Kleine Köstlichkeiten: 4 Sterne

Kjell Westö: Geh nicht einsam in die Nacht

Westö„Es ist schon seltsam, welche Abdrücke manche Menschen in einem hinterlassen. Und dass Lücken so schwer wiegen können“
Drei junge Menschen in den 1968ern in Helsinki, verbunden durch ihre gemeinsame Musik: Der schüchterne, stotternde Ariel, die attraktive, draufgängerische Adriana und der Raufbold Jouni sind mit ihrer Band mäßig erfolgreich. Ariel hat ein Lied geschrieben, „Geh nicht einsam in die Nacht“, das ihnen einen Plattenvertrag einbringt, aber nicht die ersehnte Berühmtheit, und als die drei ihre Ausbildungen abgeschlossen haben und beginnen, die Welt zu erkunden, trennen sich ihre Wege. Adriana wird ein gut gebuchtes, aber sehr unglückliches Model, Ariel verschwindet spurlos im kriminellen Dickicht Schwedens, und Jouni verfolgt eine vielversprechende politische Karriere. „Sie waren beide nur Geist, Ari und Addi, solche Luftmenschen gibt es heute nicht mehr“, sagt er später zum eigentlichen Erzähler dieser Geschichte – Frank Loman, der über viele Jahre hinweg leidenschaftlich in Adrianas jüngere Schwester Eva verliebt ist und darüber hinaus noch eine persönliche Verbindung zu dem Trio hat, dessen Lebenswege er zu verfolgen versucht. Es dauert seine Zeit, aber schließlich bekommt er die Antworten, die er sucht – und sie überraschen ihn.

Kjell Westö, der in Helsinki lebt, ist ein preisgekrönter finnlandschwedischer Autor, der auf 700 Seiten einen Generationen umspannenden, einprägsamen und sehr intensiven Roman vorlegt über das Wesen der Musik, die Zufälligkeit der Liebe und das Streben des Menschen nach Bedeutsamkeit. Ausgangspunkt sind die 1960er-Jahre, als drei junge Menschen sich selbst und ihre Möglichkeiten im Musikbusiness erkunden, und obwohl ihre Karriere bald versandet, ist diese Zeit doch von enormer Wichtigkeit für ihre späteren Leben. Sie sind ein Dreiergespann, das eng verbunden ist, obwohl nie mehr Sexuelles entsteht als ein launiges Hin- und Herspringen, es ist mehr ein gegenseitiges Beschützen – das ihnen jedoch letztlich nicht hilft. Ich-Erzähler Frank, dessen Perspektive 20 Jahre später einsetzt, bemüht sich, die Puzzlestücke zu einem erkennbaren Bild zusammenzusetzen, er will mehr wissen über diese drei Menschen, und er macht sich dazu an Politiker Jouni heran, der ihm – dem vermeintlichen Freund – irgendwann tatsächlich vieles erzählt, was sich zugetragen hat damals. In Kjell Westös Buch schwingen immer ein Hauch von Gefahr sowie eine Prise Melancholie mit, Helsinki wirkt düster, undurchschaubar und bedrückend. Wirkliches, bleibendes Glück erlebt keine der Haupt- und Nebenfiguren.

Ich lese sehr selten derart dicke Bücher, und es ist Kjell Westö hoch anzurechnen, dass er mich bis zum Ende fesseln konnte. Er schreibt sehr melodisch und mit einem feierlichen Ernst, alles scheint ihm wichtig, er ist sehr präzise. „Es gibt Geschichten, die geradeheraus und schlicht erzählt werden müssen. Sie sollen klingen, als wären sie niemals von Menschenhand berührt worden, als wären sie vom Himmel gefallen oder in einer Wolke aus Feuer und Schwefel aus der Unterwelt aufgestiegen.“ Das ist ihm beinahe gelungen – natürlich merkt man die Menschenhand. Aber es ist eine sehr talentierte Menschenhand, die weiß, was sie tut, wenn sie schreibt. Ein großartiges, sehr komplexes, zugleich leichtfüßiges und tiefsinniges Buch, das noch lange nachhallt.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
die Düsternis passt zum Inhalt, der Titel ist für mich der bisher schönste in diesem Jahr.
… fürs Hirn: eine Vielfalt an Themen: Politik und Geschichte, Musik, Liebe, die Einsamkeit, der Tod – und unsere Sehnsucht danach, unsere Wurzeln zu kennen.
… fürs Herz: eine einzige große Lovestory gibt es nicht, dafür verschiedene Splitter der Liebe, Verbundenheiten, Freundschaften.
… fürs Gedächtnis: Lieblingszitat: „Manche Lieder sind so, sie wachsen in einen hinein. Oder man wächst in sie hinein. Denn wenn einen etwas anrührt, wer kann dann schon sagen, was sich bewegt und was stillsteht und annimmt? Wenn wir voneinander berührt werden, dann gibt es doch keinen, der eindeutig gibt, und keinen, der eindeutig nimmt? Ich weiß nicht, was die Schlösser in uns Menschen öffnet. Wüsste ich es, würde ich das schönste Lied der Welt schreiben und anschließend schweigen.“

Geh nicht einsam in die Nacht von Kjell Westö ist erschienen bei btb (ISBN 978-3-442-75282-9, 704 Seiten, 24,99 Euro).

0 Comments

  1. Dein Text macht Lust auf das Buch. Zur Zeit zieht es mich literarisch eh ein wenig in den Norden. Ich mag die Ernsthaftigkeit der Texte, die du ja auch beschreibst. Ohne dass ein leichter Stil und das Lesevergnügen darunter leiden.

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    1. Mariki Author

      Wenn das so ist, dann sollte dir das Buch gefallen! Ich kann es auf jeden Fall empfehlen, und das mit Ernsthaftigkeit plus Lesevergnügen trifft hier zu.

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