei Spectra gearbeitet hat, als sie damit betraut war, den Druck von Bibeln irgendwo in Asien zu organisieren, möglichst billig. Als dort immer mehr Druckereien schließen mussten, waren die Kunden erbost, es ging ihnen um den Verdienst, um die Wirtschaft, nicht um die Menschenleben. Und wenn euch das bekannt vorkommt, fragt ihr euch vielleicht, wie ich, wie es Ling Ma gelingen konnte, im Jahr 2018 einen derart prophetischen Roman zu schreiben. Man liest, mit der Pandemie im Rücken, dieses Buch mit schreckensgeweiteten Augen. Schon zum Erscheinungstermin hat „Severance“ für Aufsehen gesorgt, und das zu Recht: Es ist großartig geschrieben, spannend und klug, wie ein Splatter-Movie, wie ein dystopischer Actionfilm, aber auch leise, zart, melancholisch und voller Einsamkeit, an anderen Stellen anklagend und gesellschaftskritisch, den Kapitalismus anprangernd. Eine hervorragende, beeindruckende und nachhallende Fiktion, die auf geradezu schockierende Weise wahr geworden ist.

„Das Gedränge am Times Square bedrängte mich. Die Stadt war so groß. Sie machten einem weis, es gäbe so viele Möglichkeiten, aber die meisten Möglichkeiten hatten damit zu tun, etwas zu kaufen.“

New York Ghost von Ling Ma ist erschienen bei culturbooks.

 

Bücherwurmloch

„Warum sehen die Frauen hier nicht satt und zufrieden aus, sondern wie Opfer einer großen Müdigkeit?“

„Man kann ihm keinen Vorwurf machen, ihm nicht und den meisten Männern nicht, sie sehen die Angelegenheit mit den Wohnungen und Küchen und Kindern nur aus der Zuschauerperspektive, sie schaffen den Sprung auf die Bühne nicht, sie applaudieren gerne und sie zahlen den Eintritt, aber wenn die Bühne leer bleibt, sehen sie sich um und werden nervös, bis eine Mutter oder Schwiegermutter den Mama-Part übernimmt, man muss als Mutter schon sterben oder langfristig verschwinden, damit so ein Mann wahrhaftig an die Stelle einer Mutter tritt, mit hängenden Schultern und viel Empathie aus dem Publikum.“

Wenn jemand treffend über Mutterschaft und Frausein, über Emanzipation und die fehlende Gleichberechtigung schreiben kann, dann Gertraud Klemm. Sie ist die – zu Recht vielfach ausgezeichnete – Godmother of Austrian feminist literature, die Grande Dame der weiblichen Wutrede. Ich liebe alle ihre Bücher und habe das Gefühl: Sie ist eine der Wegbereiterinnen für Autorinnen wie mich. Alles, was ich mache, macht sie schon lange – und sie macht es sehr gut.

In Aberland erzählt Gertraud Klemm von Elisabeth und Franziska, Mutter und Tochter. Die eine ist fast sechzig, die andere Mitte dreißig, Elisabeths Kinder sind längst aus dem Haus, sie hält sich fit und achtet auf ihre Figur, weil es sehr wichtig ist, was andere denken, Franziskas Kind ist noch klein und sie will eigentlich kein zweites. Es geht in diesem Roman, herrlich bös und entlarvend und österreichisch, wie alles aus Gertrauds Feder, um das Gefühl, sich zufrieden gegeben zu haben und nicht mehr auszukönnen, obwohl man gar nicht da sein will, wo man ist. Es geht um Affären und Rollenbilder, um den leidigen Alltag als Mutter, die Reibereien zwischen Eltern. Mehr als einmal hab ich genickt und geschmunzelt, hab mich abgeholt gefühlt und bestätigt. Schlimm ist nur, dass Gertraud Klemms Werk eines deutlich macht: dass sich nichts verändert. Die Missstände, gegen die sie anschreibt, bessern sich nicht. Aber aufgeben ist auch keine Option. Deswegen hüpf ich zu ihr ins Boot und rudere mit. Gegen die Misogynie und die Ungerechtigkeit, gegen die Unterdrückung der Frauen und gegen den Hass.

Aberland von Gertraud Klemm ist erschienen bei Droschl.