Für Gourmets: 5 Sterne

Marc Buhl: Das Paradies des August Engelhardt

Der alte Traum vom unbeschwerten Leben
„Geld, Gott und Dreck, der Dreiklang des zwanzigsten Jahrhunderts, das gerade begonnen hatte“ – dem will August Engelhardt entkommen. Zuhause in Deutschland als Nacktgeher und Fruchtesser verunglimpft und verurteilt, macht er sich auf die Suche nach einem Ort, an dem er nach seinen Vorstellungen leben kann, reist nach Indien, verweilt in der Kommune des Malers Diefenbach und gelangt schließlich auf die Südseeinsel Kabakon. Hier will er sich nur von Kokosnüssen, Sonnenlicht und der Weisheit seiner vielen Bücher ernähren. Den deutschen Kolonialherren und Missionaren der Nachbarinseln ist der nackte Verrückte, den die Eingeborenen überraschenderweise nicht töten, ein Dorn im Auge. Doch August ist ebenso harmlos wie glücklich. Dann aber tauchen seine Freunde Walter und Wilhelm auf, im Schlepptau eine Horde deutscher Sonnenanbeter, die August als eine Art Guru betrachten, und Anna, Augusts heimliche Liebe.

Marc Buhl hat einen fiktiven Roman über eine reale Person geschrieben: den Frühhippie August Engelhardt, Vegetarier und überzeugter Nudist, der sich im Jahr 1903 auf einen Strand unter Palmen setzte und anfing, sein Leben zu genießen. Er war ein Aussteiger, ein Glückssucher, der sich mit dem begnügte, was die Natur ihm bot, ohne ein Tier zu töten. Dem kalten Deutschland mit seinen Zwängen und Verboten, mit dem aufkeimenden Antisemitismus entflohen, ist er für die Einheimischen Kabakons eine Kuriosität: Er ist weiß, aber er hält sich nicht für etwas Besseres. Es findet eine zurückhaltende Annäherung statt zwischen August und Häuptling Kabua, auch mit Pater Joseph freundet sich August an. Der Pater hat seine missionarischen Illusionen längst verloren: „(…) aber was heißt schon Zivilisation: ein Postamt, eine Krankenstation, Beamte im Fieber, Pflanzer, im Herzen Geld und Zwiebeln im Atem, ein paar Kirchenleute wie er, die mehr dem Gekreuzigten ähnelten als dem Auferstandenen.“ Und so könnte das Leben ruhig und erfüllt bleiben für August auf seiner Insel – doch seinem ersten Besucher, dem Musiker Max Lützow, folgen bald weitere. Sie machen August zum Gründer des Sonnenordens und sie bringen Missgunst, Rassendenken und den Tod mit sich.

Das Paradies des August Engelhardt ist ein ungemein unterhaltsames, lebenskluges und dazu noch herrlich gut geschriebenes Buch. Marc Buhl versteht es ausgezeichnet, die Eckdaten eines echten Lebens mit Fantasie, großem Einfühlungsvermögen und schriftstellerischem Talent zu einem glaubhaften Roman zu kombinieren. Gut recherchierte Details lassen die Südseeinsel, das Leben der Missionare, die Sprache der Einheimischen, das Rauschen der Wellen und den Geschmack von Kokoswasser lebendig werden. So sehr, dass man das Gefühl hat, ganz nah dran zu sein am sympathischen, friedfertigen August Engelhardt und der Palme, auf der er sitzt. Dieser Autor überzeugt mich mit Lebensweisheit, Ironie und ausbalancierten Formulierungen: „Die Nuss hatte dem Freund den Schädel zerschlagen, den zarten Knochen, eine brüchige Schale, viel Kraft hatte das nicht gekostet, im Gegenteil, viel zu schnell brachen die Schädel der Menschen, ganz anders als die der Haie, bei denen brauchte es Wut und Angst, bei den Menschen genügte auch eine kleine Enttäuschung.“ Die Ankunft der anderen Aussteiger bereitet dem Inselglück von August ein jähes Ende: Er sieht sich konfrontiert mit all der menschlichen Niedertracht, die er zurückgelassen hat, und mit seinen Gefühlen für Anna, die Geliebte seines Freundes Walter. Wie die Dinge ihren logischen und gefährlichen Lauf nehmen, schildert Marc Buhl eindringlich und absolut lesenswert: Dies ist ein Roman über den ewigen Fluch der Menschen, nie und nirgends miteinander in Frieden leben zu können. Begeistert bin ich vom fulminanten, tragischen, stimmigen Ende – und von diesem ganzen wunderbaren Buch (sowie von der schönen Prägung, die sich unter dem Schutzumschlag versteckt)!

Lieblingszitat: „(…) aber Lesen ist vielmehr ein Hören, ein verinnerlichtes Hören eben, eine Rezitation der Stimme des Autors, der man lauscht. Über Welten und Zeiten hinweg konserviert sich die Stimme auf dem Papier, mal ein Flüstern, mal ein Stöhnen, eine Klage, Dozieren, Geschrei, aber immer Klang, immer ist da einer, der spricht, und einer, der lauscht, verbunden in einer seltsamen Intimität, und wie alle Ohrenkunst braucht es Zeit.“

Das Paradies des August Engelhardt ist erschienen im Eichborn Verlag (ISBN 978-3821861487, 18,95 Euro).

0 Comments

  1. Liebe Mariki, ich habe soooo viele Bücher hier… Ich wollte aber wegen meiner Blogpause erst mal keine mehr auf den Blog drauf tun. Hast Du denn eine Wunschliste? Oder Vielleicht hätte ich etwas, was Du Dir wünschst?

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  2. Mariki Author

    Ach seufz! Dass du eine Blogpause machst, ist verständlich, aber sehr schade! Ich hoffe wirklich, du kommst bald wieder. Meine Wunschliste ist in der Blogroll, vielleicht können wir ja wirklich was tauschen…

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  3. Liebe Mariki, leider kann man Deine Wunschliste nicht öffnen, bzw. der Link führt nur zur Startseite. Inzwischen habe ich aber einen lieben Menschen gefunden, der mir dieses Buch schenken möchte. Deswegen kannst Du es erst mal behalten…
    Ich wünsche Dir alles Gute und hoffentlich bis bald
    Dorota

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