Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Paolo Giordano: Der menschliche Körper

GiordanoIn der menschgemachten Hölle
Afghanistan. Ein von Taliban kontrolliertes Tal. Und eine Handvoll junger Soldaten – von denen nicht alle lebend hier rauskommen werden. Da ist der Militärarzt Egitto, der längst schon nach Hause könnte, aber nicht will. René ist der verantwortungsbewusste Zugführer, Cederna der Macho und Piesacker, Ietri der unschuldige Jungspund. Als einzige Frau hat die Soldatin Zampieri, in die Jungfrau Ietri sich verliebt, es nicht einfach in der Kompanie. Zusammen mit vielen anderen durchleben sie in Afghanistan eine prägende Zeit zwischen lähmender Langeweile und nervenzerreißender Todesangst. Manch einer muss sterben. Und die, die am Leben bleiben, werden niemals so sein wie zuvor.

Der italienische Autor Paolo Giordano, 1982 geboren, hat in jungen Jahren mit Die Einsamkeit der Primzahlen einen internationalen Bestseller gelandet, der mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet und zudem verfilmt wurde. Ich hab ihn damals gelesen und sehr gemocht. Für sein zweites Buch hat der Italiener sich dann fünf Jahre Zeit gelassen, und er hat sich dafür ein Setting ausgesucht, das schon per se nach großen Gefühlen und Drama schreit: junge Soldaten in Afghanistan. Was treibt sie an, was suchen sie in diesem wildfremden, gefährlichen Land, und wie leben sie dort? Wie Paolo Giordano davon erzählt, wirkt – nicht, dass ich es wirklich beurteilen könnte – recht authentisch und glaubwürdig. Die Fadesse im Lager, die kleinen Machtspielchen der Kameraden, die Freude auf ein bisschen Nervenkitzel, die grenzenlose Naivität. Seine Protagonisten sind wie Kinder, die Krieg spielen – und als der Krieg sie plötzlich einholt, sie umzingelt, sie abknallt und einkassiert, sind sie erschrocken, denn so haben sie sich das nicht vorgestellt. Danach folgt erst mal Leere, ein Trauma, ein grenzenloses Verlustgefühl. Keiner der Überlebenden kann dort anknüpfen, wo er vorher aufgehört hat.

Meisterhaft ist Der menschliche Körper nicht. Gut zu lesen schon. Es ist in einer klaren, soliden Sprache geschrieben, gebaut wie ein schön verfugtes Mauerwerk. Es macht Sinn, hat eine intakte Erzählstruktur und geht in die Tiefe. Trotzdem hätte ich mir ein wenig mehr Ecken und Kanten gewünscht, mehr Risse, mehr Ausbrüche aus der geradlinigen Form. Es kommt mir vor, als habe Paolo Giordano mit seinem Zweitling kein Risiko eingehen wollen. Das hat er einerseits gut gemacht, andererseits ist es ein wenig schade. Dennoch ein sehr lesenswertes, intensives, melancholisches Buch. Empfehlung!

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Der menschliche Körper von Paolo Giordano ist erschienen bei rororo (ISBN 978-3499255083, 416 Seiten, 19,95 Euro, aber auch als Taschenbuch erhältlich).

0 Comments

  1. In meinem Resümee dazu schrieb ich:

    „Das Fatalistische dieses Romans wird wohl seinen Erfolg verhindern. Kaum jemand wird ihn gerne empfehlen und Freunden zumuten. Denn ja, er ist eine Zumutung. Er fordert dem Leser Mut ab, zu bekennen wie entpersonalisiert das wirkliche Leben ist.“

    Du bist also eine erfreuliche Ausnahme bei meiner Einschätzung.

    Mein ganzes Resümee hier: https://thomasbrasch.wordpress.com/2014/02/27/die-trostlose-wirklichkeit-hinter-full-metal-jacket/

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    1. Mariki Author

      Deine Rezension ist wirklich sehr treffend! Und das Bezugsetzen zu „Full Metal Jacket“ finde ich sehr passend. Da sind bei mir gleich wieder die deprimierenden Gefühle der Lektüre aufgestiegen. Ein wirklich intensives Buch!

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