Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Silvia Avallone: Marina Bellezza

AvalloneDrama, Baby!

Der Ort: das kleine Provinzstädtchen Biella in den Bergen am Arsch von Italien.

Die handelnden Personen: Marina, 22, umwerfend schön und gesegnet mit einer begnadeten Stimme, die Großes vorhat: Sie will berühmt werden, die Castingshow Cenerentola Rock gewinnen und Karriere machen in Rom, Mailand, Amerika. Andrea, 27, Langzeitstudent und Halbzeitbibliothekar, der seinen Bruder und seine Eltern hasst und nur eins will: eine Alm bewirtschaften, in Einsamkeit leben, Kühe melken, Käse machen.

Die Situation: Marina will einfach nur weg. Andrea will unbedingt bleiben.

Das Problem: Sie lieben sich.

Marina Bellezza von Silvia Avallone ist eine Bombe. Denn es ist ein italienisches Buch voller italienischer Figuren, und die Italiener explodieren oft und schnell. Sie gehen bei Kleinigkeiten in die Luft. Sie schreien viel. Sie beherrschen das Drama im großen Stil. Klischee und Vorurteil? Mag sein, wird aber in diesem Roman bestätigt. Allerdings sind es keine Kleinigkeiten, derentwegen hier gestritten, gebrüllt und geweint wird. Es geht um etwas Großes: um eine Liebe. Um die Art, wie man sein Leben verbringen will. Die Protagonisten Marina und Andrea sind gemeinsam aufgewachsen und haben sich immer schon geliebt. Nach einem schrecklichen Zwischenfall haben sie sich aus den Augen verloren, doch als sie sich Jahre später durch Zufall wiedersehen, ist die Anziehungskraft noch genauso stark. Doch leider verkörpern die beiden zwei Extreme: Marina ist sexy, schön, geil auf den Erfolg und das Rampenlicht, Andrea will eine Alm in den Bergen, Kühe und Kinder. Es ist absolut unmöglich, dass diese Wege sich durch einen Kompromiss kreuzen lassen. Deshalb ist ihre Liebe durchwirkt von Verzweiflung, deshalb schlägt ihre Liebe ständig in Hass um. Sie schreien sich an, schlagen sich, vergehen fast vor Leidenschaft. „Hinsichtlich der Wutausbrüche, der Unreife, der Exzesse glichen Marina und Andrea sich.“ Miteinander geht es genauso wenig wie ohne einander.

Die italienische Autorin Silvia Avallone, die 1984 in Biella geboren ist und für ihren ersten Roman Sommer aus Stahl mehrfach ausgezeichnet wurde, hat in ihrem zweiten Buch ein recht überspitztes Porträt des jungen Italien gezeichnet. Marina steht für jene, die einen Fluchtweg suchen, die neuen digitalen Möglichkeiten und erfolgversprechenden Showformate nutzen wollen, ganz gierig sind auf den schnellen Ruhm, um das marode Land verlassen zu können. Andrea repräsentiert jene, die zurückkehren in den Schoß des Heimatdorfs, ohne Job, orientierungslos nach dem Studium, die keine Jobaussichten haben, aber ihre Wurzeln nicht aufgeben wollen und aus Trotz erst recht dort etwas aufbauen wollen, wo nur noch Ruinen sind. Die Fronten sind verhärtet, die Wogen gehen hoch, das italienische Blut gerät in Wallung. Das ist für jemanden wie mich, der zwar hitzig ist, aber auch verständnisvoll, nicht immer nachzuvollziehen. Andrea und Marina wollen sich gegenseitig zu etwas zwingen, zu dem sie selbst nicht bereit sind. Sie glauben, dass nur ihr jeweiliger Weg zum Glück führt. Ihr ewiges Gezanke ist nicht nur für die beiden anstrengend, sondern auch für mich. Aber mich interessiert das ausweglose Szenario, das die Autorin entworfen hat, und sie schreibt, wenn auch nicht ganz frei von Holprigkeiten, sehr gut. Allerdings hat sie ihre Charaktere in eine Lage gebracht, aus der niemand sie befreien kann – auch Silvia Avallone nicht. Deshalb ist diese Bombe von einem Buch am Ende sehr leise, als die Sprengkraft verpufft und nur die Asche nach dem Brand bleibt. Widmet euch diesem wilden, verstörenden, emotionalen Roman mit innerer Geduld, er ist wirklich lesenswert. Und bestimmt wird auch euch ein bisschen heiß dabei.

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Marina Bellezza von Silvia Avallone ist erschienen im Klett-Cotta Verlag (ISBN 978-3-608-98018-9, 566 Seiten, 24,95 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Das Erwachsenwerden der liebeshungrigen jungen Helden, die die Verletzungen aus ihrer Kindheit allzu oft an andere weitergeben, vollzieht sich über Umwege und auf unerwartete Weise“, heißt es in der Rezension auf haz.de.
– „Marina Bellezza ist nicht bloß ein Liebesdrama, das einen mitreißt wie die Strudel des Wildbachs Cervo, sondern auch das Portrait einer Generation ohne Perspektive, die einsam und auf sich gestellt nach Anerkennung und ihrem Platz im Leben sucht“, schreibt deep read.
– Hier kannst du das Buch auf ocelot.de bestellen.

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