Gut und sättigend: 3 Sterne

„Schauen will ich, so viel, wie in meine Augen hineinpaßt“
Als Franz zur Welt kommt, sind die Hebamme und die Verwandten nicht gerade begeistert: Schon wieder ein Mädchen! Franz kann mit diesem Urteil wenig anfangen, fühlt er sich doch weder weiblich noch männlich, sondern menschlich: „Er beschloß, zu dem zu werden, der er war, und nicht der zu sein, welchen die Welt in ihm zu sehen fest entschlossen war.“ Als später der kleine Bruder Steffen geboren wird, ist die Familienehre gerettet. Mit ihm und der großen Schwester Lena schlägt Franz die Zeit tot in der Wohnhaussiedlung. Während der Vater durch den Frust des Alltags immer grauer wird, bemüht die Mutter sich nach Kräften um Sauberkeit und Ordnung: „Für die Mutter war das Leben etwas, das man erledigte. Je weniger Spuren man dabei machte, desto besser.“ Gegen Spuren hat auch Franz etwas. Die Pubertät macht deutlich, dass er eigentlich eine Franziska ist. Er kommt aufs Gymnasium, er ist klug, aber an seinen körperlichen Entwicklungen hat er kein Interesse: „Unter allen Umständen war zu vermeiden, daß mit ihm das geschah, was mit anderen geschah.“ Ältere hübsche Frauen findet Franz anziehend, Jungs sind ebenfalls interessant. Es kommt zu ersten Knutschereien und Partys, auf denen geschwoft wird. Immer mehr denkt Franz über die klassische Rollenverteilung in der Gesellschaft nach – und sucht nach einem Mittelweg für sich selbst.

Das Mädchen Franz ist eine sensible Erzählung über das typische Verhalten von Frauen und Männern, über Schubladendenken und Klischees. Frauen putzen und gehorchen in diesem Buch, Männer verdienen das Geld. Dazwischen gibt es nicht viel, das merkt auch Franz schnell. Es stört mich allerdings, dass Sabine Neumann letztlich keine Möglichkeit für Franziska findet, als etwas Drittes zu leben – es bleibt bei Überlegungen zu diesem Thema. Franz ist im ersten Teil des Buchs ein „er“, dann eine „sie“. Von Bisexualität oder Transsexualität ist nicht die Rede, Franz fühlt sich eigentlich nicht im falschen Körper. Was also will dieses Buch? Ein wenig nachdenken über Stereotype. Franz ist unsicher und grübelt, aber das Aufbegehren leitet sich später ab in lange Haare, John-Lennon-Musik und Anti-Atom-Sticker. Sabine Neumanns Schreibstil ist nicht übermäßig auffallend, der Lesefluss eher abgehackt, weil viele einzelne Sätze in einer eigenen Zeile stehen. Kinder dürfen echte Kinder sein in dieser Erzählung, die raufen und kleine Tiere tot treten. Beim Lesen kommt es mir oft so vor, als würde die Handlung in Österreich spielen, weil die bayerische Mentalität – Sabine Neumann stammt aus Regensburg – sehr ähnlich ist. Am besten bringt das der Satz auf den Punkt: „Alles ist nur halb so schön, wenn man nicht dabei gesehen wird.“

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
naja.
… fürs Hirn: die klugen Beobachtungen über die automatisierte Zuteilung von weiblichen und männlichen Eigenschaften in unserer Gesellschaft.
… fürs Herz: ans Herz geht diese Erzählung nur bedingt.
… fürs Gedächtnis: die derben Dialoge zwischen Franz, seinen Eltern und Großeltern.

Für Gourmets: 5 Sterne

Ein rasanter Ritt, der den Staub auf den Erinnerungen aufwirbelt
„Da war ich also. Angekommen. Ha, angekommen! Ich war in diese Stadt zurückgekehrt, die eine riesige Rumpelkammer ist, Matsch und Oliven, Staubschönheit, Abende auf der verlassenen Terrasse des Hotels Ilirija, Schwermetalle in der Luft, Kot und Kiefernholz, Katzen und glitschige Fischschuppen auf der öligen Helling und das Meer glatt gezogen bis Dezember, wenn die Südwestwinde wehen.“ Es ist die dalmatinische Stadt Dubrovnik, die Dada mit diesen Worten so plastisch beschreibt, die sie schmecken und riechen lässt, ihre kroatische Heimat, gezeichnet vom Krieg und der Erholungsgier der Touristen. Die junge Frau – die im Alten Ort Rusty genannt wird wegen der roten Haare – hat ihr Studium in Zagreb abgebrochen und einen Mann ohne ein Wort verlassen, hat sich in den Zug gesetzt nach Hause. Hier lebt die Schwester und gibt Acht auf die Mutter, damit diese nicht zerfällt in ihrer Trauer um den Vater und den Bruder. Der Vater starb an den Folgen seiner Arbeit in der Zementfabrik, Dada denkt gern an ihn und seine wilde Leidenschaft für Cowboys: „Der Papagei imitierte das Pfeifen, mit dem uns Vater immer rief, und jagte uns damit Angst ein, denn Vater war streng. Erst später wurde er weicher, erinnere ich mich, als hätte er gewusst, dass zu nichts mehr Zeit bleibt außer zum Spielen.“ Daniel dagegen – und das ist die Tragödie, die die zersplitterte Familie in ihren Fängen hält – hat sich mit 18 Jahren vor den Intercity Osijek-Zagreb-Split geworfen. Dada hat ihn geliebt, als Kind war sie mit ihm enger verbunden als mit der großen gehässigen Schwester. Sie waren die Cowboys, die gegen die Indianer – die Irokesen-Brüder vom Schienenclan – kämpften. Seit Jahren fragt sich Dada, was geschehen ist. Und will endlich eine Antwort.

Lebt wohl, Cowboys ist ein sprachmächtiger, gewaltiger, unendlich melancholischer Roman, manchmal so erfüllt von grandiosen Satzperlen, klingenden Metaphern, verblüffenden Formulierungen, dass es dem Leser nur so in den Ohren braust, manchmal so still und eindrucksvoll, wie es nur das Meer sein kann an einem bewegungslosen Tag. Olja Savičević ist eine Meisterin der Erzählkunst, eine Talentierte, eine Zauberin der Buchstaben. Sie beschwört den kleinen Ort Dubrovnik herauf in all seinen staubigen Farben, an dem es heiß ist und trotz der vielen Touristen gespenstisch menschenleer, an dem es dunkel ist wegen der verdrängten Geschichte und außerdem langweilig, erschreckend langweilig. Hier ist die eigenwillige Dada aufgewachsen, die xenophobische Züge zeigt, die sich nicht niederlassen kann und so viel Sehnsucht in sich trägt. Ein bisschen Zufriedenheit und Ruhe zu finden, wird ihr erschwert durch die Lücken, die das Schicksal in ihre Familie gerissen hat. Der Schwester mit der scharfen Zunge ist ihr beißender Sarkasmus ein Halt, der Mutter sind nur die Telenovelas und die Grabpflege geblieben. Dada hat sich entzogen, entfernt: „Ich habe sie jahrelang nicht berührt, dachte ich, und drückte ihr einen Kuss auf die kalte trockene Wange. Sie roch noch immer nach Talg. Es war merkwürdig, Ma zu berühren, dachte ich. Es war, als berührten sich zwei ohne Haut.“ In diesen Tagen zu Hause denkt Dada nach über ihren Bruder, über sein Wesen, seinen Tod: „Er besaß diese Weichheit und Intensität eines ernsthaften Jungen. Aber eben, Zartheit ist auf unterschiedliche Arten anziehend, sie zieht auch die an, die sie zerstören wollen, manche Leute nervt sie einfach, ich weiß das, es gab viele, die ihn schlagen wollten. Anders zu sein, war schon immer ein ausgezeichneter Grund, um geschlagen zu werden.“ Warum Daniel sich das Leben genommen hat, wissen die drei Frauen nicht – aber vom Herrn Professor könnte Dada es erfahren, von dem Mann, mit dem Daniel befreundet war, der im Ort als Pädophiler beschimpft und zusammengeschlagen wurde, der lange verschwunden war und jetzt – wie Rusty – wieder da ist.

Es gibt sie, jene Bücher, die lebendig sind, deren Düfte und Stimmungen, deren Figuren und Landschaften man wahrnehmen, angreifen, spüren kann, so eindringlich sind sie. Lebt wohl, Cowboys von Olja Savičević ist ein solches Buch. In einer wunderbar direkten, herrlich vulgären, rastlosen Sprache erzählt die junge kroatische Autorin von einer intensiv erlebten Kindheit und ihren Helden, vom Tod und den Schmerzen, die er auslöst, von Hitze, Krieg und dem Wilden Westen, der eigentlich überall sein kann. Das Mosaik aus Erinnerungen, Gegenwart, Notizen und Briefen ergibt ein faszinierendes Leseerlebnis voll bildhafter Eindrücke, sentimentaler Wahrheiten und augenzwinkernder Erkenntnisse über das Leben in all seiner Schmutzigkeit. Ich bin ganz verliebt in diesen tabulosen, mit Emotionen aufgeladenen Stil und empfinde manche Absätze als derart gut geschrieben, dass ich sie mehr als einmal lesen muss – und das als jemand, der schon von Berufswegen her eher dem Überfliegen zugeneigt ist. Nein, hier gibt es nichts zu überfliegen, im Gegenteil, aufsaugen muss man dieses Buch in all seinen Einzelheiten, in all seiner Traurigkeit und Klugheit. Dies ist ein klebriger, bitterer, starker Roman, gewichtig, poetisch und wunderschön. Sind andere Bücher Brot, dann ist Lebt wohl, Cowboys eine Torte. Mit Schokoladenglasur.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein eher unauffälliges, aber grafisch tolles Cover, mit einer schönen Schrift, die aussieht wie gewebt.
… fürs Hirn: die intelligenten Seitenhiebe auf die Gesellschaft, die angesichts von persönlichen Katastrophen in Häme verstummt.
… fürs Herz: alles. Die Erinnerungen an die Kindheit, an die Wildheit, die Trauer, der Tod, die Cowboys, das Gefühl, am Leben zu sein, während die anderen gestorben sind.
… fürs Gedächtnis: die originellen Beschreibungen. Ein Beispiel: „Marijana hat einen langen Kopf, auf Pferdeart schön, man kann ja nicht sagen, dass Pferde nicht schön sind, doch ihr Körper ist riesig, er quillt über, wenn er stillsteht, er verursacht Ebbe und Flut, wenn er sich bewegt.“

Lebt wohl, Cowboys ist erschienen bei Voland & Quist (ISBN 978-3-938424-81-0, 19,90 Euro).

Für Gourmets: 5 Sterne

„Jack is five. He lives in a single, locked room with his Ma“
Die Welt von Jack misst 11 mal 11 Fuß und seine Freunde sind Tisch, Teppich, die Eierschalenschlange und Dora aus dem Fernsehen. Seine Tage sind klar strukturiert, zum Frühstück gibt es abgezählte Cornflakes, einmal in der Woche wird gebadet, einmal geputzt. Mit seiner Ma denkt er sich Reime, Spiele und Lieder aus zum Zeitvertreib. Davon brauchen sie sehr viel in room: Jack ist zusammen mit seiner Ma hier eingesperrt. Eine Tür mit unenträselbarem Code, unzerstörbare Wände und ein kleines Deckenlicht: Es ist das perfekte Gefängnis. Was sich außerhalb von room befindet, weiß Jack nicht – bis seine Ma dem neugierigen Fünfjährigen plötzlich verwirrende Geschichten erzählt, die von einer Großmutter, von Vogelgezwitscher und Sternen handeln und die ihn völlig verstören: „My head’s going to burst from all the new things I have to believe.“ Jacks Ma schmiedet einen Plan, um ihrem Peiniger, der sie entführt hat, endlich zu entkommen. Doch während sie sich seit sieben Jahren nach einem freien Leben, nach Sonne, frischer Luft und ihrer Familie sehnt, ist room für Jack alles, was er kennt, er ist hier glücklich …

Emma Donoghues außerordentlich spannender Roman Room stand 2008 auf der Shortlist für den Man Booker Prize – und hätte diesen Preis auf jeden Fall verdient. Denn dieses Buch ist nicht nur fesselnd, emotional und originell, sondern auch herausragend erdacht und mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Der kleine Jack ist kreativ, lustig und höflich – und lebt in einer Extremsituation, wie man sie sich grausamer kaum vorstellen mag. Der Gedanke, dass er und seine Mutter gefangen sind in einer Art Gartencontainer, umgeben von nichtsahnenden Nachbarn und dem normalen Leben, an dem sie nicht teilhaben können, lässt einen beim Lesen manchmal nach Luft ringen. Sie sind der Willkür von „Old Nick“ ausgeliefert, der fast jede Nacht kommt und von dem sie in Sachen Nahrung, Strom und Wasser abhängig sind. Jacks Mutter gibt sich alle Mühe, Jack die Tücken der Sprache zu erklären, viel Abwechslung in seinen beengten Alltag zu bringen und seine Fragen zu beantworten – doch ihre Mittel dafür sind arg begrenzt. Was geschieht mit einem solchen Kind, wenn es zum ersten Mal die Weite des Himmels, andere Menschen, einen Hund, ein Einkaufszentrum sieht? Was passiert, wenn es den Paparazzi vor die Linse kommt, wenn es Bakterien ausgesetzt wird, der Sonne, Sarkasmus? Ich möchte nicht spoilern und nicht zu viel vom Inhalt verraten, nur so viel sei gesagt: Ich ziehe den Hut vor Emma Donoghues Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen. Room ist ein absoluter Pageturner, spannend und mitreißend von der ersten bis zur letzten Seite.

Die Parallelen zu den Fällen von Natascha Kampusch und der Tochter von Fritz P., hierzulande in den Medien dominant, sind natürlich offensichtlich. In der Tat hat sich Emma Donoghue von Felix Fritzl, der in Gefangenschaft geboren wurde und mit fünf Jahren die Außenwelt betrat, inspirieren lassen. Das Entsetzen über ein derart eingeschränktes Leben, wie es Jack und seine Mutter führen, der Medienrummel, die Auswirkungen einer solchen Gefangenschaft – all das hat Emma Donoghue auf kluge, lesenswerte und berührende Weise verarbeitet. Jack und seine Ma haben eine überaus enge Bindung, in room können sie ohneinander nicht existieren: „It’s weird to have something that’s mine-not-Ma’s. Everything else is both of ours. Also when I tell her what I’m thinking and she tells me what she’s thinking, our each ideas jump into our other’s head, like coloring blue crayon on top of yellow that makes green.“ Seit Langem – genauer gesagt seit Little Bee im November 2010 – hat mich kein Buch so bewegt und beschäftigt wie Room. Ich kann nicht aufhören zu lesen, und wenn ich es doch tun muss, denke ich dennoch ständig an Jack und seine Geschichte. Ich fühle mit, ich fiebere mit, ich entwickle eine tiefe Sympathie für den tapferen Fünfjährigen, ich kämpfe mit meiner Angst vor einer solchen schrecklichen Gefangenschaft, ich schmunzle über Jacks schlaue Beobachtungen der ihm fremden Welt und bin am Ende von Room ganz erfüllt von diesem wunderbaren Leseerlebnis. Für mich das bisher beste Buch des Jahres. „This book will break your heart“, schrieb die Irish Times – und hat recht damit.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein passendes, etwas effektheischendes Cover, tolles Türkis.
… fürs Hirn: die Auseinandersetzung mit der eigenen Angst, so leben zu müssen, und die mahnende Erinnerung an die Hyänenhaftigkeit der Presse.
… fürs Herz: beinahe jedes Detail über Jacks Leben ist herzzerreißend.
… fürs Gedächtnis: dieses ganze faszinierende und empfehlenswerte Buch. LESEN!

9

Für Gourmets: 5 Sterne

Der Traum vom Verschwinden und die Realität
„Der tote Bahndamm war das Beste, was es in Villeblevin gab. Während der Sommerferien glich ihm der ganze Ort. Alles war ausgestorben, öde und leer. Beamte und Bauern waren dageblieben, alle anderen aber verreist ans Meer. Es schien nur zwei Kinder in Villeblevin zu geben, Maurice und mich.“ Kein Wunder, dass die beiden Jungen an der „Maschine des großen Verschwindens“ bauen. Doch an dem Tag im Jahr 1960, an dem sie zum Einsatz kommt, geschieht ein schwerer Autounfall, bei dem der Literat und Nobelpreisträger Albert Camus ums Leben kommt. Nichts ist nach diesem Tag so wie zuvor – und jahrzehntelang haben die Schulfreunde keinen Kontakt. Nun ist Raymond alt und versucht gerade, sich von einer Herzerkrankung und dem Tod seiner geliebten Frau Veronique zu erholen, als ihm ein Brief von Maurice ins Haus flattert. Maurice, der „Junge, der mit Kopf und Kragen in Wunderdingen steckte und so stolz auf seine hellblauen Schuhe war“, Maurice, der Raymond verraten hat. In seinen Briefen, von denen weitere folgen, rekonstruiert er die Ereignisse des Unfalltages – und fordert Raymond heraus, sich endlich der Vergangenheit zu stellen.

Im Zusammenhang mit allem Französischem wird gern von Leichtigkeit und Esprit gesprochen – Mirko Bonnés Roman Wie wir verschwinden besitzt davon allerhand. Der preisgekrönte deutsche Autor schreibt in einem angenehmen, intelligenten Plauderton, er kreiert einen schrullig-freundlichen Protagonisten und führt geschickt die verschiedenen Handlungsstränge zusammen. In diesem Buch ist demnach alles ganz einfach so, wie es sein soll. Es geht darin um die Erinnerungen an eine Kinderfreundschaft, um Wehmut, Eifersucht und die Frage, ob man die Menschen in seinem Leben tatsächlich so gut kennen kann, wie man glaubt. Zudem verbindet Mirko Bonné die Ereignisse rund um Raymond und Maurice mit dem Unfalltod von Albert Camus, den er kapitelweise ganz nah, glaubhaft und detailreich, aber dennoch fiktiv nacherzählt.

38 Jahre nach dem Unglück liegt Maurice im Sterben – und auch wenn Raymond nichts mit ihm zu tun haben will, wühlt ihn die unerwartete Kontaktaufnahme sehr auf. Überhaupt macht es ihm das Schicksal im Alter nicht leicht: Veronique fehlt ihm, seine erwachsenen Töchter Penelope und Jeanne kämpfen mit der Suche nach dem Glück und Ehekrisen, seine Nachbarin geht ihm auf die Nerven. Aber Mirko Bonné hat bei allen Herausforderungen auch positive Überraschungen für seinen Helden parat und führt ihn einem versöhnlichen Ende entgegen. Sprachlich brilliert er mit einem ruhigen, steten Erzählfluss, inhaltlich mit Lebensklugheit und Witz. Wie wir verschwinden weckt die Sehnsucht nach der eigenen Kindheit und ihren Abenteuern und zeigt, dass einem gerade die zerbrochenen Freundschaften oft am längsten im Gedächtnis bleiben. Trotz Sentimentalität und der Thematisierung des Todes ist dieses Buch lebensfroh, weise, aber nicht angeberisch. Ein Highlight!

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge: ein Cover, das das Verschwinden ganz bildlich umsetzt mit einem unendlich weiten Horizont.
… fürs Hirn: das fiktive Erleben von Albert Camus‘ letzten Minuten.
… fürs Herz: die Trauer Raymonds um seine Frau, der er sein ganzes Leben lang treu war.
… fürs Gedächtnis: das Gefühl, wie es war, ein Kind zu sein und große Träume zu haben.

Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Musik, oh wundersame Musik
„Musik war für die Frau, wie für ein ganz junges Kind, das perfekte Medium, um ihrer Innenwelt Ausdruck zu verleihen.“ Und in den Goldberg-Variationen von Bach findet die Frau, die sich zur Pianisten ausbilden ließ, eine Möglichkeit, die Finger zu beschäftigen, während sie ihre Gedanken der Tochter widmet, die auf tragische Weise ums Leben gekommen ist. Jede der Variationen ist eine Herauforderung am Klavier, ist mit einem Thema kombiniert und mit einer Erinnerung verbunden – an die Tochter als junges Mädchen, als Studentin, als erwachsene Frau. Die Mutter schreibt ihre Gefühle auf, wendet sich der Musik und zugleich der Sprache zu: „Die Worte waren ein Netz zum Einfangen der Tochter.“ „Die Frau war noch nicht wirklich das, was man eine alte Frau nennen würde, aber ein gutes Stück dem Ende entgegengekommen war sie schon.“ Und dass sie nun den Rest des Weges ohne ihre Tochter gehen muss, ist für die Frau unerträglich. Auch die Beschäftigung mit Bach und seiner goldenen Musik kann den Schmerz nicht lindern.

„Musik lehrt einen eigentümliche Dinge über die Zeit, dachte die Frau, als sie kurz mit den Händen im Schoß auf die nackten Noten starrte. Musik führte aus der Zeit heraus und schuf einen inneren Zustand, in dem von Zeit noch keine Rede war. Musik erfüllte so sehr, dass Uhren aufhörten zu ticken. Und doch gab kein anderes Medium das Verstreichen der Zeit so präzise an.“ Es ist Anna Enquists hochgelobter Roman Kontrapunkt, der mich – nicht zum ersten Mal in meinem Leben – wünschen lässt, ich hätte Ahnung von Musik. Eine Leidenschaft für Musik habe ich nie entwickelt, zu groß war seit jeher die alles verzehrende Liebe zur Literatur. Aber Anna Enquist, selbst Pianistin, verknüpft in diesem Buch Musik ganz eng mit Sprache. Für Musikliebhaber muss Kontrapunkt ein wahrer Lesegenuss sein, ich dagegen kann die beschriebenen Melodien nicht erklingen lassen, kann sie nicht hören, manche Passagen über die Musik sind mir so unzugänglich, als wären sie in einer Kunstsprache geschrieben: „Die Frau spielte die tragische Variation und fühlte sich in die verschiedenen Stimmen ein. Die Mittelstimme mit ihren klagenden Sekundenschritten. Den Bass, der dabei mitmachte. Die zerbröckelte, aufs Äußerste gedehnte Melodie, die zum Schluss bei vollem Bewusstsein in die Tiefe stürzte. Die scheußliche Dissonanz im letzten Takt vor der Wiederholung des zweiten Teils: ein fis und ein g, knallhart, gleichzeitig, dicht beisammen, um eine Lösung ringend.“ Wissen über Musik hätte sicher zu meinem Verständnis dieses Romans beigetragen, aber auch so kann ich die Schwingungen spüren, die Stimmungen erfühlen (und ich kann die Goldberg-Variationen über youtube kennenlernen). Und diese Stimmungen sind in erster Linie Trauer, Schmerz und Wut.

Der Verlust hat in die Frau hineingeschnitten wie ein blitzendes Skalpell, Fingerübungen, Noten, Klänge und das Schreiben sind der Verband, der die Blutung stoppen soll. Etwas merkwürdig finde ich, dass es stets nur „die Frau“ und „die Tochter“ heißt, das macht den Erzählton sehr distanziert und durchzieht ihn mit einer unangebrachten Kühle. Vermutlich aber soll dieser erzählerische Schachzug die Universalität der Geschichte verdeutlichen. Bestsellerautorin Anna Enquist hat mit Kontrapunkt ein würdevolles, gramerfülltes Klagelied vom Abschiednehmen verfasst und eine Melodie über das Muttersein komponiert.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr ruhiges, dunkles Cover mit einer Hand, die sich auf einem Klavier spiegelt. Eventuell hätte man die ebenfalls gespiegelte Steckdose wegretuschieren können.
… fürs Hirn: viel Wissenswertes über das Klavierspielen und Bach.
… fürs Herz: Schmerz. Nie sollte eine Mutter ihr Kind begraben müssen.
… fürs Gedächtnis: die Notenzeilen am Beginn der Kapitel.

Gut und sättigend: 3 Sterne

„Mach nie die Tür auf, lass keinen rein …“
„… ist erst die Tür auf, dann ist’s zu spät“ – das sang die EAV im Lied Ding Dong in den 1990er-Jahren, und ich habe es bei der Lektüre von Evelyn Grills Winterquartier im Ohr. Denn es trifft die Situation der 42-jährigen Änderungsschneiderin Roswitha, die jemanden in ihre Wohnung lässt – und nicht mehr loswird. Aufgrund einer Kinderlähmung ist Roswitha gehbehindert, und für ihre Eltern, die Schwester, das ganze Dorf und auch sie selbst war immer klar, dass Roswitha nie einen Mann finden würde. Doch dann steht auf einmal einer vor der Tür: Max, ein staubbedeckter Bauarbeiter mit schlechten Zähnen. Er gehört zum Bautrupp, der an Roswithas Haus die Fassade erneuert. Sie seien beide allein, sagt er, und was sie davon halte, ihn zu heiraten? Roswitha erbittet sich Bedenkzeit – und lässt Max schon am nächsten Tag bei sich einziehen. Von Hochzeit ist bald keine Rede mehr, Roswitha sieht sich zur Putzfrau und Köchin degradiert, Max ist respektlos und grob – und Hilfe ist von außen keine zu erwarten.

Ist ein schlechter Mann immer noch besser als gar keiner? Diese Frage stellt – und beantwortet auf seine Weise – der Roman Winterquartier der österreichischen Autorin Evelyn Grill. Roswitha ist ein gequältes Wesen mit einer von der Einsamkeit gepanzerten Seele. Das einzig Schöne an ihr, das sie selbst lieben kann, sind ihre eleganten Hände. Kaum wird Max als potenzieller Gatte bei ihr vorstellig, lässt Roswitha ihn in der Hoffnung auf ein bisschen Glück in ihr Leben – und wird erneut getreten. Max nimmt Roswithas Dienste in jeder Hinsicht in Anspruch, und die hat nie gelernt, für die eigenen Wünsche einzustehen: „Zwar fühlt sie, daß sie etwas ändern, sich widersetzen sollte, doch ist sie einerseits zu niedergeschlagen, um etwas zu tun, andererseits beruhigt sie sich mit dem Gedanken, daß alles ja nur ein Mißverständnis gewesen sei.“ Und so steigt in klassischer Manier der Druck auf Roswitha so lange an, bis er irgendwohin entweichen muss …

Winterquartier ist ein unangenehmes Buch über einen schwachen Menschen, der stets ausgenutzt und verachtet wird. Eindrucksvoll zeigt Evelyn Grill, wie unsere Gesellschaft tickt, wie schnell jemand auf der Strecke bleibt, wie wenig Anteil Umstehende nehmen, wenn Türen sich schließen und man so einfach wegschauen kann. Dafür ist das österreichische Dorf, in dem die Handlung spielt, exemplarisch. In diesem schmalen Büchlein geht es um häusliche Gewalt, um verrohtes männliches Gebärden, um Opferhaltung. Roswitha ist ganz allein mit ihren Gefühlen, ihrem Kummer, ihren Sehnsüchten. Das Ende erscheint mir ein wenig hysterisch, ist aber die logische Schlussfolgerung der Ereignisse. Winterquartier ist ein gut geschriebenes Buch über eine niedergedrückte Frau, die den falschen Mann ins Haus lässt, und eine Studie einer gepeinigten Seele.

Lieblingszitat: Da wurde sie sich selbst zum Käfig, bis an die Stäbe vollgestopft mit Verlassenheit.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein wunderschönes Foto auf dem Cover, das mir insgesamt aber zu frauenbuchmäßig erscheint.
… fürs Hirn: die Hilflosigkeit derer, die ausgegrenzt werden, die Opfertypisierung.
… fürs Herz: das Mitleiden mit Roswitha, besonders nachts.
… fürs Gedächtnis: die dramatische Schlussszene.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Über die Moral und ihre krummen Beine
In seinem Erstling Verbrechen berichtete der Berliner Strafverteidiger Ferdinand von Schirach in kurzen, prägnanten Geschichten von Fällen aus seinem Berufsleben. Nun soll der vielgelobte Bestseller verfilmt werden (und ich frage mich: wie?), und mit Schuld ist 2010 der Nachfolger erschienen. Ferdinand von Schirach setzt auf das bewährte Rezept, Fakten mit Fiktion zu vermengen und glaubhafte, schaurige kleine Berichte zu basteln. Er hat tagtäglich mit den Grausamkeiten zu tun, von denen er erzählt, und gibt dem Leser interessante Einblicke in die Tücken und Schlupflöcher unseres Rechtssystems. Die Stärke dieses Autors sind seine klugen Schilderungen, die punktgenauen Formulierungen, er ist kein Mann der vielen Worte und gebraucht nur genau so viel Fantasie wie nötig. Obwohl vieles im Detail dazuerfunden ist, glaubt man Ferdinand von Schirach, dass sich jede Geschichte genau so abgespielt hat wie von ihm beschrieben. Schuld befriedigt die voyeuristische Gier von uns Menschen nach Klatsch und Grusel gleichzeitig. Die Fälle in diesem Buch sind ebenso furchtbar wie unterhaltsam, der Ton ist ironisch, spöttisch, aber im rechten Moment sehr ernst. Schuld und Strafe stehen im Fokus, manche kommen ungeschoren davon, andere tragen die Konsequenzen ihres Tuns – und es ist interessant zu lesen, was weshalb geschieht. Gut gemacht.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein sehr unpersönliches, fast schon groteskes Cover.
… fürs Hirn: Als Lektorin kann ich nicht umhin, darauf hinzuweisen, weil es in fast jeder Geschichte vorkommt: Das Wort Mädchen hat ein sächliches Geschlecht. Sätze wie „Das Mädchen sah zu den Jungs, während sie zwischen den Beinen ihrer Mutter stand“ sind grammatikalisch falsch!
… fürs Herz: das Mitgefühl mit den Opfern.
… fürs Gedächtnis: die Geschichte über die Vergewaltigung.

Gut und sättigend: 3 Sterne

„Ein Gesicht ist nichts Konkretes, sondern eine Geschichte, die sich in Gegenwart anderer Menschen entfaltet“
Hat Gregors Mutter ihr eigenes Kind im Krieg verloren und stattdessen ihn großgezogen? Ist er ein jüdisches Waisenkind? Das fragt sich der Musiker nun schon sein halbes Leben. Fremd hat er sich gefühlt in seinem Elternhaus, und die Geschichte, die ihm ein Onkel auftischte, kam ihm gerade recht, um sich von Vater und Mutter loszusagen. Die Frage ist nur, wer die Wahrheit spricht. Verzweifelt suchte Gregor jahrelang nach einem Beweis für seine jüdische Herkunft – und entfremdete sich durch seine Besessenheit von seiner großen Liebe Mara. Er verließ sie und den gemeinsamen Sohn Daniel, der inzwischen längst erwachsen ist, eine besondere Bindung blieb jedoch immer bestehen. Nun treffen sich Gregor, Mara, Daniel, dessen Freundin Juli und viele weitere Freunde zum Apfelpflücken auf einem Bauernhof. Es ist ein lauer Herbst, die Früchte duften – und auf den Tisch kommt neben der Ernte auch alles, was die vielen Jahre über ungesagt blieb.

In Legenden wechselt der irische Schriftsteller Hugo Hamilton zwischen Gegenwart und Vergangenheit, in Rückblenden berichtet er davon, was zwischen Gregor und den wichtigsten Menschen in seinem Leben vorgefallen ist. Gregor ist dabei, alt zu werden, doch es liegt keine Bitterkeit auf ihm oder Mara. Auch Gregors Mutter und sein Großvater Emil, selbst ein beliebter Musiker und außerdem Schwarzmarkthändler, bekommen eine eigene Perspektive. Da die beiden bereits im ersten Kapitel einen Auftritt haben, weiß der Leser mehr als Gregor selbst – er kann also nicht mit Gregor über dessen Herkunft rätseln, sondern kennt die Wahrheit schon. Das mag einerseits die Spannung zerstören, gibt dem Roman aber andererseits die Möglichkeit, sich auf andere Aspekte einer so lebensfüllenden Suche wie Gregors zu konzentrieren: auf das innere Ungleichgewicht, die Rastlosigkeit, die Unfähigkeit, loszulassen. Kein herausragendes, aber ein angenehmes Buch über einen Mann, seine allererste Erinnerung und ihre wahre Bedeutung.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
immerhin ist ein Apfel auf dem Cover, der Sommerfeeling vermittelt.
… fürs Hirn: der Zweite Weltkrieg als Hintergrundfarbe der Ereignisse.
… fürs Herz: wie Mara und Daniel an Gregor festhalten.
… fürs Gedächtnis: der Duft von Apfelbäumen.

Gut und sättigend: 3 Sterne

Bis dass der Tod euch scheidet
Paul und Skarlet sind seit der Kindergartenzeit Freunde: Beiden hat es Tante Edeltraud nicht leicht gemacht, Skarlet wegen der ungewöhnlichen Schreibweise ihres Namens, Jean-Paul wegen der Un-DDR-Haftigkeit des seinen. Es gelingt ihnen das Kunststück, über all die Jahre nicht den Kontakt zueinander zu verlieren; sie erleben den Fall der Mauer, sie studieren in Leipzig, Paul heiratet und wird Vater. Nun ist Skarlet 40. Und Paul ist tot.

Alle sterben, auch die Löffelstöre erzählt die Geschichte einer engen Freundschaft, die der Tod beendet. Viel zu früh stirbt Paul – und Skarlet muss einen Weg finden, mit ihrer Trauer umzugehen. Sie lässt die Zeit mit Paul, dem Zauberer, dem verrückten, leichtfüßigen Lebemann, Revue passieren, erinnert sich, wie er sie im Kindergarten vor dem ekligen Glas Milch mit Haut rettete, an die gemeinsame Schulzeit, an Pauls Makel wegen seiner Makellosigkeit. Paul war stets fröhlich und liebte Geschichten: „Paul hatte bei einer Feier einmal behauptet, er könne Wodka in Wasser verwandeln. Er hatte die Gläser vollgegossen, Simsalabim. Sie hatten getrunken, und Paul hatte sich geschüttelt und gesagt: Versuch mißlungen!“ Wie soll Skarlet diesen Verlust verkraften? Sie findet keinen Halt, sie ist geschieden, ihre erwachsene Tochter ist im Ausland, der Job im Zoo macht ihr keinen Spaß, er ist einfach an ihr haften geblieben wie ein nasses Blatt. Sie sucht nach den richtigen Worten, um Paul und seine Freundschaft, die nie infrage gestellt wurde, in einer Grabrede zu ehren. Paul war ein stiller Revoluzzer, der stets wusste, was er wollte, und als er endlich das Glück fand, erkrankte er.

Kathrin Aehnlichs Buch über das Abschiednehmen ist nicht pathetisch, auch nicht übermäßig schwermütig – und doch ist von vornherein klar, dass es hier um Traurigkeit und Trauer gehen wird, dass ein jedes Lächeln nur eines unter Tränen sein kann. Darauf muss man sich als Leser bewusst einstellen. Bücher können ganz klar Stimmungen auslösen und steuern – Heiterkeit ist in Alle sterben, auch die Löffelstöre eher fehl am Platz. Zwar funkelt dieser Roman sprachlich nicht gerade, der Stil ist aber solide, gut lesbar, die Sätze klar und klangvoll. Insgesamt ein nachdenkliche, zärtliches Buch, das mit einem Schlusssatz überrascht, der zu den besten gehört, die ich je gelesen habe.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein metaphorisch bildliches Cover, bedeckter Himmel, ein Weg, der ins Nirgendwo führt.
… fürs Hirn: das Nacherleben von DDR und Mauerfall.
… fürs Herz: das Wissen, dass wahre Freundschaft so wertvoll ist wie Liebe.
… fürs Gedächtnis: der wunderbare Schlusssatz (nicht vorher lesen!).

Für Gourmets: 5 Sterne

Vom Davonlaufen und Ankommen
„Die Taschen packen. In die Dschungelschuhe schlüpfen, in den Zug steigen oder ins Flugzeug. Sitzen und die Augen geschlossen halten. Es ist die einzige Macht, die ich kenne: zu verschwinden.“ Seit 10 Jahren ist Anna unterwegs in der Welt, hält sich nie lange auf an einem Ort und lässt nicht zu, dass ein Mensch ihr ans Herz wächst. Doch als sie in Kairo den Zeichner Paul trifft, kann sie nicht verhindern, dass er ihr näher kommt als alle anderen. Mit ihm gemeinsam versucht sie das Geheimnis ihrer Familie zu ergründen: Warum und wohin ist ihr großer Bruder Franjo vor 15 Jahren verschwunden? Als Anna die quirlige Marjana kennenlernt, ist Paul längst fort. Und ihr wird klar, dass sie ihn nicht hätte gehen lassen dürfen …

Kopf aus den Wolken ist das Porträt einer Getriebenen, die sich der Flucht verschrieben hat und nicht mehr anhalten kann, 10 Jahre lang. Der lieblose Vater ist es, vor dem Anna flieht, die stumme Mutter, das Rätsel um den über alles geliebten, verschollenen Bruder. Die Liebe zu Paul spült alle verdrängten Gefühle in Anna frei, mit seinem Zeichenstift hält er auf Papier fest, was sie nicht sagen kann. Erst als sie Paul verloren hat, erkennt Anna, dass sie zurückgehen muss, um voranzukommen, und sie folgt seiner Spur nach New York, Hamburg, Berlin, um schließlich dort anzukommen, wo alles begonnen hat: zuhause in Wien. Und es gelint Ruth Cerha tatsächlich, mich zu überraschen, als das Geheimnis von Annas Familie letztlich gelüftet wird – ich bin begeistert und fasziniert.

Ich mag das Ruppige an Ruth Cerhas Schreibstil, das Kantige, Unliebsame und vor allem die ausgezeichneten Formulierungen: „Seine lange, schmale Gestalt entfernte sich so schnell, dass ich es kaum begriff, aber der Anblick seiner nackten Füße und der baumelnden Schuhe brannte mir in jede einzelne meiner Zellen ein winzig kleines Loch.“ Es ist, als hätte Ruth Cerha ihre Sätze wie eine Bildhauerin aus einem Stein gebrochen und dabei ein raues, aber wunderschönes Gebilde geschaffen. Kopf aus den Wolken ist herausragend gut geschrieben, ein trauriges und doch lebensbejahendes Buch, ein Buch wie ein Traum, gleichzeitig leichtfüßig und tiefgründig.