Bücherwurmloch

Blogbuster, Inzest und der Tod

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-0933 Tage Blogbuster: Was bisher geschah
Ich habe eine ziemlich gute Quote. Bisher wurden mir für den Blogbuster 2017 sieben Leseproben zugeschubst, und von drei Autorinnen habe ich das Gesamtmanuskript angefordert. Das klingt vielleicht nicht viel, aber hej, es ist immerhin fast die Hälfte! Wer sich nun fragt: Blogbuster, what the fuck?, der werfe einen Blick auf die Website, wo erklärt wird, was wir denn da machen und warum. Und wer sich denkt: Manuskript, ja, so eins hab ich auch, der schicke es doch bitte ein!

Schwierig ist für mich, das hab ich schon festgestellt, einfach nur Leser zu bleiben. Ich arbeite ja als Lektorin und Texterin, und der Impuls, Feedback zu geben, in das Manuskript reinzuredigieren, Kommentare dazuzuschreiben, ist übermächtig. Nur ist das bei diesem Projekt nicht meine Aufgabe, und ich halte mich brav zurück. Schließlich muss ich einen Kandidaten finden, dessen Roman so feingeschliffen ist, dass er im besten Fall sogar gewinnen kann. Ein Manuskript, das noch viel Überarbeitung braucht, wird es wohl nicht aufs Siegertreppchen schaffen, wenn wir realistisch bleiben.

Bekommen hab ich allerlei Abstruses, auch Experimentelles, Wirres, schwer Lesbares wie zum Beispiel einen tragisch-satirischen Entwicklungs- wie auch romantisch-ironischen Reiseroman mit „Determinantengedrängel“, das der Schreibintention durchaus entspricht und sie durch Überbestimmtheit zugleich konterkariert: teils werden Erzählweise und Sprachverdichtung zur Farce, teils erscheinen Handlungen irrational, teils werden Handlungsmotivationen verunklärt. Ja, nun, ich bitte vielmals um Entschuldigung, so klingt das auch. 

Ein anderes Manuskript mit dem verkünstelten Titel eltkulturWerbe. hat einen ganz wunderbaren ersten Satz: Die Nachricht meines Todes erreichte mich am Flughafen Stuttgart. Den fand ich stark, der hat mich begeistert. Diese Begeisterung hat beim Weiterlesen allerdings nachgelassen: zu unausgegoren, abgehackt, mit interessanten Ideen, aber insgesamt fast ein wenig klamaukig, der verbindende Faden, der aus den Einzelstücken ein solides Gewebe macht, fehlt mir.

Ein weiterer Kandidat, dessen Manuskript auf dem Planeten Marduk in einem extragalaktischen Kommunikationssystem spielt, hat hoffentlich bei einem Verlag mit Sci-Fi-Background Erfolg, vom Blogbuster ist dieses Genre ausgeschlossen.

Dann gab es da noch die Leseprobe einer Autorin, die mich mit ihren ersten Seiten sofort gefesselt hat: Es geht um eine wilde, aus dem Gleichgewicht gebrachte junge Frau, die sich mit Absicht in Schwierigkeiten bringt, die stiehlt und aufreizend angezogen nachts durch die Straßen läuft, um Männer herauszufordern. Sehr gut geschrieben, originell, spannend! Aber dann hab ich mir das Exposé angeschaut und erkannt, dass es im Buch um einen Geschwisterinzest geht, also darum, dass zwei verliebt sind und nicht wissen, dass sie Bruder und Schwester sind, und das, das geht einfach nicht. Das ist so Gute Zeiten, schlechte Zeiten, das ist so Soap und Effektheischerei, unglaubwürdig, tausendmal aufs Papier gebracht in irgendwelchen Schmonzetterln, abgelutscht, das hab ich schon dem Jonathan Evison in All about Lulu nicht verziehen. Und ich dachte: NAAAIN, wie kann sie nur! Schade, sehr schade, denn ich fand die Leseprobe wirklich gut.

bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-10-34Doch zum Glück kamen auch drei Frauen des Weges, deren völlig unterschiedliche Manuskripte ich nun (voraussichtlich) zur Gänze lesen werde. In einem spricht der Tod, er ist der Erzähler, und diese Idee mag ich sehr gern. Stephan Trauth ist mir das erste Mal als kleines Kind begegnet. Heute erinnere ich mich wieder gut daran: Der kleine Junge und die dick eingecremten, mullbindenumwickelten Hände in der Nacht, sein stiller Ekel und die Wut, heißt es darin, und ich finde allein die Perspektive schon sehr originell, auch wenn sie natürlich andernorts bereits genutzt wurde.

Das zweite handelt von einer Frau, die eine Affäre beginnt und herauszufinden versucht, was sie eigentlich will und wen. Das ist die Geschichte von Anna und Ettore, von Fabian und Anna, von Lebensgier und Heimat, von Liebe und Verlust. Es ist auch die Geschichte von dem, was wir zu wissen glauben, dem, was wirklich ist, und dem, was sich dazwischen befindet. bildschirmfoto-2016-11-21-um-12-09-46Das klingt doch interessant.

Das dritte Manuskript hab ich noch nicht ganz durchschaut, aber schon der erste Absatz hat mich neugierig gemacht: Irgendwo in dieser Nacht habe ich mich verlaufen. Morgens habe ich dann auch wieder zurückgefunden, muss ich ja, denn jetzt bin ich ja hier, wieder bei Anne, dieser Frau, die immer wach zu sein scheint, und erinnere mich an nichts. Es handelt wohl von zwei jungen Menschen, die in einer Medienagentur aufeinandertreffen. Mehr weiß ich noch nicht …

Vielleicht wird ja einer dieser drei Favoriten der Titel, mit dem ich ins Rennen gehe. Ich bin gespannt, und ihr hoffentlich auch!

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Hier könnt ihr übrigens lesen, wie es Sophie, Sandro und Katharina bisher mit dem Blogbuster ergangen ist.