Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Gerk

  1. Es macht so großen Spaß, dieses Buch zu lesen!
  2. Andrea Gerk ist die Beste, wenn es darum geht, Wissen mit Unterhaltung zu vereinen, ihre Bücher sind hervorragendes Infotainment. Sie schreibt flüssig, amüsant, serviert einem die Informationen auf so elegante Art, dass man sie versteht, sich das Meiste merkt und sich nicht, wie bei manch anderen Sachbüchern, von dem vielen Wissen erschlagen fühlt.
  3. Uns Österreichern ist sogar ein eigenes Kapitel gewidmet. Kein Wunder, unser Grant ist auch wirklich legendär. Kulturgut sozusagen.
  4. Sie bringt alle großen Dichter, Denker, Theaterschreiber, Autoren, Schauspieler zusammen, die eines eint: ihre berühmt gewordene schlechte Laune. „Schreibende Kotzbrocken, singende Ekelpakete“ nennt sie das entsprechende Kapitel. Mit dabei sind Namen wie Schopenhauer und Jarosinski, Reed und Kinski, Jelinek und Doderer. Ein absolutes Vergnügen!
  5. Weil darin Zitate wie „Alles hat zwei Seiten, eine schlechtere und eine noch schlechtere“ stehen und: „Ein jeder intelligente Mensch ist ein Pessimist.“
  6. Weil wir neuerdings alle nur noch gut gelaunt sein sollen. Selbstoptimiert, selbstliebend, motiviert, optimistisch. Da ist es eine Wohltat, dass Andrea Gerk der schlechten Laune ein solches Loblied schreibt.
  7. Sie nimmt das Thema sehr gründlich durch, zeigt, was im Gehirn geschieht, wenn man missmutig ist, und wie Unmut als Schutzschild funktioniert, geht auf die Kunst des Schimpfens ein, widmet sich grantigen Kommissaren und kreativen Cholerikern, außerdem dem Dienstleistungssektor und der Gastronomie, wo man schlechte Laune am besten beobachten kann.
  8. Es ist das perfekte Buch nach einem langen Arbeitstag, der einen wirklich grantig gemacht hat. Man muss bei dieser Lektüre nämlich garantiert früher oder später schmunzeln.

Lob der schlechten Laune von Andrea Gerk ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5770-8, 304 Seiten, 24,70 Euro). Sehr angetan davon war auch Sophie von Literaturen.

 

 

 

Bücherwurmloch

FlasarMilena Michiko Flašar: Herr Katō spielt Familie
„Ohne Schmerz gibt es keine Erinnerung“
Herr Katō ist in Pension, und er kann sich noch so sehr einreden, dass er Pläne hat – das Radio reparieren, laufen gehen, vielleicht nach Paris fahren mit seiner Frau, vielleicht –, in Wahrheit ist ihm schrecklich langweilig. Das ändert sich, als er eines Tages die junge Mie trifft. Sie spielt gegen Geld das, was verlangt wird, zum Beispiel eine Tochter, eine Schwester, eine Cousine, lässt sich buchen für Hochzeiten und Beerdigungen, für kurze Treffen, die anderen aus verschiedenen Gründen wichtig sind. Sie erzählt Herrn Katō von ihrer Agentur und bietet ihm einen Job an, den er natürlich, eh klar, fad wie ihm ist, annimmt. Zu kurz währt jedoch dieses Glück, und richtig bereichernd ist es nicht, die allgemeine Langeweile überwiegt, das ewig gleiche Zusammenleben mit seiner Frau, die Abwesenheit seiner Kinder, die, längst erwachsen geworden, kaum noch Kontakt halten, die große Fadesse des Lebens. Genau so erging es mir mit diesem Buch. Es kann gut sein, dass es mich in der falschen Phase erwischt hat, in jener der Ablenkung und des Lese-Überdrusses, als ich etwas Mitreißendes gebraucht hätte. Dabei habe ich Sie nannten ihn Krawatte von Milena Michiko Flašar geliebt! Und ich habe nichts gegen ruhige, zurückhaltende Bücher, im Gegenteil, ich fand Herr Origami großartig, genauso wie die Romane von Yoko Ogawa. Aber dieses hier? Ich weiß nicht. Ich habe mich gemeinsam mit Herrn Katō in seinem Leben sehr gelangweilt.

Herr Katō spielt Familie von Milena Michiko Flašar ist erschienen im Wagenbach Verlag (ISBN 978-3-8031-3292-5, 176 Seiten, 20 Euro).

IMG_7913Katie Kitamura: A separation
Christopher ist verschwunden, und seine Frau soll ihn suchen. Das wäre nicht so ungewöhnlich, wären die beiden nicht seit Längerem getrennt und fast schon geschieden, was nur niemand weiß. Christophers Mutter fordert die namenlose Protagonistin auf, nach Griechenland zu reisen, wo er sich aufhalten soll, und sie tut es. Sie lebt mit einem neuen Mann zusammen, hat ihren untreuen Gatten verlassen, alles ist noch unklar, keine Papiere unterschrieben. Sie kommt im Hotel an, und Christopher ist nicht da. Also tut sie erst einmal nichts, was sehr langweilig ist, und dann kommt des Rätsels Lösung eh schon ans Licht, ohne dass sie was tut, was auch langweilig ist. Ich habe mir viel von Katie Kitamura erwartet, deren Name seit einer Weile immer wieder dort auftaucht, wo von den Guten die Rede ist, die mit vielen Preisen bedacht wurde und deren Romane auch auf Deutsch erschienen sind. Letztlich war A separation aber eine herbe Enttäuschung, eine ganz und gar uninteressante Geschichte ohne einen einzigen Höhepunkt, ohne Konflikt, ohne Botschaft, die ich hätte hören können. Vielleicht habe ich mich für das falsche ihrer Bücher entschieden, die anderen werde ich jetzt jedoch sicher nicht mehr lesen.

Trennung von Katie Kitamura ist auf Deutsch erschienen bei Hanser (ISBN  978-3-446-25445-9, 256 Seiten, 22 Euro).

 

 

Bücherwurmloch

Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57Ich habe in letzter Zeit viele Stunden damit zugebracht, Leseproben zu sichten, Manuskripte zu lesen, konstruktives Feedback zu geben, zu überlegen, mit welchem Roman ich ins Rennen gehen könnte, zu grübeln und noch mehr zu grübeln. Das Problem ist, dass ich in manchen Manuskripten Potenzial sehe, sie aber einfach noch nicht so weit sind. Sie sind wie Rohentwürfe, wie erste Skizzen, die noch viel Arbeit brauchen, nicht im Lektorat, nein, sondern in ihrer Konzeption, ihrem Aufbau, ihrer Balance. Da fehlen ganze Perspektiven, da sind Figuren in ihrer Gesamtheit in Frage zu stellen, weil sie nicht funktionieren, lauter Dinge, die man nicht in kurzer Zeit bereinigen kann. Genau das haben wir aber beim Blogbuster: wenig Zeit. Was schade ist, aber nicht zu ändern, und deshalb ist meine Entscheidung gefallen: Ich werde mit gar keinem Roman teilnehmen. Das Blogbuster-Finale findet 2018 ohne mich statt.

Ich weiß, dass meine Autoren enttäuscht sind, und ich bin es auch. Es ist frustrierend, wenn man so viel Arbeit und Zeit investiert und am Ende nichts dabei herauskommt, das gilt in dem Fall für uns alle. Ich kann es aber auch nicht vertreten, mit einem Manuskript ins Rennen zu gehen, wenn ich zu hundert Prozent sicher bin, dass es sofort wieder rausfliegt. Wie könnte ich dem Autor falsche Hoffnungen machen und uns beiden verlorene Liebesmüh bereiten? Wie könnte ich die Werbetrommel rühren für ein Buch, von dem ich nicht überzeugt bin? Wie soll ich etwas als gut verkaufen, wenn es nicht gut ist? Das mache ich nicht, dafür bin ich zu ehrlich und zu geradlinig, selbst wenn es nun bedeutet, dass für mich alles umsonst war.

Aber well, shit happens, das ist nicht das Ende der Welt, und ich bin sicher, dass auch ohne mich ein Spitzenbuch bei Kein & Aber erscheinen wird. Welches das sein wird, darauf bin ich schon sehr gespannt, und wünsche den anderen Kandidaten viel Glück!

Bücherwurmloch

thumb_IMG_6320_1024Liest du noch oder switcht du schon?
Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, hätte ich gesagt, dass ich ein sehr ungeduldiger Mensch bin. Doch dann hab ich Kinder bekommen, und es hat sich herausgestellt: Das ist nicht wahr. Ich bin unendlich geduldig. Ich kann 67 Mal „Bitte zieh dich an“ sagen und immer noch freundlich bleiben, ich kann 36 Mal hintereinander das Titellied von Frozen ertragen, ohne auszurasten, ich beantworte absurde Warum-Fragen, ich höre zu, ich koche Lieblingsspeisen, die dann an dem Tag doch keiner mag, ich wache in Fiebernächten an den Betten, wieder und wieder. Sicher flippe ich ab und zu auch aus und schreie rum, aber es dauert erstaunlich lange, bis das passiert.

Hätte man mich vor zehn Jahren gefragt, hätte ich gesagt, dass ich ein sehr geduldiger Leser bin. Was habe ich die dicken Schinken geliebt! Die Schmöker, die ausufernden Geschichten. Ich habe nie ein Buch abgebrochen, ich hab mich durchgebissen, auch wenn es mir nicht gefiel. Ich hatte ja Zeit, ich hab studiert und nebenbei gearbeitet, aber die Abende gehörten mir und die Wochenenden auch, ich wusste ja nicht, dass das später nie wieder so sein würde. Dass mich später beim Anblick der vielen Instagram-Posts mit Captions wie „Endlich Lesezeit“ oder „So gemütlich, wenn es draußen regnet und ich drinnen im Bett lesen kann“ der Neid in den Nacken beißen würde, weil man mit Kindern kein Wochenende hat und Lesezeit auch kaum.

Jetzt ist alles umgekehrt. Ich bin zwar eine geduldige Mama, aber ein ungeduldiger Leser. So ungeduldig bin ich, dass ich mich im Moment frage, warum ich überhaupt noch lese. Hat das denn noch einen Sinn? Ehrlich, an einem solchen Punkt war ich noch nie, auch wenn das Thema für mich nicht neu ist und ich hier vor 1,5 Jahren schon mal drüber geschrieben habe. Ich finde 70 Prozent aller Bücher, die ich in die Hand nehme, langweilig. 20 Prozent sind okay. Und zehn Prozent reißen mich so richtig vom Hocker. Immer öfter breche ich Bücher ab. Ist es das alles wert? Vergeude ich da nicht Lebenszeit, die ich besser investieren könnte?

Diese Ungeduld hat fünf Gründe:

  1. Ich bin übersättigt. Manchmal denke ich, ich habe alles, was es gibt, schon mal gelesen. Das ist natürlich Blödsinn, vor allem wegen der zigtausend Neuerscheinungen jedes Jahr, aber es fühlt sich so an. Die meisten Settings und Konstellationen sind mir schon mal untergekommen, bei manchen Formulierungen kommt mir das Kotzen, so satt habe ich sie. Ja, das ist ein Luxusproblem. Eines, das mit den achtzig bis hundert Büchern, die ich jährlich lese, von Jahr zu Jahr schlimmer wird.
  2. Ich bin der schrecklichste Leser, den ein Buch haben kann, weil ich das auch beruflich mache: lesen und schreiben. Mein Anspruch ist zu hoch. Ein Bücherwurm bin ich seit 26 Jahren, eine freie Lektorin seit fast zwölf, und ich habe in meinem Leben schon Hunderte Bücher redigiert. Wenn ich dann lese, privat, zum Vergnügen, lässt sich die Stimme in meinem Hinterkopf nicht abstellen, die sagt: Da hätte man straffen können, das ist nicht ausbalanciert, das hätte man nicht auserzählen müssen … und so weiter. Was rein subjektiv und total unnötig ist, unsympathisch und verschroben, wer bin ich, meinen eigenen Maßstab an diese Romane anzulegen? Ein Buch kann und muss nicht perfekt sein, auch mein eigenes Buch ist alles andere als perfekt. Aber ich lasse einem Roman nichts mehr durchgehen, ich habe jegliche Geduld mit Unstimmigkeiten und Unsauberkeiten verloren, ich ertrage das alles nicht mehr. Ich bin wie ein Dauersingle mit dem Tinder-Syndrom, der sich nicht mehr festlegen kann und will, weil das alles den eigenen Ansprüchen nicht genügt, weil es da draußen sicher noch was Besseres gibt. Ein Supernerd bin ich, ein Grantler, und das ist mir selbst unerträglich, ich will nicht so sein. Nicht umsonst hab ich die letzten Bücher hier im Blog nur kurz angebraten, ich halte mein Gemotze schon selbst nicht mehr aus.
  3. Ich habe keine Zeit mehr. Mein Tag ist derart ausgefüllt, dass ich immer nur knapp am klassischen Berufstätige-Mutter-Burn-out vorbeischramme und bloß lachen kann, wenn Vorschläge kommen wie „Versuchen Sie es wenigstens mal mit zehn Minuten nur für sich“. Da hat ein Buch es schwer mit mir. Es muss mich packen und begeistern, damit ich die spärlichen Minuten, die ich fürs Lesen zusammenkratzen kann, in es investieren will. Wenn es das nicht tut, ist es raus.
  4. Ich weiß nicht mehr, wie man stillsitzt. Absurd, nicht wahr? Ich bin rastlos und ruhelos, ich stehe permanent unter Strom. Dass ich mal an einem Tag eine halbe Stunde auf der Couch sitze, das kommt nicht vor. Entweder arbeite ich, und dann schon mal zwölf Stunden am Stück, weil ich Deadlines einhalten muss und nicht jeden Tag zur Verfügung stehe, oder ich bin mit den Kindern unterwegs, kaufe ein, koche, räume auf, helfe bei der Hausübung, trage Wäscheberge ab und lese vor. Mir bleibt abends ein Zeitfenster von 1,5 bis zwei Stunden, bevor ich völlig erschöpft einschlafe. Nachts wecken die Kinder mich mehrmals, und oft bleibe ich dann wach, weil es in meinem Kopf rattert, was ich noch besorgen muss, was ich erledigen muss, wie es bei dem Roman, an dem ich schreibe, weitergehen könnte, welche Headlines ich für den Job morgen finden könnte, und dann muss ich um 6 Uhr aufstehen, auch am Wochenende. Ich bin deshalb ständig müde, eine Hürde, die ein Buch erst mal überwinden muss. Ich bin außerdem derart daran gewöhnt, dass Dutzende Multitasking-Tabs in meinem Kopf geöffnet sind, dass ich es kaum noch schaffe, nur eine einzige Sache zu machen, nämlich lesen. Tausend andere wichtige Dinge fallen mir dann ein, die ich organisieren muss, und mit meiner Konzentration ist es nicht weit her. Wie kann ein Buch derart viele Hindernisse aus dem Weg räumen, wie kann es so interessant, herausfordernd und spannend sein, dass ich ihm, und nur ihm meine Aufmerksamkeit schenke? Richtig. Das kann es nicht.
  5. Die Konkurrenz ist groß. Und damit meine ich nicht nur die ungelesenen Bücher, die mir vom Regal aus zurufen: Nimm mich, nimm mich, ich bin viel besser, versuch es mit mir! Weshalb ich neuerdings plötzlich andauernd drei, vier Titel parallel lese, was ich früher nie getan hätte. Ein paar Seiten, mhm aha, na gut, dann das nächste. Dieses Verhalten gefällt mir nicht, weil nur noch switche. Denn neben diesen „Konkurrenztiteln“ gibt es außerdem Netflix und sauviele Serien, die mir zuflüstern: Lass das anstrengende Lesen, wir berieseln dich, wir eröffnen dir neue Welten, wir sind originell und anders, komm schon. Jaha, und dann gibt es noch mein Handy, das irgendwo rumliegt und mich lockt mit: Guck doch mal, was deine Freunde so treiben, vielleicht hat jemand eine nette Story gemacht, oh, und du wolltest doch deiner Familie auf WhatsApp zurückschreiben … Die Möglichkeiten zur Ablenkung sind groß und permanent vorhanden. Ich lese immer noch viel, aber ich stelle auch an mir das fest, was ein Problem unserer Zeit zu sein scheint: Wir verweilen nicht mehr, wir hetzen weiter, greifen zum nächsten Buch/Film/Zeitvertreib. Ich will das nicht. Nur weiß ich grade nicht, wie ich es ändern kann.

IMG_6391Die eigentliche Frage lautet also nicht unbedingt: Habe ich das Lesen verlernt?, sondern vielmehr: Habe ich das genussvolle Lesen verlernt, das ruhige, langsame Lesen, habe ich verlernt, mich einem Buch voll und ganz zu widmen, ihm – und nur ihm – meine Aufmerksamkeit zu schenken und zwar so viel davon, wie es eben braucht? Ja. Definitiv. Ich muss gestehen, dass ich schon lange nicht mehr bzw. nur noch sehr selten auf diese Art lese – nur dann, wenn ein Buch mich richtig packt. Das Buch, bei dem das zuletzt der Fall war, habe ich Anfang November gelesen. Seither habe ich mich wieder durch einen Haufen Romane gelangweilt, manche waren okay, andere haben mich genervt, angerührt hat mich kaum eins, und wir reden immerhin von 24 Büchern. Das ist ätzend. Sehr, sehr ätzend.

Und was tue ich jetzt? Weitersuchen, mich durch all die öde Lektüre quälen auf der Suche nach den wenigen Perlen, die mir kurze Momente der Freude bereiten? Mir selbst klare Regeln auferlegen, an welchen Tagen ich lese, wann ich eine Serie schaue und wann ich das Handy in die Hand nehme? Keine Rezensionsexemplare mehr anfordern, damit ich wenigstens nicht mehr unter dem Druck stehe, etwas zu all diesen Büchern schreiben zu müssen? Einfach warten, bis meine Kinder größer sind und als Teenager grummelnd in ihren Zimmern verschwinden, sodass ich wieder viel Lesezeit habe? Mir selbst Hoffnung machen, dass das jetzt eben die stressigste Phase meines Lebens ist, weil die Kinder klein sind, dass es nie wieder so anstrengend sein wird wie in diesen Jahren? Letztlich wird es wohl eine Kombination aus allem, denn irgendeine Lösung für dieses Dilemma muss ich finden. Lesepausen hab ich schon einige eingelegt, das hat nicht geholfen. Aber das Lesen ganz aufgeben, das kann ich nicht.

Snacks für zwischendurch

BronskyAlina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
Rosalinda hält nicht viel von ihrer Tochter Sulfia, sie findet sie hässlich, blass und dumm, wirklich gestraft ist sie mit diesem Kind, aber was soll man machen. Als Sulfia selbst eine Tochter bekommt, wundert Rosalinda sich, wie es sein kann, dass überhaupt jemand mit ihr schlafen wollte. Und ist nicht vorbereitet auf die Zuneigung, die sie für ihre Enkelin Aminat empfindet. Doch damit fangen die Probleme erst an: Da sie Sulfia als Mutter für ungeeignet hält, würde Rosalinda die kleine Aminat am liebsten selbst aufziehen. Nur hat sie die Rechnung ohne ihre Tochter gemacht. Die beiden erschweren einander für viele Jahre das Leben, ob zuhause in Russland oder später in Deutschland, und zwar in allen Belangen und Bereichen. Rosalinda hält sich für unfehlbar, für schlau, gewitzt, gutaussehend und hilfsbereit, und da der gesamte Roman aus ihrer Sicht erzählt ist, dringt nur schwach durch, dass die Menschen in Rosalindas Umgebung ein ganz anderes Bild von ihr haben: Sie mischt sich in alles ein, ist herrisch, selbstverliebt, arrogant und besserwisserisch, ein Feldwebel von einer Frau. Das sorgt für eine Diskrepanz, die zuweilen sehr amüsant ist, mich insgesamt aber auch ziemlich genervt hat. Ich hätte mir ein Gegengewicht gewünscht, eine andere Perspektive, eine Sicht von außen auf Rosalinda, die den Roman ausbalanciert und vielschichtiger gemacht hätte. So fand ich das Buch zwar erheiternd, aber auch anstrengend, ich habe lange dafür gebraucht und es immer seltener zur Hand genommen. Alina Bronskys andere Romane, Scherbenpark und Baba Dunjas letzte Liebe, fand ich persönlich wesentlich besser. 

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche von Alina Bronsky ist als Taschenbuch erschienen bei KiWi Paperback (ISBN 978-3-462-30189-2, 320 Seiten, 8,99 Euro).

PoulainCatherine Poulain: Die Seefahrerin
„Ich will, dass mich ein Schiff adoptiert“
Sie macht sich auf den Weg nach Alaska, weil sie fischen will: Eine kleine, schüchterne Frau sehnt sich danach, auf dem Meer zu sein, weg zu sein von ihrer Familie in Frankreich, und es gelingt ihr tatsächlich, auf einem Kutter anzuheuern. Die Arbeit ist hart, natürlich, sie schuftet Tag und Nacht, ist Wind und Wetter ausgesetzt, verletzt sich und muss das Schiff verlassen. Was ihr sehr schwerfällt, weil sie dort draußen, auf dem Wasser, ihre Sehnsucht erfüllt sieht. Daran kann auch ein Mann nichts ändern, den sie beim Fischen kennenlernt und der möchte, dass sie mit ihm sesshaft wird.

Sich anheuern lassen heißt, mit dem Kutter verheiratet zu sein, solange du auf ihm schuftest. Du hast kein eigenes Leben mehr, nichts, was nur dir gehört. Du musst dem Kapitän gehorchen. Sogar wenn er ein Arsch ist. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich weiß nicht, woher das kommt, dass man derart leiden möchte, für nichts und wieder nichts, im Grunde genommen. Es fehlt einem an allem, an Schlaf, an Wärme, auch an Liebe.

Dieses Buch hat mich in einen Zwiespalt geworfen. Ich wollte es lesen, weil ich fasziniert war von der Geschichte, von dieser außergewöhnlichen Frau, denn auch die Autorin hat zehn Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht. Zehn Jahre! Die ersten hundert Seiten habe ich gefressen, ich mochte den rauen, wilden, merkwürdigen Stil, irgendwie eckig, unrund, anstrengend. Doch dann, nun ja, hat es angefangen mich zu nerven, weil es halt immer dasselbe ist, was soll schon groß passieren auf einem Fischkutter. Sie erzählt, wer Kaffee kocht, wer Wache hält, wie viel Fisch sie fangen. Das Buch hat allerdings über 400 Seiten, irgendwann ist das ermüdend. Haben sich Autorin und Verlag wohl auch gedacht, deshalb kommt plötzlich, sehr spät, eine Liebesgeschichte daher, die wie ein Fremdkörper wirkt und mich ein bisschen geärgert hat: Muss man einer Frau, die frei sein und auf dem Meer fischen will, die arbeitet wie ein Bär, wirklich so eine Lovestory mit einem Typ andichten, der sie zum Hausweibchen machen will? Das fand ich reichlich dämlich und enttäuschend. Schade, denn die Geschichte an sich, über die Seefahrerin, über die Wasser Alaskas, wäre, auf halb so viel Seiten, sehr gut gewesen.

Die Seefahrerin von Catherine Poulain ist erschienen bei btb (ISBN 978-3-442-75739-8, 416 Seiten, 21 Euro).

ZehrerKlaus Cäsar Zehrer: Das Genie
„Die Überheblichkeit ist die engste Freundin der Ignoranz, man trifft die beiden stets gemeinsam an“
Auch so ein Buch, das mich unentschlossen zurückgelassen hat: Klaus Cäsar Zehrer hat eine Art fiktive Biografie über William James Sidis geschrieben, einen der angeblich klügsten Menschen aller Zeiten, er wurde dafür mit dem Debütpreis 2017 ausgezeichnet und alle, also wirklich alle Leser waren restlos begeistert. Nur ich nicht. Anfangs habe ich den Roman gern gelesen, man folgt zuerst Williams Vater Boris, der Ende des 19. Jahrhunderts mittellos in New York ankommt und sich aufgrund seiner beeindruckenden Intelligenz schnell einen Namen macht, er schließt mehrere Studiengänge ab, lernt und unterrichtet und entwickelt mit seiner Frau Sara die Sidis-Methode, nach der sie ihren Sohn William erziehen. Die Art, auf die sie das tun, ist mir jedoch völlig unverständlich: Wie können zwei angeblich so kluge Menschen ihr Kind derart versauen? Sie füllen William ab Tag eins mit Wissen an, das funktioniert auch, schon im Alter von elf Jahren hält er einen Vortrag vor Harvard-Professoren. Doch er ist ein Sozialdepp. Sind daran die lieblosen Eltern schuld, die ihm nichts beibringen, was er im Leben braucht? Oder entspricht man als Genie automatisch dem Klischee vom lebensuntauglichen Nerd? Das bleibt unklar. Wie so vieles in diesem Buch, denn der Autor rauscht durch Williams Leben wie ein D-Zug. Er scheint es sehr eilig zu haben, handelt alles äußerst emotionslos ab, braucht aber dennoch über 600 Seiten dafür, auf denen ich mich letztlich schrecklich gelangweilt habe. Etwa ab der Hälfte hab ich nur noch quergelesen. Es muss einem erst mal gelingen, derart viel über eine einzige Person zu schreiben, die noch dazu historisch belegt ist, aber auf eine Art, dass dieser Mensch nicht greifbar wird, blass und eindimensional bleibt, wie der Schatten einer Figur. Ich konnte mit William nicht das Geringste anfangen, mit dem leblosen Stil, der allerorts als so fesselnd beschrieben wird, auch nicht. Ich fand das Buch langweilig, platt, unzugänglich, pathetisch, das Gegenteil von subtil und raffiniert. Ich wollte es nicht mal in die Ecke pfeffern, so einschläfernd war es, mir hätte die Kraft gefehlt. Einfach nur schnarchig.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06998-3, 656 Seiten, 25 Euro).



Bücherwurmloch

IMG_7653Nur noch wenige Tage bis zur Entscheidung über die Longlist!
Sieben Manuskripte habe ich zur Gänze angefordert, fünf davon hab ich bereits gelesen … und alle fünf sind wieder ausgeschieden. Das lag in keinem einzigen Fall daran, dass der Autor nicht schreiben kann, absolut nicht. Ich habe alle fünf Geschichten mit großem Interesse gelesen. Da waren Jugendliche dabei, die durch Berlin streunen auf der Suche nach Antworten auf die großen Fragen, da gab es einen Mann, der Visionen hat und sehen kann, ob jemand krank ist oder bald stirbt, ich habe eine Frau kennengelernt, die auf einer Party einen Mann trifft, mit dem sie gern die Nacht verbringen würde, fiele er nicht plötzlich aus dem Fenster, ich habe an mehreren amüsanten Schlendergängen teilgenommen und dem Verfall einer Ehe nach dreißig Jahren zugesehen.

Ich habe jedes Manuskript sehr aufmerksam gelesen, und ja, ich weiß, dass das Rohfassungen sind, die noch Bearbeitung brauchen, ich schreibe selbst, ich kenne meine eigenen Rohfassungen. Doch für den Blogbuster entscheidend ist die Frage: Ist das ein Roman, der zwar noch ein scharfes Lektorat benötigt, ansonsten aber fertig ist? Der funktioniert, durchdacht und stringent ist, mit Handlungssträngen, die zusammenlaufen, mit einem stimmigen Ende? Das war bei all diesen fünf Manuskripten, aus unterschiedlichen Gründen, nicht der Fall. Manches lief ins Leere, anderes war schlicht noch zu unfertig, mit 130 oder 160 knappen Seiten eher die Skizze eines Romans, und es fehlt noch zu viel, um damit ins Rennen zu gehen. Auch das umgekehrte Problem tritt auf, dass ein Entwurf viel zu lang ist, seitenweise Dialoge über Dialoge enthält, dass er um die Hälfte gekürzt werden könnte, weil er noch viel zu erklärend und zu wenig subtil ist.

Ich kenne das Gefühl, wenn man sein Manuskript an jemanden schickt und bangend auf das Urteil wartet, ich kenne es bestens. Deshalb habe ich mir bei jedem Autor Zeit für ein ausführliches Feedback genommen. Mir ist klar, dass es trotzdem hart ist, wenn man gesagt bekommt: Das ist gut, aber noch nicht gut genug. Andererseits bin ich ein Verfechter von konstruktiver Kritik, weil ich glaube, dass sie einen weiterbringt, wenn man das Ego beiseiteschiebt und sich wirklich damit auseinandersetzt. Ich musste selbst schon krasse Rückmeldungen aushalten, und mein Buch ist dadurch besser geworden. Ich bin sehr erleichtert, dass auch meine Autoren durch die Bank positiv reagiert haben: Ich weiß das sehr zu schätzen, habe ich als Antwort bekommen, Ich bedanke mich herzlich für dein Engagement und: Vielen Dank für den angenehmen, freundlichen Kontakt. Darüber freue ich mich vor allem deshalb, weil meine Mails schon sehr direkt waren mit einer konkreten Aufzählung der Kritikpunkte, weil ich, wie ihr wisst, nicht um den heißen Brei herumrede und weil man sowas leicht in den falschen Hals bekommen kann. Deshalb auch von meiner Seite: Vielen Dank an euch fünf, dass ihr cool geblieben seid und so professionell reagiert habt. Ich wünsche euch von Herzen viel Erfolg für eure Projekte, ihr werdet euren Weg machen!

Für mich bedeutet das aber nun, dass ich nur noch zwei verbliebene Manuskripte habe. Die werde ich heute und morgen lesen, dann wird meine Entscheidung fallen, mit welchem Roman ich beim Blogbuster antrete bzw. ob ich überhaupt antrete. Denn ich werde nur mitmachen, wenn mich ein Manuskript tatsächlich völlig überzeugt, wie es letztes Jahr mit Heike Dukens Rabenkinder der Fall war. Drückt mir die Daumen!

Bildschirmfoto 2017-10-22 um 14.03.57

Snacks für zwischendurch

AzzouziFikry El Azzouzi: Wir da draußen
„Man muss mit Stil und Selbstbewusstsein unterwegs sein hier auf der Straße“
Es kann schon mal vorkommen, dass Ayoub zuhause rausfliegt und sich dann die Nacht auf der Straße um die Ohren schlagen muss. Aber zum Glück bleibt er nie lang allein, den anderen Drarries geht es auch so, den Jungs, die aus Maghreb stammen, und sie hängen zusammen im Waschsalon ab oder essen Döner oder suchen eine Frau, der sie ein bisschen Angst machen können. Drei beste Freunde hat Ayoub, den Wichtigtuer Fouad, der ständig seine Muskeln aufpumpen will, den Halbafrikaner Maurice, der bei einem Junkie wohnt, und Kevin, der konvertiert ist, sich Karim nennt und sich noch wahnsinniger aufführt als die echten Drarries.

Meine Freunde und ich haben in diesem zurückgebliebenen Kaff die größte Klappe von allen. Auf alles haben wir eine Antwort. Wir sind die größten Besserwisser. Blitzschnell, scharfsinnig, witzig. Notfalls auch aggressiv. Gespräche sind uns zu mühsam, so als hätten wir das nie gelernt.

Fikry El Azzouzi ist selbst marokkanischer Herkunft und gehört, so heißt es, zu den wichtigsten Stimmen Belgiens. Seine Romane sind politisch, drastisch, authentisch. Das gilt auch für diesen, der hart ist und rau, absurd, verstörend. Er handelt von jungen Männern, die immer irgendwo draufhauen müssen, die gefrustet sind und in einem Zwischenstadium, nicht fremd und auch nicht integriert, voller Hormone, voller Träume. Etwas klischeehaft finde ich die Zuspitzung auf die Radikalisierung, eh, als hätte das halt sein müssen, als fiele all diesen jungen Menschen mit Migrationshintergrund nichts anderes ein, das kam sehr künstlich daher. Ansonsten aber ein lesenswertes, gut gemachtes Buch, das ein Fenster des Verständnisses öffnet bei einem Thema, bei dem die Wogen hochgehen.

Wir da draußen von Fikry El Azzouzi ist als Taschenbuch erschienen bei Dumont (ISBN 978-3-8321-9829-9, 224 Seiten, 10 Euro).

 

FrankArno Frank: So, und jetzt kommst du
Ich hatte so viele begeisterte Stimmen gehört, dass ich dieses Buch einfach lesen musste. Und es hat sich gelohnt, den Empfehlungen zu folgen, denn dieser Roman – nach einer wahren Geschichte, wie betont wird – ist tatsächlich hochgradig faszinierend. Arno Frank erzählt darin von seinem Leben und dem Leben seiner Familie, von seinen Eltern, die mit drei Kindern auf der Flucht vor den Behörden waren, quer durch Europa. Ohne Rücksicht auf die Befindlichkeiten der Kinder, ohne Rücksicht auf die Gefahren, die Entbehrungen. Der Vater ist ein charmanter Schwindler, ein Trickser, ein Betrüger. Der Sohn, als Ich-Erzähler, ist immer wieder aufs Neue überrumpelt von der Art des Vaters, dessen Weisheiten und Sprüchen, die er nur zur Hälfte versteht.

Mein Vater ist eine geologische Gegebenheit. Gemeinsam bilden die Eltern eine Einheit, die sich jeder Frage entzieht – wie man einem Gebirge keine Fragen stellt.

Und doch türmen die Fragen sich mit der Zeit auf, denn bei dem Lebensstil der Eltern reicht das erbeutete Geld nicht lange, die Familie gerät in arge Bedrängnis, und Arno Frank merkt: Um nicht ins Gefängnis zu müssen, würde der Vater alles tun, wirklich alles. Das ist spannend und mitreißend erzählt, immer wieder grüble ich über den Antrieb, der die Eltern dazu bringt, so etwas zu tun, lese mit staunend großen Augen und fürchte mich vor dem Moment des Absturzes, der, so scheint es, unweigerlich kommen muss. Gut gemacht, ich stelle mich in die Reihe jener, die dieses Buch empfehlen!

So, und jetzt kommst du von Arno Frank ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-50369-2, 352 Seiten, 22 Euro).

 

FlohrMarkus Flohr: Alte Sachen
Rieke trifft durch einen Zufall auf Lior, den geheimnisvollen, dunkelhaarigen Lior aus Israel, es ist Sommer, sie hat gerade Abitur gemacht, sie zieht mit ihrer besten Freundin Iza durch die Clubs, und was die Zukunft bringen soll, das weiß Rieke nicht genau. Das ist der Auftakt dieses Romans, der dann jedoch in eine ganz andere Richtung führt: Wir gehen zurück in die Dreißigerjahre, und jeder weiß, was das bedeutet, es bedeutete Pogrome, Judenverfolgung, Gefahr. Das alles erlebt der junge Otto, der in Selma verliebt ist, die Jüdin Selma, der nicht glauben will, was da geschieht in seiner Heimatstadt. Otto, der Beobachter, selbst kein Jude, aber emotional verstrickt, ein Heranwachsender in einer extremen Zeit. Das ist interessant, natürlich, gut geschrieben ist es auch, nur hätte ich mir mehr Wechsel gewünscht, schnellere Schritte, das Buch wird plötzlich zäh, langatmig, beschwerlich. Was sich zwischen Rieke und Lior abspielt, verkommt zur reinen Rahmenhandlung, wird mit einem Mal abgekanzelt und zu einer reinen Spurensuche umgewidmet, denn dass Otto und Selma etwas zu tun haben mit Liors Vorfahren, das ist schnell klar. Ich habe sehr gekämpft mit diesem Roman, fand ihn stellenweise schön, wollte ihn dann wieder abbrechen, habe letztlich bis zum Ende durchgehalten und habe einen enttäuschten Nachgeschmack behalten. Sehr schön ist aber, das muss ich erwähnen, das Cover mit dem gestickten Etikett in Anlehnung an den Inhalt, denn die Juden, um die es in der Geschichte geht, waren Schneider.

Alte Sachen von Markus Flohr ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-463-40653-4, 496 Seiten, 19,95 Euro).

Snacks für zwischendurch

CanalAnne von Canal: Whiteout
Sie sind drei Kinder, aber sie haben nur einen Schatten, so scheint es, nur eine Seele: Hanna, ihr Bruder und ihre Freundin Fido. Das ist lange her, Hanna ist längst erwachsen, und Fido ist tot. Das erfährt sie, als sie gerade in der Antarktis ist, auf einer anstrengenden, gefährlichen Expedition, die ihr auch ohne dieses Wissen an die Nieren geht. Ein Sturm zieht auf, mit den Bohrungen im Eis gibt es Probleme, und Hanna kann nicht verhindern, dass ihre Gedanken in die Vergangenheit wandern, zurück zu Fido, der Pfarrerstochter, die wild war und anders und besonders. Freundschaft kann wie Liebe sein, kann der Liebe sehr ähnlich sein, einhergehen mit Herzklopfen und Sehnsucht und vor allem: mit einem gebrochenen Herzen. Denn Hanna weiß nicht, was geschehen ist, warum Fido sie eines Tages ohne ein Wort verlassen hat. Anne von Canal ist eine raffinierte Schriftstellerin, eine genaue Beobachterin, die auf den Feinheiten der Sprache spielt wie auf einer Harfe, virtuos, begabt, mit Gefühl. Schon ihr Debüt Der Grund hat mich herausgefordert und beeindruckt. Whiteout ist ebenso gut, ein schmales, kraftvolles, lesenswertes Buch über Freundschaft und Verrat, über Trauer und Ratlosigkeit – und über das endlose Weiß in der Antarktis.

Whiteout von Anne von Canal ist erschienen bei mare (ISBN 78-3-86648-247-0, 192 Seiten, 20 Euro).

 

DorianAda Dorian: Schlick
Mit ihrem Debüt Betrunkene Bäume hat Ada Dorian aufhorchen lassen, und ich habe es nicht gelesen, irgendwie aus Trotz nicht, aus Prinzip nicht, weil alle es hatten. Neugierig war ich dann aber auf ihr aktuelles Buch, das zweite – auch wenn es heißt, die emsige Autorin habe vier Romane in der Pipeline –, das Buch nach dem Hype, das jetzt vielleicht nicht mehr alle haben. Es geht darin um zwei Frauen, die zu unterschiedlichen Zeiten leben, und um das Haus, in dem sie sich aufhalten. Beide sind aus unterschiedlichen Gründen auf sich gestellt, ohne ihre Männer, die eine im Krieg, die andere in der trägen Langeweile des Friedens. Was sie verbindet, ist ein Foto. Svea findet ein Bild in diesem Haus und wird neugierig, will etwas herausfinden über die Familie, die darauf zu sehen ist, über Helene, die hier einst gelebt hat. Helene dagegen, siebzig, achtzig Jahre früher, will nur überleben. Sich selbst und ihre Tochter durchbringen, vergessen, was sie getan hat.

„Mut ist etwas, das sich wie eine Narbe auf einer Wunde bildet. Je tiefer die Wunde, desto wulstiger die Narbe.“

Ada Dorian ist sehr sicher in ihrem Schreiben, gefestigt, unerschütterlich. Ich mag ihre klaren Sätze, die tönen, die aber auch zart sein können. Ich mag auch die unaufgeregte, geradlinige Geschichte. Bestes Zitat:

„Das Leben ist ein Glücksspielautomat. Du wirfst etwas hinein, so lange, bis du etwas gewinnst. Was du dabei verloren hast, ist schnell vergessen.“

 

StancanelliElena Stancanelli: Die nackte Frau
„Keine Beziehung ist besonders. Die Liebe ist nie etwas Besonderes“
Ich bin der Meinung: Das Internet ist noch viel zu wenig präsent in der Literatur, genau wie das Smartphone. In Büchern wird nicht so gestalkt und gechattet und gesurft wie im echten Leben, das finde ich realitätsfern, ein bisschen altbacken, verschämt. Umso interessierter war ich an diesem Buch, denn es handelt von einer Frau, die ihren Freund nicht einfach ziehen lassen kann, die ihn im Internet ausspioniert, seine Accounts hackt, seine Mails und Nachrichten liest, sich selbst fertigmacht mit dem, was sie findet.

„Das war keine Liebesgeschichte mehr zwischen uns, sondern ein psychotischer Apparat, der mich in einem fort erniedrigte.“

Davide hat eine andere, nicht nur eine, und Anna weiß das, doch beiden gelingt es nicht, die Beziehung zu beenden, sie drehen sich in einer Abwärtsspirale. Anna isst nicht mehr, klickt und wischt und sucht, drückt alle drei Minuten auf ihr Handy, um den Punkt der Smartphone-Suche von Davide zu verfolgen.

„Es ist eine Krankheit. Sie hat sogar einen Namen: Anankasmus. Du glaubst nachzudenken, und stattdessen verstrickst du dich immer mehr.“

Sprachlich ist dieses Buch gut, solide, keine Glanzleistung, ein wenig wirr und – typisch italienisch – überzogen, dramatisch, inhaltlich aber sehr interessant, schonungslos und, wie ich finde, wichtig. Denn oft tun wir Menschen Dinge, die wir selbst kaum verstehen, die nicht logisch erscheinen, die furchtbar schmerzen.

Die nackte Frau von Elena Stancanelli ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1347-7, 224 Seiten, 18 Euro).

Snacks für zwischendurch

LjubicNicol Ljubić: Ein Mensch brennt
„Im Boxsport heißt es, nur der Schlag, den man nicht kommen sieht, kann einen umhauen“

Hanno ist acht Jahre alt, als Hartmut Gründler als Untermieter ins Haus seiner Eltern einzieht. Gründler, ein unbeugsamer Politkämpfer, einer, der sich engagiert für eine Sache, von der andere nicht einmal ahnen, der Briefe schreibt, Hunderte Briefe, an den Bundeskanzler, an die Presse, ist einer, den niemand so recht ernst nimmt. Außer Hannos Mutter. Sie scheint Hartmuts Stimme als eine Art Weckruf wahrzunehmen.

„Die Geschichte, die ich über Hartmut erzähle, ist eine andere als die, die meine Mutter erzählt hätte.“

Und dann gibt es da noch den Vater, einen dicken, gemütlichen Mann, der gern hätte, dass alles so bleibt, wie es ist, der es nicht brauchen kann, dass seine Frau politische Ideen verfolgt – und sich emanzipiert. Hartmut Gründler hat es wirklich gegeben, und er war tatsächlich ein sehr politischer Mann, der sich, um ein Zeichen zu setzen, selbst verbrannt hat. Dieses Buch widmet Nicol Ljubić ihm wie eine Art Denkmal, das in erster Linie sehr trocken und nüchtern erzählt, was sich abgespielt haben könnte im Leben dieses Mannes, das aber auch davon handelt, wie schnell er vergessen wurde und wie unwichtig sein Zeichen heute scheint. Das ist makaber, traurig, sehr irritierend. Inhaltlich eine gute, interessante Geschichte, eine Chronik, die ich jedoch merkwürdig emotionslos fand, und das, obwohl sie aus der Sicht eines Kindes geschildert wird. Besonders überrascht hat mich das in Hinblick darauf, wie intensiv Nicol Ljubić Buch Meeresstille ist.

Ein Mensch brennt von Nicol Ljubić ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-28130-0, 336 Seiten, 20 Euro).

 

CamilleriAndrea Camilleri: Berühre mich nicht
Es hat eine Zeit gegeben, da habe ich Krimis verschlungen. Noch nicht mal zwanzig war ich da, ein großer Fan spannender Geschichten, und ja – Camilleri war natürlich ein Muss. Auch wenn ich das Genre heute meide wie eine Katze das Wasser, erinnere ich mich gern an Commissario Montalbano, an den Witz, das gute Essen, die interessanten Fälle. Ich bewundere Camilleri, der 1925 geboren ist, für seine Fähigkeit, sich im hohen Alter, in dem andere längst im wohlverdienten Ruhestand die Füße hochlegen, noch immer neue Geschichten auszudenken. Sein aktuelles Buch handelt von einer Frau, die verschwunden ist, und der talentierte, gewiefte Camilleri erzählt davon ausschließlich durch Gespräche. Keine einzige Beschreibung gibt es in diesem Roman, keine klassische Handlung, sondern Dialoge, Presseausschnitte, Nachrichten, Briefe. Aus diesen kleinen Schnipseln setzt sich die Story zusammen, das Rätsel um die schöne Laura, die mit einem berühmten Schriftsteller verheiratet ist und viele Affären hat, die vielleicht mit einem der Männer durchgebrannt ist oder entführt wurde oder alles nur inszeniert hat, um Aufmerksamkeit für ihr eigenes Buch zu bekommen, das bald erscheinen soll. Ein mit nicht mal 160 Seiten schmaler Roman, sehr gut zu lesen, ein kleines, originelles Highlight in der Flut der ewig gleichen Masse der Kriminalliteratur.

Berühre mich nicht von Andrea Camilleri ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-312-01034-9, 160 Seiten, 18 Euro).

 

MulitzerThomas Mulitzer: Tau
Das ist ein Buch, in dem ich mir viele Seiten markiert habe, neun an der Zahl, viele Sätze, die gut sind, die klar sind und meisterhaft geformt. Es ist aber auch ein Buch, bei dem ich am Ende denke: echt jetzt, bei dem ich das Gefühl habe, dass wir uns verzettelt und verloren haben, das Buch, der Autor und ich. Da gibt es einen, der zurückgeht in sein Bergdorf, in das Gasthaus seiner Großeltern, das einst Schauplatz war von einem Thomas-Bernhard-Roman, der Schimpf und Schande über das Dorf gebracht hat. Er will was herausfinden über damals, über den Schriftsteller, über das Buch, aber so recht gelingt ihm das nicht, eigentlich gelingt ihm gar nichts so recht, er ist ein ruheloser, unsicherer Mensch, unstrukturiert, leicht abzulenken. „Bis jetzt hatte ich so gut wie nichts erreicht“, sagt er auf Seite 144. Und das ist auch der Ton, das ist auch die Struktur, die den Roman des Österreichers Thomas Mulitzer, der zudem Musiker ist und Texter, bestimmt. Etwas seltsam Ruheloses, Zerfahrenes, das sich nicht recht greifen lässt. Aber die Sätze, die teile ich mit euch:

Das Schreiben besteht ja nicht nur aus dem Hirnwichsen und den Bewegungen der Hand, aus dem ewigen Grübeln, dem Zermartern und Zweifeln, es besteht wirklich nicht nur aus der stolzen Einsamkeit und dem Flüchten in eine Fantasiewelt.

Wenn man in diesem Land geboren wird, hat man naturgemäß eine Affinität zum Dunklen, Feuchten, Modrigen, man strebt nie nach oben, auch wenn es für Außenstehende so aussehen mag, sondern immer nach unten, tief, tief unten, die Leute steigen ja niemals Karriereleitern hoch, sie schürfen an ihrem Fundament und schaufeln ihr Grab, sie stecken ihren Kopf in ein Erdloch und lassen sich in den Arsch ficken.

Oktober ist mein Lieblingsmonat, er zieht verblühten Flieder in die Erde, mischt Gedächtnis und Begierde und tränkt das Land mit spätem Regen.

Österreich, in deinem dunklen Bauch schlummert immer noch der Holocaust.

Am Ende bereitet einem jeder Mensch Kummer.

Ich hab mir die Realität da draußen angeschaut und weiß nicht recht, ob sie mir lieber ist als die Realität in meinen Büchern.

Wenn man ein Buch von ihm gelesen hat, dann hat man alle Bücher von ihm gelesen. Das kann ich bedenkenlos sagen, denn ich habe alle gelesen.

Ich hab gespürt, wie sich mein Schädel ausdehnt, um dem Schmerz irgendwie Platz zu schaffen, aber der Schmerz hat ja nie genug Platz, darum breitet er sich mit der Zeit auf alle Bereiche aus, die er erwischen kann.

Nichts war so tödlich wie die Frauen und der Frost.

Tau von Thomas Mulitzer ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01080-1, 288 Seiten, 22,90 Euro).