Netter Versuch: 2 Sterne

Marie Darrieussecq: Prinzessinnen

Darrieussecq„Bisexuell bedeutet zwei Mädchen auf einmal“
Solange ist elf Jahre alt und wächst in der baskischen Provinz auf. Ihre Eltern kümmern sich kaum um sie: „Sie hat aufblasbare Eltern, wie diese Puppen, die es angeblich gibt. Sobald man den Stöpsel zieht, entschweben sie Loopings drehend in den Himmel.“ Ihre einzige Bezugsperson ist ihr Nachbar Monsieur Bihotz, der sie betreut und versorgt, seit sie ein Kleinkind ist. Nun aber ist Solange dem Kindsein entwachsen, und sie will nur eins: Sex. Ihre Freundinnen, eine dümmer als die andere, erzählen die wildesten Geschichten und sind angeblich alle keine Jungfrauen mehr. Ruhelos streift Solange umher, schmiert sich mit Lippenstift an, kürzt ihren Rock und zeigt sich willig, als ein Junge auf einer Party einen Blowjob von ihr verlangt. Sie ist völlig überfordert, will sich aber nicht die Blöße geben – und tut alles, was er möchte. Solanges neu entdeckte Sexualität entgeht ihren Eltern völlig, nicht aber Monsieur Bihotz, der kaum noch an sich halten kann … weshalb er nicht mehr auf sie aufpassen will. Die Eltern ignorieren das jedoch – und so nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist ein haarsträubendes, intensives, würgereizauslösendes Buch, wahnsinnig provokant, ein Schlag in die Fresse. Ist es wahr, dass die Franzosen überaus sexed up sind? Dass ihre skandalösen Sexbücher für uns kaum erträglich sind? Dass sie freier mit Tabuthemen umgehen? Ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber Marie Darrieussecqs Darstellung eines Mädchens auf der Suche nach dem ersten Sex legt es nahe. Sie schreibt schonungslose Sätze, die wie aus einem Gewehr geschossen daherkommen, mit Leerzeilen dazwischen, als wäre das alles gar keine in sich abgeschlossene Geschichte, sondern als handelte es sich um verschiedene Beobachtungen, alle pointiert und spitz, seltsam gefühllos, frei von Mitleid.

Ich dagegen habe Mitleid. Es beutelt mich geradezu vor lauter Mitleid. Und Ekel. Denn Solange ist ELF. Das unschuldige Alter, das nach zehn kommt und noch vor zwölf. Als ich elf war, hab ich noch Baumhäuser gebaut. Solange dagegen lässt sich in den Mund ficken. Was nur einer der Gründe ist, weshalb mich die Lektüre von Prinzessinnen derart gequält und entsetzt hat. Besonders bei der Szene, als Solange ihre Tage hat, aber trotzdem mit einem Jungen ins Bett geht, weil er sie endlich, endlich angerufen hat, wie sie sich in den Arsch bumsen lässt und sich wegen des Bluts schämt – und sie ist elf, ELF! – konnte ich kaum noch umblättern. Und niemand ist für sie da, niemand, ihre Eltern nehmen sie gar nicht wahr – und Monsieur Bihotz nimmt sie viel zu deutlich wahr. Als die beiden, die wohl 30 oder 40 Jahre auseinander sind, täglich und überall zu vögeln beginnen, kann ich kaum noch weiterlesen. Solange geht ihrem eigenen Körper in die Falle und beginnt ganz klassisch, Sex gegen Aufmerksamkeit einzutauschen. In meinen Augen ist sie aber noch ein Kind, und deshalb tu ich mir schwer mit diesem Roman, auch wenn ich oft – wie bei We need to talk about Kevin oder Room – gerade die verstörenden Bücher sehr gut finde. Generell ist mir der Stil des Romans zu abgehackt, brutal und zusammenhangslos. Ich hoffe sehr, dass all dies nur Fiktion ist, auch wenn ich weiß, wie utopisch dieser Wunsch ist. Dies ist ein Buch, das wehtut – auf höchst unangenehme Art. Es mag durchaus seine Wichtigkeit haben, aber ich muss gestehen: Nach all dem Grausen und der Traurigkeit wünschte ich, ich hätte es nicht gelesen.

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Prinzessinnen von Marie Darrieussecq ist als Taschenbuch erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-62607-1, 304 Seiten, 9,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „So konfus, brutal und prickelnd wie sich das Erwachsenwerden für Solange anfühlt, ist Darrieusseqs Erzählstil. Zwischen ihren knappen, mechanischen Sätzen muss man als Leser immer wieder zu gedanklichen Weitsprüngen ansetzen – und landet immer wieder in der eigenen Pubertät“, heißt es auf spiegel.de.
– „Marie Darrieussecq hat mit „Prinzessinnen“ einen weiblichen Coming-of-Age-Roman verfasst, der aufgrund seiner sich an Erfahrungen einer Jederfrau heranschmeißenden Stofflichkeit einige Sogwirkung entfaltet. Und dennoch will man aus Rücksicht auf die Privatsphäre aller Beteiligten nicht wirklich dabei gewesen sein, will ein Geheimnis ein Geheimnis sein lassen und auf gärenden Körpererkundungskitsch verzichten“, schreibt faz.net.

0 Comments

  1. Puh, eigentlich scheue ich mich nicht davor, auch provokante Bücher zu lesen. Hier aber bin ich mir nicht sicher, ob ich mir das nach deiner Schilderung antun möchte. Gerade weil das Mädchen – wie du ja auch geschrieben hast – erst junge elf Jahre alt ist! Das ist schon sehr verstörend…

    Ich danke dir sehr für deine ehrliche Rezension!

    Viele Grüße

    https://daskneipenkind.wordpress.com/

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    1. Mariki Author

      Es war wirklich verstörend. Und ich muss bei meiner Tochter unbedingt alles, alles besser machen!
      Entschuldige bitte die Wortwiederholungen und Fehler, die da drin waren, ich sollte spätabends nicht mehr schreiben, uhje.

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  2. Ohlala.

    Danke für deine offenen Worte.

    Ich habe mal etwas ähnliches gelesen – allerdings nicht zu Ende.

    Weil ich mich gefragt habe: „Warum?“ „Wozu?“

    Ich mag Texte, die dahin langen, wo es schmerzt, die dir blaue Flecken auf deine Leseseele schlagen.

    Aber alles hat auch seine Grenzen. Und manchmal frage ich mich, ob man unter dem Deckmantel der kritischen Literaturkultur nicht einfach nur einer bestimmten Art von Narzissmus ein Forum bietet.

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    1. Mariki Author

      Ich hab mich das auch gefragt – allerdings könnte ich in diesem Fall den Narzissmus nicht ganz nachvollziehen? Für einen kleinen Skandal hat das Buch ja damals gesorgt.
      Ich denke mir seit der Lektüre nur, dass ich bei meiner eigenen kleinen Tochter einfach alles, alles besser machen muss. Oh Gott.
      Und entschuldige bitte die Wortwiederholungen und Fehler, die da drin waren, ich sollte spätabends nicht mehr schreiben, uhje.

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      1. Vielleicht ist Narzißmus nicht das richtige Wort – aber mir fiel nichts Passenderes ein.😁

        Ich meine damit diese Art von Autoren und Lesern, die vor Begeisterung über sich selbst ganz aus dem Häuschen sind, weil sie über etwas schreiben oder etwas lesen können, was andere sich nicht antun wollen, weil es die unterschiedlichsten Grenzen überschreitet. Dabei muss das Werk an sich nicht überragend sein, nein, es geht ja nur darum, dass sie sagen können, seht, ich kann das, ich finde das toll…

        Verstehst du, welche Spezies ich damit meine?

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        1. Mariki Author

          Ja, jetzt versteh ich! Keine Ahnung natürlich, ob es in dem Fall zutrifft. Ein bisschen „seht her, was ich mich traue“ vielleicht schon. Ich war zwischendrin auch fast ein wenig wütend auf die Autorin, dass sie mir sowas zumutet 😉 ein kindischer Gedanke, ich weiß.

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