Snacks für zwischendurch

Kurz angebraten: Bronsky, Poulain und Zehrer als Appetithäppchen

BronskyAlina Bronsky: Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche
Rosalinda hält nicht viel von ihrer Tochter Sulfia, sie findet sie hässlich, blass und dumm, wirklich gestraft ist sie mit diesem Kind, aber was soll man machen. Als Sulfia selbst eine Tochter bekommt, wundert Rosalinda sich, wie es sein kann, dass überhaupt jemand mit ihr schlafen wollte. Und ist nicht vorbereitet auf die Zuneigung, die sie für ihre Enkelin Aminat empfindet. Doch damit fangen die Probleme erst an: Da sie Sulfia als Mutter für ungeeignet hält, würde Rosalinda die kleine Aminat am liebsten selbst aufziehen. Nur hat sie die Rechnung ohne ihre Tochter gemacht. Die beiden erschweren einander für viele Jahre das Leben, ob zuhause in Russland oder später in Deutschland, und zwar in allen Belangen und Bereichen. Rosalinda hält sich für unfehlbar, für schlau, gewitzt, gutaussehend und hilfsbereit, und da der gesamte Roman aus ihrer Sicht erzählt ist, dringt nur schwach durch, dass die Menschen in Rosalindas Umgebung ein ganz anderes Bild von ihr haben: Sie mischt sich in alles ein, ist herrisch, selbstverliebt, arrogant und besserwisserisch, ein Feldwebel von einer Frau. Das sorgt für eine Diskrepanz, die zuweilen sehr amüsant ist, mich insgesamt aber auch ziemlich genervt hat. Ich hätte mir ein Gegengewicht gewünscht, eine andere Perspektive, eine Sicht von außen auf Rosalinda, die den Roman ausbalanciert und vielschichtiger gemacht hätte. So fand ich das Buch zwar erheiternd, aber auch anstrengend, ich habe lange dafür gebraucht und es immer seltener zur Hand genommen. Alina Bronskys andere Romane, Scherbenpark und Baba Dunjas letzte Liebe, fand ich persönlich wesentlich besser. 

Die schärfsten Gerichte der tatarischen Küche von Alina Bronsky ist als Taschenbuch erschienen bei KiWi Paperback (ISBN 978-3-462-30189-2, 320 Seiten, 8,99 Euro).

PoulainCatherine Poulain: Die Seefahrerin
„Ich will, dass mich ein Schiff adoptiert“
Sie macht sich auf den Weg nach Alaska, weil sie fischen will: Eine kleine, schüchterne Frau sehnt sich danach, auf dem Meer zu sein, weg zu sein von ihrer Familie in Frankreich, und es gelingt ihr tatsächlich, auf einem Kutter anzuheuern. Die Arbeit ist hart, natürlich, sie schuftet Tag und Nacht, ist Wind und Wetter ausgesetzt, verletzt sich und muss das Schiff verlassen. Was ihr sehr schwerfällt, weil sie dort draußen, auf dem Wasser, ihre Sehnsucht erfüllt sieht. Daran kann auch ein Mann nichts ändern, den sie beim Fischen kennenlernt und der möchte, dass sie mit ihm sesshaft wird.

Sich anheuern lassen heißt, mit dem Kutter verheiratet zu sein, solange du auf ihm schuftest. Du hast kein eigenes Leben mehr, nichts, was nur dir gehört. Du musst dem Kapitän gehorchen. Sogar wenn er ein Arsch ist. Ich weiß nicht, warum ich hier bin. Ich weiß nicht, woher das kommt, dass man derart leiden möchte, für nichts und wieder nichts, im Grunde genommen. Es fehlt einem an allem, an Schlaf, an Wärme, auch an Liebe.

Dieses Buch hat mich in einen Zwiespalt geworfen. Ich wollte es lesen, weil ich fasziniert war von der Geschichte, von dieser außergewöhnlichen Frau, denn auch die Autorin hat zehn Jahre auf den Meeren Alaskas verbracht. Zehn Jahre! Die ersten hundert Seiten habe ich gefressen, ich mochte den rauen, wilden, merkwürdigen Stil, irgendwie eckig, unrund, anstrengend. Doch dann, nun ja, hat es angefangen mich zu nerven, weil es halt immer dasselbe ist, was soll schon groß passieren auf einem Fischkutter. Sie erzählt, wer Kaffee kocht, wer Wache hält, wie viel Fisch sie fangen. Das Buch hat allerdings über 400 Seiten, irgendwann ist das ermüdend. Haben sich Autorin und Verlag wohl auch gedacht, deshalb kommt plötzlich, sehr spät, eine Liebesgeschichte daher, die wie ein Fremdkörper wirkt und mich ein bisschen geärgert hat: Muss man einer Frau, die frei sein und auf dem Meer fischen will, die arbeitet wie ein Bär, wirklich so eine Lovestory mit einem Typ andichten, der sie zum Hausweibchen machen will? Das fand ich reichlich dämlich und enttäuschend. Schade, denn die Geschichte an sich, über die Seefahrerin, über die Wasser Alaskas, wäre, auf halb so viel Seiten, sehr gut gewesen.

Die Seefahrerin von Catherine Poulain ist erschienen bei btb (ISBN 978-3-442-75739-8, 416 Seiten, 21 Euro).

ZehrerKlaus Cäsar Zehrer: Das Genie
„Die Überheblichkeit ist die engste Freundin der Ignoranz, man trifft die beiden stets gemeinsam an“
Auch so ein Buch, das mich unentschlossen zurückgelassen hat: Klaus Cäsar Zehrer hat eine Art fiktive Biografie über William James Sidis geschrieben, einen der angeblich klügsten Menschen aller Zeiten, er wurde dafür mit dem Debütpreis 2017 ausgezeichnet und alle, also wirklich alle Leser waren restlos begeistert. Nur ich nicht. Anfangs habe ich den Roman gern gelesen, man folgt zuerst Williams Vater Boris, der Ende des 19. Jahrhunderts mittellos in New York ankommt und sich aufgrund seiner beeindruckenden Intelligenz schnell einen Namen macht, er schließt mehrere Studiengänge ab, lernt und unterrichtet und entwickelt mit seiner Frau Sara die Sidis-Methode, nach der sie ihren Sohn William erziehen. Die Art, auf die sie das tun, ist mir jedoch völlig unverständlich: Wie können zwei angeblich so kluge Menschen ihr Kind derart versauen? Sie füllen William ab Tag eins mit Wissen an, das funktioniert auch, schon im Alter von elf Jahren hält er einen Vortrag vor Harvard-Professoren. Doch er ist ein Sozialdepp. Sind daran die lieblosen Eltern schuld, die ihm nichts beibringen, was er im Leben braucht? Oder entspricht man als Genie automatisch dem Klischee vom lebensuntauglichen Nerd? Das bleibt unklar. Wie so vieles in diesem Buch, denn der Autor rauscht durch Williams Leben wie ein D-Zug. Er scheint es sehr eilig zu haben, handelt alles äußerst emotionslos ab, braucht aber dennoch über 600 Seiten dafür, auf denen ich mich letztlich schrecklich gelangweilt habe. Etwa ab der Hälfte hab ich nur noch quergelesen. Es muss einem erst mal gelingen, derart viel über eine einzige Person zu schreiben, die noch dazu historisch belegt ist, aber auf eine Art, dass dieser Mensch nicht greifbar wird, blass und eindimensional bleibt, wie der Schatten einer Figur. Ich konnte mit William nicht das Geringste anfangen, mit dem leblosen Stil, der allerorts als so fesselnd beschrieben wird, auch nicht. Ich fand das Buch langweilig, platt, unzugänglich, pathetisch, das Gegenteil von subtil und raffiniert. Ich wollte es nicht mal in die Ecke pfeffern, so einschläfernd war es, mir hätte die Kraft gefehlt. Einfach nur schnarchig.

Das Genie von Klaus Cäsar Zehrer ist erschienen im Diogenes Verlag (ISBN 978-3-257-06998-3, 656 Seiten, 25 Euro).



8 Comments

  1. Sehr schön geschrieben bezüglich Zehrer, bei dem ich zumindest 50% auf deiner Seite bin. Schlecht geschrieben war es für mich nicht, aber so emotionslos und eine Zurschaustellung einer historisch belegten Figur.
    Gruß
    Marc

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  2. Für den psychologischen Blick gab das Zehrer Buch wieder etwas her und da hat mich vor allem wieder fasziniert, daß ja der Vater offenbar schon ein Genie war und dazu gar nicht mal seine Methode brauchte. Und daß die Genies in der Gefahr sind sozial zu verkümmern, das ist, glaube ich, eine Tatsache, die man auch heute noch überall beobachten kann, wo es hochbegabte Kinder gibt.
    Da konnte der Autor nicht viel falsch machen und ich habe das Buch mit Interesse gelesen, sprachlich wars ja nicht so anspruchsvoll, wie drei andere von der Liste, sondern meiner Meinung nach ein interessantes journalistisches Buch und intereressant war wohl auch, daß sich die Mehrzahl der Blogger für das sprachlich nicht so anspruchsvolle, dafür leichter zu lesende entschieden haben.
    https://literaturgefluester.wordpress.com/2017/11/30/das-genie/

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  3. Ich lese gerne was du hier schreibst. Ich bin nicht Deutscher und habe nur seit zwei Jahren die deutsche Sprache an der Universität studiert. Auch habe ich ein großes Interesse für die Literatur und Lesen in allgemeinen. Deine Artikeln sind wirklich einfach zu lesen. Ich verstehe fast alles und finde sie immer interessant. Mach du weiter, was du hier machst! Danke und Grüße aus Italien!

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