Snacks für zwischendurch

Kurz angebraten: Ljubić, Camilleri und Mulitzer als Appetithäppchen

LjubicNicol Ljubić: Ein Mensch brennt
„Im Boxsport heißt es, nur der Schlag, den man nicht kommen sieht, kann einen umhauen“

Hanno ist acht Jahre alt, als Hartmut Gründler als Untermieter ins Haus seiner Eltern einzieht. Gründler, ein unbeugsamer Politkämpfer, einer, der sich engagiert für eine Sache, von der andere nicht einmal ahnen, der Briefe schreibt, Hunderte Briefe, an den Bundeskanzler, an die Presse, ist einer, den niemand so recht ernst nimmt. Außer Hannos Mutter. Sie scheint Hartmuts Stimme als eine Art Weckruf wahrzunehmen.

„Die Geschichte, die ich über Hartmut erzähle, ist eine andere als die, die meine Mutter erzählt hätte.“

Und dann gibt es da noch den Vater, einen dicken, gemütlichen Mann, der gern hätte, dass alles so bleibt, wie es ist, der es nicht brauchen kann, dass seine Frau politische Ideen verfolgt – und sich emanzipiert. Hartmut Gründler hat es wirklich gegeben, und er war tatsächlich ein sehr politischer Mann, der sich, um ein Zeichen zu setzen, selbst verbrannt hat. Dieses Buch widmet Nicol Ljubić ihm wie eine Art Denkmal, das in erster Linie sehr trocken und nüchtern erzählt, was sich abgespielt haben könnte im Leben dieses Mannes, das aber auch davon handelt, wie schnell er vergessen wurde und wie unwichtig sein Zeichen heute scheint. Das ist makaber, traurig, sehr irritierend. Inhaltlich eine gute, interessante Geschichte, eine Chronik, die ich jedoch merkwürdig emotionslos fand, und das, obwohl sie aus der Sicht eines Kindes geschildert wird. Besonders überrascht hat mich das in Hinblick darauf, wie intensiv Nicol Ljubić Buch Meeresstille ist.

Ein Mensch brennt von Nicol Ljubić ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-28130-0, 336 Seiten, 20 Euro).

 

CamilleriAndrea Camilleri: Berühre mich nicht
Es hat eine Zeit gegeben, da habe ich Krimis verschlungen. Noch nicht mal zwanzig war ich da, ein großer Fan spannender Geschichten, und ja – Camilleri war natürlich ein Muss. Auch wenn ich das Genre heute meide wie eine Katze das Wasser, erinnere ich mich gern an Commissario Montalbano, an den Witz, das gute Essen, die interessanten Fälle. Ich bewundere Camilleri, der 1925 geboren ist, für seine Fähigkeit, sich im hohen Alter, in dem andere längst im wohlverdienten Ruhestand die Füße hochlegen, noch immer neue Geschichten auszudenken. Sein aktuelles Buch handelt von einer Frau, die verschwunden ist, und der talentierte, gewiefte Camilleri erzählt davon ausschließlich durch Gespräche. Keine einzige Beschreibung gibt es in diesem Roman, keine klassische Handlung, sondern Dialoge, Presseausschnitte, Nachrichten, Briefe. Aus diesen kleinen Schnipseln setzt sich die Story zusammen, das Rätsel um die schöne Laura, die mit einem berühmten Schriftsteller verheiratet ist und viele Affären hat, die vielleicht mit einem der Männer durchgebrannt ist oder entführt wurde oder alles nur inszeniert hat, um Aufmerksamkeit für ihr eigenes Buch zu bekommen, das bald erscheinen soll. Ein mit nicht mal 160 Seiten schmaler Roman, sehr gut zu lesen, ein kleines, originelles Highlight in der Flut der ewig gleichen Masse der Kriminalliteratur.

Berühre mich nicht von Andrea Camilleri ist erschienen bei den Hanser Literaturverlagen (ISBN 978-3-312-01034-9, 160 Seiten, 18 Euro).

 

MulitzerThomas Mulitzer: Tau
Das ist ein Buch, in dem ich mir viele Seiten markiert habe, neun an der Zahl, viele Sätze, die gut sind, die klar sind und meisterhaft geformt. Es ist aber auch ein Buch, bei dem ich am Ende denke: echt jetzt, bei dem ich das Gefühl habe, dass wir uns verzettelt und verloren haben, das Buch, der Autor und ich. Da gibt es einen, der zurückgeht in sein Bergdorf, in das Gasthaus seiner Großeltern, das einst Schauplatz war von einem Thomas-Bernhard-Roman, der Schimpf und Schande über das Dorf gebracht hat. Er will was herausfinden über damals, über den Schriftsteller, über das Buch, aber so recht gelingt ihm das nicht, eigentlich gelingt ihm gar nichts so recht, er ist ein ruheloser, unsicherer Mensch, unstrukturiert, leicht abzulenken. „Bis jetzt hatte ich so gut wie nichts erreicht“, sagt er auf Seite 144. Und das ist auch der Ton, das ist auch die Struktur, die den Roman des Österreichers Thomas Mulitzer, der zudem Musiker ist und Texter, bestimmt. Etwas seltsam Ruheloses, Zerfahrenes, das sich nicht recht greifen lässt. Aber die Sätze, die teile ich mit euch:

Das Schreiben besteht ja nicht nur aus dem Hirnwichsen und den Bewegungen der Hand, aus dem ewigen Grübeln, dem Zermartern und Zweifeln, es besteht wirklich nicht nur aus der stolzen Einsamkeit und dem Flüchten in eine Fantasiewelt.

Wenn man in diesem Land geboren wird, hat man naturgemäß eine Affinität zum Dunklen, Feuchten, Modrigen, man strebt nie nach oben, auch wenn es für Außenstehende so aussehen mag, sondern immer nach unten, tief, tief unten, die Leute steigen ja niemals Karriereleitern hoch, sie schürfen an ihrem Fundament und schaufeln ihr Grab, sie stecken ihren Kopf in ein Erdloch und lassen sich in den Arsch ficken.

Oktober ist mein Lieblingsmonat, er zieht verblühten Flieder in die Erde, mischt Gedächtnis und Begierde und tränkt das Land mit spätem Regen.

Österreich, in deinem dunklen Bauch schlummert immer noch der Holocaust.

Am Ende bereitet einem jeder Mensch Kummer.

Ich hab mir die Realität da draußen angeschaut und weiß nicht recht, ob sie mir lieber ist als die Realität in meinen Büchern.

Wenn man ein Buch von ihm gelesen hat, dann hat man alle Bücher von ihm gelesen. Das kann ich bedenkenlos sagen, denn ich habe alle gelesen.

Ich hab gespürt, wie sich mein Schädel ausdehnt, um dem Schmerz irgendwie Platz zu schaffen, aber der Schmerz hat ja nie genug Platz, darum breitet er sich mit der Zeit auf alle Bereiche aus, die er erwischen kann.

Nichts war so tödlich wie die Frauen und der Frost.

Tau von Thomas Mulitzer ist erschienen bei Kremayr & Scheriau (ISBN 978-3-218-01080-1, 288 Seiten, 22,90 Euro).

 

 

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