Für Gourmets: 5 Sterne

Gerhard Jäger: Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod

Jäger„Wenn Menschen gehen, suchen sie etwas, wenn sie nichts suchen, rennen sie weg vor etwas“
„… wie als Zeichen, dass der Winter begonnen hatte, sein Terrain abzustecken, seine Gebietsansprüche zu stellen, und so, als ob er sagen wollte, wer sich so weit in die Berge vorwagt mit seiner Familie, seinem Vieh, wer so weit oben Häuser und Bestallungen errichtet, es wagt, so weit oben sein Leben zu leben, der muss sehr früh mit mir rechnen, dem lege ich als Erstem die kalte Hand auf die Schulter, blase ich als Erstem den kalten Atem ins Gesicht, während die, die unten geblieben sind, noch Zeit haben …“ Und er ist brutal, dieser Winter in den Tiroler Bergen im Jahr 1950, der in die Geschichte eingehen wird als Lawinenwinter mit 260 Toten und den der junge Wiener Historiker Max Schreiber in einem Dorf verbringt, in dem er nicht willkommen ist. Ein Buch will er schreiben über eine, die verbrannt ist in ihrem eigenen Haus, die vielleicht eine Hexe war, die man vielleicht brennen sehen wollte, und sobald er dieses Ansinnen äußert, begegnet man ihm mit noch mehr Misstrauen als ohnehin schon. Er ist ein Fremder, er hat hier nichts verloren. Doch Schreiber lässt sich nicht verjagen, und das liegt nicht so sehr an dem Buch, für das er noch keine Zeile geschrieben hat, sondern an Maria. Die junge Frau, die nicht spricht, fasziniert ihn, zieht ihn an, doch das Problem ist: So ergeht es nicht nur ihm. Auch Kühbauer liebt Maria, ein Bauerssohn, verspottet, weil sie ihn nicht erhört, der umso mehr in sturer Liebe entbrennt. Dann kommt der Schnee. Dann kommen die Lawinen. Dann kommt der Tod. Doch nicht bei allen, die sterben, trägt der Winter die Schuld …

Ich hatte 2016 ein übles Lesejahr, habe mich ständig vergriffen und halb die Lust am Lesen verloren. Endlich kam dieser Roman, und er kam reichlich spät. Als ich begonnen habe, ihn zu lesen, war ich schon resigniert. Da war ich schon fertig mit der literarischen Welt (und mit der restlichen auch ein bisschen). Es hat eine Weile gedauert, diese Resignation aufzubrechen, zu mir durchzudringen. Erst nach etwa einem Drittel wurde ich plötzlich hellhörig. Etwas hat sich gerührt in mir. Etwas hat sich verschoben. Sehr langsam, in einem steten, gleichbleibenden Rhythmus, hat sich dieses Buch reingearbeitet in mein Inneres, durch den Panzer der Enttäuschung und des Unwillens. Diesen Rhythmus erzeugt die eigenwillige, betörende, fesselnde Sprache. Gerhard Jäger spielt mit Wiederholungen, babam, babam, sanft, beständig, beharrlich, babam, und wenn du da erst einmal drin bist, im Dickicht dieser Sprache, dann findest du nicht mehr raus. Pathetisch ist das manchmal, und lang sind die Sätze, aber es passt, es ist stimmig, es ist gut, und deswegen darf der das, der Jäger. Sein Setting ist eine vergangene Zeit, ein archaisches Dorf, und von Anfang an ist eine bedrohliche Stimmung spürbar, die sich nicht zuletzt in den Naturkatastrophen entlädt, denen der Mensch so hilflos gegenübersteht. Jede Figur ist fein ausgearbeitet, jeder Dialog hat seine Berechtigung, jede Beschreibung lässt mich selbst sehen, was es zu sehen gibt.

Der Berg, auf dem ich aufgewachsen bin, steht nicht in Tirol, aber sehr wohl in Österreich, und selbst wenn es Jahrzehnte später war, hab ich doch eine Heimat in dem Schnee, ich kenne das Dem-Winter-ausgeliefert-Sein, ich kenne das Abweisende einer Dorfgemeinschaft, und ich fühle mit dem Protagonisten. Vielleicht packt mich dieses Buch deshalb so sehr. Es zieht mich an und in sich hinein, ganz atemlos lese ich es zu Ende, ich kann nicht anders, bin süchtig geworden nach der Geschichte, nach den mit Bedacht gewählten Worten. Und die Rahmenhandlung, von der ich mich noch gefragt hab, wozu braucht’s die eigentlich, ergibt auf einmal Sinn, alles fügt sich, und ich hab’s, obwohl es doch die ganze Zeit da war, nicht kommen sehen. In dem Moment weiß ich es: Das ist mein Buch des Jahres, das ist das beste, was ich 2016 gelesen habe. Spät ist es gekommen, aber nicht zu spät, und eigentlich macht das nichts, denn so herausragend gute Bücher wie dieses, die werden nicht schlecht, ganz egal, wann man sie liest. Wichtig ist also allein, DASS ihr es lest. Lasst euch reinfallen in die Geschichte, in den Rhythmus, in die Sprache, in den Schnee. Babam!

Der Schnee, das Feuer, die Schuld und der Tod von Gerhard Jäger ist erschienen im Blessing Verlag (ISBN 978-3-89667-571-2, 400 Seiten, 22,99 Euro). Hier könnt ihr euch den Buchtrailer anschauen, und hier findet ihr die wunderbare Besprechung vom Kaffeehaussitzer, der das Buch so gut fand wie ich und diesen wunderbaren Satz geschrieben hat: Und mitten in der Naturkatastrophe bricht sich eine Lawine menschlicher Leidenschaft Bahn. Eine Lawine aus Wahn, Hass und Eifersucht.

9 Comments

  1. Eine sehr schöne Rezension und ein sehr spannendes Buch. Der Schreibstil ist schon sehr besonders, doch hat mir auf anhin gut gefallen. Schaue mir das Buch in nächster Zeit einmal genauer an. Wünsche dir einen wundervollen Tag.

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