Bücherwurmloch

„Jeder weiß, dass er sterben muss und vergisst es wieder und vertrödelt seine Zeit auf der Erde“
Ein Buch über den Holocaust, ein Buch über Auschwitz. Ein Buch über Gräuel, so gewaltig, dass man sie sich nicht vorstellen kann, dass das tatsächlich geschehen ist, weil es den Verstand übersteigt und das Herz sowieso. „In diesem Buch sind Taten beschrieben, zu denen ein Mensch nicht fähig sein sollte“, sagt Margarete Mitscherlich im Nachwort, „der Roman beschreibt Menschen, die mit makabrem Witz, Humor, Zynismus, Verdrängung, zwanghaftem Erzählen-Müssen und nicht abzustellenden Assoziationen – Rampe, Gas, Schornstein, Stacheldraht – versuchen, das Leben nach Auschwitz zu meistern.“ Das trifft es sehr gut, und das IST auch sehr gut. Monika Held hat einen Weg gefunden, von einem Leben zu erzählen, das nur noch ein halbes ist, ein Viertel vielleicht, einem Leben, das sein Ende hätte finden sollen, aber nicht tat. Wie kann man, wenn man dem größtmöglichen Elend dieser Welt in die Seele geschaut hat, noch einmal lieben? Wie kann man glauben, wie kann man lachen?

„Er wollte ein glaubwürdiger Zeuge sein, dafür war er am Leben geblieben.“

Heiner wird nach Auschwitz gebracht, weil er Kommunist ist, und als er später aussagt beim Prozess gegen die Nazis, trifft er auf Lena.

„Liebe kann man nicht erklären.
Versuch es.
Liebe, sagte Lena, ist wie Luft. Du siehst sie nicht, aber du atmest sie ein. Du kannst sie greifen und hast nichts in der Hand.“

Sie verlieben sich, und Lena zweifelt. Nicht an der Liebe zweifelt sie, sondern an ihrer eigenen Fähigkeit, mit Heiner zu leben. Weil er zutiefst zerstört ist, von innen nach außen gekehrt, eine Erinnerung von einem Mann. „Schau, Lena“, sagt er wieder und wieder und wieder, und dann führt er sie in Dunkelheiten, aus denen sie nicht entkommt. Er kann nicht arbeiten, nicht schlafen, er isst mit einer Getriebenheit, die erbarmt, er wird und soll und darf nicht schweigen über das, was er gesehen und erlebt hat. Und doch. Wie hört man zu, zehn, zwanzig, dreißig Jahre lang? Wie erträgt man das Dunkle, den Schmerz, das Grauen?

„Heiner, flüsterte Lena, wo in euch ist das Archiv, in dem ihr die Erinnerungen aufbewahrt? Ihr verändert die Geschichte, ihr schreibt sie um, ihr erzählt sie jedes Mal anders, merkt ihr das? Wenn ich einen Text, der mich zum Weinen bringt, zehn mal lese, kommen keine Tränen mehr – ist das der Grund, warum ihr die Geschichten verändert? Macht ihr es nicht für die anderen, sondern für euch? Wollt ihr eure Trauer retten?“

Ich bin lange um dieses Buch herumgeschlichen, denn ich wusste – natürlich –, dass es mir wehtun würde. Ja, ich habe geweint. Ja, es gab Momente, in denen ich dachte, ich müsste mich gleich übergeben. Ich habe viel gelesen über den Holocaust, ich werde es auch weiterhin tun, eine Abstumpfung stellt sich nicht ein. Zum Glück, denn das ist das Letzte, was passieren darf – dass wir abstumpfen gegenüber der Vergangenheit, die uns immer noch in den Knochen sitzt.

„Als wäre die Strecke eine Einbahnstraße, fuhr immer nur Lena nach Wien, nie Heiner nach Frankfurt. Mein Schatz, schrieb er, in Dein Land zu kommen und durch Deine Stadt zu laufen, ist wie Geisterbahn fahren. Ich weiß nie, aus welcher Ecke mich der Teufel anspringt.“

Mit vierzehn war ich in Mauthausen, ich bin die Todesstiege hinuntergegangen und wieder hinauf, ich habe Baracken gesehen und Bilder und Stofffetzen und Lampen mit Menschenhaut. Ich war danach nicht mehr dieselbe, und ich werde es nie mehr sein. Und das, obwohl ich nur Erinnerungen betrachtet habe, nur Spuren. Wie muss es gewesen sein, dort zu (über)leben? Zuzusehen, wie Menschen erschlagen, gefoltert, verhöhnt und zerprügelt werden? Wie kann man noch Mensch sein danach, wie kann man noch zur selben Spezies gehören wie diese Ungeheuer? Wie kann man noch lieben – und Liebe annehmen?

„Liebster Schatz, schrieb Lena, wir haben zwei Karten für die Geisterbahn gelöst, vergiss das nicht.
Mein Schatz, schrieb Heiner, die Frage ist dumm, ich frage trotzdem: Wie kannst Du einen wie mich lieben?
Lena ging mit der Sprache strenger um als Heiner. Ich liebe nicht einen wie Dich, ich liebe Dich.“

Ich weiß es nicht. Ich werde nicht sagen, dass Liebe stärker ist. Und Monika Held sagt das auch nicht. Sie zeigt, wie schwer es ist, unmöglich fast. Sie zeigt, wie weh es tut, immer noch, jeden Tag, durch all die Jahre. Und trotzdem.

„Das Paar war in der Nacht von Stille und Frieden umgeben. Wenn man Liebe sehen könnte, läge sie in diesem Bett.“

Es geht um die absolute Entwürdigung. Um das Ende. Und gleichzeitig um die absolute Liebe. Um einen neuen Anfang. Es geht um den Tod von Millionen Menschen. Und um die Pflicht von uns allen, wider das Vergessen zu kämpfen.

„Immer dieses verfluchte Auf Wiedersehen, sagte Heiner. Wo denn, mein Freund, in welchem Land, an welchem Grab?“

Der Schrecken verliert sich vor Ort von Monika Held ist erschienen bei Eichborn/Bastei Lübbe (ISBN 978-3-404-17626-7, 271 Seiten, als Taschenbuch 11 Euro).

Bücherwurmloch

„Ich glaubte nicht mehr daran, dass es noch weitere Veränderungen geben würde. Dann fand ich das Kind“
Skalde lebt mit ihrer Mutter Edith in einem Haus, nur die beiden, weitgehend abgeschnitten von der Gemeinschaft. Und eine seltsame Gemeinschaft ist das, eine, die so sehr für sich sein will, dass sie vor Jahren beschlossen hat, die Brücke – die der einzige Weg war, wie man den Ort erreichen konnte – zu zerstören. Niemand kann hinein. Niemand kann hinaus. Edith war die Letzte, die hierherkam, und man will sie heute noch nicht hierhaben. Skalde ist ein einsames Kind und später eine verschrobene Frau, die beiden haben sich eingerichtet in ihrem Zusammenleben, gehen einander großteils aus dem Weg. Edith trägt jahraus, jahrein einen viel zu warmen Kaninchenfellmantel, liegt tagelang in der Badewanne und scheint nie zu essen. Skalde kümmert sich um den Garten und versucht, Vorräte anzulegen – denn die Nahrungsmittel werden immer knapper. Und dann taucht das Kind auf: Die rothaarige Meisis scheint aus dem Nirgendwo zu kommen. Skalde nimmt sie auf, obwohl sie sich damit jede Menge Ärger einhandelt.

„Es kommt mir vor, als wären die Mauern des Hauses aus Papier, die Wände viel zu fragil, als ließe es sich nur in wenigen Handgriffen zusammenfalten, niederbrennen, in Schutt und Asche legen.“

Helene Bukowski hat ein Buch geschrieben über die Grausamkeit und die Dummheit der Menschen. Das sieht vielleicht auf den ersten Blick nicht so aus, es geht vermeintlich um Mutter und Tochter, um Beziehungen und Familie, doch in Wahrheit hat sie einen Blick geworfen auf die Seelenlosigkeit derer, die andere ausgrenzen, verachten, wegschicken wollen und sie, wenn das mit dem Wegschicken nicht funktioniert, wenn das nicht genügt, töten. Das Fremde. Das Andere. Jemand, der in Not ist, jemand, der Hilfe braucht, kann sicher sein, dass er sie nicht bekommen wird. In diesem Buch nicht, in der Realität nicht. Das ist ebenso wahr wie trostlos, und beides trifft auch auf diesen Roman zu. Es wird immer heißer darin, die Lebensmittel gehen zur Neige – eine Dystopie? Natürlich nicht. Auch das ist Wirklichkeit an so vielen Orten dieser Welt. Der Gedanke an Flucht steht im Raum, er ist in seiner Naivität süß: Wir werden nicht fliehen können. Wir werden nirgends Zuflucht finden. Sie, die niemanden aufnehmen, werden auch andernorts nicht aufgenommen werden. Wir Menschen werden niemals Menschlichkeit erlernen, und deshalb bleibt uns nur der kollektive Untergang. Das hat Helene Bukowski nicht geschrieben, das hat sie vielleicht nicht einmal gemeint – und doch ist es das unausgesprochene Ende ihres Debüts, das unausgesprochene Ende von uns allen. Milchzähne ist ein gutes Buch, irgendwie zäh, ein wenig anstrengend, klar und unverklärt, genau wie das, worum es geht: Angst.

Milchzähne von Helene Bukowski ist erschienen bei Blumenbar (ISBN 978-3-351-05068-9, 256 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Kann man jemanden vermissen, der einem fünfzig Jahre lang entfallen war?“

„Vielleicht ist das eine meiner hervorstechendsten Eigenschaften, sagt er sich auf dem Weg zur Garage und muss grinsen: übersehen zu werden.“

Martin Schmidt ist Tierarzt in Bayern, seine Frau ist verstorben, seine Tochter lebt in den USA. Er hat es gut, eigentlich, er hat sich etabliert und eingerichtet, alles ist fein. Und darüber kann er froh sein, bedenkt man seine Geschichte: Als er achtzehn war und noch in der DDR lebte, wurden seine Eltern von der Stasi verhaftet. Sie hatten für den BND spioniert und waren verraten worden. Der Vater ist mittlerweile verstorben, die Mutter ist alt, Martin hat immer noch Kontakt zu ihr – doch ihrem Geheimnis ist er nie so ganz auf die Schliche gekommen. Bis jetzt. Denn als Angelika, in die er damals mit achtzehn verliebt war, wieder in sein Leben tritt, beschließt Martin, dass es Zeit ist, herauszufinden, was damals tatsächlich geschehen ist.

Klingt spannend? Ist es aber nicht. Denn Die Unscheinbaren ist leider so, wie Titel, Cover und das Eingangszitat mit dem „übersehen zu werden“ vermuten lassen: lahm. Ich könnte nicht einmal sagen, dass wenig passiert, das wäre nicht wahr, die Ereignisse überschlagen sich aber auch nicht gerade. Martin als Protagonist ist weder sympathisch noch unsympathisch, das Wiedersehen mit der alten Jugendliebe verläuft erstaunlich unspektakulär, die Mutter ist eine unzugängliche, grauenhafte Person. Diese Spurensuche, auf die Dirk Brauns seinen Leser schickt, ist aufgebaut, wie sie es sein sollte: Man bekommt Hinweise, am Ende gibt es eine Auflösung. Trotzdem ist das nicht im Geringsten interessant. Dabei hat der Autor die wahre Lebensgeschichte seines eigenen Vaters verarbeitet, dessen Eltern tatsächlich verhaftet wurden wie im Buch. Ich rätsle, warum das nicht für mehr Grip und mehr Emotion gesorgt hat, dass es eine persönliche Parallele gibt. Was mich am meisten gestört hat? Das Pathos! Denn wenn jemand immer Rufzeichen setzt, hat man das Gefühl, ständig angeschrien zu werden! Ganz normale Sätze, die ständig so enden! Das verstehe ich nicht! Das macht mich ganz verrückt! Ich möchte das nicht dauernd lesen müssen! Und mehr Drive gibt es dem Roman auch nicht! Tut mir leid, netter Versuch, hat aber nicht geholfen!

Die Unscheinbaren von Dirk Brauns ist erschienen bei Galiani (ISBN 978-3-86971-188-1, 336 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Es ist nichts, ich habe nur das Gefühl, in eine gewaltige Leere zu fallen und dass diese Leere in mir drin ist“

„Ich wusste nicht, was ich wollte, wollte es dafür aber umso energischer.“

Das beschreibt den jungen Studenten ganz gut, der fasziniert ist von den Vögeln, die tot vom Himmel fallen. Es geschieht nahe seinem Heimatort, und so bricht er auf von Paris, wo er ein ereignisloses Leben führt, um mehr über das geheimnisvolle Vogelsterben herauszufinden. Damit er sich an der Küste entlangbewegen kann, reist er auf einem Schiff – und lernt dort die schöne Clarisse kennen. Die beiden kommen sich näher, irgendwie, zumindest kurz – doch es gibt eben Geheimnisse, die sich nicht lösen lassen.

Und eigentlich ist von Anfang an klar, dass wir das alles nicht erfahren werden, nichts davon, es gibt diese Bücher, bei denen weiß man schon am Beginn, dass man auch am Ende nichts wissen wird. Wenn die Reise trotzdem eine erkenntnisreiche ist, wenn die Sprache vielleicht herausragend ist oder die Bilder tragen, dann ist das in Ordnung. Wenn alles jedoch blass bleibt und seltsam inhaltslos, nun ja – dann nicht. Die Sache ist: Warum die Vögel sterben lässt sich gut lesen, man liest es so dahin, und schon kurze Zeit später hat man vergessen, was man da gelesen hat. Es hat mich verwundert, wie ein Protagonist so wenig Kern haben kann, so wenig Persönlichkeit. Er ist durchaus sympathisch, dabei aber unglaublich langweilig. Wie leider, Verzeihung, das gesamte Buch. Das Eingangszitat fasst es perfekt zusammen: eine große Leere, innen drin.

Warum die Vögel sterben von Victor Pouchet ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN  978-3-8270-1377-4, 192 Seiten, 22 Euro).

Bücherwurmloch

„Wir sind wie niemand sonst, wir haben uns selbst erschaffen, wir sind einander unentbehrlich, unvergleichlich und unangepasst, die Einzigen unserer Art“

Was für ein wildes, wildes Buch! Jocelyne Saucier – die mich bereits mit Ein Leben mehr begeistert hat – hat einmal mehr gezeigt, was für originelle Geschichten sie erfindet. Ah, so wundervoll! Der Roman spielt in einer halb verfallenen Minenstadt, doch das allein ist nicht das Besondere: Die Familie im Buch hat 21 Kinder. Ganz recht – einundzwanzig. Es ist ein Getobe und Gerenne, Geschubse, Geprügle, Gestreite, in dem die Geschwister aufwachsen – eine ganz einzigartige Kindheit. Kann man sich vorstellen, mit so vielen Menschen zusammenzuleben? Der Vater ist kaum anwesend, er sucht nach Erz und beschäftigt sich mehr mit Steinen als mit seinen Kindern, die Mutter kocht ununterbrochen, den ganzen Tag, sie bringt Mahlzeiten auf den Tisch, um alle zu versorgen.

„Das Haus ist im selben Zustand wie die Familie. Verfallen, versehrt, aber zäh, es ist das einzige Gebäude in Norco, das noch steht.“

Nachts wandert sie durch alle Zimmer und betrachtet ihre Kinder, um sicherzugehen, dass keines fehlt. Viele Jahre später kommen die Geschwister wieder zusammen – doch schnell wird klar: Etwas stimmt nicht. Es gibt ein Geheimnis.

„Es ist, als würde ich Schatten hinterherjagen. Ich laufe von einem zum anderen, renne hin und her, suche nach irgendwas, aber die Schatten huschen davon, die Grüppchen lösen sich auf, und plötzlich hängt das Gespräch in der Luft, und ich stehe allein da, mein Herz in den Händen.“

Das ist der Auftakt, und von hier an entrollt Jocelyne Saucier diese höchst ungewöhnliche Story über eine Familie, in der die Kinder schon mit sieben Jahren lernen, wie man mit Dynamit umgeht, in der jeder schläft, wo er gerade Platz hat, in der es ein Zwillingspaar gibt und viele unerfüllte Träume. Nicht jedes der 21 Kinder kann Jocelyne Saucier detailliert beschreiben, das liegt in der Natur der Sache, allein die Namen würden wohl eine halbe Seite füllen, und doch bekommt man ein gutes Gefühl für ihre Charaktere:

„Er ist zäh, unser Geronimo, er würde selbst in einem Meer von Tränen nicht ertrinken.“

„So betrat ich die Welt meines Bruders Tim, eine merkwürdige Welt voller Kinderlachen und schmerzverzerrten Gesichtern, eine Welt, durch die er sich mühelos bewegt, geübt im Umgang mit dem kleinen Glück eines einfachen Lebens und den Unebenheiten einer gebrochenen Seele.“

Man rauscht nur so durch die Seiten, um zu ergründen, was diese große Familie derart erschüttert hat. Und Jocelyne Saucier schreibt herrlich rau, ungezähmt und sorglos, authentisch und glaubhaft. Ich mag alles, was sie macht, weil es erfrischend anders ist. Und gut.

„Die Familie ist eine Begegnung mit dem, was man am tiefsten in sich vergraben hat.“

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-458-17800-2, 225 Seiten, 20 Euro).

 

Bücherwurmloch

„Für manche is’ das Leben wie eine Hühnerleiter. Kurz und beschissen“
„Du, dein Papa und i. Wir hab’n unersättliche Herz’n. Die hören von selber nit zum Schlagen auf“, sagt Urgroßvater Tat’ka zu Illy – und erklärt dadurch sein hohes Alter. Überhaupt erklärt er ihr viel, aber nicht auf eine belehrende, sondern auf eine großherzige Weise und indem er sie ihr vorlebt. Er ist ein großer, starker, sturer Mann, bekannt im Dorf als der alte Fassbinder, der mal beim Kartenspiel das Haus gewonnen hat, in dem er wohnt. Freundlich ist er nicht immer, nicht zu allen Leuten – außer zu Illy. Und manchmal gelingt das, dass eine Generation an eine andere weitergibt, was sie gelernt und erfahren hat, manchmal entsteht eine Verbindung, die stärker ist als alle anderen. Immer wieder im Mai stoßen wir zu Illy und ihrem Urgroßvater und bekommen erzählt, was in der Zwischenzeit geschehen ist – bis Illy erwachsen ist und sich lösen kann von allem, was sie gefangen hält im Innen und im Außen.

Fünf Tage im Mai geht so ans Herz! Es war mein Überraschungshighlight in diesem Frühling (und ich hab es daher auch für das Bücher-Battle für die Kategorie Österreich ausgewählt). Es hat mich beschäftigt, berührt und tatsächlich, am Ende, zum Weinen gebracht. Weil ich es mag, wenn Geschichten herzerwärmend sind, ohne dabei kitschig zu werden – und das ist der Österreicherin Elisabeth R. Hager ausgezeichnet gelungen. Überhaupt, das Österreichische, das ich jetzt schon mehrfach zur Sprache gebracht hab: Es macht diesen Roman besonders. Er ist melancholisch und witzig, er ist Tirolerisch, voller Dialekt und jenem Flair, das in den Bergen herrscht. Es ist einfach etwas anderes, ein solches Buch zu lesen, es geht auf direkterem Weg unter die Haut, es muss kaum Hürden überwinden, es bringt eine Seite in meiner Seele zum Klingen, die nur selten angerührt wird. Ein solches Buch ist, Verzeihung, ein Stückchen Heimat.

„Ich sah den baumlangen Kraftmenschen vor mir, der mich durch meine Kindheit begleitet hatte, den grauen Filzhut auf dem Kopf und ein spitzbübisches Lächeln im Gesicht. Es war möglich, den Schmerz zu bannen, indem man ihn mit anderen teilte. Es war möglich, zwischen den Menschen unsichtbare Brücken aus Wörtern zu bauen, auf denen die Gefühle von einem zum andern wandern konnten.“

Und das ist schön, genau wie dieses Buch. Lest es und lernt den alten Tat’ka kennen, ihr werdet es nicht bereuen.

Fünf Tage im Mai von Elisabeth R. Hager ist erschienen bei Klett-Cotta (ISBN 978-3-608-96264-2, 221 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Boah, was stinkt das. Ist hier ’ne Douglas-Verkäuferin gestorben, oder was?“

Giulia Becker ist eine großartige Frau. Ich folge ihr schon lange auf Twitter und himmle sie an. Dazu muss man wissen: Twitter ist nicht wie Instagram, dort fliegen einem die Follower und die Herzen nicht so zu, man muss sie sich hart erarbeiten. Giulia Becker ist außerdem im Autorenteam von Jan Böhmermann, das Witzigsein ist also ihr Beruf. Sie steht auf Bühnen und singt, sie ist eine Präsenz. Und sie kann schreiben – das hat sie mit ihrem Debütroman bewiesen. Der ist nämlich eine Rarität: Er ist witzig – obwohl er von einer Deutschen stammt.

Tschuldigung, kleiner liebevoller Seitenhieb unter Nachbarn. So oder so hat mich schon die allererste Seite des Buchs überzeugt: Da stirbt ein Hund, okay, das ist vielleicht per se nicht so witzig, aber dieser Hund heißt Mandarine Schatzi (und erstickt in einer Punica-Flasche). Diese erste Seite ist am Punkt, ich hab sofort gelacht, ich hab Giulia geschrieben, wie gut ich den Namen finde, woraufhin sie mir geantwortet hat, dass es Mandarine Schatzi wirklich gibt und dieser Hund einen eigenen Facebook-Account hat. Sofern euch das allein noch nicht überzeugt, ich hab noch mehr zu bieten (und Giulia sowieso): Da wäre zum Beispiel noch Silke. Sie hat vor Jahren die Notbremse im Zug gezogen, ist seither wegen der Schadensersatzforderungen verschuldet und muss in der Bahnhofsmission Sozialstunden abarbeiten. Sie ist eine Frau mit Herz, die sich aufopfert für die anderen:

„Wenn Silke zuhörte, schien es, als fühlte sie sich in die Geschichten hinein, verschwand darin regelrecht, und war am Ende nicht selten aufgebrauchter als die erzählende Person selbst.“

Und Leute, denen sie zuhört, gibt es einige, und kennengelernt haben sie sich in der Selbsthilfegruppe der Caritas für durch Eigenverschulden in Not Geratene: Willy-Martin zum Beispiel, der sich um Tauben kümmert und beim Online-Kniffel die Knochenbrecherin Kerstin kennenlernt, die quirlige Renate, Frauchen von Mandarine Schatzi und TV-Shopping-süchtig, außerdem die alte Frau Goebel, die nur noch einen Wunsch hat: Sie will die Papageien im Badeparadies Tropical Island sehen. Und so brechen alle diese Gestalten zu einem Roadtrip auf. Das ist natürlich das Beste, was einem witzigen Roman passieren kann, nein, das ist es, was ein witziger Roman haben muss: leicht angeknackste, kauzige, schrullige Figuren, mit denen man fiebert und leidet und lacht.

„Frau Goebel schläft, wahrscheinlich. So ganz sicher kann man das bei ihr nie sagen. Sie wirkt wie jemand, der schon lange müde ist, aber permanent am Einschlafen gehindert wird.“

I feel so related.

Das Leben ist eins der Härtesten von Giulia Becker ist erschienen im Rowohlt Verlag (ISBN 978-3-498-00689-1, 224 Seiten, 20 Euro.)

Bücherwurmloch

„Ist doch nicht normal, so etwas zu erfinden“
Können wir einen Moment innehalten und dieses Wort genießen? Es ist ein wirklich schönes Wort. Kaschmirgefühl. Taktil irgendwie. Geschmeidig. Es ist so weich wie dieses Buch. So weich wie die andere Seite von Bernhard Aichner, der sich mit Thrillern einen Namen erschrieben hat – von denen ich keinen gelesen habe, ich gestehe es. Aber den Bernhard hab ich kennengelernt, auf der Frankfurter Buchmesse, in einer Bar, deren Namen ich nicht mehr weiß, ich denke, es war ein Uhr morgens. Wir haben uns über pubertierende Kinder unterhalten und über Netflix, und als ich gesehen habe, dass Bernhard ein Buch rausbringt, in dem ausnahmsweise mal keiner stirbt, musste ich es natürlich lesen.

Und dann war ich überrascht, denn ich mag alles, was originell ist, und damit ihr diesen Überraschungsmoment auch habt, werde ich hier nicht spoilern. Es geht um zwei Menschen in diesem kurzen, witzigen Roman, die sich kennenlernen, ein Mann und eine Frau. Dass sie einsam sind, merkt man schnell, dass sie nicht die Wahrheit sagen, auch. Warum tun sie das? Was steckt dahinter? Die Auflösung präsentiert Bernhard Aichner freilich erst ganz am Ende – er ist ja ein Experte. Er hat eine schöne, fantasievolle, erheiternde Story geschrieben, die lächeln macht für einen Moment, und das ist doch schon viel, die einem ein gutes Gefühl gibt – ein Kaschmirgefühl.

Kaschmirgefühl von Bernhard Aichner ist erschienen im Haymon Verlag (ISBN 978-3-7099-3456-2, 188 Seiten, 17,90 Euro).

Bücherwurmloch

„Ich wandele Einsamkeit in Lust und entkomme auf diese Weise dem Schmerz“

„Ich bin Feministin, ich bin stolz, aber was nützt das, wenn ich Lust habe, einen Schwanz zu lutschen.“

Judith ist Zahnärztin auf einer sehr kleinen Insel in Norddeutschland, auf der es kaum Menschen, vor allem: kaum Männer gibt. Dieser Mangel lässt sich nur in der touristischen Hochsaison ausgleichen, wenn Horden von Urlaubern (vor allem: von Männern) auf die Insel strömen, in Judiths Praxis und in Judiths offene Arme. Ihr Motto dabei:

„Mein Körper hat drei Löcher, die ich mit einer größtmöglichen Zahl an Schwänzen stopfe, nach Möglichkeit kein zweites Mal mit demselben.“

Stets über ihre Eskapaden informiert ist Judiths Ehemann Hovard. Bereits vor 25 Jahren hat er beschlossen, dass er nicht mehr mit ihr – die mittlerweile 51 ist – schlafen will. Stattdessen haben die beiden eine andere Art der Intimität gefunden: Er therapiert sie. Er versucht zu ergründen, warum sie Nymphomanin ist, woher ihre Sexsucht rührt, und das ist ein Die-Katze-beißt-sich-in-den-Schwanz-Dilemma, weil vieles davon an ihm und ihrer beider Beziehung liegt. Judith sieht das alles jedoch recht rational: Es ist ein Spiel, das bestimmten Regeln folgt. Und sie beherrscht sie alle.

Corinna T. Sievers kann etwas, das mich fasziniert: Sie schreibt auf kühle Art über heißen Sex. Damit hat sie mich schon in Die Halbwertszeit der Liebe rumgekriegt, wobei die dortige Protagonistin quasi das Gegenteil von Judith war: die eine asexuell und chronisch trocken, die andere nymphomanisch veranlagt und dauerhorny. Wie überaus großartig, dass Corinna sich solcher Figuren annimmt, sie erschafft, sie erklärt, sie leben lässt – abseits vom grausig langweiligen Mainstreamporn, der uns umgibt.

Meine Faszination wird übrigens geteilt von der Jury des Bachmann-Preises, wo Corinna 2018 einen Auszug aus Vor der Flut gelesen hat. Es geht um das sexuell Extreme in ihren Büchern, um die Facetten der menschlichen Sexualität, und deshalb sind sie so interessant. Was für ein starker Motor sind unsere Triebe? Welche Entscheidungen treffen wir ihretwegen – gute wie schlechte? Wie funktioniert so ein Körper? Und wie hilflos ist unser Verstand ihm letztlich ausgeliefert? All dies untersucht Corinna T. Sievers auf fast schon wissenschaftliche, neugierig-informierte Weise und befeuert mit den Erkenntnissen die Handlung. Das ist tabulos und ungeschönt, das ist direkt, ehrlich, anders, ganz, ganz anders, und dadurch so hervorragend. Ich wünsche mir so sehr, dass wir als Gesellschaft endlich aufhören mit der unnötigen Tabuisierung all dessen, was nicht der vermeintlichen Norm entspricht. Es gibt keine Norm – wir leben, wir lieben, wir ficken, wir sind Menschen, wir sind alle die Norm. Ich liebe es außerdem, wenn Frauenfiguren sagen und zeigen, dass sie geil sind, wenn sie in der Literatur alle diese Dinge tun, die sie auch in Wirklichkeit tun – ohne die oktroyierte Scham. Das ist befreiend. Es macht Spaß. Genau wie guter Sex, im Idealfall.

Vor der Flut von Corinna T. Sievers ist erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt (ISBN 9783627002619, 224 Seiten, 20 Euro).

Bücherwurmloch

„Unsere Angst ist weniger die Angst vor dem Tod als die Angst, nicht richtig zu leben“

„Siebenundvierzigeinhalb Jahre waren vergangen, und nun durchlebte Kaufman alles noch einmal.“

Das fasst diesen Roman am besten zusammen, denn Kaufmann erzählt. Von einer Zeit, die beinahe fünfzig Jahre zurückliegt und die ihn geprägt hat. Es war die Zeit, in der er der Schüler des großen Pianisten Horowitz war – und sein Geliebter. Über sich selbst sagt er:

„Alles war mir leicht gefallen und zugefallen, die Sympathien, die Liebhaber, die Liebhaberinnen und genügend Talent, um hübsch zu komponieren und Klavier zu spielen. Gekämpft hatte ich nie, um nichts und niemanden hatte ich gekämpft, nicht um den Klang eines Akkords, nicht um den Schmerz einer Melodie, nicht um einen Geliebten. An mir war nichts groß. Aber ich hatte durch Horowitz erlebt, was Größe ist.“

Nun muss man wissen, diese Geschichte ist real, das Buch ist fiktiv. Die Autorin Lea Singer hat Briefe des Jahrhundertmusikers Horowitz an den jungen Schweizer Nico Kaufman gefunden – und einen Roman daraus gemacht. Sie kennt also die Liebesgeschichte der beiden, die von mehreren Hindernissen umgeben war: Zum einen war Horowitz als Jude in den Jahren 1937 bis 1939, in denen die Affäre sich abspielte, in größter Bedrängnis, zum anderen war er verheiratet mit Toscaninis Tochter Wanda. Er hatte mit ihr ein Kind, und doch war es eine Scheinehe, denn Homosexualität war als Krankheit gebrandmarkt. Er konnte sich nicht outen, er konnte seine Orientierung nicht leben und seine Liebe zu Nico genauso wenig. Man weiß, dass Horowitz zeit seines Lebens an Depressionen litt – Lea Singer hat herausgearbeitet, dass das vermutlich damit zusammenhing. Weil alles, was er wollte, außer Reichweite für ihn lag. Nico Kaufman hatte mehr Mut, aber auch weniger zu verlieren, er war später in der Schwulenbewegung der Schweiz aktiv.

Etwas schwierig wird der Roman durch seine Rahmenhandlung: Kaufman erzählt einem Fremden namens Donati, dem er nie zuvor begegnet ist, von dieser heimlichen Liebe, die eben beinahe fünfzig Jahre her ist. Das ist leicht verkrampft und unglaubwürdig, wer würde das tun? Man merkt den Dialogen in ihrer Steifheit an, dass die Männer einander nicht kennen, man weiß auch nicht genau, ob dem einen unangenehm ist, was er vom anderen hört, und letztlich ist das alles freilich nur ein Alibi, um in Rückblenden erzählen zu können. Das finde ich bemüht und ein wenig schade, denn in seiner Essenz ist dies ein sehr gefühlvoller, durchdachter, behutsamer Roman, der sich einer ebenso talentierten wie letztlich tragischen Figur annimmt – und mit Fingerspitzengefühl eine bestimmte Zeit in ihrem Leben abbildet, die anhand der Briefe gut dokumentiert ist. Wozu wäre ein solches Genie fähig gewesen, hätte man es nicht gegängelt und erdrückt? Wie hätten diese Männer leben können, wären sie frei gewesen in ihren Entscheidungen? Der Klavierschüler ist ein nachdenklich stimmendes Buch, ein wichtiges, interessantes, klangvolles Buch.

„Ich frage mich, ob ich ein anderer geworden wäre, wenn ich ein Instrument gelernt hätte. Da kann einem die Welt nie so eng werden, dass der einzige Ausweg tödlich ist. Durch die Musik leuchten doch immer Möglichkeiten.“

Der Klavierschüler von Lea Singer ist erschienen im Kampa Verlag (ISBN 978-3311100096, 224 Seiten, 22 Euro).