Gut und sättigend: 3 Sterne

Meg Wolitzer: Die Interessanten

WolitzerWie der Zufall so will

Die handelnden Personen:
Julie Jacobsen, ein unscheinbares Mädchen aus der Provinz, später Psychotherapeutin und Mutter einer Tochter
Ash Goodman, eine wunderschöne junge Frau aus reichem Haus, die als Erwachsene feministische Theaterstücke inszeniert und zwei Kinder bekommt
Wolf Goodman, Ashs Bruder, in den Julie verknallt ist und der eine Straftat begeht
Ethan Figman, ein hässlicher Bursche, verliebt in Julie, der mit seiner Zeichentrickserie Figland wahnsinnig erfolgreich wird

Der Ort:
Ein Sommercamp an der Ostküste, wo Julie in den elitären Kreis der Freunde aufgenommen wird, zu dem auch Jonah und Cathy gehören: Sie nennen sich Die Interessanten. Später leben alle Beteiligten in New York.

Der Inhalt:
Jedes Jahr trifft die Weihnachtspost von Ash und Ethan ein – und jedes Jahr frisst Julie, die mit beiden seit dem Sommercamp viele Jahrzehnte zuvor befreundet ist, der Neid. Weil sie und ihr Mann Dennis nicht so sehr auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Es war nur ein Zufall, der Julie mit 15 Jahren in das Kreativcamp und in den neuen Freundeskreis gebracht und der ihr ganzes Leben komplett verändert hat. Sie wird sich für immer an der schönen Ash messen und mit sich selbst unzufrieden sein, sich für weniger interessant halten. Dabei verteilt das Leben seine Schicksalsschläge durchaus gerecht: Ashs Sohn ist autistisch, ihr Bruder versteckt sich im Ausland. Julies Mann ist depressiv. Und wirklich glücklich ist eigentlich niemand.

Meg Wolitzer hat mit Die Interessanten einen recht umfangreichen Roman geschrieben, der mich in einen Zwiespalt geschubst hat. Denn während ich mich auf den ersten 100 Seiten mit dem Weiterlesen ziemlich quäle, gibt es dann einige Passagen, in denen die Handlung vorangeht und die sehr spannend sind – bis ich dann wieder verzweifle, weil noch so viele Seiten vor mir liegen. Dabei reißt das Buch reihenweise die Kritiker von den Hockern. Was mache ich falsch? Die amerikanische Autorin, die bereits elf Romane publiziert hat und Creative Writing unterrichtet, präsentiert mir eine Handvoll Menschen, die sich selbst das Prädikat interessant aufgeklebt haben. Nun erwarte ich freilich herausragende Besonderheiten, ungewöhnliche Eigenschaften, glanzvolle Karrieren, tiefgründige Persönlichkeiten. Oder – auch diese Möglichkeit ziehe ich in Betracht – Meg Wolitzer betrachtet ihr Buch als großen Gag und ruft am Ende lachend: Ha! Die sind ja gar nicht so interessant. Ganz normale Leute.

Ich finde das Buch für 600 Seiten reichlich ereignisarm. Der Circle of Trust der Protagonisten ist eng, und sie sind Menschen, die nur um sich selbst kreisen. Meg Wolitzer erzählt sehr distanziert und wenig szenisch von den Problemen, die Ethan, Ash und Julie beschäftigen, beschreibt sie, skizziert sie auf sehr klassische Weise, die reiche Ehefrau, die sich langweilt, der Depressive, der immer schläft. Ich kann das alles sehen, aber es berührt mich nicht im Geringsten. Zudem bekommt ausgerechnet die zentrale Figur, um deren Aufmerksamkeit alle buhlen und die so seltsam entrückt wirkt, keine eigene Perspektive: Ash. Sie ist schön, ja, aber glatt, kühl, egozentrisch, vielleicht – ich weiß es nicht, weil ich diese Figur in ihren Handlungsweisen und Gefühlsregungen bis zum Ende nicht verstehe. Nun ist es so, dass dieses Buch viel Lob bekommen hat, und ich habe es tatsächlich bis zum Schluss gelesen. Zwischendrin sogar sehr gern. Weil die Autorin auf jeden Fall ihr Handwerk versteht, weil ich wissen wollte, wie es den Charakteren ergeht. Sie hätte eventuell chronologisch vorgehen und die Spannung erhalten können, aber ich vermute, dass es ihr darum nicht ging. Sie wollte wohl einfach nur berichten, wie ein paar exemplarische Leben im New York der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts hätten verlaufen können. Viele Leser fanden das interessant, ich fand es okay.

BannerDie Interessanten von Meg Wolitzer ist erschienen im Dumont Buchverlag (ISBN 978-3-8321-9745-2, 608 Seiten, 22,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Und wenn man ihn zuklappt, diesen Roman, ist man wieder ein bisschen dankbarer, dass es die Literatur gibt“, schwärmt Sophie von Literaturen.
– „Schon das regenbogenfarbene Cover des Buches lässt vermuten, dass hier viel buntes, aufregendes Leben im Spiel sein muss. Und das ist es wahrhaftig“, zeigt sich die Klappentexterin begeistert.
– „Wolitzers Stärke liegt dabei nicht so sehr im Hintersinn, das wird schnell deutlich. 40 Jahre wollen erst mal erzählt sein, für sprachliche Originalität, für Indifferenzen ist wenig Platz“, heißt es auf spiegel.de.
– Und hier könnt ihr den Roman auf ocelot.de bestellen.

0 Comments

  1. Das bestätigt gänzlich meinen Eindruck. Mit viel Vorfreude habe ich mich an den Roman gemacht. Die ersten 50 Seiten mit „Wohlwollen“ gelesen, in der Hoffnung, dass dies ja nur die Ouvertüre zu weitaus spannenderem, tragischerem Handlungsverlauf sei.

    In der Oper gibt die Ouvertüre jedoch schon ein künstlerisch, dramaturgischen Abriss dessen, was im weiterem durch das Werk trägt. Nach knapp 120 Seiten mit dem Ende von Kapitel 4 habe ich es denn zur Seite gelegt. Der Eindruck der Ouvertüre blieb: unspektakulär.

    Selbstbeschwichtigend sagte ich zu mir, dass ich doch vielleicht besser auf die langen, dunklen Abende des Winters warte. Ich befürchte aber, es landet „unvollendet“ im Regal.

    Das Buch kann soll allenfalls noch das Prädikat „Interessant“ erhalten. Von Freunden empfohlene Bücher mit diesem Prädikat meide ich meist.

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  2. Ich denke, mir hat er so gut gefallen, weil ich ein grundsätzliches Interesse an Geschichten und Menschen habe, ganz gleich, wie spannend oder langweilig, wie normal oder außergewöhnlich. Und in diesem Roman prallen zwei Lebensstile, der eher außergewöhnliche und der ganz normale, zusammen. In einer Gruppe von Menschen, die eine Freundschaft verbindet. Es ist halt ein Schmöker, deshalb auch meine Dankbarkeit für die Literatur … es ist ein typisches „Ich vergesse alles andere drumrum“-Buch für mich gewesen. 😉

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  3. Huh,
    danke für die Rezi. Ich hatte die Tage eine Besprechung gehört und dachte zunächst, dass das Buch wirklich vielversprechend klingt. Die Besprechung fiel aber auch, ähnlich wie Deine, eher zurückhaltend aus.

    Dann werde ich es wohl eher nicht lesen wollen. Meine anderen Bücher auf den SuB-Bergen werden sich freuen.

    Grüße,
    Mina

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  4. oh, ich fand es ganz fad: der anfang war verheißungsvoll aber die figuren blieben für mich platt und die geschichte hatte mich so gar nicht. vielleicht bin ich auch ein wenig amerikanische-romane-müde noch dazu. grüsse

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  5. Offenbar nix falsch gemacht – mir ging es beim Lesen ähnlich wie Dir und einmal mehr habe ich mich über die einhellig überaus positiven Stimmen in den Feuilletons gewundert, die aber, wie man auch an den Kommentaren zu Deinem Beitrag sieht, irgendwie an vielen Lesern vorbeitreffen. Ich fand den Roman alles in allem nur halbinteressant…

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