Bücherwurmloch

Jocelyne Saucier: Niemals ohne sie

„Wir sind wie niemand sonst, wir haben uns selbst erschaffen, wir sind einander unentbehrlich, unvergleichlich und unangepasst, die Einzigen unserer Art“

Was für ein wildes, wildes Buch! Jocelyne Saucier – die mich bereits mit Ein Leben mehr begeistert hat – hat einmal mehr gezeigt, was für originelle Geschichten sie erfindet. Ah, so wundervoll! Der Roman spielt in einer halb verfallenen Minenstadt, doch das allein ist nicht das Besondere: Die Familie im Buch hat 21 Kinder. Ganz recht – einundzwanzig. Es ist ein Getobe und Gerenne, Geschubse, Geprügle, Gestreite, in dem die Geschwister aufwachsen – eine ganz einzigartige Kindheit. Kann man sich vorstellen, mit so vielen Menschen zusammenzuleben? Der Vater ist kaum anwesend, er sucht nach Erz und beschäftigt sich mehr mit Steinen als mit seinen Kindern, die Mutter kocht ununterbrochen, den ganzen Tag, sie bringt Mahlzeiten auf den Tisch, um alle zu versorgen.

„Das Haus ist im selben Zustand wie die Familie. Verfallen, versehrt, aber zäh, es ist das einzige Gebäude in Norco, das noch steht.“

Nachts wandert sie durch alle Zimmer und betrachtet ihre Kinder, um sicherzugehen, dass keines fehlt. Viele Jahre später kommen die Geschwister wieder zusammen – doch schnell wird klar: Etwas stimmt nicht. Es gibt ein Geheimnis.

„Es ist, als würde ich Schatten hinterherjagen. Ich laufe von einem zum anderen, renne hin und her, suche nach irgendwas, aber die Schatten huschen davon, die Grüppchen lösen sich auf, und plötzlich hängt das Gespräch in der Luft, und ich stehe allein da, mein Herz in den Händen.“

Das ist der Auftakt, und von hier an entrollt Jocelyne Saucier diese höchst ungewöhnliche Story über eine Familie, in der die Kinder schon mit sieben Jahren lernen, wie man mit Dynamit umgeht, in der jeder schläft, wo er gerade Platz hat, in der es ein Zwillingspaar gibt und viele unerfüllte Träume. Nicht jedes der 21 Kinder kann Jocelyne Saucier detailliert beschreiben, das liegt in der Natur der Sache, allein die Namen würden wohl eine halbe Seite füllen, und doch bekommt man ein gutes Gefühl für ihre Charaktere:

„Er ist zäh, unser Geronimo, er würde selbst in einem Meer von Tränen nicht ertrinken.“

„So betrat ich die Welt meines Bruders Tim, eine merkwürdige Welt voller Kinderlachen und schmerzverzerrten Gesichtern, eine Welt, durch die er sich mühelos bewegt, geübt im Umgang mit dem kleinen Glück eines einfachen Lebens und den Unebenheiten einer gebrochenen Seele.“

Man rauscht nur so durch die Seiten, um zu ergründen, was diese große Familie derart erschüttert hat. Und Jocelyne Saucier schreibt herrlich rau, ungezähmt und sorglos, authentisch und glaubhaft. Ich mag alles, was sie macht, weil es erfrischend anders ist. Und gut.

„Die Familie ist eine Begegnung mit dem, was man am tiefsten in sich vergraben hat.“

Niemals ohne sie von Jocelyne Saucier ist erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-458-17800-2, 225 Seiten, 20 Euro).

 

6 Comments

  1. Hallo!
    Ich habe dieses Buch so so sehr geliebt! Die einzelnen Charaktere sind so verschieden und doch in ihrer Familiengeschichte so sehr vereint, dass es schon fast geschmerzt hat, ihre Geschichte mitzuerleben. Ein richtig tolles Buch ♥

    Liebe Grüße!
    Gabriela

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  2. Ich habe dieses Buch auch sehr gern gelesen. Saucier hat das Händchen für besondere Geschichten, besondere Figuren, die sie wunderbar ausgestaltet. Ihr Roman „Ein Leben mehr“ gehört zu meinen Herzensbücher. Viele Grüße

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  3. Astrid

    Hallo Mariki,
    ich hab es auch gelesen und war begeistert. Nach dem Beenden des Buches habe ich die ganzen Namen der Kinder aufgeschrieben. So viele Kinder! Der Wahnsinn!
    Regnerische Grüße aus Passau
    Astrid

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