Gut und sättigend: 3 Sterne

Jan Böttcher: Y

Böttcher„Jemanden gehen zu lassen, obwohl man ihn liebt, weil man ihn liebt“
Eigentlich kannten sich Jakob und Arjeta schon aus der Schule, doch mit 13 hat Jakob das aus Prishtina eingewanderte Mädchen, das so schnelle Deutsch lernte, gar nicht wahrgenommen. Das macht sie ihm zehn Jahre später, als Jakob sich in Arjeta verliebt, zum Vorwurf – und weist ihn immer wieder auf ihre kulturellen Unterschiede hin. Doch Jakob hat dafür keinen Nerv, er versteht nicht, warum Arjeta sich ihren strengen Eltern fügt, die Jakob nicht in ihrem Haus haben wollen, schon gar nicht über Nacht. Auch warum die Familie sich so hineinsteigert in den Krieg, der in der fernen Heimat ausbricht, kann er nicht begreifen. Als Arjetas Vater beschließt, zurück nach Kosova zu gehen und dort ein Hotel zu bauen, kommt Arjeta mit. Die Trennung von Jakob fällt ihr leicht, geliebt hat sie ihn ohnehin nie, und in der Heimat gibt es andere Männer, von denen sie einen heiraten wird. Jakob dagegen akzeptiert Arjetas Schritt nicht, er folgt ihr nach Prishtina. Und er bleibt hartnäckig, denn das Kind, das Arjeta erwartet, ist seines …

Y ist die Geschichte einer Beziehung, die Geschichte einer Auswanderung und die Geschichte gescheiterter Eltern. Eine Liebesgeschichte ist es nicht, denn Liebe gibt es keine in diesem Roman. Manch einer erhebt Ansprüche auf einen anderen, und manch anderer fühlt sich verpflichtet, aber niemand liebt. Jan Böttcher, der mit der Band Herr Nilsson erfolgreich war und später mehrere Bücher in die Bestsellerlisten geschupft hat, hat einen interessanten Roman über innere Zerrissenheit, ein Leben in der Fremde und die Suche der Kinder nach Antworten geschrieben. Dabei hat er eine kuriose Erzählperspektive gewählt, die ebenso originell wie unvorteilhaft ist: Der Ich-Erzähler ist jemand, der mit den Ereignissen nicht das Geringste zu tun hat, nämlich der Vater eines vierzehnjährigen Teenagers namens Benji in Berlin. Dieser Benji lernt in einem Sommer Leka kennen, den Sohn von Jakob und Arjeta. Von hier an wird alles rückwärts aufgerollt, besagter Vater ist Schriftsteller und hat Bock auf die Story – er reist sogar selbst mit Benji nach Prishtina und wandelt auf den Spuren der ihm völlig fremden Menschen. Er spricht mit Jakob und Arjeta, und er mag beide nicht. Das merkt man seinem Erzählen sehr stark an. Es ist auch kein Wunder, denn die zwei, die zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren nichts mehr miteinander zu tun haben, sind wahnsinnig unsympathisch. Problematisch an der ungewöhnlichen Perspektive ist auch, dass der Erzähler nichts weiß – er war nie selbst dabei, fungiert nur als Filter, gibt wieder, was ihm eingetrichtert wurde, muss sich mit steifen Überlegungen behelfen, wo ich mir eigentlich Gefühl und Beteiligung wünschen würde.

Y ist eines jener Bücher, bei denen ich mich nach der Lektüre frage, was es mir eigentlich sagen will. Ich werde nicht ganz schlau aus den verschiedenen Botschaften, die ich zu erkennen glaube: dass ungewollte, entwurzelte Kinder verloren sind? Ja. Dass ein Land, in dem Krieg war, moralisch, finanziell und politisch am Boden ist? Mit Sicherheit. Dass man sich manchmal an die falschen Menschen hängt und sie viel zu lange nicht loslassen kann? Durchaus. Alles davon ist wahr, alles davon ist wichtig. Trotzdem bleibt Y mir gegenüber auf Distanz, was vielleicht auch an der unbeteiligten Erzählperspektive liegt. Wir verstehen uns ganz gut, dieses Buch und ich, aber wir werden keine Freunde, wir sind eine Weile zusammen, doch es funkt nicht. Genau wie bei Jakob und Arjeta.

von Jan Böttcher ist erschienen im Aufbau Verlag (ISBN 978-3-351-03640-9, 255 Seiten, 19,95 Euro). Hier findet ihr eine Besprechung von deutschlandradiokultur.de.

7 Comments

  1. Danke für die Vorstellung.
    Am Samstag habe ich mit der Buchhändlerin – Buchhandlung Findus – lange gesprochen – sie mag es unbedingt lesen und hat viele positive Stimmen gehört.

    Ich kannte bisher noch keine – jetzt deine. :-)

    LG – Bini

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  2. Ich hab das Buch wirklich gern gelesen, doch ging es mir ganz ähnlich, wie dir.
    Man hat eine Zeit mit dem Buch verbracht, doch – wie zwischen Arjeta und Jakob – der Funke springt nicht 100 % über. Schöne Grüße!

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  3. letteratura

    Ich habe es auch ganz ähnlich gelesen wie Du. Die Erzählperspektive, ja, das sehe ich auch so und auch sonst. Das Buch hat mich ziemlich ratlos zurückgelassen.

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    1. Mariki Author

      Das beruhigt mich … es ist immer ein gutes Gefühl, Zustimmung zu finden bei jemandem, dem es auch so ging (und nicht die Einzige zu sein, die das Buch vielleicht nicht verstanden hat) … 😉 Dabei wäre die Erzählperspektive eigentlich recht originell gewesen. Und die Idee für die Geschichte auch. Aber nun ja … Ratlosigkeit macht sich breit!

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