Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Ulf Erdmann Ziegler: Nichts Weißes

Ziegler„Jede Generation glaubt, die Rollen erfunden zu haben, in die sie schlüpft“
Wir schreiben 1984, und Marleen ist bereit für die große weite Welt. Oder erst mal für Kassel. Dort macht sie bei einem traditionellen Buchdrucker ein Praktikum, denn sie will sich dem großen Mysterium der Schrift nähern. Das Ziel: einst selbst eine Schrift zu entwerfen, und zwar eine, die absolut perfekt ist. Marleen kommt aus einem ursprünglich soliden Elternhaus, hat zwei Schwestern und einen Bruder – nur der Vater, ein erfolgreicher Werber, ist der Familie irgendwann abhandengekommen. Von einer beruflichen Indienreise kehrte er nicht zurück, sondern lebte fortan in einem Ashram. Über diese Abwesenheit wird zwischen den Geschwistern tunlichst geschwiegen. Nach dem Praktikum folgt für Marleen ein Studium, bei dem sie das Geheimnis der Buchstaben und Franziskus zu ergründen versucht. Ohne es jemals zu sagen, liebt sie ihn, und das lässt sie auch Jahre später in Paris und Amerika nicht los …

Der deutsche Schriftsteller Ulf Erdmann Ziegler hat mit Nichts Weißes das Porträt einer Frau und gleichzeitig eine Studie über den Aufbruch ins Computerzeitalter, wie wir es heute kennen, geschrieben – festgemacht an den Faktoren Buch und Schrift, die sich völlig verändert haben. Seine Protagonistin Marleen ist ein ernstes kleines Persönchen, zugleich aber lieb, unbedarft und schüchtern. Sie ist naiv und folgt ihrem Schöpfer aufs Wort, hat aber nichtsdestotrotz etwas Sympathisches, und ihr Weg gleicht einer Abenteuerjagd. Ich weiß nie, welche Steine Ulf Erdmann Ziegler ihr als Nächstes in den Weg legen wird, und mit dem Ende überrascht er mich dann doch.

Nichts Weißes, das für den Deutschen Buchpreis nominiert war, hat einen absolut angenehmen Lesefluss, es plätschert ohne größere Wasserfälle geruhsam dahin. Es ist intelligent, interessant und unterhaltsam, sehr zurückhaltend und ohne Herausforderungen. Die Rückschläge, die Heldin Marleen einstecken muss, sind nicht unbedingt originell, dafür aber passend. Den großen Konflikten, die mit den Männern einhergehen – ihrem Vater und Franziskus – weicht sie ganz einfach aus. Was bei all diesem Lob der Negativpunkt ist? Gar keiner. Ihr könnt es getrost lesen.

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Nichts Weißes von Ulf Erdmann Ziegler ist als Taschenbuch erschienen bei Suhrkamp (ISBN 978-3-518-46472-4, 255 Seiten, 9,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Ebenso klar ist, dass  Nichts Weißes dem rätselhaften Titel zum Trotz kein intellektueller Essay ist, sondern ein Roman mit richtigen Figuren und vielen Geschichten, die von der Beinahe-Gegenwart bis in die unmittelbare Nachkriegszeit und manchmal darüber hinaus zurückreichen: ein Familien-, Gesellschafts-, Entwicklungsroman“, heißt es auf zeit.de.
– „So entfaltet sich in Nicht Weißes in wenigen, entscheidenden Szenen ein gesellschaftspolitisches Panorama der westdeutschen Nachkriegszeit, das, anders im typisch bundesrepublikanischen Gesellschaftsroman, nicht vom Großen auf das Kleine schließt, sondern vom Kleinen auf das Große“, schreibt spiegel.de.
– „Der Roman funktioniert insgesamt wie die Abkürzung für eine Entwicklung, eine Epoche, eine Generation. Der Blick wird auf etwas so Universales gelenkt wie die Schrift, was überaus erhellend wirkt, da Buchstaben uns gewöhnlich kaum auffallen“, schwärmt faz.net.

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