Bücherwurmloch

„Erst jetzt merkt sie, dass sie einen braunen und einen schwarzen Schuh anhat“
Eine Witwe findet in dem zweiten, identischen Koffer ihres Mannes, der während einer Flugreise verstorben ist, sein zweites Leben. Ein geschiedener Mann rollt jeden Abend seinen Schlafsack in einer der Wohnungen aus, die er als Makler vermieten soll, weil er keine eigene Bleibe hat. Die Figuren in den Kurzgeschichten von Claudia Piñeiro sind ganz gewöhnliche Menschen, denen etwas ganz Gewöhnliches passiert. Und trotzdem schafft es die Autorin aus Buenos Aires – die im Klappentext „Shootingstar der argentinischen Literatur“ genannt wird, ihr kennt sie vielleicht wegen der Donnerstagswitwen aus dem Jahr 2005 –, dass man diesen Menschen trotzdem für einen Augenblick folgen, zuhören, zuschauen möchte. Es geht in diesen Short Storys um kleinere und größere Geheimnisse, um absonderliche Ideen und Nachrichten, auf die man sehnsüchtig wartet.

Ich mag Kurzgeschichten, die das Versprechen in ihrem Namen halten, indem sie tatsächlich sehr kurz sind. Momentaufnahmen, kleine Szenen, fünf Seiten, mehr nicht, und im Idealfall ein verblüffendes Ende, so sind sie mir am liebsten. Die Storys von Piñeiro sind nicht alle interessant, nicht alle spannend, aber im Großen und Ganzen bietet dieses Buch lauter Kurz- und Kürzestgeschichten, die sich sehr angenehm zwischendurch wegzischen lassen. Sie lassen uns lächeln und nicken, sind manchmal pfiffig, manchmal alltäglich. Eine nette, unterhaltsame Sammlung voller Lügen und Betrug, illegale Abtreibung und die Notwendigkeit von Freiraum, erzählt in präzisem Stil, und man denkt unweigerlich: Ich kenn das, natürlich, wer nicht?

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„Ein Garten, den man nicht bestellt, ist wie ein Nachbar, für den man nicht stehenbleibt auf der Straße“
Doro und Rob wohnen in der Großstadt, haben aber trotzdem ein Stück Natur: eine Wohnung mit Gartenanteil nämlich. In ihrem Hinterhof können sie Kräuter und Zucchini ernten, zu viel Zucchini sogar, und sie leben nach dem Grundsatz „wachsen und wachsen lassen“. Es könnte also alles recht idyllisch sein in der Drübkestraße 13, wäre da nicht die lästige alte Dittrich, würde nicht eine Nachbarin sterben und hieße es nicht von der Cousine aus Berlin, der Garten sei für echtes Urban Gardening viel zu ordentlich. Zwischen Rosen und Ehekrach, Hobbygärtnerei und der Frage, ob man zwingend aufs Land ziehen muss, wenn man Kinder bekommt, beerdigen Doro und Rob ein Eichhörnchen und suchen nach ihrem ganz eigenen Plan fürs Leben.

In kurzen Kapiteln und mit schön schnippischem Ton erzählt Christine Zureich, die am Bodensee lebt, von Mittdreißigern, die ein bisschen Natur wollen, aber auch die Annehmlichkeiten der Stadt, die ein bisschen Stadt wollen, aber auch die Idylle der Natur. An diesem schmalen Grat lässt sie die Hausbewohner entlangtanzen, es gibt eine nörgelnde Alte und einen eifersüchtigen Ehemann, man erkennt so manche Leute im Romanpersonal wieder, eventuell auch sich selbst. Das ist ein wenig boshaft und ein wenig kabarettistisch, als Österreicherin hätte ich von beidem noch weitaus mehr vertragen, es hätte ruhig noch sarkastischer sein und tiefer schürfen dürfen. Trotzdem habe ich „Garten, Baby!“ gern gelesen, ein schmales, heiteres Bändchen, das sich auf zarte Weise lustig macht über Schneckengitter aus Plastik, Stiefmütterchen und neurotische Katzen. Könnt ihr allen schenken, die gern gärtnern (oder davon träumen).

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„Wer bin ich, wenn ich mit ihm zusammen bin – bin ich dann anders, weniger, mehr?“
Eine junge Frau heiratet ihre Jugendliebe, den Mann, den sie kennt, seit sie ein Teenager war, den sie liebt, seit sie ein Teenager war. Die beiden sind sehr früh ein Paar geworden und im Gegensatz zu anderen jugendlichen Liebschaften sind sie es geblieben. Aber war das eine kluge Entscheidung? Wie entwickelt man sich so nah an einem anderen dran zu einem eigenständigen Erwachsenen? Wer ist man ohne den anderen? Eines Nachts packt die Frau ihre Tagebücher in einen Rucksack und verlässt die gemeinsame Wohnung. Während sie in Airbnb-Zimmern unterkommt, jeden Tag woanders schläft und nicht weiß, wie es für sie weitergehen soll, analysiert sie diese einzige und dadurch wichtigste Beziehung ihres Lebens.

„Während du auf dem Bett saßt, saß ich dir direkt gegenüber auf einem Stuhl und versuchte dich zu zeichnen. Du hast durchaus gespürt, dass ich dich nicht nur anschaute: Jedem Strich ging insgeheim ein Streicheln voraus.“

Es geht um Zärtlichkeit und Intimität, um Zuneigung und Liebe, aber auch um den elenden Zahn der Zeit, der an allem, allem, allem nagt: auch an der Monogamie. Wer ist jemals verliebt geblieben? Was uns anfangs am Partnermensch fasziniert, nervt später, die Gefühle werden blass und schal. Das hat Bregje Hofstede in diesem Buch geradezu meisterhaft eingefangen.

„Du und ich haben fast täglich dieselben Worte wiederholt, wie ein Gebet oder eine Beschwörung (Ich liebe dich, Du bist so schön), sodass unsere Sprache sich asymmetrisch abnutzte: Wie eine Skulptur, die dort anfängt zu glänzen, wo sie besonders oft berührt wird (am Kopf, an den Händen, an den Zehen), ansonsten aber von einer dunklen Patina überzogen ist.“

Sie schreibt hervorragend, sehr poetisch und am Punkt, für viele Empfindungen, für die man selbst nicht einmal eine Bezeichnung hat, hat sie eine so exakt treffende Formulierung, dass man nur nicken kann. So ist das. So fühlt es sich an. Vermutlich steht fast jeder, der monogam mit einem Partnermensch lebt, irgendwann vor der Frage: Gehen oder bleiben? Mir persönlich war es etwas zu viel: zu viele Seiten, zu viel Tagebuch, zu viel vom selben – wie in jeder Beziehung eben, so schließt sich der Kreis.

„Ich nehme es dir übel, dass du begonnen hast, mich zu spiegeln, ja meine festgefahrensten Eigenschaften zu übernehmen. Ich habe dich mir so lange einverleibt, bis ich dich als mich selbst gehasst habe.“

Verlangen von Bregje Hofstede ist erschienen bei Oktaven.

Bücherwurmloch

Oh, was habe ich in diesem Jahr wieder viele Bücher gelesen! Ende Dezember fühle ich mich immer wie jemand, der sagen kann: Ich hatte sie alle. Gute waren dabei und schlechte, spannende, intensive, emotionale und lustige. Da fällt es schwer, zu entscheiden, welche denn „am besten“ waren, überhaupt finde ich Wertungen unnötig, sie sind sowieso immer ausschließlich subjektiv, und sofort, nachdem ich das behauptet habe, gebe ich eine ab. Weil es eben doch welche gibt, bei denen man am meisten gefühlt hat. Die am meisten ausgelöst haben, beeindruckt, zum Nachdenken gebracht, sich eingeprägt haben. Und da sind sie, meine fünf Bücher aus dem Jahr 2020. Es ist, wie mir aufgefallen ist, kein einziges deutschsprachiges dabei. Dafür aber – die größte Überraschung – ein Mann.

Apeirogon ist ein Wahnsinn von einem Buch. Es ist messerscharf und bitter, traurig, verstörend, überfordernd, poetisch, schmerzhaft und großartig. Colum McCann hat 1000 Mini-Kapitel geschrieben, er zählt bis 500 und dann wieder bis 1. Manche bestehen nur aus einem Satz, einem wiederkehrenden Gedanken, einer Beobachtung, andere sind gefüllt mit historischen Fakten oder Informationen über das Bauen von Bomben, Vögel, Seiltänzer, die Vergangenheit, den Krieg. Es fühlt sich an, als steckten tausend Bücher in diesem einen. Selten hat mich ein Roman in seiner unbestechlich klugen Machart derart fasziniert.

Charlotte McConaghy hat den wohl berührendsten Roman dieses Bücherherbsts geschrieben: Ich habe geweint. Und zwar nicht nur ein bisschen. Am Ende der Lektüre war ich tränenüberströmt. Nicht nur wegen der traurigen Ereignisse im Leben der Protagonistin, sondern auch wegen der schrecklich trostlosen Lage der Tiere, die in diesem Buch bereits Realität ist – und es auch bald wirklich sein könnte. Es geht um Umweltschutz in Zugvögel, um die Schönheit der Natur und die Grausamkeit der Menschen, es geht um eine mutige, sture Frau und ihre Weigerung, so zu sein wie alle anderen, es geht um Zusammenhalt innerhalb einer Crew und vor allem geht es um die Liebe.

Ich habe bei This is how you lose the time war dermaßen mitgefiebert, dass ich manchmal den Eindruck hatte, ich vergesse gleich zu atmen. Wann immer ich nicht weiterlesen konnte, habe ich an diesen Roman gedacht. Ich wollte ewig weiterlesen – und doch gleichzeitig wissen, wie eine so ungewöhnliche Geschichte enden könnte. Es ist das Buch, das mich 2020 am meisten überrascht hat.

In Everything I know about love macht Dolly Alderton einen aufreibenden, gefühlsintensiven Weg der Selbstfindung durch und teilt ihre Erkenntnisse mit uns – aber nicht belehrend oder im Ratgeberton, sondern selbstironisch, nachvollziehbar und klug. In sehr persönlichen kurzen Essays erzählt die Journalistin und Kolumnistin von ihrer Jugend und ihrem Erwachsenwerden – in Bezug auf Dating, Männer, Freundschaften und Liebe. Das ist ehrlich, witzig, gänsehautmachend und ebenso traurig wie schön. Jede Frau meiner Generation wird diesem Buch etwas abgewinnen, da bin ich mir sicher.

Women don’t owe you pretty, liebe Leute, ist so großartig. Es ist augenöffnend, wahr und tröstlich, es zeigt auf, dass die größte Revolution, die wir anzetteln können, darin liegt, uns selbst zu lieben – so, wie wir sind. In der Akzeptanz des eigenen Körpers liegt eine überraschend große Kraft. Lassen wir uns nicht mehr kategorisieren, in Schubladen pressen, unterdrücken und gleichmachen. Feiern wir die Vielfalt, das Natürliche, das Schöne an uns allen. Ich hab nämlich keine Lust mehr, und ich glaube, viele von euch auch nicht. Wir sind Frauen, aber wir werden über den Blick der Männer definiert – unattraktiv zu sein, bringt uns Nachteile, doch sobald wir zu sexy sind, sind wir in Gefahr. Let’s stop that. Time is up.

 

 

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„It’s fucked up. But it’s kind of beautiful, too“
Marlow lebt im Jahr 2051 an einem Ort namens Constellation und wird rund um die Uhr gefilmt. Alles, was sie tut, sagt und erlebt, können ihre zwölf Millionen Follower mitverfolgen – und kommentieren. Marlow, ihre Mutter Floss, ihr Mann Ellis und alle, die in Constellation leben, tun dabei aber stets so, als wüssten sie nicht, dass sie beobachtet werden. Gesponsert wird Marlow von der Pharmaindustrie, sie ist das Gesicht für das Medikament Hysteryl, das alle ihre Gefühle dämpft. Im Jahr 2015 ist Floss noch nicht bekannt, im Gegenteil: Sie überredet ihre Mitbewohnerin Orla, sie berühmt zu machen. Orla arbeitet für ein Online-Lifestlye-Magazin, und das abgekartete Spiel der beiden funktioniert. Bald belagern Paparazzi ihre Wohnung, Floss datet einen Promi namens Aston und hat eine eigene Fernsehshow. Orla, die eigentlich nach New York gekommen ist, um Autorin zu werden, redet sich lange Zeit ein, dass sie all das als Sprungbrett nutzen wird. Doch bald schon muss sie erkennen, dass die Geister, die sie rief, ihr Leben aus den Angeln heben …

Followers hat mich so richtig gefesselt und mitgerissen: Endlich mal wieder ein Buch mit einer originellen, faszinierenden Geschichte. Eines, in dem ich ständig weiterlesen wollte und nie angefangen habe, aus Langweile mit den Augen quer über die Seiten zu fliegen. Megan Angelo hat ihre Handlungsstränge und Protagonistinnen klug gewählt, sie erzählen mit knapp 40 Jahren Abstand, und am Ende läuft alles zusammen. Das geschieht auf zwingend logische und doch nicht unbedingt vorhersehbare Weise. Dieser Roman ist ein gelungener Mix aus Trash-TV, Gossip und Dystopie, er ist stellenweise düster, unheilvoll – vor allem, wenn es um die eingebauten devices geht, die alle Menschen direkt im Körper haben, und um den Nebel, in den jeder fällt, der früher viel auf Bildschirme geglotzt hat – und spannend. Gut finde ich, wie stark er aus weiblicher Sicht geschrieben ist, Männer sind Nebenfiguren, mehr nicht, die Erzählkraft liegt bei den Frauen. Sehr schonungslos hat Megan Angelo unsere Sucht nach Beachtung, unseren Geltungsdrang und unsere Besessenheit in Bezug auf das Internet auseinandergenommen – und fast wie nebenbei eine lesenswerte Story gebaut, die ich mir sehr gut als Netflix-Serie vorstellen kann. Wobei man dann wieder auf einen Bildschirm glotzen müsste, uh oh. Empfehlen kann ich den Roman allen, die gern von toxischen Frauenfreundschaften, Glamour-Müttern und dystopischen Endzeitdramen lesen. Geile Kombi.

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„Meinst du, man kann jemandem, den man liebt, nicht wehtun?“

„Wir Negroes lieben unsere Heimat. Obwohl wir immer aus schrecklichen Orten stammen. Nur Weiße haben die Freiheit, ihre Heimat zu hassen.“

Mallard, eine winzige Stadt im ländlichen Louisiana, ist ein eigenartiger Ort: Hier leben Schwarze Menschen, die so hellhäutig sind, dass sie als Weiße durchgehen können. Jeder, der dunklere Haut hat, wird von ihnen arg rassistisch behandelt. Hier werden in den 1950er-Jahren die Zwillingsschwestern Stella und Desiree geboren. Sie beschließen bald, dass ihre Zukunft woanders liegt, und verlassen Mallard in jungen Jahren – lassen die Mutter einfach ohne ein Wort zurück. In der Fremde trennen sich die Wege der Schwestern unerwartet schnell, Stella verschwindet. Sie gibt sich als Weiße aus und baut sich ein neues Leben in Reichtum auf – aber immer mit der Angst im Herzen, sie könnte enttarnt werden. Desiree dagegen heiratet den Falschen und bekommt eine Tochter, die so Schwarz ist wie nur irgendwie möglich. Die Jahre, die Jahrzehnte vergehen, beide versuchen, wenigstens ein bisschen Glück zu finden, doch die Tatsache, dass sie keinen Kontakt haben, ist wie eine Wunde, die nicht vernarbt.

Brit Bennett hat mich bereits mit Die Mütter abgeholt, einem großartigen Roman über Liebe, Verlust und Verrat. In ihrem neuen Werk widmet sie sich erneut dem Leben Schwarzer Menschen, und sie setzt sich dabei ganz bewusst intensiv mit der Farbe der Haut an sich auseinander: Wie „Schwarz“ muss man sein, um als weiß durchzugehen? Und wie verhält man sich dann, wenn beispielsweise die gesamte Nachbarschaft aufgebracht ist, weil Schwarze gegenüber einziehen, wenn sie verachtet und schließlich verjagt werden, stellt man sich einfach blind? Interessant finde ich zudem ihre Beschäftigung mit der Verbindung zwischen Zwillingsschwestern, die ja meist als besonders eng bezeichnet wird. Brit Bennett hat Stella und Desiree einander gegenübergestellt, hat sie fast schon das jeweils andere Ende einer Skala als Position einnehmen lassen – das ist natürlich, in Sachen Konfliktpotenzial, eine sehr gute Idee für eine Geschichte. Zudem enthält das Buch recht große Zeitsprünge, auch die Töchter der beiden Frauen spielen eine Rolle, die nächste Generation ist eingebunden. An ihr zeigt sich, welche Konsequenzen die Entscheidungen der Schwestern haben. Ein sehr wichtiges, politisches, richtig gut lesbares und wirklich kluges Buch. Das ist eine Autorin, die etwas zu sagen hat – und von der wir hoffentlich noch viel hören werden.

Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett ist erschienen bei Rowohlt.

 

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Ich habe so einen Hunger. Ich sehne mich nach queeren Geschichten, nach neuem Stoff, nach Büchern von weiblichen Autorinnen, nach all dem, was mir so viele Jahre lang vorenthalten wurde – auch, weil ich nicht wusste, dass ich danach hätte suchen müssen. Das habe ich nicht gelernt, weder an der Schule noch an der Uni. Wenn ich heute drüber nachdenke, wie viele Bücher von Männern ich gelesen habe, kann ich es kaum glauben, und doch: Das war ganz normal. Ich bin mit fünfzehn, sechzehn zur „literarischen“ Leserin geworden, die Verteilung von männlichen/weiblichen Schreibenden war kein Thema für mich, niemand hat mich jemals darauf aufmerksam gemacht. Das musste erst wachsen, in mir drin. Der Wunsch musste erst entstehen, meine Aufmerksamkeit musste sich neu ausrichten. Mittlerweile ist das passiert, und das Erstaunliche ist: Alles ist in sein Gegenteil gekippt. Während früher die Nabelschau der Autoren das war, was mir literarisch, niveauvoll, lesenswert erschien, ertrage ich sie heute kaum noch: Been there, read that. Ich bin damit durch, ich habe das wieder und wieder vorgekaut bekommen. Ich will die weiblichen Stimmen, und dieses Wollen wirkt wie eine unbewusste Kraft in mir. Sie treibt mich bei der Wahl meiner Lektüre viel mehr an, als ich gedacht habe. Das merke ich an der Zahl der gelesenen Bücher in diesem Jahr: 82 waren von Frauen, 38 von Männern. Dahinter steckt keine Absicht, kein einziges Buch habe ich ausgewählt, WEIL es von einer Frau war. Sondern weil es mich interessiert hat, vom Setting, von der Geschichte, von der Idee. Erst hinterher, erst jetzt, sehe ich, dass ich den Pfad, auf den Schule, Uni und Feuilleton mich gelockt, nein, geschubst haben, verlassen habe. Ich suche im Dickicht nach dem anderen. Ich suche nach dem, was ich nicht kenne. Und ich finde es bei den weiblichen Schreibenden. Das hatte ich nicht geplant, und es freut mich enorm. Ich feiere es, dass ich dieses Jahr so viele großartige Romane von Autorinnen entdeckt, gelesen und empfohlen habe. Ich teile sie mit euch, und dahinter steckt natürlich Aufwand, steckt natürlich Arbeit, die ich investiere, weil ich finde: Das Ungleichgewicht braucht ein Gegengewicht. Es ist mehr als an der Zeit, dass Autorinnen eine große Bühne bekommen. Nicht, weil sie Frauen sind. Sondern weil sie gut schreiben. Ich bin stolz, dass so viele Titel von Autorinnen in meinem Regal stehen. Dass ich so viele Autorinnen kenne – hätte man mich vor zwanzig Jahren gefragt, ich hätte fast nur Männer nennen können. Das hat sich extrem stark geändert, und das ist gut so. Welche Bücher von Frauen habt ihr in diesem Jahr entdeckt? (Ein großes Dankeschön für das Bild geht an Evelyn (Instagram @bookbroker)
, die einen eigenen Account für Handlettering betreibt @zeitzumlettern, folgt ihr für Buchtipps, scharfe Mode und Lettering-Tutorials!) #frauenlesen

Bücherwurmloch

Das Geilste an Weihnachten sind ja die Geschenke! Und zwar nicht nur die, die man bekommt, sondern auch die, die man gibt, nicht wahr. Da wir Lesefreunde sind, haben diese Geschenke gern mal vier Ecken und einen Rücken. Nur: Welches Leseabenteuer soll in diesem Jahr unterm Weihnachtsbaum liegen? Da hab ich was für euch: einen (höchst subjektiven, aber äußerst effektiven) Leitfaden zur Beschenkung von Freunden, Verwandten, Bekannten. Alle Titel hab ich 2020 selbst gelesen, sie wurden also am eigenen Leib getestet. Um die bibliographischen Angaben einzutragen, bin ich zu faul, fragt einfach den Buchhändler eures Vertrauens, ihr wisst ja: #buylocal! Sich die Bücher einfach selbst zu wünschen, ist freilich auch ein heißer Tipp. Gut sind sie alle, sonst stünden sie nicht hier.

Für alle, die einen Schmöker wollen:
Zugvögel von Charlotte McConaghy

Long Bright River von Liz Moore

Für alle, die sich für Politik und Geschichte interessieren:
Apeirogon von Colum McCann

Die Sommer von Ronya Othmann

Alle Hunde sterben von Cemile Sahin

Für alle, die sich zu „Black Lives Matter“ informieren wollen:
Friday Black von Nana Kwama-Abjei-Brenyah

Die verschwindende Hälfte von Brit Bennett


Für alle, die etwas Ungewöhnliches suchen:
Das eiserne Herz des Charlie Berg von Sebastian Stuertz

Der Hund von Akiz

Daisy Jones & The Six von Taylor Jenkins Reid

Für alle, die gern Spannendes lesen:
Der Anhalter von Gerwin van der Werf

Wolfsegg von Peter Keglevic


Für alle, die sich ein (fiktives) Familiendrama wünschen:

Je tiefer das Wasser von Katya Apekina

Vom Land von Dominik Barta

Die wir liebten von Willi Achten

 

Für alle, die literarisch fremde Länder kennenlernen möchten:
Hier sind Löwen von Katerina Poladjan

Ein Lied für die Vermissten von Pierre Jarawan

Die Detektive vom Bhoot-Basar von Deepa Anappara

 


Für alle, die ein unerwartetes Leseerlebnis wollen:
Herr Rudi von Anna Herzig

Roter Affe von Kaska Bryla

This is how you lose the time war von Amal El-Mohtar & Max Gladstone

Für alle, die feministische Themen mögen:
Im Bauch der Königin von Karosh Taha

Mädchen brennen heller von Shobha Rao

Women don’t owe you pretty von Florence Given

Everything I know about love von Dolly Alderton

 

 

 

 

Bücherwurmloch

„Die Männer Griechenlands sind wie Hunde, die um einen Knochen kämpfen“
Jeder kennt ihn: Achill, den strahlenden Kämpfer, Sohn der Meeresgöttin. Schon als Kind wird ihm eine glänzende Zukunft als unvergessener Held vorhergesagt. Als er den verstoßenen Patroklos kennenlernt, der ihm so gar nicht gleicht, weil er nicht musikalisch ist, nicht sportlich, nicht stark, entsteht zwischen den beiden Jungen eine so enge Freundschaft, dass alle anderen im Palast neidisch sind. Achill hält gegen alle Widersacher – allen voran seine Mutter, der diese Freundschaft ein Dorn im Auge ist – an Patroklos fest, und Patroklos folgt ihm an jeden noch so gefährlichen Ort. So landen die beiden später in den Wirren des Trojanischen Krieges, sie geraten in die Intrigen von Agamemnon, Odysseus und der Götter, die um das Schicksal der Menschen würfeln. Hier soll sich Achills Schicksal erfüllen. Und Patroklos ist bis zum Ende entschlossen, ihn nicht zu verlassen.

Madeline Miller hat zwei Talente: Zum einen weiß sie ausgezeichnet über die griechische Mythologie Bescheid, zum anderen kann sie sehr gut schreiben. In Kombination ist aus diesen beiden Talenten das herausragende Buch „Ich bin Circe“ entstanden, das ich letztes Jahr sehr gefeiert habe. Sie hat darin zum ersten Mal aus weiblicher Sicht das bekannte Heldenepos nacherzählt, mit dem viele von uns sich in der Schule gequält haben. Man muss aber sagen: Wenn es einem jemand mit eigenen, wohlklingenden Worten nacherzählt, ist das keine Qual mehr, ganz im Gegenteil, dann werden diese Geschichten sehr interessant. Michael Köhlmeier konnte das, Madeline Miller kann es ebenfalls: Sich den mythischen Stoff aneignen, ihn wiedergeben, sodass man ihn versteht – und sie versetzt ihn zusätzlich mit einer eigenen Note. Circe bekam female empowerment, Achill und Patroklos bekommen eine wunderschöne, intime, queere Liebesgeschichte. Die natürlich im alten Griechenland, in dem die Knabenliebe hochgehalten wurde, niemanden empört hätte, und darum geht es auch gar nicht: Nicht die Tatsache, dass sie beide Männer sind, steht im Vordergrund, sondern ihre Gefühle füreinander. Die Leidenschaft, das Pathos, die Liebe. Wer die griechischen Mythen kennt, wird sich in diesem Buch aufgehoben fühlen, wird vieles wiedererkennen und grinsend nicken. Wer sie nicht kennt, kann sich ihnen mit diesem Roman nähern, auf unkomplizierte und verständliche Weise. So oder so absolut lesenswert! Ich bin gespannt, welcher bekannten Figur Madeline Miller sich als Nächstes annimmt.

Das Lied des Achill von Madeline Miller ist erschienen im Eisele Verlag.

Bücherwurmloch

„In a real adult smile, there is always something other than happiness“
Manchmal, wenn ich deutsche Bücher lese, wenn ich mir die deutsche Verlagswelt anschaue, denke ich: Wo ist sie, die Vielfalt? Wo sind sie, die weiblichen Stimmen, die weiblichen Themen und Protagonistinnen? Dann habe ich diesen Erzählband von Polly Rosenwaike in die Finger bekommen, und die Antwort ist: Sie sind hier. Und schon höre ich in meinem Kopf, wie die deutschen Verlage sagen: Wie, ein ganzes Buch nur mit Kurzgeschichten über Frauen und Mütter? Wer will so etwas lesen, wer soll das kaufen? Ich kenne die Verkaufzahlen von „Look how happy I’m making you“ nicht. Aber ich habe diese Short Storys geliebt. Eben weil sie so sind, wie sie sind: radikal auf das Weibliche konzentriert. Männer sind, wenn überhaupt, nur Nebenfiguren.

In allen 12 Geschichten geht es um das Thema Mutterschaft, und zwar auf völlig unterschiedliche Weise. Da gibt es Frauen, die sich nichts sehnlicher wünschen als ein Baby, da gibt es Frauen, die einen Termin in einer Abtreibungsklinik vereinbaren und Freundinnen, die ihre Mütter verloren haben und sich jedes Jahr am Muttertag treffen. Polly Rosenwaike schreibt über das Gefühl, ein Kind nicht als Erfüllung jeglicher Träume anzusehen, und über das Gefühl, ein Kind nach seiner Geburt nicht zu lieben. Am schönsten und ehrlichsten fand ich die Erzählung über eine Frau, die – längst anderweitig verheiratet und hochschwanger – ihre erste große unerwiderte Liebe wiedersieht, den Mann, der sie am College einfach nicht zurückgeliebt hat. Wie sie sich jetzt, mit Ring am Finger und Baby im Bauch, sichtbar geliebt, gewollt zeigen kann – und sich bewusst gegen eine erneute Zurückweisung entscheidet. Die weiblichen Figuren sind nicht alle stark oder tough oder selbstbewusst, sie sind auch nicht unbedingt emanzipiert, und das spielt keine Rolle, das müssen sie nicht sein. Vielmehr dürfen sie sich ohne Schutzpanzer zeigen, mit all ihren Schwächen und Sehnsüchten oder auch dem Fehlen gewisser Sehnsüchte. Nicht jede Frau möchte Mutter werden oder Mutter sein. Und das ist in Ordnung so. Damit diese Botschaft endlich in unsere Köpfe gelangt, braucht es mehr Bücher wie dieses. Das ist der Grund, warum ich mir auch in der deutschen Verlagswelt mehr Mut für solche Erzählungen wünschen würde, mehr Bekenntnis zu weiblichen Stimmen. Denn sie haben etwas zu sagen.