Bücherwurmloch

„Kein Volk darf ein anderes unterdrücken und selbst in Sicherheit und Frieden leben“
Wie weit kann ein Mensch zählen, wie viele Perspektiven hat ein und dieselbe Geschichte, beispielsweise der Konflikt zwischen Israel und Palästina? So viel ist geschehen. So viele sind gestorben. So unwahrscheinlich ist es, dass jemals Frieden herrschen wird. Ein Apeirogon ist eine mathematische Form mit einer zählbaren Anzahl unendlicher Seiten. Und zugleich der Titel von Colum McCanns neuem Roman, jenem irischen Schriftsteller, der sich in seinen Bestsellern bereits zuvor realer Figuren angenommen hat (in „Der Tänzer“ und „Die große Welt“ etwa, mein absolutes Lieblingsbuch von ihm ist „Zoli“). Rami Elhanan und Bassam Aramin gibt es wirklich, sie sind zwei Männer, die das Schicksal eint: Beide haben ihre Tochter verloren. Abir ist im Alter von zehn Jahren durch ein Gummigeschoss im Kopf gestorben, Smadar war dreizehn, als Selbstmordattentäter sie in den Tod gerissen haben. Rami ist Israeli, Bassam Palästinenser. Und sie sind Freunde. Sie suchen nicht Vergeltung, nicht Rache. Sie bemühen sich um Versöhnung.

Apeirogon ist ein Wahnsinn von einem Buch. Es ist messerscharf und bitter, traurig, verstörend, überfordernd, poetisch, schmerzhaft und großartig. Wie erzählt man eine Geschichte, die so oft schon erzählt wurde? Die so viele Seiten hat und so viele Wahrheiten, jede davon berechtigt? Colum McCann hat 1000 Mini-Kapitel geschrieben, er zählt bis 500 und dann wieder bis 1. Manche bestehen nur aus einem Satz, einem wiederkehrenden Gedanken, einer Beobachtung, andere sind gefüllt mit historischen Fakten oder Informationen über das Bauen von Bomben, Vögel, Seiltänzer, die Vergangenheit, den Krieg. Es fühlt sich an, als steckten tausend Bücher in diesem einen. Selten hat mich ein Roman in seiner unbestechlich klugen Machart derart fasziniert. Apeirogon ist so durchdacht, dass ich verblüfft und respektvoll meinen Hut ziehe. Und das, wo ich dicke Bücher sonst meide, weil sie mich träge machen und zermürben. Aber ich konnte nicht aufhören zu lesen, ich war regelrecht süchtig. Apeirogon ist für mich, und das erstaunt mich selbst, das beste Buch des Jahres. Ein Mosaik aus Worten, ein Kaleidoskop aus Reue, Sehnsucht und Gewalt. Ein Meisterwerk, das zu schreiben sehr mutig war. Eine Chronik dessen, was Menschen einander antun – und wie schwer es ist, der Spirale aus gegenseitigem Hass den Frieden entgegenzusetzen. Israel und Palästina sind eine Wunde, die nicht aufhört zu bluten. Der Schmerz ist zählbar unendlich.

 

 

Bücherwurmloch

„Mit jemandem die Liebe zu einem Buch zu teilen, stiftet eine ganz eigene, beglückende Art der Verbundenheit“
Ich bin ein großer Fan von Lily King. Sie hat mich mit Euphoria begeistert und diese Begeisterung mit Vater des Regens gefestigt. Umso gespannter war ich auf ihr neues Werk, das sie, wie sie sagt, explizit aus einem Grund geschrieben hat: weil es so viele Bücher gibt über den Schaffensprozess männlicher Schriftsteller, aber kaum welche über schreibende Frauen. Ein solcher Roman hätte ihr als junger Frau geholfen, und deshalb hat sie nun beschlossen, ihn selbst zu verfassen. Ich konnte das spüren. Writers & Lovers richtet sich an schreibende Frauen, und während der Lektüre habe ich mich gefragt, wie man das wohl als Nichtschreibender liest. Mich hat dieser Roman – fast schon notgedrungen – angesprochen. Aber geärgert hat er mich auch.

Casey hat ihre Mutter verloren und den Mann, in den sie verliebt war. Sie hat horrende Schulden wegen ihres Studienkredits, den sie abzustottern versucht, indem sie kellnert. Und sie schreibt jeden Morgen, seit sechs Jahren, an ihrem ersten Roman. Wie Casey sich mit Kellnerschichten, Schreibblockaden und Dates herumschlägt, wie sie zweifelt und kämpft und hofft, wie sie trauert und sich neu verliebt, ist großartig geschrieben.

Als ich vor ein paar Jahren bei ihr war, nahm sie mich in den Arm und sagte: „Wenn du morgen abfährst, dann werde ich hier am Fenster stehen und mir sagen: Gestern war sie noch hier, ganz nah bei mir.“ Und jetzt ist sie tot, und ich sage mir das immerfort, ganz gleich, wo ich stehe.

Der Ton ist sehr eingängig, und vieles, was Casey erlebt, denkt, fühlt, konnte ich gut nachvollziehen. Es ist wichtig, dass Lily King dieses Buch dem kreativen Prozess einer schreibenden Frau gewidmet hat. Das Problem ist nur: All das, was Casey erlebt und denkt und fühlt, ist an Männern ausgerichtet. Die Bücher, die sie zitiert, sind von Männern geschrieben. Nur eine einzige Nebenfigur im Roman ist weiblich. Ansonsten geht es ausschließlich um Kerle, um ihren Blick auf Casey, um ihr Urteil, ihre Zuneigung. Und da würde ich Lily King gern fragen, warum sie ihre Idee nicht konsequent umgesetzt hat. Wieso nicht endlich den Fokus WIRKLICH auf das Weibliche legen? Ist unsere Misogynie dermaßen internalisiert, dass weder die Autorin noch jemand im Verlag das gemerkt hat? Wieso feiern alle dieses Buch, ohne das Ungleichgewicht zu spüren? Außer bei Kulturgeschwätz, die das sehr verständlich aufgezeigt und kritisiert hat, habe ich allerorts nur Lobeshymnen gelesen.

Der andere Grund, warum ich leicht genervt war, ist wesentlich persönlicher. Es ist ja gut und schön, dass es endlich einen Roman über eine Schreibende gibt, aber ich will mehr. Mehr Realität vor allem. Ich will ein Buch über eine Schreibende, die sich nicht jeden Morgen stundenlang in Ruhe an ihr Manuskript setzen kann, weil sie permanent von Kindern unterbrochen wird, weil sie sich kümmern muss um andere, weil nie Zeit für sie und ihre Gedanken bleibt. Ich wünsche mir eine schreibende Protagonistin, deren Kinder sie nicht schlafen lassen, die all die Hausarbeit machen muss, mit ihrem Partner über Care-Arbeit und Mental Load und Gleichberechtigung streitet, die ständig versucht, den Kopf oben zu behalten und irgendwie vielleicht doch noch den einen Moment zu erwischen, in dem sich ein paar Sätze zu Papier bringen lassen – sollten die Idee und die Inspiration nicht längst vom Familienalltag erstickt worden sein. Ich wünsche mir echte Bücher über Frauen, in denen dann nicht wieder nur die Männer im Vordergrund stehen. Aber vielleicht ist es wie bei Lily King: Vielleicht muss ich das einfach eines Tages selbst schreiben.

Writers & Lovers von Lily King ist erschienen bei C. H. Beck.

 

 

Bücherwurmloch

„Der Begriff arbeitende Frau ist eine Tautologie. Frauen, die nicht arbeiten, gibt es nicht. Es gibt nur Frauen, die für ihre Arbeit nicht bezahlt werden“
Gleich zu Beginn ein Beispiel, eines der vielen, die dieses Buch so anschaulich machen. Im 20. Jahrhundert waren keine Musikerinnen bei den New Yorker Philharmonikern. Sie wurden nicht eingestellt, obwohl, wie es hieß, die Qualität des Spiels ausschlaggebend sei. Dann änderte sich etwas: Mehr und mehr Musikerinnen wurden aufgenommen. Aber wieso? Weil das „blinde Vorspielen“ eingeführt wurde. Es zeigte Wirkung, die Zahl der weiblichen Mitglieder stieg sofort an. Die Frauen wurden ausgewählt, weil niemand mehr sehen konnte, dass sie Frauen waren. Das zeigt, dass wir alle viel stärker von unserem auf Männer fixierten Blick beeinflusst werden, als uns bewusst ist. Wir glauben, wir handeln gleichberechtigt. Aber wir tun es nicht. Dass diese Welt auf Männer ausgerichtet ist, wissen wir. Nur nicht, wie sehr. Deshalb hat Caroline Criado-Perez dieses Buch geschrieben. Sie hat eine Unmenge an Informationen gesammelt und aufbereitet, sie hat Daten erhoben, die nie zuvor erhoben wurden, weil niemand sich dafür interessiert hat.

„Die Menschheitsgeschichte. Die Kunst-, Literatur- und Musikgeschichte. Die Geschichte der Evolution selbst. Sie alle wurden uns als objektive Fakten präsentiert. In Wahrheit haben diese Fakten uns belogen. Sie alle wurden verzerrt, weil sie die Hälfte der Menschheit nicht berücksichtigen.“

Ob Autounfälle oder Gefahr am Arbeitsplatz, ob Handygrößen oder öffentliche Sportanlagen: Überall werden die Frauen, ihre Bedürfnisse, ihre Körper missachtet. Sie kommen ganz einfach in der Planung nicht vor. Deshalb sterben sie mit höherer Wahrscheinlichkeit in einem Auto, das nicht für sie konstruiert ist. Sie können Sportplätze nicht benutzen, weil sie unbeleuchtet und ungeschützt sind, und das wirkt sich auf ihre Gesundheit aus. Sie sterben an Herzinfarkten, die niemand erkennt, weil die Medizin sich nicht mit der weiblichen Anatomie beschäftigt. Sie haben nicht dieselben Karrierechancen. Sie verdienen weniger. Sie stehen ihr ganzes Leben lang in ewig langen Schlangen vor Toiletten, während die Männer einfach reingehen und pissen – dabei ist die Toilettenfläche für Männer und Frauen gleich groß und somit vermeintlich gerecht. In Wahrheit aber stehen auf derselben Fläche mehrere Pissoirs, es gibt also mehr Pinkelmöglichkeiten, und die Frauen müssen a) sich um Kinder kümmern b) sich um Großmütter kümmern c) während der Periode ihre Tampons wechseln und so weiter.

„Wenn Stadtplaner das Thema Gender nicht berücksichtigen, werden öffentliche Räume im Normalfall zu Räumen für Männer. Doch die Hälfte der Weltbevölkerung hat weibliche Körper.“

Dieses Buch öffnet einem nicht nur die Augen. Es sorgt dafür, dass man sie während der gesamten Lektüre weit aufreißt: vor Überraschung, vor Schreck, vor Jetzt-wird-mir-alles-klar. Am schönsten finde ich, dass die Autorin sich nicht mit Schuldzuweisungen aufhält. Sie betont oft, dass keine böse Absicht dahintersteckt, sondern dass wir vielmehr so sozialisiert sind. Niemand denkt: Oh, wir lassen die Frauen weg, weil wir sie hassen. Sondern sie werden einfach vergessen. Außerdem beweist sie eindrücklich, dass wir alle davon profitieren, wenn die weibliche Bevölkerung in die Planung einbezogen wird, vor allem, weil die vielen Verletzungen und Unfälle ein wirtschaftlicher Faktor sind. Dass die Frauen gleich wichtig sein sollten wie die Männer, ist demnach nicht nur ein emotionales Thema, sondern eine ganz einfache Rechnung.

„Die gesamte Weltbevölkerung bedarf der Fürsorge, die momentan hauptsächlich von Frauen entgeltlos erledigt wird.“

Wann immer ich übrigens von diesem Buch spreche, reagieren die Männer so: „Das ist aber nicht gut recherchiert“, sagen sie und lehnen sich zufrieden zurück. Sie glauben, dass es genügt, wenn sie, die keine Ahnung von dem Thema haben, die sich NOCH NIE damit beschäftigt haben, alle diese eindeutig belegten Beweise von sich schieben. In ihr selbstgefälliges Grinsen möchte ich inzwischen nur noch eines sagen: Go fuck yourself.

Bücherwurmloch

„Sie erinnern sich nur wieder daran, wie es ist, ein Lebewesen zu lieben, das kein Mensch ist“

„Und wie kommst du wieder zurück?“
„Zurück wohin?“
„Nach Galway. In dein Leben. Ist das nicht dort?“
Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll. Eigentlich hätte ich gedacht, mein Leben sei genau hier, bei mir.

Und so verhält sie sich auch: Franny ist eigenwillig, unabhängig, wie ein ungezähmter Fuchs. Sie hat schon als Kind stets den Drang verspürt, einfach loszugehen, weiterzuwandern, nie an einem Ort zu bleiben. Und am liebsten ist sie am Meer. Nein, nicht nur am Meer, sondern im Meer, im Wasser, in der Kälte. Das ist ihr Element. Umso passender, dass Franny sich auf dem Weg in die Antarktis befindet, sie folgt den letzten noch lebenden Küstenseeschwalben. Auf einem Schiff, das sie nicht mitnehmen wollte und das gar nicht mehr in diesen Gewässern fahren darf, hat sie nichts anderes im Kopf als diese wunderschönen Vögel, die ihrem eigenen Aussterben nicht entkommen können – denn der Mensch hat schon so gut wie alle Tiere ausgerottet. Franny ist auf der Reise, auch in die eigene Vergangenheit: Warum war sie im Gefängnis? Wo ist ihr Mann, dem sie Briefe schreibt, der sie und ihre Wanderfüße aber nicht halten konnte? Und was ist mit ihrem Kind geschehen?

Charlotte McConaghy hat den wohl berührendsten Roman dieses Bücherherbsts geschrieben: Ich habe geweint. Und zwar nicht nur ein bisschen. Am Ende der Lektüre war ich tränenüberströmt. Nicht nur wegen der traurigen Ereignisse im Leben der Protagonistin, sondern auch wegen der schrecklich trostlosen Lage der Tiere, die in diesem Buch bereits Realität ist – und es auch bald wirklich sein könnte. Es geht um Umweltschutz in Zugvögel, um die Schönheit der Natur und die Grausamkeit der Menschen, es geht um eine mutige, sture Frau und ihre Weigerung, so zu sein wie alle anderen, es geht um Zusammenhalt innerhalb einer Crew und vor allem geht es um die Liebe. Ich habe sogar jetzt, während ich diese Zeilen schreibe, wieder eine Gänsehaut. Zugvögel hat mich richtig unerwartet erwischt, ich mochte alles daran: den Ton, das Raue, Kalte, die Cliffhanger, das perfekt gewebte Ende, die Sprache. Großartig und unbedingt lesenswert!

Zugvögel von Charlotte McConaghy ist erschienen bei S. Fischer.

Bücherwurmloch

„We spend money and energy to keep ourselves safe from men, and yet still – we are paid less than them“
Ich möchte euch dieses Buch aufs Nachtkästchen legen, ich möchte euch auf den Kopf hauen damit, ich möchte euch die Sätze ins Herz schreiben und auf die Haut tätowieren. Damit ihr sie an euren Körpern lesen könnt und versteht, dass ebendiese Körper eure Sache sind, und zwar eure allein. Florence Given ist erst 21 Jahre alt und hat schon so viel verstanden: Sie ist seit Jahren hier auf Instagram massiv erfolgreich, und ich habe ihr erstes Buch mit Spannung erwartet. Dann war es sogar noch besser als erhofft: Ich habe es in zwei Stunden durchgesuchtet und dachte ständig JA! Ja, das auch. Ja und das! Ja, verdammt! Sie schreibt so ehrlich, klug und authentisch, dass man niemals den Eindruck hat, sie belehre einen aus einer erhöhten Position heraus, ganz im Gegenteil: Sie erzählt von ihrem eigenen Wachstum, von ihrem Weg des Lernens, von den Fehlern, die sie macht und gemacht hat. Denn ihr geht es wie uns: Da ist dieses Gefühl, dass so viel verkehrt läuft mit unserer Wahrnehmung, der Schönheitsindustrie, dem Marketing, dem Patriarchat, das uns Standards aufzwingt, denen wir nicht entsprechen wollen. Dieses Gefühl wird immer stärker und schwerer, und wir haben, gelinde gesagt, langsam die Schnauze voll. Aber wie können wir aus einem System ausbrechen, das uns alle beinhaltet? Wie können wir uns gegen die Zwänge der Gesellschaft stellen?

Dieses Buch, liebe Leute, ist so großartig. Es ist augenöffnend, wahr und tröstlich, es zeigt auf, dass die größte Revolution, die wir anzetteln können, darin liegt, uns selbst zu lieben – so, wie wir sind. In der Akzeptanz des eigenen Körpers liegt eine überraschend große Kraft. Lassen wir uns nicht mehr kategorisieren, in Schubladen pressen, unterdrücken und gleichmachen. Feiern wir die Vielfalt, das Natürliche, das Schöne an uns allen. Ich hab nämlich keine Lust mehr, und ich glaube, viele von euch auch nicht. Wir sind Frauen, aber wir werden über den Blick der Männer definiert – unattraktiv zu sein, bringt uns Nachteile, doch sobald wir zu sexy sind, sind wir in Gefahr. Let’s stop that. Time is up. Lest dieses Buch und andere, informiert euch, weigert euch. Wir sind viele, und wir haben mehr Macht, als wir glauben.

„You don’t owe prettiness to anyone. Not to your boyfriend/spouse/partner, not to your co-workers, especially not to random men on the street. You don’t owe it to your mother, you don’t owe it to your children, you don’t owe it to civilization in general. Prettiness is not a rent you pay for occupying a space marked female.” Erin McKean

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„I want to tell you something about myself. Something true, or nothing at all“
Oh, ich liebe, liebe, liebe dieses Buch! Es war für mich der bisher größte Überraschungshit in diesem Jahr. Ich hatte keinerlei Erwartung, war dann völlig verblüfft – und vor allem absolut fasziniert. Es ist klein und schmal, kommt so unaufgeregt daher, und hat für mich eine unglaubliche Poesie entwickelt. Ein sprachlich herausragendes Werk, das zwei Autor:innen gemeinsam verfasst haben, es sprüht nur geradezu vor originellen Einfällen, Fantasie und Einfallskraft. Man kriegt mich mit guten Ideen (sofern sie auch gut umgesetzt sind), und ich finde es großartig, dass hier sämtliche Regeln gesprengt und sämtliche Grenzen einfach ignoriert werden. Zeitreisen? Aber sicher. Wesen, die nicht schlafen und nicht essen müssen? Bring them on. Briefe, die in Stoff eingewebt sind, in Knoten, Briefe, die man erst lesen kann, nachdem man sie verbrannt hat, Worte, die in Samenkörnern sind und die man hinter seinen Augen speichern kann. Ja, ja, ja.

Red und Blue sind Agentinnen in einem seltsamen Krieg, der sich über alle Orte, alle Zeiten und alle Planeten erstreckt. Sie reisen in die Vergangenheit, um einzelne Menschen oder ganze Heerscharen zu töten, damit sich die Zukunft verändert, sie sind Gegnerinnen und als Einzige einander ebenbürtig. Eines Tages findet Red auf einem Schlachtfeld einen Brief mit der Aufschrift „burn before reading“. Das ist der Anfang eines Briefwechsels, der sich über die Jahrtausende erstreckt, der immer intensiver wird, emotionaler und vor allem: gefährlicher. Diese Zeilen, die die beiden Frauen einander schreiben, gehören wohl zu den schönsten Briefen, die ich je gelesen habe. Ich habe dermaßen mitgefiebert, dass ich manchmal den Eindruck hatte, ich vergesse gleich zu atmen. Wann immer ich nicht weiterlesen konnte, habe ich an diesen Roman gedacht. Ich wollte ewig weiterlesen – und doch gleichzeitig wissen, wie eine so ungewöhnliche Geschichte enden könnte. Sie tut es auf sehr passende, gut gelöste Art und Weise. Wer auf Englisch lesen kann und mag, möge zu diesem fabelhaften Pageturner greifen!

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„Ich vergesse, dass es uns in Wirklichkeit nicht gibt“
Mania und Tomek sind Freunde aus Kindertagen, beide stammen aus Polen. Heute lebt sie in Berlin und arbeitet als Psychologin mit Gefängnisinsassen, während er in Wien zuhause ist. Als Mania von Zahit, einem Geflüchteten, der bei Tomek Unterschlupf gefunden hat, erfährt, dass Tomek verschwunden ist, verlässt sie Berlin und ihr gesamtes Leben, um ihn zu suchen. Gemeinsam mit Ruth, zu der sie eine unergründliche Beziehung hat, Zahit, der keine Aufenthaltserlaubnis hat und wegen Dealens gesucht wird, sowie Hündin Sue macht Mania sich auf den Weg nach Warschau. Dort haben sie Tomeks Handy geortet. Dorthin ist er angeblich mit seiner Freundin Marina gefahren – um ein Versprechen einzulösen, das er ihr gegeben hat.

„Die Dinge, die geschehen sind, sind geschehen, und wir tragen sie in unseren Körpern und Köpfen.“

Ich habe Kaśka Brylas Debütroman an einem verregneten, herbstlichen Sonntagnachmittag verschlungen. Es hat gut gepasst und meine Stimmung getroffen, dieses Flirrende, Melancholische, Geheimnisvolle. Ich war sofort gefangen von dieser ungewöhnlichen Geschichte, von diesem seltsamen Roadtrip. Ein paar kauzige, angeknackste Gestalten, ein Hund, überraschende Notizen – aus diesen Zutaten hat die Autorin, die Kurse in Kreativem Schreiben in Gefängnissen gibt, einen gut lesbaren Roman gewoben, der in meinen Augen viel leichter ist, als das düstere Cover vermuten lässt. Er ist spritzig, schnell, unverblümt, mit schrägen Auswüchsen, die aber gut in die Handlung passen. Roter Affe entspricht dem Profil jener Bücher, die eine unterhaltsame Geschichte enthalten und dabei auf literarischem Niveau agieren. Es sieht eher finster, schwer und kompliziert aus, lasst euch davon nicht abschrecken. Der mitreißende, fast schon brüske Ton macht aus dieser Road Novel ein überraschendes Leseerlebnis, und am Ende zeigt sich, dass es eine runde Sache ist. Ich hatte keinerlei Erwartungen und war letztlich erstaunt, wie gern ich es gelesen habe. Nice one!

„Was ist Glück anderes als Momente, die durch ihre Begrenztheit bestimmt sind?“

Roter Affe von Kaśka Bryla ist erschienen im Residenz Verlag.

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Karen Thompson Walker ist die Frau mit den wilden Ideen: In „The age of miracles“ hört die Erde plötzlich auf, sich zu drehen, in „The dreamers“ schlafen Menschen ein und wachen nicht mehr auf. Leider ist es in dem Fall ein bisschen bei der guten Idee geblieben, die Umsetzung hat mich nicht ganz überzeugt.

„Wie tötet man Billy Elliot?“ von Zura Abashidze ist eine Sammlung von Kurzgeschichten aus Georgien, die wild, absurd, vulgär, gefühlvoll und originell sind. Ich habe sicher nicht alle davon wirklich verstanden, mich vom Rest aber gut unterhalten gefühlt.

„Erinnerung an meine traurigen Huren“ von Gabriel García Márquez ist ein #metoo-Buch, an dem man den Wandel der Zeit festmachen kann: Ein 90-Jähriger „gönnt“ sich zum Geburtstag ein 13-jähriges Mädchen, das mit Schlafmitteln betäubt wird. Das ist unter heutigen Gesichtspunkten nicht nur extrem grenzwertig, sondern unerträglich. Man möchte ihn permanent anschreien, sich zu schämen – und zwar den Protagonisten sowie den Autor.

Helen Oyeyemi hat mit „What is not yours is not yours“ die wohl schrägsten Short Storys geschrieben, die ich dieses Jahr gelesen habe. Sehr fantasievoll, sehr stilsicher, aber auch sehr verwirrend. Es gibt geheime Rosengärten, lebende Marionettenfiguren, schöne Sätze und viele Fragezeichen.

Kurzgeschichten enthält auch „Heads of the colored people“ von Nafissa Thompson-Spires, das schon bevor der Blick vermehrt auf Schwarze Literatur gefallen ist, hochgelobt wurde. Die Storys sind witzig, direkt, sehr unverblümt und smart. Auch hier war ich nicht von allen begeistert, das geht mir bei Kurzgeschichten immer so, aber die meisten fand ich wirklich gut.

„This is how you lose the time war“ von Amal El-Mohtar und Max Gladstone hat mich vollkommen umgeworfen, davon erzähle ich euch bald mehr!

 

 

Bücherwurmloch

„I looked around the room at all these women and their proudly bared breasts – and it felt good”

Roberta ist eine von den Braven. Sie hat einen langweiligen Job bei einem Modemagazin, keine Ambitionen, kaum Freunde. Das Einzige, woran sie wirklich Spaß hat, ist Kochen. Sie kreiert für ihr Leben gern Gerichte. Dann lernt sie die Künstlerin Stevie kennen, die beiden gründen eine WG – und den Supper Club. Dabei treffen sich eine Handvoll Frauen, die einander anfangs fremd waren, regelmäßig an einem neuen Ort, um zu essen. Sie feiern wahre Festgelage, kochen, futtern, werfen abgenagte Knochen hinter sich, bemalen sich die Gesichter golden, ziehen sich nackt aus, tanzen. Es geht ihnen darum, sich zu wehren gegen die Restriktionen, denen Frauen in unserer Gesellschaft unterworfen sind. Statt sich permanent kleiner machen zu lassen, wollen sie bewusst mehr Raum einnehmen – auch, indem sie durch all das Essen langsam dicker und dicker werden.

„It’s about existing in spaces we’re told we shouldn’t exist in, or how we behave in spaces that expect us to behave a certain way, to be a certain thing – and what if we don’t want to be that thing? What if we don’t want to behave in that way? So what if you give up making yourself smaller all the time, and you make yourself bigger instead?”

Supper Club von Lara Williams liegt eine genial, sehr emanzipierte und feministische Idee zugrunde: als Frau zu genießen, statt zu hungern, als Frau Tabus zu brechen, den eigenen Körper und das Essen zu zelebrieren. Es geht in diesem Buch um Sexismus und toxische Beziehungen, um die Bevormundung durch Männer, um das Kleinhalten der Frauen. Immer wieder sind Kapitel eingebaut, die sich ganz der Zubereitung einer bestimmten Speise widmen. Die Erzählung wechselt zwischen Gegenwart und Vergangenheit, als Roberta eine Studentin war. Das ist gut gemacht und abwechslungsreich, ich fand es stellenweise aber auch ein wenig langatmig und mau, weil die Protagonistin ein sehr schüchterner, manipulierbarer Mensch ohne viel Innenleben ist. Ihre Erweckung kommt spät und geht mit dem Konzept der Supper Clubs einher. In meinen Augen hätte die Autorin da noch mehr zustechen können, hätte das schärfer herausarbeiten und am Ende zuspitzen können, leider versandet es ein wenig. Trotzdem ein herausragend gutes Leseerlebnis – und vielleicht eine Inspiration für die eine oder andere unter uns. (Sehr geiles Cover auch, by the way.)

 

 

Für Gourmets: 5 Sterne

„Men, on the whole, are not to be trusted“

„Love is a quiet, reassuring, relaxing, pottering, pedantic, harmonious hum of a thing; something you can easily forget is there, even though its palms are outstretched beneath you in case you fall.“

Ich muss gestehen: Ich hätte dieses Buch nicht gelesen. Ich hab es gesehen, ja, auf allen möglichen Kanälen, aber es hat mich nicht gereizt. Doch dann hab ich in Covid-Zeiten bei der großartigen Buchhandlung Lüders in Hamburg ein Solidaritätspackage bestellt und nur gesagt, dass sie mich mit englischen Titeln überraschen sollen. Das haben sie getan – und Dolly Alderton war dabei. Gott sei Dank! Denn jetzt bin ich regelrecht glücklich, diesen wunderbaren kleinen Schatz in die Hände bekommen zu haben. Ich hab bei Everything I know about love gegrinst, gelacht, genickt, mich extrem angesprochen gefühlt und an zwei Stellen sogar – jaha! – ein bisschen geweint. In sehr persönlichen kurzen Essays erzählt die Journalistin und Kolumnistin von ihrer Jugend und ihrem Erwachsenwerden – in Bezug auf Dating, Männer, Freundschaften und Liebe. Das ist ehrlich, witzig, gänsehautmachend und ebenso traurig wie schön. Jede Frau meiner Generation wird diesem Buch etwas abgewinnen, da bin ich mir sicher.

Das beginnt schon bei Dollys amüsanter Beschreibung der ersten Chaträume des Internets. Wie spannend das war, wie lange es gedauert hat, eine Verbindung herzustellen, wie wir alle gechattet, geflirtet, geschrieben haben, Stunden über Stunden. Und wie irgendwelche Treffen in der Realität nie so gut waren wie erhofft. Sie berichtet von ihrem ersten Rausch und wie normal es für sie und ihre Freundinnen wurde, sich jedes Wochenende – und nicht nur dann – zu besaufen, und während man das liest, erinnert man sich an die eigenen durchtanzten Nächte, an das Gefühl, jung zu sein und wild und so herrlich gedankenlos. Sie beschreibt die Freundschaften zu ihren Freundinnen als eine tiefgehende Verbindung, die Frauen haben (können), und man lächelt bei dem Gedanken an die eigenen Freundinnen. Und schließlich: die Männer. Dates, unverbindlicher Sex, Verliebtheiten und Beziehungen, die entstehen und zerbrechen, wie sich alles verändert, wenn man nicht mehr Anfang zwanzig, sondern Anfang dreißig ist. Dolly macht einen aufreibenden, gefühlsintensiven Weg der Selbstfindung durch und teilt ihre Erkenntnisse mit uns – aber nicht belehrend oder im Ratgeberton, sondern selbstironisch, nachvollziehbar und klug. Ich hab es sehr gern gelesen und bin den Lüders zu Dank verpflichtet für diese Lesestunden, in denen ich selbst ein Resümee darüber gezogen habe, was ich nach 37 Jahren alles über die Liebe weiß.