Bücherwurmloch

Ernste Lesebeziehung oder One-Book-Stand?

IMG_0711So many writers, so little time
Ich habe eine Horrorvorstellung, die geht so: Jedes Jahr im Sommer muss ich an demselben Ort Urlaub machen. Nach 25 Jahren bekomme ich vom Bürgermeister eine Stammgastmedaille. Das würde ich nicht ertragen – ich werde ganz kribbelig beim Gedanken, öfter als einmal an den gleichen Ort reisen zu müssen und all die anderen Städte, Strände und Länder nicht sehen zu können. Genau so geht es mir mit Büchern. Sie sind die Reisen, die ich täglich mache, auch wenn ich keinen Urlaub habe – und sie sollen verschieden sein, jede für sich genommen ein einzigartiges Erlebnis, wie unterschiedliche Länder am besten. Allerdings nur in Hinblick auf den Autor und den Inhalt, nicht auf das Genre, da bin ich unflexibel – Chicklit, Vampire-Stories und Thriller kommen nicht in meinen Koffer.

Früher war ich ein Serienjunkie. Mit 17 habe ich die Krimis von Elizabeth George und Andrea Camilleri geliebt, und ich weiß, wie schön es ist, stets aufs Neue zu einer bekannten Buchfigur zurückzukehren. Dann hatte ich meine erste ernste Beziehung mit einem Schriftsteller: John Irving. Viele lange Jahre war ich ihm treu, doch eines Tages war klar, dass wir uns auseinandergelebt hatten, und wir haben uns im Guten getrennt. Danach wurde ich rastlos. So many writers, so little time – ich ziehe von einem zum anderen und lese seit Jahren nur noch selten mehr als ein Buch vom selben Autor. Allzu oft habe ich es auch ganz einfach bereut. Es ist eine Pattsituation: Gefällt mir ein Roman nicht, lese ich ganz sicher keinen zweiten aus derselben Feder, ich bringe nicht die Geduld für eine zweite Chance auf. Finde ich ein Buch dagegen genial, wird es schwierig: Ein zweites Werk hält eventuell nicht, was das erste versprach. So ging es mir, um nur ein paar Beispiele zu nennen, mit Lloyd Jones (Mr. Pip war hervorragend, Here at the end of the world we learn to dance war ein Flop), Colum McCann (Zoli war ein Meisterwerk, Der Himmel unter der Stadt arg enttäuschend), Gerbrand Bakker (von Oben ist es still war ich begeistert, Tage im Juni hat mich gelangweilt), Jeffrey Eugenides (Middlesex gehört zu meinen Lieblingsbüchern, The marriage plot war unglaublich schlecht) … und vielen anderen. Die einzigen zwei Schriftsteller, die durch mein engmaschiges Netz geschlüpft sind und von denen ich auch die Neuerscheinungen lese, sind Milena Agus und Per Petterson. Das ist aber eher Zufall als Plan.

Inzwischen habe ich eine echte Marotte entwickelt. Ich bewundere Leser, die große Fans eines Autors sind, seinem neuen Werk entgegenfiebern und seine Entwicklung verfolgen. Vielleicht beneide ich sie auch ein bisschen, denn ich schränke mich selbst stark ein mit meiner merkwürdigen Abneigung. Ich lese ein Buch, danke dem Autor mit einem Lächeln, grüße freundlich und reise weiter – manchmal würde ich aber möglicherweise gern ein Weilchen bleiben. Ich habe jedoch zu viel Angst, etwas zu verpassen. Wie geht es euch damit? Führt ihr enge Beziehungen mit manchen Schreibern oder habt ihr auch lieber One-Book-Stands? Seid ihr der Meinung, dass ich umgekehrt viel verpasse, weil ich so engstirnig bin? Gibt es eine Serie, die ihr liebt – und warum? Ich bin auf eure Antworten gespannt. Und fahre derweil auf Urlaub.

0 Comments

  1. Liebe Mariki,
    danke für diesen interessanten Text, den ich mit einem Schmunzeln gelesen habe, weil wir uns ja nun schon manchmal darüber ausgetauscht haben, dass du keine zwei Bücher eines Autors liest. Ich führe mit einigen Autoren sehr enge Beziehungen – von Philip Roth, Tobias Wolff, James Salter, Richard Yates, Richard Ford und so vielen anderen habe ich viele viele Bücher im Regal stehen. Die Vorschauen sichte ich häufig unter dem Kriterium, ob ich schon mal etwas von dem oder dem Autor gelesen habe und kaufe mir diese dann auch häufig unbesehen. Ich freue mich zum Beispiel schon total auf das neue Buch von Helene Hegemann. Wenn mir ein Autor erst mal gefällt, bin ich absolut nicht der Typ für One-Book-Stands, so etwas mache ich nur, wenn das erste Buch ganz nett war, mich aber nicht reizt, in weitere Bücher des Autors zu schauen.

    Liebe Grüße
    Mara

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    1. Mariki Author

      Mara, du bist wirklich eine treue Seele. Ich finde das faszinierend! Vor allem um diese Vorfreude auf ein Buch, das jemand geschrieben hat, den du toll findest, beneide ich dich. Mir ist immer ziemlich egal, was die Autoren so treiben 😉 Natürlich gibt es so einige Schriftsteller, von denen ich mehrer Bücher gelesen habe – Gabriel García Marquez etwa, David Guterson, Leon de Winter, Khaled Hosseini, Pascal Mercier, Wolf Haas, Andrea Levy, Julia Franck … – aber ich verspüre keinen Antrieb, ihre Karrieren zu verfolgen und auf die Neuerscheinungen zu lauern. Wir haben eine schöne Zeit miteinander verbracht, und dann bin ich schnell nachts aus dem Zimmer geschlichen 😀
      Aber das heißt ja nicht, dass das so bleiben muss. Vielleicht ändert sich meine Einstellung wieder, wenn ich älter bin – und ich fahre dann auch zwei Mal an denselben Ort!

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  2. Liebe Mariki

    Urlaub mit Büchern vergleichen? Tolle Idee! Es gibt gewisse Orte, da fahre ich gerne mehr als einmal hin, weil es mir da ausgezeichnet gefallen hat. Aber es kommt auch immer wieder neue Orte hinzu. Ich gehöre nicht zu den Leuten, die Jahr für Jahr das gleiche Ziel haben, das wäre mir dann doch zu eintönig. Im Schwarzwald gibt es ein Hotel, da fahre ich jedes Jahr sicher zweimal hin, weil ich mich dort gut aufgehoben fühle und der Service einfach nur top ist. So geht es mir mit der Literatur, bsp.weise jener von Irène Némirovsky. Bei ihren Büchern fühle ich mich auch gut aufgehoben. Ich mag ihre Romane und kaufe sie blind. Zu dieser Kategorie gehörte auch John Steinbeck – jahrelang. Er gehört jetzt noch dazu, denn ihm vertraue ich blind, was er geschrieben hat. Aber, dann wage ich mich gerne auch auf neues Terrain vor, wie mit den Ländern und tatsächlich verhält es sich so, dass ich, wenn ich reise auch Literatur in den Koffer packe, die von einem Autor meines Reisezieles geschrieben wurde. So entdecke ich nicht nur ein Land neu, sondern auch gleich seine Autoren. Und so kann die Reise für mich weitergehen. Aber bei mir gibt es natürlich auch Momente, in denen ich mich auf einen anderen Pfad begebe und mich von einer meiner Neuentdeckungen abwende. Dann bekommen eben andere Autoren ihre Chance und das ist gut so. Die Reise soll schliesslich weitergehen.

    LG buechermaniac

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    1. Mariki Author

      Ich finde es schön, dass du Autoren hast, denen du blind vertraust. Das wage ich nicht. Natürlich gibt es so einige Schriftsteller, von denen ich mehrer Bücher gelesen habe – Gabriel García Marquez etwa, David Guterson, Leon de Winter, Khaled Hosseini, Pascal Mercier, Wolf Haas, Andrea Levy, Julia Franck … – aber ich verspüre keinen Antrieb, ihre Karrieren zu verfolgen und auf die Neuerscheinungen zu lauern. Wir haben eine schöne Zeit miteinander verbracht, und dann bin ich schnell nachts aus dem Zimmer geschlichen 😉
      Deine Idee mit der Reiselektüre finde ich grandios! Das könnte ich mir auch mal vornehmen. Das erweitert den Horizont ja gleich in doppelter Hinsicht, sozusagen. Genial!

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  3. Hallo Mariki,
    oh ja, das kann ich gut nachvollziehen, dass Du von einem Autor zum naechsten weiterziehst! Mir geht’s aehnlich – und dennoch gibt es immerwieder Autoren, die mich besonders faszinieren und wo ich gar nicht anders kann, als mich weiter mit ihnen zu beschaeftigen. Aber auch das nur eine Weile, denn sonst wird’s oede (So geschehen bei Donna Leon und Bernhard Schlink)…
    Danke fuer den schoenen Artikel!
    LG,
    Allics

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    1. Mariki Author

      Das stimmt, mit manchen Schriftstellern mag man sich ein wenig länger beschäftigen … aber wenn’s dann öde wird, wie du schreibst, ist es irgendwie zu spät und es bleibt ein schaler Nachgeschmack. Das find ich auch nicht fein. Da hau ich lieber gleich morgens vor dem Frühstück nach dem One-Book-Stand wieder ab 😀

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  4. the times they are a changin‘ 😉
    ich bin wohl eine mischform … urlaub immer am selben ort wär ein grauen aber wir waren durchaus schon öfter am selben ort (in der selben pension …) weil’s so schön war und mit der zeit ändern sich manchmal vorlieben ein wenig
    ähnliches mit büchern, nicht zuletzt dank Dir habe ich mich von den englischen/amerikanischen krimioriginalen und wenig deutschem viel mehr in die breite begeben aber natürlich trotzdem noch lieblingsautoren, manchmal aber auch dann doch frustriert abgehakt (exakt: donna leon, schade drum, inzwischen ein graus)
    zu Deinem gut+böse-doppelpack-beispiel kann ich den „tschick“ beisteuern (klasse) und den vollfruster „in plüschgewittern“ :-(

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    1. Mariki Author

      Ohja, Donna Leon! Die hab ich mir früher auch einverleibt in meiner Krimiphase, aber heute könntest du mich wohl mit einem Buch von ihr durch Venedig jagen 😉 Da hast du schon recht, dass die Vorlieben sich ändern. Früher hab ich manches gelesen, was ich heut nicht mit der Kneifzange angreifen würde. Aber das ist ja auch in Ordnung so. Wie langweilig, wenn wir uns nie verändern würden! 😉

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  5. Liebe Mariki,
    vor einigen Tagen habe ich gesagt: „Es gibt nur einen Autor, von dem ich alle Bücher lese.“ Na, kannst du dir denken, welcher gemeint ist?

    Ich bin hin- und hergerissen. Einerseits ist es schön, wenn man einen Autor oder eine Autorin für sich entdeckt hat. Doch leider habe ich schon die Erfahrung machen müssen, dass ich nicht mit jedem Buch so richtig glücklich war. Andererseits gibt es noch viele, viele andere Autoren und Autorinnen, die entdeckt werden möchten. Der Buchmarkt ist ja so rasend schnell geworden. Daher entscheide ich mich auch oft für den „One-Book-Stand“. Das bringt mein Beruf mit sich. Je mehr Autoren und Autorinnen ich lesend kennenlerne, um so größer ist mein Wissen.

    Nun, was kann ich dir mit auf dem Weg geben? Mach so, wie es für dich am schönsten ist. Lass dich von deinem BauchBuchGefühl leiten, denn das weiß immer, was gut für dich ist.

    Alles Liebe,

    Klappentexterin

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    1. Mariki Author

      Da hast du recht, es gibt so viele Autoren zu entdecken, dass wir ja ohnehin nicht nachkommen. Und wenn es mir passiert, dass ich ein zweites Buch von jemandem lese, dessen erstes mich umgehauen hat, es aber nicht so gut ist – dann bekommt das Leseglück im Nachhinein einen kleinen Dämpfer. Das möchte ich nicht. Lieber nur ein einziges überragendes Buch von einem Autor – und dann trennen wir uns wieder.
      Ich hadere aber in letzter Zeit ein wenig mit dieser meiner Einstellung, weil es immer wieder Fälle gibt, in denen ich nicht weiß, was ich tun soll. Alle schwärmen derzeit wie verrückt von Eliot Perlmans neuem Buch, um nur ein Beispiel zu nennen – ich habe aber vor Jahren einen Roman von ihm gelesen, den ich „so najaaa“ fand. Damit ist für mich eigentlich Schluss. Aber vielleicht sollte ich meine Regeln brechen, weil mir sonst etwas entgeht? Wüsste man doch nur immer schon im Voraus, ob ein Buch einen glücklich machen wird … 😉 Hach. Aber dann wäre es ja auch wieder nicht so spannend.

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  6. Ja, ein bißchen ist es wahrscheinlich schade, sich an seinen Vorurteilen festzuklammern, weil einem da ja viel entgehen kann. Ich frage mich auch, warum es zu einer solchen Regel kommen kann, obwohl ich es wahrscheinlich weiß, es gibt zuviele Bücher und ist wahrscheinlich ein Versuch mit der Vielzahl zurechtzukommen, würde ich mal psychologisieren. Bei mir ist es aber umgekehrt, wenn ich ein Buch gelesen habe, interessieren mich die anderen und so greife ich danach begierig, wenn ich an sie kommen kann. Deshalb hat sich bei mir schon ein urlanger Büchervorrat bzw. Leseliste entwickelt, der mir inzwischen ein bißchen Kopfzerbrechen macht und im Grund ist es auch egal, man liest acht, fünfzig, hundert oder vielleicht sogar hundertfünfzig Bücher im Jahr und da bleibt sehr viel liegen, ob ich jetzt die ganzen Donna Leons, Irivings oder Thomas Glavinics hinunterlese oder bewußt von jedem nur ein Einziges, ist ja ganz egal und ich persönlich würde auch die Chiklits, die Thriller und die Vampirromane nichtausklammern, obwohl ich das bei den letzteres wahrscheinlich am meisten tue. Also weiterlesen, würde ich raten, ganz egal, was und sich vielleicht doch nicht zu sehr beschränken, denn eine Beschränkung habe ich gelernt, ist nie sehr gut und Regeln sind vielleicht auch da, damit man sie durchbrechen kann!

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    1. Mariki Author

      Da stimme ich dir auf jeden Fall zu, liebe Eva, und ich setze mich ja immerhin schon bewusst mit diesem merkwürdigen Spleen und dieser Regel auseinander, die sich da in meinem Leseleben ergeben haben. Vielleicht ändert sich das ja mit den Jahren wieder und ich fahre dann doch öfter als einmal an denselben Ort … Und klar, welche Bücher man letztlich liest, ob sie vom gleichen Autor sind oder nicht, ist egal – solange sie einen berühren und beschenken!

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  7. laura

    Liebe Mariki, was für eine schöne Gedankenanregung dein Artikel ist :) Ich glaube, ich halte es mit den Büchern wie eine halbtreue Seele, insofern, dass ich eingegangenen Liebschaften treu bleibe und tatsächlich (wie z.B. Mara) dem einen oder anderen Werk meiner Lieben entgegenfiebere (so bei H. Murakami, J. Franzen, R. Powers…), andererseits aber eben „polygam“ mehreren Autoren meine Liebschaft zusichere :)
    Direkt nach der ersten Nacht schleiche ich mich eigentlich selten aus dem Lesebett .. Immer neige ich dazu zu denken: Naja, vielleicht wird die nächste Erfahrung doch ein Erfolg? Und gebe dem Autor noch eine Chance.
    Was ich wichtig finde ist, dass man von keinem erwarten kann, alle seine Bücher seien gnadenlos gut. Jeder Autor entwickelt sich und es ist dabei wohl ganz natürlich, dass man als Leser einen Roman bezaubernd, einen anderen jedoch fürchterlich finden kann… So wie man bei einem Liebespartner auch nicht komplett alle Eigenschaften vergöttert 😉
    Ein komplett auf One-Book-Stands ausgerichtetes Leseleben wie du es wohl überwiegend führst, das wäre nichts für mich. Dafür bin ich viel zu neugierig, was aus den Autoren und ihren Büchern geworden ist. Und ich „verliebe“ mich eben zu schnell und zu intensiv in gute Bücher, sodass ich immer mehr davon will!

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    1. Mariki Author

      Liebe Laura, das hast du schön gesagt! Und vermutlich läuft es irgendwie darauf hinaus: sich zu verlieben. Aus einem mir selbst unbekannten Grund wage ich das momentan nicht mehr und wehre mich dagegen, lasse mich vom Verstand leiten und verschwinde im Dunkeln, bevor es beim Frühstück zu verliebten Blicken kommen könnte 😉 Aber das Leben verabscheut Stillstand, und irgendwann wird sich das bestimmt wieder ändern. Bis dahin sind all die One-Book-Stands ja auch sehr vergnüglich 😀
      Polygam werden wir Bookaholics wohl alle immer sein, hehe.

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