Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Fabio Stassi: Ein Pakt fürs Leben

„Nur in der Unordnung der Liebe ist jedes Akrobatenstück möglich“IMG_8170
„Die Komik ist Linkshänder, so wie ich“, schreibt Charlie Chaplin in einem fiktiven Brief an seinen jüngsten Sohn Christopher. Er erzählt ihm von seinem Leben in diesem Brief, von der Wahrheit und all dem, was er nie jemandem gesagt hat. Es ist seine letzte Chance, zu berichten, denn der Tod sitzt quasi schon bei ihm im Zimmer. Seit Jahren hat Charlie einen Deal mit ihm: Bringt er den Tod, der ihn holen will, zum Lachen, darf er noch weiterleben. Doch heute, das spürt er, ist es an der Zeit, mitzugehen. Also taucht er noch einmal ein in seine Vergangenheit, in die Welt des Zirkus, in die Anfänge der Filmgeschichte und in den Beginn seiner eigenen, unvergleichlichen Karriere. Er erzählt von Charlie, dem jungen Mann, der von Europa nach Amerika und dort quer durchs ganze Land reist, der jeden Job macht, den man sich nur vorstellen kann, vom Buchsetzer bis zum Boxtrainer, und der schließlich durch Zufall zum Regisseur seines ersten umjubelten Films wird. Dies ist die Geschichte eines weltberühmten Mannes namens Charlie Chaplin, die so vermutlich nicht stimmt, dies ist die Geschichte der Zirkusartistin Eszter und des Schwarzen Árlequin, der aus Liebe zu ihr den Film erfunden hat, eine Geschichte von Freiheit und Verlust, von unmöglichen Zufällen und unsterblichen Gefühlen.

Dem italienischen Autor Fabio Stassi ist mit seinem vierten Roman Ein Pakt fürs Leben ein Meisterwerk gelungen. In einer perfekten Mischung aus Realität und Fiktion porträtiert er einen Mann, dessen Gesicht alle Welt kennt: Charlie Chaplin. Er tut dies so sanft, gewitzt und schlau, dass ich ihm jedes Wort glaube. Vielleicht hat Charlie auf seinem Weg zum internationalen Erfolg wirklich all das erlebt, was Fabio Stassi schildert? Er erzählt von einer Welt, die es lang schon nicht mehr gibt: als es Wochen dauerte, mit dem Zug zu reisen, als man noch Briefe schrieb und Filme stumm waren. Liebte man sich damals intensiver, weil es so leicht war, sich für immer aus den Augen zu verlieren? Amüsierte man sich im Zirkus und im Kino mehr, weil die Auswahl an Zerstreuungen so klein war? Ich weiß es nicht, aber während der Lektüre dieses Buchs kommt es mir so vor. Es staubt in der Manege, es wuselt in Charlies Filmen, es stinkt, die Mägen knurren, die Frauen sind an dem dürren, kleinen Kerl nicht interessiert. Vom Glamour späterer Zeiten ist er noch weit entfernt.

Ich kenne Charlie Chaplin, wie jeder ihn kennt, mit großen Schuhen, weiter Hose und Melone, seiner legendären Verkleidung als „Vagabund“, aber ich weiß rein gar nichts über ihn. Umso mehr hat mich Ein Pakt fürs Leben fasziniert. Schade finde ich allerdings, dass der Autor den Anfängen von Charlies Karriere so viel Platz widmet und dann den Rest seines Lebens so eilig abhandelt. Nach all der Vorbereitung, dem Reisen, dem Hunger und dem Suchen hätte ich gern erfahren, wo Chaplin schließlich ankam und wie es ihm erging. Es ist die Rede von mehreren Ehefrauen, viel Geld und diversen Kindern – aber nur am Rande. Das hat mir das Ende ein wenig verleidet, aber immerhin dazu geführt, dass ich im Internet ein bisschen über Chaplin gelesen habe, um mehr über ihn zu erfahren. Ein Pakt fürs Leben ist ein wehmütiges, sentimentales Buch, das ich euch unbedingt empfehlen will. Je mehr ich vom Kein & Aber Verlag lese, umso begeisterter bin ich. Schöner Verlag, grandioses Buch!

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Ein Pakt fürs Leben von Fabio Stassi ist erschienen im Kein & Aber Verlag (ISBN 978-3-0369-5677-0, 336 Seiten, 20,50 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Hauptfigur ist Charlie Chaplin. Man weiß viel über ihn, und doch gibt Lücken, angefangen bei seiner Kindheit in London, beim Zirkus. Fabio Stassi hat sie gefüllt. Er hat sie mit Poesie gefüllt“, schreibt kurier.at.
– „Mit dieser hochpoetischen Lesart von Filmgeschichte, die sämtliche Tatsachen zugunsten von betörender Verträumtheit ignoriert, kommt Stassi dem Herz wie Sinn des Kinos überwältigend nahe“, heißt es auf literaturkritik.de.
– „Indem Stassi eine ganz individuelle Interpretation des großen Komikers gibt, weist er uns über seine raffinierte Konstruktion auf etwas hin, das wir längst wissen: Genau wie Charlie Chaplin sind auch wir nichts als umherstolpernde Clowns, die versuchen sich, so gut es geht, im Kreis der Manege zu behaupten – mit todsicherem Ausgang“, kommentiert kulturfinder-bw.de.

0 Comments

    1. Mariki Author

      Hm. So dezidiert nicht, wenn ich mich richtig erinnere. Andererseits ist ihm die Melancholie aber nicht fremd, ganz nach dem Motto „Komik ist Tragik in Spiegelschrift“.

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