Gut und sättigend: 3 Sterne

Pyotr Magnus Nedov: Zuckerleben

Nedov„Das sind die Momente, in denen sich die Krebszellen im Menschen bilden“
Im Jahr 2011 fährt der Moldawier Tolyan Andreewitsch durch die Abruzzen und kann gerade noch verhindern, dass er die zwei Teenager Angelo und Cristina überrollt, die auf der Straße liegen. Die beiden haben ihre Jobs in der Zuckerfabrik verloren und sind unglücklich verliebt – Cristina in einen Rowdy, Angelo in Cristina. Also wollen sie sich umbringen. Zusammen mit Andreewitsch landen sie jedoch erst einmal in einer kleinen Pension, in der es tatsächlich einen Selbstmord gegeben hat und dessen Besitzerin die Leiche unbedingt loswerden muss. Der Moldawier kennt sich mit Zucker aus und erzählt den zwei Jugendlichen in dieser verrückten Nacht die Geschichte seines Lebens. Sie führt zurück ins Jahr 1991, als die Sowjetunion auseinanderfiel und in der moldawischen Industriestadt Donduseni ein paar Männer beschlossen, sich die Freiheit zu erkaufen. Ihre Währung: selbstgebrannter Schnaps. Der Rohstoff dafür: 40 Tonnen gestohlener Zucker. Der Zuckerfabrikdirektor ist tot, die Sowjetunion stirbt, die Männer setzen ihr Leben aufs Spiel – und auch 2011 wird ein Begräbnis stattfinden.

Zuckerleben von Pyotr Magnus Nedov ist ein absurder Alptraum. Es ist zusammengesetzt aus unglaublichen, wahnwitzigen, lustigen und traurigen Szenen, die – während man sie miterlebt – durchaus Sinn zu ergeben scheinen, während man sich nach dem „Aufwachen“ fragt, ob man das tatsächlich so gelesen hat. Der Autor hat das Buch in zwei Bereiche geteilt, Vergangenheit und Gegenwart, zwischen denen er hin und her springt. Bindeglied ist dabei die Figur des Moldawiers Tolyan Andreewitsch, der aber nicht als Ich-Erzähler auftritt und dessen wahre Identität lange verborgen bleibt. Worum geht es in Zuckerleben? Um Wagemut und Risiko, den Traum von der Freiheit, das Zerbrechen des Kommunismus und Selbstmord. Die Figuren, die allesamt so komplizierte Namen tragen, dass meine Augen über die Buchstaben stolpern, sind zum Großteil raue Gesellen, in der untergehenden Sowjetunion wird nicht lang gefackelt, jeder schaut nur auf sich selbst. Pyotr Magnus Nedov schreibt flüssig, eloquent und amüsant, schweift aber manchmal derart ab, dass ich vor Ungeduld aufseufzen muss. Sein ganzes Buch ist herrlich ironisch und ein bisschen böse. Er fasst die Menschen im Moldawien des Jahres 1991 nicht, wie man es oft erlebt, ob ihrer Armut und ihres Schicksals mit Samthandschuhen an – im Gegenteil, er stellt sie als ebenso gewitzt wie raffgierig dar.

Zuckerleben hat mich ein bisschen verrückt gemacht. Während ich mich an manchen Stellen gut unterhalten gefühlt habe, haben mir andere wegen der ausufernden Dialoge graue Haare beschert. Man muss stets extrem gut aufpassen, um den Faden nicht zu verlieren. Höchst irritiert war ich, als der Autor einige Nebenfiguren plötzlich Österreichisch reden ließ – als Moldawier. Vermutlich soll das ein Pendant zu einem moldawischen Dialekt sein, aber Wörter wie „Zuckergoscherl“ zu verwenden, die eindeutig österreichisch sind, oder Aussprachevarianten wie „Bua“ und „was Guats“ zu verwenden, finde ich fragwürdig. Ich weiß nicht, inwieweit man einem Moldawier dieses Kunst-Österreichisch mit Aspekten aus dem Wienerischen und Steirischen in den Mund legen kann, das scheint mir wenig authentisch. Insgesamt ist es Pyotr Magnus Nedov aber gut gelungen, mir Einblick zu gewähren in ein Land, mit dem ich so gar nichts zu tun habe – zu einer Zeit, als es sich im Umbruch befand. Allein dafür hat sich die Lektüre gelohnt, und wer Lust hat auf einen wilden, abstrusen Roadtrip durch Moldawien – und die Nerven dafür aufbringt –, dem sei Zuckerleben ans Herz gelegt.

Durchgekaut und einverleibt. Von diesem Buch bleibt …
… fürs Auge:
ein supercooles Cover, die Reifenspuren sind erhaben.
… fürs Hirn: Politik, Geheimnisse, verrückte Ideen …
… fürs Herz: Liebesgeschichte gibt es keine, die kranke Teenager-Romanze mag ich nicht dazuzählen.
… fürs Gedächtnis: der ungewöhnliche Aufbewahrungsort für die Leiche des Zuckerfabrikdirektors.

Zuckerleben von Pyotr Magnus Nedov ist erschienen im Dumont Verlag (ISBN 978-3-8321-9702-5, 380 Seiten, 19,99 Euro).

0 Comments

  1. Deine Dialektanalyse hat mir übrigens sehr genützt, denn ich war doch etwas verwirrt über die vermeintlich bayrischen Laute. So kann’s gehn, wenn man sich in der österreichischen Sprachenvielfalt weniger gut auskennt.

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  2. Ich habe es gestern ausgelesen und kann die oben stehende Meinung nur teilen und bestätigen. Eine Wertung von diesem Buch fällt mir schwer, da ich noch hin- und hergerissen bin, ob ich das Buch eher negativ oder positiv sehen soll. Mal schauen, wenn es sich ein paar Tage in meinem Kopf bequem gemacht hat, wie es dann aussieht.

    Liebe Grüße,

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