Gut und sättigend: 3 Sterne

Philip Teir: Winterkrieg

Teir„Schreib einer Handlung nie eine böswillige Absicht zu, wenn man sie mit Dummheit hinreichend erklären kann“
„Katriina betrachtete die Ehe als eine Form gegenseitiger Tyrannei, wie ein Leben in einem höchst effektiven, totalitären Staat. Man hatte selten die Wahl, aber solange man sich um seine eigenen Sachen kümmerte und nichts infrage stellte, funktionierte es.“ Verheiratet ist Katriina mit Max Paul, Soziologe an der Uni von Helsinki und Autor. Er gilt als Spezialist für Ehe und Sexualität – beides gleicht bei ihm und Katriina zuhause eher einem Minenfeld. Die beiden Töchter sind erwachsen und aus dem Haus: Helen ist Lehrerin und zweifache Mutter, Eva besucht eine Kunstakademie in London, wo jedoch wegen einer Affäre mit einem Dozenten nicht alles nach Plan läuft. Kurz vor seinem 60. Geburtstag kommt Max die Aufmerksamkeit einer jungen Journalistin gerade recht, um sich abzulenken und sich noch einmal begehrt zu fühlen. Für die Ehe zu Katriina bedeutet das natürlich das Aus.

In seinem ersten Roman zeichnet der Finnlandschwede Philip Teir, der als freier Journalist und Autor in Helsinki lebt, das Bild einer Ehe, die im Scheitern begriffen ist. Die Erzählung setzt ein, als bereits alles in die Brüche zu gehen droht – und zeigt im weiteren Verlauf deutlich, wie egal das allen Beteiligten ist. Philip Teir hat eine sehr klischeehafte Lebenssituation zum Ausgangspunkt seines Buchs gemacht: Kaum sind die Kinder aus dem Haus, haben die Eltern einander nichts mehr zu sagen, leben nebeneinander her, streiten nur noch. Max und Katriina gelingt es seit Jahren nicht einmal, die Küche neu einzurichten, weil sie sich nicht einigen können und auch nicht genug Elan aufbringen. Sie bemühen sich nicht mehr, und so ist Max‘ Fremdgehen zwar der Auslöser, aber nicht die Ursache für die Scheidung. Was ist ihnen geblieben? Ein gediegenes Leben, langweilige Freunde, getrennte Hobbys, Gereiztheit und ein leeres Haus. Parallel dazu erzählt Philip Teir die Geschichte von Eva, die in London mit ihrem Dozenten an der Kunstakademie schläft und das schon recht bald bereut. Doch das Leben hält trotz allen Übels eine positive Überraschung für sie bereit, und während Evas Eltern am Ende stehen, beginnt sie neu.

Philip Teirs Roman Winterkrieg ist gut geschrieben, intelligent, unterhaltsam – aber wirklich besonders ist er nicht, dazu bietet er zu wenig Angriffsfläche, zu wenig Ecken und Kanten. Die Emotionen sind stark, aber tausend Mal empfunden, die Dialoge klingen wie tausend Mal gehört. Die psychologische Raffinesse, die dem Buch attestiert wurde, konnte ich nicht recht erkennen. Es ist dem Autor nicht gelungen, sich durch eine herausragende Story oder eine völlig faszinierende Sprache aus der Klischeefalle zu befreien. Trotzdem ist Winterkrieg gut lesbar, und ich mochte es als kleine Zerstreuung zwischendurch ganz gern.

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Winterkrieg von Philip Teir ist erschienen im Blessing Verlag (ISBN 978-3-89667-534-7, 384 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Es ist nicht der ganz große Gesellschaftsroman aus Finnland, dafür erfahren wir auch viel zu wenig über dieses Land und seine Bewohner. Das macht aber nichts: Es ist beruhigend und erschreckend zugleich zu sehen, dass die Schwierigkeiten sich überall ein wenig ähneln“, heißt es in der Besprechung auf ndr.de.
– „Winterkrieg lässt sich gut und recht flüssig lesen und erzählt von alltäglichen Problemen, die weder neu noch fremd sind“, schreibt Karthauses Bücherwelt.
– Hier könnt ihr ein kurzes Video von Philip Teir anschauen.
– Und hier könnt ihr das Buch auf ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. Langsatz

    Momentan ist bei Ihnen meist „nur“ gut und sättigend – ging mir in letzter Zeit bei neuen Büchern auch so, ich las von Karen Russell „Vampire im Zitronenhain“, von Ayelet …(Name vergessen) „Eine Nacht Markovitz“ und noch anderes, aber alles war alles nur so halb. Ich hab nun auf einen Klassiker zurückgegriffen, den Gatsby, und hoffe, den Lesefluss damit wieder zu erreichen…

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