Für Gourmets: 5 Sterne

Anthony Doerr: Alles Licht, das wir nicht sehen

doerr„Manchmal ist das Auge des Sturms der sicherste Ort“

„Kennst du die größte Lehre der Geschichte? Sie lautet, dass die Geschichte am Ende das ist, was die Sieger sagen.“

Und dem jungen Werner wird eingebläut, dass es nur einen Sieger geben kann: das Deutsche Reich. Der blonde Bub, der in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, hat eine große Leidenschaft für Radios und alles Technische. Die bringt ihn an die Akademie, wo er eine Chance auf eine gute Ausbildung erhält – denn im Krieg werden Burschen wie er gebraucht. Werner macht mit, reiht sich ein in den Gleichschritt und versucht, die Zweifel, die tief in ihm drin gären, zu ignorieren. Als er gegen Kriegsende in einem kleinen französischen Städtchen stationiert ist, deckt er ein Geheimnis auf, an dem sich zeigen wird: Ist Werner, wenn es drauf ankommt, ein guter Mensch? Denn dort trifft er Marie-Laure, die allein ausharrt in einer völlig zerbombten Stadt. Sie ist blind. Und was sie tut, könnte sie das Leben kosten …

Im September war ich im Urlaub: die erste Flugreise mit den Kindern. Der Platz im Koffer war beschränkt, ich hatte schon einige leichte Taschenbücher eingepackt, da ich ja keinen E-Reader besitze. Am Abend vor dem Abflug hab ich noch in diesen Roman reingelesen, nicht viel, vielleicht fünfzehn Seiten. Das war ein Fehler. Denn dann musste ich ihn mitnehmen. Ich MUSSTE. Ich stopfte ihn noch zu den Badesachen, und dann saß ich da, am Strand, die Kinder in Sichtweite, strahlender Sonnenschein, die Füße im Sand – und mit dem Kopf mitten im Zweiten Weltkrieg, im Bombenhagel. Mehr als einmal tropften meine Tränen in den Sand, holy moly, das klingt so rührselig, aber was soll ich tun, es ist wahr.

Anthony Doerr hat 2015 für dieses Buch, um das ein großer Hype herrschte, den Pulitzer-Preis bekommen. In Amerika hat ihm das einen sensationellen Erfolg beschert, das deutsche Feuilleton hat sein Werk abfällig behandelt und belächelt. Ich bin wie immer spät dran, aber who cares: Gute Bücher werden nicht schlecht. Und dieses hier schon gar nicht. Deshalb solltet ihr alle, die die Geschichte von Marie-Laure und Werner noch nicht gelesen haben, das unbedingt nachholen: Sie ist großartig. Sehr ergreifend, hart, spannend, tieftraurig und ein weiteres Mahnmal –, auch wenn es viele geben mag, die glauben, davon brauche es nicht noch mehr – dessen, was geschehen ist, was nicht vergessen werden darf. An den vielen Details merkt man, wie gut der amerikanische Autor recherchiert hat – die Arbeit muss Jahre gedauert haben. Die Kapitel sind sehr kurz, die Schnitte sind schnell, was tatsächlich einen Film im Kopf ablaufen lässt, einen Film voll einprägsamer Bilder und mit gelungener Dramaturgie. Anthony Doerr hat viel Liebe in dieses Buch gesteckt, hat sich hineingefühlt in seine zwei Jugendlichen, in diesen Krieg, in diese Ideologie. In Deutschland war es nicht erfolgreich, wofür die Kritiker diverse Gründe gefunden haben, unter anderen die Übersetzung. Ich war allerdings absolut angetan, für mich gehört Alles Licht, das wir nicht sehen zu den besten Büchern, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Den dicken, schweren Wälzer in den Urlaub und an den Strand zu schleppen – das war’s wert.

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr ist erschienen bei C. H. Beck (ISBN 978-3-406-66751-0, 528 Seiten, das HC ist vergriffen und wird nicht nachgedruckt, bei btb ist eine Taschenbuchausgabe erschienen).

9 Comments

  1. auch wenn es schon etwas her ist, es gehörte für mich auch zum Besten, was ich seit langem gelesen habe. Absolute Empfehlung ! Wie pflegte Frau Heidenreich zu sagen : LESEN !!!
    lg,
    Susa

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  2. Kathi

    Hab es jetzt ausgeliehen, dank deiner Rezension – und ich bin gespannt 😉 Dachte mir ja erst „Schon wieder ein Nazi Buch“, aber jetzt bin ich gespannt.

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