Bücherwurmloch

Julia von Lucadou: Die Hochhausspringerin

„Die Welt lässt sich nicht retten. Aber einzelne Menschen schon“
Riva springt nicht mehr. Sie sitzt in ihrer Wohnung, sie ist apathisch, trainiert nicht und isst nicht. Das ist ein Problem, denn Riva ist als Hochhausspringerin an Verträge gebunden und muss funktionieren. Weil sie das nicht tut, zerbricht nicht nur ihr eigenes Leben – sondern auch das ihres Partners Aston und das einer völlig fremden Frau, die Riva nicht einmal kennt: Hitomi. Sie hat keinen Kontakt mit Riva und weiß trotzdem zu jeder Zeit, was die berühmte Sportlerin gerade macht: Von einem Büro aus überwacht Hitomi jede von Rivas Regungen. Es ist ihr Job, die Promi-Springerin aus ihrer Lethargie zu reißen, und sie hat dafür nicht viel Zeit. Unter immer größerem Druck, angetrieben von den Sponsoren und ihrem Chef, der Master genannt wird, versucht Hitomi das Unmögliche: einem Menschen nahe zu kommen, einem Menschen zu helfen, den sie nicht berühren, mit dem sie nicht einmal sprechen kann.

– Macht es dich nicht wütend, fragte sie, dass wir nichts selbst entscheiden können?
– Sie versuchen ja nur, unser Potenzial zu erkennen und zu fördern. Du kannst ja immer noch nein sagen.
– Wen kennst du, der schon mal nein gesagt hat?
– Aber sie zwingen dich nicht. Sie zeigen uns nur die bestmögliche Version unserer selbst, sagte ich.
– Bist du dir sicher?

Julia von Lucadou hat ein Zukunftsbuch geschrieben, das gar nicht so sehr Zukunft ist. Man möchte grinsen bei so manchem, was die Protagonisten tun, und doch gräbt das Grinsen sich nur halb ins Gesicht: weil es so real erscheint, nicht abwegig, sondern möglich, fast schon greifbar. In ihrem vielgelobten Roman kennt man seine Bio-Eltern nicht, wird permament überwacht und erhält für korrektes Verhalten credits, die man braucht, um eine Wohnung zu bekommen, einen Arbeitsplatz zu halten, Essen kaufen zu können. Man muss sich ausreichend bewegen, gesund ernähren und gute Bewertungen nach Dates bekommen, darf vom Arbeitgeber nicht kritisiert werden und sich keinen Fehltritt leisten. Sonst heißt es: raus aus der Stadt, ab ins Ghetto. Dort leben die, die es nicht geschafft haben, sich über ein Casting zu qualifizieren. Busweise werden die Ghetto-Kinder zu diesen Castings gekarrt, dort wird ausgesiebt, wer etwas taugt und wer nicht, und so weit weg von GNTM und DSDS ist die Vorstellung ja dann doch nicht.

„Es war eine der Grundüberzeugungen des Instituts, dass Persönlichkeit veränderbar war. Man müsse nur hart genug an sich arbeiten.“

Hitomi arbeitet hart, sie arbeitet bis zur Erschöpfung. Sie geht über sämtliche Grenzen und scheitert trotzdem, weil dies die wohl wichtigste Botschaft des Romans ist: Einer Welt, in der man nur etwas gilt, wenn man funktioniert und nach den Regeln spielt, kann man nur entkommen, indem man sich völlig verweigert – und das System verlässt. Großartig geschrieben, ich habe es atemlos verschlungen, starke Story.

Die Hochhausspringerin von Julia von Lucadou ist erschienen bei Hanser Berlin (ISBN 978-3-446-26039-9, 288 Seiten, 19 Euro).

 

 

2 Comments

  1. Wunderbar – das hat mich richtig neugierig gemacht!

    Da werde ich wohl gleich tatsächlich durch Berlins momentanen Hitzesommer zu meinem Lieblingsbuchladen laufen …

    Dir herzlichen Dank für diese Anregung und eine sorglose, lesefutterreiche Zeit
    Bianka

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