Bücherwurmloch

Tatiana Salem Levy: Vista Chinesa

„In jener Zeit gehörte das, was einmal meins war, nicht mehr mir. Zuallererst mein Körper“

„Jedes Mal, wenn die Erinnerung wiederkam, und das passierte ständig, wiederholte ich dieses Mantra, ich bin am Leben.“

Eines Nachmittags joggt die Architektin Joana zum Vista Chinesa, als ein Mann sie mit vorgehaltener Waffe in den Dschungel zerrt und vergewaltigt. Dieses Buch ist ihr Bericht, ein langer Brief an ihre Kinder, die es, wenn sie schon jemals davon erfahren müssen, von ihr erfahren sollen. Oder wissen sie, die in ihrem Bauch, in ihrem Körper gewachsen sind, ohnehin Bescheid? Der von Marianne Gareis aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzte schmale Band beruht auf wahren Ereignissen, ist Erinnerung und Anklageschrift zugleich. Die Polizei bemüht sich, den Täter zu finden, hat aber eher die eigene Erfolgsstatistik im Auge als Joanas Befinden. Ohne Rücksicht auf ihr Trauma wird sie wieder und wieder befragt, das Phantombild verschwimmt, hatte er wirklich so eine Nase oder war sie breiter, waren seine Handschuhe schwarz oder blau, wie groß war er tatsächlich? Es wird deutlich, dass die Gesellschaft klare Vorstellungen von einem perfekten Opfer hat, die Joana nicht immer erfüllt. Besonders gut fand ich, wie ihr Verhalten ausgeleuchtet wird: dass man eben stillhält und sich nicht wehrt, weil man überleben will, dass man sich den Schmutz und den Schmerz abwäscht, obwohl das die Spuren zerstört, dass man sich an vieles deutlich erinnern kann und an anderes nicht.

Tatiana Salem Levy, die Joanas Geschichte aufschreiben durfte, hat sich ihr auf sensible Art genähert, gleichzeitig ist der Text gehetzt, atemlos, fast panisch, und das passt – als müsste man von etwas Traumatischem sehr schnell berichten, um es hinter sich zu bringen. Ich bewundere alle Frauen, die an diesem Buch mitgearbeitet haben, dass sie es in die Welt gebracht haben, dass sie ihre Stimmen erheben, dass sie sich nicht mundtot machen lassen. Es braucht mehr Tatsachenberichte wie diesen, denn durch die Opfer-Täter-Umkehr drängen wir Überlebende sexualisierter Gewalt stets in eine Rechtfertigungsposition. Sie sollen aber die Möglichkeit haben, so darüber zu sprechen, wie sie möchten und können, ohne dass ihnen Vorschreibungen und Vorhaltungen gemacht werden.

Vista Chinesa von Tatiana Salem Levy ist erschienen bei Secession.

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