Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Katharina Hartwell: Der Dieb in der Nacht

HartwellEin rätselhaftes Buch
Der Tag, an dem Felix verschwand, war sehr heiß. „In jenem Spätsommer waren alle Geräusche gedämpft, und alle Farben waren es auch.“ Felix, 19 Jahre alt, Sohn von Agnes, Bruder von Louise, bester Freund von Paul, ging an die Tanke, um Cola zu kaufen, und kam nicht mehr zurück. Nie mehr. Seither fragen sich die, die zurückgeblieben sind, was mit ihm geschehen ist, und finden keine Antwort. Felix war der Dreh- und Angelpunkt des Beziehungsgeflechts, ohne ihn können sie nicht einmal mehr sie selbst sein: „Paul, der Geist, der Schatten, erkannte, dass er sich als Mensch vor allem durch sein Verhältnis zu einem anderen Menschen definiert hatte. Wenn er nicht Felix’ bester Freund war, vermutete er, war er niemand.“ Zehn Jahre später begegnet Paul in Prag einem Fremden, den er einen Moment lang für Felix hält. Er sieht ihm nicht ähnlich, hat die falsche Stimme, die falsche Haar- und Augenfarbe, aber das gleiche Muttermal – und er wurde vor zehn Jahren aus der Moldau gefischt. Der Mann, der sich Ira Blixen nennt und als Künstler arbeitet, leidet an Amnesie und weiß nicht, wer er ist. Könnte er Felix sein? Paul ist elektrisiert und ratlos zugleich. Blixen folgt ihm nach Berlin, nistet sich bei ihm ein, und bald stößt auch Louise dazu. Louise, die zunächst nicht glaubt, dass Blixen ihr Bruder ist, die sich dann aber auch unbedingt an die Hoffnung klammern will, er sei es doch. Und Blixen? Der spielt ein undurchschaubares Spiel mit beiden – und auch mit Agnes …

In Katharina Hartwells erstes Buch Das fremde Meer hab ich mich Hals über Kopf verliebt, wir hatten eine intensive Romanze, und ich bin stolz, auf dem Klappentext der Taschenbuchausgabe vertreten zu sein. Der Nachfolger hat mir nicht ganz so den Kopf verdreht. Es ist allerdings müßig, die beiden Romane vergleichen zu wollen, weil sie so unterschiedlich sind wie ein Quadrat und eine Wurst, womit die junge Autorin großen Facettenreichtum beweist. Wahnsinnig spannend fand ich die Idee hinter dem Buch, die Ausgangslage: der Junge, der verschwindet, der Mann, der vielleicht er sein könnte. Von Anfang an legt Katharina Hartwell einen nebulösen Schleier über Der Dieb in der Nacht, webt eine eigenartig bedrohliche Atmosphäre, zeigt sich geheimnisvoll und verschwiegen. Da dachte ich mir schon, dass ich am Ende nicht erfahren werde, was Felix zugestoßen ist. Gehofft habe ich freilich trotzdem darauf. Blixen ist eine düstere, unangenehme Gestalt, er hat etwas Vampirartiges, Leeres, Unheimliches. Es ist, als müsse er den anderen das Leben aussaugen, weil er selbst keines hat. Eine klassische „Die Geister, die ich rief“-Situation: Paul wird den manipulativen Blixen nicht mehr los, fängt an, ihn zu fürchten, ihm zu misstrauen: „Ohne sagen zu können, ob Blixens Züge zu angespannt oder im Gegenteil zu entspannt sind, ist er sicher: Dies ist nicht das Gesicht von jemandem, der schläft. Es ist das Gesicht von jemandem, der sich schlafend stellt.“

Nun ist es so, dass lethargische Menschen mich wahnsinnig machen. In der Realität ebenso wie in Büchern. Und in Der Dieb in der Nacht gibt es gleich zwei davon: Paul und Louise. Schon vor der Sache mit Blixen kriegen die beiden nichts auf die Reihe, jobben am Existenzlimit dahin, haben halbgare Freundschaften, gehen keine Beziehungen ein. Mag sein, dass Felix’ Verschwinden sie immer noch lähmt. Mag auch sein, dass das eine gemütliche Ausrede ist. So oder so ertrage ich derart viel Apathie und Gleichgültigkeit dem eigenen Leben gegenüber nur schwer. „Paul träumt. In seinem Traum passiert wenig: niemand spricht, niemand tut etwas, auch Paul bewegt sich nicht.“ Das bringt es auf den Punkt. Und während dem Buch langsam die Seiten ausgehen, trinken Paul und Louise Weinflasche für Weinflasche mit Blixen, fragen ihn nicht aus, verlangen keinen DNA-Test von ihm, sprechen kaum über Felix, stellen ihn wegen seiner Spielchen nicht zur Rede. Ich flippe schier aus vor Ungeduld – und muss mich letztlich natürlich damit abfinden, dass das Rätsel nicht gelöst werden kann, dass die Ketten der Vergangenheit nicht gebrochen werden. Der Dieb in der Nacht ist ein sehr trauriges, anrührendes, schicksalhaftes Buch mit einem eigentümlichen, starken Sog. Es ist unerklärlich, verwirrend, beklemmend – und genau dadurch schlussendlich wieder besonders.

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Der Dieb in der Nacht von Katharina Hartwell ist erschienen im Berlin Verlag (ISBN 978-3-8270-1279-1, 320 Seiten, 20 Euro). Schöne Rezensionen zum Buch findet ihr beispielsweise bei Sophie und Flattersatz.