Gut und sättigend: 3 Sterne

Tom Rachman: Aufstieg und Fall großer Mächte

IMG_7739„Bücher sind wie Pilze. Sieht man nicht hin, vermehren sie sich“
Tooly Zylberberg führt eine kleine, uralte, angestaubte Buchhandlung in einem winzigen Kaff in Wales. Man könnte auch sagen, dass Tooly, die ihr ganzes bisheriges Leben unterwegs war und die halbe Welt gesehen hat, sich dort versteckt. Die Frage ist nur: Warum? Als kleines Mädchen reiste Tooly mit ihrem Vater Paul jedes Jahr in ein anderes Land – nur niemals zurück in die USA. Später übernahm der grießgrämige Humphrey die Erziehung von Tooly, während die sprunghafte, egozentrische Sarah sich nur sporadisch blicken ließ – meistens dann, wenn sie Geld brauchte. Dreh- und Angelpunkt von Toolys Leben war der geheimnisvolle Venn, ein rauer Kerl, dem sie überallhin folgte und dessen Freundschaft für sie das Wichtigste war. Doch Jahre später hat Tooly zu keinem dieser Menschen mehr Kontakt – bis ein Hinweis von ihrem Ex-Freund sie dazu zwingt, sich ihrer eigenen Vergangenheit zu stellen.

Tom Rachman, der mit seinem Erstling Die Unperfekten einen internationalen Bestseller landete, hat mit Tooly Zylberberg (und was für ein absurder Name das ist!) eine exzentrische, eigenwillige und höchst liebenswerte Heldin geschaffen. Zur Seite gestellt hat er ihr mehrere glänzend gezeichnete Figuren, die dank ihrer verschiedenen Charaktereigenschaften ein schönes Kaleidoskop der Menschlichkeit bilden: Der alte Humphrey gibt sich als grantiger Intellektueller, hat aber ein Herz aus Gold, Computerfachmann Paul ist hilflos gefangen in seiner eigenen Schweigsamkeit, die selbstsüchtige Sarah ist blind für ihre Fehler, der abgeklärte Duncan hat all seine Illusionen verloren und beschäftigt sich mehr mit seinem Smartphone als mit seinen Kindern, und der Kleinganove Venn besitzt eine höchst gefährliche Gabe, nämlich durch Charme zu manipulieren. Zwischen all diesen Menschen steht ein kleines Mädchen, das letztlich – obwohl es in einem Gespinst aus Fäden eingewickelt zu sein scheint – ganz allein bleibt. Mit viel Liebe zum Detail und einer sehr sicheren Hand hat Tom Rachman all diese Figuren zum Leben erweckt.

Unglücklicherweise fehlt es dem Roman jedoch im Gegenzug an Struktur. Die Handlung entzieht sich, einmal ins Rollen gekommen, komplett der Kontrolle des Autors – es wirkt, als sehe er ihr selbst ein wenig ratlos beim Vorbeirasen zu. Erst ganz am Ende fängt er sie geschickt wieder ein und schließt das Buch mit einer schönen Schleife, die vielen Lesern das Gefühl geben wird, er habe all das genau so geplant und zu guter Letzt zusammengeführt. Ich habe da allerdings meine Zweifel, ich glaube eher, dass das nur ein Zufall war. Nach dem gelungenen Auftakt – ein Ruf aus der Vergangenheit, dem Tooly folgen muss – geht das Buch … einfach so dahin. Und zwar sehr lange. Es wird erzählt und erzählt, viele Orte, Menschen und kleine liebe Anekdoten werden aneinandergereiht – aber die Geschichte kommt überhaupt nicht vom Fleck. Wenn man genau hinsieht, merkt man, dass nur wenig geschieht und dass Toolys Suche eigentlich gar nicht stattfindet. Die Begebenheiten und Zufälle, die letztlich dazu führen, dass sie all das Erlebte mit anderen Augen sieht, sind recht haarsträubend. Aber: Ich habe Aufstieg und Fall großer Mächte trotzdem gern gelesen. Weil Tom Rachman Originalität und Kreativität beweist, weil er sich diese wunderbaren Figuren ausgedacht hat und weil das Buch für alle Bibliophilen ein Genuss ist. Muss man nicht lesen, kann man aber ruhig tun.

Banner

Aufstieg und Fall großer Mächte von Tom Rachman ist erschienen im dtv (ISBN 978-3-423-28035-8, 496 Seiten, 21,90 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Tom Rachman hat mit Aufstieg und Fall großer Mächte einen verzweigten Roman über verirrte Kinder, zynische Manipulatoren, die USA und den Wert von Beziehungen geschrieben“, heißt es auf diepresse.com.
– „Ein ausgezeichneter Roman über die ungewöhnliche Biographie einer jungen Frau, die lernen muss, selbst Wurzeln zu schlagen. Ein beeindruckendes Werk voller psychologischer Tiefe über Außenseiter, Freundschaft, Liebe und was Menschen miteinander verbindet“, schwärmt Herzpotenzial.
– „Tom Rachman verströmt sehr viel Ruhe, wenn man ihn trifft. Sein Händedruck ist fest und warm, seine Stimme weich. Er sieht gut aus“, berichtet die Bibliophilin von ihrer Begegnung mit dem Autor.
– Und hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

Kommentar verfassen