Bücherwurmloch

„Ich erinnere mich an alle Jahreszeiten. Vor allem an den Winter“
Dass ich so lange gewartet habe, um über dieses Buch zu schreiben, obwohl ich es längst gelesen habe, obwohl der Buchpreis inzwischen vergeben ist, hat einen Grund: Ich wusste, ich würde auf der Messe ein WDR-Interview haben gemeinsam mit Alexander Osang. Und das wollte ich abwarten. Um ihn kennenzulernen und zu hören, was er selbst über dieses Buch sagt, das ihm eine Buchpreis-Nominierung eingebracht und sich ausgezeichnet verkauft hat. Und Alexander Osang hat mich verblüfft: Er ist unglaublich sympathisch, witzig und selbstironisch. Ein sehr zugänglicher, schlauer Mann, der in diesem Gespräch erzählt hat, wie er schreibt, wie er zu diesem Roman kam und dass er in den Neunzigern selbst Radio gemacht hat – eine nächtliche Talkshow, die er verloren hat, weil er einfach gute Mucke gespielt hat und nicht die vom Sender vorgegebenen Songs.

Wir haben über Familien gesprochen und das Wort „ankaputtet“ erfunden, wir haben uns über Beziehungen und äußere Umstände unterhalten, die für die Literatur deshalb interessant sind, weil sie Auswirkungen haben auf alle Generationen, die folgen. Das ist besonders in Alexander Osangs großem Roman der Fall: Konstantin Stein ist von allem eher halb – halb erfolgreich, halb glücklich. Der 43-jährige Filmemacher hat Ideen, das schon, nur an der Umsetzung scheitert es. Als sein Vater ins Pflegeheim muss und Konstantin merkt, dass seine Eltern alt werden, erschüttert ihn das mehr als erwartet. Und da kommt plötzlich seine Mutter ins Reden: Sie erzählt ihm, um ihn zu einem Film zu inspirieren, die Geschichte ihrer eigenen Mutter, der Russin Elena, die eigentlich Jelena hieß und auf dem Weg nach Deutschland so viel mehr verloren hat als den Anfangsbuchstaben ihres Namens. Und so ist Konstantin unsere Stimme in der Gegenwart, während sich die Vergangenheit entfaltet, beginnend 1905, als Jelena vier Jahre alt war und ihr Vater hingerichtet wurde. Ganz der russischen Erzähltradition verhaftet, an die dieser Roman freilich angelehnt ist, lässt er sich Zeit. Und bietet letztlich einen Querschnitt durch das Leben einer Frau – und durch ein gesamtes Jahrhundert.

Alexander Osang ist wohl das Alter Ego von Konstantin Stein, denn Jelena Silber ist seine eigene Großmutter. Die Geschichte mit der Hinrichtung des Vaters, die ist tatsächlich so geschehen. Und indem der Filmemacher nach Russland reist, um mehr herauszufinden über seine Wurzeln, seine Familie, kann der deutsche Autor, der für den Spiegel aus Tel Aviv schreibt und für seine Reportagen mit mehreren Preisen bedacht wurde, in dieser Autofiktion von Jelenas Reise in die andere Richtung erzählen. Seine Großmutter ist geflohen, von Russland nach Schlesien nach Ostberlin, und das ist es doch, was beinahe jede Biografie befeuert hat im letzten Jahrhundert: Hunger und der Wunsch nach einem besseren Leben, der Nationalsozialismus, der Krieg, Angst und Verfolgung. Jelena hatte vier Töchter – eigentlich fünf, doch eine fand früh den Tod – und bleibt eine seltsam unergründliche Figur, die nicht nur immer Opfer war und getrieben, sondern auch versucht hat, sich selbst glücklich zu machen. Dies ist ein massives, gewichtiges Werk, auf das man sich einlassen können muss – es lohnt sich. Die Jury für den Deutschen Buchpreis konnte es. Und ich freu mich auf Alexander Osangs nächstes Buch. Vielleicht darf ich ja dann wieder Radio mit ihm machen.

Die Leben der Elena Silber von Alexander Osang ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397423-2, 624 Seiten, 24 Euro).

Bücherwurmloch

„Das Leben war das, was vorüber war“
Als Adelaidas Mutter stirbt, ist es für sie ein herber Verlust, für ihr Land jedoch nur eine weitere Tote, von denen es mittlerweile so viele gibt, dass kaum noch freie Gräber vorhanden sind.

„Meine Mutter und ich, wir glichen nur uns selbst. Durch meine Adern floss Blut, das mir niemals zu entkommen helfen würde. In diesem Land, in dem alle von jemandem abstammten, hatten wir niemanden. Dieses Land war unsere einzige Biographie.“

Die Rede ist von Venezuela. An der Karibikküste Südamerikas gelegen, hat es 1999 durch die Bolivarische Revolution eine Umwälzung sondergleichen erlebt: Venezuela ist ins Chaos gestürzt, die Bevölkerung wurde systematisch ausgehungert, gefoltert, geplündert. Es gibt dort kein funktionierendes finanzielles System mehr, es gibt kein Essen, keine Sicherheit. Die Menschen sind am Ende, und das ist nicht so dahergesagt, nein, das ist bitterer Ernst. Und davon erzählt Karina Sainz Borgo in Nacht in Caracas.

„Jetzt läuft alles aus dem Ruder: Dreck, Angst, Schießpulver, Tod und Hunger. Als du im Sterben lagst, ist das Land verrückt geworden. Um zu leben, mussten wir Dinge tun, von denen wir uns nicht hätten träumen lassen, dass wir sie tun könnten: plündern oder schweigen, dem anderen an die Kehle gehen oder wegsehen.“

Die Autorin, die selbst aus Venezuela geflohen ist und in Spanien lebt, lässt ihre Sprache von der Wut leben. Rau ist das und ungezähmt, wild und böse und zornig. Dieses Buch muss man ertragen können, ich konnte es nur in Etappen lesen. Es bildet eine Wirklichkeit ab, die so grausam ist, dass man ihr nichts hinzudichten muss, um einen Roman zu erhalten, der aufwühlt und erschüttert. Deshalb ist das ein Werk, über das man sprechen muss, denn wo ist das Bewusstsein für Venezuela? Wo ist das Wissen über die entsetzliche Lage seiner Bewohner?

„In einem mestizischen, seltsamen Land. Herrlich in seinen Psychopathien. Großzügig in Schönheit und Gewalt, über die man hier besonders verschwenderisch verfügte.“

Atemlosigkeit und Panik tragen dieses Buch, aber auch eine tiefe Resignation: Seit zwanzig Jahren wird es in Venezuela schlimmer und schlimmer. Die Aussichten für die Zukunft sind schwarz, niemand schreitet ein, und während dies ein zutiefst politischer Roman ist, ist er auch erfüllt von Emotionalität. Aber nicht von Liebe. Nicht von Zuversicht und Zuneigung. Da ist nur noch Hilflosigkeit. Angst. Und der Wille, andere zu opfern, um selbst zu überleben. Nacht in Caracas ist ein schmerzhaftes, trauriges Buch, ein 220 Seiten langer Hilfeschrei.

„Mein Mund wie ein Revolver, heiß und geladen, der jemanden suchte, auf den er abfeuern konnte.“

Nacht in Caracas von Karina Sainz Borgo ist erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-10-397461-4, 224 Seiten, 21 Euro).

 

 

 

 

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„Du wirst lachen: Ich trolle“
Dieser Roman und ich, wir haben eine Geschichte. Anders kann ich nicht anfangen, über ihn zu berichten, denn ich kannte ihn bereits, da war er noch ein erstes Manuskript. Und: Er war schon damals sehr gut. Witzig, bissig, originell, getragen von einer richtig guten Idee. Das sahen auch die Verlage so, an die mein Bloggerfreund und Kollege Frank Rudkoffsky es geschickt hat. Allein: Erschienen ist es nicht. Und dann hat er ein Durchhaltevermögen an den Tag gelegt, wie ich es wohl nicht besessen hätte – und für das ich ihn sehr bewundere. Umso mehr hab ich mich nun richtig ehrlich gefreut, dass Fake – einst hieß es noch 1Elf – bei Voland & Quist eine so großartige Heimat gefunden hat. Und nicht nur das: Das Buch ist auch noch besser geworden.

Frank Rudkoffsky, der bereits mit seinem Debüt Dezemberfieber aufhorchen hat lassen, erzählt darin eine Geschichte, die aktueller nicht sein könnte: Es geht um Hatespeech und Trolle im Internet, um die Art, auf die wir uns virtuell gegenseitig fertigmachen, aber auch um Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau, Karrierechancen und Frustpotenzial. Frank schreibt darüber derart lässig, dass man es unheimlich gern lesen mag – und dann, obwohl es lustig ist, obwohl man lacht, langsam ins Nachdenken kommt. Das ist eine der Stärken dieses Romans, der uns so ungeschönt vor Augen führt, wie unkontrolliert wir uns im Internet austoben, hassen, zerfleischen – und welche Folgen das haben kann und hat. Konkreter: Sophia hat es bei Daimler weit gebracht und wollte eigentlich mit Jan eine Weltreise machen. Doch eine ungeplante Schwangerschaft machte ihr einen Strich durch die Rechnung, und so muss Sophia jetzt sowohl auf die Karriere als auch auf den Trip verzichten und ist stattdessen in einer Wohnung in Stuttgart gefangen – mit einem plärrenden Baby. So weit, so schlimm, und wie Frank Rudkoffsky das beschreibt, Leute, so ist es wirklich: Geradezu meisterhaft hat er die Wut und die Müdigkeit eingefangen, die Hilflosigkeit, die man angesichts eines schreienden Kindes empfindet, die Liebe, die aufwallt, aber auch niedergewalzt wird von dem Wunsch, alles möge anders sein. Um ihren aufgestauten Zorn irgendwo entladen zu können, legt Sophia mehrere Fake-Profile an und trollt munter durch verschiedene Foren und auf Facebook. Jan strauchelt derweil beruflich, er möchte sich als freischaffender Journalist einen Namen machen, und das gelingt mehr schlecht als recht – bis er aus dem Herzen einer Pegida-Demonstration berichtet. Doch was er sich da geleistet hat, war nicht ganz sauber, und so schwitzt Jan Blut und Wasser vor Angst, dass er auffliegen könnte. Jemand scheint ihm auch schon auf den Fersen zu sein – natürlich im Netz.

Das Internet ist ein seltsamer Ort: Ich bin nicht der Meinung, dass es uns zu schlechteren Menschen macht. Ich denke, die Menschen sind sowieso schlecht, und das Netz bietet ihnen eine weitere Möglichkeit, das auszuleben. Und zwar ohne jegliche Zurückhaltung. Davon schreibt Frank Rudkoffsky rasant, gewitzt und klug und mit viel Gefühl für eine gute Story. Fake ist das Buch der Stunde, das Buch unserer Zeit. Es zeigt, wie schnell die Dinge entgleiten und entgleisen – sei es im engen Familienverband, sei es im großen virtuellen Netzwerk – und wie stark wir gelenkt werden von unseren Egos, denen wir sogar unsere Partnerschaften opfern würden. Frank, ich mochte dein Buch von Anfang an, und jetzt, wo es gedruckt ist, mag ich es noch mehr. Es ist scharf und schlau und raffiniert. Ich lege es euch mit Nachdruck ans Herz, ihr werdet alle etwas darin wiederfinden, das ihr auf diese Weise schon gedacht und empfunden habt – nur nicht in so gute Formulierungen gegossen.

Fake von Frank Rudkoffsky ist erschienen bei Voland & Quist (ISBN 978-3-863912-47-5, 240 Seiten, 20 Euro).

 

 

 

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„Der Himmel ein Viereck, bevor sie die Augen schließt“
Da ist eine Frau namens Manu auf dem Dach, und alle denken, dass sie springen will, stundenlang geht das so, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Die Feuerwehr ist da und die Polizei, die Leute stehen sich die Füße in den Bauch, filmen mit ihren Smartphones. Was wird sie tun? Um diese Kernstory ranken sich Geschichten über jene Menschen, die dort wohnen, die Kontakt mit Manu hatten, die den Laden nebenan führen oder mit ihr verwandt sind. Simone Lappert, die mich mit Wurfschatten sehr begeistert hat, hat mit Der Sprung einen Roman geschrieben, der sozusagen aus interlinking Short Stories besteht – kurzen Momentaufnahmen, die nur lose zusammenhängen. Für manche Figuren gibt es Berührungspunkte mit Manu, andere kommen durch geografische Zufälligkeiten ins Spiel. Essenziell dabei ist – und logisch von der Erzählstruktur her –, dass Manu selbst nicht zu Wort kommt, ihre Funktion besteht einzig darin, der Dreh- und Angelpunkt zu sein.

Simone Lappert ist eine Meisterin der Alltagsbeobachtung. Es sind die kleinen Momente, in denen sie stark ist: Einsamkeit zeichnet sie mit wenigen Strichen, Sehnsucht, Verlorenheit. Ihre Figuren sind auf der Suche, manche leben in der Vergangenheit, andere verlieben sich zum ersten Mal, so richtig glücklich ist niemand, natürlich nicht, das ist in den guten Romanen ja immer so. Die Form, in der sie ihr neues Buch angelegt hat, kommt ihr sehr entgegen: Von elf Menschen erzählt sie, sehr knapp, ohne gefühlige Tiefe, dafür mit einem scharfen Blick für die Routine, in der sie alle gefangen sind, jeder auf seine Weise. Manche Stränge hätte ich nicht gebraucht, der mit dem dicken Kind, das gemobbt wird, war mir zu klischeehaft, den mit dem Modedesigner und dem Hut fand ich ein wenig überkandidelt, und mit dem Ende war ich nicht einverstanden: Wenn Charaktere das ganze Buch über auf bestimmte Weise angelegt und aufgebaut werden und zum Schluss konträr handeln, enttäuscht mich das stets ein wenig. Aber: Ich bin innerhalb von drei Stunden durch dieses Buch gerauscht, ich saß im Zug und habe gelesen und gelesen, völlig gebannt. Ich hab sie liebgewonnen, Finn und Manu und Egon und Felix, für eine Weile war ich bei ihnen, in ihren Wohnungen, in ihren Leben, habe mitgefiebert und war an ihnen interessiert. Darin liegt die Kunst von Simone Lappert: den Leser mit wenigen Worten für elf Personen zu begeistern, die nicht einmal existieren.

Der Sprung von Simone Lappert ist erschienen bei Diogenes (ISBN 978-3-257-07074-3, 336 Seiten, 22 Euro).

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„Wie soll ich denn etwas wollen, wie soll ich Spaß haben, wie soll ich überhaupt leben“
Da ist eine, die nach einem Verlust kaum aufstehen kann, weil alles so wehtut, jeden Tag tut es weh und in der Nacht sowieso, und sie nimmt den letzten Rest ihrer Kraft und fängt an zu laufen. Anfangs kommt sie nicht weit, weil der Körper nicht mitmacht, weil er sich verweigert, die Lunge brennt, die Beine schmerzen, sie kann nicht mehr, laufen nicht und lachen nicht und leben eigentlich auch nicht, aber sie muss. Es gibt keine Alternative, also rafft sie sich auf, wieder und wieder, und beim Laufen sprudeln die Gedanken, die Gefühle, ein einziger langer Monolog spult sich da ab, während sie rennt und schwitzt und weint und in den Dreck fällt, während sie sich wünscht, alles wäre anders gekommen, ganz anders. Wann war der Moment, als sie die Zeichen übersehen hat, wann hätte sie noch etwas ändern können und ist es ihre Schuld? Wie kann sie dieser Schuld davonlaufen, wenn sie doch in ihr drin ist, wie kann sie an seinem Geburtstag normale Dinge tun und am Jahrestag und am Todestag, an jedem Tag eigentlich, wie kann sie ihre Musik machen und arbeiten und knutschen, sich vielleicht sogar wieder neu verlieben, darf sie das, und wieso hat er sie dazu gezwungen, wieso hat er sich einfach davongemacht, wo sie doch noch so viel wollten? Tauchen lernen wollten sie und musizieren und streiten und einfach nebeneinander liegen, schweigend, aber das ist jetzt weg, die Zukunft ist weg und die Liebe und er sowieso.

Isabel Bogdan hat einen Roman geschrieben, der literally atemlos ist: Da rennt eine Frau um ihr Leben oder ihrem Leben davon. Nach einem schrecklichen Verlust ist da dieses riesige Loch, vor dem sie flüchten möchte, und sie läuft. Ein schier endloser Gedankenstrom schlägt dem Leser entgegen, und man kann nichts entgegensetzen, man muss sich ihm ergeben. Sich treiben lassen, hinein in den Monolog, hinein in das Gefühl, die Verzweiflung, die leise Hoffnung, die aufschimmert, da, zwischen den Tränen und der Wut. So zu schreiben, ist mutig von Isabel Bogdan, mutig aus mehreren Gründen: Sie löst sich ganz klar von ihrem Wunderbestseller Der Pfau, macht etwas völlig anderes. Sie greift ein Thema auf, das heikel ist und schmerzhaft und fies, weil man darum lieber einen Bogen machen möchte, statt die emotionalen Ohrfeigen anzunehmen, die das Buch austeilt. Und sie reiht Wort an Wort, bis die Sätze so lang sind, dass man kaum noch Luft bekommt – genau wie die Protagonistin. In Kombination ist es das, was Laufen so gut macht: Es ist anders, es tut weh, es ist hervorragend komponiert. Ein wichtiges, schönes, ironischerweise lebensbejahendes Buch.

Laufen von Isabel Bogdan ist erschienen bei Kiepenheuer & Witsch (ISBN 978-3-462-35005-0, 208 Seiten, 20 Euro).

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„Komm ins Haus, mein Kind, mach die Tür hinter dir zu und vergiss ihn“

„Sieh ihn dir genau an, Bess, diesen einfältigen Menschen, meinen Bruder John Cyrus Bellman. Einen größeren Dummkopf wirst du nie wieder zu Gesicht kriegen. Wenn man mich fragt, zählt er ab heute zu den Verlorenen und Verrückten.“

Das bekommt Bess von ihrer Tante zu hören, als ihr Vater sich aufs Pferd schwingt und seine Heimat verlässt. Er hat einen Artikel gelesen über etwas Wildes, Unbekanntes, über Knochenfunde, weit, weit entfernt, und er kann an nichts anderes mehr denken. Er will dorthin, er will sie finden, er will sie sehen, die exotischen Tiere. Deshalb bringt er seine Tochter zu seiner Schwester und bricht auf zu einem Abenteuer, für das alle ihn auslachen, für das er vermutlich nicht die richtige Ausrüstung und nicht genug Expertise mitbringt. Und während Bess zu einer jungen Frau heranreift, den giftigen Bemerkungen der Tante ausweicht und den gefährlichen Griffeln mancher Männer, während sie auf Briefe von ihrem Vater wartet, reist dieser mit einem kundigen Indianer durch Gegenden, die ihm nach und nach alles rauben: seinen Besitz, seine Zuversicht, seine Lebensgeister.

Carys Davies, die bereits für ihre Kurzgeschichten ausgezeichnet wurde, hat ein Buch geschrieben mit einem merkwürdig eigenwilligen Zauber: Es ist eine kurze Story über einen Abenteurer, so anders als alles, was wir heute kennen. Ihr Protagonist hat etwas von einem amerikanischen Don Quichotte und findet sich in der altbekannten Geschichte von einem, der auszieht, weil ihm sein eigenes Leben nicht genügt, weil er sich beweisen will, etwas Neues finden und erkunden will. Ihm zur Seite wird, auch das ein klassischer Kniff, ein Geselle gestellt, in diesem Fall mit dem großartigen Namen Alte Frau aus der Ferne, und hier bringt die Autorin das Zeitgeschehen ein: Der Roman spielt 1815, und die Ausbeutung der Indianer ist überall spürbar. Obwohl dieses Buch mit einem vermeintlich auserzählten Motiv spielt, hat Carys Davies einen Ton gefunden, der das Interesse des Lesers weckt und aufrechthält. Man verspürt Zuneigung und Abneigung im selben Maße, und man sieht all diese Bilder, ohne dass die Autorin sie zeichnen muss: die Planwagen, die Prärie, die Indianer, die Toten. Ein raffiniertes, virtuoses Buch.

West von Carys Davies ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87606-1, 208 Seiten, 20 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

„Das Traurigsein, Marili, wird erst aufhören, wenn ich sterbe“
Marili ist vier Jahre alt, sie wächst auf dem Bergbauernhof ihrer Großeltern auf, eine Mutter hat sie nicht. Sie beobachtet den Schnee, den Schlaf des Opas, die Traurigkeit der Oma durch kindliche Augen, sie weiß noch nicht, was all das bedeutet – und sieht doch schon so viel. Vor allem auch: dass nicht alles gut ist, ganz im Gegenteil. Wenig Gutes hat auch die Ehefrau in der Novelle Wir töten Stella zu erzählen: In einem schonungslosen Bericht macht sie deutlich, wie viel Schuld sie am Niedergang von Stella trägt. Das neunzehnjährige Mädchen kommt ins Haus der Familie, und vor den Augen seiner Frau und seiner Kinder nutzt der Ehemann dessen Jugend aus, dessen Unschuld, dessen Schwärmerei. Die Gattin weiß, was er tut, sie sieht erst Stellas rote Wangen und glückliche Augen, sieht später ihr bleiches Gesicht und die Verzweiflung. Sie ist kalt und distanziert.

„In der Tat war ja nichts mehr gutzumachen. Stella würde eine Zeitlang heftig leiden und dann anfangen, sich zu beruhigen, wie wir uns alle beruhigen müssen, wenn wir am Leben bleiben wollen.“

Doch Stella will nicht am Leben bleiben, und als sie tot ist, da kann die Ehefrau nicht anders, als abzurechnen mit der eigenen Untätigkeit.

„Einmal war alles gut und in Ordnung, und dann hat jemand die Fäden verwirrt. Ich kann den Anfang nicht mehr finden, und das Gespinst unter meinen Händen verwirrt sich von Tag zu Tag mehr, es wächst und wuchert, und eines Tages wird es mich begraben und ersticken.“

Man kennt Marlen Haushofer für ihr großartiges Werk Die Wand. Ihre scharfen Novellen sind jedoch nicht minder großartig: Als Erzählerin war sie furchtlos. Sie ging Themen an, über die sonst kaum geschrieben wurde, nicht aus Frauensicht zumindest, sie schrieb pointierte Sätze, sie beobachtete so klar und unverstellt, und sie konnte, was sie sah, auch in Worte fassen. Ich lese diese kleine Sammlung zwei ihrer Geschichten, ich lese sie in dieser engen Schrift, in der Bücher früher gesetzt wurden, in dieser Sprache, die noch nicht antiquiert anmutet, aber auch längst nicht mehr modern ist, einer anderen Zeit entsprungen, einem anderen Stil verhaftet, und denke nur, wie gut das alles ist. Wie gut es geschrieben ist und auf den Punkt gebracht. Wie sehr Marlen Haushofer es verdient hätte, noch zu Lebzeiten berühmt zu werden. Wie sie heute einen festeren Platz im Literaturkanon haben sollte, einen Platz von denen, die nur den männlichen Schriftstellern gehören. Es ist faszinierend, dass so kleine Geschichten offenbaren, was für eine große Autorin sie war. Lest alles von ihr, es ist hervorragend.

Wir töten Stella / Das fünfte Jahr von Marlen Haushofer wurden 1958 und 1953 zuerst veröffentlicht und sind in der Neuauflage bei Ullstein erschienen (List Taschenbuch).

 

 

 

 

Bücherwurmloch

„Die Reue macht die Dinge schwer, gleichzeitig einzigartig“
Stella hadert mit ihrem Leben, nicht viel, nur ein bisschen, gerade genug, dass das große Glück außer Reichweite scheint. Jason hat sie im Flugzeug kennengelernt, er hat ihre Hand gehalten und nun sind sie zusammen, sie haben ein nettes Haus, die gemeinsame Tochter Ava ist süß. Stella arbeitet als Altenpflegerin und ist nicht zufriedener oder unzufriedener als andere. Jason ist oft beruflich unterwegs, und dann haben die beiden Mädels ihre Routine. Die jäh unterbrochen wird: Vor der Tür steht ein Mann mit dem unglaublich dämlichen Namen Mister Pfister. Er wolle mit Stella reden, sagt er, und sie verweigert es ihm. Von da an kommt er jeden Tag, klingelt, legt einen Brief oder eine Karte in den Postkasten und geht wieder. Es bedeutet vielleicht nichts und ist dennoch beunruhigend, es wirft Stella aus der Bahn. Sie erzählt Jason davon, der typisch männlich-aggressiv reagiert. Es beginnt mit einem Finger auf einem Klingelknopf – und es eskaliert.

Judith Hermann ist bekannt für ihre klare, kräftige Sprache, die leise und vorsichtig daherkommt und dabei langsam Fahrt aufnimmt. In diesem schmalen Band sammelt sie Holz für ein Feuer, sammelt Worte für ein fulminantes Ende, sammelt Gefühle für ein Überkochen. Die Erzählung ist seltsam verstörend, nicht spannend, nicht thrillermäßig, sie hat keinen Drive und keine Krimi-Elemente, aber man folgt ihr trotzdem aufgeregt und nervös. Es ist klar: Da wird etwas geschehen. Da ist etwas nicht in der Norm, und das kann nicht gutgehen. Nicht alles, was die Protagonisten tun und empfinden, ist für mich nachvollziehbar, und irgendwie wirkt das Buch auf mich wie eine Studie: Wenn ich einen Mann erfinde, der täglich zum Haus einer Frau geht und ihr eine Botschaft hinterlässt, wann knallt es – und in welcher Form? Als wären Mister Pfisters Briefe die Tropfen der chinesischen Wasserfolter. Und Stella, ja, die ist doch sowieso nicht ganz zurechnungsfähig, die ist doch eh nicht im Gleichgewicht, das war sie nie, bisschen frustrierte Hausfrau, bisschen unglückliche Mutter – die perfekte Kombination, um eine kleine Vorstadtbombe zu zünden. Missverständlich ist allein der Titel: Eine Liebe ist das letzte, was hier anfängt.

Aller Liebe Anfang von Judith Hermann ist als Taschenbuch erschienen bei S. Fischer (ISBN 978-3-596-19641-8, 224 Seiten, 9,99 Euro).

Bücherwurmloch

„Um zu hassen, müsste man erst mal wissen, worauf es ankommt“
Britta und Badak sind schon seit ewigen Zeiten Freunde, und nicht nur das: Gemeinsam haben sie eine Agentur gegründet. Niemand weiß, was die beiden dort treiben, und das soll auch so bleiben – denn im Geheimen betreiben sie ein ebenso ungewöhnliches wie lukratives Geschäft mit dem Tod. Britta ist eine abgeklärte Frau, sie hat einen Mann und ein Kind und keine Illusionen. Es geht ihr gut. Ihre Geschäftsidee setzen sie und Badak ohne Skrupel um, sie verlassen sich auf ihr ausgeklügeltes System, Geld ist genug vorhanden, und sie führen ein süßes kleines Spießbürgerleben.

„Auf die Frage, wie es ihr gelinge, in der heutigen Zeit immer so fröhlich zu sein, hat Janina einmal geantwortet: Ich genieße es in vollen Zügen, dass mich die allermeisten Dinge nichts angehen.“

Bis plötzlich die Konkurrenz auf den Plan tritt. Jemand, der auch ein Stück vom Kuchen will – oder am liebsten den ganzen Kuchen. Und der dabei vor nichts zurückschreckt.

„Globalisierung bedeutet, nirgendwohin fliehen zu können. Weil alles immer schon überall ist. Da wird Selbstmord zum letzten Notausgang.“

Leere Herzen von Juli Zeh ist ein wirklich gut gemachter Unterhaltungsroman, der vor allem von seiner originellen Idee lebt. Die Agentur, die Britta und Badak haben, ist das Herzstück dieser Geschichte, und so abwegig das alles vielleicht klingt – so glaubwürdig ist es gleichzeitig. Gut möglich, dass es Menschen gibt, die tatsächlich auf diese Weise viel Geld verdienen, ich kann es mir vorstellen. Juli Zeh kann ausgezeichnet schreiben, in diesem Fall liegt das Gewicht aber nicht auf ihrer Sprache. Das muss es auch nicht, weil das Buch von seiner Handlung angetrieben wird, vom Inhalt, von der Story – und ihrer Entwicklung. Das ist spannend, mit klugen Wendungen und einem absolut gelungenen Ende. Ich habe Leere Herzen im Urlaub gelesen, und dafür war das Buch ideal: flüssig und schnell zu lesen, nichts zu Hochtrabendes, aber auch nicht zu seicht. Am meisten mochte ich Brittas sarkastischen Ton, ihre allgemeine Abneigung gegen Menschen, ihren rabenschwarzen Blick auf das Leben. Perfekt für alle, die sich auf gutem Niveau unterhalten lassen wollen.

„Aber vielleicht ist Britta mit ihrem Nihilistenstolz auch nur ein Dinosaurier, der sich für den Größten hält, während er ausstirbt.“

Leere Herzen von Juli Zeh ist erschienen bei Luchterhand (ISBN 978-3-630-87523-1, 352 Seiten, 20 Euro).

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Eine Liebe durch die Jahrzehnte
„Ich warte nie auf jemanden, schon gar nicht auf einen wie dich“, dieser Satz gehört zu den ersten Worten, die Louise an Léon richtet. Das ist noch während des Ersten Weltkriegs, im französischen Umland, wo sie einander kennenlernen – Léon arbeitet am Bahnhof, Louise für den Bürgermeister, während die Front immer näher rückt. Das wird ihnen zum Verhängnis, denn kaum haben sie sich verliebt, reißt ein Angriff sie auseinander und sie finden sich viele Jahre lang nicht wieder. Erst als Léon in Paris lebt, längst verheiratet ist und Kinder hat, trifft er unvermutet auf Louise, die er tot geglaubt hat. Und damit geht etwas weiter, das man nicht Beziehung nennen kann, auch nicht Freundschaft oder Affäre, vielmehr ist es eine lebenslange Verbundenheit, eine Liebe, die nicht verschwindet – nicht im Zweiten Weltkrieg, nicht durch Distanz, nicht durch Kontaktlosigkeit, einfach gar nicht.

So viel habe ich bereits über Alex Capus gehört, so oft wurde mir von ihm vorgeschwärmt – und nie habe ich etwas von ihm gelesen. Jetzt, wo ich Léon und Louise kenne, frage ich mich: Warum bitte nicht? Das ist perfekte Wohlfühlliteratur auf annehmbarem Niveau. Das ist schön und süß und grade so bitter, dass man ein bisschen weinen muss, aber auch versöhnlich genug, dass man glücklich ist am Ende. Das ist so ein Hach-Seufzer-Buch, ein Ach-wie-wunderbar-Buch, ein charmantes, entzückendes Buch. Besonders, weil der Ich-Erzähler der Autor selbst ist und Léon und Louise seine Großeltern sind. Was könnte es Tragischeres und Bewegenderes geben als zwei Liebende, die nicht zueinanderfinden können, weil die äußeren Umstände es verhindern? Das ist der Stoff von vielen Geschichten der Weltliteratur ebenso wie von SAT1-Schnülzchen. Viele Leute haben mir geschrieben, dass sie dieses Buch lieben, und hej, ihr, ich gehöre jetzt zu euch.

Léon und Louise von Alex Capus ist als Taschenbuch erschienen bei dtv (ISBN ISBN 978-3-423-14128-4, 320 Seiten, 10,90 Euro).