Gut und sättigend: 3 Sterne

Sophie Albers: Wunderland

„Ja, man steht rum, langweilt sich, also spuckt man“
Hanna ist 35 und Journalistin. Als sie beschließt, eine Reportage über die Welt von Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin zu schreiben, trifft sie den 25-jährigen Tamer. Hanna will ihn näher kennenlernen, in sein Leben eintauchen, ein Porträt über ihn verfassen. Die journalistische Objektivität sowie ihre Distanz gehen ihr dabei recht schnell verloren. Und Hanna verändert sich: „Alles hat sich verschoben. Immer wieder sehe ich mich selbst in diesen unterwürfigen Momenten, in denen ich geradezu um Tamers Gunst bettle. In denen ich eine andere Frau bin, die ich vorher nicht kannte und, ehrlich gesagt, auch nicht kennen wollte. Ich weiß nicht, wo sie herkommt, und ich kann nur hoffen, dass sie wieder verschwindet, sobald dieser Artikel geschrieben ist.“ Tamer ist ein Macho, er ist intolerant, rüpelhaft, frauenfeindlich und kriminell. Und Hanna, eine selbstbewusste, erfolgreiche Frau, hält immer öfter den Mund, verirrt sich ein wenig in Tamers Stadt – obwohl diese doch eigentlich auch ihre Heimat ist.

Mit Wunderland hat Sophie Albers ein kluges, befreiend einfaches Büchlein über das Miteinander verschiedener Kulturen geschrieben. Ihre Protagonistin Hanna sieht die Welt und vor allem die eigene Umgebung mit einem Mal durch Tamers Augen. Dessen Blick ist in erster Linie geprägt von Unmut, Antisemitismus und Machtgehabe. Tamer ist unflexibel und gebieterisch, ein junger Klischeearaber: „Er betrachtet die Dinge immer nur einmal. Danach kennt er sie ja schon. Einen zweiten Blick, einen zweiten Gedanken sind sie ihm nicht wert.“ Hanna stößt das sauer auf: „Ich frage mich immer wieder, wieso ich mich dem eigentlich aussetze, warum ich mir diesen völlig sinnlosen Scheiß anhöre, der aus diesem verklebten Hirn quillt, das ich manchmal gern durchspülen würde: 120 Minuten im Vernunftvollwaschgang mit Toleranz-Zusatz und anschließendem Besonnenheitsschleudern.“ Doch während sie sich ihre Meinung bildet über Tamer und über die Akzeptanz von Einwanderern, merkt sie: Sie selbst ist in Tamers Welt alles andere als willkommen.

Sophie Albers beschreibt eine Art Parallelwelt, von der jeder weiß, die aber kaum jemand bisher selbst betreten hat: Sie hat sich der Frage angenommen, wie junge Menschen mit Migrationshintergrund in Berlin leben, welche Ansichten und Wünsche sie haben. Ganz ohne moralischen Zeigefinger erzählt sie uns eine Geschichte, die die bekannten Probleme und Diskussionen zum Thema hat, ohne sich aber auf ein Urteil zu versteifen – und die trotzdem angenehm und schnell zu lesen ist. Ein wenig schade finde ich, dass Tamer arg stereotyp geraten ist – aber ansonsten funktioniert ein Roman über die Koexistenz fremder Kulturen vermutlich nicht so gut. Tamers Anschauungen sind Hanna fremd, und doch wird sie davon beeinflusst, sie steht nicht über ihm, zum Glück. Der Stil der Autorin ist prägnant und direkt, ihre Sprache will nicht als Kunstform beeindrucken, sondern dient als Werkzeug – das ist fast erholsam. In Wunderland geht es um den Verlust von Objektivität, der notwendig ist, um einmal einen ganz unverstellten Blick auf den Umgang von Deutschen und Einwanderer(kinder)n miteinander zu werfen. Wie definiert sich Heimat? Darüber nachzudenken, ist heilsam und wichtig. Ohne es auch nur einmal zu sagen, stellt dieses Buch die Forderung nach mehr Toleranz.

Lieblingszitat: „Er meinte, früher sei alles einfacher gewesen, da war man auf dem Spielplatz, und wenn ein Kind einen blauen Pulli anhatte wie man selbst, war das Grund genug, sich zu mögen.“

Wunderland ist erschienen im Knaus Verlag (ISBN 978-3-8135-0398-2, 14,99 Euro).

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