Gut und sättigend: 3 Sterne

Andreas Schäfer: Gesichter

SchäferEine Bedrohung, unheimlich und real
Gabor Lorenz ist Arzt, Neurologe, und interessiert sich für Gesichter: Er ist Spezialist für Prosopagnosie. Und ein bestimmtes Gesicht geht ihm seit dem Urlaub, den er mit seiner Frau und den beiden Kindern auf Griechenland verbracht hat, nicht mehr aus dem Kopf: Er hat beim Betreten der Fähre gesehen, wie ein Flüchtling sich auf einem LKW versteckt hat – und später festgenommen wurde. Er hat dem fremden Mann ein Sackerl mit Bananen in das Versteck geworfen, ohne daran zu denken, dass sich darin auch die Postkarten befanden, die er im Urlaub geschrieben und an seine Frau Berit im gemeinsamen Zuhause adressiert hat, um sie in der Heimat abzuschicken und im Herbst das Urlaubsfeeling wieder aufleben zu lassen. Zurück in Berlin, kommen die Karten tatsächlich an, aufgegeben in Italien, dann in Deutschland. Der Fremde kommt näher, wird zu einer Bedrohung, die Gabor ununterbrochen beschäftigt und die reale Ausmaße anzunehmen scheint, als sein 14-jährige Tochter plötzlich spurlos verschwindet …

Der deutsche Autor Andreas Schäfer, mit zahlreichen Preisen bedacht, erzählt in seinem dritten Roman Gesichter eine subtil spannende Geschichte über die Angst vor fremden Einwanderern und Flüchtlingen. Diese werden auf der griechischen Insel, auf der Protagonist Gabor mit seiner Familie urlaubt, plötzlich in Massen angeschwemmt und suchen, so sie überleben, als arme Teufel ihr Glück in Europa. Andreas Schäfers Hauptfigur ist gut situiert, erfolgreicher Arzt, führt eine angenehme Ehe, die schon lange funktioniert, und hat zwei Kinder, von denen eins, die 14-jährige Tochter, in den Ferien die erste Liebe erlebt hat. Der Teenager ist verschlossen, müde, abwesend, erzählt den Eltern nichts. Das sind die Probleme in Gabors Alltag, Patienten, ein möglicher Lehrstuhl, die Kinder. Doch durch die eintreffenden Postkarten gerät er plötzlich in Kontakt mit der Verzweiflung derer, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, und er fängt an, sich zu fürchten. Was will der von mir?, fragt er sich, er fühlt sich beobachtet und bedroht. Diese unterschwellige Gefahr hat der Autor glänzend eingefangen, sie ist spürbar, kriecht mir zwischen den Zeilen entgegen, lähmt mich – und macht das Buch so fesselnd.

Im Verlauf der Geschichte wundere ich mich zum Teil über die Wendungen, und ich kann es meistens nicht so gut leiden, wenn nicht alles zu einem befriedigenden Abschluss kommt, aber: Ich mag diesen Roman sehr, weil er gut gemacht und gut geschrieben ist. Andreas Schäfer hat meine Neugier geschürt, mich angetrieben, weiterzulesen, bis die Seiten rauschten, ich war gespannt, interessiert, überrascht. Gesichter ist ein sehr unheimlich und dabei doch realistisches Buch, das ihr auf jeden Fall lesen solltet.

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Gesichter von Andreas Schäfer ist erschienen im Dumont Verlag (ISBN 978-3-8321-9664-6, 256 Seiten, 19,99 Euro).

Noch mehr Futter:
– „Well made“ heißt es in der Rezension auf zeit.de.
– Als „subtiler Pageturner“ wird der Roman auf buecherrezension.com beschrieben.
„Andreas Schäfer hat einen Roman über den Moment geschrieben, in dem das Leid anderer plötzlich in die eigene geordnete Lebenswirklichkeit eindringt“, sagt Sophie von Literaturen.
– Und hier könnt ihr das Buch bei ocelot.de bestellen.

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