Für Gourmets: 5 Sterne

Jonas T. Bengtsson: Wie keiner sonst

Bengtsson„Aber wenn man keine Wahl hat, fällt es viel leichter, mutig zu sein“
Sie sind der König und der Prinz, sie sind Vater und Sohn, sie leben ohne Namen und verweilen nie lang an einem Ort. Der Vater nimmt jede Art von Arbeit an und erbettelt sich mit seinem Charme alles, was er braucht, um die Wünsche des Jungen zu erfüllen – bis auf einen: zur Schule gehen zu dürfen. Stattdessen erteilt er ihm selbst Unterricht, vor allem in der Kunst zu überleben. Der Junge ist noch zu klein, um die Probleme des Vaters zu verstehen, er ist viel allein mit sich, seinem Zeichenblock und einer Art Fantasiewelt. Der Vater, der König, ist für ihn ein Held, den er mit der Kraft der Kinder liebt, jener Kraft, die ihn so viel kostet, dass er selbst beinahe untergeht. Auch viele Jahre später, als Vater und Sohn nach einem schrecklichen Ereignis längst getrennt sind und der zum Mann gewordene Junge vom Leben herumgeweht wird wie ein Blatt vom Frühlingswind, ist er noch ausgezehrt von seiner Kindheit. Aber so ist es mit der Liebe: Es ist immer, immer noch ein kleines bisschen davon übrig …

Ich bin ein Detektor, ein Spurenleser, ein Trüffelschwein. Ich schnüffle, suche, grabe nach literarischen Perlen und jenen Buchschätzen, die einen Abdruck hinterlassen, die mich erschüttern. Und dann kommt einer wie Jonas T. Bengtsson, legt eine Miniaturbombe in mein Herz – und zündet sie. Der dänische Autor hat mit Wie keiner sonst einen Roman geschrieben, der nicht schmeichelt und streichelt, sondern schneidet. Messerscharf sind die Beobachtungen, schmerzhaft traurig die Geschehnisse. Jonas T. Bengtssons Worte sind schnörkellos und klar, und wenn sie klingen, erinnert ihre Melodie an das Scheppern von zerbrochenem Glas. Das Leben des Ich-Erzählers ist ein Flickwerk, und weil er zu Beginn ein Kind ist, kann er das nicht sehen. Er erklärt sich das Verhalten des Vaters auf seine eigene Art, eine gute, kindliche Art, und er ist getragen von der Liebe des Vaters, die ihn alle Entbehrungen verschmerzen lässt. In Büchern, in denen ein kindlicher Erzähler erwachsen wird, ist stets mit zunehmendem Alter der Zauber verwirkt – so auch hier, doch ich bin gewappnet und wechsle von der Welt der Fantasie zur Realität eines jungen Künstlers, der sagt: „Ich werde die ganze Welt zeichnen, sonst gerät sie aus den Fugen.“

Es gibt Bücher, bei denen warte ich die ganze Zeit nur auf die Auflösung des Geheimnisses, das sie bergen. Und es gibt Bücher wie dieses, bei denen ich von Anfang an weiß, dass ich nie erfahren werde, was passiert ist. Jonas T. Bengtsson spielt mit mir, lässt Streichhölzer in der Dunkelheit aufflammen, die wieder verlöschen, ehe ich wirklich etwas erkennen kann. Das ist in Ordnung, weil es zu diesem verschrobenen, mysteriösen, beklemmenden Roman passt und weil ich das Gefühl habe, dass ich gar nicht alles sehen will. Ich erfahre zumindest genug, um das furchtbare Ganze dahinter zu erahnen. Jonas T. Bengtsson erzählt vom Leben am Rand der Gesellschaft, von Einsamkeit und dem engen Band zwischen einem Vater und seinem Sohn. Die Abhängigkeit des einen ist in jeder Zeile spürbar, die Verrücktheit des anderen blitzt nur gelegentlich auf. Sprachlich gesehen ist der Autor ein Chirurg, der schonungslos seine Figuren seziert und kein Mitleid mit ihnen zeigt. Alles, was geschieht, tut weh, uns allen, und wenn ich könnte, würde ich ihnen ein Königreich bauen, dem Vater und dem Sohn, in dem nur sie beide wohnen dürfen, in dem sie in Sicherheit sind für immer. Dies ist ein Buch, das sich wie ein Splitter in den Leser bohrt, ein großartiges, traurig-schönes, bemerkenswertes Buch, ein Buch wie keines sonst.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein wunderschönes, sehr passendes Cover.
… fürs Hirn: Schmerz, Verrat, die Verlorenheit eines Kindes und die allmächtige Gewalt der Realität.
… fürs Herz: die trotzig standhaltende Liebe zwischen Vater und Sohn.
… fürs Gedächtnis: dass dies für mich das bisher beste Buch des Jahres 2013 ist.

Wie keiner sonst von Jonas T. Bengtsson ist erschienen bei Kein & Aber (ISBN 978-3-0369-5668-8, 448 Seiten, 22,90 Euro).

0 Comments

  1. Ich habe das Buch gleich in Dänemark selbst gelesen. Ich nehme ja immer Lektüre von unserem Reiseziel mit. Auch mir hat der Roman ausgezeichnet gefallen, den ich verschlungen habe.

    LG buechermaniac

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  2. Die Klappentexterin hatte es schon so euphorisch besprochen, jetzt auch du – das will was heißen, zumal du ja wirklich nicht so häufig fünf Punkte verteilst.
    Will. Ich. Lesen.

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