Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Julya Rabinowich: Krötenliebe

IMG_7678„Die Schönheit der Kröte erschließt sich nicht jedem“
„Aber alles, was unsägliche Schmerzen bereitet, wie eine unerfüllte Fixierung, hatte einmal verlockenden Glanz, bot Lust und Freude, selbst die dunkelste Sucht beginnt im Funkelnden, auch wenn dies nicht von Dauer ist.“ So geht es all den Männern, die im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts dem Charme von Alma Mahler verfallen: darunter der Maler Oskar Kokoschka sowie Paul Kammerer, Vater der Epigenetik. Alma ist die Tochter des Malers Schindler, Witwe des Komponisten Mahler, „ein Fixstern in dieser sich immer an der Kippe zum Irrsinn, zum Exzess drehenden und dennoch gleichzeitig so abgeschotteten gutbürgerlichen Künstlerszene“. Bereits als Kind, an der Schwelle zum Erwachsenwerden, wird sie begehrt, der Erste in der langen Reihe ihrer Verehrer ist Gustav Klimt.

„Sie aber zappelt niemals an der Angel, sie ahnt jetzt schon, was für eine Macht sie haben wird, wenn sie sich nur so verhält wie das Meer: zurückweichend und heranbrausend, gefährlich, schön und ruhig, geheimnisvoll und nutzbar.“

Sie ist Muse und Femme fatale, sie ist Mutter und Ehebrecherin. Sie zieht die Männer an, lässt sich umschwärmen und mit Heiratsanträgen überschütten, nur um sie wieder von sich zu stoßen in einem ewigen Spiel aus Macht und Ohnmacht. Und während Kokoschka und Kammerer an Alma Mahler verzweifeln, stürzt Europa in den Zweiten Weltkrieg, versinkt in Schutt und Asche.

Alle Figuren, die Julya Rabinowich in Krötenliebe tanzen lässt, haben tatsächlich gelebt, Alma, Oskar und Peter hat es wirklich gegeben, sie haben einander begehrt und verstoßen, sie haben gemalt, getrunken, sich verzehrt und gekämpft. Die österreichische Autorin, die in St. Petersburg geboren ist, hat aus historischem Stoff und dem Faden der Fiktion einen faszinierenden Roman gewebt. Sie wechselt in der Perspektive zwischen den drei Protagonisten, verbindet Passagen im historischen Präsens mit der Macht der Fantasie. Ihr Buch baut auf belegten Fakten auf und ist dennoch ein schwungvoller, poetischer Reigen aus wirbelnden Sprachbildern, versunkenen Gefühlen und wertfreien Mutmaßungen. Ist es so gewesen? Haben sie das gesagt, haben sie so empfunden? Wir wissen es nicht, aber es ist möglich. Kein Wort davon ist wahr, und jedes Wort davon ist wahr.

Das Einzige, was ich an Krötenliebe auszusetzen habe, ist bei genauerer Betrachtung eigentlich ein Kompliment: Es war mir zu wenig. Gern hätte ich doppelt so viel gelesen von Alma, Kammerer und Kokoschka, vielleicht sogar das Dreifache. Es dürstete mich derart nach Informationen, dass ich während der Lektüre angefangen habe zu googeln. Wer waren diese Menschen, wie waren sie? Wie ging alles zu Ende, wie starben sie? Ich war angefixt, und die Neugier ist ein Hund. Deswegen reichten die knapp 180 Seiten für mich kaum aus, ich wollte mehr wissen, und die Lücken, die Julya Rabinowich offen lässt, machten mich ganz unruhig. Welche anderen Männer betörte sie noch? Warum heiratete sie weder Kammerer noch Kokoschka, plötzlich aber Franz Werfel? Und was ist mit ihrem dritten Kind geschehen? Fragen über Fragen. Nichtsdestotrotz mochte ich Krötenliebe richtig gern, es hat mich mitgenommen auf eine Zeitreise ins aufgewühlte, erhitzte Kriegs-Wien, in Paul Kammerers Krötenlabor, in Oskar Kokoschkas Atelier, wo er eine lebensgroße Puppe anbetet, in Alma Mahlers Bett.

Krötenliebe von Julya Rabinowich ist erschienen bei Deuticke (ISBN 978-3-552-06311-2, 192 Seiten, 19,90 Euro).

5 Comments

  1. Für mehr Informationen über Alma Mahler-Werfel gibt es die spannende Biographie von Oliver Hilmes: Witwe im Wahn
    Ich habe „Krötenliebe“ abgebrochen. Das liegt wohl daran, dass ich Julya Rabinowichs vorherige Romane so großartig fand. Und daran kann sich Krötenliebe, finde ich, nicht wirklich messen … Ich kann vor allem „Herznovelle“ und „Spaltkopf“ empfehlen.

    Reply
  2. Ja, genau, wie Marina Büttner schon anmerkte: Wenn du mehr über Alma Mahler-Werfel erfahren möchtest, dann Oliver Hilmes, der ihr Leben minutiös recherchierte – es wäre spannend, welches Buch dir dann besser gefiele.

    Reply
  3. Kathi

    Nach dieser Rezension habe ich mir Bücher von Rabinowich besorgt. Als erstes „Herznovelle“, jetzt kommt die „Erdfresserin“ dran. Ich arbeite mich dann langsam vor bis zu diesem 😉

    Reply

Kommentar verfassen