Für Gourmets: 5 Sterne

Andreas Moster: Wir leben hier, seit wir geboren sind

Moster„Es ist unser Dorf, wir haben kein anderes“

„Es gibt doch nichts Einfacheres, jedes Kind kann laufen, bevor es sprechen kann, und so hätten wir gehen sollen, laufen, wie Kinder.“

Aber sie sind alle noch da, die Mädchen, die Väter, die Mütter, in diesem Dorf, das sie nie verlassen haben, in diesem Dorf, in dem sie geboren sind. Ein Mädchen erzählt seine Geschichte, ein Mädchen an der Grenze zum Frauwerden, eines, das eigentlich fort möchte, aber nicht gehen kann. Dann kommt einer ins Dorf, der hier nicht hingehört, einer von außen, ein Fremder, und wie das manchmal so ist, zerstört er das Gefüge, das in dem Dorf besteht, und plötzlich fliegen ihm die Trümmer die Ohren, plötzlich liegt er selbst unter diesen Trümmern begraben.

„Etwas, jemand, ist hier gewesen. Die Steine liegen verkehrt herum auf der Mauer. Die Wände bröckeln. Ein Hund fehlt. Wir schauen uns an, ohne etwas zu sagen. Die Träume der letzten Nacht verlaufen als dunkle, harte Sehnen von Norden nach Süden durch unsere Körper, im Osten erhebt sich die Sonne über dem Hang und der Mauer, im Westen huschen die Eidechsen über das brachliegende Feld.“

Das Mädchen sieht zu und spürt und weiß, aber ändern kann es nichts. Es ist genauso gefangen wie seine Freundinnen, in dem Dorf, das sie einfach verlassen könnten, wie die Mütter, die Väter, die sich im Kalkbruch abschuften. Dem Kalkbruch, der leer ist, und der, wenn er stillgelegt wird, das ganze Leben im Dorf, nein, das ganze Dorf selbst beenden wird.

„Das Gewitter liegt geschlagen am Hang. Es hat die Gestalt eines Bocks, die Hufe ragen steif in die Straße hinein, der Kopf ruht in einer Mulde, die sich langsam mit Tränen und Speichel füllt. Die Hörner zerwehen im Mondlicht.“

So hört sich dieses Buch an. Es ist eine Urgewalt, ein Naturereignis, rau und archaisch und wild. Es ist der erste Roman, der Wildauge nahekommt, ein wenig zumindest, dem bisher sprachlich beeindruckendsten Buch, das ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ich war auf nichts Überwältigendes vorbereitet, saß im Flugzeug nach Frankfurt, blätterte in Andreas Mosters erstem Roman, und dann kam da dieser Strick aus den Seiten und schlang sich um mich. Immer wieder starrte ich das Foto des Autors an und dachte: Wo hast du diese Sprache gefunden? Warum ist sie so ungewöhnlich, so neu, so anders? Und warum kann ich nicht so schreiben? Ich war überwältigt und verliebt. Ich stehe auf Sätze, die wie Messer sind. Die keinen Sinn ergeben und irgendwie doch. Die man zweimal, dreimal lesen muss, und dann dazu dieses Ungestüme, Düstere, Verschlagene. Halleluja, was für ein Buch.

Die Geschichte selbst ist so schwarz wie die Herzen der Dorfbewohner. Sie handelt von Macht und Missbrauch, von alten Traditionen und Unterdrückung, von Angst und Mord. Sie handelt auch vom Wald und den Tieren, von Instinkten und der Sehnsucht nach Freiheit. Die Menschen denken sich Methoden aus, Rituale, Hierarchien, um zu überleben, gemeinsam. Und doch sind es oft genau diese Hierarchien, die Einzelne von ihnen das Leben kosten. Von ihnen erzählt dieser Roman, und gleichzeitig erzählt er noch so viel mehr. Er ist stark und ungezähmt, ein wildes Tier, ein kleines Beben. Wir leben hier, seit wir geboren sind – das übrigens auch noch einen genialen Umschlag hat – gehört definitiv zu den besten Büchern des Jahres 2017.

Wir leben hier, seit wir geboren sind von Andreas Moster ist erschienen im Eichborn Verlag (ISBN 978-3-8479-0627-8, 176 Seiten, 18 Euro).

 

 

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